Der Morgen rückte vor. Die Sonne wurde von grauen Wolken bedeckt; Regen fiel. Ein trauriger Wind zog leise klagend an den Fenstern vorüber. Dore saß jetzt am Krankenbett, strickend lauschte sie dem Wind und dem seltsamen Schnarchen des Kranken; in ihren Augen war eine dumpfe Angst vor der Zukunft. Plötzlich erwachte John und sah sie an – und verstand. »Du ziehst zu den Idioten, wenn ich tot bin,« flüsterte er. »Du kannst dir ja ein Mädchen halten. Der Vater wird dir ein Drittel meines Erbteils geben.«
»Aber Herr Johnche trautstes ...«
»Ruf ihn! Er soll es mir versprechen.«
Die Wärterin mußte gehorchen, und Herr Zarnosky kam, den Kamm in der Hand, herbeigestürzt. Er versprach alles, was John wollte, sich in der Bestürzung mechanisch weiterkämmend. Hustend und sich räuspernd, um seinen Schmerz und seine Rührung zu verbergen, starrte er dem Sohn wie gebannt ins Gesicht. »Möchtest du nicht was trinken?« fragte er einmal über das andere.
John schüttelte mit einem fremden Lächeln den Kopf.
»Champagner, wie?«
»Ich kann nicht mehr.«
»Na, es wird schon alles wieder besser werden,« sagte Herr Zarnosky mit rauher Stimme, und in diesem Augenblick hätte er alle seine andern Kinder hingegeben, wenn er John dafür zurückbekommen hätte, wie er vor zehn Jahren war. Sein Gewissen regte sich zum ersten Male laut und heftig diesem Ende gegenüber, er fühlte sich nicht mehr frei von aller Schuld beim Anblick seines sterbenden Sohnes. Und obgleich er sich sagte, daß vielleicht auch ein Stärkerer als er John gegenüber versagt hätte, so schien ihm nun doch nicht genug, was er um ihn getan hatte. »Nicht genug, nicht genug ...« das erhob sich wie ein Klingen in seinen Ohren, das nicht mehr enden wollte. »Hab' ich dich nicht immer gewarnt?« stieß er wie zu seiner Verteidigung unsicher hervor.
»Besser werden,« murmelte John, die Augen schließend.
Herr Zarnosky streckte die Hand aus und fuhr ihm mit ungeschickter, verzweifelter Zärtlichkeit über das Gesicht, dann drehte er sich wortlos um und ging, die Zähne zusammenbeißend, hinaus.
Abends gegen zehn verlangte John mit klaren Augen Champagner, und Dore beeilte sich, ihm das Gewünschte zu holen. Während des Trinkens riß er sich immer wieder am Halse, weil ihm das Schlucken sonderbar schwer fiel. »Will nicht mehr rutschen,« sagte er mit einer traurigen Grimasse. Dann legte er sich zurück, faltete die Hände und ließ wie in alten Tagen die Daumen umeinander laufen. Frau Kalnis holte ihr Strickzeug und setzte sich zu ihm ans Bett.
»Dore,« sagte er plötzlich, »war das alles: geboren werden, saufen und nun sterben?«
»Wie meinen Se, Herr Johnche?«
»Ich meine, ob das alles war, was ich erleben sollte?«
»Na–e ...« und mehr wußte sie nicht.
»Dann war mein ganzes Leben fünf Pfennige wert!« stieß John zwischen den Zähnen hervor.
»Aber vielleicht kommt doch noch etwas,« murmelte er dann. »Etwas muß doch noch kommen, es war doch noch so gar nichts, so gar nichts – – Vielleicht ist der Tod eine angenehme Überraschung,« setzte er mit Humor hinzu. Darauf sah er starr vor sich hin und sagte: »Vielleicht ist der Tod das einzige große Erlebnis im Leben der meisten Menschen.«
»Denken Sie auch an Gott?« fragte Frau Kalnis.
John hatte die Augen geschlossen und schwieg.
»Hörst du? Ach, hörst du?« murmelte er nach einer Weile.
»Ich her nichts,« entgegnete die Wärterin.
»Musik!« flüsterte er. »So traurig und so schön! Wie von vielen Wassern – – Wie von großen Wäldern – – Wie von Stürmen – – So schwer und so tief und so traurig schön!« Nach diesen Worten öffnete er rasch die Augen und sagte wie in einer plötzlichen Erleuchtung: »Weißt du, wozu ich gepaßt hätte, Dore?«
»Na?«
»Ich hätte Musik machen können.«
»Jewiß,« bestätigte die Wärterin, »was konnten Se doch bloß scheen d'n Flohwalzer spielen.«
John kicherte nervös vor sich hin; ein Kichern das wie ein Schluchzen klang. »Du hast es getroffen,« flüsterte er, »auf d'n Flohwalzer kommt es an.« Dann seufzte er tief und schloß die Augen.
Die Wärterin ließ ihr Strickzeug in den Schoß sinken und sah ihn an. Und es kam ihr vor, als verändere sich sein Gesicht, während sie ihn unverwandt anblickte. Sie saß wohl eine halbe Stunde so, das Strickzeug im Schoß. »Er jefällt mir gar nich,« murmelte sie, als Frau Zarnosky ans Krankenbett kam.
»Er schläft doch so schön,« sagte die Mutter.
Und die beiden Frauen standen und blickten stumm auf den Schläfer. Sie glaubten eine Ewigkeit so zu stehen, wie von unsichtbaren Mächten festgehalten. Draußen plätscherte der Regen, draußen war das Leben. Und im Zimmer war der Tod, das fühlten sie nun alle beide. John lag ganz still. Doch plötzlich wurde er unruhig: und während ein krampfhaftes Zucken durch seinen ganzen Körper lief und sein Gesicht sich verzerrte, schlug er die Augen auf und suchte mit großen, angstvollen Blicken die Mutter; er schien etwas sagen, etwas rufen zu wollen. Frau Zarnosky beugte sich tief zu ihm herab; aber er sagte nichts, konnte nichts mehr sagen. Sein Kopf sank ein wenig zur Seite, die Lider schlossen sich zur Hälfte über den glasig werdenden Augen – ein Röcheln, ein Ausstrecken, der Gesichtsausdruck wurde friedlicher – starr: John war tot.
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Albert Langen Verlag in München
Druck von Hesse & Becker in Leipzig
Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim
Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig
Hinweise zur Transkription
Der Schmutztitel wurde entfernt.
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Darstellung abweichender Schriftarten: gesperrt, Antiqua.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,
Seite 80:
"erikafarbenen" geändert in "erikafarbenem"
(mit erikafarbenem Schimmer über dem Hof)
Seite 92:
"sie" geändert in "Sie"
(Da täten Sie recht!)
Seite 95:
"uud" geändert in "und"
(ließ er den Kopf hängen und weinte)