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Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik

Chapter 12: Die Kaiserlichen
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About This Book

A multigenerational chronicle follows a cluster of heath farmers centered on one prominent farm as they clear and cultivate wild moorland, defend their homes against beasts, raiders and feudal intrusions, and weather changing political and social pressures. The narrative traces daily labor, communal customs and violent confrontations, the uneasy adoption of external religion and law, and the toll of war and plunder on families and character. Evocative attention to landscape and rural rhythms frames themes of resilience, honor, and the persistence of rough communal traditions amid external encroachments.

Aus Hunger nach dem Brot
in Wäldern viel erfroren,
von Haus und Hof verjagt:
zwei Kinder man fund mit Schmerzen,
die von ihrer Mutter Herzen
aus Hungersnot genagt.

Die Kaiserlichen

Es wurde ein harter Winter und der Schnee blieb liegen. Die Peerhobstler hatten Angst, daß ihre Fußspuren Feinde in das Dorf ziehen würden, und so mußten sie sich nach jedem Neuschnee daran geben und an dem Dorfe vorbei falsche Fährten durch die Haide machen.

So hatten sie wenigstens etwas zu tun und verfielen nicht vor Langerweile in Trübsinn. Damit die Arbeit nicht abriß, so ging der Wulfsbauer dabei, wenn die Kälte einmal nachließ und der Boden weich wurde, ein festes Blockhaus in der Wallburg zu bauen, denn er sagte sich, daß doch noch einmal ein Haufen Mordgesindel nach dem Peerhobsberge hinfinden könnte, und dann war es schlimm.

Thedel machte ihm das sofort nach, und dann Bolle und Henke und Duwe und Rennecke, und schließlich wollte jeder in der Burg ein Haus mit Stall haben. Sie bauten die Häuser dicht an den Wall heran und deckten sie mit Plaggen, damit sie nicht so leicht Feuer fangen konnten. Damit die Burg noch sicherer war, leiteten sie eine Quelle in den Burggraben, nachdem sie ihn vorher noch tiefer und steiler gemacht hatten.

Zuletzt wurde der Zuweg abgegraben und eine Fallbrücke kam statt seiner dahin. Auch ein Brunnen wurde gegraben, und schließlich wurde alles Pulver und Blei, das zu entbehren war, in die Blockhütten geschafft und alle überflüssigen Schießgewehre und sonstigen Waffen, auch Pfannen und Töpfe dort untergebracht, Brennholz, Kleidungsstücke und Mundvorrat aller Art und Viehfutter, sowie alle Immenkörbe aus dem Dorfe. Als alles fertig war, hielt der Burvogt auf dem Bauernmale eine Rede und sagte: »Jetzt können sie kommen, wenn sie lustig sind; wir wollen sie schon gut bedienen!«

Da hielten die Bauern die Köpfe wieder höher. Was konnte ihnen auch viel geschehen? Setzte ihnen der Feind den roten Hahn auf das Dach, laß fahren dahin! Holz wuchs genug in der Wohld, alle Wertsachen und das Bargeld lagen im Wall, und ehe der Feind beim Dorfe war, hatten die Wachen ihn schon spitz und meldeten ihn an. Denn nach der Ernte war der Wachdienst noch besser eingerichtet, als während des Sommers. Die Auskieke in den Wahrbäumen waren so fest und dicht gemacht, daß es für die Wachen darin wohl auszuhalten war, zumal es an warmen Kleidern und Pelzen nicht mangelte, hatten die Wehrwölfe doch genug davon erbeutet. Zudem streiften den ganzen Tag über berittene Wachen durch die Haide.

Damit den Leuten die Abende nicht zu lang wurden, sorgte der Prediger für allerhand Zeitvertreib. Im Pfarrhause veranstaltete er Zusammenkünfte, bei denen die heilige Schrift ausgelegt wurde, und an etlichen Tagen las er aus anderen Büchern vor, damit die Leute einmal wieder von Herzen lachen konnten. Er erzählte ihnen, wie es in der Marsch an der Unterweser aussah, wo er zu Hause war, und was er auf der hohen Schule belebt hatte, und da taute einem nach dem anderen die Zunge im Munde los und jeder erzählte irgend etwas. Sogar Schewenkasper tat das und er war sehr stolz, daß alle so mächtig lachten; sie taten das aber, weil kein Mensch an dem, was er sagte, herausfinden konnte: was ist nun Kopf und was Steert?

Alle zwei Wochen gab es auf dem neuen Hofe Tanz für das junge Volk, denn Wittenfritze spielte die Fiedel und Duwenhinrich verstand sich großartig auf die Pickelflöte. Es ging lustig auf diesen Tanzabenden zu, lustig, aber doch sinnig, denn außer einem Trunk Bier gab es nichts weiter, und wenn auch nicht so viel gejucht wurde und die roten Röcke auch nicht ganz so hoch flogen als sonst, dafür gab es auch keinen Zank und Streit und am anderen Tage keine dicken Köpfe. Es tanzten aber auch die befreiten Leute mit. Ein großes Hallo gab es, als sogar der Prediger zeigte, daß er und seine Frau so gut tanzen konnten wie einer, und als die Mädchen freie Hand hatten, wollte eine jede mit ihm tanzen. »Ja, unser Prediger, das ist einer!« sagte Thedel, als er mit seiner Hille nach Hause schob.

So ging der Winter schneller hin, als man dachte, und besondere Ungelegenheiten brachte er auch nicht. Einmal war allerdings eine große Bande von Schweden dem Dorfe ziemlich nahe gekommen, als der Wulfsbauer und seine beiden Knechte, die auf Streifwache geritten waren, sie spitz kriegten. Da zeigte Schewenkasper, daß er doch nicht so dumm war, wie er sich anstellte, und lieferte ein Stück, daß er auf einmal ein berühmter Mann wurde, sogar bei seiner Frau, die ihn jeden Tag mit seiner Maulfaulheit und Drögigkeit aufzog. Als er acht Tage später im Kruge zu Engensen saß, war er sehr stolz, als Viekenludolf ihm sagte: »Wenn du nicht ein verheirateter Mann wärest, müßtest du eigentlich Oberobmann werden. Aber nun verzähl uns das mal, wie es war!«

»Tja,« sagte Schewenkasper, »tja, das war an dem Morgen nach der Nacht, tja, an demselbigten Morgen, als Duwes Wittkopp das Kalb mit den zwei Köppen kriegte. Tja, da dachte ich gleich: wenn das man nichts zu bedeuten hat, dachte ich. Tja, so war es denn auch. So bei Uhre achte, es kann aber auch schon neune gewesen sein, sagte der Bauer zu mir und Gird: wollen 'n büschen in die Haide, v'lleicht, daß wir was Neues gewahr werden. Na, wir also los! Tja, und als wir meist am Bullenbruch sind, das heißt, wir waren noch auf dem Höltkebrunnen, was meint ihr wohl, kommen da Reiter an und gleich an die vierzig Stück. Gird, sagte der Bauer da, mach, daß du nach dem Peerhobsberge kommst und laß tuten und blasen! Wir wollen sehen, daß wir Hilfe kriegen. Tja, und da kam mir ein Gedanke, wahrhaftig, und ich sagte: Wulfsbur, sagte ich, wenn wir nun in den Busch reiten, wo wir ober dem Wind sind, und ich mache wie eine Kuh oder zwei oder drei und wie ein Kalb und das Schweinegeschrei habe ich auch los, tja, das habe ich, vielleicht, daß wir sie damit vom Wege wegzocken. Und der Bauer war das zufrieden. Kasper, sagte er, das ist ein Gedanke! Na, wir also in den Busch, bis wir ober dem Wind sind, und da ich losgelegt. Erst so ganz sachteken: miuh, miuh, wie so 'ne Stärke. Und hinterher: muuh, und immer gefährlicher gebölkt, und dazwischen nöff, nöff, nöff und wit, wit, wit, als wie ein Schwein, und ab und zu ließ ich eine Stute loslegen oder ein Füllen, tja, und was meint ihr, richtig fallen sie darauf rein, die Döllmer, und wir zocken sie aus dem Bullenbruche nach dem Osterhohl und von da nach der Nienwohle, und von da nach dem Düsterbrook, und von da nach dem Neegenbarkenbusch, und dann hast 'e nicht gesehen, klabuster, klabuster nach Rammlingen geritten und Hilfe geholt, tja. Na, und das andere, das wißt ihr ja besser als wie ich.«

Das war nämlich auch ganz lustig. In Rammlingen waren gerade an die achtzig von den Dreihundertdreiunddreißig zusammen, und als die beiden Peerhobstler angeritten kamen und Meldung machten, schrie Schütte: »Das kommt uns gut zu passe! Und nun will ich euch was sagen: wir wollen das einmal anders machen als bislang. Das alte Ablauern hinter den Büschen ist auf die Dauer langweilig, meine ich. Wir holen uns noch Stücker zwanzig Mann und mehr dazu und dann reiten wir sie glatt über. Es muß doch mit dem Deubel zugehen, wenn wir sie nicht unter die Füße kriegen!«

Der Oberobmann hatte eine andere Meinung, aber die übrigen waren alle dafür und so ging es denn los. Sie kriegten noch unterwegs an die dreißig von ihren Leuten zusammen, so daß sie ihrer hundertundzehne waren, machten sich alle die Gesichter schwarz und ritten los. Gödeckengustel und zwei andere ritten voran. Die Schweden zogen durch das Jammertal, wo nichts war als Sand und krause Fuhren. Als sie mitten in den Haidbergen waren, fielen die Bauern von zwei Seiten über sie her. Die Jungens bliesen auf den Hörnern und klappten mit den langen Peitschen. Die Schweden hatten lauter zusammengestohlene Pferde, und die wurden verrückt, als sie das Anjuchen und das Klappen hörten, liefen einander über den Haufen und brachen nach allen Ecken aus. Und da taten die Pistolen, die Bleiknüppel und die Barten ihre Schuldigkeit, bis der letzte Reiter aus dem Sattel war. Aber von den Wehrwölfen hatten sieben Mann auch tüchtig etwas abgekriegt und am meisten Schütte; er hatte einen Schuß mitten durch die Brust und starb nach einer Viertelstunde. Sein letztes Wort aber war: »Kinder, war das ein Spaß!«

Mitten im Jammertale lag eine Kuhle, da kamen die Schweden alle hinein, und seitdem hieß die Stelle das Schwedenloch. Nicht weit davon lag ein Flatt, das nannten sie das große Hundebeißen. Im Hornung hatte da nämlich wieder ein Trupp Schweden gelegen, fünfzehn Köpfe stark, und die Bauern wollten gerade hin und sie aus dem Wege besorgen, da kamen Thedel und Gird angeritten und meldeten, daß von der anderen Seite ein Dutzend Kaiserliche ankamen. Da sagte der Oberobmann: »So, da soll ein Hund den anderen beißen!« Er ritt nach der Burg, zog sich wie ein Kaiserlicher an, und dann ritt er so dicht an den Schweden vorbei, daß die seine Farben erkennen konnten. Sofort waren sie hinter ihm her, aber sie verstanden sich auf das Reiten in der hohen Haide schlecht, und so zockte sie der Wulfsbauer den Kaiserlichen in den Hals und machte sich dann dünne. Die Bauern warteten, bis alles koppsüber, koppsunter ging, und dann fegten sie das Kaff von der Deele.

Das gab dann jedesmal genug zu erzählen im Dorfe, und so wurde es Frühling, ehe man wußte, wie es zugegangen war. Besser wurde es da auch noch nicht mit dem Kriege, aber die Feldarbeit fing an und die Leute wußten, wozu sie auf der Welt waren, wenn sie sich auch wie die Wölfe im Bruche bergen mußten, denn einmal zogen Tag für Tag die Kriegsvölker hin und her und zweitens ging der schwarze Tod wieder um. So hielten sich die Peerhobstler für sich, um die Pest nicht in das Bruch zu schleppen. Da sie gewohnt waren, sich und ihre Häuser rein zu halten, keinen Hunger litten und mäßig lebten, so schielte die Seuche wohl nach dem Dorfe, mußte es aber zufrieden lassen.

Durch die Arbeit kamen die Leute über ihre Ängste und Sorgen am besten weg. Darum, was draußen vorging, scherten sie sich wenig. »Sind wir nun schwedisch oder sind wir kaiserlich?« fragte der Burvogt den Prediger; »ich finde da nicht mehr durch. Viekenludolf sagt, der Regent weiß auch nicht, wie er daran ist, und darum hat er sich mit den Hessen zusammengetan und geht gegen alles an, was hier nicht hergehört, ganz so, wie wir, und das ist auch das einzig wahre!«

Er war mittlerweile meist ganz grau geworden; das Hin- und Herjagen in der Haide und alles das andere hatte ihm den Kopf abgebleicht, seine Stirne kraus und seinen Mund eng gemacht. Sonst war er aber noch ganz der alte, und zwölf Stunden im Sattel zu sein, das machte ihm nicht viel aus. Bei allen wichtigen Sachen war er nun wieder das Haupt, denn Viekenludolf war zu sehr Dollhund und konnte das Abwarten nicht vertragen. Wäre Wulf nicht gewesen, so hätte der Rammlinger all lange unter der Erde gelegen, denn als ihm einmal wieder die Hand vor der Zeit an zu jucken fing, kam er zwischen vier schwedische Reiter, und die deckten ihn so zu, daß es meist aus mit ihm war; aber da kam der Peerhobstler angedonnert und schlug den Mann, der Vieken aus dem Sattel stechen wollte, das Genick ab, und einem anderen schlug er den Arm ab, und der dritte bekam eins vor die Stirn; von dem vierten aber kriegte er den Säbel mitten durch das Gesicht, ehe er ihn in die Haide schmiß. »Das ist man bloß äußerlich, altes Mädchen,« sagte er und schlug seiner Frau auf die Lende; »bind' mir 'n Lappen um und gib mir 'n Honigbrot, denn wein' ich auch nicht mehr.«

Da lachte die Bäuerin. Sie war ziemlich auseinandergegangen, aber noch viel schöner als wie als Mädchen, die blankeste Frau war sie weit und breit und die lustigste auch, und das war für den Bauern die Hauptsache, denn der hatte oft seine dusteren Zeiten. Es ging ihm wie Drewes, der jetzt den Großvater spielte, denn seine Tochter hatte schon das vierte Kind. Wenn er sich mit den Kindern abgab, konnte er noch lachen, daß man alle seine Zähne sah, aber wenn sie schliefen, dann sah er oft die vielen weißen Gesichter mit den roten Löchern in der Stirn und Birkenbäume, vor denen tote Männer hin und her gingen wie der Pendel an der Kastenuhr. Dann ging er zum Prediger und ließ sich von dem die Gnitten vertreiben.

Mit solchen Gedanken hatte sich sein Eidam auch herumzuschlagen, aber am meisten Sorge machte ihm doch das, was vor ihm lag. Achtzehn Jahre lang hatte er nun den Wolf spielen müssen; er war noch tiefer durch Menschenblut gegangen als Drewes; aber wenn es ihm bis an den Hals gestanden hätte, er hätte sich nichts daraus gemacht, wenn es endlich ein Ende damit gehabt hätte. Aber die Haide wimmelte und krimmelte von Takelzeug; Schweden und Wälsche, Krabatten und Slowaken, das fraß, was der Bauer säte, und soff, was die Bäuerin melkte; das Rauben und Plündern, Sengen und Brennen, Schimpfen und Schänden, Morden und Martern, es war das Ende davon weg.

So manches Mal hatte der Bauer den Gedanken: »Hätten wir uns lieber nicht gewehrt, dann lägen wir all unter der Erde und brauchten uns nicht zu sorgen!« Sowie aber das Horn rief und die Hillebillen meldeten, daß fremde Hunde auf der Straße waren, langte er die Büchse hinter dem Schapp her, kriegte den Bleiknüppel von dem Hirschgeweih, schmiß die Beine über den Rappen, und wenn er dann wiederkam, oft erst nach Tagen, hungrig, müde, naß von Regen oder Schweiß, nach Kien, Post und Haide riechend wie ein Pferdehirt, dann sagte er doch, und er lachte ein bißchen dabei: »Für dieses Mal haben wir sie noch über den Berg gebracht!« Dann fiel er auf das Bett und schlief einen ganzen Tag wie ein Toter. Am anderen Tage aber wusch er sich von oben bis unten, zog frische Leibwäsche und anderes Zeug an, und dann erst spielte er mit den Kindern und nahm sein Wieschen in den Arm. Wer ihn dann zu sehen bekam, konnte es sich nicht denken, daß es derselbe Mann war, der vor zwei Tagen einem kaiserlichen Offizier, der um Gnade bat, zuschrie: »Jawoll, aber von dieser Art!« und damit schlug er ihn tot.

Was sollte er auch machen? Ob Schwede, ob Kaiserlicher, womit der eine gekocht war, damit war der andere gebrüht; hier wurden die Menschen im Namen der heiligen Maria totgequält und anderswo wurden sie der reinen Lehre wegen geschunden. Zu all dem Elend starb noch Georg Eisenhand, wie es hieß, an Gift, das er in Hildesheim bekommen haben sollte, als er mit dem schwedischen General unterhandelte, und nun war es, als ob das Land ganz in Blut ersaufen sollte. Die Bauern hielten die Schinderei schließlich nicht mehr aus; sie rotteten sich offen zusammen und halfen sich, so gut es gehen wollte, und ging es schief, dann war es auch nicht schlimm; wer tot war, dem konnte das Herz nicht mehr brechen über dem quälhaftigen Leben.

Viekenludolf hatte geheult wie ein übergefahrener Hund, als ihm gemeldet wurde, daß bei Dachtmissen zweihundert Bauern von den Kaiserlichen hingemordet waren, denn er hatte mehr als einen Freund dort gehabt und auch noch etwas anderes, woran ihm noch mehr lag. Er ritt mit seinen Leuten los, aber er kam zu spät, und bloß zwanzig Mann bekam er unter die Knie, und sechs davon lebendig und der eine war ein Offizier. Er ließ sie alle mitten im Busche aufhängen, als wenn es gemeines Raubgesindel war, und als der Hauptmann dagegen anwollte, schrie er: »Dann behandelt den Herrn wie einen Offizier und hängt ihn an seiner Säbelkoppel auf und nicht an einer Wiede!« Ja, man sagte, vorher hätte er ihm in das Gesicht gespuckt.

Das mußte wohl wahr sein, denn bald darauf traf ihn die Strafe; er mußte freien. Bisher hatte er immer Glück gehabt; aber wie es so kam, Gödeckengustels Schwester Trina, von der hätte er die Finger lassen sollen, denn in allem verstanden die Wölfe unter sich Spaß, bloß nicht in solchen Dingen. So ließ er denn das Maul hängen wie ein Rehbock, der eine Ricke suchen geht, als Gödecke ihm eines Abends sagte: »Unser Trina meint, daß es bald Zeit wäre, daß ihr beide freit.« Zwei Wochen später war die Hochzeit; es war eine lustige Hochzeit, bloß für den Bräutigam nicht, denn der sagte zu Grönhagenkrischan: »Ja, die Frauensleute, da muß 'n sich mit vorsehen; die nehmen gleich alles wortwörtlich!«

Er blieb auch hinterher zweiter Obmann, denn er war froh, wenn es draußen was zu tun gab. »Diese ewige Knutscherei!« stöhnte er; »lieber Himmel, klettern hat doch bloß so lange Sinn und Verstand, bis daß man den Appel vom Baume hat; nachher da ist es Hahnjökelei.« So war er und sein Brauner meist unterwegs, denn es regnete jeden Tag Ungeziefer, was da nur herunterwollte, auf das Land: heute Schweden, morgen Weimaraner, dann Hessen und dann fing es wieder von vorn damit an. Ihm aber machte solch ein Leben Spaß, und wenn er nach Hause kam, warf er eine Handvoll Taler mit ein paar Goldfüchsen dazwischen auf den Tisch und sagte: »Wenn es so beibleibt, Trina, dennso mußt du deine Sparstrümpfe so lang bis ans Leib stricken!« Aber als er einmal nach Hause kam und ihr ganz glücklich erzählte, daß nun jeder Mann zwei Frauen nehmen dürfe oder drei, denn der Krieg und die Pest hätten so viel Menschen geschluckt, daß es ohne das nicht mehr ginge, da machte Trina ein paar Augen wie die Katze im Herdloch, lohnte Weesemanns Lotte, ein ansehnliches Mädchen, auf dem Fleck ab und nahm eine Magd, die wie eine Wildscheuche anzusehen war. Er aber sagte zu Grönhagen: »Ein Stachelschwein ist wie eine Kinderhand gegen meine Trina. Ach ja, das oberste vom Bier schmeckt immer am mehrsten!«

Aber er kam nicht allzuviel dazu, sich zu bedauern. Heute kam der kaiserliche Oberst Heister dahergekrebst, morgen murkste der Torstenson mit seinen Schweden im Lande herum; rund um Celle lagen die Bauern mit Weib und Kind, hungerten und lauerten auf den Tod und stritten sich darum, was nun besser schmecken täte, ein schwedisches Rippenstück oder ein gut kaiserlicher Lendenbraten, denn so weit war es schon gekommen, daß man offenbar Menschenfleisch fraß und auf Verabredung auf Menschenjagd auszog. Die Peerhobstler aber hatten das nicht nötig; sie hatten noch allerlei Vieh und Wildbret gab es zur Genüge, aber Pferdefleisch aßen sie hier und da doch, wenn bei der Wehrarbeit in der Haide eine Kugel aus Versehen einmal ein Pferd statt des Reiters getroffen hatte, und dann sagten sie: »Stutenkälber schmecken auch.«

Sie saßen den einen Morgen im Mai alle drei auf der Bank im Garten vor dem neuen Hofe, die drei Obmänner, Drewes, Wulf und Vieken. Die Pfingstrosen waren am Aufblühen, die Schwalben flogen ab und zu, die Immen waren zugange und die Kinder sangen: »Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt, Maikäfer flieg!« Sie sangen und juchten und kriejöhlten und sprangen hinter dem Käfer her, der durch die Sonne flog, daß seine Flügel wie Gold aussahen.

»Das ist ein neues Lied,« sagte der Engenser; »das haben wir als Kinder noch nicht gesungen. Ja, die Welt wird jeden Tag neu.« Der Peerhobstler nickte: »Aber nicht besser, Drewes; ich glaube nicht, daß ich es noch belebe, daß es Frieden gibt.« Der Rammlinger sagte: »Ich bin der gleichen Ansicht. Bislang fand ich das soweit ganz lustig, aber ich weiß nicht, liegt es daran, daß man älter wird, oder ist es, daß ich jetzt einen kleinen Jungen habe; so rechte Lusten habe ich auch nicht mehr an diesen Geschichten. Zuletzt wird es einem über, wenn man einen über den anderen Tag den Bleibengel vom Haken langen muß.«

In der Haide fing eine Wache an zu blasen und dann noch eine, und eine Hillebille war zu hören und noch eine. Harm und Ludolf standen auf: »Na, dann hilft das nichts; die Arbeit muß getan werden. Adjüs, Drewsbur; ich bin bloß neugierig, was jetzt wieder los ist! Und das dümmste ist: meine Trina, die glaubt ja nicht, wenn ich draußen liege, daß ich das bloß den Schweden und den anderen zu Gefallen tue; da heißt es immer und jeden Tag: na, der Schwede, der wird wohl einen roten Rock anhaben, und mich soll nicht wundern, wenn er Weesemannslotte heißt!« Er kratzte sich hinter den Ohren: »Ja, die Frauensleute! Soweit sind sie ja ganz niedlich; wenn sie man nicht so'n leeges Maul hätte!«

Er gab einen Seufzer von sich wie einen Arm lang. Drewes aber lachte: »Das schadt dir gar nichts, Viekenbur, das ist dir sogar recht, du Dollhund! Wenn du eine Frau hätt'st wie andere Leute, das arme Tier könnte einen dauern. Auf'n Steinpott hört ein ebensolchiger Deckel auf, das ist die natürliche Ordnung, und ein Katteeker und ein Lork, das gibt ein schlechtes Gespann. Aber nun seht man zu, daß wir kein Flohbeißen kriegen!«

Das taten sie denn auch. Die Wachen hatten gut aufgepaßt und die Hillebillen hatten einen langen Atem gehabt; die Kaiserlichen machten dumme Gesichter, als das Tuten und Blasen und Bimmeln rundherum losging, und erst recht, als es überall knallte und doch kein Mensch zu sehen war, denn die Wohld war dick und das Bruch naß. So waren sie heilsfroh, als sie erst wieder in der hellen Haide waren, und auch da hielten sie sich nicht lange auf, denn zwischen den krausen Fuhren und den Machangeln war bald hier ein Pferdekopf mit einem Gesicht darüber zu sehen, bald da einer und es wurden immer mehr, gerade wie vor einem Immenkorbe, wenn der Specht daran herumarbeitet.

»Das sind mehr als hundert Mann,« sagte der Offizier, der mit dem Ohr auf der Erde gehorcht hatte; »der Satan weiß, wo die Kerle herkommen. Vorwärts, marsch!« So zogen sie dahin, die Gesichter alle Augenblicke hinter sich, und hinter ihnen her ritten die Bauern, hier drei, dort zehn, da wieder ein paar und überall welche.

»Denen soll heute der Atem kurz werden und Pferdefleisch soll es sie auch kosten,« lachte Wulf; aber Viekenludolf ritt im Galopp voran, bis er auf hundert Schritte heran war, und dann stellte er sich in die Bügel, sah über den Machangelbusch weg, klappte mit der Peitsche und schrie: »Kiejuh, kiejuh! Schlah doot, schlah doot, all doot, all doot, all dooot!«

Da war es, als ob die Wespen zwischen die Leute da vorne gekommen waren. Der Offizier fluchte und schlug zwei Kerle mit dem Säbel über die Köpfe, daß sie zu Boden schossen, aber es war kein Halten mehr; von hinten und von vorne, und rechter Hand und zur Linken, überall »kiejuh!« und in einem Ende »kiejuh!« und dazwischen das Peitschenklappen und das scheußliche Schreien: »Schlah doot, schlah doot, all doot, all doot, all dooot!« Da schrie der Offizier, indem er beide Arme in die Höhe schmiß: »Heilige Maria!« und wollte hinterdrein, aber der Bleiknüppel des Oberobmanns traf ihn in das Genick; er fiel vornüber, und erst, als der Schimmel in einen Sohl stürzte, fiel auch der tote Mann herunter.

»Na, wie ist es gegangen?« fragte Drewes, als Wulf und Ludolf am Nachmittage zurückkamen, naß wie die Frösche und hungrig wie die Hütejungens. »Fein,« schrie der Rammlinger, »sie laufen noch und werden wohl morgen auch noch laufen. Wir haben ihnen was zum Laufen eingegeben, aber etwas, das gleich durchschlägt. Sobald werden sie wohl nicht wiederkommen, und Stücker zwanzig von ihnen höchstens um Mitternacht, um nachzusehen, wo sie nun eigentlich sind. Kinder, habe ich einen Hunger und einen Durst! Wulfsbäuerin, jede Arbeit ist ihres Lohnes wert und Dreschen macht einen langen Magen. Aber hinsehen darfst du heute nicht, wenn ich mich hinter den Schinken knie, Wieschen, ansonsten könntest du denken, bei meiner Trina kriege ich man halb satt.«

Vater Drewes lachte und dachte, wie oft auch er mit solch einem Schlachterhunger nach Hause gekommen war. »Junge,« sagte er und goß den Metkrug bis oben voll, »Junge, man lebt ordentlich wieder auf, wenn man dich so prahlen hört! Und wie das auch ist, Spaß macht es doch, und wenn einem hinterher auch einmal graulig zumute wird, wenn man in seinem Bette liegt; alles was recht ist: wir haben doch gezeigt, daß wir keine Bählämmer sind, und darauf wollen wir anstoßen: hoch jeder Mann, der sich nicht an den Balg kommen läßt!«

Er ließ den Krug, auf dem zu lesen stand: »Fifat, es läbe die Vreundschaft«, rundgehen, aber als er ihn seinem Eidam gab, mußte er den erst anstoßen, denn Harm horchte nach dem Grasgarten hin, wo die Kinder ein neues Spiel spielten, und dabei sangen sie:

Der Schwed is kommen,
hat alles genommen;
hat die Fenster zerschlagen,
hat Blei rausgegraben,
hat Kugeln von gegossen
hat alles verschossen;
alles verrischossen.

Die Schweden

Was die Kinder gesungen hatten, sollte bald wahr werden. Der Schwede kam; vor ihm ging die Angst her, hinter ihm die Not und neben ihm die Pest.

»Bet', Kinder, bet', morgen kommt der Schwed', morgen kommt der Ossenstern, der wird die Kinder beten lern'«, damit brachte man die Kleinen zu Bette; sie lernten es und sangen es auf dieselbe lustige Art, wie sie den Maikäfer und die Sonnenkälbchen das Fliegen lehrten, so daß es den großen Leuten kalt über den Puckel lief.

Überall wurde vom Frieden gesprochen, aber kein Mensch glaubte, daß es dazu kommen würde, noch nicht einmal, als Oxenstierna in Celle Aufenthalt nahm und von da nach Osnabrück reiste, wo die anderen waren, die das Fell des Reiches versoffen. Eher glaubte man an das Ende der Welt und überall liefen Leute herum und schrien: »Fürchtet Gott und gebet ihm die Ehre, denn die Zeit seines Gerichtes ist gekommen!«

Selbst der Prediger ließ mitunter den Kopf hängen und sagte zu seiner Frau: »Margarete, es ist schwer, nicht an Gott zu zweifeln, wenn man hören muß, wie es zugeht. Der Viekenbauer hat erzählt, daß die Schweden Kinder zum Spaß martern, und bei dem Troßzuge, den er zuletzt überfallen hat, waren acht junge Mädchen von Stande als Packträgerinnen und die Schweden schlugen mit den Peitschen auf sie ein wie auf das Vieh. Doch das ist das wenigste, was sie auszustehen hatten. Gott, mein Gott, warum lässest du ein solches geschehen!«

Er hatte es sehr schwer, denn die Bauern murrten wider den Herrn. »Was hilft uns das ganze Gutsein,« hatte Schewenkasper gesagt, »wenn man davon nichts hat als Angsten und Sorgen!« Aber er hatte doch geschwiegen, als der Prediger ihm sagte: »Schäme dich, Kasper! Hast gesunde Kinder und eine blanke Frau und jeden Tag genug zu essen!«

Dem geistlichen Herrn ging es aber oft nicht anders als dem Hausmann und dem Wulfsbauern und allen übrigen ebenso, sogar dem Rammlinger, denn er war eines Tages angekommen und hatte gesagt: »Ich habe es dicke! Ich will hinter dem Pfluge hergehen und abends mit den Lütjen spielen, aber nicht alle paar Tage lebendige Menschen umbringen!«

Er hatte sich bei kleinem an seine Trina gewöhnt, besonders, als hinter dem Jungen ein Mädchen ankam, denn ein Schürzennarr, wie er einmal war, hatte er sich darüber ganz verdreht vor Freude angestellt, und wenn er eben Zeit hatte, schleppte er sich mit dem Kinde ab. Auf seine Trina ließ er nichts mehr kommen. Sie hatte ihn einmal dabei betroffen, wie er die Lütjemagd im Arme hatte, ihm eine gräßliche Schande gemacht und geschrien: »Noch ein einziges Mal und ich gehe mit den Lütjen ins Wasser!« Da hatte er es mit der heiligen Angst gekriegt und ihr hoch und teuer gelobt, daß er die Jungensschuhe ausziehen und sich wie ein Kerl aufführen wollte. Was seinen Hof und das Dorf anbetraf, so hielt er auch Wort, aber er war viel unterwegs, und da es in den Dörfern an Männern mangelte, so wurde es ihm sauer, sein Versprechen einzuhalten.

An einem schönen Maimorgen ritt er mit einem der wildesten der jüngeren Wehrwölfe, Schierhorns Helmke, durch das Bullenbruch. Er hatte eine Laune wie ein Schneekönig, denn er hatte es bei Weesemanns Lotte gut getroffen. »Schöne Luft von Tage, Helmke,« sagte er und schlug sich seine Pfeife an. Als sie brannte, sah er über die Haide. »Helmke, kiek, zwei fremde Reiter, Schweden oder so etwas! Wollen doch einmal ein bißchen hin und ihnen die Tageszeit bieten! Was meinst du? Immer höflich, sagte die Krähe und machte jedesmal einen Diener, wenn sie dem Piewitt ein Ei aussoff.«

Schierhorn war gleich mit dabei. Sie hingen die Bleiknüppel über die Handgelenke, zogen die Pistolen und ritten in guter Deckung den Reitern entgegen. Den ersten schoß der Rammlinger aus dem Sattel, aber da sah er auch, daß er nicht zwei, sondern ein ganzes Dutzend Schweden vor sich hatte, und jetzt hieß es den Hasen machen und aus den Gäulen herausholen, was darin war. Es knallte zwar ein paarmal hinter ihnen her, aber außer Helmkes Grauschimmel, der den halben Steert missen mußte, blieben sie heil. Als sie aber meist an der Wohld waren, kamen ihnen zehn andere Schweden in die Möte, und da konnten sie nicht anders, als daß sie sich im Busche bargen.

Die Schweden suchten noch eine Weile herum, zogen dann aber ab. Unterwegs trafen sie zwei Taternweiber an und bekamen aus denen heraus, daß in der Wohld ein Dorf lag. »Beeses Leit sich da wohnen, Herr hiebsches,« sagte die Alte, und die Junge schmiß dazwischen: »Machen alles tott, was gutes Leit ist, Suldatten un Zigeiner!« Der Wachtmeister sagte: »O ha! also da stecken die Brüder! Na, die wollen wir aber ausschwefeln!« Er nahm die Weiber mit und ritt spornstreichs nach Fuhrberg, wo Graf Königsmark mit viel Volk lag, und machte Meldung. Mitten in der Nacht wurden hundertundfünfzig Mann losgeschickt, die solange in der Magethaide lagern mußten, bis es schummerte.

Es war noch ganz grau, da hörte Gird, der mit Bolles Atze die Wache vor dem Bullenbruche hatte, sie herankommen; er blies, aber da hörte er es auch schon am Kohlenberge tuten, und bei der Dornkuhle ging es auch los; die Schweden waren von drei Seiten zugleich gekommen. Mit knapper Not konnten die Peerhobstler sich und ihr Vieh in dem Walle bergen; der letzte war der Wulfsbauer und hinterher kam Schewenkasper gewankt; er hatte noch schnell das Bild des Herzogs aus der Dönze mitgenommen und die gelbbunte Katze. »Damit die Kinder doch was zu spielen haben währenddem,« sagte er.

Die Schweden pürschten sich vorsichtig an das Dorf heran. Alles war still, bloß daß die Hühner gackerten und die Schwalben zwitscherten. Die Gewehre in der Hand machten die Soldaten sich an die Häuser heran; kein Mensch war zu finden. Sie suchten Schuppen und Keller nach; alles war leer. Es wurde ihnen unheimlich zumute. Aber da kam ein Reiter mit einem schwedischen Mantel angelaufen, den er auf Horstmanns Hofe gefunden hatte, und nun wurde gründlich nachgesucht und eine ganze Menge Waffen und Kleider wurden gefunden, die augenscheinlich totgeschossenen Schweden gehört hatten. »Und wenn ich ewig und drei Tage suchen soll,« fluchte der Hauptmann, »finden will ich sie, und dann könnt ihr euch mit ihnen einen kleinen Scherz machen, Leute!« Die Soldaten lachten, aber nicht so ganz von Herzen.

An die drei Stunden dauerte es, bis sie den Ringwall fanden, und elf Mann stürzten sich dabei in den Wolfskuhlen zu Tode. Die anderen kamen heil hin, konnten aber nichts sehen, denn die Dornen lagen haushoch und waren fest ineinandergewrickt. »Paar Mann auf die Bäume; zusehen, was das nun ist!« befahl der Anführer. Zwei Leute kletterten in die Tannen. Kaum waren sie so hoch, daß sie den Mund aufmachen wollten, da knallte es zweimal und beide fielen wie die Säcke herunter.

»Schweinebande!« schimpfte der Hauptmann; »fort mit dem Kram da!« Die Soldaten zogen die Dornen weg, mußten aber Stück um Stück losbrechen, so fest saßen sie ineinander. Aber dann horchten sie auf; im Walle wurde geblasen. Unheimlich hörte sich das an, als wenn die Katzen quarrten und die Wölfe hinterher heulten, und dann fing es an zu bimmeln, erst langsam und dann immer schneller, und hinter dem Walde fing das Tuten und das Bimmeln an drei Stellen zugleich an. Die Soldaten sahen sich um; die Sache gefiel ihnen nicht so ganz besonders.

»Na, wird's bald!« schrie der Offizier und schlug die Leute, die bei dem Dornverhau waren, mit der Peitsche über die Rücken, daß es klappte. »Dreißig Mann hierher, aber 'n bißchen fix.« Die Soldaten arbeiteten, daß es krachte. Ein Rabe flog über den Wall hin, rief laut und machte einen Bogen, der Schwarzspecht lachte und die Markwarte schimpften über den Lärm. »Feste, feste!« schrie der Hauptmann; »in einer Stunde müssen wir sie haben! Wollen den Buschkleppern mal zeigen, was es heißt, fromme schwedische Kriegsleute abzuschießen wie Rehböcke. Immer lustig weiter! Je früher wir hier fertig sind, um so eher kommt ihr zu euren Mädchen!«

Viekenludolf lachte: »Oder auch nicht!« sagte er und sah den Wulfsbauern von der Seite an. Mit dem war den Tag schlecht Kirschen essen: »Du treibst dich bei den Weibsleuten rum,« sagte er, »und wir können dafür den Puckel hinhalten. Eine Schande wert ist es! Ich habe es mir aber immer gedacht, daß du uns noch einmal eine schöne Suppe anrühren wirst. Aber was hilft das alles? Jetzt heißt es: keine Kugel unnütz, keinen Zoll Fell gezeigt, und alles getan, was ich sage. Und wer sich danach nicht richten tut, der soll es so haben, wie er es verdient!«

Viekenludolf lief ein Schudder über, als er den Mann da so stehen sah, das Gewehr in der Faust, ganz gelb im Gesicht, blau unter den Äugen, und mit einem Mund wie ein Strich. Aber dann wurde ihm besser, denn der Obmann befahl: »Sorge dafür, daß die Immen zur Stelle sind! Und die Frauensleute sollen Pech heiß machen und Wasser. Komm aber gleich wieder! Warte mal: auch die Jungens sollen jeder ein Schießgewehr haben; heute muß ein jeder helfen. Es geht um Kopf und Kragen und um noch mehr, denn kriegen sie uns, dennso lassen sie uns lange sterben!«

Die Dornen wurden durchsichtig; man sah die Gesichter der Soldaten und Viekenludolf wollte schießen. »Bist du verrückt?« schnauzte ihn Wulf leise an; »erst muß das Haupt fallen, dann kommt das andere ran!« Er sah durch das Schießloch, ging zurück, schob sein Gewehr durch, zielte lange und schoß. Ein Gebrüll kam von drüben: »Der läßt das Prahlen für eine Weile sein,« flüsterte er dem Rammlinger zu; »Blattschuß! Er war weg wie ein Wieselchen.« Er stieß einen Jungen an: »Sie sollen tuten und bimmeln, so toll sie können; wir müssen Hilfe haben, hörst du? Und wenn ihnen das Blut aus den Ohren spritzt, blasen sollen sie oder ich blase ihnen was!«

Die Schweden standen um ihren Hauptmann; der lag im Grase mit dem Rücken gegen eine Fuhre, und jedesmal, wenn er atmete, sprang ihm das helle Blut aus der Brust. Ein ganz junger Offizier, ein Junge meist noch, kniete bei ihm und wischte ihm den Todesschweiß von der Stirn. Der Sterbende bewegte die Lippen; der junge Mann bückte sich ganz tief, nickte und sprang auf: »Wir müssen unseren Herrn Hauptmann rächen. Freiwillige vor!« Bloß ein Dutzend meldete sich, voran der alte Wachtmeister. »Lumpenpack!« schrie der Offizier; »bei den Weibern, da seid ihr Helden, aber hier geht's euch in die Hosen.« Er zeigte auf einige Leute, die sich nach hinten drücken wollten. »Ihr da, voran, und wehe, wer einen Zoll zurückgeht!« Er hielt ihnen die Pistole vor die Augen.

Die Männer murrten; es waren alles Bluthunde schlimmster Art, aber diese unheimliche Burg mitten im nassen Busche, die Scharfschützen darin, das sonderbare Tuten und Bimmeln in der Runde, das klemmte ihnen die Hälse zusammen. Der Offizier rief zwanzig bei Namen: »Ich zähle eins, zwei, drei, und wer dann nicht im Graben ist, der schluckt sein eigen Blut. Denkt an Gustav Adolf, denkt an Breitenfelde, denkt daran, daß ihr Schweden seid und keine Krabatten! Also: jeder zwei Pistolen in den Brustlatz und das Finnmesser zwischen die Zähne! Und jetzt mit Gott für Schweden! Eins, zwei, drei!« Er faßte sich nach der Brust und stürzte in das Gras; der Wulfsbauer hatte ihn mitten durch das Herz geschossen.

Einen einzigen Blick schmiß der Wachtmeister nach ihm hin; dann schrie er: »Vorwärts marsch!« und sprang mit einem Satze in den Graben und mit einem Male war das Wasser voll von Schweden; aber es war, als wenn es kochend war, so schrien sie alle auf einmal auf, denn wie sie da waren, ein jeder von ihnen war in die spitzen Pfähle gesprungen.

»Schießt sie doch wenigstens tot, das ist ja schrecklich!« rief der Prediger, aber der Obmann schüttelte den Kopf: »Nein, euer Ehren, wir haben dazu keine Zeit, und je länger sie da quietschen, um so später trauen sich die anderen heran. Aber geht hin und sagt, daß überall gut aufgepaßt wird und daß geblasen und gebimmelt wird, und dann haltet euch zu den Frauen und den Kindern, da seid ihr nötiger!«

Es war auf einmal ganz still. Man hörte die Finken schlagen und die Meisen piepen und ab und zu brüllte eine Kuh in den Ställen. Es hörte sich bald an, als ob die Schweden abgezogen wären. Aber nach einer Weile hörte man Axtschläge. »Haltet die Immen zur Hand!« sagte der Obmann zu Kasper, »und das heiße Wasser und den Teer! Sie werden wohl eine Brücke machen wollen. Na, viel soll ihnen das auch nicht helfen, glaube ich.«

Er frühstückte, behielt aber die Augen am Kuckloch, und dann steckte er sich eine Pfeife an. Er hatte den Ärger über den Rammlinger hinter sich und außerdem hatten die Wachen gemeldet, daß von zwei Seiten Antwort gekommen war, und so dachte er: »Es wird schon gut gehen!«

Aber dann ärgerte er sich, daß er eine große Dummheit gemacht hatte. Einen kugelsicheren Kiekturm hätte er in der Burg aufschlagen lassen sollen, dann konnte er sehen, was drüben gemacht wurde. »Na, dümmer werde ich da auch nicht von,« dachte er.

Zwei Stunden hatte er so dagesessen, da ließ das Hacken drüben nach. Man hörte, wie die Leute schleppten und stöhnten. Der Wulfsbauer schickte den Jungen hin: »Sie sollen sich immenfest machen und die Körbe hierher bringen! Und dann alles an die Löcher, aber um den ganzen Wall, und hier,« er drehte sich nach Viekenludolf um, »die Scharfschützen her, aber erst geschossen, wenn ich sage, und auch dann noch nicht, wenn ich einmal schieße!«

Nach einer Weile standen zwanzig Popanze rechts und links bei ihm. Die Bauern hatten die Immenmasken aufgesetzt, sich Tücher um die Hälse gewickelt, dicke Röcke und drei Paar Hosen angezogen und diese unten zugebunden. Alle hatten dicke Handschuhe an und jeder sein Schießgewehr vor sich stehen. Hinter dem Vorsteher und Viekenludolf lagen die Immenkörbe; sie waren an lange Stangen gebunden und es brummte darin wie in einem Wasserkessel, denn die Ausflüge waren verrammelt.

Der Fuhrberger flüsterte: »Ich habe einen frei!« Der Obmann nickte: »Denn man zu!« Es knallte; ein Schrei kam von drüben, dann ein lautes Fluchen. Man hörte die Dornbüsche krachen. Eine Brücke aus Fuhrenstangen bohrte sich durch und kam erst langsam, dann schneller über das Wasser. Der Burvogt drehte die Büchse nach der Seite, zielte und schoß. Drüben wurde wieder geflucht. »Wer einen frei hat, soll ihn totschießen,« befahl er; »aber Vorsicht! wir haben keinen einen Mann über!« Es knallte fünfmal, die Brücke fiel in das Wasser, ging aber wieder in die Höhe und wies eine breite und hohe Schutzwand aus Tannhecke und Fuhrenzweigen auf.

»Wer will die Immen werfen?« fragte Wulf; »kein verheirateter Kerl darf es sein, du auch nicht, Ludolf. Aber Helmke, du!« Schierhorn kam und stellte sich neben den Oberobmann. »So,« befahl der, »jetzt, so wie ich rufe, ihr sechs da, so schnell wie es geht, die Körbe offen, Helmke die Stangen in die Hand gegeben, und ihr andern paßt auf und sorgt dafür, daß keiner ihm was tun kann. Und hat er Unglück, gehst du an seine Stelle, Hinrich, und dann du, Jochen. Und beileibe nicht die Immen in das Wasser schmeißen; alle mitten in die Dornen! Die Leute auf der Brücke kriegen wir so schon klein!«

In der Burg wieherte eine Stute; drüben antworteten die Hengste. Von der Haide her hörte man es tuten und dann bimmeln, aus der Burg wurde geantwortet. Der Kuckuck rief. Ein gelber Schmetterling flog über das Wasser, setzte sich auf den Kopf von einem der toten Männer in dem Graben und flog über die Dornbüsche. »Er will die anderen auch holen,« flüsterte der Rammlinger und griente.

Von drüben hörte man keinen Laut. Dann knasterten die Dornen und mit einem Male schoß die Brücke über das Wasser und stieß sich in dem Walle fest. »Aufpassen, ruhig schießen!« flüsterte der Obmann. Sechs Schweden liefen wie verrückt die Brücke entlang; es knallte ein paarmal und bloß einer kam oben an, ein junger Kerl mit Haaren, so hell wie bei einem Kinde. »Nicht schießen!« rief Wulf; »lebendig fangen!« So wie der junge Mann über das Schutzdach wollte, riß ihn Schierhorn herüber und warf ihn dem Viekenbauer zu. »Binden und hinlegen, aber nichts tun!« schrie der Obmann und schoß, und dann rief er: »Die Immen!«

Schierhorn, der mit der Maske und dem vielen Zeug wie der leibhaftige Satan aussah, stand gebückt hinter der Schutzwand, den Bleiknüppel am Handgelenk, und schielte über sich. Eine Hand packte in die Tannhecke. Der Bauer schlug mit dem Totschläger danach, ein Schrei kam, die Hand verschwand, das Wasser quatschte und dann schrie es lange. Ein Schuß fiel; wieder spritzte das Wasser auf. Ganz sachte, als machte er das alle Tage so, stellte sich Schewenkasper hinter den Ehlershäuser, ließ sich einen Immenkorb geben, riß den Boden ab, stellte die Stange hoch und gab sie Schierhorn in die Hände. Der nahm sie, wog sie, und dann schrie er: »Aufgepaßt, ihr da!« und kippte die Stange um und hinterher noch eine, und die dritte, die vierte, und die fünfte und die sechste.

Wieder liefen Schweden über die Brücke. Drei bekamen Kugeln, vier kletterten über das Schutzdach, aber Schierhorn und Kasper warfen sie in den Graben. Dann hörte man es drüben fluchen, darauf schreien, dann ging ein Summen und Brummen los. Das Fluchen und Schreien nahm kein Ende, es wurde immer schlimmer damit, man hörte, wie die Pferde um sich schlugen und sich losrissen, Hunde heulten auf, das Brummen wurde immer gefährlicher, die ganze Luft war voll von Immen und hinter dem Wall stand Viekenludolf, bog sich vor Lachen krumm, schlug sich auf den Schinken, daß es knallte, und rief: »Ich gehe dot, ich gehe dot!«

Der Wulfsbauer mußte auch lachen. Dann ging er hin, band dem Schweden die Hände los und sagte: »Steh' auf!« Der junge Mensch stand da, kreideweiß um die Nase. Der Bauer griff ihn an die Brust: »Kannst du deutsch?« Der Junge zitterte am ganzen Leibe: »Ja!« brachte er heraus. »Bist am Ende selber ein Deutscher?« Der Mensch nickte. »Woher?« Er würgte: »Aus Sachsen!« Der Bauer holte tief Luft: »Schweinehund! Eigentlich solltest du sterben. Aber lauf hin und sage ihnen, sie sollen machen, daß sie fortkommen. Wir haben noch genug Immen und unsere Freunde kommen all. Und wenn dich einer fragt, wo du warst, dann sag' ihnen: bei den Wehrwölfen! Du bist der erste, den wir lebendig fortlassen.« Der Soldat zitterte so, daß er kaum über die Brücke konnte, und als er am Ufer ankam, fiel er hin.

Der Wulfsbauer hielt die Hand hoch: »Pst! sie tuten sich wieder zusammen! Was ist denn das? Das sind ja unsere Leute! Hört ihr, ein Schuß! Junge, das ist gut, ich bin halb verdurstet!« Er trank den ganzen Krug Dünnbier aus, den der Junge ihm reichte und dann sagte er: »Nun müssen wir erst wieder zusehen, daß unsere Immen ihren Ärger vergessen. Die werden schön falsch sein! Na, Brägenschülpen werden sie aber auch wohl alle haben. Und jetzt lauft hin und sagt den Frauensleuten Bescheid, aber sie sollen nicht herauskommen, wenn sie ihre glatten Gesichter behalten wollen, denn sonst kriegen sie Mäuler wie die Baumaffen. So, und nun kann die Hälfte losgehen und sehen, was unsere Mutter ihm gekocht hat. Aber laßt mir was über!«

Er horchte nach der Wohld hin und nickte. Da fielen immer mehr Schüsse und das Tuten und Blasen hörte nicht auf. Der Bauer stand wie ein Baum da. Dann lachte er. »Hörst du sie, Ludolf?« Der nickte: »Ja, Unsere kühlen ihnen jetzt die Immenquaddeln,« sagte er; »mit 'm Bleiknüppel, das ist da gut für!« Der Wulfsbauer hob den Finger hoch: »Unsere haben sie zwischen sich. Stille! Hörst es? Junge, Junge, ein Schade, daß wir da nicht bei sind!« Er zitterte vor Aufregung: »Hör' bloßig, wie sie bölken: Schlah dooot!« Er hielt die Hände neben den Mund und brüllte über den Graben hin: »Slah doot, slah doot, all doot, all doot, all dooot!«

Und dann kam es aus den Blockhütten heraus wie Gesang; die beiden Bauern horchten; die Frauen und Kinder sangen: »Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen!«

Es dauerte nicht lange, da waren die Wehrwölfe da. Sie lachten und riefen über den Graben: »Na, die Hauptarbeit war ja schon gemacht; wir hätten ruhig zu Hause bleiben können! So, nun wollen wir erst dieses dummerhaftige Dings wegnehmen und zu Feuerholz machen!« Der Wulfsbauer schrie: »Nee, das können wir hier ganz gut brauchen, bringt es nach der Brücke! Aber erst kann einer von euch herkommen und uns verzählen, wie es geworden ist; denn daß wir höllschen neugierig sind, könnt ihr euch wohl denken!«

Jasper Winkelmann aus Fuhrberg und Ehlershinnerk aus Engensen kamen über die Brücke. »Junge,« sagte der Fuhrberger und schlug dem Rammlinger auf die Schulter, »hast dich aber fein gemacht! Willst wohl wieder fründjen gehn! Ein Schade, daß du nicht mit dabei warst! Wir konnten vor Lachen meist nicht schießen. Ich glaube, kein einer von ihnen ißt in seinem ganzen Leben ein Honigbrot wieder. Du hättest mal sehen sollen, wie die Pferde auskeilten, und die Kerls, Mensch, ich sage dir, zum Krempeln war es! Sie flöhten sich als wie die jungen Hunde, und ich glaube, hinter jedem Machangel in der Haide sitzt einer und pult sich die Immenangeln aus der Pelle. Was haben wir gelacht!«

Der Wulfsbauer nahm die Maske ab. »Sonst heißt es: erst die Arbeit, dann das Vergnügen,« sagte er, »aber bei uns ist das umgekehrt. Holt mal noch ein paar Mann ran und Nägel und Wieden und Barten; wir wollen hier schnell einen Turm machen, damit, wenn sie wiederkommen, wir sie von oben begrüßen können, denn das mit den Immen, das ist auf die Dauer denn doch zu teuer. Und was sollen die Kinder sagen, wenn wir so mit dem Honig aasen!«

Die Schweden kamen aber nicht wieder, weder diese noch andere. Was kein Mensch für möglich gehalten hatte, das schien wahr werden zu wollen. Es sprach sich bis in die Haide hinein, daß es nun bestimmt, aber auch ganz bestimmt Frieden werden sollte. Man merkte es an allerlei Vorzeichen: die Störche brüteten wieder auf den Dächern und nicht mehr in den Wäldern; die Winterkrähen gingen früher weg als vordem; der Mäusefraß hörte auf; man fand keine Sternschnuppen mehr; die feurigen Männer am Himmel kamen nicht wieder; die Pest- und Sterbevögel waren wie weggeblasen.

Die Marodebrüder und Parteigänger zogen immer noch im Lande um; aber ihre gute Zeit war vorbei. Wo sie sich blicken ließen, lief das Volk zusammen und schlug sie tot, und die Tatern und was sonst ohne Haus und Herd war, desgleichen. Die Bauern kamen langsam aus den Büschen herausgekrochen und hingen die Kesselhaken wieder über die Herde, wenn die Häuser noch da waren, oder bauten sich neue so gut es ging. Hier und da wurde auch wieder gepflügt und gesät, und die Toten kamen unter die Erde, wie es sich gehörte, und wurden nicht in einen alten Sack beigerodet.

Aber so ganz traute man dem Frieden doch nicht. Es war ja auch gar nicht zu denken. Frieden? Arbeiten und essen und schlafen ohne Angst und Bange? Keinen Feuerschein mehr am Himmel sehen? Kein Ach- und Wehgeschrei mehr hören? Wieder lachen und singen dürfen? Und spielen und tanzen? Und sich darüber freuen, wenn ein Kind geboren wird? Wer das glaubt, der ist unklug! Dem hat der Krieg den Verstand verrückt! Für den ist es Zeit, daß man für ihn aufpaßt! Denn es geht ja doch bald wieder los! Das kennt man ja! Nach dem Lübecker Frieden Anno 1629 wurde es bloß noch schlimmer! Und das waren nun schon sechzehn Jahre her, nein, siebzehn. Und vor vier Jahren, hatte der Herzog da nicht seinen Frieden mit dem Kaiser gemacht? Und was hat es geholfen? Gar nichts, es wurde bloß noch einmal so doll!

Aber zuletzt mußten sie es doch glauben. Es war wirklich anders geworden in der Welt. Not und Elend gab es ja noch überall genug, aber das Morden und Martern war doch nicht mehr so im Gange. Es blühten auch viel mehr Blumen, die Vögel sangen schöner denn je und die Luft war so ganz anders, gar nicht mehr so, als wenn es immer nach Rauch und Blut roch. Es mußte also doch wohl stimmen, was der Prediger in der Kapelle vortrug, daß es dem Kaiser und den Fürsten ernst damit war. Sonst würde der alte Drewes nicht mit einem Male wieder den Kopf so hoch halten. »Das will ich noch beleben, aber denn ist es Zeit für mich,« sagte er.

Er erlebte es noch. Es war Anfang November, da kam Viekenludolf angejagt, schrie wie ein Ungetüm, sprang vom Pferde wie ein Junge, drehte die Wulfsbäuerin herum, daß man ihre halben Beine sah, lachte wie unklug und rief: »Ihr glaubt wohl, ich bin besoffen? Keine Spur! Ich bin so nüchtern wie ein ungebörntes Kalb. Aber es ist Friede, Friede für immer, gewiß und wahrhaftig, und wenn ihr es mir nicht glauben wollt, hier lest, oder der Prediger soll es vorlesen! Das habe ich von einem Manne gekauft, der mehr solche Blätter aus Celle mitgebracht hat. Unserem Herzog sein Siegel ist darunter. Da, euer Ehren!« Er fiel auf die Bank und jappte und mit einem Male lief ihm das Wasser aus den Augen.

Er sprang aber gleich wieder auf, denn der Wulfsbauer kam angelaufen. Er war im Grasgarten gewesen und hatte das Schreien und Weinen und Lachen gehört. Und nun stand er da und beberte an allen Gliedern und sah wie eine frisch gekalkte Wand im Gesichte aus. »Wawawas ist llos?« stotterte er. Der Prediger hob die Hand. »Ich werde vorlesen.« Alle falteten die Hände, bloß der Burvogt nicht; der hatte keine Kraft dazu. Er stand an der Hauswand, sah ganz elend aus, hatte den Mund offen und ganz unglückliche Augen, und holte so tief Luft, als wenn er ersticken müßte.

Der Prediger hatte zu Ende gelesen. Alles lachte und weinte wie verrückt durcheinander. Mit einem Male drehten sich alle um. Was war denn das? Der Wulfsbauer hatte ganz schrecklich aufgeschrien, und jetzt stand er mit dem Kopfe gegen die große Tür, hatte die Hände vor dem Gesicht und weinte wie ein Kind. Dann drehte er sich um, ging wie ein todkranker Mann auf seine Frau los, nahm sie an den Arm und sagte: »Mutter, bring mich zu Bett; ich bin ja so müde!«

Die Frau faßte ihn unter den Arm, wischte ihm die Tränen ab und sagte: »Ja, ja, ich bringe dich zu Bett, mein Junge. Du sollst nun auch schön schlafen.« Da lachte keiner von den Leuten mehr; es wurde ganz still, nur daß auf der Wiese die Kinder das neue Lied sangen, das sie in der Schule gelernt hatten: