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Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil. / Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen

Chapter 3: Vierzehntes Kapitel.
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About This Book

A mysterious foreign woman arrives at a rural household and soon a sequence of violent deaths and unexplained wounds shatters domestic life. Family members, servants, and a summoned physician struggle between grief, suspicion, and attempts at rational investigation while neighbors search in vain for culprits. Storms and uncanny sounds heighten a sense of supernatural menace, and the narrative alternates intimate scenes of mourning with dramatic episodes drawn from folk belief. The work blends gothic atmosphere, romantic melodrama, and folkloric motifs to explore how fear, sorrow, and tradition shape communal response to apparent otherworldly threats.

The Project Gutenberg eBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil.

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Title: Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil.

Author: Theodor Hildebrand

Release date: April 8, 2016 [eBook #51695]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Credits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned
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project.

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR, ODER: DIE TODTENBRAUT. ZWEITER THEIL. ***

Der
Vampyr,
oder:
Die Todtenbraut.

Ein Roman
nach neugriechischen Volkssagen.

Von
Theodor Hildebrand.

Zweiter Theil.

Leipzig, 1828.
bei Christian Ernst Kollmann.

Der
Vampyr,
oder:
Die Todtenbraut.

Dreizehntes Kapitel.

Der Knall der beiden Pistolenschüsse hallte durch das ganze Schloß wider, und verbreitete darin sogleich einen unbeschreiblichen Schrecken. Die Knechte auf der Meierei, von denen einige im Schlosse schliefen, waren nicht zu Bett gegangen, weil sie am andern Morgen Getraide nach Prag fahren sollten, und mit den dazu nöthigen Vorbereitungen beschäftigt waren. Sie verbreiteten sich schnell durch mehrere Zimmer, während eines der Mädchen die Hausthür öffnete und aus der Nachbarschaft Hülfe herbeirief.

Die Oberstin, welche vor Mattigkeit eingeschlafen war, fuhr schon bei dem ersten Pistolenschusse empor, hielt ihn aber für ein gewöhnliches Geräusch, das ihr nur im Traume stärker vorgekommen sei. Als jedoch bald darauf der zweite Schuß erschallte, glaubte sie, daß Räuber im Schlosse wären, und daß der brave Werner im Kampfe mit ihnen begriffen sei. Nach diesem ersten Gedanken war der zweite ihr Sohn. Sie hatte so viel Muth, schnell aufzustehen, und ohne ihre eigene Gefahr zu beachten, eilte sie in das Zimmer, wo der Gegenstand ihrer zärtlichen Sorgfalt ruhte.

Welches schreckliche Schauspiel bot sich ihren Augen dar, als sie, beim Schein des Mondes und einer spärlich brennenden Nachtlampe, zwei blutende Körper auf dem Fußboden ausgestreckt sahe, und in ihnen Werner und die Fremde erkannte. Mit einem Schrei des Entsetzens eilte sie dann nach dem Bette des Kindes, das sie in ihre Arme nahm; aber vergebens suchte sie den kleinen Wilhelm aus dem Schlafe zu wecken, in den er versunken zu sein schien: sein Leben war entflohen. Diese schmerzliche Gewißheit vollendete Helenens Verzweiflung, und ohnmächtig fiel sie neben den beiden Leichnamen auf den Fußboden nieder.

Kurze Zeit darauf kamen die Knechte und Dienstmädchen ebenfalls in dieses Zimmer des Schreckens. Sie sahen ein Fenster offen stehen, und an demselben eine seidene Strickleiter befestigt; sie fanden Werner und Lodoiska in ihrem Blute gebadet und ohne ein Zeichen des Lebens; weiter hin erblickten sie die Oberstin, welche noch athmete, neben dem Leichnam ihres Kindes. Dieser fürchterliche Anblick mußte alle Anwesenden natürlich mit Schauder erfüllen. Die Mörder konnten nicht weit sein; aber vielleicht hatten sie schon mit Hülfe der Strickleiter die Flucht ergriffen; man beeilte sich eines Theils, der Oberstin beizustehen, andern Theils, die schon angefangenen Nachsuchungen im Schlosse fortzusetzen. —

Die Anzahl der zur Hülfe herbeieilenden Nachbarn wurde immer größer; aber auch die strengsten Nachforschungen blieben fruchtlos. Im Schlosse selbst fand man keine Spur von den Räubern, und bei der Durchsuchung der ganzen Gegend war man nicht glücklicher.

Gegen Morgen kam Helene wieder zu sich, und der erste Laut, den sie von sich gab, war der Name ihres theuren Kindes. Ach, der arme Wilhelm hörte sie nicht, auch er war ein Opfer dieser schrecklichen Nacht geworden; gerade da seine Genesung sicher zu sein schien, mußte er seiner Krankheit erliegen.

Unter diesen Umständen langten noch zwei neue Personen im Schlosse an: nämlich ein Arzt, den man zur Untersuchung der Leichname herbeigerufen hatte, und der Oberst Lobenthal, dem es endlich gelungen war, seinen Schwager mit seiner Schwester auszusöhnen, und der darauf keine Zeit mehr verloren hatte, um in den Armen seiner Familie den Lohn für diese gute That einzuernten. Wie weit war er entfernt, einen solchen Anblick zu erwarten, wie ihm hier bevorstand. Er hoffte, seine Wiederkehr würde allgemeine Freude im Schlosse verursachen; statt dessen ward er wie vom Blitze getroffen, als ihn der Schulze des Dorfes bei Seite nahm, und ihm die Ereignisse der Nacht auseinandersetzte.

Lobenthal war ein zärtlicher Vater, und er schämte sich nicht, seinem tiefen Schmerze freien Lauf zu lassen; dann verlangte er, seine Frau zu sehen, um seine Thränen mit den ihrigen zu vereinigen. Wir unternehmen es nicht, die Szene ihres schmerzlichen Wiedersehens zu schildern; man hatte Mühe, sie beide von dem Leichnam ihres Kindes loszureißen, den sie durchaus nicht von sich lassen wollten. Der Anblick Juliens, weit entfernt sie zu trösten und zu beruhigen, vermehrte nur noch ihren gerechten Schmerz, und man glaubte daher nichts Besseres thun zu können, als sie sich selbst zu überlassen, und von der Zeit die Milderung ihres Kummers zu erwarten.

Mitten in dem Schmerze, den ihm der Verlust seines Sohnes Wilhelm verursachte, vergaß der Oberst dennoch nicht den Verlust seines treuen Werner. So viel zusammen verlebte Jahre und mit einander bestandene Gefahren, gegenseitig erwiesene Dienstleistungen mußten ein höchst trauriges Andenken im Herzen Alfreds zurücklassen. Er bat den herbeigekommenen Wundarzt, nichts zu vernachlässigen, wodurch der brave Unteroffizier wieder in’s Leben zurückgerufen werden könnte; aber es war durchaus keine Hoffnung vorhanden, denn das mörderische Eisen war mitten durch das Herz gegangen. Bei der jungen Dame fand man zwei Wunden, eine im Herzen, durch einen Dolchstoß verursacht, und eine andere in der Brust, wo eine Pistolenkugel hinein und aus dem Rücken wieder herausgefahren war; auch sie konnte nicht wieder leben, und es blieb nichts übrig, als sie und den unglücklichen Werner zu beerdigen.

Lobenthal, in der höchsten Betrübniß, verlangte nicht danach, die Leichname zu sehen. Er kehrte in das Zimmer seiner Gattin zurück, und wünschte bloß, daß Wilhelms Leichnam, der keines gewaltsamen Todes gestorben zu sein schien, bis zum folgenden Tage erhalten würde. Die beiden andern sollten Nachmittags um 4 Uhr begraben werden, weßhalb Werner in seinem Zimmer, Lodoiska aber in einem Saale des untern Geschosses auf eine Bahre gelegt wurde.

Schon war der Prediger des Dorfes in seinem Ornate, und die Glocken der Kirche stimmten das Grabgeläute an, als plötzlich finstere Gewitterwolken den Himmel überzogen. Ein Donnerschlag folgte auf den andern, in Strömen floß der Regen herab, und fürchterlich kämpften zwei Sturmwinde in entgegengesetzter Richtung mit einander; ganze Säulen von Blättern, Korngarben, Staub und selbst von schwereren Gegenständen wurden durch die Luft mit fortgeführt; ja es schien, als wenn der Untergang der Welt ganz nahe bevorstände.

Mitten unter dem Heulen und Brüllen der Elemente glaubten mehrere Einwohner des Dorfes fürchterlich rauhe Stimmen zu vernehmen, und es schien ihnen, als wenn die ganze Atmosphäre mit bösen Geistern erfüllt wäre. Erst spät in der Nacht stillte sich der Aufruhr, in welchem sich die ganze Natur befand. Bis dahin war es unmöglich gewesen, an die Bestattung der beiden Leichen zu denken; man mußte dieses Geschäft also bis auf den folgenden Tag verschieben, und dieß war für die Bewohner des Schlosses kein geringer Gegenstand der Angst. Nur die Oberstin bekümmerte sich nicht darum; sie dachte nichts, als ihren Sohn, den sie nun nicht mehr sehen sollte, und sie schien nur deßhalb noch zu leben, weil sie hoffte, bald mit dem armen Wilhelm wieder vereinigt zu werden. Alfred war gezwungen, seinen eigenen Kummer zu vergessen, um zu versuchen, ob er den ihrigen nicht lindern könne; aber vergebens: sie hörte ihn, und verstand ihn nicht, vor ihrer Seele stand nur ihr Sohn, der ihr auf ewig entrissen war.

Schon seit langer Zeit deckte tiefe, finstere Nacht den Erdball. Mehrere Bauern aus dem Dorfe, welche bei den Todten wachen sollten, hatten sich in der Küche des Schlosses versammelt, wo sie bei gutem Essen und Trinken lustig und guter Dinge waren; Branntwein und Bier ging in Flaschen und Krügen der Reihe nach herum, und man trank fleißig auf das Wohl der ehrenwerthen Gesellschaft. Die fröhliche Unterhaltung stockte niemals; jedoch kam man mehrmals auf die Ereignisse der vergangenen Nacht zurück.

„Da sieht man, sagte Lisette, wie leicht es um uns Menschen geschehen ist! Wie gesund war der arme Werner noch gestern, und heute liegt er todt im Sarge.“

— Und von seiner Seele sprichst du nicht? sagte ein altes Weib, dessen verdächtiger Blick die Knaben und Mädchen des Dorfes in Schrecken setzte, wenn er auf ihnen ruhte; denkst du denn, daß seine Seele jetzt in Ruhe ist? Ist er nicht ohne Abendmahl gestorben, und wird uns sein Geist in Ruhe lassen? —

„Daß doch die Mutter Rieben, sagte ein Bauerknecht, keine Gelegenheit vorbeigehen lassen kann, unsere Fröhlichkeit zu stören, und uns in Angst zu setzen. Warum sollte der brave Werner, der uns im Leben nichts als Gutes gethan hat, uns jetzt, nach seinem Tode, quälen?“

— Hat er seine Sünden bereut? —

„Wißt ihr es? Hat er euch das Gegentheil anvertraut? Uebrigens hat er alle seine Pflichten erfüllt, und er war jeden Sonntag in der Kirche.“

— Aber die junge Dame, Niklas, wie mag es mit der gewesen sein? Haben wir sie je in der Kirche gesehen? Diese ist gewiß mitten in ihren Sünden gestorben, gerade als sie vielleicht noch auf ein langes Leben hoffte. —

„Wir wollen auf ihre Gesundheit trinken! sagte ein Müllerbursche, dessen riesenmäßige Größe und außerordentliche Stärke allgemein bewundert wurden. — Möge es ihr im Grabe gefallen, damit sie nicht wieder daraus hervorkomme.“

Bei diesen Worten hörte Jedermann einen halb erstickten Seufzer. Ueberrascht stand fast die ganze Gesellschaft auf, und auf den meisten Gesichtern sahe man alle Zeichen des Schreckens. Auch der Müllerbursche war eben nicht der Muthigste. Jetzt schlug es zwölf Uhr, und schweigend hörte man dem Schall der Glocke zu.

„Wer mag so geseufzt haben?“ fragte endlich einer aus der Gesellschaft.

— Vielleicht die junge Dame, erwiederte die Alte; sie hat dem Mehlwurm dort ihren Dank für seinen Wunsch abstatten wollen. —

„Laßt Eure dummen Scherze, Mutter Rieben, sagte der Müllerbursche. Wir wollen uns weiter um das, was geschehen ist, nicht bekümmern.“

Ein zweiter lauterer Seufzer schallte jetzt in die Ohren der ganzen Gesellschaft, die verwirrt und mit Ausrufungen des Schreckens durcheinanderstürzte.

„Heiliger Gott! sagte Lisette, das kommt aus dem Zimmer, wo die junge Dame liegt. Wer hat nun Muth genug, sich davon zu überzeugen?“

Keiner der Anwesenden gab eine Antwort, als sich die Stimme zum dritten Male hören ließ, und zwar so deutlich, daß gar kein Zweifel daran mehr Statt finden konnte. Jetzt jagte die Furcht die ganze Gesellschaft auseinander, und Mehrere eilten zum Schlosse hinaus, während Andere den Wundarzt weckten, der die Oberstin nicht eher hatte verlassen wollen, bevor sie nicht ruhiger geworden wäre. Als dieser hörte, wovon die Rede sei, schob er anfangs die Schuld des allgemeinen Schreckens auf ihre furchtsame Einbildungskraft; bei den wiederholten Versicherungen, daß man sich nicht getäuscht habe, zögerte er jedoch nicht, in das Zimmer hinunterzugehen, aus welchem die Stimme hergekommen sein sollte. Der Oberst, welcher noch nicht schlief und den ungewöhnlichen Lärmen im Schlosse hörte, kam ebenfalls herbei; er begegnete auf der Treppe dem Arzt, der ihm unterweges die Ursache des allgemeinen Schreckens mittheilte. —

Beide zweifelten nicht, daß das Pfeifen und Sausen des Windes von den abergläubischen Dorfleuten für die angeblichen Todtenseufzer gehalten worden wäre; sie setzten jedoch ihren Weg fort, und von der Menge gefolgt, gelangten sie in das von mehreren Lampen erleuchtete Zimmer, wo der Leichnam der Fremden niedergesetzt worden war.

Indem sie durch die Thür traten, wurde abermals ein Seufzer hörbar, und man konnte nun nicht mehr zweifeln, daß er von dem Sarge herkäme. Ein Theil des Gefolges nahm die Flucht, und nur die Muthigsten blieben zurück, als sie den Obersten und den Arzt zu gleicher Zeit ausrufen hörten: „Sie lebt noch, die Unglückliche! Ach, retten wir sie aus ihrer schrecklichen Lage!“

Sie eilten nun auf den Sarg zu, in welchem Lodoiska ruhte, hoben Letztere sanft in die Höhe, und trugen sie in das Zimmer, welches sie früher bewohnt hatte. Als der Arzt seine Hand auf ihr Herz legte, fühlte er, daß es wieder angefangen hatte, obgleich noch sehr schwach, zu schlagen, und voll Erstaunen über dieses außerordentliche Wunder, nahm er sich vor, Alles anzuwenden, um diese von den Todten Auferstandene wieder völlig herzustellen. Er bat den Obersten, den Theil des Leichentuches, womit der Kopf der jungen Schönheit verhüllt war, zurückzuschieben. Lobenthal that es, und betrachtete neugierig die Züge der Fremden; aber wie erstaunte er, als dieses reizende Gesicht ihn überzeugte, daß er die unglückliche, leidenschaftlich liebende Lodoiska in seinen Armen hielt. Ein lauter Schrei entfuhr seinen Lippen. Einem ruhigen Zuschauer würde dadurch ohne Zweifel die Wahrheit offenbar geworden sein; aber der Arzt, ganz in seine Gedanken über diese außerordentliche Wiederbelebung vertieft, merkte kaum darauf, und von nun an suchte der Oberst seine inneren Gefühle sorgfältig zu unterdrücken.

Der Arzt forderte nun die bis hierher gefolgten Landleute auf, das Zimmer zu verlassen, und wollte mit dem weiblichen Personale, das allmählich wieder muthiger geworden war, allein bei der jungen Dame bleiben. Auch der Oberst entfernte sich, forderte aber vorher den Arzt auf, seine ganze Kunst zur Genesung der Unglücklichen anzuwenden.

„Fürchten Sie nichts, Herr Oberst, erwiederte der Arzt; mir ist selbst daran gelegen, diese wunderbare Kur zum gewünschten Ziele zu führen. Vielleicht kann die Kunst etwas dabei thun; aber glauben Sie mir, das Meiste dabei wird die Natur thun müssen; nur sie allein kann eine so wunderbare Wiederbelebung bewirken. Ich würde einen Eid darauf abgelegt haben, daß die Pistolenkugel diese junge Dame augenblicklich getödtet hat, und sollte sie wirklich völlig wieder zum Leben zurückkehren, so muß unsere Kunst verzweifeln, je eine gründliche Ursache dieser Auferstehung angeben zu können.“

Langsamen Schritts entfernte sich nun der Oberst, ohne selbst zu wissen, womit seine Gedanken beschäftigt waren. Er kehrte zu seiner Frau zurück, die in einen mehr ermattenden als erquickenden Schlummer gefallen war. Wie schmerzlich sollte ihr Erwachen sein! Welche neue Trauer mußte die Nachricht von der Wiederbelebung der Fremden in ihrem Herzen verursachen, da für ihren geliebten Wilhelm nicht ein ähnliches Wunderwerk geschehen war.

Vierzehntes Kapitel.

Unter allen Begebenheiten, welche je das Leben des Obersten Lobenthal beunruhigt haben mochten, war ohne Zweifel die Erscheinung der jungen Lodoiska in Deutschland diejenige, welche ihn am meisten überraschen mußte. Ihr energischer Charakter, den er so schlecht beurtheilt hatte, ihre leidenschaftliche Liebe, wovon sie ihm durch ihre Gegenwart den auffallendsten Beweis gab, mußten in seinem Herzen Gefühle erregen, von denen er sich selbst noch nicht Rechenschaft zu geben wagte. Nicht allein, um ihm seine Treulosigkeit vorzuwerfen, konnte sie einen so weiten Weg aus ihrem Vaterlande her zurückgelegt haben; ohne Zweifel mußte sie mehr haben wollen, und er zitterte, wenn er an die bevorstehenden Auftritte dachte. Von der andern Seite, durch einen seltsamen, aber so gewöhnlichen Widerspruch in dem menschlichen Herzen, fürchtete er, dem es sehr lieb gewesen sein würde, dieses Mädchen nie wieder zu sehen, daß er sie jetzt auf immer verlieren könnte, und er hätte einen großen Theil seines Vermögens hingegeben, wenn er dadurch die Gewißheit ihrer Wiederherstellung erhalten konnte. Er wünschte, wenigstens nur ein einziges Mal mit ihr zu sprechen, sagte er zu sich selbst; er wollte aus ihrem eigenen Munde hören, wie sie es angefangen habe, um bis nach R.... zu gelangen. So verbarg der Oberst vor sich selbst das Wiedererwachen einer höchst gefährlichen Empfindung unter dem Namen einer bloßen Neugierde; aber während er sich mit allen diesen Dingen beschäftigte, nahm er sich vor, sie tief in seinen Busen zu begraben, und nie den geringsten Anlaß zu geben, wodurch Helene zur Eifersucht verleitet werden könnte. Er beschloß, sich gegen Lodoiska wie gegen eine ihm völlig Unbekannte zu benehmen, wenn sie selbst ihn nicht durch eine Unvorsichtigkeit zur Entdeckung seines Geheimnisses zwingen würde.

Durch die Sorgfalt eines dienstfertigen Nachbars und des gefühlvollen Pfarrers war die Veranstaltung getroffen worden, daß am andern Morgen schon ganz frühe, ohne alles Geräusch, die Leichname des jungen Wilhelm und Werners aus dem Schlosse entfernt und zur Erde bestattet wurden. Als daher Helene ihren Sohn noch einmal sehen wollte, gerieth sie in neue Verzweiflung, daß ihr nun von ihrem Wilhelm nichts mehr übrig geblieben sei, als eine herzzerreißende Erinnerung. Beschäftigt, diesen heftigen Schmerz seiner Gattin, den er selbst theilte, durch Trostgründe zu mildern, vergaß der Oberst fast, wie nahe ihm jetzt Lodoiska sei, und erst gegen Mittag, als Wildenau, der Arzt, zu ihm kam, dachte er daran, sich nach ihrem Zustande zu erkundigen.

„Ich habe Ihnen schon gesagt, antwortete Wildenau, daß bei dieser jungen Person etwas Unerklärliches obwaltet, was ich vergebens zu ergründen suche. Noch nie war die Rückkehr in’s Leben so unverhofft, als bei ihr; doch kann ich noch nicht versichern, ob sie am Leben bleiben wird, oder nicht. Ihre Wunde war ohne Zweifel tödtlich, und schon vorher mußte eine andere, die bis in’s Herz gegangen zu sein scheint, ihrem Dasein ein Ende gemacht haben.“

— Eine andere Wunde, sagen Sie? Lieber Doktor, Sie setzen mich in Erstaunen, denn mich dünkt, als hörte ich gestern bei meiner Ankunft nur von einer einzigen, durch einen Pistolenschuß verursachten Wunde sprechen. —

„Ganz richtig, weil nur diese Wunde frisch war, und die andere schon vor langer Zeit durch ein schneidendes Werkzeug gemacht worden ist. Weit entfernt, völlig vernarbt zu sein, blutet sie vielmehr noch, und hat eine ganz eigenthümliche Beschaffenheit, die meine bisherigen Kenntnisse völlig zu Schanden macht. Bei jedem andern Menschen müßte sie unmittelbar den Tod nach sich ziehen, und dennoch scheint es, daß diese Dame schon lange Zeit damit gelebt hat, ohne davon gehindert worden zu sein. Wahrlich! sie hat sich über die wunderbare Lebenskraft, die ihr von der Natur zugetheilt ist, nicht zu beklagen. Außerdem habe ich noch eine andere Sonderbarkeit bei ihr gefunden: ihre linke Hand ist nämlich mit einem Handschuh bedeckt, der aus einer sehr dicken Haut besteht. Ich wollte ihn aufschneiden, um der Kranken völlige Freiheit der Bewegung zu verschaffen; aber als ich ihren Arm berührte, gerieth er in ein beispielloses krampfhaftes Zittern, und die anfangs offene Hand schloß sich mit solcher Kraft, daß ich nicht im Stande war, mein Vorhaben auszuführen.“

— Wunderbar! Erstaunenswürdig! Aber lassen Sie nicht ab, lieber Doktor, ich bitte Sie: die Menschlichkeit befiehlt uns, dieser Unglücklichen uns nach Kräften anzunehmen. Uebrigens kann sie allein uns die Begebenheiten der gestrigen Schreckensnacht erklären, und vielleicht ertheilt sie uns Aufschlüsse, die uns in den Stand setzen, jene Bösewichter zu entdecken, deren Versuch ohne Nutzen für sie, für uns so unglücklich ausgefallen ist. —

„Ihre Ermahnungen sind ganz überflüssig, Herr Oberst. Meiner Pflicht nicht zu erwähnen, deren Erfüllung mir mein Stand vorschreibt, so kann ich Ihnen nicht verbergen, daß diese junge Dame mir die lebhafteste Theilnahme eingeflößt hat. Die seltene Vollkommenheit in allen Theilen ihres Körpers, die Schönheit ihres Gesichts haben, ich gestehe es Ihnen erröthend, auf meine Sinne einen außerordentlichen Eindruck gemacht. Wenn ich sie dem Leben wiedergeben könnte, wünschte ich mehr von ihr zu erlangen, als bloße Dankbarkeit ..... Aber warum erstaunen Sie so über dieses Geständniß? Sollte es Ihnen verdammungswürdig erscheinen?“

— Wem? Mir? Ei, lieber Doktor, mit welchem Rechte könnte ich es tadeln? Es scheint mir nur, daß Alles, was jetzt hier um uns vorgeht, außerordentlich ist. Sie, zum Beispiel, lieben heute eine Person, die Sie gestern noch nicht kannten, und zwar hat sie Ihr Herz in dem Augenblick erobert, wo sie noch mehr dem Tode als dem Leben angehört. Wie wird es erst werden, wenn sie mit ihren körperlichen Vorzügen noch die weit hinreißenderen des Geistes verbindet, die ihr ohne Zweifel nicht mangeln! —

„Verzeihen Sie, Herr Oberst, wenn ich Ihnen gerade heraus sage, daß Sie ziemlich leicht über einen solchen Punkt sprechen. Ich kannte diese Lustigkeit an Ihnen noch nicht.“

— Ach, nehmen Sie es nicht übel, lieber Herr Doktor; in meiner jetzigen Stimmung weiß ich kaum, was ich thue; so sehr hat mich der Schmerz übermannt, daß meine Worte der Zerrüttung meines Verstandes entsprechen. In meiner Lage, deren ganze Qual Sie nicht zu würdigen im Stande sind, mag es wohl erlaubt sein, gegen die Regeln der Höflichkeit zu fehlen, wie es wohl sonst bei mir nicht der Fall ist. —

Diese Antwort gab dem Arzt die Ueberzeugung, daß der Oberst in der That durch den Schmerz etwas an dem freien Gebrauch seiner Verstandeskräfte verloren habe, und er fiel deßhalb nicht auf den Verdacht, daß eine geheime Ursache, ein Anfall von Eifersucht, großen Theil an des Obersten Worten gehabt habe. Der Letztere, voller Scham, einen Augenblick lang seinen Entschluß vergessen, und dem Arzt beinahe ein Recht gegeben zu haben, in seinem Herzen zu lesen, zog es vor, ihn in der Meinung zu lassen, daß das Uebermaß des Schmerzes ihm Abbruch in dem folgerechten Gange seiner Gedanken thue; und erst, als er in den Augen des Doktors las, daß derselbe wirklich dieser Meinung sei, war er vollkommen beruhigt. Er suchte darauf dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, und bat den Arzt, eine Wohnung im Schlosse anzunehmen, so lange der Zustand der verwundeten Dame sowohl als seiner Gattin seine Gegenwart nöthig machen würde.

„Ja, erwiederte Wildenau, ich will dieses Schloß vor der Hand zu meinem Hauptquartiere machen, und es nur dann auf kurze Zeit verlassen, wenn meine Gegenwart an andern Orten nicht entbehrt werden kann. Sein Sie daher in dieser Hinsicht ganz ruhig.“

Lobenthal fragte nun, ob er nicht Zutritt zu der Fremden erhalten könne, um ihr dem Anstande gemäß einen Besuch abzustatten.

„Es hängt ganz von Ihnen ab, Herr Oberst, es zu thun; aber noch lange Zeit hindurch werden Sie Ihre Komplimente an einen fast leblosen Körper richten. Die junge Dame wird wenigstens noch vierzehn Tage lang in völliger Bewußtlosigkeit verharren, wovon ihr starker Blutverlust die Ursache ist; und wir können uns glücklich schätzen, wenn sie in Zeit von vier Wochen unsere Fragen beantworten kann.“

— So müssen wir uns bis dahin gedulden, sagte der Oberst in einem Tone, dem er den Anschein der Gleichgültigkeit zu geben strebte. —

In diesem Augenblicke trat Lisette in’s Zimmer, und meldete voller Angst, daß Helene ohnmächtig geworden sei. Beide Herren eilten nun, wohin ihre Pflichten und Gefühle sie riefen. Die Oberstin blieb noch mehrere Tage lang in diesem Zustande der Schwäche, die aus dem Uebermaße ihres Schmerzes entstand, und nichts konnte sie zerstreuen; nur ein einziger Gedanke beschäftigte ihre Einbildungskraft.

Lodoiska schien unterdessen bestimmt zu sein, alle Behauptungen und Voraussetzungen des Arztes zu widerlegen; ihre Gesundheit war in weit kürzerer Zeit wieder hergestellt, als es nach seiner Meinung möglich war, und er genoß nicht einmal das Glück, die schöne Fremde zuerst sprechen zu hören. Einige Tage nach jener Schreckensnacht trat Alfred, der schon öfter in das Zimmer der Kranken gekommen war, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, abermals hinein, und hörte von der Wächterin, daß man vergessen habe, ihr das Frühstück zu bringen; er erlaubte ihr daher, es selbst zu holen, während er bei der Kranken zu bleiben und ihre Rückkehr abzuwarten versprach. Die Wächterin, voll Dankbarkeit über diese Gefälligkeit, und vielleicht in der Furcht, daß es nicht des Obersten Ernst sein möchte, nahm ihn beim Worte, und entfernte sich augenblicklich.

In den ersten Minuten blieb Alfred fast unbeweglich vor dem Bett, in welchem Lodoiska, der Gegenstand seiner ersten Liebe, ruhte; beim Anblick dieser fest geschlossenen Augen, dieser magern und leichenblassen Gesichtszüge, verfiel er in ein höchst schmerzliches, träumerisches Nachdenken. Die Kranke lag völlig unbeweglich, und kaum merkte man an ihrem schwachen Athemzuge, daß noch Leben in ihr sei.

„Armes Mädchen! sagte Alfred halb laut; so sollte ich dich also wiedersehen, nachdem dich deine unglückliche Liebe bis hierher geführt hat?“

Ein Seufzer, der von Lodoiska’s Lippen erschallte, machte den Obersten aufmerksam, und er näherte sich dem Bette noch mehr. Bald sahe er, wie sich die Augenlieder der Kranken fast unmerklich bewegten; endlich schlug sie die Augen auf, und blickte ihn an, worauf eine plötzliche Röthe ihr Gesicht überzog, und ihr Mund den Namen Alfred aussprach.

„Lodoiska, hast du mich erkannt? fragte der Oberst, der Heftigkeit seiner Gefühle fast unterliegend. Ach, wie sehr mußt du mich verabscheuen!“

— Alfred! liebst du mich? —

Bei dieser unerwarteten Frage, die nicht leicht zu beantworten war, fühlte sich der Oberst fast wie versteinert. Seine Zunge war im Begriff ein zufriedenstellendes Wort auszusprechen; aber seine Vernunft hielt dasselbe zurück; er konnte nur sein Gesicht mit beiden Händen bedecken, und schweigen.

„Alfred, grausamer Geliebter meines Herzens! willst du mir den Tod geben, dem ich jetzt entrinne?“

O, wie schrecklich war es für Alfred, die Unglückliche nicht beruhigen zu dürfen! Sie schien nur in’s Leben zurückzukehren, um vom ersten Augenblicke an allen den Kummer von Neuem mit verdoppelter Heftigkeit zu fühlen, der schon seit so langer Zeit an ihrem Herzen nagte. Aber konnte der Oberst einer unglücklichen Leidenschaft noch neue Nahrung geben? War er nicht Helenens Gatte? Konnte er sie so hintergehen? Die verschiedensten Gefühle und Gedanken kämpften in seinem Innern mit einander, und er war noch unentschlossen, als ein abermaliger Seufzer Lodoiska’s seine Aufmerksamkeit auf sich zog, und er mit Schrecken erkannte, daß sie in tiefe Ohnmacht zurückgesunken sei.

Da der Oberst fürchtete, der armen Kranken den letzten Stoß gegeben zu haben, so stürzte er aus dem Zimmer, und rief mit lauter Stimme den Arzt und die Bedienung herbei. Er erzählte ihnen, daß die Fremde anfangs zu sich selbst gekommen sei, und einige Worte gesprochen habe, worauf sie wieder in eine höchst gefährliche Ohnmacht zurückgefallen sei.

„Sie hat gesprochen, sagen Sie? rief der Arzt. Sind Sie auch Ihrer Sache ganz gewiß? denn es scheint mir ganz unmöglich. Wenn es aber dennoch wahr ist, so weiß ich nicht mehr, was ich von diesem unerklärbaren Wesen denken soll!“

Der Oberst versicherte, daß die Kranke gesprochen habe, und daß ihre Worte: Wo bin ich? wer ist bei mir? ganz vernehmlich gewesen seien. Freilich hatte sie so nicht gesagt, aber Alfred hütete sich wohl, die Wahrheit zu entdecken. Wildenau fand, daß Lodoiska ein heftiges Fieber hatte, und verhehlte nicht, daß sie sich in großer Gefahr befände, weil sie eine große Erschütterung in ihrem Innern erlitten haben müsse. Bei dieser Erklärung war der Oberst wie vom Blitze getroffen, und aus Furcht, sich zu verrathen, entfernte er sich. Ueber eine Stunde lang ging er in dem großen Saale auf und nieder, ohne zu wagen, sich zu seiner Gattin zurück zu begeben, noch in Lodoiska’s Zimmer zurückzukehren, wo dieselbe vielleicht im Begriff war, ihren letzten Seufzer auszuhauchen. O, welche Vorwürfe machte er sich jetzt über seinen vormaligen jugendlichen Leichtsinn, über seinen unverzeihlichen Fehler, in dem unschuldigen und gefühlvollen Herzen Lodoiska’s eine Flamme entzündet zu haben, deren Folgen so schrecklich waren! Er sahe jetzt ein, daß die Liebe, welche gewöhnlich so vergänglich ist, bei gewissen Charakteren ewig währen kann; denn Lodoiska’s Beständigkeit gab ihm den Beweis, weil Nichts ihre Zärtlichkeit zu vermindern im Stande gewesen war. Die Entfernung und lange Trennung, selbst die schlechte Behandlung waren an ihrem Herzen vorübergegangen, ohne es zu erkälten, und er selbst empfand jetzt das ganze Entzücken der Liebe, das ihn ehemals trunken machte. Welche Qualen, welche Kämpfe hatte der Oberst nun zu überstehen! Er sahe seine Zukunft wie hinter einer finstern Wolke, und voller Schrecken ergab er sich seinem Schicksale. Quälte ihn nicht auch die Art von Nebenbuhlerschaft, die zwischen ihm und dem Arzte entstehen zu wollen schien? Der Letztere, der noch jung und von sehr liebenswürdigem Aeußeren war, hatte alle Ansprüche, eine zärtliche Neigung einzuflößen. Ohne Zweifel würde er jetzt anfangen, Lodoiska mit seiner Leidenschaft zu verfolgen, ja vielleicht den Obersten selbst zur Mittelsperson machen wollen, wozu sich Alfred völlig unfähig fühlte! —

Wie wir schon gesagt haben, Lodoiska ging, wider alle Wahrscheinlichkeit, ihrer Genesung mit raschen Schritten entgegen. Kaum waren vierzehn Tage verflossen, so konnte sie schon aufrecht in ihrem Bette sitzen, und die an sie gerichteten Fragen beantworten. Helene entschloß sich nur schwer, ihr einen Besuch abzustatten, weil ihr Anblick ihr Wilhelms Tod so lebhaft in’s Gedächtniß zurückrief, daß sie beim ersten Besuche ohnmächtig wurde. Jedoch mangelte es der kranken Lodoiska nicht an Gesellschaft, weil der Arzt, so viel es seine Geschäfte zuließen, sich bei ihr aufhielt. Auch der Oberst, durch ein unwiderstehliches Gefühl dazu fortgerissen, wiederholte seinen Besuch täglich, obgleich er täglich schwur, seine Besuche seltener zu machen. Indessen suchte er es so einzurichten, daß er nie mit Lodoiska allein war, weil er eine zweite Erklärung von ihrer Seite fürchtete.

Vergebens suchte Lodoiska öfters, die lästigen Zeugen zu entfernen, wenn sich der Oberst bei ihr befand; aber Alfred war so sehr auf seiner Hut, daß er sich stets entfernte, wenn der Zufall es hätte herbeiführen können, sich mit dem Opfer einer unglücklichen Liebe allein zu befinden. In solchen Augenblicken sah man denn in den sonst gleichgültigen Gesichtszügen Lodoiska’s den heftigsten Verdruß vorherrschen, der sich oft gegen ihre Wärterin, selbst gegen den Arzt, äußerte. Der Letztere, der sich immer mehr gefesselt fühlte, ertrug mit seltener Geduld eine Leidenschaftlichkeit, von welcher er die wahre Ursache durchaus nicht ahnete, sondern die er nur ihrem körperlichen Uebelbefinden zuschrieb.

Bald darauf erklärte Lodoiska, daß sie aufstehen wolle, wobei der Arzt fast in Verzweiflung gerieth. Er versicherte, daß sie noch zu schwach sei, um ihren Wunsch befriedigen zu können, und daß sie sich wenigstens noch vier Wochen gedulden müsse, weil er sonst nicht dafür stehen könne, daß sie in die größte Gefahr geriethe, wenn sie ihr Bett verlassen wollte. Lodoiska antwortete nicht, wie sie es stets gewohnt war, wenn man ihr einen Vorschlag machte, der ihr nicht gefiel. Aber sobald Wildenau sich entfernt hatte, bat sie ihre Wächterin, ihr eine Frucht herbeizuholen, nach deren Genuß sie großes Verlangen fühle, und kaum war sie allein, so eilte sie, sich anzukleiden.

Das Erstaunen der Wächterin, als sie in’s Zimmer zurückkehrte, war unbeschreiblich; sie eiferte gegen die Dreistigkeit, mit welcher Lodoiska alle Vorschriften des Arztes bei Seite setzte, und drohte ihr mit dem höchsten Zorn des Letzteren, wenn derselbe sie bei seiner Rückkehr nicht im Bette finden würde. Aber diese Drohung machte nicht den geringsten Eindruck, und nachdem Lodoiska einige Zeit lang im Zimmer auf und nieder gegangen war, ließ sie die Oberstin fragen, ob dieselbe ihren Besuch annehmen könne.

Funfzehntes Kapitel.

Die Oberstin, und noch mehr ihr Gemahl, war weit entfernt von dem Gedanken, die Fremde vor sich erscheinen zu sehen. Beide fürchteten, daß sie ihrer Gesundheit Schaden zufügen könnte, und anstatt sie bei sich zu erwarten, begaben sie sich zu ihr.

„Mein Gott! sagte Helene eintretend, was beginnen Sie? So wenig beobachten Sie die Vorschriften unseres Arztes? Er hatte Ihnen doch empfohlen, sich noch länger im Bette zu halten, und nun sind Sie ohne seine Erlaubniß aufgestanden!“

— Ich hege die größte Meinung von den Kenntnissen des Herrn Wildenau, antwortete Lodoiska; aber ich glaube, daß die Arzneiwissenschaft gewisse Grenzen hat, über die sie nicht hinausgehen kann. Unser Freund beurtheilt meinen Zustand nach den ihm sonst vorgekommenen ähnlichen Fällen; aber bei mir muß er sich in allen seinen Voraussetzungen getäuscht sehen, weil ich eines außerordentlichen Daseins genieße: ich kann nicht völlig sterben, und Sie haben schon den Beweis davon. Da ich mich nun stark genug fühle, warum sollte ich mich noch nach Vorschriften richten, die meine Genesung nur verzögern würden? —

Seitdem Helene die Fremde bei sich aufgenommen, hatte sie schon die Erfahrung gemacht, daß es vergeblich sei, sich ihrem Willen zu widersetzen. Sie begnügte sich daher, ihr zu antworten, daß sie besser als jeder Andere wissen müsse, was sie zu thun habe, und daß sie dabei ohne Zweifel die Vorsicht nicht aus den Augen setzen würde. Der Oberst schwieg völlig. Erst heute sahe er eigentlich Lodoiska’n zum ersten Male wieder, und betrachtete mit stiller Rührung die Zerstörungen, welche Zeit, Unglücksfälle und Leiden in diesem schönen Körper angerichtet hatten. Sie besaß nicht mehr die lebhafte Gesichtsfarbe, welche sonst ihre Reize so sehr erhöheten, und ihre Augen schienen fast erstorben zu sein; aber dennoch mußte sie Aller Blicke auf sich ziehen, und den Männern Liebe einflößen. Ihr prächtiger Wuchs, ihre regelmäßigen Züge, ihr einnehmendes Wesen waren ihr noch geblieben.

Lodoiska behandelte den Obersten mit jener kalten Höflichkeit, die man gewöhnlich gegen Unbekannte ausübt, und sie wußte die Gefühle ihres Innern auf das Strengste zu verbergen. Wenn sie aber gewiß war, von keinem Zeugen belauscht zu werden, so belebte sich ihr Blick und machte dem Obersten die bittersten Vorwürfe, oder schien öfters zu sagen: Kehre zu mir zurück, und Alles ist verziehen. Alfred verstand diese Blicke nur allzugut, doch glaubte er, ihnen trotzen zu können; er vergaß, daß man, um Gefahren dieser Art zu überwinden, sie fliehen, nicht aber ihnen die Spitze bieten muß. Zwei Herzen, die sich einst liebten, und die nach langer Trennung sich einander wieder finden, vereinigen sich fast immer.

Während sich unter diesen drei Personen eine Unterhaltung entspann, kam der Arzt von seinen Geschäften, die er in der Umgegend gehabt hatte, zurück. Schon bei seinem Eintritte in’s Schloß erfuhr er, wie wenig die Fremde seine Vorschriften befolgt habe; er nahm sich daher vor, ihr deßhalb Vorwürfe zu machen; allein sein ganzer Zorn verschwand, als er in’s Zimmer trat, und sie in einem Zustande sahe, der ihre völlige Wiederherstellung bewies.

„Ich sehe, redete er sie an, daß sie meiner Hülfe nicht mehr bedürfen, und Sie haben daher vollkommen Recht, sich meiner Autorität zu entziehen; ich wünsche nur, daß sie es nie bereuen möchten.“

— Ihren seltenen Kenntnissen, antwortete Lodoiska, habe ich viel zu verdanken; das Uebrige hat die Natur gethan. Glauben Sie mir, daß ich mich jetzt vollkommen wohl befinde; aber je freier ich nun athme, desto mehr ist auch mein Herz von Dankbarkeit gegen Sie erfüllt. Erlauben Sie mir, Ihnen einen kleinen Beweis davon zu geben, was Sie mir hoffentlich nicht abschlagen werden. —

Mit diesen Worten nahm Lodoiska einen prächtigen Brillantring von sehr bedeutendem Werthe, von dem Tische, und überreichte ihn dem Arzte, der vor Ueberraschung nicht wußte, was er thun sollte. Gern hätte er ein Geschenk von sich gewiesen, das er für zu kostbar für seine Bemühungen hielt; wie gern hätte er es gesehen, wenn ihm die junge Schönheit ihre Dankbarkeit auf eine andere Art bewiesen hätte. Aber Lodoiska trat mit solcher Zuversichtlichkeit auf ihn zu, daß er das ihm dargebotene Geschenk nicht ausschlagen konnte, und nach einigem schwachen Widerstande nahm er den Ring seufzend an, steckte ihn an seinen Finger, und gab dem Obersten durch einen Blick zu erkennen, daß er gewünscht hätte, Lodoiska möchte ihm auf eine andere Art ihre Dankbarkeit zu erkennen gegeben haben.

Die Oberstin brannte vor Ungeduld, zu erfahren, was sich eigentlich in jener Schreckensnacht zugetragen hatte, deren Andenken nur mit ihr selbst in ihr untergehen konnte; aber sie fühlte auch zu gleicher Zeit, daß sie noch nicht stark genug sei, diese Erzählung ruhig mit anzuhören. Daher stand sie von ihrem Stuhle auf, wiederholte ihre Glückwünsche zur Wiedergenesung der Fremden, und überließ es dem Obersten und dem Arzte, die Enthüllung der Geheimnisse jener Nacht von Lodoiska’n entgegen zu nehmen.

Diese erbebte unwillkührlich, als man sie über diesen Gegenstand befragte; man konnte es auf ihrem Gesichte lesen, wie ungern sie es sehe, daß man sie daran erinnerte; daher schwieg sie auch einige Augenblicke, sei es nun, um sich zu sammeln, oder um abzuwarten, ob man die Frage erneuern würde. Allein der Oberst wiederholte dieselbe, und Lodoiska erzählte nun Folgendes:

„Die Frau Oberstin war von dem unausgesetzten Nachtwachen schon so sehr erschöpft, daß sie mich bat, an ihrer Stelle bei dem unglücklichen Kinde zu wachen, das sie verloren hat.“

Bei diesen Worten stieß der Oberst einen tiefen Seufzer aus. Verwirrt hielt Lodoiska inne, und ein krampfhafter Schmerz verzog ihre Gesichtszüge. Sie zögerte fortzufahren, that dieß aber doch endlich folgendermaßen.

„Ich konnte es dieser großmüthigen Dame nicht abschlagen, und ungeachtet meines Widerwillens, wovon ich mir damals noch keine Rechenschaft geben konnte, der sich aber durch die Folge gerechtfertigt hat, willigte ich ein, die Nacht bei dem armen Wilhelm zuzubringen. Gegen Mitternacht überwältigte mich der Schlaf, der seit mehreren Jahren nur selten meine Augen schließt, mit solcher Kraft, daß ich ihm vergebens zu widerstehen suchte; ich legte meinen Kopf gegen den Rücken des Lehnstuhls, in welchem ich saß, und in wenigen Augenblicken war ich eingeschlummert. Was von diesem Zeitpunkte an geschehen ist, weiß ich nicht, bis ich plötzlich durch ein starkes Geräusch geweckt wurde. Kaum schlug ich die Augen auf, so erblickte ich beim Schein des Mondes vier bewaffnete Männer, welche auf mich zukamen. Mein Schrecken war so groß, daß ich nicht im Stande war, zu schreien, um Hülfe herbeizurufen. Der eine von den Männern faßte mich beim Arme, ein anderer näherte sich dem Bette. In diesem Augenblicke wurde die Thür mit Ungestüm aufgerissen, und Werner erschien. Ich hörte zwei Pistolenschüsse fallen, fühlte mich von einer Kugel getroffen, und stürzte zur Erde. Meine Besinnung verließ mich. Ohne Zweifel waren die Räuber durch’s Fenster eingestiegen; denn ich hörte nachher von meiner Wächterin, daß man eine Strickleiter am Fenster gefunden habe. Ich kann diesen Umstand nicht bestätigen, weil ich nichts gesehen habe, als die Mörder und den Tod, den sie mir ohne Zweifel bestimmten. Auch weiß ich keine bestimmte Ursache für den Tod Ihres Kindes anzuführen. War dieß gerade der Augenblick seines Sterbens, oder wäre es durch die Furcht schneller herbeigeführt worden? Ach, er kann es Ihnen nicht sagen, und kein Sterblicher wird je von den Geheimnissen des Todes unterrichtet werden.“ —

So erzählte Lodoiska ihre Geschichte, und Niemand konnte die Wahrheit derselben bezeugen oder ihr widersprechen. Sie allein hatte die Begebenheit überlebt; diejenigen, welche die wahren Umstände derselben hätten bekannt machen können, waren auf ewig von dieser Erde verbannt, wo das Verbrechen und die Lüge nur allzuoft über Unschuld und Tugend den Sieg davon tragen. Eine so unvollständige Erzählung konnte übrigens nicht die geringste Aufklärung geben. Man hatte ungeachtet der eifrigsten Nachforschungen nicht die geringste Spur von den Mördern finden können, und dennoch waren sie da gewesen. Lobenthal und Wildenau verloren sich in ihren Vermuthungen, während Lodoiska in ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit verharrte, und endlich den Wunsch äußerte, auf einige Zeit allein zu sein, um, wie sie sagte, sich von der Abspannung zu erholen, in welche ihre Erzählung ihre moralischen Kräfte gesetzt habe.

Dieser Wunsch war sowohl für den Obersten als für den Arzt ein Befehl. Sie entfernten sich augenblicklich, und begaben sich zu Helenen, der sie die eben angehörte Erzählung mittheilten, die aber davon wenig gerührt wurde, weil sie keinen Aufschluß über den geheimnißvollen und unerwarteten Tod ihres Sohns dadurch erhielt. Das Uebrige kümmerte sie wenig, und sie sah darin nichts weiter, als einen gewöhnlichen Angriff von Räubern, der für dieselben ohne Erfolg gewesen war, aber blutige Spuren hinterlassen hatte.

Lodoiska fing jetzt ihr früheres gewöhnliches Leben wieder an. Fast immer in ihrem Zimmer eingeschlossen, zeigte sie sich nur zur Zeit der Mahlzeit, und nur selten willigte sie darein, den Nachmittag mit der Familie zuzubringen. Ihre Unterhaltung war dann ernsthaft und schwermüthig; sie schien ihre Leidenschaft für den Obersten völlig vergessen zu haben, sowohl als die Worte, die sie bei ihrem ersten Wiedersehen ausgesprochen hatte. Dadurch ward Lobenthal so sicher gemacht, daß er täglich weniger Vorsicht anwendete, einer Unterredung unter vier Augen auszuweichen, die Lodoiska nicht mehr zu wünschen schien. —

Man befand sich jetzt mitten im Winter. Bald machte der Regen alle Wege ungangbar, bald verwandelte der eisige Hauch des Nordwindes die Erde in Stein, und machte es unmöglich spazieren zu gehen. Bei solchem Wetter befiel den Obersten seine alte Jagdlust wieder, und oft kehrte er mit reicher Beute beladen nach Hause zurück. So war er auch eines Morgens in den Wald gegangen, wo ihm sogleich anfangs ein Reh in den Schuß kam; allein das arme Thier stürzte nicht sogleich todt zur Erde nieder, sondern lief mit Anstrengung aller Kräfte pfeilschnell durch das dickste Gebüsch, von dem bellenden Jagdhunde des Obersten verfolgt. Auch Lobenthal folgte der blutigen Spur, bis er das Thier verendet fand, aber sich dabei so weit vom Schlosse entfernt sahe, daß er kaum mehr hoffen konnte, es zur Mittagszeit wieder zu erreichen.

Nachdem er seine Beute in Stücke getheilt hatte, um sie desto besser fortzubringen, machte er sich auf den Rückweg, der ihn so ermüdete, daß er sich, nicht weit mehr vom Schlosse entfernt, auf einer in einen Felsen gehauenen Bank, auf einige Augenblicke auszuruhen beschloß. Tausend verschiedene Gedanken bestürmten seine Einbildungskraft, die ihn bald in seine Jugendjahre zurückführte; er glaubte, noch in den Gebirgen der Wallachei zu sein, wo er oft in Gesellschaft eines Mädchens, das ihm damals ein Engel zu sein schien, die schneebedeckten Gipfel der Felsen erkletterte. Plötzlich fiel ihm ein Gedicht ein, das er einst in jener glücklichen Zeit für Lodoiska verfertigt hatte; es konnte nach einer in ihrem Vaterlande sehr beliebten Weise gesungen werden, und nachdem er die ersten Verse für sich hergesagt hatte, ging er unvermerklich in jene Melodie über, bis er, ohne es selbst zu wissen, das Lied mit lauter Stimme sang.

Der Gesang war geendigt, und noch befand er sich in seinem träumerischen Zustande, als er daraus plötzlich durch das Herabfallen einiger Steine von der neben ihm befindlichen Höhe geweckt wurde. Er richtete den Kopf nach oben, um die Ursache zu entdecken; aber wie erstaunte er, als er Lodoiska, die ihn so eben noch so sehr beschäftigt hatte, von der Höhe herabkommen sahe. Er konnte ihr nicht anders ausweichen, als wenn er gerade querfeldein lief, was nach den Regeln des Anstandes durchaus nicht thunlich war; aber er gerieth in die größte Unruhe über die Unterredung, die nun ohne Zweifel Statt haben mußte. In seiner Ueberraschung sprang er von seinem Sitze auf, während die junge Schönheit, vielleicht von ähnlichen Gefühlen, wie die seinigen, bestürmt, stehen blieb, und sich an die Felsenwand stützte, als wenn sie fürchtete, ihr Bewußtsein zu verlieren.

So standen beide einige Zeit lang einander gegenüber, ungewiß, was sie thun sollten; endlich setzte aber Lodoiska ihren Weg fort, und befand sich nach einigen Augenblicken dicht bei dem Obersten.

Sechszehntes Kapitel.

Sollte ich Ihnen, redete sie ihn mit halb erstickter Stimme an, durch meine Gegenwart lästig werden? Können Sie mich nicht anders mehr als mit Furcht erblicken? Muß ich zu dem Zufall meine Zuflucht nehmen, um mit Ihnen zusammen zu treffen?“

Alfred fühlte die Nothwendigkeit, hierauf etwas zu erwidern; aber er fürchtete auch, in seinen Worten nicht die richtige Mittelstraße beobachten zu können, und das Unangenehme seiner Lage setzte ihn in die größte Verlegenheit.

„Ach! antwortete er, ist es gut für uns beide, daß wir uns wiedergefunden haben? Hatte uns nicht das Schicksal auf immer von einander getrennt? Konnte ich erwarten, Lodoiska, Sie hier in Deutschland zu sehen, nachdem die Bande, die uns an einander knüpften, längst aufgelöset sind?“

— Und wer hat sie zerrissen, Alfred, diese Bande? Verdiene ich oder Sie diesen Vorwurf? Nur die Zeit war zwischen uns; ich konnte meine schwachen Reize verlieren, aber mein Herz hat sich nicht geändert, und Sie sehen den Beweis davon vor sich! —

„Ich bedarf Ihrer Gegenwart nicht, Lodoiska, um mir Vorwürfe zu machen, die ich mir schon seit langer Zeit gemacht habe. Die Verirrungen meiner Jugend haben sich meinen Blicken schon längst unter den schwärzesten Farben dargestellt. Aber was kann jetzt noch geschehen? Unsere Lage ist kummervoll; aber es bleibt uns nichts übrig, als sie mit Fassung und Muth zu ertragen: so will es das Schicksal.“

— Sie drücken sich ziemlich dunkel aus, Alfred. Reden Sie offen zu mir, sagen Sie mir Alles, was Sie denken, und ich werde aufrichtig Ihrem Beispiele folgen. —

„Wie wäre es möglich, selbst zu enträthseln, was jetzt in meinem Herzen vorgeht? Und dürfte ich es thun, wenn ich es könnte? Bin ich nicht durch unauflösliche Bande gefesselt? Sein Sie großmüthiger als ich, Lodoiska, und bringen Sie freiwillig ein nothwendiges Opfer. Vergessen Sie mich, wenn Sie können ....“

— Sie haben Recht, wenn Sie daran zweifeln. Ich bin Ihnen völlig ähnlich, Alfred; auch ich habe meine Schwächen, mein Unrecht vielleicht. Sie haben nicht gefürchtet, mich zu verlassen, und einer Andern die Treue zu widmen, die Sie mir gelobt hatten; ich dagegen kann meine Empfindungen nicht unterdrücken, obgleich ich einsehe, daß sie vergeblich sind. Ich weiß, daß meine Gegenwart Sie belästigt, und dennoch fühle ich mich glücklich, daß ich mich mit einer eiteln Hoffnung täuschen kann. Warum wollen Sie, daß ich Sie an Geistesstärke übertreffen soll? Sie haben mir Ihr Herz nicht erhalten können, und ich fühle mich unfähig, Ihnen das meinige zu entreißen. —

„Ihre Worte, Lodoiska, verdoppeln noch meine Verzweiflung. Ich würde mein Leben dafür geben, das Geschehene ungeschehen zu machen, damit Sie ruhig und glücklich Ihr Leben genießen könnten.“

— Es giebt Wünsche, antwortete Lodoiska mit einem schauerlichen Tone, deren Erfüllung nicht mehr möglich ist. Für mich giebt es kein Glück und keine Ruhe mehr auf der Erde; auch werde ich beides im Grabe nicht finden, und Sie allein muß ich als die Ursache dieses Unglücks betrachten. Sie wollen Ihr Leben für mich hingeben, sagen Sie? Dieses Opfer steht nicht in Ihrer Gewalt. Gehörten Sie mir nicht schon früher an? Habe ich nicht das heiligste Versprechen darüber, mit Ihrem eigenen Blute geschrieben? —

„Ich läugne es nicht, daß ich Ihnen dieses Andenken meiner Liebe zurückgelassen habe. Aber wozu kann es Ihnen jetzt noch dienen? Es ist ein nichtiges Papier, das unsere Gesetze nicht anerkennen.“

— Ihre Gesetze! Was gehen mich die Förmlichkeiten an, die die Willkühr der Menschen geheiligt hat? Aber ich werde mich keinesweges so herabwürdigen, Sie wegen Ihres Meineids vor den Gerichten Ihres Landes zu belangen, sondern besser thun, mich bei dem unbestechlichen Wesen zu beklagen, das nicht über Worte richtet, sondern über Thaten. Zittern Sie, Unglücklicher, vor der Strafe, die Sie erwartet. Kennen Sie alle Mittel, deren sich der Allmächtige bedienen kann, um Sie in Ihrem Innersten zu verwunden? —

„Unglückliche Lodoiska, sein Sie ruhiger, ereifern Sie sich nicht! Da ich Ihnen jetzt nicht mehr meine Hand anbieten kann, so erlauben Sie, daß die reinste Freundschaft eine heftige Leidenschaft ersetze.“

— Die Freundschaft! nichts als die kalte Freundschaft bietet mir also Alfred an, für so viele Jahre voll Zärtlichkeit und Schmerz! Ich soll mich also entweder von ihm entfernen, um von Zeit zu Zeit einen Brief zu erhalten, dessen Kälte mich zur Verzweiflung bringen würde; oder mit ihm unter einem Dache bleiben, und dort Zeugin von dem Glücke einer Andern sein, mich einer beständigen Marter überliefern! Ach, wie unverständig war ich noch vor wenigen Augenblicken, als ich dort hinter jenen Bäumen Worte hörte, die mir in’s Innerste drangen, und die ich noch nicht vergessen habe! —

„Sie mußten Ihnen einen Beweis geben, daß Sie mir oft im Herzen gegenwärtig sind, und daß ich mich mit Kummer jener Zeiten erinnere, die für mich so glücklich waren. Aber ich beschwöre Sie, Lodoiska, retten Sie mich und sich vor der Verzweiflung; suchen Sie sich zu beherrschen, und sich nicht zu rächen, wie Sie es mich in Ihrem letzten heftigen Briefe fürchten ließen.“

— Sein Sie ruhig Alfred; seit jener Zeit haben meine Gedanken eine andere Richtung erhalten. Nicht durch menschliche Mittel will ich mich zu rächen suchen, sondern durch eine höhere Macht, die mich wider meinen Willen zum Ziele treibt. Gerne wünschte ich den mir vorgeschriebenen Gang zu ändern, aber es ist unmöglich! —

Der feierliche Ton, mit welchem das junge Mädchen diese Worte aussprach, flößte dem Obersten eine Art von Schrecken ein; doch faßte er sich bald, und sagte, Lodoiska’n die Hand reichend:

„Ich hoffe, daß unser Schöpfer mir mein begangenes Unrecht verzeihen wird, wenn Sie großmüthig genug sind, es zuerst zu vergessen. Weisen Sie meine Hand nicht so verächtlich von sich. Schließen wir einen Friedensvertrag, und versprechen Sie mir, daß Sie die Ruhe meiner Frau nicht stören wollen.“

— Warum sollte ich großmüthiger sein als Sie? Was geht mich die Ruhe Ihrer Frau an? Haben Sie nicht die meinige unwiederbringlich aufgeopfert? Doch ich will suchen, Sie in allen Dingen zu übertreffen; nur Sie will ich quälen, und wenn ich mich nicht selbst beherrschen kann, so werde ich ohne Mitleid gegen Sie sein, wie Sie es gegen mich gewesen sind. —

Die Bitterkeit dieser Antwort schlug den Obersten völlig zu Boden. Er dachte in seiner Verzweiflung nicht daran, daß es Zeit sei, sich zum Mittagsessen nach Hause zu begeben; aber Lodoiska war vorsichtiger.

„Es ist Mittagszeit, sagte sie, und Sie können Ihre Jagd nicht noch länger fortsetzen, ohne diejenige in die größte Angst zu setzen, deren Ruhe Ihnen so theuer ist. Schlagen Sie jenen Weg dort ein, er führt Sie gerade nach dem Schlosse; ich werde über diese Anhöhe hier zurückgehen. Weiter habe ich Ihnen nichts zu sagen, Alfred, aber ich fürchte für Sie den Zorn des Himmels.“

Mit diesen Worten wendete sich Lodoiska rasch um, erstieg den Hügel, und verschwand vor den Augen des Obersten, der noch lange Zeit brauchte, ehe er sich erholte und auf den Weg begab. Als er in’s Schloß zurückkam, sahe er, wie Lodoiska neben seiner Frau saß, so ruhig, als wenn durchaus nichts vorgefallen wäre.

Der Nachmittag verstrich fast unter stetem Schweigen. Die Zeit hatte noch nichts über den Schmerz der Oberstin vermocht; fast beständig saß sie unbeweglich, ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, in welchem sie nicht las, oder an einem Stickrahmen, den sie mit ihren Thränen benetzte. Eine tiefe Schwermuth hatte sich ihrer bemächtigt, und nur in seltenen Augenblicken, wo ihr Geist etwas heiterer war, zeigte sie ihrem Gatten, daß sie ihn noch liebe. Ihrer Tochter erlaubte sie niemals, sich von ihr zu entfernen, und wenn öfters Julie, durch ihre Lebhaftigkeit hingerissen, den Befehl ihrer Mutter vergaß, sprang Letztere fast außer sich aus dem Zimmer, rief sie mit lauter Stimme, und war nicht eher ruhig, als bis das Kind wieder bei ihr war. Stundenlang betrachtete sie Juliens lächelndes Gesicht; es schien ihr, als wenn das kleine Mädchen schon ebenfalls von der Krankheit befallen wäre, die ihren Bruder in’s Grab gebracht hatte; dann kannte ihre Verzweiflung keine Grenzen. Vergebens versicherte der Arzt, daß ihre Tochter völlig gesund sei; sie konnte nur unvollkommen ihre Angst unterdrücken, die sich bei der geringsten Veranlassung erneuerte.

Als Alfred diese beständige Traurigkeit sahe, welche die seinige noch verdoppelte, fürchtete er, seine Frau einen Augenblick lang allein zu lassen. Er bemerkte, daß Helene ihre eigene Gesundheit untergrub, indem sie so eifrig über die Gesundheit der kleinen Julie wachte; schon waren ihre Wangen blaß und eingefallen, ihre Augen wurden hohl, und aus ihrer Brust kamen oft rauhe Töne hervor, als wenn sie von der abzehrenden Krankheit befallen wäre.

Am folgenden Tage stattete der alte Herr von Krauthof einen Besuch im Schlosse ab. Fast mit ihm zugleich kam Wildenau. Der Erstere hatte schon lange mit großer Ungeduld den Augenblick erwartet, wo er die geheimnißvolle Fremde zu Gesicht bekommen würde. Oft war er deßhalb schon vergebens im Schlosse gewesen; aber heute war er glücklicher, und mit welcher Freude sahe er Lodoiska’n, welche die kleine Julie auf dem Schooße hatte, am Fenster sitzen. Durch seinen feinen Anstand zeichnete sich Herr von Krauthof eben nicht aus; an das Leben auf dem Lande gewöhnt, wo er größtentheils nur mit Bauern zusammenkam, über die er sich hoch erhaben glaubte, legte er sich in Gesellschaften eben keinen Zwang an. Sobald er sich daher gesetzt und der Oberstin die gewöhnlichen Komplimente gemacht hatte, wendete er sich an die junge Lodoiska:

„Madame, vielleicht kommt Ihnen dieser Titel nicht zu; denn es ist möglich, daß Sie noch nicht verheirathet sind; aber glauben Sie mir, es ist nicht meine Schuld, wenn ich Ihnen nicht schon früher meine Aufwartung gemacht habe. Vor einiger Zeit fand ich mich an Ihrer Thüre ein; allein Ihr Kammerdiener weigerte sich mit außerordentlicher Grobheit, der Himmel mag sie ihm verzeihen, mich bei Ihnen vorzulassen. Wahrhaftig, ich möchte mich beinahe über die Feuersbrunst freuen, die Ihr Häuschen in Asche gelegt hat, weil ich dieser Begebenheit die Ehre verdanke, Ihnen meine Aufwartung zu machen.“

Diese seltsame Art sich auszudrücken mißfiel der ganzen Gesellschaft. Lodoiska, welche darin nicht geradezu eine Frage sahe, schwieg, während der Arzt, der sie aus einer Verlegenheit zu ziehen glaubte, sich nach dem Zustande ihrer Gesundheit erkundigte. Hierauf antwortete sie mit wenigen Worten. Herr von Krauthof, der sich durch die Unzufriedenheit, die er auf allen Gesichtern lesen konnte, wenn er gewollt hätte, nicht irre machen ließ, wendete sich nun an den Arzt.

„Zum Teufel, mein gelehrter Herr Doktor, Sie sind mit einem Vorrechte begabt, das ich nicht besitze, nämlich diese schöne Dame zum Sprechen zu bringen.“

— Allerdings hat sie mir geantwortet, Herr Ober-Land-Jägermeister; aber dieß verdanke ich meiner Frage, der einzigen, welche wohlerzogene Leute an Jemanden richten können, den sie nicht kennen. —

„Aha! ich höre es, mein Lieber, wie man mir schon früher gesagt hat, daß Sie auch zu der Klasse der jetzigen Aufgeklärten gehören. Was können denn das für wohlerzogene Leute sein, wenn ich nicht dazu gehöre?“

Ungeachtet der ernsten über Lodoiska’s Gesicht verbreiteten Kälte und ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit, konnte sie doch nicht ein Lächeln über diese Worte unterdrücken, während die Oberstin die Achseln zuckte und Lobenthal aus Klugheit die Antwort unterdrückte, die ihm schon auf den Lippen schwebte. Indessen suchte er die Unterhaltung auf einen andern Gegenstand zu bringen, und fragte, ob es wahr sei, daß endlich das Kirchspiel einen eigenen Pfarrer erhalten würde?

„Ja, Herr Oberst, so viel ich weiß, ist es wahr, und mir dauert schon die Zeit lang, ehe wir ihn hier haben; denn ich hoffe, daß er durch seine Predigten dem Bauervolk mehr Gehorsam und Unterwürfigkeit gegen uns beibringen, und ihnen beweisen wird, wie sehr unser Einer über sie erhaben ist. Vorzüglich aber muß er suchen, den Aberglauben zu verbannen, der unter dem Volke immer mehr Wurzel schlägt, je mehr auf der anderen Seite seine Ungläubigkeit zunimmt.“

— Ich erstaune! sagte der Arzt. Wie können Sie so sprechen! Sie, ein Feind des Aberglaubens! Ich hielt diesen sehr nahe verwandt mit der großen Masse der Vorurtheile. —

„Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen, mein Lieber; aber ich liebe den Aberglauben nicht, weil er die Bauern von ihrer Pflicht abhält. Seitdem diese Elenden sich in den Kopf gesetzt haben, daß es Vampyre im Kirchspiele gebe, wollen sie keinen Schritt mehr aus dem Hause gehen, sobald es finster ist.“

— Vampyre! Hier sollen Vampyre sein? rief der Oberst. Wer kann die scheußlichen Mährchen Ungarns und Griechenlands hierher verbreitet haben? —

Bei diesen Worten konnte der Oberst sich nicht enthalten, seinen Blick auf Lodoiska zu richten. Er sahe, daß sie außer aller Fassung war. Ihre Gesichtszüge drückten den höchsten Schrecken aus, ihr Mund stand halb geöffnet, ihre Augen waren unbeweglich, und mit einer schnellen Bewegung, die sie aber wieder unterdrückte, schien sie im Begriff gewesen zu sein, sich zu entfernen.

Der Oberst erklärte sich mit Leichtigkeit diesen Schrecken Lodoiska’s. Es war fast unmöglich, daß ein Mädchen aus der Wallachei nicht an die Vampyre glaubte, und sehr häufig hatte sie mit ihm darüber gesprochen, ihm die seltsamsten Geschichten über diesen Gegenstand erzählt. Konnte er sich also wundern, daß sie außer sich gerieth, als so unerwartet die Rede auf die fürchterlichen Vampyre kam? Aus Rücksicht für sie hätte er gern dem Gespräche abermals eine andere Wendung gegeben; aber es war zu spät. Herr von Krauthof beantwortete die an ihn gerichtete Frage.

„Einem Unglücklichen, der nicht mehr am Leben ist, verdanken wir den in dieser Gegend verbreiteten Schrecken. Ihr Bedienter Werner erzählte seinen Freunden die Geschichte von diesen Unholden, welche nach dem menschlichen Blute dürsten, bei Gelegenheit des sonderbaren Todes einer jungen Bäuerin aus dem Dorfe. Aber mein Gott, fuhr er fort, sich an Lodoiska wendend, Madame, fürchten Sie sich denn auch vor solchen Narrheiten? Sie haben ohne Zweifel zu viel Verstand, als daß Sie an diese Unholde, diese Vampyre glauben könnten, die ohne Zweifel nur in dem Gehirn desjenigen ihr Dasein hatten, der zuerst von ihnen sprach.“

Hier warf die Fremde einen so finsteren Blick auf den Herrn von Krauthof, von einem so scheußlichen Lächeln begleitet, daß er ungeachtet seiner Zuversichtlichkeit ganz erschrocken in seiner Rede inne hielt, und mit der Sprache zugleich die Lust zum Plaudern verlor, die ihn sonst nie verließ.

Der Arzt glaubte nun gleichfalls über diesen Gegenstand sprechen zu müssen, und scherzte über diese abscheulichen Mährchen. Er forderte die Vampyre heraus, den Schlaf eines muthigen Mannes zu stören, und hätte noch lange so fortgefahren, wenn ihn nicht die wiederholten Winke des Obersten davon abgehalten hätten. Hierauf folgte ein Augenblick des Stillschweigens, als plötzlich auch Helene das Wort nahm:

„Warum, sagte sie, wollen wir so hartnäckig diese Geheimnisse bestreiten? Wie abscheulich sie auch sein mögen, kennen wir alle Mittel der Vorsehung, wodurch sie uns zu betrüben im Stande ist? Ich glaube an die Möglichkeit, daß es Vampyre geben kann, und vielleicht habe ich gar einem Ungeheuer dieser Art den unerwarteten Tod meines Sohns zu verdanken .....“

Die Fremde stößt bei diesen Worten einen lauten durchdringenden Schrei aus. Sie steht mit Heftigkeit auf, will einen Schritt vorwärts thun, und fällt ohne Bewußtsein auf den Fußboden nieder. —