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Der Teufelsschlosser

Chapter 39: 3. Aufzug.
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About This Book

Ein dramatisches Gedicht in drei Aufzügen zeichnet das Leben eines jungen Schlossers, der vor ein geschlossenes Tor gelangt und von einer geheimnisvollen, roten Gestalt ein Angebot zur schnellen Anerkennung erhält. Gegen Versprechen von Reichtum und Ruhm soll er ein unerreichbar scheinendes Schloss öffnen; die Folge von Versuchung, Ehrgeiz und Entscheidungsdruck entfaltet sich über Zeiträume von zwanzig und zehn Jahren. Neben Werkstatt- und Marktleben treten familiäre Bindungen, Liebesinteressen und das öffentliche Urteil hervor, während moralische Fragen nach Preis, Schuld und Pflicht das soziale Gefüge und das persönliche Schicksal der Figuren immer wieder prüfen.

3. Aufzug.

(Dasselbe Zimmer wie im vorigen Aufzuge.)

1. Auftritt.

Mux. Gerl. Griesenpeck.
(Sie sitzen beisammen am Tische, auf dem Weinkrüge und eine Laterne stehen.)
Gerl: Seht, Meister Mux, ’s war doch ein dummer Streich,
Daß ihr die Lisbeth damals ziehen ließet;
Nun säß’ sie warm und weich im Elternhaus,
Euch spielten Enkel fröhlich hier zu Füßen
Und das Geschäft, das ihr so hoch gebracht,
Das sähet weiter ihr gedeihn und blühen.
Dann wär’ es sicher euch nicht eingefallen,
Als alter Mann auf Wanderschaft zu gehn.
Mux: Warum denn nicht? Ich bin so rüstig noch
Wie ich vor zwanzig, dreißig Jahren war.
Griesenpeck: ’s ist wunderbar, wie ihr euch jung erhaltet!
Vielleicht ist’s doch, wie meine Alte sagt,
Daß euch der Teufel hilft.
Mux: So, sagt sie das?
Griesenpeck: Im Scherz natürlich.
Mux: Ei, was ficht’s mich an.
Wenn sie’s im Ernst auch sagt! Sei’s nun der Teufel,
Sei es was and’res, was mich jung erhält,
Ich habe Grund, darüber mich zu freuen.
Gerl: Das glaub’ ich wohl. Ich wollt’, mir ging’s wie euch!
Ich bin so ziemlich ja in eurem Alter
Und seht, mein Haar ist weiß, die leid’ge Gicht
Zwickt mich an allen Gliedern, meine Beine
Sind auch zu faul, mich alten Klotz zu tragen;
Ich bin fürwahr ein kläglicher Gesell.
Doch wißt ihr, Mux, das find’ ich doch nicht klug,
Daß ihr Geschäft und Haus sogleich verkauftet;
So jäh als euch der Wandertrieb erfaßte,
So jäh wird er verschwinden und ihr sitzt
Dann in der Fremde, einsam und verlassen.
Griesenpeck: Ach! Einsam und verlassen! Redet nicht!
Was, Meister Mux, ich hab’ nicht fehlgeraten,
Wenn ich vermut’, daß ihr zu Lisbeth geht.
Mux: Was euch nicht einfällt! Kennt ihr mich so wenig,
Daß ihr vermeint, ich lauf’ der Dirne nach,
Die mich so leichten Herzens einst verlassen?
Gerl: Mit leichtem Herzen tat sie’s wahrlich nicht.
Bei meiner Grete war sie damals drüben
Und sagt’ ihr Lebewohl; da schluchzte sie,
Daß einen Stein es hätt’ erbarmen müssen.
Mux: Ihr tat der Abschied von der Freundin weh.
Gerl: Nein, das war’s nicht, sie klagte nur um euch,
Und daß ihr sie ließt geh’n ohn’ euren Segen.
Mux: Nun, sei’s wie’s will, laßt die Geschichten ruhn.
Griesenpeck: Sagt’s ehrlich, Mux, es ist ja keine Schande —
Ihr geht zu eurer Tochter?
Mux: Hört doch auf!
Ich wüßt ja nicht einmal, wo ich sie finde.
Gerl: Drum geht ihr eben auf die Wanderschaft.
Mux: Meint ihr, daß ich die halbe Welt durchlaufe
Und nach der ungerat’nen Tochter such’?
Griesenpeck: Die halbe Welt braucht ihr nicht zu durchlaufen,
Mir dünkt, ich hätte einmal was gehört,
Daß sie nach Nürnberg ist mit ihrem Joseph.
Mux: Dann wißt ihr mehr als ich. Mich kümmert’s nicht.
Griesenpeck: Verstellt euch nicht zu eurem eignen Schaden!
Seht, damals hießen wenige es gut,
Daß ihr sie ziehen ließt. Im ersten Zorne
Tut man gar manches, was man dann bereut,
Nur will man selber sich’s nicht eingestehen
Und läßt die Jahre drüberhin vergehn,
Man läßt die Kluft, die man mit einem Worte
Im Anfang hätte überbrücken können,
Stets weiter werden. Doch ein guter Mensch
Besiegt zuletzt den Feind im eig’nen Herzen,
Den finstern Trotz und gibt der Liebe Raum.
Freund Mux, ich seh’s zu meiner großen Freude,
Daß ihr so hart nicht seid, als es oft scheint,
Ihr schämt euch nur für euere Gefühle,
Das ist nicht klug, denn man verkennt euch oft.
Mux: Ihr gebt euch Müh’, mich innen zu vergolden,
(Wehmütig) Wenn es euch Freude macht, so mag’s drum sein,
Mir ist’s ja lieb, denkt jemand gut von mir,
Ich wollte nur, daß ich es auch verdiente.
Griesenpeck: O, ihr verdient’s, es steckt ein guter Kern
In eurer rauhen Schale, nur ist sie
Oft allzu rauh, drum sucht niemand den Kern.
Gerl: Wann geht ihr fort?
Mux: In aller Morgenfrühe,
Eh noch mein Nachfolger hier Einzug hält
Und ehe die Gesellen noch erwachen;
Mir ist nichts so zuwider auf der Welt
Als das Begrüßen und das Abschiednehmen.
Gerl: Von uns müßt ihr euch’s doch gefallen lassen,
Denn wir geleiten euch ein Stück des Wegs.
Mux: O, laßt das, Freunde! Freut’s mich auch von euch,
So will ich doch das Opfer nicht verlangen,
Daß ihr um vier Uhr aus den Federn kriecht
Um meinetwillen, denn ich geh’ so früh’.
Griesenpeck: Dies einemal wird es uns doch nicht schaden,
Wer weiß, ob wir uns jemals wiedersehn.
Gerl: Dann müssen wir uns heute früher trennen,
Daß uns das Aufstehn nicht zu sauer fällt.
Griesenpeck: Der Mux bleibt gern ein Stündchen wohl allein,
Nimmt Abschied von den alten Mauern da
Und den Erinnerungen, die sie bergen.
Gerl: Doch wenn ihr morgen wollt in aller Stille
Von Hause gehn, dann müssen wir euch heut’
Das Abschiedslied noch singen. Griesenpeck,
Könnt’ ihr sie noch, die alte, schöne Weise,
Die man zu uns’rer Zeit den Burschen sang,
Wenn in die Welt auf Wanderschaft sie zogen.
Griesenpeck: Wer, der im Leben einmal sie gehört,
Kann sie vergessen? Ruft sie doch zurück
Der goldnen Jugend himmlisch schöne Tage.
Gerl: So stimmt ihn an, den ernsten, schönen Sang.
(Sie singen.)
O zieh’ nur froh und mutig fort
Ins weite, weite Land,
Dich hält doch an der Heimat fest
Ein unsichtbares Band.
Und ist die Fremde noch so schön,
Die Heimat noch so arm,
Du sehnst dich nach der Heimat doch
Wie nach dem Mutterarm.
Ward dir auch in der Fremde Glück
Und in der Heimat Schmerz,
Ein unfaßbares Sehnen zieht
Dich dennoch heimatwärts.
Wo du den ersten Traum geträumt
Und sprachst dein erst Gebet,
Der Ort bleibt immer heilig dir,
Sein Bild dir nie vergeht.
Hat jede Liebe dich getäuscht
und warfst du alles fort,
Das eine hältst du ewig fest,
Die Lieb’ zum Heimatsort.
O zieh’ nur froh und mutig fort,
Ins weite, weite Land,
Dich hält doch an der Heimat fest
Ein unsichtbares Band.
(Dies Lied kann auch hinter der Szene als eine Art Ständchen gesungen werden. In diesem Falle bleiben die weiter oben in Klammer gesetzten Worte weg. Regiebemerkung.)
Mux (tief gerührt, ergreift über den Tisch die Hände der beiden Männer):
Dank’ euch, ihr Freunde, für den schönen Sang —
Ja, in die Heimat will ich wiederkehren,
Aus der ich kam — wenn es mein Schicksal will.
Und laßt euch danken nun für eure Freundschaft,
Ihr standet treu zu mir in allen Tagen,
Ward ihr auch immer meiner Meinung nicht
Und hießt nicht alles gut, was ich begann.
Griesenpeck: Das ist der Männerfreundschaft Sinn und Zeichen,
Daß sie nicht Sklavin jeder Laune ist
Und von der Meinung weiß den Mann zu scheiden.
Mux: Denkt meiner auch, wenn ihr mich nimmer seht.
Gerl: Ach, spart die trüben Worte euch bis morgen,
Um gutes Angedenken bittet man
Erst in der allerletzten Scheidestunde.
Griesenpeck: Wir sehn uns morgen noch. Nun schlaft recht wohl
Zum letzten Male unter diesem Dache,
Das euch so viele Jahre treu geschirmt.
Gerl: Gut’ Nacht!
Griesenpeck: Auf Wiedersehen!
Mux: Lebet wohl!
(Er geleitet sie mit der Laterne hinaus, nach einer Weile kehrt er zurück.)

2. Auftritt.

Mux (allein).
Mux (wehmütig): Lebt wohl, ihr guten Alten! Euer Sang
Ist ja das einz’ge, was von diesen Mauern
Mir tröstlich widerklingt — sonst hab’ ich nichts.
Allein — verlassen! Könnt’ ich, wie ihr glaubt,
Die Tochter einmal in die Arme schließen,
Mir wäre wohl. Doch still, ich werde weich —
Der Mux, der lebenslange hart gewesen,
Er bleib’ sich bis zur letzten Stunde gleich.
Ihr seht mich nimmer, liebe, alte Freunde,
Denn diesen Weg muß ich allein nun gehn.
(Er schließt einen Schrank auf, nimmt einen Sack Geld heraus, dann hängt er einen Mantel um, setzt die Mütze auf und nimmt die Laterne in die Hand. Er leuchtet damit an allen Wänden hinauf.)
So geh ich denn — leb’ wohl, du altes Haus!
In deinen Mauern hab’ ich viel erlebt,
Doch nichts, was mir dich eben teuer macht.
Der Hütte mit dem vielgeflickten Dach,
Wo ich als Kind gewohnt, gedenk’ ich gern,
Trotzdem ich Not und Elend dort ertragen;
Es ist ein seltsam, unbegreiflich Ding.
Was schmückte mir die elterliche Hütte?
War es der Kindheit Zauber, war’s die Liebe,
Die damals mich umgab? — O, Dämon du,
Ich zahlte reichlich, was du mir gegeben,
Da von der Liebe ich mich losgesagt.
(Er seufzt tief auf.)
Die Zeit ist um, ich will nicht länger zögern,
Sonst glaubt der Feind, ich fürchte mich vor ihm.
(Er nimmt den Sack an sich, hüllt sich fester in den Mantel und verläßt die Stube mit der Laterne.)

Verwandlung.

(Der Ausgang des Heidenhaines; es ist Nacht; Windstöße und Wetterleuchten. Vom nahen Stephansdom schlägt die Uhr zwölf. Mux schaufelt ein Loch zu, das er unter einem Baume gegraben; die Laterne steht neben ihm.)

3. Auftritt.

Mux (allein).
Mux (tiefaufatmend): Nun ist’s geschehn; all mein Vermögen ruht
In dieser Grube, niemand kann es nützen;
So schließe ich die Rechnung ruhig ab,
Kein einzig Liebeswerk muß ich verzeichnen.
Noch eine Stunde, dann hab’ ich vollendet —
Wie das wohl sein mag, nimmermehr zu sein?
Seit dreißig Jahren weiß ich nun den Tag,
An dem ich sterben muß; nie fiel’s mir ein,
Dem Worte nachzudenken — was ist Sterben?
Was ist der Tod? Ein Ruh’n nach Erdenmüh?
Ich bin nicht müde; wie vor dreißig Jahren.
Kreist schnell mein Blut und ist mein Arm noch stark
Und ich soll ruh’n? Ei nun, was will ich denn?
Die andern, die in meinen Jahren stehen,
Sie klagen bitter, daß der Herr der Welt
Zu aller Mühsal, die das Leben bringt,
Des Alters Schwäche hat hinzugefügt,
Daß sie die Früchte ihres Jugendfleißes
Nicht pflücken können aus Gebrechlichkeit.
Ich soll von hinnen gehn mit allen Kräften
Und will es nicht, weil ich zu wenig müd.
Es ist doch schwer, es allen recht zu machen,
Ein jeder wünscht sich and’res als er hat;
Ich möchte nichts als nur das eine wissen:
Was ist das Glück? Wer hat es recht erfaßt?
Ich hab’ gelebt, hab’ vieles wohl genossen,
Ich war an Gütern wie an Ehren reich,
Doch war mir oft, als wär’s das rechte nicht.
Was ich erwählt von dieses Lebens Gütern.
Ob mir die Zukunft darauf Antwort gibt,
Ob man im Jenseits drüben etwas weiß,
Von jenem Leben, das man hier geführt?
Was soll das Grübeln jetzt? In einer Stunde
Bin ich vereint mit vielen Millionen,
Die vor mir lebten, vor mir so gedacht,
Wie ich nun denk’, und denen niemand auch
Die Antwort gab, die sie ergrübeln wollten.
Mein Licht lösch’ ich nun aus, es ist so irdisch —
Zuckt doch am Himmel ein ganz andres Licht.
(Nach einer Pause): Die Zeit verrinnt — warum er nur so zögert,
Der Höllengeist? Ich freue mich auf ihn,
Auf sein erbost Gesicht; wie wird’s ihn ärgern,
Daß ich ihm doch entschlüpf’! ....
(Das Licht einer Laterne nähert sich.)
Was ist das dort?
Wer mag so spät da noch des Weges kommen?
(Er verbirgt sich hinter einem Baume. Lisbeth, sehr dürftig gekleidet und krank aussehend, kommt mit ihrem ebenso dürftig gekleideten Knaben.)

4. Auftritt.

Mux. Lisbeth. Der Knabe.
Knabe (klagend): Ach, Mutter, ist’s noch weit? Ich bin so müde
Und fürcht’ mich auch; schau, ein Gewitter kommt.
Lisbeth: Gar weit kann’s nimmer sein; wär’ es nur Tag,
Dann fänd’ ich Mut und Kraft, mich fortzuschleppen,
So kann ich nimmer weiter; komm’, mein Kind,
Laß uns nun ruhen unter einem Baume,
Mir fehlt der Atem und mir fehlt die Kraft,
Vielleicht geht’s später noch ein Stückchen weiter.
Komm, setz’ dich hier und lege deinen Kopf
In meinen Schoß, da kann dir nichts geschehen.
Knabe (im Begriffe, sich niederzusetzen, hält sich an dem Baum):
Greif’ her da, Mutter! Welch’ ein selt’ner Baum,
Der hat ja eine Rinde gar von Eisen,
Fühl’ nur, wie kalt!
Lisbeth (den Baum beleucht.): Wahrhaftig ja, er ist’s,
Der Baum, der noch in fernen, fernen Zeiten
Von meines Vaters Ruhme zeugen wird.
Weißt du es noch, was ich davon erzählte?
Knabe: O freilich weiß ich’s. Laß das Schloß mich sehen!
(Sie hebt den Knaben hinauf.)
Und diese vielen Nägel in dem Baum,
Hat sie Großvater alle eingeschlagen?
Lisbeth: Nicht alle, einen nur, sieh, dieser ist’s!
Die Anfangslettern von Großvaters Namen
Sind eingegraben in den Nagelkopf.
Er schlug ihn jubelnd ein an jenem Tage,
Da ihm das Meisterrecht verliehen ward,
Seitdem ist’s Handwerksbrauch in dieser Stadt,
Daß jeder, der sein Meisterstück gemacht,
Und jeder, der von draußen eingewandert,
Hier einen Nagel einschlägt zum Gedächtnis.
Da, sieh’ nur selbst, wie viele es gewesen,
Doch keiner hat Großvater je erreicht
An Körperkraft und an Geschicklichkeit.
Knabe: Ist er so stark?
Lisbeth: O, laß dir nur erzählen.
Ganz nahe hier steht ein gewalt’ger Dom,
Der Stephansdom; sobald es hell geworden,
Wirst du ihn sehn. Es schließt den Hauptaltar
Ein Gitter ab, Großvater hat’s geschmiedet;
Doch als er’s hinbracht’, war’s nicht lang genug.
Er war um einen Ausweg nicht verlegen:
Er faßt’ das Gitter auf der einen Seite,
Dein Vater mußt’ es auf der andern halten,
Mit seinen Händen zog er es zurecht, —
Das hat bis jetzt ihm keiner nachgetan.
Knabe: Doch hätt’ der Vater nicht die Hand verloren,
Er wär’ ihm gleich geworden, Mutter, gelt?
Lisbeth: Ei freilich wohl, doch auch nur er allein.
(Es blitzt so stark, daß die Gestalt Muxens, der horchend vorgetreten, beleuchtet wird.)
Knabe (aufschreiend): O Mutter, sieh! Dort steht ein schwarzer Mann!
Lisbeth: Ei, schäme dich, du kleiner Hasenfuß!
Das bildest du dir ein.
Knabe: Nein, liebe Mutter,
Ich sah ganz deutlich ihn, dort muß er stehn.
Lisbeth: Von deinem Irrtum dich zu überzeugen,
Führ’ ich dich hin.
Knabe (sie festhaltend): Ach, bleibe lieber da!
Lisbeth: Du selber willst ein ruß’ger Schlosser werden
Und fürchtest dich vor einem schwarzen Mann.
(Sie nähert sich Mux mit der Laterne, plötzlich stößt sie einen Schrei aus.)
Herrgott im Himmel!
Knabe (weinend): Mutter, laufe fort!
Lisbeth: Kann es denn möglich sein? Mein Vater, ihr?
Was habt ihr hier zu tun zu solcher Stunde?
Mux: Die Reih’ zu fragen ist zuerst an mir.
Ich frage dich: was hast du hier zu suchen?
Lisbeth: Hier nichts, mein Vater; ich war auf dem Wege,
Euch aufzusuchen.
Mux: So? hast du vergessen,
Was ich dir sagte, als du Abschied nahmst?
Lisbeth: Ich sollte euer Haus nie mehr betreten —
Ich hätt’s auch nicht getan; den Knaben nur
Hätt’ ich hineingeschickt; um euch zu rufen.
Mux: Was wolltest du von mir? Wo ist dein Mann?
Lisbeth: Mein Mann ist tot, schon länger als drei Jahre,
Er hat sich überschafft; mit einer Hand
Tat er viel mehr als andere mit beiden.
Als eine Seuche ausbrach in dem Lande,
Ergriff sie ihn und rafft’ auch ihn dahin.
Zwei Jahre lebt’ ich nun mit meinem Kinde
Von meiner Hände Arbeit; doch auch mich
Warf Gram und Mangel auf das Krankenbett;
Allein die Sorg’ um diesen armen Knaben
Gab mir noch einmal meine Kraft zurück.
Ich rafft’ mich auf, verkaufte meine Habe
Und machte micht zu euch nun auf den Weg.
Mux: Weil du in Not warst, dachtest du des Vaters.
Lisbeth: Ich dachte eurer sonst auch; doch aus Furcht
Vor eurem Zorne hab’ ich’s nie gewagt,
Ein Lebenszeichen euch von mir zu geben.
Ich bitte nicht für mich, nur für mein Kind —
O, nehmt es auf, aus Mitleid nehmt es auf,
Nehmt’s wie ein fremdes, nehmt’s wie seinen Vater
In strenge Zucht, es wird ihm nützlich sein.
Ich will euch meinen Anblick gern ersparen,
Für immer Abschied nehmen von dem Kinde,
Bin ich doch bald ja allem Leid entrückt,
Ich wandle nimmer lang auf dieser Erde.
(Zum Knaben):
Komm’, Kind, und bitte doch! Sieh her, das ist
Dein Großvater.
Knabe: O nein, das ist er nicht.
Mux: Ich bin es doch; warum willst du’s nicht glauben?
Knabe: Großväter müssen gut sein, du bist’s nicht.
Mux: Weißt du das so gewiß?
Knabe: Das will ich meinen.
Ich hab’ schon einen Großvater gesehn,
Des Nachbars kleiner Peter hatte einen;
O, der war gut! Der nahm ihn auf den Schoß
Und wiegt ihn ein, den schlimmen, kleinen Peter,
Wenn er recht schrie und ungebärdig war;
Und dann .....
Mux: Was noch?
Knabe: Der sah ganz anders aus —
Großväter müssen weiße Haare haben.
Lisbeth: Allein der liebe Gott hat deinen lieb
Und läßt ihm seine schwarz.
Knabe: Ich weiß warum,
Weil jeden Abend ich für ihn gebetet.
Mux: Du hast für mich gebetet? Ist das wahr?
Knabe: Die Mutter sagte doch, ich sollt’ es tun.
Mux (mit bebender Stimme):
Was hast du denn gebetet? Sag’ mir’s einmal!
Knabe (die Hände faltend, in dem halb leiernden, halb innigen Ton,in dem Kinder zu beten pflegen):
Ich bitt’ dich, lieber Gott, laß meine Mutter
Recht lange leben und gesund auch sein,
O laß den Vater, der von uns gegangen,
Im Himmel selig sein und steh’ uns bei;
Schenk’ auch dem Großvater, der ferne weilt,
Gesundheit, Kraft und ein zufried’nes Alter
Und laß ihn eingehn einst ins Himmelreich!
Mux (wiederholt ergriffen): Und laß ihn eingehn einst ins Himmelreich!
Das hast du wirklich jeden Tag gebetet?
Knabe: Wenn es die Mutter sagt, muß ich’s doch tun
Und tat es auch; sie hat mir’s vorgebetet
Solang ich klein war, jetzt kann ich’s allein.
Mux: Wie heißest du?
Knabe: Ich heiße Martin Joseph,
Doch Martin ruft man mich.
Mux: So sage, Martin,
Was solltest du beim Großvater denn tun?
Knabe: Ich sollt’ ihn bitten, daß er in sein Haus
Mich nehme und was Tücht’ges lernen lasse.
Lisbeth: Das bitt’ ich euch, gewährt die Bitte mir!
Welch eine Zukunft steht dem Kind bevor,
Wenn ihr’s nicht schützt! Ich bin so sterbensmüde,
Ich nahm die Reste meiner Lebenskraft
Zusammen, euch zu suchen; euer Dach
Soll meines Kindes junges Haupt beschützen.
Mux: Mein Haus ist nicht mehr mein, ich hab’s verkauft
Und wand’re fort.
Lisbeth: Ihr wandert fort, mein Vater?
Ihr gönnt in eurem Alter euch nicht Ruh?
O, nehmt das Kind mit euch, es wird euch stützen,
Ihr seid Beschützer und zugleich beschützt.
O, kettet doch an euch ein menschlich Wesen,
In einer Brust erwecket Lieb und Treu,
Und laßt in eurer Lieb’ und Treu’ erwecken!
Ich blieb euch fremd — vielleicht trug dran die Schuld,
Daß ich ein Mädchen war — dies ist ein Knabe,
Auf den ihr stolz sein dürft, denn eure Kraft
Wohnt in den jungen, ungeübten Gliedern —
So mögt als Kind ihr wohl gewesen sein.
Mux: Wär’ er ein Mann, ließ’ sich darüber reden,
Der Knabe fällt zur Last.
Lisbeth (flehend): So sorgt für ihn!
Ihr habt der Freunde viel und der Genossen,
Empfehlet einem euer Enkelkind,
Setzt eine kleine Summe für ihn aus —
Ihr könnt die Weisung ja ergehen lassen,
Daß ich von diesem Gelde nichts genieß’.
Erhöret mich, nehmt euch des Kindes an!
(Mux zieht den Knaben an sich, da erscheint an der Stelle, wo er das Geld vergraben, eine gespenstige, blaue Flamme. Er erschrickt und stößt das Kind zurück.)
Mux: Und sähe ich euch beide Hungers sterben,
Ich tue nichts für dich und deine Brut.
Lisbeth: Erbarmen, Vater! (Zum Kinde): Martin bitte du!
Knabe: Großvater, nimm’ mich! Ich will dir gehorchen
Und nie dich ärgern! Bitte, sei doch gut!
Mux (nach langem Kampfe mühsam hervorstoßend):
Nein, nein und nein!
(Ein greller Blitz, dem ein furchtbarer Donnerschlag folgt; alle drei sinken zu Boden, das Licht der Laterne erlischt. An der Stelle, wo Mux das Geld vergraben, steht glutumstrahlt der Rothmantel.)

5. Auftritt.

Mux. Rothmantel.
Rothmantel (höhnisch lachend): Haha! nun bist du mein!
Mux: Ich hoffte, Himmelsharmonien zu hören ......
Und nun schlägt deine Stimme mir ans Ohr —
Und deine Schreckgestalt muß ich erblicken.
Rothmantel: Du wirst sie schaun in aller Ewigkeit.
Mux: Das ist Betrug! Ich hab’ mein Spiel gewonnen!
Nenn’ mir ein Liebeswerk, das ich vollbracht!
Rothmantel (höhnisch): Ein einzig Liebeswerk hätt’ dich gerettet.
Mux: Du hast es zur Bedingung doch gemacht,
Daß ich ein jedes Liebeswerk vermeide —
Ich hab’s getan.
Rothmantel: Ja, du hast mir geglaubt,
Dem Gott der Lüge und der Finsternis
Und wandtest dich von ihm, dem Gott der Liebe,
Der ew’gen Wahrheit und Barmherzigkeit.
Du Tor vermaßest dich, mich zu besiegen!
Mich zwingt nur Einer und das ist der Gott,
Den du verleugnet hast, der Herr der Welt.
Mux (keuchend): Gegeb’nes Wort muß auch der Teufel halten,
Mein Pakt besteht zu Recht.
Rothmantel (höhnisch): So sei es drum!
Ich geb’ dich frei; nun suche deinen Platz
In einem Himmel, den die Liebe schuf.
Mux: Versucher du, was hast du mir getan!
Was ich geliebt, das hab’ ich dir geopfert,
Um dich blieb einsam ich, blieb leer mein Herz,
Um dich hab’ die Geliebte ich verstoßen,
Mein Kind in Elend und in Not gejagt,
Um deinetwillen raubt’ ich mir die Freude,
Mein Enkelkind an meine Brust zu ziehn,
Um dich hab’ ich gedarbt, indes die andern
Am Born der Liebe unaufhörlich schöpften.
Rothmantel: Um mich hast du’s getan? Du tatst’s um das,
Was in der Erde ruht an dieser Stelle,
Worauf ich steh — du tatst’s um schnödes Gold.
Gold war das Glück, das du von mir begehrtest,
Ich gab dir Gold und nun beklagst du dich?
Mux: O schweige, du hast recht! Ich seh’ es klar,
Nicht du hast mich getäuscht, ich selber tat’s,
Ich hab’ mich selbst betrogen und enterbt.
Sie alle, die den Dornenweg gegangen,
Die ich verspottet, weil sie ihn gewählt,
Sie alle, die um Liebe Leid getragen,
Sie haben doch das echte Glück gekannt.
Doch weil ich in unseliger Verblendung
Dem Irrlicht folgte und den Stern verließ,
Soll büßen ich in aller Ewigkeit?
Gott ist barmherzig, er wird mir verzeih’n,
Wenn etwas für mich spricht — hab’ ich denn nichts?
(Nachdenkend): Ich hab’ ja doch zuweilen auch gebetet.
Rothmantel (höhnend): Gebetet hast du auch? Ei sieh doch, sieh!
Der Teufelsschlosser schmiedet einen Schlüssel
Für alle Fälle sich zur Himmelstür!
Doch hast du leider jenen Spruch vergessen,
Der dich den Schlüssel richtig brauchen lehrt.
Mux: Wie? Zum Gebet noch einen Zauberspruch?
Rothmantel (mit dröhnender Stimme): Und wenn du auch mit Engelszungen redest,
Und hast die Liebe nicht, so bist du bloß
Ein tönend Erz, bist eine Schelle nur!
Mux (zusammenbrechend): Und hast die Liebe nicht! Gott ist die Liebe
Und ich stieß sie von mir!
Rothmantel: Nun, siehst du’s ein,
Daß du dein Spiel dem Geiste nach verloren,
Mag’s auch dem Worte nach gewonnen sein?
Mux (sich aufraffend): Nein, Höllengeist, du zwingst mich dennoch nicht!
Ich bin nicht dein, weil ich mein Spiel gewonnen,
Des Himmels nicht, weil ich ihn nicht verdient,
Allein der Erde will ich angehören,
Solang noch Atem in mir wohnt und Kraft.
Mein Leben ist von Gott — wenn er mir’s läßt,
So will ich jeden Augenblick benützen,
Zu sühnen, was mein blinder Wahn verbrach.
Komm her und nimm, was du mir einst gegeben,
Und laß mir nichts, als was mein eigen wär’,
Wenn ich dich nie geseh’n!
Rothmantel: Wohlan, es sei!
Sieh hin, dort brennt das Gold, das du erworben
In all den Jahren! (Unter dem Baum brennt
wieder die blaue Flamme.) Nun, beklagst du’s nicht?
Mux: Nur, daß ich es erwarb auf diese Weise.
Rothmantel (wirft seinen Mantel über ihn):
Fühlst du die Kraft aus deinen Armen schwinden,
Fühlst du dein Har ergrauen? (Er zieht den Mantel
weg, Mux ist in einen alten Mann verwandelt.)
Mux: Ja, ich fühl’s,
Doch fühl’ ich auch, wie mir das Herz sich weitet
Und wie mir’s hell und froh im Busen wird;
Die ganze schöne Welt möcht’ ich umfassen,
An meine Brust zieh’n alles, was da lebt.
Wie ich hier steh, ein Bettler und ein Greis,
Trag’ ich mit Freude alle Erdenmüh’n,
Erleid’ ich gerne tausendfachen Tod
Für diesen Augenblick des höchsten Glückes!
Rothmantel (in wildem Grimme): Muß ich es jeden Tag auf’s neu erfahren,
Daß in dem schlecht’sten Tropf ein Funken glüht
Von jenem Himmelslicht, das ich so hasse!
Fahr’ hin und lieb’ und leide, Erdenwurm!

6. Auftritt.