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Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik

Chapter 7: Die Bruchbauern
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About This Book

A multigenerational chronicle follows a cluster of heath farmers centered on one prominent farm as they clear and cultivate wild moorland, defend their homes against beasts, raiders and feudal intrusions, and weather changing political and social pressures. The narrative traces daily labor, communal customs and violent confrontations, the uneasy adoption of external religion and law, and the toll of war and plunder on families and character. Evocative attention to landscape and rural rhythms frames themes of resilience, honor, and the persistence of rough communal traditions amid external encroachments.

Eia wiwi,
keen slöppt denn nu bi mi?
Wi willt dat nu ganz anners maaken,
Heini schall in de Eia slaapen,
eia wiwi.

Die Bruchbauern

Es war hellichter Tag, als Harm Wulf aufwachte. Er war im Sitzen eingeschlafen, und so fest hatte er geschlafen, daß er sich erst gar nicht vermuntern konnte und sich ganz wild umsah, weil er nicht wußte, wo er war.

Aber dann stand er auf, so schwer und so langsam, als wenn er nicht vierundzwanzig, sondern achtundvierzig Jahre hinter sich hatte. Hingstmann, der gerade vorbeikam, verjagte sich, als er ihn sah, denn der Wulfsbauer hatte ein ganz altes Gesicht und Augen, in denen kein Leben war, und an den Seiten war sein Haar grau geworden.

»Wenn er man bloß weinen könnte, Ulenvater!« sagte die Reinkenbäuerin; »das ist ja schrecklich, wie der Mann das in sich hineinfrißt!« Aber Harm weinte nicht. Er aß, wie immer, sprach aber nicht mehr, als Ja und Nein, half die Schanzen höher machen und Schuppen bauen und was sonst für Arbeit nötig war. Um Uhre zehne ging er mit Thedel fort und als sie wiederkamen, hatten beide ganz blanke Augen und der Junge griente in einem fort, so daß es scheußlich anzusehen war.

»Was willst du jetzt anfangen, Harm?« fragte ihn abends, als sie beim Feuer saßen, sein Schwiegervater; »willst du den Hof wieder aufbauen?« Sein Eidam schüttelte den Kopf. »Ich habe eine andere Arbeit vor. Es kann sein, daß ich lange fortbleibe, vielleicht bin ich aber auch bald wieder da. Damit du es weißt: das Geld haben die Raubvögel nicht gefunden. Ich würde es ihnen gern gegönnt haben, wenn sonst alles so geblieben wäre, wie es war. Solltest du also in Bedrängnis kommen, so weißt du es zu finden; so ganz wenig ist es nicht. Und an dem andern Platz, du weißt ja Bescheid, ist Saatkorn genug, und von Wurst und Schinken ist da auch eine ganze Masse, und von Käse und Honigbier auch. Und da liegen auch noch die Pistolen und das eine Gewehr. Hast du etwas Tabak über?«

Er stopfte sich die Pfeife, hielt einen Fuhrenzweig in das Feuer, bis er Flammen fing, und brannte damit seinen Tabak an. »Weißt du was?« fuhr er dann fort, »mit mir ist das so: große Lusten zum Leben habe ich nicht mehr. Laß mich ausreden! Vielleicht, daß ich sie wiederkriege, wenn ich mit den beiden Hauptmordbrennern abgerechnet habe. Denn das habe ich fest vor. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden! Thedel will auch mit; sie stehen bei ihm gleichfalls in der Kreide, Alheids halber. Grieptoo kann bei dir bleiben; der Hund könnte mir im Wege sein!«

Ein Haufen von Vögeln kam angeflogen, ließ sich in den hohen Tannen nieder und lärmte gewaltig. Harm sah in die Höhe: »Da ist ja das Unzeug wieder, von denen Hingstmanns Vater sagte, sie zeigen Krieg und Pestilenz an. Vielleicht hat er auch recht, denn meinen Tag habe ich solche Vögel noch nicht gesehen. Einen fand ich tot in der Haide liegen; er war rot wie Blut und sein Schnabel ging über Kreuz. Aber was wollt ihr nun anfangen? In Ödringen seid ihr keinen Tag eures Lebens sicher, denn was gestern war, kann morgen wieder sein. Ich glaube, das beste wird sein, ihr baut euch hier im Bruche auf dem Peerhopsberge an; da finden sie euch so leicht nicht und Frucht wächst da zur Not schon. Und die Burg hier, die müßt ihr noch fester machen; der Graben muß tiefer und jedesmal da, wo der Zugang einen Knick macht, da muß eine Wolfskuhle hin.«

Der alte Mann nickte. »Ja, wir haben gestern ganz dasselbe gesagt. Das Vieh haben wir ja noch, die Pferde auch, und das beste wird sein, solange als wie der Krieg dauert, wirtschaften wir in einen Pott, so sauer uns das auch ankommen wird. Aber du solltest doch lieber hier bleiben; was willst du in der weiten Welt? Sieh mal, Junge, das Unglück ist geschehen, und ich trage ebenso schwer daran wie du. Eine Frau kriegst du schließlich wieder, ich aber keine Tochter. Du hast noch ein ganzes Leben vor dir, mit mir ist das anders. Und doch bleibe ich hier, wo ich geboren bin.«

Der andere schüttelte den Kopf. »Wiederkommen tue ich, so wie ich es kann. Aber ich habe einen Eid vor mir selber geschworen und dabei muß ich bleiben. Und überdies, hier würde ich verrückt werden, wo ich bei jedem Schritt und Tritt daran denken muß, wie es früher war.« Er rief den Knecht heran: »Zeig mal dein Messer her!« Der Junge griente und zog es aus der Scheide. »So, ist gut; leg' dich man schlafen, morgen früh wollen wir los!«

Er sah Ul an. »Der Mann, der Alheid umgebracht hat, lebt nicht mehr; Thedel hat es ihm besorgt und die Wölfe. Heute morgen haben wir ihn beigerodet unter der breiten Fuhre hinter meinem Hof. Es liegen allerlei Steine auf der Stelle. Aber zwei von den Schandkerlen sind noch am Leben und sollten sie sich hierher verlaufen, ein ganz unmenschlich langer mit weißen Haaren, aber noch ein junger Kerl, und einen unklug kleinen Kopf hat er und eine Stimme, als wie ein Kind, und dann noch einer, so kurz und dick, als wie ein Faß mit einem fuchsigen Knebelbart und zwei Narben im Gesicht, so breit, wie ein Finger und ganz rot, die eine von der Stirn bis in das Maul und die andere von einem Ohr zum andern, daß es wie ein Kreuz aussieht und darum heißt der Kerl auch das heilige Kreuz und der andere der Säugling. Wenn die sich hier blicken lassen, die dürft ihr nicht totschlagen; lebendig will ich sie haben, hörst du. Denn von Zeit zu Zeit komme ich wieder.«

Es wurde aber völlig Herbst, ehe daß er wiederkam. Bolles Bernd, der an dem Tage die Wache auf dem Halloberge hatte, sagte gerade zu Mertens Gerd, der ihm Gesellschaft leistete: »Wie schön die Birkenbäume bloßig aussehen! als wie das reine Gold!« Dann machte er einen langen Hals, wie ein Birkhahn, stieß Gerd in die Rippen und sagte: »Was ist denn das da im Bullenbruche? Das ist ja gerade, als wenn das ein Reiter zu Pferde ist! Gewiß und wahrhaftig, es ist einer. Sogar zwei sind es!«

Er barg sich hinter den Büschen und winkte Gerd, und als sie bei den dicken Fuhren waren, nahm er das lange Horn vor den Mund und blies laut los, so daß ein Hase, der unter einem Haidbusche geschlafen hatte, wie albern herausschoß und den Pattweg entlang lief. Dreimal blies der Junge in das Horn, und jedesmal auf eine andere Art, und nach einer Weile zum vierten Male und so laut und lang, daß es auf eine halbe Meile in der Runde zu hören war.

»Aufpassen tun sie,« sagte Harm Wulf zu Thedel; »wir müssen uns zu erkennen geben, denn sonst könnten wir am Ende eine Handvoll Hackblei in die Rippen kriegen, ehe wir uns das vermuten. Zeig ihnen, daß du es auch noch kannst!« Der Knecht nahm das kleine Horn, das er am Sattel hängen hatte, wischte sich über den Mund, gremsterte und spuckte und dann blies er nach dem Halloberge hin. Von dem Berge kam eine kurze Antwort zurück, die Thedel ebenso zurückgab.

»Das hört sich just so an,« meinte Bernd, »als ob das Niehusthedel ist, der da bläst; aber was hat der für Zeug an? Der sieht ja leibhaftig aus wie ein Kriegsmann! Was hältst du davon?« Der andere legte die Hand vor die Augen, als er hinter dem Busche hersah: »Ja, er ist es, das ist sicher. Und der andere, das ist der Wulfsbur. Ich hätte ihn beinahe nicht gekannt, solchen Bart hat er sich wachsen lassen. Na, denn so muß ich wieder abblasen.«

Er nahm das Horn wieder hoch, aber der andere wehrte es ihm: »Wart' man erst!« Sie blieben in Deckung stehen, bis die Reiter ganz nahe heran waren. Erst dann trat er vor und rief: »Na, wieder zurück von der Reise, Harm? Und du auch, Thedel? Meist hätten wir euch nicht gekannt, so wie ihr ausseht. Aber jetzt blase ab, Gerd!« rief er dem Jungen zu, der etwas abseits stand und über das ganze Gesicht lachte, denn Thedel war sein guter Freund, und der Wulfsbauer hatte ihm einmal das Leben gerettet, als er auf dem Pumpe durch das Eis gebrochen war. Er setzte das Horn wieder an und blies dreimal auf eine andere Art.

»Dennso können wir ja frühstücken,« meinte der Wulfsbauer, als er aus dem Sattel war, zu Thedel; »mach die Pferde an und gib die Holster her! Ihr könnt mithalten; wir haben reichlich.« Er packte aus: da waren Würste und dicke Scheiben Schinken und Braten und eine halbe gebratene Gans, ein großes Stück Käse, zweierlei Brot und eine große Blechflasche. Die anderen machten lange Augen.

»Lebt ihr immer so?« Harm lachte: »Mehrstens! aber nehmt man dreiste an, es ist nicht geraubt und nicht gestohlen, das heißt, von uns nicht, denn die drei Marodebrüder, denen wir das gestern abnahmen, werden es wohl nicht mit barem Gelde bezahlt haben. Aber wie sieht es in Ödringen aus?«

Bolle hob die Faust, in der er das Messer hatte, auf und ließ sie auf den Boden fallen. »Ödringen?« er zuckte die Achseln, »Ödringen, das gibt es nicht mehr. Alles ein Schutt und ein Müll!« Als der Wulfsbauer und Thedel ihn ansahen, erzählte er: »Drei Wochen lang war alles ruhig, da zogen einige wieder hin, Hingstmanns und Eickhofs und Bostelmann und Bruns auch. Die andern rieten ihnen ab, aber sie wollten ja nicht hören. Und den einen Abend, wir waren gerade dabei, das letzte Grummet einzuholen, da sahen wir über dem Dorfe einen hellichten Schein und bald darauf kam Tidke, du weißt doch, der Hütejunge bei Hingstmanns, und der erzählte, daß zwei Taternweiber einer Bande von Mordbrennern den Weg gewiesen haben, und kein einer Mensch ist lebendig geblieben.«

Er machte einen bösen Mund, lachte dann und erzählte weiter: »Tidke hatte gewacht, weil das eine Fohlen krank war, und so konnte er sich bergen. Die anderen sind meist im Schlafe umgebracht. Alle Hunde lagen tot da; die Taternweiber werden ihnen Gift hingeworfen haben.« Er schnitt von dem Brot, das er in der Hand hatte, ein Stück ab, steckte es in den Mund, stippte ein Stück Braten in die Salzdose und steckte es auch in den Mund, und als er beides auf hatte, fuhr er fort:

»Wir sind in der Nacht gleich losgeritten und haben von überall Hilfe geholt; wir waren unser achtzig und nüchtern, und die Bluthunde knapp dreißig und besoffen. Es ist keiner von ihnen am Leben geblieben. So Stücker zwanzig schossen und schlugen wir gleich tot, als sie über die Magethaide kamen und in das Düsterbrok wollten, und die anderen, es waren zehn oder elf, die fingen wir lebendig und nahmen sie in das Bruch mit.«

Er sah erst Harm und dann Thedel an, nickte mit dem Kopfe und griente: »Und dann hielten wir Gericht über sie ab. Tidke mußte bei jedem angeben, was damit gemacht werden sollte, weil er doch gewissermaßen darüber zu sagen hatte, denn seiner Mutter, sie war schon über siebzig, hatten sie auch den Hals abgeschnitten. Alle haben sie geschrien wie die Wilden, und gebetet und gebettelt haben sie, als es ihnen an den Schluck ging, bis auf das eine Taternfrauenzimmer, die junge, die eigentlich ganz glatt aussah bis auf die gelbe Haut und das schwarze Haar, denn das war ein Beist und schimpfte bloß, als wir sie aufhingen, und biß um sich, wie ein Fuchs, der im Eisen sitzt. Aber geholfen hat ihr das nichts, denn Tidke sagte: Die hat Bruns lüttjen Jungen mit den Kopf gegen den Dössel geschlagen! Erst sollte sie bloß nackigt ausgezogen werden und durchgepeitscht, aber als wir das hörten, hingen wir sie zu alleroberst an die Eiche!«

Er lachte lustig: »Wie der olle Baum aussah, sage ich dir, als die elf Galgenvögel daranhingen! Ulenvater sagte: Das ist ja ordentlich, als wenn wir ein Mastjahr haben! Und gelohnt hat es sich auch; über zweihundert Dukaten hatten die Völker bei sich.«

Als sie mit dem Frühstücke fertig waren, brach Harm mit Thedel auf. Sie ritten erst nach Ödringen. Da stand kein Haus mehr; alle Höfe waren aufgebrannt. »Ich habe es ihnen ja vorausgesagt, daß es so kommen mußte,« sagte der Bauer; »aber schrecklich ist es doch; das schöne Dorf! Komm, ich kann das nicht mit ansehen. Und alle tot, alle! Hingstmanns und Bruns und Eickhoffs und Bostelmann und Klausmutter auch. Wie oft hat sie mir nicht einen Apfel mitgegeben für Hermken, denn sie hatte da einen Baum, so schöne Äpfel hatten wir alle nicht. Es ist zum Gotterbarmen!«

Als sie vor dem Bruche waren, hielten sie, und Thedel mußte blasen. Es dauerte wohl eine Viertelstunde, da kam Klaus Henneke mit einem Knecht hinter den Büschen hervor. Beide hatten scharf gemacht und hatten ein wahres Ungetüm von einem Hund bei sich. Harm rief sie mit Namen an, und da kamen sie näher, aber erst, als sie dicht bei ihnen waren, sicherten sie ihre Büchsen und riefen den Hund an.

Klaus freute sich aufrichtig, als er Harm sah. »Ich dachte all, du wärst nicht mehr am Leben! Ja, hier hat sich allerlei geändert. Unser Vater ist tot und unsere Mutter ist ihm bald nachgefolgt. Das ist kein Leben für solche alten Leute, wie wir es jetzt hier im Bruche haben; die Wölfe haben es besser. Ein paar von den Knechten sind schon ausgerückt und unter das Volk gegangen. Verdenken kann es ihnen auch keiner, denn wer will hier in Busch und Braken herumliegen und Rindenbrot und Wurzeln essen. An Fleisch mangelt es ja nicht, denn wir schießen und fangen so manchen Hirsch und manches wilde Schwein, aber ein Leben ist das nicht, so wie das jetzt ist. Man kommt auf ganz dummerhaftige Gedanken dabei. Mertensvater hat sich all' aufgehängt!«

Dem Wulfsbauer, dem das wilde Leben im Lande das Herz verhärtet hatte, zog sich dennoch die Brust zusammen, als er nach dem Peerhobsberge kam. »Du lieber Gott im Himmel, wie sehen die Leute aus!« dachte er; »und wohnen tun sie schlechter als das Vieh!« Aus Fuhren und Plaggen hatten sie sich notdürftig Hütten gebaut und sie mit Reet und Risch bedeckt; auf Haidstreu und Torfmoos schliefen sie und ihr Eßgeschirr war aus Ellernholz. Die Frauen waren alle blaß und elend, keins von den Kindern hatte rote Backen und dicke Beine, und die Männer hatten Augen, so falsch wie die Buschkater.

Aber sie freuten sich doch alle, als sie die beiden ankommen sahen, denn es war doch wieder einmal eine Abwechslung in dem elenden Leben. Die großen Bauern, die Thedel bislang bloß von der Seite angesehen hatten, konnten ihn nicht genug ausfragen. Doch der Knecht, der in seinem ledernen Wams und den hohen Krempstiefeln wie ein Kriegsmann aussah, gab nicht viel von sich. »Ja, was ist da viel zu erzählen? Wir haben so viel Elend gesehen, daß es nicht zu sagen ist. Stellenweise müssen sie Wachen vor die Kirchhöfe stellen, damit das verhungerte Volk nicht die Toten auffrißt. Vor Peine haben wir gesehen, wie ein Kerl gerädert wurde, der Kinder gestohlen hat, und die hat er dann geschlachtet und gebraten, und als wir durch Groß Goltern kamen, waren gerade die Ligisten durchgezogen, und die hatten das ganze Dorf angesteckt und Feuer an den Kirchturm gelegt, so daß dreiunddreißig Menschen, Groß und Klein, umgekommen sind. Meist schlugen wir uns auf eigene Kanne Bier durch; mitunter taten wir uns auch mit den redlichen Bauern, die in den Wäldern lagen, zusammen, und gingen gegen das Gesindel an. Im großen Freien haben wir in einer Stunde achtundvierzig Stück von der Welt gebracht. Aber der Hauptspaß war doch im Kalenbergischen; da waren wir unserer dreihundert und haben sie gehetzt, wie der Hund den Hasen. Das war ganz großartig, sag ich euch!«

Gerade wollte er weiter erzählen, da hörten sie es rufen: »Jeduch, jeduch, jeduch!« Die Bauern sprangen auf, ihre Augen wurden blank: »Paßt auf, heute gibt es bei uns Hasenjagd!« So war es auch. Drewes aus Engensen hatte ansagen lassen, daß ein Zug der Waldsteiner, vierzig Mann stark, unterwegs war; alle, die abkommen könnten, sollten sofort zum Hingstberge kommen. »Kommst du mit?« fragten die anderen Harm. »Na ob!« sagte der und lachte; »der Mensch will doch auch einmal ein Vergnügen haben. Und Thedel bleibt auch nicht hier, das könnt ihr glauben. Der Junge kann treffen, sage ich euch!«

Es waren über anderthalb Hundert Bauern und Knechte am Hingstberge zusammen, als der Wulfsbauer mit dem Knechte ankam. Sie standen aber nicht da und lachten und schwatzten, wie an jenem Tage, als die Marodebrüder über den Wulfshof kamen; sie sprachen leise miteinander und sahen mit schiefen Augen um sich. Sie waren auch nicht wie rechtliche Bauern anzusehen, sondern mehr wie Kriegsknechte und Wegelagerer. Alle hatten sie Büchsen in der Hand und Spieße über den Rücken, und zum wenigsten eine Pistole im Gürtel und einen Säbel oder einen langen Dolch. Die meisten trugen auch Bärte und sahen überhaupt wenig rechtschaffen aus, bis auf Drewes, der sich ganz trug wie vordem.

Der Ödringer erschrak ordentlich, als der Engenser sich umdrehte und er ihm ins Gesicht sehen konnte. Das war ja ein alter Mann geworden! Ganz gelb war er im Gesicht und hatte eine Falte bei der anderen. »Nee,« sagte ein Bauer aus Wettmar, als Wulf ihn fragte, ob Drewes krank gewesen war, »nee, krank war er nicht, aber er ist Witmann geworden. Du hast sie ja gekannt, seine Christel, sie und ihr Maulwerk! Na, das hat sie ja auch das Leben gekostet, denn als ihr ein paar dänische Soldaten die Würste und die Schinken vom Wiem holten, machte sie ihnen eine solche Schande, daß der eine sie mit dem Säbel über den Döz schlug und das konnte sie nun doch nicht vertragen. Wir dachten alle, Drewes wird heilsfroh sein, daß er sie los ist, und sich eine Junge und Hübsche suchen. Wie man sich aber irren kann: in drei Wochen ist der Mann um zwanzig Jahre älter geworden! Es ist ein Jammer, und wir merken es auch, denn so wie früher legt er sich nicht mehr für das allgemeine Wohl ins Zeug. Die beste Kraft ist aus ihm heraus; er ist wie verregnetes Heu geworden.«

Das merkte Wulf, als Drewes an zu reden fing. Schon wie er so dastand, auf den dicken Schlehbuschstock gestützt, sah man, daß er nicht mehr der Alte war; was er sprach, hatte Hand und Fuß wie vordem, aber es war doch nicht der alte Mut darin; dritter Schnitt war es, ohne Saft und Kraft.

»Liebe Freunde,« fing er an, »in dieser Zeit hat mancher von uns zum lieben Gott gebetet: unser täglich Brot gib uns heute! Der Herr hat unser Gebet erhört; er schickt uns Brot. Jeder tue das Seine, daß dieser Tag uns zum Gedeihen anschlage! Was im einzelnen zu machen ist, wird ein jeder von seinem Obmann gewahr werden. Eins noch will ich euch sagen: ich sehe unseren Freund aus Ödringen, den Wulfsbur, unter uns. Ich denke, ihr seid es alle zufrieden, daß er in dieser Sache das Leit in die Hand nimmt; er wird uns darin wohl gern zu willen sein.« Die Bauern nickten. »Eins noch,« so schloß der Engenser seine Rede, »gebe ich euch zu bedenken: haltet euch genau an die Befehle und seht euch vor, daß die Pferde gesund bleiben! Die meisten werden aus der Nachbarschaft sein. Und nun Gott befohlen!«

Die Obmänner und Drewes stellten sich um Wulf. »Meine Meinung ist die,« fing Jasper Winkelmann aus Fuhrberg an, »wir müssen sie zwischen uns kriegen, und das geht am besten in den hohen Fuhren vor dem Bruche. Also muß ein Teil abwarten, bis sie vorbei sind, und ein Teil vor ihnen sein, damit sie nicht wegkönnen, und die anderen müssen rechts und links vom Wege die Begleitmannschaft bilden, und das müssen alles junge Kerle sein, die leise treten und sich schnell hinter dem Gebüsche bergen können.« Er machte mit seinem Stocke Striche in den Sand: »Seht her, so meine ich das! Hier ist der Zug, das da sind unsere Leute, die hinter ihnen sind, und das da, die, die vor ihnen sind, und hier sind wir, die wir nebenher gehen. Sobald sie nun mitten in den hohen Fuhren sind, fangen wir an zu tuten und zu schießen, und ihr da kommt ihnen von oben und unten über den Hals. Natürlich muß bei jedem Haufen einer sein, der sich genau auf das Blasen versteht, damit wir nicht in den Bröddel kommen.«

Die allgemeine Meinung war, daß es so am besten war, und so teilten sich erst die älteren Leute in zwei Abteilungen und zogen ab, und dann die jüngeren. Der Wulfsbauer nahm die Seite nach dem Bruche zu, weil er da am besten Bescheid wußte. Erst gingen sie alle auf einen Haufen und redeten halblaut, dann ging einer hinter dem anderen und das Reden hörte auf.

Wulf ging voran, neben ihm schlich Thedel, hinter ihm kam Klaus Hennke. Das Wetter war günstig. Die Sonne hatte den Erdboden ausgetrocknet, aber doch nicht so, daß alle Braken unter den Füßen knackten. Der Wind hatte sich gelegt und die Luft war hellhörig. Wenn irgendwo ein Specht arbeitete oder ein Vogel in dem trockenen Laube krispelte, so konnte man das weithin hören.

Harm hatte sich auf einen Wurfboden gesetzt und rauchte vor sich hin. In den Fuhren piepten die kleinen Vögel, eine Eichkatze lief von Stamm zu Stamm und die Sonne machte das Brommelbeerkraut so grün, als wäre es Juni. Hennke saß auf einem alten Stucken; er sah aus, als ob er eingeschlafen war. Der Knecht stand bolzensteif vor einem Stamme, hatte die Büchse scharf gemacht und drehte langsam den Kopf hin und her, gleich als ob er sich auf Hirsche angestellt hatte.

Der Wulfsbauer machte sich gerade eine neue Pfeife zurecht, da prahlte halbrechts der Markwart. Thedel sah den Bauern einen Augenblick an, drehte aber gleich den Kopf wieder weg. Der Markwart schrie in einem fort, und dann meldete ein Specht, und zugleich eine Drossel. Der Knecht wippte leise mit dem rechten Fuße, Klaus machte die Augen ein bißchen mehr auf, Harm saß da und rauchte, bloß daß er den Kopf schiefer hielt. Ein Pferd wieherte, eine Peitsche klappte, ein Fluchwort kam hinterher. Dann polterten Räder.

Harm winkte den Knecht neben sich. »Halt das Horn bereit!« sagte er leise zu ihm. Thedel nahm das Horn zur Hand. »Nicht eher, als bis ich es sage!« flüsterte ihm der Bauer in das Ohr. Der Knecht nickte. »Hüh!« ging es vor ihnen und noch einmal »hüh!« Ein Pferd prustete, ein Mann schnäuzte sich. Jetzt kamen die ersten, sechs Mann zu Fuß, die Büchsen fertig zum Schuß, in einem fort die Köpfe von rechts nach links drehend. Ab und zu blieben sie stehen und redeten halblaut. Harm hörte, was der eine sagte: »Verdammigt noch mal, ist das hier ein Sauweg! Wenn wir hier man erst raus wären!« Der Bauer lachte hinter seinem Gesichte und dachte: »Ja, wenn!«

Drei Reiter kamen hinterher. »Schöne Pferde!« dachte Wulf. Der zweite Wagen kam, wieder ein paar Mann zu Fuß, dahinter ein Reiter, ein langer, dünner Kerl mit einem ganz kleinen Kopf. Der Bauer stand auf und zitterte am ganzen Leibe. Aber der Mann hatte eine tiefe Stimme; also war er es nicht. Noch ein Wagen kam an und noch einer und immer mehr, jetzt der letzte. Harm wollte schon dem Knecht zurufen, daß er blasen sollte, da hörte er noch einen Wagen poltern. Er machte sich fertig. Hinter dem Wagen ritt ein dicker Mann, der einen weißen Spitzenkragen umhatte, der ihm bis über die Schultern hing. Er hatte eine rote Nase und ein doppeltes Kinn und sah verdrießlich aus.

»Das dicke Ende kommt allemal hinterher,« dachte der Bauer und schoß. Der Rotschimmel machte einen Satz und warf den Mann ab. »Jetzt kannst du blasen, Thedel,« flüsterte Wulf, »aber Deckung nehmen!« Der Knecht stellte sich hinter den Wurfboden und legte los: »Tirrä tuut, tirrä tuut, tirrä tuut!« ging es. Dann aber nahm Thedel seine Büchse, lief schnell nach vorne, zielte lange und so wie er drückte, sah er zurück und lachte, lud aber gleich wieder.

»Tirrä tut!« kam es von unten her und überall knallte es. Ab und zu hörte man einen Fluch und einen Schrei, und dazwischen ein kurzes Lachen, und oben fiel ein Schuß und nun wieder unten einer. Dann kam ein Mann angeritten, kreideweiß im Gesicht; er blieb, sowie Thedel geschossen hatte, erst noch eine Weile sitzen, bis er zur Seite fiel, und das Pferd schleppte ihn durch den Dreck. Hinter ihm her kam ein anderer angehinkt und hielt sich den Kopf. Harm wartete, bis er auf drei Schritt heran war, hielt ihm die Pistole entgegen und schoß ihn nieder.

Die Schüsse fielen spärlicher, das Fluchen und Schreien hatte aufgehört. »Ich glaube, wir sind damit durch,« rief Wulf dem Jungen zu. Der nickte. »Wollen noch eine Weile warten!« meinte der Bauer. Thedel lud die Büchsen und die Pistolen, derweil der andere sich die Pfeife stopfte und anbrannte. »Nun kannst du loslegen,« rief er ihm zu. »All' uut, all' uut?« blies Thedel. Nach einer Weile kam von unten die Antwort: »Is all ut!«

Der Bauer nahm seine Büchse und ging auf den Knüppeldamm. Überall kamen Bauern aus den Fuhren. Alle nickten Harm zu: »Das ging, wie geschmiert!« Er nickte: »Fangt man erst die ledigen Pferde ein, das andere läuft uns nicht weg!« sagte er und alle lachten, aber sie machten lange Gesichter, als er befahl: »Und jetzt müssen wir sie erst beiroden und die Wagen in den Busch fahren. Das Bargeld und die Wertsachen geht an Drewes; der soll das Austeilen machen. Und wem ein Pferd genommen ist in dieser Zeit, der kommt an erster Stelle. Für mich laßt eine gute Büchse übrig, bar Geld will ich nicht haben.«

Er sah alle an, die da herumstanden: »Seid ihr auch alle heil geblieben?« Einer rief: »Ja, bloß Viekenludolf ist ein bißchen zur Ader gelassen. Na, der hat ja auch mehr Blut, wie er als Junggeselle brauchen kann!« Alle lachten lauthals los.

Sie hatten sechsundsechzig Pferde, einen Wagen voll Wurst und Schinken und elf Wagen mit Hafer, Mehl und Brot, ungerechnet das Bargeld, die Kleider und die Waffen, gefangen. Ein junger Kerl schrie los: »Kinder, wer gibt auf das Geschäft einen aus?« Alle lachten und Harm rief: »Drewes und ich, nicht wahr, Drewes?« Der tat so, als ob er lachen wollte. »Ist auch wahr,« rief der Wulfsbauer, »immer kann man nicht arbeiten. Heute Abend ist es zu spät und wir haben auch noch allerhand vor, und viele von uns haben einen weiten Weg, aber morgen sollen sich die Junggesellen, soweit sie abkommen können, im Engenser Kruge treffen und ihre Mädchen mitbringen, aber die Gewehre auch, und beim nächsten Male kommen die anderen dran, die morgen zu Hause bleiben müssen. Und nun hille!« trieb er; »man darf morgen hier nicht sehen, was sich begeben hat. Die Wagen müssen in den Busch, und was sonst daliegt, muß unter die Erde. Auf Schweineschlachten kommt Reinemachen!« Wieder lachte alles und ging fröhlich an das Werk. Eine Stunde später, als der Mond herauskam, sah der Knüppeldamm so blank aus, wie am Morgen.

Am anderen Nachmittage traf sich das junge Volk in Engensen im Kruge und tanzte, daß die Deele donnerte, aber der Wulfsbauer sorgte dafür, daß nicht zu viel getrunken wurde und daß rund um den Krug und nach allen Richtungen um das Dorf Wachtposten standen. Er selber stand an der großen Türe und sah zu, rauchte und trank ab und zu einen Schluck Bier aus dem Kruge, den er neben sich stehen hatte.

Ein Mädchen fiel ihm auf; sie mochte knapp achtzehn Jahre alt sein, hatte ein Gesicht wie Milch und Blut, Haare wie Haferstroh und war wie eine Tanne gewachsen. Sie tanzte mit einem langen, dünnen Bauernsohn, der ein Gesicht hatte wie ein Pott voll Mäuse. Ein jedesmal, wenn sie an Harm vorbeitanzte, sah sie ihn an, als wollte sie ihm ihr Herz vor die Füße legen. Es war Drewes zweite Tochter Wieschen, hörte er, von der man sagte, sie sei rein wie Nesselkraut, und mehr als einer von den Jungens im Dorfe hatte ein dickes Maul mitgenommen, wenn er einen Süßen von ihr haben wollte.

Als ein neuer Tanz gespielt wurde, tanzte sie bloß einmal rund und als sie bei dem Ödringer war, machte sie sich von ihrem Tänzer los und sagte: »Nu kann ich nicht mehr. Himmel, was hab' ich für'n Durst!« Harm hielt ihr den Krug hin. Sie wurde über und über rot, lachte ihn an und sagte: »Sollst auch bedankt sein!« Er sah an ihr herunter und zeigte mit dem Kopfe nach ihrem Tänzer: »Ist das dein Bräutigam?« Sie schüttelte den Kopf: »Nee, ich hab' noch keinen,« und dabei sah sie ihn wieder so an, wie vorher.

Aber da schrie der Wirt »Feierabend!« und mitten im Singen hörte das junge Volk auf. Wieschen gab Harm die Hand und sagte: »Sollst dich mal bei uns sehen lassen, Wulfsbur; seit Mutter tot ist, wird Vater so wunderlich. Und nun gute Nacht auch und gute Reise!«

Harm steckte noch das Bier im Geblüt, als er sich auf den Heuboden hinlegte, und als er beim Einschlafen war, ging ihm immer das Lied im Kopfe rund, das die jungen Leute zuletzt gesungen hatten:

Kumm üm de Middenacht,
kumm um Klock een!
Vadder slöpt, Mudder slöpt,
ick slap alleen.

Die Wehrwölfe

Harm blieb für das erste im Bruche. Er hatte allen möglichen landfahrenden Leuten, soweit es nicht Raub- und Mordgesindel war, von der vielen Beute, die er gemacht hatte, manchen Taler zukommen lassen, damit sie bei Drewes in Engensen oder anderswo Nachricht hinterlassen sollten, wo er das Heilige Kreuz und den Säugling antreffen konnte, denn er hatte gesagt, er hätte ein Geschäft mit ihnen vor.

Er besprach sich nun mit Ulenvater über das Leben, das die Ödringer auf dem Peerhobsberge führten. »Das schlimmste ist,« sagte er, »sie lauern darauf, daß der Krieg aufhören soll und solange behelfen sie sich mit Hungern und Nichtstun. Das ist verkehrt! Wir müssen so tun, als ob wir ewig und drei Tage hier bleiben wollen. Mit Reden richtet man aber nichts aus, und deshalb wollen wir beide uns ein regelrechtes Haus bauen, und soweit es geht, auch Land unter den Pflug nehmen. Du sollst sehen, einer nach dem anderen tritt dann in unsere Stapfen.«

Der Alte nickte: »Da hast du völlig recht; das habe ich mir auch schon gesagt, denn wenn ich auch heute oder morgen sterben kann, sündhaft ist es darum doch, die Hände in den Schoß legen und unserem Herrgott den Tag abstehlen. Und diese Örtlichkeit ist gar nicht so uneben! Selbst in Regenjahren kommt das Wasser hier nicht her, und der Boden ist gut, und wenn später ein Durchstich nach der Wietze gemacht wird, und der Busch wegkommt, dann sollst du mal sehen, was hier nicht alles wächst!«

Es gab einen großen Aufstand auf dem Berge, als es hieß: »Der Wulfsbauer und Ulenvater bauen sich ein festes Haus!« Es waren aber kaum die Ständer eingesetzt, da fing schon ein anderer an, es ihnen nachzutun, und es war schön anzusehen, wie gerade mit einem Male wieder die Männer gingen, welche blanken Augen die Frauen bekamen und wie auch die Kinder sich herausmachten, denn nun hatten sie doch wieder an etwas anderes zu denken, als an ihr Unglück.

Der Wulfsbauer sparte nicht; er hatte Geld genug, und so holte er Zimmerleute und Tischler aus den Nachbardörfern heran, und als das Haus fertig war, und weder die Pferdeköpfe an den Windbrettern noch der Spruch über der großen Türe fehlte, da sagten alle: »Es ist wirklich ein schönes Haus, alles was recht ist, wenn es auch man halb so groß ist und nicht so bunt, wie das alte Haus.«

Der Spruch aber, den Harm Wulf in den Torbalken hatte einhauen lassen, hieß: »Helf dir selber, so helft dir unser Herre Gott.« Das gefiel manch einem erst nicht recht. Aber als dann der Wulfsbauer seine Hausrichte gab, wurden sie anderer Meinung. Alles war eingeladen, was im Bruche wohnte und noch allerlei Freundschaft aus der Haide. Wulf hatte reichlich für Essen und Trinken gesorgt und auch für Musik, aber er hatte auch sagen lassen, jedweder sollte sich so fein machen, wie sonst zum Burgdorfer Martinsmarkt. So sah es bunt und lustig vor dem Hause aus von roten Kleidern und weißen und blauen Röcken, und alle Gesichter waren voller Freude.

Es war einer von den Tagen, an dem Sonne und Regen hintereinander her sind, wo aber die Sonne die meisten Trümpfe vorweisen kann. Ein frischer Wind ging, daß das Laub in den jungen Eichen rauschte und die Fuhren und Tannen nur so brummten, und die Kränze aus Hülsen und die langen Ketten aus Tannhecke hin und her flogen; die weißen Bänder daran wehten und die bunten Eierschalen klingelten und klapperten, daß die Kinder vor Vergnügen nicht wußten, wo sie sich bergen sollten.

Als alle da waren, kam Ulenvater aus der großen Türe und hinter ihm der Bauer. Er hatte sich seinen Bart abgenommen und trug den blauen, rot ausgeschlagenen Rock mit den blanken Talerknöpfen. Die großen Kinder stellten sich zusammen, Fiedelfritze aus Mellendorf gab den Ton an und hell klang das Lied: »Großer Gott, dich loben wir.« Alle Männer nahmen die Hüte ab und sangen mit, und die Frauen auch, und da war nicht einer, dem das Wasser nicht in die Augen kam.

Dann stellte sich Ulenvater vorne hin und sprach: »Alle, die wir hier versammelt sind, Mannsleute und Frauen, Knecht, Magd und Kind, Boshaftigkeit und Niedertracht haben uns von Haus und Hof gebracht. Also schwer uns das Unglück schlug, daß wir allhier im wilden Bruch wie die Wölfe uns müssen verstecken, daß uns die Mordbrenner nicht entdecken. Anfangs haben wir meist verzagt, haben gegreinet und geklagt, dachten, ach wären wir besser tot, als so zu leben in Ängsten und Not. Haben uns aber noch besonnen und dies Haus zu bauen begonnen, haben es glücklich emporgebracht, weil uns schützte des Herren Macht.«

Alle, die da standen, sahen den alten Mann, dessen Augen so fröhlich und doch so absonderlich aussahen, groß an, und die Kinder standen mit offenen Mäulern da und wußten nicht, was sie zu Ulenvater sagen sollten. Das war ja gerade, als wie in der Kirche! Aber nun holte er tief Luft, machte ein anderes Gesicht und fuhr fort: »Und weil das Haus nun fertig steht, und nichts dran fehlt, so wie ihr seht, so wollen wir nach altem Brauch den Tag beschließen in Freuden auch, essen, was uns der Herr bescheert, und mit Verstand, wie es sich gehört, hinternach auch lustig sein bei einem Glas Bier oder Branntewein; und nun, liebe Freunde, tretet ein!«

War das ein Leben und ein Lachen! Die Altmutter Horstmann, die noch keiner wieder hatte lachen sehen, seitdem sie aus dem alten Dorfe hatte herausmüssen, gnickerte in einem fort vor sich hin und brummte: »Nee, dieser Ulenvater aber auch, was der für Kneepe im Koppe hat!« und Klaus Hennke, der größte Drögmichel von allen, lachte hellwege weg. Eine so lustige Hausrichte hatte es sogar oben im Dorfe noch nicht gegeben. Und wenn auch kein Tropfen Honigbier und kein Glas Wein auf dem Tische gewesen wäre, es wäre doch toll genug hergegangen. Schon beim Essen waren alle mächtig aufgekratzt, und als der Tanz losging, erst recht, und wilder und höher waren die roten Röcke noch keinmal geflogen und das, was darin war, als auf des Wulfsbauern Hausrichte.

Aber er hatte auch an alles gedacht. Dünnbier war da und Met, und zwei Fässer Mumm und ein Tabak, wie ihn noch keiner geraucht hatte, und das war auch kein Wunder, denn den hatten Drewes und seine Haidgänger vor einiger Zeit einer Kolonne abgenommen und zwölf Fässer spanischen Wein dazu, der so süß wie Honig war, und davon bekamen die ganzen alten Männer und Frauen jeder ein oder zwei Glas zur Herzstärkung. »Ich bin nun all im neunzigsten Jahre oder so herum,« sagte der Hausmann vom Bollenhofe, »aber so gut ist es mir noch keinen Tag in meinem Leben nicht gegangen,« und dabei nickte er ganz glücklich seinen Urenkeln zu, die alle Backen voll von dem süßen Rosinenbrote hatten, das für die liederlichen Weibsleute bestimmt war, die die Waldsteinschen Offiziere mit sich herumschleppten.

Sogar Drewes sah anders aus, als die Zeit vorher. Er stand zwischen seinen beiden Töchtern, dem großen breiten Lieschen, die mit ihrem Manne den Hof bewirtschaftete, und dem schlanken Wieschen, die kein Auge von dem Wulfsbauern ließ und nicht mittanzen wollte, weil sie, wie sie sagte, nicht gut zuwege war. Aber dabei sah sie aus wie eine Rose im Morgentau, und hatte Augen, so blau wie der liebe Himmel, und wenn sie lachte, so war das, als wenn die Märzendrossel an zu schlagen fangen will. »Nee, Wulfsbur,« sagte sie, als der sie fragte, warum sie nicht auch tanzte, »nee, danach ist mir heute nicht ums Herz. Ich kann mich gar nicht satt genug sehen, wie lustig die Ödringer sind nach alledem, was sie ausgestanden haben! Hör' bloß, was sie singen! Damit hast du dir einen Gotteslohn verdient.«

Bis zehn dauerte der Tanz, aber er hielt noch lange vor. Von da ab hörte man die Männer wieder flöten und die Mädchen sangen bei der Arbeit, und wenn es auch Arbeit für Mannsleute war, die sie tun mußten. Denn Wulf hatte es den Leuten klar gemacht, daß es nun erstens nötig wäre, die Burg zu befestigen, daß dreihundert Mann sie nicht erstürmen konnten, und daß das, was im Herbst vergessen war, jetzt gemacht werden mußte. So wurde der Burggraben tiefer und der Wall höher gemacht und sowohl die Grabensohle, wie die Wallwand wurde dicht an dicht so mit langen spitzen Pfählen besetzt, daß kaum eine Katze, geschweige denn ein Mensch durchkonnte. Zudem wurde rings um den Wall ein Verhau aus Dornbüschen gemacht, so hoch und so dicht, daß selbst der Teufel und seine Großmutter nicht darüberweg konnten. Rund um die Burg waren an allen Zuwegen Wolfsangeln in die Bäume geschnitten und das bedeutete: »Wahr' dich, denn vor dir ist ein Loch, und wenn du da hineinfällst, bist du des Todes!« Dazu kam noch, daß die beiden Fahrwege jeder viermal mit Schlagbäumen versperrt werden konnten.

Alles das hatte Wulf bei seinen Streiffahrten hier und da gesehen und sich eine Lehre daraus genommen, und zur größeren Sicherheit hatte er an vier Stellen auf dem Sandberge im Bruche Auskieke in den Kronen der Wahrbäume machen lassen, in denen den Tag über Jungens als Wachtposten saßen, die Hörner bei sich hatten und bliesen, wenn die Luft unrein wurde.

Es dauerte nicht lange, und alles, was kein reines Hemd anhatte, machte einen Bogen um das Bruch, denn es hatte sich herumgesprochen, daß es da nicht geheuer war. Ab und zu sah man Männer mit schwarzen Gesichtern in dem Busche, und an mehreren Stellen waren zwei Fuhrenbäume kahl gemacht und ein dritter darüber genagelt, und zu allermeist hing ein Mann mit seinem Halse daran, oder zwei oder drei und kein Mensch wußte, wer es war und wer sie gerichtet hatte, ausgenommen die Bauern in der Runde, und wenn der Wind die Galgenfrüchte hin und her wehte, lachten sie und sagten: »Die Bruchglocken läuten heute aber fein!«

Dieweil der Winter milde war, konnte allerlei Arbeit getan werden. Die Bauern rodeten den Busch auf dem Peerhobsberge, teilten das Land ein und verlosten es, zogen Gräben und Wälle um die Weidekoppeln, holten die großen Steine aus der Haide und brachen den Ort im Bruche, damit sie Grundmauern und feste Wände machen konnten.

Als der Hornung zu Ende war, sah es auf dem Peerhobsberge schon anders aus, als im Herbste, zumal es an Nahrung nicht gebrach. Denn Fleisch lieferte das Bruch genug; es war lebendig voll von Hirschen, Fische gab es in der Wietze in Hülle und Fülle, und für Brot sorgte der Wulfsbauer. Er hatte aus dreißig jungen Kerlen eine Schleichtruppe zusammengestellt und einen Kundschafterdienst in die Reihe gebracht. Wurde nun gemeldet: hier kommt ein Proviantzug oder da sind Marketender, so dauerte es nicht lange und es knallte, und dreißig Männer mit schwarzen Gesichtern lachten lauthals los und sagten: »Nun kann Mutter wieder Brot schneiden, ohne daß sie so niepe zusehen braucht.«

Viekenludolf aus Rammlingen, Windhund bei allem, was einen roten Rock anhatte, und der wildeste Tänzer beim Erntebier und wo sonst sich eine Fiedel hören ließ, und ein Kerl, der überall gern dabei war, wo man sich umsonst zur Ader lassen konnte, der hatte, als sie Ende März drei Marketenderwagen des kaiserlichen Heeres bei Seite gebracht hatten, im Kruge zu Obbershagen gesagt: »Wir haben nun ein so schönes Kind aus den Windeln heraus, aber einen Namen, den hat es noch nicht. Unser Hauptmann, der heißt Wulf, und ein richtiger Wolf ist es auch, denn wo er zubeißt, da gibt es dreiunddreißig Löcher. Dennso bin ich der Meinung, daß wir uns die Wehrwölfe nennen und zum Zeichen, wo wir der Niedertracht gewehrt haben, drei Beilhiebe hinterlassen, einen hin, einen her und den dritten in die Quer. Und davon soll keiner was wissen, als wir dreimal elfe, so sich nennen die Wölfe, und wer darüber das Maul aufmacht, der soll zwischen zwei räudigen Hunden mit der Wiede um den Hals so lange hängen, bis man nicht mehr wissen tut, wer am mehrsten stinkt.«

»Das ist ein Wort, das hat den Kopf vorne und den Steert achtern, wie es sich gehört,« sprach der Hauptmann, »und was unser Wolfsbruder da so hin gesagt hat, als wenn das bloß ein Spaß ist, als wie er einem beim Biere aus dem Maule rutscht, es ist Verstand darin und Einsicht. So, wie wir hier sind, dreimal elf Mann, kann uns der leibhaftige Gottseibeiuns selber nicht bange machen, und wenn er jetzt mitten unter uns zu stehen kommt. Denn was will er uns machen, uns ledigen Leuten, von denen keiner Kind und Kegel hat, Viekenludolf vielleicht ausgenommen, der ja Hahn bei allen Hühnern sein soll.«

Sie lachten alle, wie die Buchhölzer Hengste, bloß Viekenludolf nicht, denn der kratzte sich hinter den Ohren. Als es dann wieder still war, ging Wulf weiter: »So müssen wir uns für die Eheleute und die Witfrauen und die alten Leute und die Waisen aufnehmen. Aber dazu müssen wir unser mehr sein, müssen es auf hundert Mann und darüber bringen, alles Kerle, wie wir, die noch lachen können, wenn ihnen ein Stück Hackblei nicht aus dem Wege gehen will. So soll sich denn ein jeder einen bis zwei oder drei gute Freunde suchen, und die sollen mithelfen, wenn es not tut. Es sollen aber alles Junggesellen sein und kein einer, der einziger Sohn einer Witfrau ist, soll dabei sein, und wenn einer ein Mädchen mit einem Kinde sitzen hat, der soll sich zuvor bedenken, ehe er sich mit uns einläßt. Wenn so einer aber Unglück hat, so soll es unser erstes sein, daß das Frauenmensch und das Kind nicht Not und Mangel leiden. Und anjetzt wollen wir uns verbrüdern auf Not und Tod, Gut und Blut, daß alle für einen stehen, und einer für alle, aber wir alle für alles, was um und im Bruche leben tut und unserer Art ist.«

Der Wirtssohn, der einer von den dreimal elfen war, mußte das große Glas holen. Das Bier wurde beiseite geschoben und edler Wein, der auf der Landstraße zwischen Burgdorf und Celle für umsonst gewachsen war, kam auf den Tisch. Sie standen alle auf, hakten die Arme ineinander, daß es einen engen Kreis gab, und Harm nahm das Glas, trank, gab es Viekenludolf, und so ging es reihum, bis es leer war. Dann sang Grönhagekrischan aus Hambühren, der stillste von allen, aber ein Mann trotz seiner zwanzig Jahre, den Wehrwolfsvers vor, der ihm just beigefallen war, und der Hauptmann legte einen weißen Stock auf den Tisch, sein langes Messer und eine Wiede und sprach: »So der Stock bricht, so das Metz sticht, oder die Wiede wird zugericht'!«

Sie wählten darauf Viekenludolf als zweites Haupt, machten fest, wo und wann sie sich regelmäßig treffen wollten, und auf welche Weise der eine dem anderen Nachricht geben sollte, ohne daß dem Boten alles aufgedeckt zu werden brauchte, und dann gingen sie auseinander. Der Peerhobstler blieb noch eine Weile mit dem Wirtssohn sitzen, denn er hatte eine Botschaft aus Wietze bekommen, daß die Leute, die er suchte, sich in Ahlden hatten blicken lassen. Er hatte vor Arbeit und Geschäften manchen Tag nicht mehr an sie gedacht; jetzt aber standen sie ihm wieder alle Stunden vor den Augen, und er hatte sich vorgenommen, nicht eher locker zu lassen, bis er ihnen ihren verdienten Lohn bei Heller und Pfennig ausgezahlt hatte.

So ritt er denn, als am anderen Mittag Thedel mit Grieptoo ankam, los. Den Hund hatte er in der letzten Zeit meist immer bei sich, denn er hatte es herausgebracht, daß der eine Hauptnase hatte und zwischen hundert Mann den herausfand, auf dessen Fährte er ihn legte. Ohne Hund hätte er den Zigeuner, der mit sechs Stehldieben die Gegend unsicher machte, nicht in der Erdhöhle im Bissendorfer Holze aufgespürt und zur Warnung aller unehrlichen Leute samt seinen Spießgesellen vor dem Dorfe an die Birkenbäume hängen können, und ohne ihn wäre er einmal beinahe den Mannschaften des Tilly in die Finger gefallen, die hinter ihm her waren, als er ihnen wieder einmal den Brotkorb höher gehängt und den Bierkrug vor dem Maule aus der Hand geschlagen hatte.

Es war einer von den Vorjahrstagen, an denen der Morgennebel sich, so lange er es eben kann, vor die Sonne stellt. So wurde es meist elfe, ehe die Sonne ihn unter die Füße bekam, aber dann wurde es um so schöner, so daß sogar Thedel, der sonst ganz und gar bei der Arbeit war, alles mit Augen sah, was auf dem Boden lebte und in den Lüften webte, und dem Bauern war nicht anders zumute. »Junge,« sagte er, »das ist ein Tag, bei dem hat sich unser Herrgott aber mächtig viel Mühe gegeben! Wenn es sich irgend machen läßt, dennso möchte ich heute den Finger nicht gern krumm machen, und ich glaube, du würdest auch lieber sehen, ob du Ehlers Hille nicht im Schummern irgendwo antreffen könntest, wo euch keiner in die Möte kommt

Thedel ritt vor ihm und hatte die Sonne im Gesichte, und seine Ohren sahen mit einem Male aus als wie zwei Klapprosen. Er sagte nichts, gab aber einen Seufzer von sich, der so lang und so dick wie ein Pferdeschwanz war, so daß Harm herzlich lachen mußte.

»Na,« sagte er, denn er sah, daß der Knecht ein Gesicht machte, wie der Zaunigel, wenn ihn der Hund anbellt, »was nicht ist, kann noch werden. Vorläufig haben wir ja noch andere Arbeit vor, und erst die Arbeit, dann das Vergnügen, sagt Viekenludolf, da schlug er Kassenkrischan drei Zähne in den Hals und ging mit seinem Danzeschatz in den Grasgarten. Aber wenn zwei gewisse Leute das Fliegen gelernt haben, ohne daß sie gerade heilige Engel geworden sind, dann, Niehusthedel, sollst du ein Haus zu eigen haben mit einem großmächtigen Bett und einer glatten Frau drin, wenn du willst, und es soll mich nicht wundern, wenn sie vorne Hille und hinten Ehlers heißt, Arme, wie ein paar Fuhrenbäume und Haare, wie das Gras da hat, wo die Sonne so aufliegt.«

Er hielt den Schecken an, der mit der Zeit vergessen hatte, daß er ein Rappe sein sollte: »Was hat denn der Hund da? Der steht ja, als wenn da ein Mensch ist, denn für umsonst hält er den Kopf nicht so dumm und stellt sich auf drei Beine! Wollen doch mal zusehen!« Er ritt langsam hin und sagte dann: »Stimmt! Ganz, wie ich es sagte: ein Mensch! Ein Frauenzimmer anscheinend, das barfuß geht, aber kein Taternweibsstück, denn die großen Zehen stehen einwärts. Aber jung ist sie und groß ist sie, und mager, und Angst hat sie gehabt. Sie kann dazu auch krank sein, denn sie hat von dem Birkenbaum bis hierher zweimal umgeknickt, und hier hat sie einmal niedergesessen. Wollen doch mal zusehen, wo sie ist. Weit kann sie nicht sein, denn die Spur steht nagelfrisch im Sande, und kein Tau ist auch nicht drin. Grieptoo, daher! So, Thedel, nimm du den Hund an und gib mir Wittkopp, aber halte die Hand am Hahn; der Deubel kann sein Spiel haben!«

Er nahm den Zügel des Blässen in die linke Hand und machte die Pistolen locker, und dieweil Thedel mit dem Hunde am Riemen die Spur hielt, folgte er ihm auf den Hacken nach, scharf Umschau haltend, ob nicht irgendwo ein Dorn im Grase war. Sie waren so bis vor ein altes Steingrab gekommen, das ganz von Machangeln und Hülsen bewachsen war, als der Hund stand. Thedel faßte ihn mit der linken Hand unter die Halsung, hielt in der rechten die Pistole und ging sachte Schritt um Schritt vor, und hinter ihm hielt der Wulfsbauer und hatte scharf gemacht.

»Ein Zaunigel oder ein Ilk oder eine Adder ist es nicht,« dachte der Bauer, denn Grieptoo wedelte. Aber dann fuhr er zurück, denn so wie Thedel die Büsche beiseite bog, schrie ein Frauenzimmer auf, und so schrecklich schrie sie, daß es Harm durch Mark und Knochen ging. Als er näher ritt, sah er halb unter den Steinen ein Mädchen auf den Knien liegen, das hatte die Hände unter dem Mund gefaltet, machte Augen, als wenn ihr ein Messer am Halse saß, zitterte am ganzen Leibe und schrie: »Ach Gott, ach Gott, ach Gott, tut mir doch nichts, tut mir doch nichts! Meinen lieben Vater haben sie totgemacht, meine gute Mutter haben sie umgebracht, um unseres heiligsten Herrn Jesu Leiden und Sterben willen, tut mir nichts und laßt mich hier sterben!«

Der Knecht riß den Hund zurück und machte ein ganz unglückliches Gesicht, und der Bauer sah hin und her, als ob es ihm selber an das Leben gehen sollte. Dann steckte er die Pistole fort, hob die Schwurhand in die Höhe und rief über den Hals des Schecken dem Mädchen zu: »Wir tun keinem was, so er nicht ein Erzhalunke ist. Wir sind ehrliche und rechtliche Bauern und haben selber genug ausgestanden. Habe man keine Bange!« Er zeigte auf den Hund. »Kiek, wie Grieptoo mit dem Steert wackelt! Bei wem er das tut, der braucht vor uns keine Angsten zu haben. Siehst du, Mädchen, der Hund will dich lecken. So recht, mein Hund, so brav, Grieptoo! Die arme Deern braucht nicht zu schreien. Thedel, laß ihn man los!«

Der Hund ging schweifwedelnd und mit kleinen Ohren auf das Mädchen zu, leckte ihm die Füße und dann das Gesicht und knurrte und fiepte, und mit einem Male nahm ihn das Mädchen in den Arm, drückte ihn an sich, küßte ihn, weinte erbärmlich los und rief, indem sie die beiden Männer ansah: »O Gott Lob und Dank! Ja, ich sehe es euch an den Augen an, ihr seid rechtliche Leute und werdet mir nichts tun.«

Dann fiel sie auf ihr Gesicht und blieb so liegen, und ihr Haar, das so rot war, wie ein trockener Machangelbusch in der Sonne, fiel lang vor sie hin.

Wulf stieg ab und gab Thedel die Pferde zu halten. Er nahm das Mädchen auf und brachte es dahin, wo die Sonne das Haidmoos abgetrocknet hatte, zog seine Jacke aus, drehte sie zusammen und legte sie ihr unter den Hals. Dann bog er einen breiten Machangelbusch nieder, schnitt ihn ab und steckte ihn so ein, daß er seinen Schatten auf das Gesicht der Jungfer warf. Einen Augenblick sah er sie genau an, indem er bei ihr kniete; sie hatte schwarze Höfe unter den Augen, ihre Backen waren eingefallen, am Halse sah man alle Sehnen und Adern, und ihre Lippen waren kreideweiß.

Er schüttelte den Kopf und stand auf. »Sie ist vor Hunger halb tot und halb vor Angst.« Er machte das Sattelholster auf, holte die Flasche heraus, goß etwas Wein in seine Hand, kniete nieder und, nachdem er dem Mädchen ein bißchen davon auf die Lippen hatte laufen lassen, rieb er ihr mit dem Rest die Nase und die Schläfen. Sie schlug die Augen auf, machte wieder das Gesicht, als wie da, wo sie die Männer zu allererst sah, versuchte dann sich aufzurichten, fiel aber wieder auf die Jacke zurück und sagte: »Mich hungert so; o, wie mich hungert!«

Harm hatte schon das Holster in der Hand. Er setzte sich neben sie, brach ein ganz kleines Stückchen Brot ab, denn er sah, wie ihr das Wasser aus dem Munde lief, als sie das Brot roch, gab es ihr und sagte: »Langsam! Je langsamer, daß du essen tust, desto mehr sollst du haben.« Aber sie konnte es nicht herunterkriegen, so viel sie auch schluckte und würgte, und da goß er aus der Flasche ein bißchen von dem spanischen Wein in seine Hand und gab ihr das ein, und als sie das herunter hatte, da seufzte sie tief auf, lächelte dumm und gibberte mit beiden Händen nach dem Brote hin.

Der Bauer nahm sie in den Arm, als wenn sie ein kleines Kind war, und hielt das Brot so, daß sie jedesmal nicht mehr als ein Stück, wie ein Fingernagel groß, abbeißen konnte, und dazwischen gab er ihr ebenso kleine Stücke Salzfleisch und ab und zu von dem Weine. Es wurde ihm ordentlich leicht um das Herz, als sie immer ruhiger aß und trank und nicht mehr so blau unter den Augen anzusehen war und die Hände stillhalten konnte. Dann legte er ihr auf den Holsterdeckel das Brot und das Fleisch hin, stellte die Flasche daneben und sagte: »So, nun bist du so weit, daß du allein fertig werden kannst und dich nicht krank essen tust,« und dabei nahm er seinen Arm von ihren Schultern weg.

Das Mädchen sah ihn so an, daß ihm die Binde um den Hals zu eng wurde und da merkte er, was für ein Bild von Mensch sie war trotz des ungemachten Haares, und obzwar sie im Gesicht schmutzig war und überall geschunden. Und dann merkte er auch, daß sie an sich heruntersah, und heimlich ihr Hemd unter dem Halse zumachen wollte, aber das war kurz und klein gerissen und das Leibchen hing so um sie herum, daß er die drei halb roten, halb schwarzen Schrammen gewahr wurde, die ihr kreuz und quer über die Brust gingen.

»Thedel,« rief er, »geh' mal nach dem Anberge, wir müssen aufpassen!« Der Knecht tat, wie ihm geheißen war. Wulf band sein Brusttuch ab, legte es dem Mädchen von hinten über die Schultern und zurück, so daß er es ihr im Kreuz zusammenbinden konnte. »Es ist doch noch immer frisch,« meinte er und nickte ihr zu; »du könntest dir was wegholen.« Indem zog er auch schon die Schuhe aus, band sich die Kniebänder los, zog die Strümpfe ab und gab sie ihr mit den Worten: »Reichlich weit sind sie ja wohl, aber wenn einer man 'ne Kuh hat, kann er keine Ziegenmilch verkaufen,« und dabei lachte er.

Aber er bekam einen Kopf, wie ein Legehuhn, und ihm wurde, als wenn er auf einen Ameisenhaufen zu sitzen gekommen war, als sie ihn groß ansah, die Hände faltete, die Augen überlaufen ließ und mit einem Male seine Hand zu fassen kriegte, sich bückte und ihm die Hand küßte, daß sie naß von ihren Tränen wurde. Fast grob stieß er sie zurück und fragte: »Bist du auch satt? Wir haben noch genug und die Katz soll uns den Magen schon nicht hinter die Stachelbeeren schleppen. Aber nun wollen wir zusehen, daß wir irgendwo Wasser zu finden kriegen, denn ein Spiegelglas pflege ich nicht bei mir zu haben, wogegen ich ein Stück Band habe, daß du dir das Haar ein bißchen machen kannst.« Er machte einen langen Hals. »Da unten sind Ellern, und wo die sind, ist eine Beeke, und wo eine Beeke ist, pflegt Wasser zu sein. Denn so wollen wir los!«

Er nahm sie auf den Arm und ging mit ihr nach dem Grund. »Wie leicht sie bloß ist!« dachte er und dann wurde ihm sonderbar zu Sinne, denn ihr Atem ging ihm über den Mund und ihr Haar roch, daß ihm die Brust eng wurde, und zudem fühlte er, wie ihr Herz schnell gegen das seine schlug, und das wurde davon angesteckt. So war er heilsfroh, als er sie bei der Beeke absetzen konnte, aber ehe er sie für sich ließ, brach er einen Ellernzweig ab, nahm ihr am Fuße Maß und sagte lachend: »Jetzo muß ich mich an das Schustern begeben! Und wenn du wieder in der Reihe bist, dennso kannst du dich ja melden.«

Thedel wußte nicht, was er sagen sollte, als der Bauer ihn anwies: »Zieh die Stiefel aus!« Aber er machte ganz krumme Augen, als Wulf das Messer nahm und die Krempen, Thedels größter Stolz, abschnitt, und erst, als er sie aufschnitt und Löcher hineinstach und eine Strippe durchzog, wußte er, was das zu bedeuten hatte, und da sagte er: »Erst wollte ich meist falsch werden, denn ich dachte, du wolltest mir einen Schabernack vor die Tür stellen.«

Das Mädchen hätte beinahe gelacht, als Wulf ihr die Strippenschuhe gab, aber sie nahm sie gern, denn sie ging in den Strümpfen auf der Haide, wie die Katze über die nasse Dele. »Alles in Ordnung?« fragte der Bauer sie, und als sie nickte, nahm er sie um, hob sie auf den Schecken und setzte sich hinter sie. »Thedel, reite vorweg,« rief er, »denn ich kann so meine Augen nicht recht brauchen!«

Der Himmel hatte sich noch mehr aufgehellt; die Dullerchen sangen aus ihm heraus, die Moormännchen stiegen auf, zwitscherten und ließen sich nieder, der Post war am Aufbrechen, und hier und da steckte sich ein Weidenbusch gelb an. Harm ließ den Schecken Schritt gehen. »Denn,« sagte er, »da wir doch einmal Aufenthalt gehabt haben, soll es uns auf die Zeit nun auch nicht mehr ankommen!«

Ihm war leicht um das Herz. Er dachte, es war, weil er ein armseliges Menschenkind geborgen hatte, aber wenn er ihr Haar roch und ihr Herz schlagen hörte und ihre Backe ansah, so mager, so blaß und doch so schön, und das kleine feine Ohr, das die roten Locken ab und zu freiließen, und den dünnen weißen Hals, der aus dem roten Tuche herauskam, und ihre Hand, die auf seinem Schenkel lag, und wenn er fühlte, wie ihr linker Arm um seinen Leib war, dann wußte er nicht: ist das nun schön oder ist das scheußlich? Aber im allgemeinen gefiel es ihm so, wie es war, doch ganz gut.

»Siehst du die beiden Hainottern?« fragte er sie und zeigte mit dem Kopfe an ihrem Gesichte vorbei dahin, wo zwei Waldstörche über einer Wohld in die Runde flogen, daß es nur so blitzte und blinkerte. Das Mädchen nickte. »Da wollen wir hin. Da sollst du dich erst einmal nach Lusten ausschlafen und hinterher wollen wir dafür sorgen, daß du sonst in die Reihe kommst. Und damit du es weißt: ich heiße Harm und war auf dem Wulfshofe zu Ödringen Bauer, bis eines Tages der Teufel seine Knechte auf uns losließ. Und nun leben wir denn jetzt, wie der Wolf auf der Haide und der Adler über dem Bruche, bloß daß wir keine Hasen fangen tun, denn so sind wir nicht, nämlich wir jagen man bloß auf Füchse und allerhand anderes Beisterzeug. Und das da ist Niehusthedel, dem geht es just so, man er hat mit der Zeit irgendwo sein Herz bei einem Mädchen in der Schürze vergessen, und so hat er es ganz gut, denn wer was will, der hat schon was.«

Er hörte auf, denn er wunderte sich, wie er dazu kam, diesem Mädchen, das er gar nicht kannte, und von dem er nicht wußte, woher sie war, und was mit ihr los war, seine halben Trümpfe zu weisen. Aber dann merkte er, daß seine Zunge von selber Galopp ritt. »Wie heißt du denn?« fragte er, und als sie sagte: »Johanna«, meinte er: »Und was willst du jetzt anfangen?« Sie drehte ihm das Gesicht zu und sah ihn an: »Behalte mich bei dir; ich kann allerlei und will gern alle Arbeit tun, die es gibt. Was soll ich bloß anfangen, wenn ich nicht bei dir bleiben darf? Bitte, bitte, behalte mich bei dir! Deine Frau braucht vielleicht eine Magd.«

»Hör' zu,« sagte er, und seine Stimme hörte sich mit einem Male an, als wenn Asche darauf war, »ich habe keine Frau. Ich bin ein Mann, der wie der Mausaar da in der Luft ist. Aber ich sehe es dir an, daß kein Falsch in dir ist, und wenn es dir bei uns gefallen tut, dennso sollst du gern bei uns bleiben. Also sorgen brauchst du dich nicht. Die nächste Zeit kommen wir freilich nicht nach Hause, weil ich ein Geschäft hier herum habe. Und das ist derart, daß es besser ist, du gehst vorläufig als Mannsbild durch. Auf einem Pferderücken kannst du dich halten, das sehe ich. Weiter brauchst du nichts.«

»Ich will alles tun, was du willst,« antwortete sie, und er mußte wegsehen, denn er hielt die Augen, die sie ihm machte, nicht aus. »Und nun, damit du es weißt, wer ich bin,« sagte sie, »mein Vater war Prediger im Bayrischen. Wir lebten in Frieden, bis der Krieg kam. Da ging das halbe Dorf in Flammen auf und die meisten Leute kamen um. Da suchte Vater sich eine andere Stelle, und so kamen wir bis in diese Gegend, wo die Leute sehr gut zu uns waren, besser, als anderswo. Vater wollte nach Hannover, denn er dachte, daß er vielleicht da wohl ein kleines Amt bekommen könnte, denn er hatte Briefe an Ratsherren und andere Herren von Ansehen mit. Da holten uns die Tillyschen ein, denn ein Taternmädchen, dem ich ein böses Geschwür aufgemacht hatte, sagte ihnen, welche Art Leute wir waren, und da waren sie wie die leibhaftigen Teufel. Ich will dir das ein anderes Mal erzählen; ich darf jetzt daran nicht denken. Ich habe zusehen müssen, wie sie meinen Vater so schlugen, daß ihm das Blut aus dem Munde kam, und als meine Mutter ihnen fluchte, haben sie sie vor meinen leiblichen Augen im Brunnentrog ersäuft. Ich weiß heute noch nicht, wie ich fortgekommen bin. Ich weiß nur, daß sie alle betrunken waren, und dann bin ich immerzu gelaufen und erst wieder zu mir gekommen, als ich im Busche hinfiel. Und dann bin ich wieder gelaufen, was ich konnte und bin wieder hingefallen und habe dagelegen, bis ich wieder bei mir war, und habe Gras gegessen und Wurzeln, und bin allem aus dem Wege gegangen, das Menschenangesicht hatte. Und dann hast du mich aufgefunden.«

Sie warf ihm den anderen Arm um den Hals und legte ihren Kopf an seine Brust: »Du willst mich behalten, sagst du? Du bist gut, du bist so gut!« Sie weinte, daß die Tränen ihm durch die Hose schlugen, und er ließ sie weinen, was sie wollte, denn er merkte, daß ihr das gut tat. Erst, als sie dicht vor Jeversen waren, sagte er: »So, jetzt müssen wir absteigen. Thedel, sieh zu, wie die Immen fliegen, und ob wir unter oder über dem Winde sind. Wir bleiben derweilen im Busche. Und sieh zu, daß du Mannszeug bekommst und alles, was dazu gehört, das der Jungfer paßt, aber rede nicht weiter darüber, was bloß die Haide wissen braucht.«