The Project Gutenberg eBook of Der unendliche Mensch: Gedichte
Title: Der unendliche Mensch: Gedichte
Author: Arthur Drey
Release date: May 30, 2016 [eBook #52191]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Credits: Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net
ARTHUR DREY
DER UNENDLICHE
MENSCH
GEDICHTE
LEIPZIG
KURT WOLFF VERLAG
BÜCHEREI „DER JÜNGSTE TAG“ BAND 68/69
GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER IN WEIMAR
AUFBRUCH-MUSIK
Die Luft bebt wie ein Schall, der mir gebietet,
Daß ich die Düsterheit der Zeit zersprenge,
Daß alle Stirn, von Sonnen überblütet,
Zu einem lichten Menschentag gelänge.
Gesang von Worten, menschenheiliges Gut,
Die Harfe Ozean, der auferregt
Den Segler Erdgefährten, Strom und Blut
Der Pulse: — ist in meine Macht gelegt.
Wie wird mein Atemdasein heiß und schwer,
Wenn ich mich tief besinne in die Pflicht,
Daß ich der Sprache nachtumtostes Heer
Umfange im gesungenen Gedicht.
Doch wie ich leise, lauter, heller singe,
Erschwebt frohlockend meinem Licht und Blick
Ein Wissen: Daß ich in die Menschen dringe,
Mein Urwunsch Güte in das arme Glück.
Als sei ein Allumlieben zu erschwingen,
Wird mir der Erde stürmisches Gezelt
Voll jubelnd kühnen Lieds verliebtem Singen.
Und schlanke Leiber, flackernd aufgehellt,
Tollen den Tanz der Küsse ... im Gewühl
So linienwild, bis sie, sich überbiegend,
Hinsinken, mild, ein ausgespieltes Spiel,
Dem weich verwirrten Fliederbild erliegend.
Da ist Vergebung. Knaben sinnen treu
Den Ritter wie den Räuber; denn der böse
Entmenschte Feind ist ihnen fremd, und frei
Aufbäumt und beugt sich weite Herrschergröße,
Kein Wille klebt am eignen kleinen Weh.
Und auch der rauhe Mann ist wie ein Kind,
Voll froher Frommheit hält er die Idee,
Daß Sonne, Erde, Mensch das Heilige sind.
Oft hat mein Sehnen vor sich selbst gebebt!
Mein Aufwärtswollen wird auch dann nicht still,
Wenn über meinen Kopf die Welt sich hebt
Und wie ein giftiger See mich töten will.
Wie ein gehetztes Gemsenwild der Felsen
Errette ich den Stolz der freien Höhn.
Und von den Himmeln, da sich Donner wälzen,
Fühl’ ich Berufung wogend mich durchwehn.
Zurück! Hinab! Wo irrendes Entsetzen,
Wo Schlacht aufheult und metzelndes Verwühlen,
Geschürt von Führern, die die Völker hetzen,
Wo auf Ministerthronen Schurken spielen,
Wo blühnde Leiber, hingefällt in Stücke
Verklumpten Bluts, und Millionen Augen
In Nacht versinken — Eine Meuchlerclique
Will Krieg, daraus Tyrannenmut zu saugen!
Nicht stöhne, Stimme! Weit wie Firmament
Sei Zorn und Kraft und Heilung allem Dürsten
Des Volkes Mensch! Die waren nie getrennt,
Nur mordgepeitscht von roh’ und eitlen Fürsten!
Dein Wutwort, heller Sänger, es zertrete
Die Untat, die in Lügen sich verlarvt!
Bis ein Homer des Friedens im Gebete
Erwachse, weinend brausend hingeharft ...
Wie Blütenflut aus tiefen Wiesen dringt,
So bricht der Klänge Brandung aus dem Sänger,
Der blindgeboren noch die Sonne singt.
Wie einer Krone göttlicher Empfänger
Nimmt er die ganze buntgewirkte Zier
Der endlos wilden Erde ... so geeint
Mit jeder Blume, Pflanze, jedem Tier,
Daß Mensch zu sein uns wie ein Ruhm erscheint!
DU EWIGE
I
Laß mich deine Hände küssen,
Laß mich deine Hände fühlen!
Deine Lichtheit hat zerrissen,
Mich erdrückt mit ihrem Zielen.
O wie ist die Nacht der Augen!
O die weiche Glut der Wangen!
Immer will ich blühend saugen,
Will ich deinen Hauch umfangen.
Könnt’ ich mich in Träume schwingen,
Himmlisch wollt’ ich dich erheben;
Betend, weinend, jubelnd dringen
Meine Lieder dir ins Leben.
Ein von Blüten süß beschneiter
Morgen ist in deiner Lust.
Löse denn die losen Kleider,
Weiße Sonne deiner Brust!
II
Wie gefangen an den Lippen
Küss’ ich deines Atems Laut —
Blickend, trinkend bin ich liebend
Deiner Liebe tief vertraut.
Wie Posaunen tönt die Erde,
Wild und weich in deiner Macht.
Wer hat dieses Bild der Treue,
Deinen milden Blick erdacht?
Oh, in deinen heißen Armen
Ist ein Pressen und ein Ziehen
Wie zum goldenen Vergessen,
Singen, Summen, Saugen, Blühen.
Schweiget, wilde Erdentöne,
Laßt mich sterben, wenn ich lebe,
Laßt mich leben, wenn ich sterbe,
Daß ich mich zum Himmel hebe!
III
Fühlst du dich noch allein,
Mein wildgeküßtes Kind?
Wir wollen die Ewigkeit sein,
Wie unsre Sterne sind.
Wir kennen das dunkle Glück,
Das an sich selbst zerschellt: —
Wir wollen mit einem Blick
Die ganze wehende Welt!
Wir wollen blühend singen,
Wie Kinder, die wandern gehn,
Uns fliehend und knieend umschlingen
Wie eine Welt so schön!
Vom Jubel mitgerissen,
Der über die Erde weht ...
Bis wir hinsinken müssen
Auf dunkelnder Wiese Beet —
Auch hier noch müde liebend,
In seligem Empfangen
Von Abend, weich und trübend,
Von Träumen, die aufgegangen.
DER ZWEIFEL
TRAUERMARSCH
I
Wer hat das Schwefelschwarz der Todesnacht,
Den Sturz der Leiber heimlich ausgedacht?
Von Dunst beglitzert ziehen wir dahin,
Unsinnig flackert unser Daseinssinn.
Wir tappen Tänze wie im Singsangspiel,
Am Bühnenhorizont zerplatzt das Ziel.
Als Vagabunden, nur mit etwas Geld,
Begaffen und begaunern wir die Welt.
Selbst Glückesgrübler, Künstler, Staatenlenker,
Die Welt-Erneurer — sind nur Menschenhenker.
Es ist das unheilbare Leidensmal:
Der höchste Aufstieg zeugt die schwerste Qual.
Nur dann erhöht sich unser Menschenschritt,
Wenn er die Schwachgebornen niedertritt.
Doch wie wir uns auch in die Weiten dehnen,
Wir sind verseucht vom engen Erdenstöhnen.
Wir bleiben tolle Tölpel ohne Taten,
Teils voller Wahn, teils in den Schlamm geraten.
Das Erdentsetzen winselt weh und wund
Wie ein getretener verheulter Hund.
II
Weiter als der Wolkenfülle Stürme
Brechen unsre Wünsche ins Getürme
All der dunkel brüllend wilden Zeit,
Die kein Wille von sich selbst befreit.
Festgebunden an die Erdensperre,
Angekettet an das Schmerzgezerre,
Tragen wir den Ekel unsrer Lust,
Pfeile wilder Wachheit in der Brust.
Und wir beten, bitten, singen blind
In den leer verstreuten Aschenwind.
Und wir hängen an den milden Blicken,
Die wir träumen, um uns zu beglücken.
Freunde finden sich im Kämpfermut,
Todverwundet fluchen sie dem Blut.
Heulend, tosend tönen die Fanfaren,
Die den Tod der Erde offenbaren.
III
Der Lärm des Lebens knattert, pfeift und singt,
Ein Hagelsausen, das die Leiber düngt.
Muß an der Erde wie an einem Stein
Die unbegrenzte Brust gekreuzigt sein?
O möchte doch Aufruhrmusik erklingen,
In einen Taumeltraum die Leiber schwingen!
Doch schweige, Lust! Dein Aug’ ist nachtbenetzt,
Dein Weg ist todwärts durch den Raum gehetzt.
Wir können nicht die Erdenmacht zersprengen,
Solang wir Tiere sind in Felsenhängen.
Wir können nicht die Sonne niederreißen
Und nicht den Erdball in den Himmel schmeißen.
Wir sind gebannt, auch wenn wir rasend rennen,
An unser Fleisch, das wir den Menschen nennen.
Wir heulen einen tief zerstückten Schrei
Nach einem Sein, das mehr als Dasein sei.
Der kaum Geborne schreit schon Widerstand,
Als fürchte er den erdverfluchten Sand.
Was bleibt an Mut im Elendeinerlei?
Ein bißchen Glück, ein bißchen Narretei.
Man kreischt und zittert in den Erdenklippen —,
Und schweigt verbissen mit zerquälten Lippen.
Die Erdenfreunde sinken Blick in Blick —
Ein letzter Liebehaß zerreißt ihr Glück.
Und über allem brausen die Fanfaren,
Den Tod der Erde grell zu offenbaren.
FRAGENDER MENSCH
Das ist das Stumme meines Angesichts,
Daß ich nichts finde, was den Geist beseelt.
Nicht Welt, nicht Ich, nicht Alles und nicht Nichts:
Wohin mit mir? Mein Tag ist ausgehöhlt.
Was könnte ein Pistolenschuß mir geben?
Was ist der Tod? Ich kann nur immer fragen —
Und wer am Tod verzweifelt, will das Leben;
Ich bin geboren und ich muß mich tragen.
Doch wenn ich Leben will, weil Tod verhüllt ist,
Dann muß ich immer neu mich selbst gebären;
Dann ist das Lustgeheul, das nie gestillt ist:
Mutter und Kind, ein Geben und Begehren.
PIERROT
Ich will ganz leis anfangen: zu sprechen.
... Wenige Laute zuerst ... zitternd ...
Hört ihr das Kichern knacken und brechen,
Das in der Luft ist, gewitternd —?
Noch steh’ ich wie mein eigenes Denkmal da,
Bin mir selbst noch zu nah.
Ich muß von mir wegschreiten,
Lachend ... bis ich laut lache.
Bin ich nicht eine famose Sache,
He?
Ach, ich seh’:
Ihr seid alle dumm, zu dumm.
Dumm seid ihr ...
Hojoh! Wißt ihr, was eine Nacht ist?
Menschen, sagt es mir!
Ihr wißt nicht, was eine Nacht ist.
Ihr wißt nichts.
Gar nichts.
Ihr seid alle dumm, zu dumm.
Ich muß mein Hirn peitschen, schmeißen,
Weil es träge wird, was es nicht sollte!
Aber mein Maul kann ich noch aufreißen —:
Auweh! (Weiter war’s als ich wollte.)
Hui! ...
Hui! Hui!
Ich hab’ ein Liebchen, das will ich fangen.
Sie kriegt einen Kuß auf die Wangen —
Schade,
Auch das Küssen ist fade.
— — — — —
Ach Gott! Die Welt ist so weich und gebogen,
Warum sind die Wälder nicht spitz
Und noch spitzer der Himmel?
Um solchen Witz sind wir betrogen.
Alles ist nur immer Trauer
Und schmeckt öde und sauer
Wie alter Schimmel.
Und die Menschen sind ohne Projekte.
Eine hilflose Sekte.
Jetzt werd’ ich mich ducken,
Vielleicht auch hinlegen dann.
Und ihr sollt gucken,
Wie gut ich mich totstellen kann.
GUTE LATERNE
Noch weiter gehn?
Was will mir noch die Straße sein?
Die Steine sind noch härter als Matratzen,
Doch auch ein enges Bett will ich nicht sehn.
Verdammte Nacht! Ich hab’ mich rumgestritten
Mit bösen Freunden. Jetzt bin ich allein;
Sie sind verärgert mir hinweggeglitten,
Sie wollten mich an meinen Augen kratzen,
Ich sah so treu sie an, daß sie’s nicht konnten.
Ihr Blut ist Gift? Ich will davon nichts wissen.
Was darf man wissen? Alles ist verschwommen.
Alles ist Strom, in weiten Strom gerissen —
Ach, wär’ auch ich in Arme aufgenommen!
Laternen schwimmen viele. Pflück’ ich die gelben Rosen?
Halt, halt, du Welt! Ich kann schon nicht mehr mit.
An eine der Laternen werd’ ich hingestoßen.
Wer gab mir in die Kniee diesen Tritt?
Hab’ ich zu viel schon Welt in mich getrunken?
Oh! die Laterne, die mich halten konnte,
Ist dicht an mich und ich an sie gesunken,
So dicht, als ob sie mir, nur mir die Nacht besonnte.
Bin jetzt fast ruhig und mir selbst vorüber,
Die Kraft entsinkt, ich bin zu sehr zerfleischt.
Welt, strotzt dein Leib? Er ist Geschwür und Fieber,
Kraft ist nur Tollwut, die in Luft sich kreischt.
So sehr sah ich der Tage Wahnsinn nie,
Die Tierischkeit des menschlichen Gestells.
Was rasen Menschen? Und was schaffen sie?
Sie töten sich den Kopf an einem Fels.
Tut aus der Nacht sich nicht ein Mantel auf
Und legt sich weich und bettend auf mein Hirn?
Ach, käme nie der Morgen mehr herauf,
Das kalte meuchlerische Bleichgestirn.
Und doch, ich seh, die Nacht ist mir nicht weich,
Die Nacht ist nichts, was mich nicht auch verließ.
Ist gar nichts denn für mich, macht mich nichts arm, nichts reich?
Ist das der Tod? — Ein Lebender fragt dies.
Was soll ich jetzt mit mir beginnen?
Der ich mich ganz an die Laterne gebe?
Bin ich denn immer noch bei meinen Sinnen,
Obwohl ich leerer als ein Toter lebe?
Wohin auch sonst ich in der Welt mich bringe,
Mich zieht doch gar nichts an, ich bin so gräßlich lose.
Wenn mir die Zunge aus dem Munde hinge,
Das wäre wirklich keine dumme Pose.
Was sind die Häuser? Grünes Schafsgewimmel.
Und alles schmeckt nach altem Mond und öd.
Und auch der kühle dünne Himmel
Ist fahl und blöd.
Ich hab’ nur Angst, daß ein Betrunkner kommt
Wie ein erschreckend-greller Knall.
Wär’ ich ein Pferd, so brav und prompt,
Ich schliefe still in meinem Stall.
Wozu erst Wachsein noch, das doch nur gähnt?
Wär’ ich nicht Mensch, ich schliefe süß und still.
An die Laterne bin ich hingelehnt
So sehr, daß ich nicht weitergehen will.
DUMPFER TAG
Nehmt endlich, Brüder, mir von meinen Lippen
Den schweren Daseinsschrei, den nie mein Kopf vergißt.
Denn sonst ersticke ich in den Gestrüppen,
In Stadt und Stacheln, die die Erde ist.
Hört ihr den Erdenwahnsinn lachend weinen?
Ein Donner ist in mir, der will so wild erdröhnen!
Der Lebende kann sich nicht selbst verneinen,
Wer einmal Mensch, der muß ein Glück ersehnen.
Kein Traum kann je uns vor uns selbst verschonen.
Wir, Sklaven, sind gepeitscht und wissen keinen Retter.
Wir sehen nicht, in welcher Welt wir wohnen,
Und schwingen schwer in unerkanntem Wetter.
Und ich, ich bin, dem solcher Tage Nacht
Noch mehr als euch sich engt zu Gassen toller Trauer.
Denn unsre Blindheit hab’ ich ganz durchwacht.
Ich denke keinen Himmel mehr, nur Mauer.
ERDENFAHRT
Jahrelang ist nichts geschehen,
Nur das Leben vieler Dinge,
Erd’ und Himmel war zu sehen
Und des Himmels bleiche Ringe.
Flatternd kann ich mich vergessen,
Wie ein Kind, wie eine Mücke.
Zeit und Ziel sind ungemessen,
Wenn ich in die Sterne blicke.
Auf die Fahrt auf dieser Erde
Geht ein steter Regen nieder.
Wie ein Sein, das nichts mehr werde,
Sinken bald die Augen nieder.
Alle, die im Kreise tanzen,
Die in Städten und auf Bühnen
Ihre Fahnen lustig pflanzen,
Können nur der Erde dienen.
Jahrelang werd’ ich die Stunden
Der Sekunden tief begehren,
Werde, ganz an mich gebunden,
Böser Liebling, mich zerstören.
NACHTGEDICHT
Ein Wind ist diese weite stumme Nacht,
Und diese Straße, diese Wüste schwebt,
Die ich so lange schon in mich hineingedacht.
Ist Denken denn ein Trieb, der uns erhebt?
Er tötet alles, was in einer Brust
Lebendig war und blühend unbewußt.
In welchen Kampf will ich mich schlagen?
Erfolg und Macht — es ist doch alles leer.
Und Opfer sein? Wo nehm’ ich Götter her?
Vielleicht die Menschen aufwärtstragen?
Ich Narr! Ist Höherkommen denn schon je geglückt,
Da stets Unendlichkeit uns niederdrückt?
Euch Menschen helfen, die ihr elend seid,
Wär’ Wahnsinn. Helfen hilft nur falschem Schein,
Denn wo ein neues Glück, ist auch ein neues Leid.
Stets in sein Selbst, wie an den Pfahl gebunden,
Bohrt sich dem Menschen neues Sehnen ein,
Wenn er Beglückung irgendwie gefunden.
Ich aber fühle Leere im Gesicht,
Zu müde wird es mir, als daß ein Glück
Noch jemals Kraft erlange meinem Blick.
Ich will nicht traurig sein und glücklich kann ich nicht,
So bin ich nichts — und fühle manchmal nur
Die kleine Lust zu einem Nachtgedicht.
Und wie an einer Schnur
Geh ich den Schmerz entlang,
Der diese Welt ist und ihr Müßiggang.
DIE UNGESTILLTEN DER SEELE
RITTERNARR
Zu eng ward ihm der Raum der Daseinsfristung:
So stieg er auf sein Roß und ritt die Erde,
Der finstre Ritter in der grellen Rüstung —
Gefolgt von einer dürren Menschenherde.
Er ritt und ritt und suchte die Gefahr
Voll Angst und Qual, voll Mut und hellen Flügen.
Das ekle Dasein, das so heimlich war,
Wollt’ er mit seinem eigenen bekriegen.
Er nahm sein Schwert und hieb es in die Luft
Mit solcher Wucht und starrem Widerwillen,
Daß in der Welt vor ihm sich eine Kluft
Zu öffnen schien, um seinen Haß zu stillen.
Und als er lang genug das All durchquert
Und sah, es werde wohl vergeblich sein, —
Da hielt er an, und stieg von seinem Pferd,
Und setzte sich auf einen nackten Stein.
Und stierte in den blinden Dünsteraum,
Als wollt’ er dem Lebendigsein entsagen;
Und stierte in den düstern Wolkenschaum,
Als wär’ nichts mehr zu sagen noch zu fragen.
Die Wolken tanzten silberschwarz wie Särge
In seinen Augen, die voll krankem Schauer
In schwüle Luft anschwollen: so viel Berge,
Sie lagen ihn zu töten auf der Lauer.
Die Leute hoben ihn in einen Karren
Und fuhren ihren Held aus seinen Schmerzen
Zum Thron. Dort zündeten ihm seine Narren
Vor Glück die spitzen Finger an wie Kerzen.
GANG ZUM SCHAFOTT
Ein Menschenkreis umstellt das Blutgerüst
Und hungert nach dem Folterakt der Köpfung —
Da kommt der Mörder. Und sein Leben ist
So bleich wie die unendliche Erschöpfung.
Nichts wollen seine hohlen Züge sagen.
Er litt — bis an den großen eignen Knochen
Es nichts mehr gab für ihn, um dran zu nagen.
Die Augen liegen tief wie ausgestochen.
Stumpf geht er. Plötzlich klingt die Sünderglocke
In dünnem Strahl, wie Lachen hell und kalt.
Da hat noch einmal an dem Sträflingsrocke,
Kurz wie vom Blitz, sich ihm die Hand geballt!
AHASVER
Mir hat die Welt auf meinen weiten Zügen
Viel Lust geschenkt. Ich hab’ sie stumm vergraben
In meinen Augen — die stets hungernd liegen.
Mich sättigt nicht, was mir die Menschen gaben.
Ich kann nicht ruhn, ich muß die Erde messen,
Glühendes Folterrad an meinem Leibe —
Erst dann wird Glück, wenn ich die Gier vergessen
Und wie ein Fels erkaltet stehen bleibe.
JUNGER KÜNSTLER
Kommt keine Sonne über meine Augen,
Die, noch so jung, schon hohl wie Gräber lagen?
Ich will den Freund mir aus den Büchern saugen,
Die meine früh gepreßten Qualen tragen.
Und wie gedrosselt stockt mein tiefes Weinen
Nach Armen, die ich um die Schultern führen
Wollte, ganz dicht. Auch nicht das tiefste Weinen
Löst meinen Leib aus seinem großen Frieren.
DER DENKER
Ich weiß nicht, was ich bin. Mein Weg läuft schief
Um mich herum, ein wirres Kreiselspiel.
Mein Denken, das zwar immer nach mir rief,
Sagt mir nicht, was ich bin, sagt mir kein Ziel.
Nie kann etwas in mir mich ganz begreifen.
Denn wie begriffe ich dies Etwas dann?
Ich kann Begriffe auf Begriffe häufen:
Und wo man aufhört, fängt’s von neuem an.
Wo münde ich, wo ist mein Urbeginn?
Stets bleibt ein Rest beim Spalten und Umspannen.
Blöd scheint der Schrei nach all des Daseins Sinn:
Alldasein ist durch Denken nicht zu bannen.
Können wir nichts als endlich wahr erkennen?
Wir wissen nicht, ob wir Bestimmtes wissen.
Wir dürfen immer nur so weiterrennen,
Wie Blinde fressend, hungernd und zerrissen.
Und stets die Frage, die sich selber fragt
Nach etwas, das man ist und hat und hält!
Es ist das Klagen, das schon nicht mehr klagt:
Nicht als nur da zu sein und ohne Welt.
Sonne ist Nacht, denn Freude ist nicht mehr!
Was könnte ich mit Freude mir gewinnen?
— Doch der, der fragt: ist jede Fülle leer?
Kann der denn jemals in ein Nichts zerrinnen?
Man lebt, ja, Haß in Menschen und in Herden,
Als sei’s ein Wert: größer zu sein als klein.
Wer reicher wird, muß arm an Armut werden,
Wer ärmer wird, wird reich an Armut sein.
CLOWN
Ich taumele in einem wirren Traum,
Da ich doch nie mit mir am Ziele bin.
Wie meine Krause bin ich nichts als Schaum,
In hellen Farben schillernd ohne Sinn.
Ich falle einen langsam steten Schritt,
Wobei ich jedes Bein für sich betone.
So schlepp’ ich mich herum, und jeder Tritt
Ist wie der Ausspruch, daß es sich nicht lohne.
Doch niemand ist, der mich voll Trauer wähnt
Und Lüge sieht in meinem Lachgebell.
Und daß dahinter eine Sehnsucht stöhnt,
Merkt niemand, denn ich scheine froh und hell.
ALTERNDER MIME
Ich stürmte jung voll Freiheit auf die Bühne,
Berauscht von Sternen, die ich hell erdacht,
Daß ich der Erde wie ein Herrscher diene,
Dem Kampf der Liebenden in Sturm und Nacht.
In qualzerrissne Sinne wollt’ ich dringen,
Mein wildes Wort und Sonnenjubelspiel,
Es sollte einen neuen Traum erschwingen
Für Menschenlust und Erdenmitgefühl.
Es mag geschehen sein, was ich gewollt,
Die Freunde haben meinen Kampf geteilt.
Doch selber, scheint es, hab’ ich mich vertollt
In Nichts, ob ich gejauchzt, ob ich geheult.
In Trauer mußt’ ich meine Frohheit schminken:
Nun fühl’ ich kaum noch meines Lachens Sinn.
Es ist so leer, wenn mir die Leute winken,
Da ich vergessen habe, wer ich bin.
Mir dünkt jetzt nur noch eine einzige Geste
Als wahr. Nicht, wenn ich eine Frau liebkose,
Nicht, wenn ich küsse, tanze und mich mäste —
Nur die, wenn ich die Menschen von mir stoße.
DER KRANKE SÄNGER
Wo nehm’ ich die Geduld her für mein Leben?
Der Giftschwamm wuchert und zersaugt die Brust.
Mein Blick ist stumpf und hohl dem Tod gegeben.
Zertreten liegt die heitre Sängerlust.
Wie anders früher! Als sich mir die Bühne
Zur Welt geweitet und die Menschenklänge
Noch voll aus mir erströmten — wie die kühne
Gewalt des Gottes, siegende Gesänge!
Nun stöhnt so heiser, mühsam, ohne Wert
Mein matter Leib, der kaum sich aufrecht hält.
Vom Fraß der Blutbazillen ausgezehrt
Wankt mein Gerippe im Geröll der Welt.
O könnte ich nochmal die Stunde küssen,
Da sich der Tag hell in den Himmel schwang,
In Segel tauchen, blühend hingerissen
Vom eignen Spiel und liebenden Gesang.
Und könnt’ ich einmal noch die Bilder wecken,
Die mich wie milde Farben überliefen —,
Aus meinen Gliedern auf den Aufruhr schrecken
Mit jenen Stimmen, die unendlich riefen.
Doch dieses ganze Sehnen ist vergebens,
Erinnerung bedeutet größere Not.
Die unerfüllte Fülle meines Lebens
Wird immer ausgehöhlter für den Tod.
AKROBAT
Ich zieh’ mit stumpfen Eltern und Geschwistern
Von Stadt zu Stadt auf jeden Jahrmarktsrummel.
Ich bin der dürre Gliederclown, und lüstern
Begafft die Menge mich verbrauchten Stummel.
Wie Schlangenwirbel muß ich mich bewegen,
Da ich zerbrochen bin und viel geteilt.
Ich mußt’ von Kind auf mich in Fratzen legen
Und aus den Wunden schrei’n, die niemand heilt.
Wenn stolz ich aufrecht stehe — lüge ich.
Ich turn’ am Reck und bin zum Tod bereit
Ganz wie am Galgen. Oftmals träum’ ich mich,
Als sei mein loser Leib wie Sand verstreut.
ZIGEUNERLIED
Wir sind die mageren Zigeunerkinder.
Wir tanzen Seil und biegen jedes Stück
Des jungen Leibes krumm. Und immer blinder
Stellt sich die Welt zu unserm dürftigen Glück.
Wir sind gedorrt und bleich vom vielen Hoffen,
Vom vielen Wandern schmählich abgezehrt;
Und nirgends haben wir aus all dem schroffen
Applaus ein liebend gutes Wort gehört.
Kein ehrgerechter Zorn darf uns erhitzen.
Wir müssen lächeln, wenn man uns verlacht.
Wir müssen singen, springen, klingen, schwitzen —
Und alle Tage sind wie schwere Fracht.
Auf unsern Rippen spielen wir die Harfe.
Die Leute lauschen, wie es knackt und bricht.
Doch dieses Knochenspiel ist bloße Larve.
Dahinter wühlt ein Meer. Das sehn sie nicht.
Wollt ihr an unseren Skeletten schürfen?
Wozu? Das Knabbern stillt nicht eure Lippen.
Hier ist kein Fleisch, und Blut ist keins zu schlürfen.
Hier ist nur Meer, das ihr nicht seht, und Klippen.
MEERFAHRT
Ich war noch jung, und konnte schon das Land
Nicht mehr ertragen, da es von bigotten
Bewohnern starrte, unbewegt. Am Rand
Von Aschenhügeln schien man hinzutrotten.
So suchte ich das Meer — und fand es ganz!
In düstertiefer Pracht, verwühlt und wild,
Dann wieder friedlich gleitend, in den Glanz
Der Sonne eingeflossen, tief und mild.
Für meine Nacktheit hatte ich als Hülle
Den Himmel nur. Ich brauchte mich nicht bergen
Und kleiden wie die Menschen, deren Fülle
Am Stein der Stadt verkümmert wie bei Zwergen.
Ein heller Segler war mein Eigentum
Und außer ihm die kühne Himmelsweite.
Der jungen Freiheit unbegrenzter Ruhm
Schien unvergänglich wie das Weltgezeite.
Ich stand am Bug und dehnte meinen Leib
In glühnder Kraft tief in die Luft hinein.
Wie hingejubelt war ich an ein Weib,
Erschauernd süß im Welt-Umschlungensein —.
Da trieb ein giftiger Wind mich an das Land —
Gleich kamen Menschen, meinen Stolz zu lähmen
Mit Hohn. Ich warf mich weinend in den Sand
Und fühlte mich der nackten Reinheit schämen.
DER BERUFENE
Am Fensterrahmen wie ans Kreuz geschlagen
Liegt schwer mein Kopf. Ich fürchte ein Erdrücken.
Ich muß den Himmel auf den Schultern tragen,
Die tief verirrten Menschen zu beglücken.
Ich sinne, wie die Wege sich verlaufen
Und sich verkreuzen, wenn ich, um zu lehren,
Auf ihnen folge dunklen Menschenhaufen —
Die sind zu starr, um je sie zu bekehren.
Die enge Erde scheint ein Widersinn,
Da ich das grenzenlose Dasein trage.
— Ich selber glaube kaum an Glückgewinn,
Der ich die Erde mit Beglückung plage.
Ach, darf ich nie wie eine Barke gleiten,
Mit mir im Tanz, beruhigt, frei vom Zweifel?
Stets fühl’ ich Köpfe nach verschiedenen Seiten
Aus meinem Hals sich recken wild wie Teufel.
NIETZSCHE
Was will die Zeit der aufgestürmten Tage,
Daß aus den Werken ihrer Söhne werde?!
Wenn sie ersticken in der eigenen Klage,
Im Elend der Unendlichkeit und Erde.
Ein Dichter sang! Und wie aus Orgelkehlen
Erströmten Gärten blühender Musik —
Doch heimlich schwoll der Neid der düster Scheelen,
Die ihn solange höhnten, bis er schwieg.
Und immer schwerer ward die Nacht der Tücke.
Wo blieb der Jubel von den treuesten Jüngern?
Er fühlt jetzt um sich her zu weiter Lücke
Die Menschen, die ihn liebten, sich verringern.
So steht der Gott-Mensch in der Welt umher,
Ein Schöpfer, den die Schöpfermacht enttäuscht.
Was soll er schaffen, wenn das Erdenheer
Doch jeden Helfer wütend blind zerfleischt?
Schon wirft das Volk ihm Steine ins Gesicht,
Volk eines Lands, dem seine Größe gilt.
Und jedes Wort, das sein Gedanke spricht,
Verstummt im Sturm, der heulend ihn erfüllt.
Er eilt, und flieht das lebende Gewimmel,
In fernes Felsgebirg, sein eigner Feind.
Da stößt er Tränentöne in den Himmel,
Ein Kind, das nichts mehr weiß, als daß es weint.
DER ANACHORET
Menschersehnend, Menschenhasser,
Riegelt mich mein Willens-Ring.
Stets vertrübt wie Tümpelwasser
War der Tag, in dem ich hing.
Erdgebunden, dennoch suchte
Himmlisches mein Höhlenblick.
Alles, was ich oft verfluchte,
Weinte ich mir oft zurück.
Sehn’ ich mich aus meiner Sperre
In ein Tummeln mit Gespielen:
Sind die Ketten, die ich zerre,
Fast willkommen meinem Fühlen.
Denn die Angst des Ruhverlustes
Hemmt den Traum, mich auszuschwingen.
Und mir bleibt ein stumpf bewußtes
Liederdenken ohne Singen.
Wenn auch, Sonntags, Menschen kommen,
— Kommen nur, mich anzugaffen:
An dem Steinbild eines frommen
Narren steht ein Knäuel Affen.