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Der unendliche Mensch: Gedichte cover

Der unendliche Mensch: Gedichte

Chapter 72: IV
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About This Book

The collection assembles passionate lyric poems that oscillate between ecstatic affirmation and anguished doubt. Through musical, often religious and natural imagery the speaker celebrates sensual love, cosmic unity, and the redemptive power of song while also confronting mortality, inner emptiness, and political violence. Some pieces indict war, authoritarian leaders, and social cruelty; others dwell on intimate longing, erotic devotion, and the fragile beauty of everyday perception. The sequence blends exaltation, lament, and rhetorical questioning in condensed, image-rich lines that move between tender domestic scenes and broad calls for compassion and peace.

Bin ich ausgestoßen

Aus dem Maß des Großen?

Ist nicht Geweihtheit

Über dem Abend, bereit?

Wie, wenn dem Blick sich erfüllte,

Was das Leben mir singe?

Oh, wie oft hüllte

So bange Spannung die Schwinge.

Und wird all’ meine Wirklichkeit,

Die wie Lüge, ertappt, sich selbst bedrängt,

Ein Kind sein, das willigweit

Die Welt stets von neuem anfängt?

Schon hebt ein Tatglaube an

In meiner Stimme — wie Melodie

Sicher und süß, der Ruf „Voran“.

O wär’ schon morgen früh!

Daß ich nicht trauernd mehr, verhangen,

Mein Leben wie Sünde begehe,

Daß immer ein Neuanfangen

Über die Erde wehe.

AN DEN GESCHLAGENEN

I

Weh, grimmer Gigant.

Was ist mit dir?

Dein Leib wälzt ohne Wille und Regel

Leblos lebend im Kot.

Abgefallen, wie totgetroffne Vögel,

Faulen die Hände im schlammigen Sand.

Gestrüpp hängt im Gesicht und rot

Die Augen, gedunsen, schleimig.

Wo blieb dein seidenes Haar?

Erwachend befühlst du dich schwer.

Die Lippen fürchten den Ausbruch der Tränen,

Krampfen sich, schon zitternd weich.

— Da, wie aufgeschreckt: erhebt sich ein Meer,

Und aufspringt mit zornigen Zähnen

Du, tobend und heulend bleich.

Dann krachend aber, schlägt der trotzige Held

Hin auf den Stein.

Hier barst die Leidensgewalt der Natur,

Die Hölle der verkannten Welt.

Und wie ein müder Schein

Bleibt der Gedanke nur

Von einem Leben, nicht das Leben selbst.

Wieder zum Tier des trübenden Lichts

Geschrumpft — bist nirgendwo; nur schwer;

Wohl mehr als nichts,

Doch weniger als irgendwer.

II

Das Aufrichten gelingt dir kaum,

Nur winselnd im Schweiß;

Immer ist ein Sinken, bis du stehst.

Dann trostlose Schritte

Gradeaus im Kreis.

Als wär’ nie mehr für dich eine Bitte,

Gehst du Linien ohne Punkt,

Ohne Farben, ohne Raum.

Wenn dir, stillstehend,

Die Augen sinken zur Vision,

Spürst du kalt wehend

Den grinsenden summenden Hohn;

Wie um Aas den Menschenschwarm.

Dann, verloren in Tränen den Mund,

Fühlst du, wechselnd eisig warm,

Das Sausen im fallenden Grund.

Und wo die Qual noch so sehr schwieg,

Hier schreit sie weinend heraus

Töne ohne Takt, ohne Musik.

Wie ein Lawinenstrom ohne Damm

Bricht die Klage aus,

Über die Erde der Welt und den ewigen Schlamm.

III

Nun weißt du es. Was Aufschwung schien,

War Niedergang. Maßlos und blind

Stürmtest du die Erde; kühn

Wähntest du dich und warst nur Wind.

Kein Mitmensch war, kein Hindernis,

Nicht Zukunft, nicht Vernunft:

Nur brüllendes spottendes Ereignis,

Aber Feuer allein wollte nicht brennen,

Verlosch, ward Asche für den Wind.

Nun bist du gefügt und kannst erkennen.

Nun weißt du, wo die Tat beginnt,

Fühlst sie aufsteigen in dir wie ein Lied.

Nicht im Rausch, tobsüchtig ungesinnt,

Närrisch lachend, entblößt,

Du ganz einzelnes wirbelndes Glied,

Besinnlich nach Irrfahrt und Torheit,

Gier, die gegen die Erde stößt,

Ohne Not, ohne Wert, nur ins Weite weit —

Die Tat ist im Wert!

Denn nur als Teil alles Menschengefühls

Bist du ein ganzes Sein,

Erschütternd und auferstanden groß.

Nur im Gelöbnis des innersten Ziels

Ist auch der Zorn heilig und rein.

IV

Und in die Menschenheit eingestimmt

Ziehst du zum Werk, von einer See

Wie getragen, in fühlender Entfaltung.

Siehst Jugend und Arbeit der Menschen-Idee,

Dein Auge selbst ist sie, schon Gestaltung,

Mild überscheinend und königlich bestimmt.

Denn die Idee ist brüderlich, sinnvoll und bereit,

Ist die Tiefe der Menschlichkeit;

Ihr Wille ist Größe, die kein Ende nimmt.

Tönend, namenlos erhört dich und weitet die Schwebung,

Jeder Haß vor dir ist ohne Halt;

Denn deine Brust ist gelöst in der Strebung.

Helle Wirklichkeit atmet deine Gestalt,

Als sei die Wahrheit selbst deine gütige Gewalt.

Ureigen unbeirrlich ist dein Lieben.

Du beherrschst allfühlend die Bewegung und Dauer

Und findest, von wogendem Wollen getrieben,

Die Tröstung noch der wirresten Trauer.

Der stampfenden Schöpfung gläubiger Erspürer,

Lobpreisend, beseelend — zu hebender Tat

Fühlst du dich Führer.

Und hellhoch über das Volk, das gewaltig genaht,

Und im ungeheuren Schweigen

Aufblickt zu dir, um dann

Hinzuströmen zum heilig zähen Erzeugen,

Jeder beseligt, so gönnend, so machtvoll er kann:

Braust, singender Sturm, deine Stimme:

„Weit Erschütternder über der Welt!

Wie ich, dein Kind, zum Tagwerk mühend mich krümme,

Sei deines Kindes Tag zur Ewigkeit erhellt.

Gewaltiger in der Welt! Heb’ uns empor!

Laß mitliebend mitklingen im Chor

Alle Nation, mitleidend den Leiden;

Daß ihr Wille, unbesiegbarer Stern, bestehe,

Und sie die Arme frei und göttlich breiten

Über sich selbst in die Höhe!“

INHALT

  Seite
Aufbruch-Musik 5
Du Ewige 8
Der Zweifel  
Trauermarsch 11
Fragender Mensch 14
Pierrot 15
Gute Laterne 17
Dumpfer Tag 19
Erdenfahrt 20
Nachtgedicht 21
Die Ungestillten der Seele  
Ritternarr 22
Gang zum Schafott 23
Ahasver 24
Junger Künstler 25
Der Denker 26
Clown 28
Alternder Mime 29
Der kranke Sänger 30
Akrobat 31
Zigeunerlied 32
Meerfahrt 33
Der Berufene 34
Nietzsche 35
Der Anachoret 36
Der gütige Mensch 37
Wir sterben das Leben  
Krank 38
Aufschreiender Künstler 39
Trübe Luft 40
Dudelsackweise des Sterblichen 41
Ermattung 42
Vernunft 43
O Erde!  
Nachtgesang 44
Es wird ein Traum 45
Hymne 46
Das Heimatzimmer 47
Frauen 48
Der Himmelflieger 49
Myrtenkind! 50
Gedicht im Mai 51
An den Anderen 52
Ich denke einen Freund 53
Fügung 54
Duo 55
Dem Engel der Erde 56
Abendgang 57
Aufruhr durchwühlt den gütigen Geist  
Lied aus der Nacht 58
Dank 59
Besinnung 60
Knappe vom Bergwerk 61
Der Verurteilte 62
Der Gekerkerte 63
Napoleon 64
Junger Soldat 65
Der Kriegsblinde 67
Erblindung 69
Die Phalanx 70
O wär’ schon morgen früh! 73
An den Geschlagenen 74

Anmerkungen zur Transkription

Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

  • ... Ein Wissen: Daß ich in die Menchen dringe, ...
    ... Ein Wissen: Daß ich in die Menschen dringe, ...