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Der Tor: Roman

Chapter 7: Fünftes Kapitel
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About This Book

A young man arrives in a small provincial town at the height of a scandal after a well-liked maid is found dead and a hidden newborn is discovered in her room. The revelation unleashes gossip, accusation, and public spectacle: neighbors speculate about a seducer, an old woman wails in the streets, and civic actors clash over burial and blame. A heated argument even erupts among travelers on a train, exposing divergent moral judgments and social postures. The narrative examines how rumor, collective outrage, and communal hypocrisy shape perception and fate in a tightly knit community, seen largely through the newcomer's observant vantage.

Fünftes Kapitel

Grau schloß die Türe seiner Kammer und begann augenblicklich erregt mit sich selbst zu sprechen.

„Man nimmt sich doch nicht so rasch das Leben!“ sagte er und gestikulierte heftig. „Das Mädchen war doch so jung und gesund! Aus Scham allein hat sie es nicht getan, das glaube ich nicht. Nein, nie und nimmer! Es mußte noch etwas anderes mitspielen, eine Kränkung oder sonst etwas. Der Fleischergeselle leugnet. Man kennt den Verführer nicht. Ich werde ihn herausfinden, bei Gott, das werde ich!“

Er war todmüde und legte sich zu Bett. Er war einen vollen Tag unterwegs gewesen und hatte, um Geld zu sparen, noch dazu eine Strecke von fünfzehn Kilometern zu Fuß zurückgelegt, um einen Umweg der Bahnlinie abzuschneiden.

Dieses arme Mädchen! dachte er. Entsetzlich! Mit einem Seufzer der Lust empfangen, in Angst getragen, in Verzweiflung geboren und mit dem Leben bezahlt. Genug, genug!

Er schlief ein, wurde aber gleich darauf durch das Bimmeln einer dünnen Blechglocke geweckt.

Im Gastzimmer unter ihm rumorte die rauhe Stimme des jungen Barons. Hier und da bellte ärgerlich der kleine Wirt, und in nahezu gleichen Zwischenräumen ließ sich das leere Lachen der blonden Wirtin hören. Es hörte sich an wie der Ton einer kleinen dünnen Blechglocke, an der der Baron zog, wann es ihm gefiel. Einmal zog er zweimal nacheinander daran, ein andermal tat er nur einen kurzen, schrillen Ruck. Die Personen da drunten verkleideten sich, der Baron wurde zu einem Manne, der auf Flaschenscherben tanzte und seine Augen glühten.

Grau richtete sich im Bette auf. Er konnte nicht schlafen.

„Dieses arme Mädchen ist es ja nicht allein!“ rief er aus und schlug mit der flachen Hand auf die Bettdecke. „Da ist noch diese alte verzweifelte Mutter, die ganz von Sinnen hin- und herrannte und schrie. Da ist noch das arme verwaiste Kind! — Aber auch das ist noch nicht alles!“ fuhr er fort, wobei sich sein Herz zusammenkrampfte. „Tausende solch unglücklicher Mädchen gibt es, Tausende solch verzweifelter Mütterchen, Tausende solch verwaister Kinder! Tausende! Tausende! Tausende!“

Er befreite sich von diesem Gedanken.

Aber augenblicklich erschien an einer andern Stelle seines Kopfes ein Gefangener, der an der Wand der Zelle lehnte; es war Nacht, aber er schlief nicht, durch das kleine Gitter über seinem Kopfe drang ein fahles Licht, da stand er mit bleichem Gesichte, starrte vor sich hin und nagte an der Lippe. Wieder, da sah er in eine Kammer: Auf dem Bett lag eine tote Frau, eine Kerze brannte daneben, ein Kind saß auf dem Boden und lächelte ihm zu. Auf dem fahlen Gesicht der Toten stand mit erschreckender Deutlichkeit geschrieben: Ich wurde geboren und weiß nicht weshalb, ich habe gelebt, weiß nicht warum und weshalb bin ich doch gestorben? Nun aber kann ich den Weg zur Seligkeit nicht finden, ach! Dann sah er einen schlafenden Mann mit kurzen aschgrauen Haaren vor sich und er sah einen Gedanken, der im Haupte des Schlafenden wanderte. Der Gedanke wanderte hin und her, wie ein Licht, das in der Nacht wandert und vor verschlossenen Türen stehen bleibt. Plötzlich stand das Licht ruhig und loderte hell auf und der Schlafende erwachte verstört. Er schlüpfte in die Kleider, hastig, schlich sich aus dem Hause, verstohlen, und sein schneller Schritt verschwand in einer dunkeln Gasse. Aus der Ferne drang ein entsetzlicher Schrei.

Grau schrak zusammen. Den Schrei hatte die blonde Wirtin ausgestoßen. Aber es war kein Schrei des Schreckens, es war ein schrilles, ersticktes Lachen. Der junge Baron verabschiedete sich, das Tor fiel ins Schloß und durch das ganze Haus lief ein dumpfes Zittern vom Keller bis zum Boden. Der Wirt zankte, die Frau lachte gedämpft. Schritte schlichen hin und her auf knarrenden Dielen, bald unten, bald oben, an seiner Tür vorbei. Es war der kleine Wirt, der nachsah, ob alles in Ordnung war. Er flüsterte, tuschelte, zankte. Und wieder knarrte sein schleichender Schritt durch das ganze Haus.

Graus Züge fielen ein. All das Leid, das auf der Erde war! Er fühlte es, es lag wie eine Last auf seiner Brust, er hörte es, ja, er roch es! Dunkler und dunkler wurde es in seiner Brust und endlich erschauerte er von all der Finsternis, die in seinem Innern war. Er preßte die Hände vors Gesicht und zitterte und dieses Zittern kam nicht von der Kälte allein. Die ganze Erde schreit ja immerzu, dachte er, sie zittert und bebt ja unausgesetzt. Wenn sich das Schluchzen einer einzigen Nacht vereinigt, so tobt es lauter als das wilde Meer! Dieses leise Weinen in den Kissen, dieses Klopfen der Herzen, das Keuchen der Sterbenden, die Schreie der Gebärenden —

Ob man auch das Auge schließt, was hilft es, das verquälte Antlitz des Menschen ist überall, es dringt durch die Lider hindurch, ob man die Ohren verschließt, was hilft es doch?

Scheint nicht manchmal ein entsetzlicher Schrei durch die Nacht zu hallen, aller Menschen Stimmen, die sich zu einem einzigen Schrei der Anklage vereinigen, zu einem Schrei nach Erlösung?

Ein Schweigen noch furchtbarer als dieser Schrei ist die Antwort.

Grau saß regungslos im Bette und starrte vor sich hin. Und er sah Tausende von Menschen vor sich, die im Bette saßen und starrten und nur den Wunsch hatten, zu vergessen, zu schlafen, nicht mehr zu denken. Aber draußen in der finstern Nacht murmelte und tobte es und wollte nicht ruhig werden.

„Wenn man doch etwas tun könnte,“ sagte Grau und nickte und seine Augen brannten. „Nichts sollte mir zuviel sein, nichts! Aber man ist ja so arm — viel zu arm!“

Die Kerze erlosch, aber er regte sich nicht. Nun war es dunkel um ihn her und er starrte in dieses Dunkel hinein, seine Züge fielen ein, sie verzerrten sich. Er dachte, dachte, grub die Zähne in die Lippe —

Aber mit einem Male veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes und seiner Augen. Er blickte auf das Fenster, und Neugierde, Erstaunen, Verwunderung und Freude spiegelten sich in seinen Zügen.

Auf diesem Fenster jedoch war nichts Besonderes zu sehen. Es war eine schwarze Scheibe und vom Marktplatze, von irgendwoher fiel der Schein einer Laterne darauf, so daß feine Lichtbogen entstanden, wie man sie um den Mond sieht, wenn er einen Hof hat. Doch das war nicht alles. In diesem Lichtbogen lebte es! Es regte sich, es flimmerte, es zuckte darin. Feine Kristalle formten sich. Es war wie gesticktes Moos, wie feine zitternde Gräser, dann strebten schmale, wehende, glitzernde Pflanzen empor, dem Tang ähnlich, der auf dem Grunde des Meeres wächst. Weiße Korallenzweige wuchsen zwischen ihnen hindurch, verästelten sich feiner und feiner, etwas wie spitze Flossen tauchte auf, Sterne, deren Enden zitterten — und alles glitzerte und flimmerte als sei es aus Splittern von Brillanten gebildet.

Es war ein betörend schönes Bild, ein Wunder an Reichtum, Glanz und Formen, das eine unsichtbare Hand hier an das schwarze Fenster eines nichtigen Wirtshauses zeichnete.

Grau saß und seine Augen waren wach und hell und sahen zu, wie es sich formte, veränderte, wuchs. Auf seinen knabenhaften Lippen schwebte ein seltsames Lächeln und in seinen Augen war ein fremder Glanz. Er atmete wieder. Er atmete tief und befreit.

„Er schreibt! Er schreibt!“ flüsterte er leise und Freude erfüllte ihn und stummer Jubel. Gleichzeitig aber schämte er sich.

„Ich bin müde gewesen, er möge mir verzeihen!“

Grau schlief ein und er atmete tief und froh und lächelte im Schlafe. In seinen Traum kam ein alter kranker Bauernknecht mit entzündeten Augen, der eine zerrissene Jacke trug und dicke neue Handschuhe an den Händen hatte; er schwang die Hände vor ihm und lachte. „Deine Handschuhe sind warm, vergelt’s Gott!“ schrie er und nickte ihm zu.

Sechstes Kapitel

Es kamen viele Leute in Trauerkleidern und stiegen die beschneiten Stufen zu der kleinen Kirche mit dem weißen Turm empor. Es kamen Leute vom Land, Bauern, die ernste Gesichter machten und langsam daherstampften, es kamen immer mehr, auch die jungen Damen, die ein gutes Herz hatten, kamen; auch der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals kam, feierlich pustend, in einem engen Gehrock, mit frostroten Handgelenken, ein kleines Bukett aus Wachsblumen in der Hand. Es kamen immer mehr, in all den weißen Gassen wanderte es. Viele kamen aus Neugierde, natürlich. Der kleine Friedhof war ganz schwarz und alle drängten der Ecke zu, die den Namen Selbstmörderecke hatte. Es war sehr stille über dem Städtchen und die Sonne blendete.

Plötzlich hörte man ein Schluchzen, ein Schreien, und man sah, daß ein Sarg die Staffeln heraufgetragen wurde, ein roher Kasten. Man schaffte ihn aus dem Spital herauf. Hinter dem Sarge kam eine Gruppe von Frauen, die in der Mitte etwas Weißhaariges führten, das sich schüttelte und hin- und herwarf und sich auf die Staffeln werfen wollte und schrie.

Der Sarg kam heran und alle nahmen den Hut ab. Man räusperte sich, man hustete, man zog die Brauen zusammen und in den schwarzen Fäusten der jungen Damen erschienen blendendweiße Taschentücher. Die kleine Frau schrie ohne Aufhören, aber als sie an das Friedhoftor kam, schwieg sie plötzlich. Das aber war noch viel schrecklicher als ihr Geschrei. Sie wankte zwischen den Frauen einher, und alle wichen zurück, niemand wollte einem solch schrecklichen Jammer nahe kommen. Eine breite Gasse entstand.

Gestern sind ihre Haare noch grau gewesen, aber heute sind sie weiß. Aber diese Haare waren nicht nur weiß, das war es nicht allein, die Haare flatterten. Sie waren dünn und kurz und befanden sich in ununterbrochener Bewegung, immerzu stiegen einzelne Haare in die Höhe, kräuselten sich, sanken zurück, andere lösten sich und flatterten langsam in die Höhe.

Der gelbe Sarg wanderte durch die Menge, getragen von sechs Männern, es schien als stelze er auf diesen vielen dunkeln Beinen durch den Schnee, direkt auf das Grab zu, wie auf seine Höhle. Die weißhaarige Frau sagte etwas und machte mit beiden Händen Zeichen, daß man nichts zu befürchten habe. Dann ließ sie sich in die Knie nieder und küßte das Ende des gelben Sarges, küßte es mit gespitzten runzeligen Lippen, wobei sie die beiden Seitenwände des Sarges mit den Händen streichelte. Als die Träger sich anschickten, den Sarg hinabzulassen, begann die alte Frau zu lachen und mit den Fäusten auf ihre Stirn zu schlagen. Alle Leute wichen zurück und erblaßten. Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals wurde blaurot im Gesicht und öffnete weit den Mund, die jungen Damen wandten sich ab und bissen in die Taschentücher.

Da begann es in der Luft zu schwirren, ein feines Sausen schwang sich in der Stille und es klang als fiele ein klingendes Becken hoch aus der Luft herab; die Glocken begannen zu läuten. Süß und feierlich klangen sie und alle Augen richteten sich auf den kleinen, weißgetünchten Turm, wo sie sich in den Luken schwangen. Es läutet! Ja, natürlich, es läutet, es läutet in der Kirche. Und alle Glocken läuteten, nicht nur die Beerdigungsglocke. Es gab einige, die sofort in den Turm hineingingen, wo der Kirchner und sein Gehilfe an den Stricken auf und abtanzten. Es läutet ja?

„Er hat es befohlen, der Neue!“

Die kleine verzweifelte Frau hörte auf zu lachen und lauschte, indem sie den weißen Kopf zur linken Schulter neigte und den Mund öffnete. Sie wandte sich nicht um, sie lauschte nur. Es war das große Geläute.

Die schmale Türe der Sakristei öffnete sich und der Vikar stieg die Stufen herab. Er war im Talar und auf seinem Arme lag ein Buch. Alle sahen ihn kommen und bildeten eine Gasse. Er schritt hindurch, den Blick auf den Boden geheftet. Er trat ans Grab und nahm das Barett ab.

Seine Haare waren braun und weich, mit einem Schimmer ins Rote, und alle konnten sehen, daß sein Gesicht lang und mager war.

Er schlug die Augen auf und sah nun aus, als ob er noch nicht zwanzig Jahre alt wäre. Er lächelte unmerklich und richtete den sanften, schimmernden Blick auf die weißhaarige Frau. Dann begann er zu sprechen. Es war totenstill und man hörte einen gedämpften Schritt im Schnee knarren. So leise sprach der Vikar, daß man ihn kaum verstand, seine Stimme zitterte und plötzlich blieb er stecken. Er schwieg eine lange Weile, errötete, aber er wandte den Blick nicht von der kleinen Frau ab. Dann fand er sich wieder zurecht und nun sprach er rasch und sicher bis ans Ende. Seine Stimme wurde nicht laut, aber sie schwebte doch klar und deutlich bis in jede Ecke des Friedhofes und ein feines, feierliches Echo antwortete von der Kirchenwand her.

Die Rede des Vikars war schlicht und nicht lang. Er sprach von den vielen Kränzen, die man der Verblichenen gebracht habe, und daß sie aus Nah und Fern gekommen seien, die sie kannten, so viele, viele seien gekommen, alle habe ihr Tod und ihr Schicksal erschüttert und in der Stadt und auf dem Lande trauere ein jeder um sie. Nun erst, da sie tot sei, wisse man, wie sehr man sie geliebt habe.

„Sie war jung und frisch und voll von Leben,“ sagte er, „ihr habt sie gekannt, ich habe nur von ihr gehört. Sie wandte sich ab von der Erde und starb den schwersten Tod, den es gibt.“

Der Vikar sprach davon, wie fleißig und treu sie gewesen sei, wie diensteifrig sie war und wie fein doch ihr Herz war.

„Es war so fein, ihr Herz,“ sagte er und lächelte leise, „sie starb an ihrem feinen Herzen. Sie glaubte auch, daß ihr alle sie mißachten würdet, sie fürchtete euren Blick, sie schämte sich vor euch. So fein war sie. Das aber wollte sie nicht. Da warf sie denn alles hin, was sie hatte, ihre Jugend, ihre Frische, ihre Erinnerungen, ihre Wünsche und alle Freuden, die auf sie warteten. Das alles warf sie hin. Viel zu viel war es, viel zu viel.“

„Viel zu viel war es, viel zu viel,“ wiederholte der Vikar, und das feine, klingende Echo rief: Zu viel, zu viel.

Da begann die alte Frau zu weinen, ihr Gesicht zog sich zusammen, nichts als braune Runzeln war ihr Gesicht, es sah wie eine Nuß aus.

Der Vikar blickte auf sie und lächelte. „Sie hat wohl Grund zu weinen,“ sagte er, „wer von uns allen würde nicht weinen an ihrer Stelle. Wir würden klagen wie sie und Worte könnten uns nicht trösten. Aber in ihrem Schmerze wird es wie eine feine Freude sein, daß die, um die sie trauern muß, so fein war und gut. Und sie wird ja ihr Kind haben! Es ist auch ein Mädchen, es wird wachsen, spielen, lachen, es wird etwas sein, das sie tröstet, nicht alles, aber doch viel, nicht wahr, viel!“

Nun sprach er ausschließlich zu der alten Frau und er sagte auch, daß ihre Tochter nun bei Gott sein werde, zu den feinsten Seelen werde sie gehören.

„Denn Gott versteht sich wohl besser auf Menschenseelen als wir,“ sagte er. „Er wird sagen: Ich habe gesehen, wie du gekämpft hast, wie du gerungen hast — ich habe alles gesehen, es ging über deine Kraft. Ich habe auch gesehen, daß du auf dem Wege zum Tode einem Kinde begegnetest und du hast es gestreichelt. Auch das habe ich gesehen, auch das. Ein Hund hat vor deinem Hause gebellt und du hast ihm Nahrung gegeben — damals warst du noch ein Kind — auch das habe ich gesehen und nicht vergessen, denke nicht, daß mir etwas entgeht und daß ich etwas vergesse — zittere nicht —“

Die alte weißhaarige Frau lauschte. Sie legte ein wenig den Kopf auf die Seite, ganz wie ein Vogel, der lauscht, und heftete die tränenwunden Augen auf die Lippen des Vikars; kein Wort sollte ihr entgehen, nichts, nicht das kleinste Wort. Sie begann leise und schmerzlich mit dem Kopfe zu nicken und die Tränen flossen langsam über ihr welkes Gesicht und tropften in den Schnee.

Der Vikar segnete die Tote ein und alle beugten die Köpfe, sein Blick ging über sie hin.

Unter all den Anwesenden befand sich ein Mann mit gelbem Gesicht und kleinem Spitzbart und dieser Mann war der einzige, der den Kopf nicht senkte. Er stand und lächelte und heftete die kleinen Mausaugen erstaunt und spöttisch auf den Vikar.

Der Vikar ging rasch durch die Menge hindurch und sein Talar verschwand in der schmalen Türe der Sakristei.

Die alte Frau folgte ihm und ging die Stufen empor. Aber hier geschah etwas Merkwürdiges. Auf jeder Stufe kniete sie nieder und küßte sie. Dann machte sie den Knöchel des Fingers ganz spitz und pochte an die Türe.

Sie blieb über eine Stunde in der Sakristei.

Siebentes Kapitel

Graus Hände zitterten: Nein, nein, er hatte nicht die rechten Worte gefunden, er hatte es nicht vermocht!

Er warf einen Blick in die kleine alte Kirche, wo er eine blitzblanke kleine Orgel entdeckte und an einem Fenster die Reste einer ehemaligen Bemalung. Ein herrliches Fleckchen Blau, ein Streifen von einem seltenen Weinrot. Dann ging er durch den gedeckten Gang und hinüber ins Pfarrhaus. Während er sich umkleidete, sah er sich in der neuen Wohnung um. Das Pfarrhaus war ebenfalls alt, klein, mit Winkeln und Erkern, Holzvertäfelungen und einer kleinen Wendeltreppe. Im Vorraum hing ein altes pechschwarzes Ölgemälde. An der Türe war eine große Glocke angebracht und zwar war sie so aufgehängt, daß sie gleichsam zu schwingen anfing, wenn man sie nur ansah.

Vorläufig war es für Grau noch ein Rätsel, was er mit all den Zimmern anfangen sollte.

Er öffnete eines der kleinen Fenster. Sonne, Stille, Weite! Unter ihm lag die Stadt und die weite Talebene. So unregelmäßig und klippig wie sich das Treibeis staut, so unregelmäßig und klippig drängten sich all diese hundert steilen Giebel und Dächer ineinander. Da und dort klafften Risse und Spalten, das waren die Gassen und kleinen Plätze. Über diese beschneiten Giebel war eine Unmasse von Türmchen und Dachreitern geschüttet. Aus den unzähligen Kaminen stiegen dünne opalisierende Rauchsäulen in die klare Winterluft. Hunderte von Fenstern und Scheiben blitzten und blendeten und farbige Fünkchen tanzten auf den Schneedächern.

Rings um die weiße Stadt war alles weiß. Auch der Fluß, der die Stadt die Höhe hinaufdrängte, war weiß, er war gefroren. Eine Menge von Kähnen, Barken, Fähren und Frachtschiffen mit Masten und Stangen lag fest im Eise und auf den Schiffen kletterten kleine Pünktchen herum, Kinder, die spielten.

Eine weiße Brücke spannte sich über den weißen Fluß. Dann begann die Ebene, weit und weiß dehnte sie sich, bis zu den Höhenzügen, ferne Wälder, kriechendem Moose ähnlich, waren über sie ausgestreut.

Ein feines Klingen schwang in der winterlichen Stille, es klang aus einer Schmiede. Die Pünktchen, die auf den Schiffen klettern, erwiderten es schrill.

Zwei Fenster gingen auf den Garten hinaus. Der Garten war klein, nahezu dreieckig und in zwei Terrassen angelegt. Er war angefüllt mit unberührtem, wie Seide schimmerndem Schnee, und in den Ecken lagen Büsche, Gestrüpp, Stickereien aus Schneekristallen und mit Schichten von Schnee bedeckt, die eigentümlichen Blütentellern ähnlich sahen. Gegen die Straße zu, die Höhe, war der Garten mit einem grünen Zaun abgegrenzt, auf den andern Seiten stieß er gegen Gärten. Da war ein Park, ein wahrer Wald alter, hoher Bäume, die tief im Schnee wateten; er konnte weit in ihn hinein sehen, denn die Mauer war niedrig. Zwischen den Stämmen der alten Bäume schimmerte ein langes weißes Gebäude, ein Herrschaftshaus. Die Mauer des andern anstoßenden Gartens war übermäßig hoch und sah düster aus wie eine Gefängnismauer. Über sie hinweg blickten die zwei trüben Fenster eines grauen alten Hauses, wie zwei düstere traurige Augen unter einer niedern vergrämten Stirn. Die übermäßig hohe Mauer aber bot einen ganz merkwürdigen Anblick dar. Sie war mit Glassplittern und Eisenspitzen gespickt und trug eine große Tafel, die man leicht von der Straße aus lesen konnte, mit der Aufschrift: Vor den Hunden wird gewarnt! Achtung, Selbstschüsse! Vorsicht! Fußangeln!

Grau lächelte. „Eigentümlich!“ sagte er.

Dann nahm er rasch den Hut und verließ das Haus, immer noch zitterten leise seine Hände. Wie töricht!

Grau begab sich in den „weißen Elefanten“ und trug den roten Reisesack in seine Wohnung hinauf. Auf dem Wege begegnete er jenem Mann mit dem gelben Gesicht, der ihm im Friedhof aufgefallen war. Der Mann strich an den Häusern entlang, blieb stehen, als er Grau gewahrte und ging dann geradeswegs auf ihn zu, als ob er ihn ansprechen wolle. Aber er tat es nicht, er machte plötzlich einen Bogen, blinzelte und verzog die Lippen zu einem saueren Lächeln. Er griff an den Hut und Grau grüßte hastig und freundlich.

„Ein schöner Tag!“ sagte er lächelnd. „Nicht wahr?“

Der Mann aber machte nur ein verblüfftes, ernstes Gesicht, zwinkerte und strich sich die Haare aus der Stirn, er grüßte nicht. Wie sonderbar! dachte Grau und vergaß die Begegnung nicht wieder.

Nach einer Weile sah man Grau wieder die Staffeln herabkommen, einen lächerlichen kleinen Zylinder auf dem Kopfe, eine Liste in der Hand. Er ging rasch und schwebend. Er schritt über den Marktplatz und trat beim Uhrenhändler Lux ein. Hier sprach er lange. Dann erschien der Uhrenhändler Lux im Fenster, eine goldene Uhr in der Hand, er ritzte, prüfte, zwängte ein Glas ins Auge und drehte die Uhr hin und her. Darauf verließ Grau heiter den Laden und der Uhrenhändler verbeugte sich hinter ihm.

Grau ging in den „weißen Elefanten“ und beglich seine Rechnung. Der x-beinige mürrische Wirt bellte wie am Abend, aber er gab sich Mühe zu lächeln. Hätte er gewußt, wer der Herr sei, so würde er ihm ein besseres Zimmer gegeben haben. „Bitte, bitte, ich habe prächtig geschlafen!“ Der Wirt verbeugte sich vor Grau und Grau verbeugte sich vor dem Wirt. Die blonde Frau sah übernächtig aus. Grau betrachtete sie mit einem eigentümlichen Ausdruck der Augen, und ein fades Lächeln kam auf ihr Puppengesicht und in ihre wasserblauen Augen. Grau errötete und ging.

Nun konnte man Grau mit seinem kleinen Zylinder, die Liste in der Hand, die Straße hinab gehen sehen. Er verschwand in den Häusern, verhielt sich einige Zeit darin und erschien wieder auf der Straße, um im nächsten Hause zu verschwinden. Ganz wie ein Briefträger.

Was Grau in den Häusern tat, ist sehr einfach zu erklären. Er klopfte an die Türe, zog den Zylinder, stellte sich vor und rückte mit der Liste heraus.

„Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, diese arme, alte Frau, sie ist im höchsten Grade bedürftig, der Kummer macht sie auf einige Zeit erwerbsunfähig — dazu die Unkosten — Grau, Vikar Grau — dann ist ja auch das Kind da, verzeihen Sie die Störung, ich bitte tausendmal um Entschuldigung!“

Überall brachte er das gleiche vor. Die Leute räusperten sich, putzten sich die Nasen, kamen in Verlegenheit — denn Grau stand geduldig wartend da, blickte sich lächelnd im Zimmer um und verbeugte sich ab und zu ein wenig mit der Liste in der Hand — sie fuhren hastig in die Taschen und klapperten mit Schlüsseln. Hier und da waren aber diese Schlüssel absolut nicht zu finden, und sie sprangen umher, rannten gegen Türen und Wände, aber die Schlüssel waren ganz einfach fort. Man wird die Spende ins Pfarrhaus senden.

„Schön, schön! Ganz nach Belieben, gnädige Frau. Darf ich Sie vielleicht bitten, Namen und Betrag einzuzeichnen, hier in diese Liste, Bleifeder habe ich, bitte hier. Es ist der Ordnung halber und dann ermutigt es die andern Herrschaften — denn wo ein Sperling ist, da sind auch schon zwei, wo zwei sind, sind drei, wo drei sind, da sind auch gleich hundert, nicht wahr? Hier, erlauben Sie gütigst, ein ungenannt sein wollender Wohltäter hat auf einen Schlag zwanzig Mark gezeichnet, Herr Bürgermeister Stürmer zehn Mark, Frau Tierarzt Hammer fünf, Frau Rentamtmannswitwe Ulzhöfer eine Mark — wenn es auch nur eine Kleinigkeit ist — mit einem Tropfen kann man den Durst ja nicht löschen, aber in einer Ansammlung von Tropfen kann man recht schön ertrinken — danke, herzlichen Dank, gnädige Frau.“

„Vergessen Sie nicht zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, Herr Vikar!“

„Danke, auf keinen Fall! Ich danke Ihnen aufs herzlichste!“

Er kam in alle diese alten, krummen Häuser, in alle möglichen Stuben, zu allen möglichen Menschen. Jedes Haus roch anders, die Treppen knarrten anders. Die einen waren steil und dunkel und kletterten in eine Art von Turm hinauf, andere waren breit und licht, knarrten vornehm und führten auf weite, helle Vorplätze. Zuweilen stand man unvermutet dicht vor den Türen, es gab aber auch Treppen, auf denen man sich verirren konnte; sie liefen kreuz und quer, endeten im Boden oder führten auf einen Hof hinaus. All die Glocken, die Grau an diesem Tage läutete, hätten zusammen ein Konzert gegeben. Da waren schüchterne und anmaßende Glocken, gutgelaunte und mißgestimmte, winselnde und lachende, solche die knarrten und fauchten, bevor sie einen Ton herausstießen, andere, die bei der leisesten Berührung in ein übermäßiges Gebimmel ausbrachen, die einen beruhigten sich sofort wieder, die andern läuteten fleißig weiter; es gab freundliche Glocken, die sofort höflich sagten: Herein, herein! es gab ungastliche, die brummten: Geh weg, weg! Die Zimmer, in die Grau trat, waren weit und licht, oder düster, oder schmal wie ein Omnibus. Es gab eine Menge von interessanten Dingen zu sehen, eine Uhr aus Porzellan, einen Ofen, der merkwürdigerweise an der ungeschicktesten Stelle im Zimmer stand, dafür aber die zwölf Apostel auf den Kacheln zeigte, Schränke von unglaublicher Größe, förmliche Häuser, alte Waffen, Truhen, Zinnkannen, in jedem Zimmer wenigstens etwas.

Grau sah sich alles aufmerksam an und nichts entging ihm. In einem Hause rannten ihn zwei große Jagdhunde beinahe um, Kinder prügelten sich in einem andern und rollten ihm unter die Füße, das aber brachte ihn nicht aus der Fassung. „Bitte, bitte, ich bin ja der Eindringling, entschuldigen Sie — Grau, Vikar Grau.“ Er lächelte, verbeugte sich vor den jungen Mädchen, die steif wie Besen dastanden, vor den Männern und Frauen, den Dienstboten, ja vor den Hunden. An die Hausfrauen hatte er nach dem ersten Anliegen noch ein zweites. Nachdem er sie mit Worten, Entschuldigungsformeln, Redensarten und Sprichwörtern, die er selbst erfand, allen erdenklichen Liebenswürdigkeiten genügend bearbeitet hatte, um sie für sein erstes Anliegen günstig zu stimmen, rückte er noch mit einem andern heraus. Ja, nämlich, wo sie Eier, Butter und Schmalz bezögen? Es wäre am Platze, diese Eierhändlerin auch anderweitig zu unterstützen. — „Darf ich Ihre Adresse in dieses Notizbuch schreiben, wie? Die Frau wird sich erlauben, zu Ihnen zu kommen, ich habe alles mit ihr besprochen. Gut!“

Er hatte überall Erfolg. Die Leute waren anfangs ein wenig erstaunt, aber gegen so viel Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit konnten sie nicht aufkommen. Dann waren es auch Graus Augen, die sie alle ansehen mußten. Wie merkwürdig, dieser Mensch hatte goldene Augen. Auch seine Weise dazustehen, zu plaudern, zu lächeln, so unerhört herzlich, frei und fein — sie zeichneten!

Das Gerücht ging vor ihm her und er fand sie alle vorbereitet; die Türen waren entweder verschlossen oder sie öffneten sich sofort, als ob man dahinter gewartet habe. Fräulein Karola Sperling, die Modistin, die in der Stadt die „ewige Braut“ hieß, ließ ihn sogar durch ein Mädchen bitten, bei ihr vorzusprechen. Sie sah aus wie ein junges Mädchen und hatte weißblondes Haar, ihre Manieren waren verschämt und kokett und doch war sie über fünfzig Jahre alt. Ihr weißblondes Haar war an den Schläfen schneeweiß. Sie hatte den Bräutigam im Kriege verloren und trauerte seitdem um ihn. Sie erzählte Grau ihre ganze Lebensgeschichte, ein trauriges Idyll; sie zeigte ihm auch das Bildnis des Bräutigams, eines Offiziers, während sie lächelte und eine Träne verbarg. Zuletzt zeichnete sie dreißig Pfennig, nicht ohne zu erröten. Grau dankte ihr aufs herzlichste und hätte ihr am liebsten die Hand geküßt.

Ein feister, glänzender Herr mit einer großen Zigarre im Munde, die das ganze Zimmer mit Rauch angefüllt hatte, wies ihn dagegen kurz ab. Er gab prinzipiell nichts.

„Wieso?“

„Ja, zum Teufel — Pardon! — aber ich bin ein Feind von all diesen Dingen, Almosengeben und Unterstützungen und so weiter,“ sagte er und paffte, so daß er nahezu in der Rauchwolke verschwand!

„Ah!“ sagte Grau schüchtern. „Ich bitte um Entschuldigung, wenn es brennt, so nimmt man Wasser und löscht und denkt nicht weiter. Man kann nicht weniger geben als Geld, mein Herr, glauben Sie mir. Ich habe einen Mann gekannt, der bei keinem Juden etwas kaufte, ja niemals mit einem Juden sprach — ebenfalls aus Prinzip! Was sagen Sie dazu? Hahaha! Aber könnten Sie nicht eine Ausnahme machen — diese unglückliche Eierhändlerin —“

„Ich habe weder mit Ihrem Manne noch mit der Eierhändlerin etwas zu tun!“

„Mehr als Sie glauben!“ Grau setzte sich auf einen Stuhl, obgleich ihn der feiste, glänzende Herr nicht zum Setzen aufgefordert hatte. „Weit mehr, als Sie glauben. Ich habe beobachtet, daß eine Schwalbe in einer Dachrinne festgeklemmt wurde, nun kamen hunderte von Schwalben —“ begann er lächelnd.

„Ich bin aber keine Schwalbe!“ unterbrach ihn der feiste Herr mit einer verzweifelten Gebärde und verschwand in der Rauchwolke.

„Mehr als Sie glauben, mein Herr!“ sagte Grau und stand auf. „Entschuldigen Sie, daß ich Sie in Ihrer Arbeit gestört habe. Vielleicht könnten Sie aber Ihre Frau Gemahlin oder Ihre Haushälterin dazu bewegen, Eier und Schmalz bei dieser armen Frau —“

Der Herr brach in ein zorniges Lachen aus. „Hier!“ sagte er. „Hier nehmen Sie drei Mark, basta. Aber meinen Namen lassen Sie hübsch aus dem Spiele!“ Er warf ärgerlich die Münze auf den Tisch.

Grau verneigte sich. „Also ungenannt sein wollender Wohltäter — gut, danke! Sehen Sie, wie recht ich hatte, Sie sind doch eine Schwalbe, trotzdem!“

„Ich gebe Ihnen diese Kleinigkeit da,“ sagte der Herr und stand auf, „ehrlich gesagt, um meine Ruhe zu bekommen. Das ist der wahre Grund, der wahre!“

„Das glauben Sie nur!“ sagte Grau, merkwürdig lächelnd.

Der dicke Herr stutzte; er griff sich an den Kragen, dann lachte er, und zwar ein komisches Gemisch von zornigem und vergnügtem Lachen.

„Ich war vielleicht etwas geradeaus!“ sagte er lachend und seine Mienen hellten sich mehr und mehr auf. „Aber es ist mein Prinzip, stets unverblümt zu sagen, was ich denke! Ich bin ein Feind aller Verzärtelung und alles Damenhaften! Hom, hom! Ich bin auch ein Feind der Damen, ehrlich gestanden, hahaha! Ich bin auch ein Feind aller phrasenhaften Entschuldigungen, verdamm’ mich Gott! Aber ich bitte Sie, zum Zeichen Ihrer Nachsicht — Ihrer — ein paar meiner Zigarren zu rauchen. Bitte, bitte!“

Grau wollte ablehnen, aber der feiste Herr schüttelte erregt den Kopf und fuhr so energisch in die Zigarrenkiste, daß es aussah, als ob er Grau alle Zigarren auf einmal geben wollte. Je tiefer seine Hand aber in der Kiste wühlte, desto mehr mäßigte er seine Erregung und als er die Hand zurückzog, befanden sich nur vier Zigarren darin; er legte sie vor Grau auf den Tisch, merkwürdigerweise jedoch blieb eine Zigarre in seinen Fingern hängen und wanderte wieder in die Kiste zurück.

Grau dankte, nahm zwei Zigarren und ging. Der Herr begleitete ihn hinaus, bis ans Stiegenhaus, und verneigte sich laut lachend.

„Also, ich bitte nochmals um Entschuldigung, ich bin zuweilen sehr reizbar — hahaha — auf Wiedersehen, Herr Grau!“ Er lachte noch in das Stiegenhaus hinein, als Grau schon das Haus verlassen hatte.

Grau kam auch zu dem Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals. Hier mußte er eine Tasse Kaffee annehmen. Der Schuhmachermeister versprach, die Schuhe der alten Frau kostenfrei auszubessern, zu sohlen, zu flecken, auch eine Filzsohle wollte er hineinlegen. Übrigens bezog er Eier und Schmalz schon von ihr.

„Vergessen Sie ja nicht, zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, neben dem ‚Elefanten‘, das alte Haus — er ist der reichste Mann der Stadt!“

„Auf keinen Fall!“

Graus Liste wuchs. Es ging die Straßen links hinunter und rechts herauf. Er vergaß kein Haus. Auf diese Weise lernte er die ganze Stadt kennen; er machte die Bekanntschaft von vielen liebenswürdigen Menschen; viele Güte, die sich in einem Lächeln verriet, viel Stolz und Feinfühligkeit, die sich in einem Verstecken des Blickes offenbarte, ja, selbst Adel, den Grau in einer kleinen Bewegung der Hand entdecken konnte. Versteckte Schönheiten und viel Sehenswertes, so daß er sich für die geringe Mühe überreich belohnt fühlte. Seine Laune wurde noch besser. Endlich kam er zum x-ten Male auf den Marktplatz und ging auf Eisenhuts Haus zu.

Da lag dieses Haus, in dem der reichste Mann der Stadt wohnte, inmitten all dieser gepflegten, gestrichenen und mit Schnitzwerk und Erkern gezierten Häuser, grau, elend und verwahrlost. Ein kalter Hauch ging von ihm aus. Der Bewurf war an vielen Stellen herabgefallen und die nackte Mauer blickte hervor, es war geschwärzt von Ruß und lange, schmutzige Regenspuren liefen vom Dache bis zum Erdgeschoß herab wie Tränenspuren über ein altes, schmutziges Gesicht. Kinder hatten Gesichter an die Wand gemalt und unter einem riesigen Kopf mit spitziger Nase und zwei kleinen Augen auf der gleichen Seite des Gesichtes stand geschrieben: „Ich bin der Geizhals Eisenhut, bembele bembum —.“ Von der Türe war die Farbe gesprungen und sie sah fleckig aus wie ein Pilz und so staubig, als hinge der ganze Staub vom letzten Sommer daran.

Grau zog an einem Glockenring und eine Glocke im Hause bellte wie ein alter, heiserer Hund. Grau läutete drei-, viermal, die Glocke bellte und klaffte, aber niemand öffnete.

Vor dem Nachbarhause stand der Schlächtermeister Keim unter der Tür des Ladens, dick und wohlgenährt, eine Kappe auf dem Ohr. Er stemmte die Fäuste in die Hüften und seinen Bauch erschütterte ein verhaltenes Lachen. Trotzdem es Winter war, glänzte er von all dem Fett, das er ausschwitzte, seine Schürze flatterte leicht und er erweckte durchaus nicht den Eindruck der Schwere trotz seiner Dicke. Er erinnerte an einen jener komischen Papierballone, die man zur Volksbelustigung an Jahrmärkten steigen läßt, und das Zittern des Bauches drückte gleichsam die Ungeduld des Ballons aus, in die Höhe zu segeln.

„Er ist da, er ist zu Hause!“ sagte der Schlächtermeister Keim und schon zitterte das Lachen in seinen dicken Backen. „Er ging soeben hinein.“

Grau läutete wieder.

„Unterdessen,“ sagte er zu dem Schlächtermeister, „ich komme in einer Angelegenheit, die nicht nur Herrn Eisenhut betrifft — Grau, Vikar Grau — Sie kennen diese alte Frau Sammet, diese Eierhändlerin, Herr Keim, nicht wahr, das ist Ihr Name — auf dem Firmenschild da —“

„Jawohl, Keim, so heiße ich.“

„Wer so prächtig aussieht wie Sie — hier ist die Liste — deswegen wird kein Auge weniger auf der Suppe schwimmen —“

In dem Gesichte des Schlächtermeisters, der vor Wohlgenährtheit nahezu platzte, verschwand augenblicklich jede Spur von Fröhlichkeit, ja, er sah plötzlich betrübt aus. Er hatte in letzter Zeit soviel gegeben, daß er wirklich nicht mehr konnte. Er rückte die Kappe vor, um sich hinterm Ohr kratzen zu können. Jeden Tag käme etwas Neues.

Grau sah ihn an und lächelte. „Aber wer so gütig aussieht wie Sie?“ sagte er. „Ich glaube ja gerne, daß Sie in der letzten Zeit stark in Anspruch genommen wurden, aber das ist doch ein besonderer Fall, nicht wahr?“

„Jeder Fall ist eben besonders.“ Der Schlächtermeister steckte die Hände in die Hosentaschen und schaukelte leise auf den kurzen schwammigen Beinen hin und her.

Grau lächelte. „Erlauben Sie,“ begann er von neuem, „würden Sie sich zu einer kleinen Gabe entschließen können, wenn ich Ihnen einen Scherz erzählte, über den Sie herzlich lachen müssen und den Sie Ihr ganzes Leben — ich sage, Ihr ganzes Leben lang nicht mehr vergessen?“

Herr Keim bemühte sich ein ernstes Gesicht zu machen.

„Das kommt darauf an!“ sagte er und spuckte gleichgültig in den Schnee.

Grau sagte lächelnd: „Hören Sie, Sie heißen Keim, aber wenn Sie schon Keim heißen, so muß man zugeben, daß der Keim hübsch aufzugehen verspricht!“

Der dicke Fleischer brach augenblicklich in ein lautes Gelächter aus. Er hielt den hüpfenden, dicken Bauch mit den beiden Händen und schüttelte sich.

„Hahaha!“ lachte er und hustete, „hahaha!“

Grau wippte mit der Liste und Herr Keim gab zwei Mark.

Da rasselte etwas an der alten fleckigen Haustüre und ein Guckfensterchen, nicht größer als eine Streichholzschachtel, fiel herab.

Dieses Geräusch des herabfallenden Fensterchens kam Grau bekannt vor. Und nun schien es ihm, als ob er dieses Guckfensterchen selbst schon vorher gesehen hätte.

Ein Auge funkelte in dem Guckloch und eine zaghafte, hohe Fistelstimme fragte:

„Wer ist da?“

„Ist Herr Eisenhut zu Hause?“

„Nein!“ antwortete die Fistelstimme und Grau glaubte ein feines Kichern zu hören.

„Wann kommt er denn zurück?“

„Er ist verreist!“ Das Guckfensterchen schloß sich wieder.

Grau verließ die Türe mit einer eigentümlichen Empfindung. Wie merkwürdig! dachte er und die Fistelstimme klang ihm noch lange im Ohr, während er die Jungferntreppe hinaufstieg, eine Art von schmalem Kamin, der zwischen kahlen Hauswänden und Gartenmauern zur Höhe führte. Er wollte im Schlosse vorsprechen, jenem weißen Herrschaftshause, das er heute von seinem Fenster aus gesehen hatte.

Er ging durch den weiten Park, dessen Bäume so hoch waren, daß er sich winzig klein dagegen vorkam, und sann darüber nach, wo er das kleine Guckfensterchen schon gesehen habe. Jenes Geräusch, das es beim Herabfallen verursacht hatte, verfolgte ihn hartnäckig. „Es ist doch höchst einerlei,“ sagte er vor sich hin, „wo ich solch ein Guckfenster schon gesehen habe, was liegt viel daran? Aber trotzdem, trotzdem! Ich habe dieses Guckfenster schon gesehen oder vielmehr gehört, das ist es.“ Er schüttelte den Kopf und stand vor dem weißen Hause. Nun erst sah er, daß ein Flügel des Herrschaftshauses eingeäschert war bis auf den Grund. Die Brandstätte war abgeräumt, Gerüststangen waren eingerammt, aber man sah keine Handwerksleute.

Er stieg die Treppe hinauf, öffnete die schwere Türe und stand plötzlich vor einem pechschwarzen Neger, der eine Laterne auf dem Kopfe trug.

„Ach,“ ging es ihm durch den Kopf, „jetzt erinnere ich mich! Ich habe dieses Guckfensterchen schon gesehen in einem Hause, in dessen Flur eine alte Holzfigur stand, ein Heiliger. Die Arme des Heiligen waren abgeschlagen. Aber wo, wo denn?“

Der pechschwarze Neger war aus Bronze und von der Laterne hingen schwere Messingketten herab. Grau wollte eben an einer Türe pochen, als ein Diener hinter ihm fragte, was der Herr wünsche. Die Jacke des Dieners war gestreift und erinnerte an das Fell eines Zebras. Der Diener öffnete die Türe eines kleinen Salons und bat Grau zu warten.

Der Salon wurde von einem Sonnenstrahl erhellt, der sich durch die Gardinen zwängte. Die Möbel waren hell und niedrig und standen auf zierlichen weißen Beinen.

Grau wartete und wagte nicht zu atmen, so still war es hier und so vornehm. Er hätte sich gerne geräuspert, aber das ging wohl nicht gut hier. Da hörte er einen gedämpften Schritt und eine junge Dame erschien in der Türe.

Sie nickte und fragte: „Womit kann ich Ihnen gefällig sein?“ Sie sprach höflich aber kühl.

Grau erwiderte nichts. Er sah die junge Dame an. Sie hatte auffallend reiches Haar von tiefschwarzer Farbe und war von fremder, stolzer Schönheit. Sie stand im Schatten und ihr Gesicht sah lang und bleich aus. Ihre Augen waren klar und ernst. Aber das Merkwürdige daran war, daß sie heller aussahen als selbst die blassen, langen Wangen. Das kam von den schwarzen wie Atlas glänzenden Haaren, die fast die ganze Stirn bedeckten und von den langen glänzenden Wimpern, die die Augen einsäumten. Etwas von dem Glanze, der Kerzenlicht bei Tag eigen ist, war in diesen Augen.

„Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr?“ wiederholte das Mädchen.

Grau brachte hastig seine Bitte vor, und die junge Dame erwiderte, daß sie mit ihren Eltern sprechen werde und ihm Bescheid zugesandt werden würde.

Grau verbeugte sich und sah noch einmal in dieses schöne, regungslose Gesicht und ging. Er vergaß ganz mit seiner Liste herauszurücken und zu fragen, wo die Herrschaften Eier und Schmalz bezögen.

Er ging rasch durch den Park hindurch und war so erregt, daß er nichts sah und nichts hörte, bis er wieder auf dem Marktplatze stand.

„In welche Stadt bin ich doch da geraten!“ flüsterte er. „Zuerst diese Sache mit dem Guckfensterchen und nun dieses Mädchen. Ich habe ja dieses Mädchen schon einmal gesehen, irgendwo und irgendwann, ich erinnere mich deutlich an dieses Gesicht und diese sonderbaren Augen.“

Er eilte weiter und erst nachdem er bis zum Flusse hinabgelaufen war, fiel ihm ein, daß er noch einen Besuch hatte machen wollen.

Achtes Kapitel

Grau sprach bei Frau Bezirksamtmann Häberlein vor, wo das Dienstmädchen zuletzt gedient hatte. Hier hielt er sich längere Zeit auf.

Die Frau des Hauses, eine Dame mit breiten Hüften, schmaler, fast zierlicher Büste, porzellanartigem Teint und viel äußerlicher Vornehmheit, empfing ihn mit übersprudelnder Herzlichkeit im Salon. Ihre Stimme bimmelte immerfort wie ein kleines helles Glöckchen, besonders hell, wenn sie lachte; sie konnte aber auch und zwar ganz unvermittelt, Teilnahme, Mitleid, Resignation, Ergebenheit, Schmerz, Trauer und sogar Verzweiflung ausdrücken, um gleich darauf wieder in Heiterkeit zu erklingen.

Frau Häberlein verheimlichte nicht, daß sie ein wenig verletzt sei, da Grau so spät erst zu ihr komme. Als Frau des Bezirksamtmannes spielte sie die Rolle einer Königin in der Stadt und jeder ankommende Beamte beeilte sich ihr augenblicklich unter tiefen Bücklingen seine Ergebenheit zu Füßen zu legen. Aber als Grau ihr mitteilte, daß er absichtlich zuletzt zu ihr gekommen wäre, um sich über das unglückliche Mädchen näher zu erkundigen, erklang das kleine Glöckchen ihrer Stimme um so lebhafter und heller. Mit Vergnügen!

Sie begann sofort eifrig zu sprechen, schien aber merkwürdigerweise Graus Anliegen zu vergessen. Sie sprach von ihrem Gatten, ihrem Vater — sie war von adeliger Abkunft — eine Menge Offiziere in bunten Uniformen und mit ordengeschmückter Brust tauchten auf, besonders ein General, ein Onkel von ihr, erfreute sich ihres Interesses, und schließlich wimmelte es in ihrem Gespräche von Herren und Damen wie in einem Ballsaal. Sie plauderte ohne Pause, mit vor Liebenswürdigkeit und Eifer glänzenden Augen, die sie nur gelegentlich von Grau abwandte, um sie einem schrägen Wandspiegel zuzuwenden, in dem sie sich selbst sprechen sehen konnte. Wie man einen Hasen mit Speck verziert, so war ihr Gespräch mit Worten und Zitaten aus allen lebenden und toten Sprachen gespickt.

Glücklicherweise mußte sie niesen und es gelang Grau ihr ins Wort zu fallen. Er erfuhr nun die näheren Umstände der Katastrophe, Einzelheiten aus dem Leben des Mädchens, nichts wesentlich Neues.

Ja, sie sei ein braves, ein sehr fleißiges Mädchen gewesen, ordentlich, reinlich, sparsam, ehrlich, frohsinnig — mit einem Wort — es sei sehr, sehr schade, daß sie so traurig enden mußte.

„Man sagt, ein Fleischergeselle soll der Vater ihres Kindes sein?“

Wie unangenehm ihr die ganze Angelegenheit sei — wie peinlich — bei all dem Bedauern mit dem armen Mädchen, natürlich — kein Mensch könne sich vorstellen — wie peinlich ihr die Angelegenheit sei. „Ja, so sagen die Leute, der Bursche aber leugnet es.“

„Er wollte wohl nichts mehr wissen von ihr?“

„Nicht eigentlich das. Er wartete oft stundenlang vor der Haustüre — Margarete klagte oft darüber — er belagerte das Haus, so daß ich meinen Gatten aufforderte es ihm zu untersagen.“

„In den letzten Monaten wartete er?“

„Ja, sogar in den letzten Wochen.“

Grau versank in Nachdenken. „Das ist sehr merkwürdig,“ sagte er. Er dachte nach und erinnerte sich erst wieder, wo er war, als Frau Häberlein sich leise räusperte.

„Entschuldigen Sie, gnädige Frau,“ sagte er, „darf ich noch fragen, wie lange das Mädchen in Ihrem Hause gedient hat?“

„Ein halbes Jahr. Genau ein halbes Jahr.“

„Und vorher?“

„Bei Herrn Eisenhut. Ach, solch eine heikle und penible Angelegenheit!“

Grau erhob sich. „Entschuldigen Sie die lange Störung, gnädige Frau!“ Er verbeugte sich. „Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet für Ihre gütige Aufklärung.“ Er ging, aber unter der Türe wandte er sich zurück und sagte: „Noch eine Frage, verzeihen Sie gütigst. Von welcher Farbe waren die Augen des Mädchens?“

Frau Bezirksamtmann Häberlein lächelte und sagte mit feiner Stimme, sie bedaure, so genau pflege sie ihre Dienstmädchen nicht zu betrachten.

„Ja, entschuldigen Sie gütigst. Aber Sie mußten es ja sehen, ohne zu wollen. Waren die Augen braun oder grau oder blau, erinnern Sie sich nicht?“

„Wenn ich mich recht erinnere, so hat sie braune Augen gehabt, dunkelbraune Augen, die im Dunkeln schwarz und glänzend aussahen. Sicherlich waren sie braun, ja, ich glaube ganz sicher zu sein.“

„Das stimmt mit der Aussage der Mutter des Mädchens überein,“ sagte Grau. „Danke.“

Die Sammlung hatte eine hübsche Summe eingebracht, Grau war zufrieden und lachte in sich hinein. Ordentlich habe ich abgegrast, dachte er. Er ging geradeswegs ins Waisenhaus.

Die Schwestern empfingen ihn mit wenigen feierlichen und gütigen Worten in den stillen Räumen, in denen sie sich ohne Laut bewegten. Er gab das gesammelte Geld ab, die eine Hälfte bestimmte er für die alte Frau, die andere Hälfte bat er für die Verpflegung des Kindes zu verwenden.

„Kann ich das Kind sehen?“ fragte er.

„Oh, recht gern können Sie das,“ lispelten die Schwestern und er sah das Kind. Er betrachtete es lange und aufmerksam. „Es kann ein schönes Kind werden,“ sagte er, „was für kluge, hellgraue Augen es doch hat! Ist es nicht auffallend zierlich gebaut? Aber es sieht kränklich aus, oder täusche ich mich?“

Ja, der Arzt sei ebenfalls nicht zufrieden, es liege an der Amme. Eine Schlossersfrau habe sich erboten, das Kind zu nähren, aber sie sei brustleidend.

„Nein, das geht freilich nicht. Ich werde nachfragen. Sie haben niemand im Hause, der das Kind stillen könnte?“ fragte Grau.

Die Schwestern lächelten und erröteten unter der weißen Haube. „O nein,“ flüsterten sie.

Grau sah sie erstaunt an. Dann errötete auch er und machte sich eiligst davon. „Du bist doch der größte Dummkopf der ganzen Welt,“ sagte er zu sich und lachte in sich hinein.

Am andern Morgen besuchte er zum Erstaunen der Leute alle drei Hebammen, die es am Platze gab, um nach einer geeigneten Amme zu fragen. Er war den halben Tag unterwegs, bis es ihm gelang, eine Magd dazu zu überreden, sich des verwaisten Kindes anzunehmen. Die Magd war derb und stark, sicherlich gesund und nach Graus Meinung imstande zwei, drei Kinder spielend zu stillen. Die Magd erklärte sich nach langem Sträuben bereit, aber nun stieß er unerwartet auf Schwierigkeiten bei der Dienstherrschaft.

Das waren zwei alte Leutchen, ein alter Rentier und seine Gattin, und sie wollten die Erlaubnis nicht hergeben. Sie waren ohnedies ärgerlich, daß das Mädchen, eine Verwandte von ihnen, in ihrem Hause geboren hatte, und wollten nicht, daß es noch weiter bekannt wurde als es schon war. Sie blickten einander an, der Alte, der eine Kappe mit einer Quaste auf dem kahlen Schädel trug, und seine Frau, eine verschrumpfte Greisin mit schneeweißem störrischen Haar und pfiffigem Lächeln, und sagten nein, ein für allemal nein. Da saß denn Grau zwei geschlagene Stunden auf einem harten Sofa und führte die Unterhandlung mit den beiden Alten, die noch dazu schwerhörig waren. Der Greis beschäftigte sich damit, aus einem Topfe Mehlwürmer hervor zu suchen für ein Rotkehlchen, das lustig in seinem Bauer trillerte. Dann zerdrückte er Hanfkörner mit einem Bügeleisen. Die Greisin tat nichts, sie saß da und blickte pfiffig lächelnd auf Grau.

Grau gab sich alle erdenkliche Mühe, aber die Alten rührten sich nicht. Endlich sagte der Alte mit der Quaste: „Wir sind ja katholisch, mein Herr, das Dienstmädchen aber ist ja protestantisch gewesen.“

Grau lachte. „Aber, du gütiger Himmel.“

Nun wollte der Greis den wahren Grund sagen. Er sagte: „Das wäre es ja nicht, Herr, aber es wird so bekannt — so bekannt überall — und wir wollten in aller Stille Gras über das Kind unserer Verwandten wachsen lassen.“

„Gut! Aber man muß sich doch des verlassenen Kindes annehmen, nicht wahr?“

Oh, da gebe es ja die schwere Menge, sagte die Greisin und lächelte pfiffig.

„Ganz einerlei! Man muß sich jedes einzelnen Kindes annehmen. Da ist nun der Herr beschäftigt, Hanf zu knacken und er hat extra Mehlwürmer gezüchtet und richtet jeden einzelnen her für sein Rotkehlchen wie einen Braten, man kann recht gut beobachten, mit welcher Sorgfalt er es tut — und nun ein Kind! Ein Menschenkind! Vielleicht wird etwas Besonderes aus ihm — das ist wie eine Lotterie, vielleicht ist es ein Treffer.“

Man gewinne nie etwas. Der Alte mit der Quaste gluckste. Er band sich eine grüne Schürze um und begann Schleißen zu schnitzen.

„Oh, erlauben Sie recht sehr, ich habe bei einem Tischler gewohnt, der gewann das große Los — er hat jetzt ein Karussell und ein Wachsfigurenkabinett, zieht umher und bläst die C-Trompete“ — nein, vielleicht sei es nur ein kleiner Treffer, oder gar kein Treffer, man müsse sich des Kindes unbedingt annehmen.

Die Alten sahen einander an, lächelten, glucksten und sagten: „Nein!“

Grau wechselte das Thema. Er sprach über alles mögliche, über die Zucht von Mehlwürmern und die Lebensweise der Rotkehlchen, über die Verkehrsverhältnisse in früherer Zeit und was für eine Sache das doch gewesen sei, mit Zunder und Stein Feuer zu machen. Die Alten lachten und glucksten und machten es ihm vor. Sie konnten es, ja, das war eine Freude, es zu sehen! In der ganzen Stadt gibt es vielleicht keinen mehr, der es kann! Alterchen ging, um Kaffee aufzutischen, das andre Alterchen nahm die grüne Schürze wieder ab, nachdem es genug Schleißen zum Anschüren geschnitten, und brachte aus einem Schranke ein Gläschen mit Öl, ein paar alte Schlüssel und krumme Nägel und ölte all das mit einer Taubenfeder behutsam ein.

Grau erkundigte sich, ob sie Söhne oder Töchter hätten. Ja, das hatten sie, einen Sohn, zwei Töchter. Nun wollte Grau gerne wissen, wo sie lebten, wie sie lebten, ob sie gesund und glücklich seien, welchen Beruf der Sohn und die Schwiegersöhne hätten, jede Kleinigkeit. Aber ehe sich’s die beiden Alten versahen, sprang Grau auf die Enkel über, ja, diese Enkelchen, nicht wahr? Sechs, oh du meine Güte! Die Greisin ging und brachte Photographien herbei und der Greis putzte sich die Hände an einer Zeitung, einem Ballen Putzwolle und einem wollenen Lappen und entnahm dem Schubfache ein Vergrößerungsglas, denn er mußte nun die Enkel ebenfalls genau sehen.

Grau fragte, wie alt die Enkel seien, wann sie geboren seien, ob sie krank waren, er mußte alles genau wissen. Er sah die Bilder an, lobte den trotzigen Zug eines Knaben, über den kleinen Zopf der Enkelin Babettchen wurde er ganz außer sich vor Freude. Er besang diese Enkel. Ja, so klug, so gesund, so blühend —

Die beiden Alten kicherten und glucksten.

Plötzlich sagte Grau: „Also, wie steht es jetzt mit der Amme? So ein armes, verwaistes Kindchen, nicht wahr?“

Die Alterchen erschraken — denn jetzt konnten sie ja nicht mehr, sie konnten nicht — sie sagten: „Ja.“

Grau schüttelte ihnen die Hände. Der Alte nahm die Kappe mit der Quaste ab und ließ es sich nicht nehmen, Grau an die Türe zu begleiten; sein kahler Schädel glänzte wie ein Feuerwehrhelm.

„Da fällt mir noch etwas ein,“ sagte Grau, „könnten Sie nicht im Frühling Ihr Rotkehlchen fliegen lassen, zum Beispiel?“

„Wie?“

Neuntes Kapitel

Als Grau nach Hause kam, warteten drei Leute auf ihn. Zwei Dienstmädchen, die Geld brachten, das die Herrschaft gezeichnet hatte; dann stand noch eine kleine, elend aussehende Frau da, die ihn zu sprechen wünschte.

Sie war die Frau eines Flickschneiders, ihr Mann war krank und dazu waren noch fünf Kinder zu erhalten. Sie hatte nun gedacht, vielleicht könnte Herr Grau ihr helfen.

Grau freute sich über ihr Vertrauen. „Ich danke Ihnen!“ sagte er und drückte ihr die Hand und seine Augen leuchteten. „Bitte, treten Sie ein!“ Er plauderte mit der Frau, der es offenbar Erleichterung verschaffte, ihm ihr Herz auszuschütten. Sie war sehr arm, der Kranke hatte nicht einmal ein ordentliches Bett. Grau ermutigte sie und sprach mit ihr wie ein Freund. Dann ging er in die Küche hinaus, wickelte etwas Geld in Papier und übergab es der Frau. „Ich werde morgen früh kommen,“ sagte er. „Sagen Sie keinem Menschen etwas davon,“ fügte er flüsternd hinzu, „und kommen Sie heute abend mit einem Karren zu mir, ich habe den ganzen Keller mit Holz gefüllt. Auch ein Bettstück will ich Ihnen geben, es muß natürlich unter uns bleiben, denn die Sachen gehören ja zum Hause und nicht mir, es muß ganz im geheimen geschehen.“

Grau machte Feuer und packte eine Bücherkiste, die eingetroffen war, und den roten Reisesack aus. Das nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Die Bücher stellte er, ohne sie anzusehen oder zu ordnen in ein Gestell, der rote Reisesack enthielt nur weniges. Ein alter Anzug, etwas Wäsche, ein Pack beschriebener Papiere, Hefte, zwei zusammengerollte Bilder, ein Glasprisma, eine Tabakspfeife, eine verkorkte Flasche Rotwein und verschiedene Kleinigkeiten. Die Flasche Rotwein, die ihm ein Freund, ein Gefängnisdirektor, auf die Reise mitgegeben hatte, stellte er in die Ecke, die Tabakspfeife stopfte er und setzte sie in Brand. Die Pfeife war von jener Art, wie Jäger und Bauern sie rauchen. Der Kopf einer Gemse war auf den Porzellankopf gemalt.

Die Pfeife war kaum richtig im Gange, als es klopfte und der Fleischergeselle Anton Hammerbacher eintrat. Er war ein dicker, kleiner Mensch, trug eine Bluse, eine aufgerollte Schürze und gestickte Hausschuhe. Sein Gesicht war rund und freundlich, seine Backen leuchteten wie rote Äpfel, aber seine kleinen dunklen Augen waren scheu und verschlagen. Auffallend an ihm war, daß er immerfort den Mund zu einem breiten Lächeln verzog und sich vergeblich abmühte, ein ernstes Gesicht zu machen. Seine Hände waren vor Kälte aufgesprungen und das rote Fleisch sah hervor.

Er sagte, daß er hierher käme, weil es nicht mehr auszuhalten sei. Sie hätten ihn fast totgeschlagen, niemand verkehre mehr mit ihm, aus dem Kegelklub hätten sie ihn gestrichen und der Metzgerverein habe ihn ausgestoßen.

Grau rauchte die Pfeife. „Setzen Sie sich, bitte, nehmen Sie Platz,“ sagte er, indem er den Burschen von oben bis unten musterte. „Es ist mir sehr angenehm, daß Sie kommen, wenn ich offen sein will, ich habe Sie auch erwartet. Wenn Sie nicht gekommen wären, so hätte ich Sie aufgesucht. Sie haben ein Verhältnis mit Fräulein Margarete Sammet gehabt, nicht wahr?“

„Ja.“

„Wann hat es geendet?“

„Vorige Weihnachten.“

„Gut. Und warum? Haben Sie es abgebrochen oder das Mädchen? Erzählen Sie mir, wie es herging. Und erlauben Sie mir, daß ich unterdessen diese Sachen hier in Ordnung bringe. Sie können ganz frei reden, denn es wird alles unter uns bleiben, ich gebe Ihnen mein Wort.“ Grau streckte ihm die Hand hin.

Der Bursche mit den rotleuchtenden Backen begann zu erzählen. Grau unterbrach ihn.

„Ein Wort noch,“ sagte er. „Sie können mir alles sagen und Sie dürfen sicher sein, einen Freund und Ratgeber in mir zu finden. Lügen Sie nicht, denn es ist so lächerlich zu lügen und auch ganz und gar unsinnig, denn ich fühle es ja sofort, ich höre es am Ton Ihrer Stimme. Nun, bitte!“

Grau nagelte die zwei Bilder, die sich im Reisesack gefunden hatten, an die Wand, während der Bursche erzählte. Das eine Bild war ein Farbdruck nach einem wenig bekannten alten Niederländer; es stellte einen Heiligen dar, der in einer Landschaft saß und dachte. An seiner Seite saß ein kleines weißes Lamm. Der Heilige hatte den Kopf in die rechte Hand gestützt und sein Gesicht zeigte einen so tiefen Ausdruck des Nachdenkens, daß es nahezu idiotisch erschien. Aber gerade dieses nachdenkliche, nahezu idiotische Gesicht liebte Grau an dem Bilde. Er liebte auch die nackten Füße des Heiligen, sie waren unschön, eckig, die Zehen aufwärts gestellt; aber auch diese Füße schienen nachzudenken. Nach Graus Meinung war dieses Bild eines der größten Meisterwerke psychologischer Darstellung. Das andere Bild war eine Radierung von Klinger, die Grau irgend einer Zeitschrift entnommen hatte: Ein nackter Jüngling, der mit verhülltem Gesicht vor dem offenen Meere im Grase kniet. Es war betitelt: An die Schönheit.

„Das heißt, sie fing an das Feine zu lieben, ist es nicht so?“ wandte sich Grau an den Burschen.

„Ja,“ sagte der Bursche. „Sie sagte, ich rieche wie das Schlachthaus. Sie kaufte mir einen Hut, weil ihr meine Mütze nicht gut genug war, sie konnte auch meine Bluse nicht mehr leiden. Ich habe mir dann alles neu gekauft, aber sie wollte trotzdem nichts mehr wissen von mir.“

„Man hat Sie aber im Sommer noch und im Herbst mit dem Mädchen gehen sehen, was sagen Sie dazu?“

Das sei wahr. Sie habe ihm einmal zugerufen auf der Straße, wie es ihm gehe. Darauf habe er sie gefragt, ob es nicht wieder wie früher zwischen ihnen sein könne.

„Was hat sie darauf geantwortet?“

„Sie hat gesagt, sie wolle es mir bald sagen.“

„Hat sie wirklich bald gesagt?“

„So ähnlich. Sie kann auch bald gesagt haben.“

„Und das nächste Mal, sagte sie es da?“

Der Bursche schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er, „aber sie war sehr gut zu mir. Ich habe mit ihr unter der Türe gesprochen. Es war ein sehr schöner Abend und ich sagte, ob wir nicht ein wenig spazieren gehen könnten. Wir gingen bis ans Tor aber da blieb sie stehen und sagte, sie müsse heim. Ich wußte nicht, was sie hatte. Sie weinte auch ein wenig.“

„Sie verstanden sie nicht mehr?“

„Nein.“

„Damals war sie schon sehr unglücklich!“ sagte Grau und nickte. „Verzweifelt war sie damals schon. Sie dachte, vielleicht kann er mir helfen, aber trotzdem sie schon ganz verzweifelt war, tat sie doch nichts Unehrenhaftes. Sie haben keine Unwürdige geliebt, mein Freund. Aus all dem, was mir die Leute erzählt haben, konnte ich mir ein Bild von Fräulein Sammet machen. Sie hätten wohl alles für sie getan?“

„Ja!“

Grau nickte. „Das ist schön von Ihnen und macht Ihnen alle Ehre. Halten Sie das Gedächtnis der Toten hoch!“

Plötzlich nun zog Grau einen Ring mit einem winzigen blauen Stein aus der Westentasche und hielt ihn Hammerbacher dicht unter die Augen. Er sah den Burschen mit scharfen, eigentümlichen Blicken an. Der Bursche saß verblüfft und sah fast erstarrt zu Grau empor.

Grau lächelte unmerklich.

„Ich habe schon mit ganz anderen Leuten gesprochen,“ sagte er leise und ließ den Burschen nicht aus den Augen, „mit Verbrechern und Mördern, aber sie konnten mir nicht auskommen, sie mußten die Wahrheit sagen. Und nun, haben Sie den Ring dem Mädchen gegeben? Sie wissen ja von welcher Bedeutung dieser Ring ist. Nun? Nein? Gut!“

Grau steckte den Ring wieder in die Westentasche, er lächelte und klopfte Hammerbacher auf die Schulter. Er fuhr in verändertem Tone fort: „Ich will Ihnen sagen, was ich denke, mein Freund. Wir brauchen kein Wort mehr über diese Angelegenheit zu sprechen. Ich habe das und jenes gesagt und gefragt um Sie zu prüfen, um ganz sicher zu gehen. Sie sind unschuldig, absolut unschuldig. Fräulein Sammet hätte sich ja auch nicht das Leben genommen, wenn Sie der Vater des Kindes wären. Es ist vielmehr so, irgend einer hat sie beschwätzt, einer aus einer höheren Schichte der Gesellschaft. Sie hat ihn geliebt, auch das weiß ich, ich sage Ihnen nicht, wieso ich es weiß. Und er, ein roher, ungebildeter Patron, hat das Mädchen auf dem Gewissen. Ich sah mir zum Beispiel auch Ihre Augen an, Herr Hammerbacher — aber das hat ja wenig zu sagen, ich könnte mich ja allein schon auf mein Gefühl verlassen. Ihre Nähe macht mich weder unruhig noch zweifelnd! Ich will Ihnen sagen, ich war früher Gefängnisprediger und Dutzende von Gefangenen haben mir geschworen, daß sie unschuldig seien. Sie haben geweint, sich fromm gestellt, wahnsinnig gestellt — man fühlt aber nur zu deutlich was Wahrheit und was Lüge ist. Aber hören Sie, unter diesen vielen Dutzenden war einer, der wirklich unschuldig war. Sein erster Blick sagte es mir! Er sollte zehn Jahre absitzen wegen eines Verbrechens, das er nicht beging — er ist nun frei. Doch, das alles gehört ja nicht hierher, ich will Ihnen nur sagen, daß von meiner Seite nicht der geringste Verdacht auf Sie fällt und daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht, um Ihre Ehre zu verteidigen!“

Der Bursche verzog den Mund und zeigte seine großen schaufelförmigen Zähne.

Grau stopfte die Pfeife und steckte sie in Brand. Er setzte sich Hammerbacher gegenüber und sagte in vertraulichem Tone: „Nun sollen Sie mir aber einiges erzählen. Sie wissen ja, ich bin erst wenige Tage hier und weder mit den Verhältnissen der Stadt noch mit den Menschen hier vertraut. Ich bin nun nicht gerade neugierig — aber ich habe meine Gründe — die Unterredung bleibt natürlich ganz unter uns. Das versprechen Sie mir. Wo hat Fräulein Sammet zuerst gedient?“

„Bei einem Wirt in Weinberg.“

Grau stellte einige Fragen. „Und hierauf?“

„Bei Herrn Eisenhut.“

„Gut. Was für ein Mann ist das doch, dieser Herr Eisenhut, der Steinbruchbesitzer? Ist er nicht eine Art Sonderling, es scheint mir so.“

Herr Eisenhut erfreute sich keineswegs eines guten Rufes. Trotzdem er zwölf große Steinbrüche besaß, war er sehr geizig. Er hatte die merkwürdige Angewohnheit, Holz- und Kohlenstücke auf der Straße zu sammeln und seine Jagdtasche war stets gefüllt mit Tannenzapfen, wenn er von der Jagd zurückkehrte. Seine Dienstboten hielt er knapp und meistens besorgte er sein Hauswesen selbst, um Ausgaben zu ersparen. Man sagte ihm nach, daß sein Sinn für Reinlichkeit nicht besonders entwickelt sei. Zu all dem kam noch, daß er ein Trinker war und oft des Nachts auf allen Vieren nach Hause kroch; zuweilen war er auch am lichten Tage betrunken und taumelte durch die Straßen, gefolgt von einer Menge Kinder, die Spottverse sangen. Seine Furchtsamkeit war bekannt, er konnte zuweilen nachts mit einem Revolver in der Hand durch sein Haus streichen.

„Er ist nicht verheiratet?“ fragte Grau.

„Ach nein!“ Hammerbacher lachte laut auf. „Keine mag ihn, trotzdem er so reich ist. Er hat auch einmal Margarete einen Antrag gemacht.“

„Unmöglich!“

„So wahr ich dasitze! Sie hat es mir selbst erzählt. Er sagte: Du sollst ein seidenes Kleid haben, eine Uhr, Ohrringe, einen Wagen und in acht Tagen wollen wir Hochzeit machen, diese Damen vom Tennisklub sollen vor Neid grün und blau werden.“

„Ah! Er hatte wohl schlimme Erfahrungen gemacht?“

„Er soll sich einen Korb geholt haben, ja. Aber auch Margarete mochte ihn nicht. Sie ging aus seinem Hause.“

Grau stand auf und ging ans Fenster. Wie merkwürdig und wie einfältig, nun hatte ihn plötzlich ein Gefühl der Rührung ergriffen. Aber was in aller Welt sollte denn Ergreifendes an dieser Erzählung sein?

„Er hat wohl keine Freunde, Herr Eisenhut?“ fragte er endlich.

„Doch, er hat schon Freunde, die kommen zu ihm um zu trinken. Sie trinken oft die ganze Nacht hindurch bei ihm, das ist in der Stadt bekannt, sie schreien und brüllen bis zum Morgen. Wenn ich ins Schlachthaus fahre, gehen sie heim, sie sind dann alle betrunken und schreien und lachen. Sie heißen sich: ‚Der goldene Zirkel‘.“

„Dazu ist er also nicht zu geizig? Wie soll man das verstehen?“

„Er schickt ihnen am andern Tag die Rechnung.“

„Tut er das?“

„Ja, Margarete hat immer die Rechnungen herumtragen müssen, aber sie haben nur gelacht und nie etwas bezahlt!“

„Was für Leute sind das, die bei ihm verkehren?“

„Das? Das sind immer die gleichen. Das ist ein Arzt, der Doktor Nürnberger, ein Jude, der dicke Professor Richter von der Realschule, ein Adjunkt von der Post, Kaiser heißt er, dann der junge Herr von Hennenbach, vom Schloß, Amtsrichter Leutlein, ein Rechtspraktikant Schmitt —“

„Nun ja, ja —“ unterbrach ihn Grau. „Die Herren sind wohl zumeist Junggesellen?“

„Ja, man kennt sie alle hier in der Stadt. Margarete hat mir genug von ihnen erzählt. Manchmal, wenn sie betrunken sind, da —“

Grau unterbrach ihn. „Ich will das nicht wissen,“ sagte er.

„Herr Eisenhut hat mir einmal fünf Mark angeboten,“ fuhr der Bursche fort, „dafür sollte ich die Herren alle durchprügeln.“

Grau lächelte.

„Ja, für fünf Mark wollte er, daß ich mich zwei Monate einsperren lasse!“ Hammerbacher lachte. „Sie treiben oft ihre Späße mit ihm und da wird Herr Eisenhut rasend vor Zorn. Einmal da drohten sie ihm ihn zu erschießen. Sie nahmen Gewehre und Revolver, die er hat, und Herr Eisenhut rannte in den Garten hinaus, aber sie umzingelten ihn. Er hat sie Diebe und Räuber genannt. Er schrie um Hilfe, da sagten sie, wenn du dich entschuldigst, so wollen wir dich diesmal noch laufen lassen. Aber du mußt auch das Notizbuch herausgeben.“

„Was für ein Notizbuch?“

„Wo er hineinschreibt, was sie ihm schuldig sind. Dann hat er ihnen allen die Hände küssen müssen und sie haben furchtbar gelacht. Am andern Morgen habe ich das Fleisch gebracht und Eisenhut hat mich gefragt, ob ich mir fünf Mark verdienen will.“

„Sie haben aber abgelehnt?“

„Ja.“

„Vielleicht hatten Sie nicht den Mut dazu?“ fragte Grau und rauchte lächelnd.

Der Bursche antwortete mit einem kühnen Blick.

„Ich? — Oh, was das anbetrifft — aber ich riskierte zuviel.“

„Ein wenig Prügel hätten die Herren wohl verdient,“ sagte Grau; „wenn Ihnen Herr Eisenhut aber hundert Mark angeboten hätte?“