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Der Weihnachtsabend: Eine Erzählung zum Weihnachtsgeschenke für Kinder

Chapter 6: Fünftes Kapitel. Ein Weihnachtsgeschenk.
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About This Book

On Christmas Eve a poor orphan boy named Anton becomes lost in a snowy forest and, exhausted and freezing, kneels to pray for help. He hears a heavenly song that restores his courage and follows its sound to a lone cottage where a family has gathered around an illuminated nativity tableau. The household sings and accompanies the carol with a harp, offering a vivid miniature of the manger scene while the boy watches from the doorway, deeply moved. The narrative foregrounds faith, compassion, and practical charity, showing how warmth and human kindness embody the season's message.

The Project Gutenberg eBook of Der Weihnachtsabend: Eine Erzählung zum Weihnachtsgeschenke für Kinder

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Title: Der Weihnachtsabend: Eine Erzählung zum Weihnachtsgeschenke für Kinder

Author: Christoph von Schmid

Release date: February 8, 2018 [eBook #56520]

Language: German

Credits: Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was
produced from images generously made available by The
Internet Archive.

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHTSABEND: EINE ERZÄHLUNG ZUM WEIHNACHTSGESCHENKE FÜR KINDER ***

Der
Weihnachtsabend.

Eine Erzählung
zum
Weihnachtsgeschenke
für
Kinder,

Von
dem Verfasser der Ostereyer.

Landshut, 1825.
in der Krüll’schen Buchhandlung.

Erstes Kapitel.
Das Weihnachtslied.

An dem heiligen Abende vor dem Weihnachtsfeste wanderte der arme Anton, ein holder Knabe von acht Jahren, noch durch die schneebedeckte Gegend hin. Der arme Kleine hatte seine blonden Locken, die von der Kälte angeduftet waren, noch mit dem leichten schwarzen Strohhute vom letzten Sommer her bedeckt, und seine beyden Wangen glühten hochroth von Frost. Er war nach Soldatenart gekleidet und hatte eine niedliche scharlachrothe Husarenjacke an. In der Rechten führte er einen dicken Stecken von Schlehdorn, und auf dem Rücken trug er ein kleines Reisebündelein, in dem sich all sein Hab’ und Gut befand. Er war aber fröhlich und guter Dinge, und hatte an der schönen weißen Winterlandschaft umher und an den bereiften Hecken und Gesträuchen am Wege seine herzliche Freude. Indeß ging die Sonne gluthroth unter. Die angedufteten Halme und Zweige umher flimmerten wie mit röthlichen Fünklein bestreut und die Gipfel des nahen Tannenwaldes strahlten im Abendgolde.

Anton dachte das nächste Dorf, das jenseits des Waldes lag, noch leicht zu erreichen, und ging muthig in den dicken, finstern Wald hinein. Er hoffte in dem Dorfe gute Weihnachtsfeyertage zu bekommen; denn er hatte gehört, die Bauern dort seyen sehr vermögliche und gutherzige Leute. Allein er war noch keine Viertelstunde gegangen, so kam er vom rechten Wege ab, und verirrte sich in die wildeste Gegend des rauhen, bergichten Waldes. Er mußte fast beständig durch tiefen Schnee waten, und einige Male versank er beynah in Gruben und Schluchten, die unter dem Schnee versteckt waren. Die Nacht brach ein und es erhob sich ein kalter Wind. Wolken überzogen den Himmel, und verdunkelten jedes Sternlein, das durch die schwarzen Tannenäste funkelte. Es ward sehr finster und fing aufs neue an heftig zu schneyen.

Der arme Knabe fand keine Spur mehr von einem Wege, und wußte nicht mehr wo an und wo aus. Müde von langem Umherirren vermochte er nicht mehr weiter zu gehen. Er blieb stehen, zitterte vor Frost, und fing an schmerzlich zu weinen. Er legte sein Wanderbündelein in den Schnee, kniete darneben nieder, nahm seinen Hut ab, erhob seine starren Hände zum Himmel, und bethete unter heißen Thränen: „Ach Du lieber Vater im Himmel! Ach laß mich doch nicht in diesem wilden Walde, in Nacht und Frost umkommen. Sieh, ich bin ja ein armes Waislein, und habe keinen Vater und keine Mutter mehr! Ich habe niemand mehr als Dich. Aber Du bist ja der Vater aller armen Waisen. O laß mich nicht erfrieren; erbarme dich deines armen Kindes. Es ist ja heute die Nacht, in der dein lieber Sohn zur Welt geboren wurde. Um Seiner Willen erhöre mich! Ach, laß nicht in eben der Nacht, da sich alle Welt über die Geburt des göttlichen Kindes freut, mich armen Knaben hier einsam im Walde sterben.“ Er legte sein müdes Haupt auf sein kleines Bündelein, und schluchzte und weinte bitterlich!

Aber horch — da erklang es mit einem Male, seitwärts von der Höhe herab, lieblich wie Harfentöne, und ein wunderschöner Gesang erhob sich und hallte von den Felsen wieder. Dem Knaben war es nicht anders, als hörte er die heiligen Engel Gottes singen. Er stand auf, horchte und faltete die Hände. Der Wind hatte sich gelegt, und kein Lüftchen regte sich. Unaussprechlich lieblich erklang der Gesang in der tiefen nächtlichen Stille des Waldes. Jetzt vernahm er deutlich die Worte:

O sey getrost in jeder Noth,

Denn sieh, den liebsten Sohn hat Gott

Zum Heiland dir gegeben!

Auf Ihn vertrau’ und fasse Muth,

Was schlimm ist, macht Er wieder gut;

Er liebt dich wie sein Leben.

Jetzt war es wieder stille; nur klangen noch wie ein leiser Wiederhall einige sanfte Harfentöne nach. Dem guten Anton wurde es wunderbar um das Herz. „Ach, sagte er, so muß es den Hirten zu Bethlehem gewesen seyn, als sie in jener heiligen Nacht den himmlischen Gesang vernahmen. Ich will wieder frischen Muth fassen und fröhlich seyn. Sicher wohnen gute Menschen in der Nähe, die sich meiner annehmen; denn ich hoffe, daß sie nicht nur so schön singen, wie Engel, sondern auch so gut und freundlich gesinnt seyen, wie die Engel!“ Er nahm sein Bündelein, und ging die Anhöhe hinauf — der Gegend zu, woher er den lieblichen Gesang vernommen hatte. Kaum war er einige Schritte durch das Gebüsch gegangen, so glänzte ihm ein heller Lichtstrahl entgegen, der sogleich wieder verschwand, über eine Weile aber wieder erschien, dann wieder auf einige Augenblicke verschwand, dann wieder heller glänzte, und so wechselweise. Anton ging freudig vorwärts, und kam an ein Haus, das einsam im Walde stand. Er klopfte zwei, drey Mal an der Hausthüre; er hörte wohl mehrere fröhliche Stimmen in dem Hause, aber niemand antwortete ihm. Er versuchte nun die Thüre zu öffnen; sie war nur mit der Thürschnalle geschlossen. Er ging hinein, tappte lange in dem dunkeln Hausgange umher, und suchte die Stubenthüre. Endlich fand er sie, machte sie auf — und blieb höchst erstaunt stehen. Ein heller Glanz von mehrern Lichtern strahlte ihm entgegen. Es war ihm nicht anders, als blickte er in das Paradies, in den offnen Himmel.

In der Ecke der Stube, zwischen den zwey Fenstern, war eine überaus schöne Frühlingslandschaft ganz nach der Natur im Kleinen abgebildet — eine gebirgige Gegend mit hohen bemoosten Felsen, grünenden Tannenwäldern, ländlichen Hütten, weidenden Schafen, nebst ihren Hirten, und einer kleinen Stadt oben auf dem Berge. In der Mitte der Landschaft war aber eine Felsenhöhle — da sah man das Kind Jesu — die heilige Mutter — den ehrwürdigen Joseph — die anbethenden Hirten, und oben schwebten die jubelnden Engel. Die ganze Landschaft flimmerte von einem wundersamen Glanze; sie war wie mit unzähligen winzig kleinen Sternlein besät, so wie etwa Laub und Moos an Bäumen und Felsen schimmern, wenn sie an einem Frühlingsmorgen von reichlichem Thaue tröpfeln.

Die Einwohner des Hauses waren um die schöne Vorstellung des Kindes Jesu in der Krippe versammelt. An einer Seite saß der Vater und hatte eine Harfe zwischen den Knieen stehen; an der andern Seite saß die Mutter mit dem kleinsten Kinde auf dem Schooße. Zwey liebliche Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, standen zwischen den beyden Aeltern, blickten andächtig zur Krippe des Heilandes hinauf und erhoben die Hände gleich den frommen Hirten, die vor der Krippe knieten. Jetzt griff der Vater wieder in die Harfe und die Mutter sang mit ihrer lieblichen Engelsstimme noch einmal das Lied, von dem Anton jene Worte gehört hatte. Die zwey Kinder sangen mit ihren zarten, hellen Stimmchen freudig mit, und der Vater begleitete den Gesang mit seiner angenehmen Baßstimme und dem lieblichen Harfenspiel. Sie sangen:

Vor Dir, Du holdes Himmelskind,

Dem Gottes Engel dienstbar sind,

Fall’ ich anbethend nieder —

Und freue mit Maria mich,

Und preise mit den Engeln Dich,

Und singe Jubellieder!


In Dir erscheint uns Gottes Heil,

Dich lieben — ist der beste Theil,

Du Liebe ohne Gleichen!

Zwar spricht noch deine Lippe nicht,

Doch sagt dein mildes Angesicht

Dem Armen wie dem Reichen:


„O sey getrost in jeder Noth,

Denn sieh, den liebsten Sohn hat Gott

Zum Heiland dir gegeben!

Auf Ihn vertrau’ und fasse Muth,

Was schlimm ist, macht Er wieder gut;

Er liebt dich wie sein Leben.“


„Und kömmt ein armes Kind in Noth

Vor deine Thür’, sag’ nicht: Helf Gott!

Wollst seiner dich erbarmen!

Fühlst du für Gottes Liebe Dank,

Laß liebreich es bey Speis und Trank

An deinem Heerd erwarmen.“

Anton stand noch immer unter der geöffneten Thüre, und hielt die Thürschnalle in der einen Hand, und Hut und Stecken in der andern. Seine Augen waren beständig auf die schöne Vorstellung der Krippe Jesu gerichtet, und mit offenem Munde horchte er auf den Gesang und das Harfenspiel. Niemand bemerkte ihn. Jetzt fühlte aber die Mutter die Kälte, die durch die offene Thüre in die Stube drang und blickte nach der Thüre: „Lieber Gott, rief sie, wie kommt das Kind in der finstern Nacht durch den dicken Wald hieher? Armer, armer Knabe — du hast dich gewiß verirrt!“ „Ach ja, sagte Anton, ich habe mich im Walde verirrt!“ Alle sahen jetzt nach der Thüre. Die zwey Kinder hatten ein herzliches Mitleid mit dem verirrten Knaben, blieben aber etwas scheu stehen, weil er ihnen fremd war. Die Mutter ging mit ihrem Kinde auf dem Arm zu ihm hin, und fragte ihn freundlich: „Wo bist du denn her, lieber Kleiner, wie heißt du und wer sind deine Aeltern?“ „O Du lieber Gott, sagte Anton mit Thränen in den blauen Augen: Ich habe gar keine Heimath mehr. Ich heiße Anton Kroner. Mein Vater ist in dem Kriege umgekommen und meine Mutter ist den letzten Herbst vor Jammer und Elend gestorben. Ich bin hier im Lande ganz fremd und irre in der Welt umher, wie ein verlornes Lämmlein.“ Er fing an zu erzählen, wie er eben jetzt im Walde in so großer Noth gewesen, wie er da aber ihren Gesang gehört und so den Weg zu ihrem Hause gefunden habe. Er wollte weiter reden; allein die Stimme versagte ihm; es fror ihn noch all zu sehr. In der warmen Stube fühlte er die Wirkungen der Kälte erst recht. Er zitterte vor Frost und klapperte mit den Zähnen.

„Ach du armer Anton, sagte die Mutter; du kannst ja vor Frost kaum mehr reden; und hungerig und müde mußt du auch seyn. Leg dein Bündelein ab, und sitz nieder; ich will dir eine warme Suppe geben, und was sonst noch von dem Nachtessen übrig ist.“ Die zwey Kinder, Christian und Katharine, nahmen ihm nun voll Mitleid Hut und Stock und das Bündelein ab. Katharine legte das Bündelein auf die Bank; Christian legte den Hut oben darauf und lehnte den Stecken in eine Ecke. Hierauf führten sie ihren kleinen Gast an den Tisch. Die Mutter brachte Suppe und ein großes Stück Festkuchen nebst gekochten Pflaumen. Sie setzte sich an die andere Seite des Tisches, und lächelte freundlich, daß Anton es sich so gut schmecken ließ. Die Kinder aber theilten ihm reichlich von ihren Weihnachtsgeschenken mit — schöne rothwangige Aepfel, goldgelbe Birnen, und große braune Nüsse. Sogar das kleine Lieschen auf dem Schooße der Mutter schenkte ihm, auf Zureden der Mutter, das schöne purpurrothe Aepfelein, das sie in dem kleinen Händchen hielt, und mit den zarten Fingerlein kaum umspannen konnte.

Die warme Suppe bekam dem erstarrten Anton sehr gut, und die liebliche Stubenwärme that ihm nunmehr sehr wohl. Er ward wieder munter und fröhlich. „Aber was ihr doch da in der Ecke eurer Stube Schönes habt!“ fing er jetzt an. Er hatte schon unter dem Essen beständig nach der Krippe hinübergeblickt. „Das ist ja ein Frühling mitten im Winter! sagte er. So etwas Wunderschönes hab’ ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Ich muß es doch näher betrachten.“ Er sprang hin und die zwey Kinder folgten ihm.

„Weißt du aber auch, was das alles vorstellt?“ fragte Katharine. „Freylich weiß ich das, sagte Anton. Es stellt die Geburt Jesu vor. Was das für ein schönes, liebliches Kindlein ist! Sein Angesicht ist so schön weiß und roth, wie Lilien und Rosen. Und was es für glänzende Aeuglein hat, und wie freundlich es lächelt!“ „Das ist aber nicht das rechte Jesuskindlein! sagte Katharine. Jesus ist jetzt kein Kind mehr; Er ist schon lange in den Himmel aufgefahren.“ „Das weiß ich wohl, sagte Anton. Meynst du denn, ich sey ein Heide? Es ist ja schon bald zwey tausend Jahre, daß Jesus als ein Kind in der Krippe lag. Das alles hier ist nur so gemacht, damit wir Kinder uns alles besser vorstellen können. Das da oben ist, glaube ich, die Stadt Bethlehem. Nicht so?“ Katharine nickte. „Siehst du nun, sagte Anton, daß ich alles weiß! Ich bin nicht so dumm, als du meynst.“

Die Kinder lachten und machten nun Anton noch auf allerley Kleinigkeiten aufmerksam, die ihnen aber höchst wichtig vorkamen. „Sieh nur, Anton, sagte Katharine, das schöne weiße Schaf hier mit krauser Wolle, und die zwey allerliebsten kleinen Schäflein daneben! Sieh, hier herum graset die übrige Heerde, und dort steht der Hirt und bläst auf der Schalmey. In dem niedlichen rothen Hüttchen mit Rädern schläft er zu Nacht.“ — „Siehst du auch, sprach Christian, wie da aus dem Felsen ein kleines Quellchen, so fein wie ein Silberfädchen, hervorspringt, und sich in den hellen See ergießt? Sieh, zwey weiße Schwäne mit schöngebognen Hälsen schwimmen auf dem See und spiegeln sich in dem ruhigen, silberklaren Wasser.“ „Dort, sagte Katharine, kommt ein Hirtenmädchen den steilen Weg am Berg herab, und trägt ein zugedecktes Körblein auf dem Kopf. Darin werden wohl Aepfel oder Eyer seyn, die sie zur Krippe trägt.“ „Und sieh, sagte Christian, dort schiebt einer auf seinem Schiebkarren einen Sack die hohle Bergschlucht hinauf. Was aber in dem Sacke ist, weiß ich nicht zu sagen.“ So unterhielten sich die Kinder höchst angenehm, und kein kleines streifiges Schnecklein, das an dem Felsen klebte, und kein buntes Müschelein am Ufer des Sees blieb unbemerkt.

„Nun wohl, sagte Anton, das ist alles sehr schön. Allein das Schönste ist doch die Abbildung des himmlischen Kindes! Das freut mich am meisten. Denn um jenes Kindes willen, das hier abgebildet ist, hat mich der himmlische Vater aus meiner großen Noth errettet.“

Zweytes Kapitel.
Geschichte des armen Antons.

Der Hausvater, in dessen Hause Anton so gut aufgenommen wurde, war ein Förster. Er saß, indessen die Kinder so mit einander plauderten, in seinem Lehnsessel am Ofen, und schien in Gedanken vertieft. Die Försterin setzte sich, mit dem kleinsten Kinde auf dem Arm, neben ihn auf einen Stuhl, und sagte über eine Weile: „Warum bist du so stille, und über was sinnest du nach?“ „Ich sinne den letzten Reimen nach, die wir gesungen haben, sagte der Förster. Du hast nun freylich gethan, wie sie lauten, und den armen Knaben gespeiset und erwärmt. Ich denke aber, wir könnten doch noch mehr an ihm thun. Sieh, es ist heute die heilige Nacht. Wir feyern das Andenken jener Nacht, in der das göttliche Kind geboren wurde, das zu unserm und aller Menschen Heil in die Welt gekommen. Und nun schickt Gott uns eben heute Nacht ein Kind her, dem wir zum Heile werden können. — Der Erlöser kam als ein Fremdling in die Welt, und hatte nicht, wo er sein Haupt hinlege, als wollte er die Gastfreundlichkeit der Menschen auf die Probe stellen. Die Einwohner von Bethlehem bestanden in dieser Probe schlecht, und verstießen ihn gleich anfangs zu den Thieren des Stalles; sollten wir den Knaben da auch so verstoßen? Sag mir aber deine Meynung aufrichtig, Elisabeth, was wir thun sollen!“

„Den Knaben annehmen, sagte die Försterin freudig und freundlich. Was ihr einem von diesen Mindesten thut, das habt ihr mir gethan, sagte ja Er, der in dieser Nacht geboren ward. Und der Anton scheint mir ein recht guter, sanfter Knabe, der ein edles Gemüth hat. Er sieht so fromm und unschuldig aus, und, obwohl er bettelt, so ist er doch gar nicht keck und verwegen. Gewiß ist er ehrlicher Leute Kind. Er hat so eine feine Aussprache, und obwohl seine rothe Jacke etwas abgetragen ist, so ist sie doch von recht gutem Tuche. Wo ihrer fünf essen, essen auch sechs. Wir wollen den Knaben behalten.“

„Du bist doch eine gute, liebe Frau, sagte der Förster, und drückte ihr die Hand. Gott wird es dir vergelten, und was du an einem fremden Kinde thust, unsern eigenen Kindern zu gut kommen lassen. Doch müssen wir den Knaben zuvor erst prüfen, ob er der Wohlthat werth ist.“

„Anton, komm einmal daher!“ rief der Förster jetzt laut. Anton kam und stellte sich vor ihn hin, gerade und aufrecht, wie ein Soldat vor seinem Offizier steht.

„Dein Vater, fing der Förster an, war also ein Soldat, und starb den Tod fürs Vaterland. Nun, das ist wohl traurig für dich, allein für ihn ist es schön und rühmlich. Aber erzähle uns doch mehreres von deinen Aeltern. Wo waret ihr vor dem Kriege? Wie kam dein Vater um? Wie starb deine Mutter? Wie kamst du hieher in unsern Wald? Laß einmal hören!“

Anton erzählte: „Meinen Vater, Gott habe ihn selig, nannten die Husaren ihren Herrn Wachtmeister. Unser Regiment lag, so lang ich denke, zu Glatz in Schleßien in Garnison. Meine Mutter nähte immer sehr fleißig und verdiente vieles. Sie war sehr geschickt. Da kam der Vater eines Tages eilig nach Hause und sagte: „Es ist Krieg; wir müssen morgen fort!“ Er war ein tapferer Mann und wußte sich gut darein zu schicken. Meine Mutter aber hatte einen großen Schrecken und weinte bitterlich. Sie wollte ihn nicht allein ziehen lassen; der Abschied fiel ihr gar zu schwer. Auf ihr vieles Bitten nahm er uns endlich mit. Wir zogen weit — weit fort. Mit einmal hieß es: „Der Feind rückt an.“ Mein Vater und die Husaren mußten ihm entgegen. Meine Mutter und ich blieben zurück. Da wurde uns nun wohl recht bange, als wir in der Ferne so fürchterlich schießen hörten. „Ach, sagte die Mutter zu mir, bey jedem Schuß geht mir ein Stich durchs Herz. Denn ich weiß ja nicht, ob die Kugel nicht das Herz deines Vaters durchbohrt.“ Wir weinten und betheten, so lange das Schießen währte. Doch der Vater kam glücklich und unversehrt wieder zurück. So ging es nun öfter. Allein eines Tages kam nach einem Gefechte ein Husar mit des Vaters leerem Pferde in das Dorf gesprengt und sagte, der Vater sey schwer verwundet; er liege eine halbe Stunde vom Dorfe auf der Wahlstatt und werde wohl sterben. Die Mutter und ich eilten sogleich zu ihm. Er lag unter einem Baume. Ein alter Soldat kniete bey ihm und hielt ihn sanft in den Armen, so, daß der Vater den Kopf an die Brust des wackern Kriegers anlehnen konnte. Noch zwey andere Soldaten standen dabey. Mein armer Vater war durch die Brust geschossen und sah bereits so blaß aus wie ein Sterbender. Wir sahen es ihm wohl an, daß er uns noch etwas sagen wollte; allein er konnte nicht mehr reden. Da blickte er mich mit seinen sterbenden Augen noch einmal schmerzlich an, dann blickte er auf die Mutter, und dann zum Himmel. Wenige Augenblicke nachher verschied er. Die Mutter und ich weinten uns fast die Augen aus. Die Leiche wurde auf dem nächsten Kirchhofe begraben. Einige Herren Offiziere und viele Soldaten kamen und begleiteten die Leiche. Die Trompete klang mir so seltsam und so traurig, daß mirs ist, ich höre sie noch immer. Sie erwiesen ihm noch die letzte Ehre, und schossen ihm noch in das Grab. Meine Mutter und ich wurden von dieser traurigen Ehrenbezeugung so erschüttert, als würde auf uns selbst geschossen. Viele Soldaten wischten sich die Augen, als sie vom Grabe zurückkehrten. Ich und meine Mutter aber zerfloßen fast in Thränen.

Die Mutter wollte nun wieder in ihre Heimath zurück kehren. „Ich habe dort freylich keine Verwandten mehr, sagte sie, aber doch noch eine gute Bekannte. Sie wird uns wohl in ihr Haus aufnehmen, und ich denke, dort von meiner Arbeit dich und mich zu ernähren.“ Allein wir hatten kaum einige Tagreisen zurück gelegt, da wurde die gute Mutter unterwegs krank. Mit Mühe erreichten wir noch ein kleines Weiler. Man wollte uns nirgend aufnehmen; endlich fanden wir in einer Scheure ein Unterkommen. „Das ist wohl hart, sagte meine Mutter, allein Maria hatte es ja auch nicht besser. Auch sie wurde nirgends hinein gelassen und mußte in einem Stalle übernachten.“ Meine Mutter wurde indeß stündlich kränker. Sie ließ einen Geistlichen rufen und bereitete sich zum Tode. Als es Nacht wurde, sagte die Bäurin, der die Scheure gehörte, zu meiner Mutter: „Ihr seyd wohl recht krank; ich muß daher schon etwas Uebriges thun.“ Sie ging, brachte eine alte Stalllaterne, in der ein kleines Oellicht brannte, und hängte die Laterne an einem Balken auf. Das war alles, was sie that. Sie sagte uns nun gute Nacht und kümmerte sich weiter nicht mehr um uns. Ich blieb ganz allein bey der Mutter; ich saß so neben ihr auf einem Bund Stroh und weinte bitterlich. Gegen Mitternacht wurde sie, so viel ich bey dem trüben Scheine der Laterne sehen konnte, immer blässer. Sie seufzte mehrmal sehr tief. Ich weinte immer heftiger. Sie both mir die Hand und sagte: „Weine nicht, lieber Anton! Bleibe fromm und gut, bethe gern, hab’ Gott vor Augen und thu’ nichts Böses; so wird dir Gott einen andern Vater und eine andere Mutter geben.“ So sprach sie. „Aber lieber Gott, sagte Anton, und die hellen Zähren floßen ihm über die blühenden Wangen — eine solche gute Mutter bekomme ich doch nicht mehr.“ „Nun, fuhr er fort, sie blickte nun lange zum Himmel, bethete in der Stille, segnete mich mit ihren sterbenden Händen und verschied. Ich konnte nichts als weinen. Der Bauer und die Bäuerin hatten wohl meiner Mutter versprochen, sie wollen mich annehmen und mich wie ihr eigenes Kind halten. Sie nahmen das Wenige, was meine Mutter hinterlassen hatte, ihre Kleider und einiges Geld, auch wirklich zu sich; allein ehe drey Wochen vergingen, schickten sie mich fort, und sagten, ich hätte schon dreymal so viel verzehrt, als die Hinterlassenschaft meiner Mutter werth sey. Ich ging und nahm mir vor, nach Glatz zu meinen Schulkammeraden zurück zu kehren. Allein die Bauern konnten mir nicht sagen, wo der Weg nach Schleßien gehe. Da irre ich nun so im Lande hin und her und bettle; denn was soll ich sonst anfangen?“

Die Försterin war sehr gerührt, und sagte mit Thränen in den Augen zu ihren Kindern: „Seht, meine Kinder, so könnte es euch auch gehen. Auch ihr könnet Vater und Mutter verlieren, und was wollet ihr dann anfangen? Darum bittet Gott doch alle Tage, daß Er euch eure Aeltern erhalte.“

Der Förster sprach: „Du hattest, so viel ich sehe, sehr rechtschaffene Aeltern, lieber Anton. Allein hast du denn gar nichts Schriftliches aufzuweisen?“ „O ja wohl!“ sagte Anton, und nahm eine Brieftasche aus seinem Päcklein. „Diese Papiere, sagte er, hat mir meine Mutter noch auf ihrem Sterbebette übergeben. Sie befahl mir, wohl darauf Acht zu haben, und sie nicht aus der Hand zu lassen. Euch darf ich sie aber schon sehen lassen.“ Es waren der Trauschein seiner Aeltern, Antons Taufschein und der Todtenschein seines Vaters. Der Todtenschein war von dem Feldprediger ausgestellt. Der Oberst des Regiments hatte aber noch eigenhändig ein sehr rühmliches Zeugniß von dem tapfern, edelmüthigen Betragen des seligen Wachtmeisters und der tadellosen Aufführung der hinterlassenen Wittwe beygefügt.

„Nun wohl, sprach der Förster, das ist alles gut. Jetzt sage mir aber, Anton, wie gefällts dir bey uns?“ „Sehr gut, sagte Anton freundlich, so gut, daß mir ist, als sey ich bey Euch zu Hause.“ „Möchtest du wohl bey uns bleiben?“ fragte der Förster. — „O nirgends in der Welt lieber!“ sagte Anton. „Eure Frau ist gerade so freundlich, wie es meine Mutter war, und Ihr seyd auch recht brav und habt gerade einen solchen Schnurrbart, wie ihn mein Vater trug.“

Der Förster lachte, und strich sich den Bart. „Nun Knabe, sprach er, so bleibe denn bey uns. Ich will dein Vater seyn, und meine Frau wird als Mutter an dir handeln. Sey uns aber auch ein guter Sohn, und habe deine neuen Geschwister lieb und thu ihnen nichts zu leid. Hörst du — du bist jetzt mein Sohn Anton!“ Der Knabe stand sehr betroffen da, und sah den Förster mit großen Augen an, ob das auch sein Ernst sey. Er war der harten Begegnung, die er von vielen Menschen erfahren mußte, so gewöhnt, daß ers kaum glauben konnte, der Förster wolle ihn an Kindesstatt annehmen. „Nun wie, Anton, sagte der Förster, und both ihm die Hand, schlägst du nicht ein?“ Jetzt brach Anton in Thränen aus, both dem Förster die Hand, küßte darauf die Hand der Försterin, und grüßte beyde Kinder, ja auch das kleinste, wiewohl es noch nicht wußte, was vorging, als seine neuen Geschwister. Christian und Katharine hatten eine große Freude, daß Anton da bleiben durfte. „Jetzt ists erst recht lustig, sagte Christian; jetzt sind wir, wenn wir ein Spiel machen, doch unser drey.“

Der Förster fuhr aber ernsthaft fort: „Sieh Knabe, so sorgt Gott für dich. Der Segen deiner guten Aeltern ruht auf dir. Gott erhörte das Gebeth deiner sterbenden Mutter und — auch dein Gebeth als du dort im Walde zitternd vor Frost im Schnee knietest. Er lenkte deine Tritte hieher! Er führte dich in unser Haus. Wenn du unsern Gesang nicht gehört hättest, so wärest du auf deinem Bündelein eingeschlafen und erfroren, und ich hätte dich todt im Walde gefunden. Gott rettete dich gerade noch im rechten Augenblick. Er führte dich gerade in dieser heiligen Nacht, da unsre Herzen von der Liebe des Vaters im Himmel, der den Eingebornen für uns dahin gab, besonders gerührt waren, zu unserer abgelegenen Wohnung im Walde, die du sonst am Tage kaum gefunden hättest. Gott und seinem lieben Sohne, der auch für dich armen Knaben vor bald zwey tausend Jahren in der heutigen Nacht geboren ward, und auch für dich gestorben ist, hast du es zu danken, daß du jetzt wieder ein Obdach hast. Darum erkenne es, und vergiß es in deinem Leben nicht, und habe immer ein dankbares Gemüth gegen Gott und deinen Erlöser. Hab’ Gott dein Leben lang recht vor Augen und führe dich immer christlich auf.“

Anton versprach es mit weinenden Augen. „O Du guter Gott, sagte er, indem er zum Himmel blickte, Du hast die letzten Worte meiner sterbenden Mutter treulich erfüllt und mir wieder Vater und Mutter geschenkt. Ich will aber ihre letzten Worte auch erfüllen, deine heiligen Gebothe halten, und besonders das vierte Geboth gegen meine neuen Aeltern recht beobachten.“ „Bravo, Anton, sprach der Förster, das thu, und es wird dir wohl gehen.“ Die Försterin wies hierauf dem Knaben eine kleine Kammer mit einem reinlichen Bette an, und alle begaben sich vergnügt zur Ruhe.

Am andern Morgen waren die Kinder sogleich wieder um die Vorstellung des Kindes Jesu in der Krippe versammelt. Sie war an dem heiligen Weihnachtsfeste und den darauf folgenden Feyertagen und Festen ihre einzige Freude. Allein diese unschuldige Weihnachtsfreude wäre bald gestört worden. Ein gewisser junger Herr von Schilf, der ein großer Jagdliebhaber war, und den Förster öfter besuchte, kam einmal in die Stube. Er machte über diese Art, den Kindern die Krippe Jesu vorzustellen, allerley spöttische Anmerkungen und konnte nicht finden, wozu dergleichen dienen sollte.

„Wozu? sprach der Förster. Schauen Sie da einmal zum Fenster hinaus, junger Herr! Sehen Sie, tiefer Schnee deckt die Erde und die Bäume des Waldes krachen unter seiner Last. Man sieht keine Blume; nur hier an den gefrornen Fensterscheiben schimmern Blumen von Eis. An den Obstbäumen, die mein Dach umgeben, hängen keine Aepfel und Birnen mehr, und es ist kein grünes Blatt mehr daran zu sehen; alle Aeste und Zweiglein sind weiß angeduftet und ganz mit Reifen überzogen, und an dem Hausdache hängen lange Eiszapfen. Die armen Kinder hier sind in der Stube, gleich Gefangenen, eingesperrt und können kaum einen Tritt vor die Hausthüre thun. Sollte es denn nun so übel seyn, wenn liebende Aeltern ihren Kindern zur rauhen Winterszeit in der wärmenden Stube gleichsam einen Frühling erschaffen? Wirklich ist diese Frühlingslandschaft im Kleinen mit den grünen Wäldern, blumigen Wiesen, weidenden Schafen und deren Hirten fast die einzige Winterfreude der Kinder.“

„Allein das ist noch das Wenigste! Die Hauptsache ist dies: Wir Christen freuen uns zur heiligen Weihnachtszeit, daß uns in Christus die Menschenfreundlichkeit Gottes in Menschengestalt erschienen ist. Und da möchten wir denn auch unsre Kinder, soviel sie es verstehen, an dieser Freude Theil nehmen lassen. Nun weiß ich zwar wohl, daß die größten Mahler diese heilige Geschichte in Gemälden darstellten, die seit Jahrhunderten die Bewunderung der Welt sind. Ich selbst habe, da ich noch auf Reisen war, jenes berühmte Gemälde der Krippe Jesu zu Dresden, die heilige Nacht genannt, mehrmal bewundert. Allein die Einwendungen, die Sie gegen meine, freylich sehr unvollkommene Darstellung der Krippe Jesu hier machen, ließen sich, den Kunstwerth abgerechnet, gegen jenes herrliche Gemälde auch machen, und sind deßhalb keiner Wiederlegung werth. Solche kostbare Gemälde sind übrigens nur für große Herren, und wären bey Kindern gar nicht angewendet. Denn ich wette darauf, meine Kinder würden ihre Krippe gegen jenes berühmte Gemälde zu Dresden sicher nicht vertauschen.“

„Lassen Sie also, mein lieber Herr von Schilf, uns einfältige Leute hier im Walde immer bey der alten Sitte unserer Väter bleiben. Ich erinnere mich noch aus meinen eigenen Kinderjahren, daß die Krippe meine beste Kinderfreude — und nicht ohne Segen für mich war. So möge sie denn auch meinen Kindern zur Freude und zum Segen gereichen.“

Drittes Kapitel.
Die edle Försterfamilie.

Der Förster, der den armen Waisenknaben an Kindesstatt angenommen hatte, war ein sehr rechtschaffener, biederer Mann, und, wie er sich selbst ausdrückte, noch von altem Schrott und Korn. Er war sehr gottesfürchtig, gegen alle Menschen wohlwollend, und in dem Dienste seines Fürsten unermüdet und von unverbrüchlicher Treue. Der ehrliche Förster hielt sich streng an die frommen Sitten seiner Großältern, die er noch gekannt hatte, und seiner Aeltern, die ganz so wie die Großältern gesinnt waren.

Am Morgen war es immer sein erstes Geschäft, mit Frau und Kindern das Morgengebeth gemeinschaftlich zu entrichten; eben so wurde auch der Tag mit dem Abendgebethe gemeinschaftlich beschlossen. „Wie sollten wir, sagte er, nicht jeden Tag mit dem Gedanken an Denjenigen anfangen und beschließen, der uns jeden Tag das Leben fristet, und uns Speis und Trank und alles Gute giebt? Es ist wohl auch, denke ich, selbst für Engel ein rührender Anblick, wenn Vater und Mutter in Mitte ihrer Kinder vor Gott knien, und alle, auch das Kleinste nicht ausgenommen, die Hände bethend und dankend zum Himmel erheben. Der Vater im Himmel kann nicht anders als segnend auf sie herabblicken.“

Eben so andächtig und ehrerbiethig bethete der Förster mit allen den Seinigen vor und nach dem Tische. Eines Tages brachte er den jungen Herrn von Schilf von der Jagd mit nach Hause und lud ihn, da eben die Suppe aufgetragen wurde, zum Mittagessen ein. Der junge Herr setzte sich sogleich ohne Tischgebeth an den Tisch. Allein der Förster, der sich, wie er zu sagen pflegte, nie ein Blatt vor den Mund nahm, sagte sehr ernsthaft: „Pfui, junger Herr! So machen es meine Wildschweine draußen im Walde; die verschlucken die Eicheln, ohne aufzuschauen, woher sie kommen.“ Der junge Herr wollte Einwendungen machen, und meynte, das Tischgebeth sey eben nicht so bedeutend. Allein der Förster sprach mit großem Nachdrucke: „Was uns zu bessern Menschen macht, ist von großer Bedeutung. Die Gottseligkeit ist zu allem nütze; von der Gottvergessenheit hingegen habe ich noch keine guten Früchte gesehen, wohl aber schon sehr viele schlimme. Bethen Sie mit uns, wie es einem Christen und vernünftigen Menschen geziemt, oder Sie sind mit mir das letzte Mal auf der Jagd gewesen. Mit einem Heiden möchte ich nichts weiter zu thun haben. Ich mag nicht einmal mit ihm an Einem Tische essen. Doch, setzte der Förster gelassener hinzu, ich weiß wohl, daß Sie über die Sache nie nachgedacht haben. Sie sahen etwa einige vornehme junge Herren nicht zu Tische bethen, und machten es ihnen ohne weitere Ueberlegung sogleich nach. Sie glaubten dadurch sich selbst ein vornehmes Ansehen zu geben. Allein, mein lieber junger Herr, obwohl Sie Schilf heißen, so müssen Sie deßhalb doch nicht dem Schilfe gleichen, das innen leer und ohne Mark ist und sich nach jedem Lüftchen dreht.“ Der junge Herr stand wieder auf und bequemte sich mit zu bethen. Er that es aber nicht aus Andacht gegen Gott, sondern blos aus Liebe zur Jagd.

Am fröhlichsten war der ehrliche Förster immer, wenn er sich in der Mitte seiner Familie befand. „Was soll ich die Freude auswärts suchen, sagte er, da ich sie zu Hause besser und wohlfeiler haben kann.“ Er trank daher nach vollbrachtem Tagewerk seinen Krug Bier, und Sonntags sein Glas Wein daheim, führte mit seiner Hausfrau vertrauliche Gespräche oder erzählte den Kindern fröhliche und lehrreiche Geschichten. Wenn er besonders aufgeräumt war, nahm er seine Harfe zur Hand. „Diese gilt uns, sagte er, bey den langen Winterabenden in unserm rauhen Walde anstatt Konzert und Oper.“ Er hatte in seiner Jugend zwar das Waldhornblasen angefangen; allein da der Arzt ihm es untersagte, so verlegte er sich, als ein großer Freund der Musik, auf die Harfe. Die Försterin wußte mehrere schöne Lieder, und der Förster begleitete sie mit seinem Harfenspiel. Auch die Kinder hatten bald einige ihrem Alter angemessene Liedchen gelernt, und sangen zusammen, gleich den Zeisigen im Walde.

Die Kinder des Försters gingen nach Aeschenthal, dem nächsten Pfarrdorfe, in die Schule. Sobald die Weihnachtsfeyertage vorüber und die Wege durch den Wald wieder gangbar waren, mußten Christian und Katharine täglich dahin gehen. Anton ging mit tausend Freuden mit, und übertraf bald alle seine Mitschüler. Sein Fleiß und seine Talente waren ausnehmend. Wenn der Förster Abends von der Jagd nach Hause kam und in seinem Lehnstuhle nächst dem wärmenden Ofen saß, mußten ihm die Kinder erzählen, was sie in der Schule gelernt hatten, und ihm ihre Schriften vorweisen. Anton wußte immer am meisten zu erzählen; seine Schriften waren immer die schönsten, und in dem Lesen brachte er es bald zu einer großen Fertigkeit. Nach dem Abendessen mußten die Kinder abwechselnd vorlesen; allein alle im Hause hörten am liebsten dem Anton zu. „Er liest am natürlichsten, sagte die Försterin. Wenn man es nicht sähe, daß er ein Buch vor sich habe, so meynte man sicher, daß er die Geschichte nicht lese, sondern daß er sie einmal gehört habe, und sie uns nur so aus dem Kopfe erzähle.“

Der fröhlichste Tag in der Woche war den Kindern immer der Sonntag. An diesem Tage ging der Förster nicht auf die Jagd und die Kinder konnten den ganzen Tag um ihn seyn. „Ich bringe, sprach er, die sechs Tage der Woche unausgesetzt und unverdrossen in herrschaftlichen Diensten zu; allein der Sonntag ist dem Dienste eines größern Herrn gewidmet. Auch ist mir und meinen Holzhauern nach sechs Arbeitstagen wohl ein Ruhetag zu gönnen.“ Am Sonntage Morgens gingen Vater und Mutter in der lieblichen Sonntagsfrühe mit den Kindern nach Aeschenthal in die Kirche. Das war den Kindern, besonders im Frühlinge und im Sommer, eine große Freude. Der Weg führte bald über waldichte Berghöhen hin, bald durch schmale Wiesenthälchen, die mit buschigen Felsen und hohen Bäumen umgeben waren. „O wie schön ists doch im Walde, sprach dann wohl Anton; wie herrlich grünen die Bäume im Glanze der Morgensonne! Ja, am Sonntage kommt mir der Wald noch viel schöner vor, als sonst. Mir ists, als hätten alle Bäume ein freundlicheres Grün. Die Vögelein auf den belaubten Zweigen singen viel fröhlicher. Und außer ihnen schweigt alles! Man hört keine Holzaxt, kein Wagenrad und keinen Schuß; nur die Kirchenglocke ertönt in der Ferne. Es ist alles so still und ruhig, wie in der Kirche.“

„So feyerlich, wie in einem Tempel, sagte der Förster. Auch der Wald ist ein Tempel des Herrn; Er, der Allmächtige, stellte diese Bäume wie Säulen umher, und fügte ihre Zweige zu einem grünen Gewölbe zusammen. Alles, von der ungeheuren bemoosten Eiche dort bis zu den kleinen Mayblümchen hier zu unsern Füßen, verkündet uns seine Allmacht und Güte. Ja die ganze Erde, so weit der blaue Himmel sich wölbt, ist ein Tempel seiner Herrlichkeit. Besonders am Sonntage sollen wir Ihn in diesem seinem Tempel anbethen und diese herrlichen Werke andächtig betrachten. In diesem prachtvollen Tempel, den Er selbst erbaute, können wir seine unermeßliche, unbegreifliche Größe und Herrlichkeit wahrnehmen; in unsern Kirchen aber, wiewohl sie von Menschenhänden erbaut sind, läßt Er seine Rathschlüsse und seinen heiligen Willen uns näher offenbaren. Auch deßhalb wurde der Sohn Gottes ein Mensch, lehrte uns Menschen und ordnete das Lehramt an. In hundert tausend Tempeln und Kirchen der ganzen Christenheit wird an dem heutigen Tage seine Lehre verkündet und von Millionen Menschen angehört. Merkt daher auch ihr, meine Kinder, heute in unsrer Kirche andächtig auf jedes Wort des Lehrers und bewahrt es in eurem Herzen.“ Solche und ähnliche Gespräche führte er mit den Kindern auf dem Wege zur Kirche; auf dem Heimwege aber redete er mit ihnen von der Predigt, und sie wetteiferten, ihm zu erzählen, was sie daraus sich gemerkt hätten.

Bey Tische war der Förster Sonntags immer besonders fröhlich. „Die Freude, sprach er, mit euch zu Mittag zu essen, wird mir unter der Woche selten zu Theil; da verzehre ich mein Mittagsmahl meistens gleich im Walde aus der Faust, und es schmeckt mir, Gott sey Dank, immer sehr gut. Aber am Sonntage schmeckt es mir doch am besten, nicht weil die Mutter da eine bessere Mahlzeit bereitet, sondern weil ich die Speisen in eurer Mitte genießen kann.“ Er legte den Kindern mit dem herzlichsten Wohlwollen selbst vor. „Esset, Kinder, esset, sprach er, und Danket Gott für seine Gaben.“ Nach Tische ging er mit den Kindern im Walde umher, lehrte sie die mancherley Bäume, Sträuche und Kräuter kennen, und pries ihre mannigfaltige Schönheit und Brauchbarkeit. „So, sprach er dann immer, hat Gott alles, auch das kleinste Kräutlein, schön gebildet und zu dem Nutzen des Menschen eingerichtet. Auch der Wald ist ein Buch, in dem ihr auf allen Blättern von der Weisheit und Güte Gottes lesen könnet.“

Wenn im Frühlinge oder im Sommer der Abend schön war, so deckte die Försterin unter der großen Linde, nicht weit vom Försterhause, wo ein Tisch nebst einigen Bänken angebracht war. Nach dem Abendessen sangen sie noch einige schöne und rührende Abendlieder. Der Förster spielte dazu die Harfe, und die Vögel auf allen Bäumen des Waldes umher stimmten in den Gesang und das Harfenspiel mit ein.

Anton fühlte sich unter diesen edlen Menschen, bey denen wahre Frömmigkeit, Eintracht und Liebe, Fleiß, Ordnung und Zufriedenheit wohnten, höchst glücklich. „Gott meynte es doch recht gut mit mir, sagte er öfter. Er hätte mich auf der ganzen Welt zu keinen bessern Menschen führen können.“ Der gute Knabe war aber auch die lautere Dankbarkeit und Dienstfertigkeit gegen seine Pflegältern. Wenn der Förster Abends aus seinem Forstbezirke heimkam, eilte Anton sogleich, ihm den alten hechtgrauen Ueberrock mit grünen Aufschlägen, dessen sich der Förster als eines Schlafrockes bediente, und die Pantoffeln zu bringen. Wenn die Försterin in der Küche am Heerde stand und kochte, trug er ihr ungeheißen Holz zu oder lief, um ihr einige Schritte zu ersparen, in den Gemüsgarten am Hause und holte Schnittlauch, Petersilien oder was sie sonst eben von grünen Kräutern nöthig hatte. Mancher ihrer Wünsche ward, bevor sie ihn aussprach, schon erfüllt.

Seinem guten Pflegvater erzeigte er aber noch ganz besonders gute Dienste. Der Förster verfertigte von allen ihm anvertrauten Waldungen Risse, und gab ihnen mit Farben ein schönes, gefälliges Ansehen. In der Ecke jedes Blattes war der Namen des Waldes mit großen Buchstaben geschrieben, und, nachdem es ein Wald war, mit einem Kranze von Tannenzweigen oder Eichenlaube eingefaßt. Anton brachte es bald so weit, daß er die größten Risse nett und genau nachzeichnen konnte. Die Verzierungen aber, die er dabey anzubringen wußte, waren von ihm selbst erfunden und so gut ausgeführt, daß der Förster darüber erstaunte. Anton zeichnete zum Beyspiele einen Eichbaum, an dem ein Schild mit dem Namen des Waldes lehnte, und seitwärts sah man ein Wildschwein, das nach Eicheln suchte. Oder der Name des Waldes stand in einen Felsen eingegraben, der mit Tannen gekrönt war, und unten am Felsen ruhte ein Hirsch mit zakigem Geweih. Ueberhaupt zeichnete und mahlte Anton in allen seinen freyen Stunden bald Landschaften, bald Thiere, und wo er nur ein Streifchen weißes Papier oder einen leeren Briefumschlag fand, zeichnete er einen Vogel, eine Blume, oder einen Baumzweig darauf. Er konnte keinen Augenblick müßig seyn. Der Förster und die Försterin liebten den guten Knaben wie ihr eigenes Kind, ja ihre eigenen Kinder wurden, von Antons Beyspiel aufgemuntert, noch viel dienstfertiger und thätiger, als sie es zuvor waren.

Viertes Kapitel.
Antons fernere Geschichte.

Eines Tages schickte der Förster den Anton mit einem Paar Schnepfen in das benachbarte fürstliche Jagdschloß Felseck. Der Verwalter hatte eben einen Gast und wollte ihn damit bewirthen. Anton kam unterwegs an einem Wasserfall vorbey, der zwischen schwarzgrünen Tannen, weiß wie Schnee, von einem hohen Felsen herabstürzte. Nicht weit davon saß ein fremder Herr in einem dunkelblauen Kleide, der den Wasserfall abzeichnete. Anton ging hin, schaute über die Schulter des Fremden auf das Blatt, und konnte sich nicht enthalten, laut zu rufen: „O wie schön! Ja das heißt gemahlt!“ Er bath um Erlaubniß, das schöne Gemälde näher besehen zu dürfen, und erhielt sie. „Mir ists, sagte er, indem er es betrachtete, als wäre das Blatt da ein Spiegel, in dem sich der Wasserfall, nebst Felsen und Bäumen, im Kleinen abspiegelte. Wie silberhell das Wasser aus dem gespaltenen Felsen hervorschießt und wie schön sich der weiße Schaum unten zwischen den bemoosten Steinen kräuselt! Wie frisch und grün das zarte Moos an diesem Steine da ist! Man meynt, man könne es wegrupfen. Wie keck diese rauhen Tannen emporstarren! Und da haben Sie überdieß noch einen Hirsch hergemahlt, der aus dem Bache trinkt. Wie leicht der auf den Füßen steht! Man sieht es ihm an, wie flüchtig er über Stock und Stein wegsetzen kann. Die Hirsche, die ich mahle, stehen so lahm da, als wollten sie alle Augenblicke umfallen. Ich weiß kein rechtes Leben in sie hinein zu bringen.“

Der Mahler hatte an den ungeheuchelten Lobsprüchen des Knaben und noch mehr an dessen Gefühl für Kunst ein großes Wohlgefallen. Er sagte lächelnd: „Du bist also, wie ich merke, auch ein kleiner Mahler?“ „Ach, sagte Anton, bisher meynte ich wohl gar, ich sey kein kleiner, sondern ein großer Mahler. Jetzt sehe ich aber wohl, daß ich gar keiner bin.“ Der Mahler sagte: „Ich wünsche deine Mahlereyen doch zu sehen. Ich werde dich nächstens besuchen, und da mußt du mir sie zeigen. Wer sind deine Aeltern und wo bist du zu Hause?“ „Ach, sprach Anton, ich bin ein armer Waisenknabe. Der Herr Förster Grünewald hat mich aber an Kindesstatt angenommen.“ „Nun, sagte der Mahler, da bist du wohl mit ihm verwandt, ein Bruderssohn oder ein Schwestersohn?“ „Nein, sagte Anton, ich kam ganz landfremd in sein Haus; er und seine Frau nahmen mich aber sogleich auf und hielten mich wie ihr eigenes Kind.“ „Das ist viel, sehr viel, sagte der Mahler. Doch wie kam denn dieß?“ Anton erzählte seine Geschichte ausführlich. Der Mahler hörte ihm aufmerksam zu und sagte am Ende: „Der Förster und seine Frau müssen sehr edle Menschen seyn. Grüße sie mir, und sage ihnen, morgen des Tages werde ich sie besuchen, um ihnen im Namen der Menschheit für die Liebe, die sie dir erweisen, zu danken.“

Der Mahler hieß Riedinger und war vor einem Paar Tagen auf dem fürstlichen Jagdschlosse angekommen, um da einige alte Gemälde aufzufrischen. Er benützte diese Gelegenheit, eine und die andere Waldgegend, die ihm besonders gefiel, abzuzeichnen. Sogleich am Abende des folgenden Tages besuchte er den Förster. Beyde biedere Männer fanden bald, daß sie Eines Sinnes waren, und wurden Freunde. Der Mahler wollte nun Antons Zeichnungen sehen. Die Försterin lobte sie ausnehmend. „Glauben Sie mir, sagte sie, sie sind unvergleichlich.“ Allein Anton stand erröthend an der Thüre und sagte: „Herr Riedinger, Sie werden sehen, daß sie ganz und gar nichts heißen.“ Der Mahler ermunterte ihn aber, sie zu zeigen, und Anton brachte sie. Herr Riedinger betrachtete eine nach der andern sehr bedachtsam und lächelte einige Male. Wiewohl er vieles daran auszustellen hatte, so gefielen sie ihm dennoch sehr. „Wahrhaftig, sagte er, es steckt ein Mahler in dem Knaben. Herr Grünewald, überlassen Sie ihn mir. Sie sollen Freude an ihm erleben.“ „Topp! sagte der Förster und schlug ein. Ich habe schon lange nachgesonnen, was der Knabe werden solle. Er ist nun bereits in dem vierzehnten Jahre und in der Schule zu Aeschenthal ist für ihn weiter nichts mehr zu lernen. Zu einem Jäger ist er zu zart und zu mitleidig. Er artet mehr seiner sanften Mutter nach, als seinem tapfern Vater. Wenn Sie also meynen, er gebe einen guten Mahler ab, so nehmen Sie ihn immerhin in die Lehre. Wie viel verlangen Sie Lehrgeld?“ „Lehrgeld! sagte der Mahler. Davon kann keine Rede seyn. Sie gaben mir zuerst ein Beyspiel, wie man sich armer Waisen annehmen müsse. Eine edle That zieht immer andere nach sich, wie eine Kerze andere anzündet. Das ergiebt sich alles ganz natürlich. Lassen Sie es also gut seyn. Sobald ich mit meiner Arbeit auf dem Schlosse fertig bin, fährt Anton, wenn er anders Lust hat, mit mir in die Stadt, und ich werde keine Mühe sparen, ihn zu einem Künstler zu bilden.“ Anton hüpfte fast vor Freude. Als indessen nach einigen Tagen der Mahler in einer Kutsche vor das Haus gefahren kam, ihn mitzunehmen, weinte der gute Knabe doch recht herzlich. Allein der Förster sprach: „Weine nicht, Anton. Es ist ja nur ein Sprung in die Stadt. Wir besuchen dich öfter, und auch du kannst uns an Sonn- und Feyertagen leicht besuchen. — Ja, das bedinge ich mir noch aus, sprach er zu Herrn Riedinger, daß Anton uns manchmal besuchen, die Weihnachtsfeyertage aber allemal ganz bey uns zubringen dürfe. Sie müssen ihm das erlauben.“ „O recht gern, sagte der Mahler, recht gern; und wenn Sie und die Frau Försterin nichts dagegen haben, so komme ich allemal mit.“ Sie gaben sich darauf die Hand. Anton dankte seinen Pflegältern. Sie ermahnten ihn, seinen Lehrmeister, der so vieles aus lauter Güte für ihn thun wolle, als seinen Vater zu ehren. Unter den besten Segenswünschen seiner Pflegältern und Geschwister stieg Anton in die Kutsche und fuhr mit dem Mahler fort.

Der treffliche Mahler hielt in allen Stücken Wort. Es war ihm eine Herzenslust, einen so fähigen Schüler zu unterrichten. Auch kam er mit ihm zu dem Förster öfter auf Besuch; ja manchmal blieben sie mehrere Tage, um in dem gebirgigen Walde schöne Gegenden abzuzeichnen. Der Meister konnte seinen Schüler jedesmal nicht genug loben. „Unter uns gesagt, sprach er zum Förster, er wird ein Künstler, dem ich das Wasser nicht biethen darf.“

Nach einigen Jahren kam Herr Riedinger mit Anton, der nunmehr ein blühender Jüngling war, wieder einmal zu dem Förster in die Weihnachtsfeyertage. Herr Riedinger blieb nach dem Abendessen mit dem Förster und der Försterin etwas länger auf. Anton und die Kinder des Försters hatten sich längst zur Ruhe begeben. Der Förster und die Försterin merkten wohl, daß der Mahler etwas auf dem Herzen habe, und es ihnen sagen möchte. Endlich fing er an: „Was Anton bey mir lernen konnte, hat er gelernt. Er muß nun reisen; er muß Italien sehen. Allerdings wird das nicht wenig kosten; allein es lohnt sich der Mühe. Kein Kapital könnte besser angelegt werden. Ich stehe Ihnen dafür, es wird auch reichliche Zinsen tragen und seiner Zeit wieder ersetzt werden. Was eine solche Reise kostet, übersteigt freylich das Vermögen eines Privatmannes. Allein ich habe mir die Sache so ausgedacht: Es versteht sich, daß Anton nicht ganz auf fremde Kosten reise. Er muß selbst etwas verdienen. Indeß braucht er doch immer ansehnlichen Zuschuß; denn er muß auch für sich noch freye Zeit behalten, um in der Kunst weiter zu kommen. Was nun mich betrifft, so werde ich das Meinige redlich dazu beytragen. Ich habe mir es, von Ihrem Beyspiele ermuntert, nun einmal in den Kopf gesetzt, den Anton umsonst zu einem Mahler zu bilden. Seine Arbeiten, die er bisher lieferte, sind mir sehr gut bezahlt worden. Dieses Geld habe ich zurück gelegt, und werde es zu seiner Reise verwenden. Allein es reicht bey Weitem nicht zu. Wären Sie nun nicht geneigt, das noch Fehlende, das freylich eine nicht geringe Summe betragen kann, darauf zu legen? Ein gutes Werk, das man angefangen hat, muß man auch vollenden.“ Er both dem Förster die Hand hin, erwartend, er werde einschlagen. Der Förster hatte an Antons Wohlverhalten und seinen Fortschritten in der Kunst hohe Freude. Er besaß ein ziemliches Vermögen. Er blickte seine Hausfrau an. Sie nickte. Der Förster schlug ein und sagte: „Nun wohl, wenn die Summe mein Vermögen nicht übersteigt, so will ich sie ausbezahlen.“ Es wurde ein Ueberschlag gemacht, was die Reise kosten könnte, und einmüthig beschlossen, Anton sollte künftigen Frühling die Reise antreten.

Der Mahler fuhr am nächsten Morgen mit Anton im Schlitten zurück in die Stadt. Der Förster und die Försterin machten aber den Winter über Anstalten zu Antons bevorstehender Reise. Der Förster kaufte Tuch ein, um seinen Pflegsohn hinreichend mit wohlanständiger Kleidung auszustatten. Auch suchte er seinen eigenen Reisekoffer hervor, und ließ ihn mit Rehfell neu überziehen. Die Försterin und ihre zwey Töchter nähten und strickten sehr emsig, den Anton reichlich mit Leinenzeug zu versehen. Zu Anfang des Frühlings mußte Anton noch einige Tage bey seinen Pflegältern zubringen. Sein Pflegvater gab ihm in dieser Zeit noch viele gute Ermahnungen und Klugheitslehren, und war gegen ihn ganz ungemein liebreich. Der gute Mann nahm sich selbst die Mühe, den Koffer zu packen. So oft ihm die Försterin ein neues Kleidungsstück hinreichte, wurde Anton aufs neue gerührt. „Ach wie vieles — wie gar so vieles thun Sie an mir! sagte er. Meine eigenen Aeltern, wenn sie noch lebten, könnten nicht mehr für mich thun!“ Der Koffer wurde an einen berühmten Mahler, dem der Herr Riedinger den Anton empfohlen hatte, voraus geschickt. Denn Anton wollte die ganze Reise zu Fuß machen. Christian, Antons Herzensfreund, hatte aber noch für ein kleines Felleisen gesorgt, in dem Anton das Nothwendigste zum täglichen Gebrauche mitnehmen konnte.

Endlich kam der Abschiedstag; Anton wollte nach Tische zu Herrn Mahler Riedinger in die Stadt gehen, und von da aus dann weiter reisen. Die Försterin bereitete ein Abschiedsmahl, und alle speisten noch einmal mit einander zu Mittag. Es war ein freundliches, rührendes Familienfest. Der Förster blickte in dem kleinen Kreise umher. Es herrschte eine wehmüthige Stille. „Nicht doch, meine Söhne und Töchter, sprach er, seyd nicht so traurig; und auch du, gute Mutter, trockne diese Thräne da ab. Es ist nun einmal so! Die Söhne, zumal wenn sie bereits erwachsen sind, müssen hinaus in die Welt; und auch ihr, meine Töchter, seyd bald in dem Alter, wo ihr vielleicht das väterliche Haus verlassen werdet. Doch, wenn uns auch Berg und Thal dem Leibe nach trennen, im Geiste bleiben wir immer vereinigt. Und so traurig der Abschied immer seyn mag, das Wiedersehen, das uns hier oder dort nie ausbleibt, ist dann desto freudiger!“ Der edle Mann wußte durch fröhliche Gespräche alle wieder zu erheitern. Er ließ eine Flasche guten Wein bringen, von dem er sonst nur an Festtagen trank. Er schenkte der Mutter und den beyden Töchtern, obwohl alle drey sich weigerten, davon ein. „Den Traurigen gieb Wein!“ sagte er lächelnd. Anton und Christian bothen ihre Gläser her, ohne sich lange nöthigen zu lassen. Am Ende der Mahlzeit nahm der Förster sein Glas und sagte: „Nun, Anton, stoß an — auf eine glückliche Wanderschaft und ein fröhliches Wiedersehen!“ Das gebe Gott, sagte die Försterin, stieß an und trank ein klein wenig. Christian, Katharine und Luise stießen auch mit an. Allen standen die Thränen in den Augen. Anton war am gerührtesten. Er konnte die Thränen nicht mehr zurück halten und sagte: „O meine liebsten Aeltern, wie vielen Dank bin ich Ihnen schuldig! Was wäre ich ohne Sie! Ach, ewig kann ich es Ihnen nicht vergelten, was Sie an mir gethan haben. Gott wolle Ihr Vergelter seyn! Er wolle mich einst in den Stand setzen, für das unaussprechlich viele Gute, das Sie an mir thaten, Ihnen und meinen lieben Geschwistern meinen Dank durch die That zu bezeugen.“

„Ja, lieber Anton, sagte der Förster, ich kann es dir nicht verhehlen, wir thun viel an dir; und wenn ich deine Geschwister hier so ansehe — so möchte ich fast sagen, zu viel. Denn was mich und meine geliebte Hausfrau betrifft, so brauchen wir wohl wenig mehr. Unsere Haare sind bereits grau. So lange wir noch leben, haben wir wohl noch Brod. Allein, mein lieber Anton, wenn eines oder das andere deiner Geschwister einmal in Noth kommen sollte, so vergiß nicht, wie wir dir aus der Noth geholfen haben, und laß sie nicht in der Noth stecken. Gieb mir die Hand darauf, Anton! Nicht wahr, du verläßt deine Geschwister nicht?“ „O lieber Vater, rief Anton, indem er dem Förster die Hand reichte, ich müßte ja der undankbarste Mensch von der Welt seyn, wenn ich Ihrer Wohlthaten je vergessen könnte. O gewiß — Ihre Liebe ist mir ewig unvergeßlich. Meine größte Glückseligkeit auf der Welt soll es seyn, Ihnen, lieber Vater, meiner besten Pflegmutter oder meinen lieben Geschwistern Gutes erweisen zu können.“

„Ich glaube dir, Anton, sagte der Förster; doch — nun ist es Zeit, daß wir scheiden.“ Er stand auf und sprach: „Knie nieder, lieber Sohn, damit ich dir noch den väterlichen Segen gebe.“ Anton kniete nieder. Der Förster erhob seine Augen zum Himmel; es war etwas Ehrwürdiges und Feyerliches in seinem Angesichte und seiner Gestalt. Er segnete den Jüngling und sprach: „Gott begleite dich auf allen deinen Wegen, bewahre dich vor Sünde, und führe dich gut und unverdorben wieder in unsere Arme zurück.“ Die Mutter und die Kinder standen alle mit gefalteten Händen und weinenden Augen andächtig umher, und sagten mit gerührtem Herzen: „Amen!“ Der Förster hob den Anton auf, schloß ihn in die Arme und sagte: „Nun — zieh hin und Gott sey mit dir! Habe Ihn stets vor Augen — und vergiß nicht, daß sein allsehendes Auge dich überall sehe. Halte dich für zu gut, etwas Böses zu thun. Die Güter und Lüste dieser Erde sind es nicht werth, daß wir ihrethalben unser Gewissen beschweren. Gedenke, daß wir nicht für diese kurze Zeit, die wir auf Erden zu leben haben, geschaffen sind und daß eine Ewigkeit sey. Meide nicht nur das Böse, sondern auch jede Gelegenheit, Böses zu thun. Besonders fliehe solche Menschen, die über den frommen Glauben unserer Vorältern spotten und sich über reine Sitten lustig machen. Noch einmal — lebe wohl und Gott sey mit dir.“

Die Försterin sagte mit Augen voll Thränen: „Anton! Sieh diese meine rothgeweinten Augen, diese meine nassen Wangen! Um dieser Thränen willen bleibe Gott ergeben, gut und rechtschaffen. Gedenke dieser Thränen, wenn du in Versuchung kommest, Böses zu thun. Bisher hast du uns nur Freude gemacht; betrübe uns nie. So herzlich ich jetzt weine, so fühle ich dabey doch vielen Trost! Aber wenn wir je etwas Unrechtes von dir hören sollten, dann würden ich, und wir alle, die bittersten Thränen weinen. Vergiß unserer treuherzigen, väterlichen und mütterlichen Ermahnungen — und der letzten Ermahnung deiner seligen Mutter — in deinem Leben nicht, und lebe wohl.“

Die ganze Familie begleitete den tief gerührten, traurigen Jüngling noch eine weite Strecke Weges, fast bis zu Ende des Waldes. Endlich sagten sie ihm alle noch einmal Lebewohl! Anton ging — sie aber blieben stehen. Er sah noch sehr oft um, und winkte ihnen mit dem Hute. Der Förster und Christian winkten ihm auch mit ihren Hüten, und die Försterin und die zwey Töchter mit ihren weißen Tüchern, bis er endlich mit seinem Wanderstab in der Hand und seinem Felleisen auf dem Rücken hinter einem waldichten Hügel verschwand.

Fünftes Kapitel.
Ein Weihnachtsgeschenk.

Der heilige Weihnachtsabend war, seit Antons Abreise bereits das dritte Mal, wieder angebrochen. Der Förster kam heute mit seinem Sohne Christian früher aus dem Walde nach Hause. Es war sehr kalt. Der Abendhimmel strahlte glühendroth durch die Fenster in die Stube. Die runden Scheiben fingen schon an zu gefrieren und schimmerten in dem röthlichen Abendschein wie Edelsteine. Der Förster setzte sich in seinen Lehnsessel neben dem großen Ofen. Er legte mehr Holz zu; denn der Ofen war so eingerichtet, daß man ihn auch in der Stube öffnen konnte. Die Flamme loderte bald hoch auf, verbreitete einen wallenden Schimmer durch die Stube, spiegelte sich in den Fenstern und vermehrte das Funkeln der gefrornen Fensterscheiben.

Jetzt kam die Försterin in die Stube. „Ist kein Brief von Anton da?“ fragte der Förster. „Nein!“ sagte sie mit betrübtem Angesichte. „Wunderlich! sprach der Förster und schüttelte den Kopf. Auf den Weihnachtsabend war sonst allemal richtig ein Brief von ihm da. Er schrieb immer sehr ausführlich und seine Briefe waren mir immer die angenehmste Weihnachtsfreude. Was treibt der Junge, daß er nicht schreibt?“

Kaum hatte der Förster dieses gesagt, so trat ein Bothe mit weißangeduftetem Haare in die Stube. Er hatte einen Brief in der Hand und eine neue Kiste von Tannenholz auf dem Rücken, die zwar nur ganz flach, aber ziemlich breit und so hoch war, daß der Mann sich bücken mußte, um in die Stube zu kommen. „In dem Kistchen wird wohl ein Spiegel seyn!“ sagte Katharine. Der Bothe überreichte dem Förster den Brief und lud die Kiste ab. „Der Brief ist von dem Herrn Mahler Riedinger, sagte der Förster. Wie kommt das? Nun glaube ich bald, daß dem armen Anton ein Unglück begegnete.“ Er riß den Brief eilig auf, und durchlief ihn am Glanze des Feuers, das aus dem Ofen strahlte, mit begierigen Blicken. „Denkt nur, rief er freudig, Anton schickt uns bis aus Rom ein Gemälde zum Weihnachtsgeschenk. Er hat es, zusammengerollt, an Herrn Riedinger übermacht, und ihn ersucht, es in eine reiche goldene Rahme fassen zu lassen, und dafür zu sorgen, daß wir es auf den heiligen Abend sicher bekämen. Das Gemälde sey ein wahres Meisterstück, schreibt Herr Riedinger. Der Anton ist doch ein trefflicher Junge; ich möchte ihn sogleich umarmen.“

„Katharine! rief er jetzt, bring doch dem ehrlichen Bothen, bis das Essen kommt, einstweilen ein Glas Wein. Das wird ihm gut thun; denn es ist draußen wirklich grimmig kalt.“ Der Bothe nahm den Wein mit Dank an; verbath sich aber das Abendessen. Er habe, sagte er, zu Aeschenthal Anverwandte, und wolle bey diesen den Weihnachtsabend und den heiligen Tag zubringen. „Auch gut!“ sprach der Förster, hieß den Bothen austrinken, beschenkte ihn reichlich und entließ ihn.

„Nun, sprach der Förster, sitzt alle um mich her! Da ist in des Herrn Riedingers Brief auch noch ein Brief von Anton eingeschlossen; den will ich euch vorlesen.“ Luise sagte: „Ich will nur noch zuvor ein Kerzenlicht holen.“ „Wohl, sprach der Förster; ich kann dann den Brief mit mehr Bequemlichkeit lesen. Aber eile!“ Luise brachte die brennende Kerze sogleich auf einem glänzenden Leuchter von Messing. Alle saßen bereits begierig im Kreise umher. Der Förster las:

„Liebste, beste Aeltern und Geschwister! Sie erhalten hier ein Weihnachtsgeschenk, ein Gemälde, das ich mit vielem Fleiße gemahlt habe. Es stellt den neugebornen Heiland in der Krippe vor. Mehrere Künstler versicherten mich, das Bild sey mir sehr gut gelungen. Ich wünsche, daß es Ihnen nur halb so viel Freude machen möchte, als mir die Vorstellung des Kindes Jesu in der Krippe machte, da ich das erste Mal in Ihr Haus trat. Gewiß würden Sie dann keine geringe Freude daran haben.“

„Ach, daß ich doch mit dem Bilde selbst zu Ihnen reisen, und es Ihnen überreichen könnte! Es ist zwar dahier ein herrliches Land! Jetzt, im Monate November, da ich dies schreibe, ist es bey Ihnen wohl schon längst Winter, und Ihr Dach und die Tannen und Eichen umher seufzen unter der Last des Schnees. Aber hier prangen die Zitronen- und Pomeranzenbäume noch mit silberhellen Blüthen und goldenen Früchten. Dennoch sehne ich mich unter all diesen Herrlichkeiten nach Ihrem ländlichen Kaminfeuer zurück, an dem ich die seligsten Stunden meines Lebens zugebracht habe.“

„Ihrer Güte habe ich es zu danken, daß ich unter dem milden Himmel Italiens lebe, daß ich, wenn ich je diesen Namen verdiene, ein Künstler bin. Jene gemüthliche Vorstellung der Krippe Jesu für Kinder, so unvollkommen sie auch seyn mochte, weckte mein Talent zuerst. Immer steht sie mir noch vor Augen, und was ich auch, allerdings ohne Vergleich Herrlicheres, von Kunstwerken sehe, so werde ich doch nicht so, wie damals, davon entzückt. Ach, die seligen Jahre der Kindheit gehen doch über alles! Da erblicken wir alles umher wie verklärt vom goldenen Glanze der Morgenröthe. Schade, daß sie so schnell vorüber sind!“

„Jetzt, in diesem Augenblicke, da Sie diesen Brief lesen und meine Mahlerey betrachten, bin ich im Geiste unter Ihnen zugegen. Ich erinnere mich mit gerührtem Herzen, wie ich halb erstarrt unter Ihr ländliches Dach kam, wie mich die gute Mutter mit warmen Speisen erquickte, wie Sie mich zu Ihrem Kinde aufnahmen, wie Christian, Katharine und Luise ihre Weihnachtsgeschenke so freudig mit mir theilten. O liebster Vater! ich küsse dankbar Ihre und meiner Pflegmutter ehrwürdige Hände. Ich umarme alle meine Geschwister. Ich freue mich jetzt schon im Voraus, Ihnen nach einigen Jährchen nicht blos im Geiste und aus weiter Ferne, sondern von Angesicht zu Angesicht sagen zu können, wie von ganzem Herzen ich sey — Ihr dankbarer, Sie innigstliebender Anton. Rom, den 15. November 1756.“

„Das ist ein Brief, sagte der Förster und wischte sich die Augen; was wir auch an den Jungen gewendet haben, es ist alles noch zu wenig. Ich setzte zwar immer keine kleinen Hoffnungen auf ihn; allein er übertrifft sie alle bey weitem. Niemals hätte ich geglaubt, eine solche Freude an ihm zu erleben. Doch, sagte er jetzt lächelnd, ich denke, das Nachtessen wartet auf uns. Nach Tische wollen wir das Gemälde besehen.“ „O nein! riefen alle einmüthig, jetzt gleich!“ „Das geht nun über das Essen!“ fügte Luise noch bey; „ich will nur geschwind noch eine Kerze holen, damit wir das Gemälde besser betrachten können.“

Christian brachte Stemmeisen und Hammer, und öffnete die Kiste. „O wie schön! Wie lieblich! riefen alle. Welche himmlische Gestalten! Welche unvergleichlichen Farben!“ Der Förster stellte das Gemälde auf ein Wandtischchen und die zwey hellleuchtenden Wachskerzen darneben. Aller Augen waren auf das schöne Bild gerichtet. Die Försterin faltete andächtig die Hände und sagte: „Wahrhaftig, man kann nichts Schöneres sehen! Mir wird es, als wäre ich wirklich bey der Krippe Jesu zugegen! Wie freundlich, wie holdselig das göttliche Kind uns anblickt, als wollte es bey seinem Eintritte in die Welt uns alle willkommen heißen! Wie Maria, an der Krippe kniend, so zärtlich und liebreich auf das Kind niederblickt, es mit einem Arme umfaßt, die andere Hand auf ihr tiefgerührtes Herz legt, und über dem holden Kinde aller Dürftigkeit des armen Stalles vergißt! Wie ehrwürdig Joseph da steht und wie fromm er mit gefalteten Händen zum Himmel aufschaut! Wie den Hirten die Redlichkeit aus den Augen sieht; wie ehrerbiethig und andächtig sie auf die Knie gesunken sind! Und die Engel oben, wie himmlisch schön! Wie leicht und schwebend! Und welch ein heller Glanz das Kind umgiebt, alles umher erleuchtet, und selbst den Schimmer der Engel überglänzt. Wahrhaftig, wer sich da der Geburt des Erlösers nicht freuen und mit den Engeln Gott loben und preisen wollte, der müßte ein Herz von Stein haben.“

Der Förster hatte das Bild bisher mit unverwandten Augen stillschweigend betrachtet, ohne ein Wort zu sagen. Endlich sprach er, wie aus einem Traume erwachend: „Ja, du hast Recht! Wenn wir diese heilige Geschichte, so schön gemahlt und in eine Rahme gefaßt, vor Augen haben, so macht sie einen neuen, ganz eigenen Eindruck auf unser Herz. Ich will es einmal versuchen, ob ich es euch sagen kann, was ich alles darin finde und wie es mir um das Herz ist.“ Er schob seinen Lehnsessel herbey, setzte sich in einer kleinen Entfernung von dem Bilde, in der es sich am besten ausnahm, und sprach dann:

„Wir wollen, meine lieben Kinder, unsre Augen zuerst auf das göttliche Kind in der Krippe richten! Wir wollen aber jetzt auf einige Augenblicke seiner göttlichen Abkunft noch nicht gedenken; wir wollen es zuerst nur als ein Menschenkind betrachten. Schwach und hülflos, in arme Windeln eingewickelt, liegt es auf ein wenig Heu und Stroh. Aber die liebvolle Mutter begrüßt es mit freundlichem Lächeln und voll der zärtlichsten Sorgfalt, es wohl zu verpflegen; und der treue Nährvater steht theilnehmend dabey, bereit mit seinem stärkern Arm Mutter und Kind zu schützen, mit seiner arbeitsamen Hand beyde zu ernähren. Ein treuer Vater, eine liebvolle Mutter und ein Kind, das diese treue Liebe, sobald es zur Besinnung kommt, dankbar erwiedert, ist der schönste Anblick auf Erden, über den sich Engel erfreuen müssen. Dieses liebliche Drey — Vater, Mutter und Kind — hat Gott so zusammen gefügt.“

„O meine Kinder, denkt daher bey diesem Kinde in der Krippe: Als ein schwaches Kind bin auch ich einst so dagelegen, wo man mich hinlegte. Ich hätte verschmachten müssen, wenn meine Aeltern sich meiner nicht liebreich angenommen hätten. Allein mit Freude und Jubel wurde der kleine fremde Gast aufgenommen, und alles war schon zu seiner Ankunft bereitet. Meine Mutter hüllte mich in meine erste Bekleidung, die Windeln, die sie wohl selbst gesponnen, gebleicht und genäht hatte. All ihr Sinnen und Trachten Tag und Nacht ging nur darauf, daß mir nichts abgehen möge. Sorgsam wachte sie an meiner Wiege, wenn ich schlief; manche Nacht brachte sie schlaflos zu, aus zärtlicher Liebe zu mir! Der treue Vater theilte ihre Sorge und arbeitete für beyde. So denket und danket Gott, daß Er euch gute Aeltern schenkte! Denn Er ist es, der aus Liebe zu euch etwas von seiner unaussprechlichen Liebe in das Herz eurer Mutter pflanzte, und eurem Vater von seinem treuen Vatersinne mittheilte und ihm das Vaterherz gab. Seyd aber auch nicht undankbar gegen eure Aeltern. Ein Sohn, eine Tochter, die es vergessen könnten, was die Mutter mit ihnen ausstand, was der Vater für sie that, sie zu ernähren, zu kleiden, zu erziehen, wären ohne alles menschliche Gefühl.“

„Laßt uns nun, meine Kinder, nachdem wir die heilige Familie betrachtet, zu den heiligen Engeln, die dort oben schweben, hinaufblicken — und einen Blick auf die Thiere des Stalles werfen. Da wird uns die Würde und die Bestimmung des Menschen klar. — Schaut erst noch einmal der heiligen Jungfrau in das milde Angesicht voll himmlischer Unschuld und unaussprechlicher mütterlicher Zärtlichkeit! Betrachtet die aufrechte Gestalt des ehrwürdigen Josephs, wie er so voll Geist und Andacht die Augen zum Himmel erhebt! Sehet das holde Kind an, dessen Angesicht so lieblich lächelt, dessen Augen wie Sterne leuchten! Und nun schauet auf die rauhen haarigen Thierköpfe — des Ochsen und des Esels hin. Wie dumm und vernunftlos sie darein sehen! Wie das Maul hervorsteht, und uns zu erkennen giebt, daß sie nur auf Futter bedacht sind und von nichts Höherem und Besserem wissen. Sie sind nicht einmal eines freundlichen Lächelns fähig! O, wem erscheint bey dieser Vergleichung der Mensch nicht als ein höheres Wesen? Wahrhaftig, er gehört einer höhern Reihe von Geschöpfen an. Der roheste Mensch hielte sich ja für beschimpft, wenn man zu ihm sagte: Du bist um nichts besser, als der Ochs, der deinen Pflug zieht, als der Esel, der deine Säcke zur Mühle trägt und dann verfault. Nein, der Mensch gleicht vielmehr den heiligen Engeln Gottes, die ihren Schöpfer erkennen, sich Seiner freuen und Ihm lobsingen. Der Mensch ist das einzige Geschöpf auf Erden, der dieß auch kann. Sey es, daß er einige Aehnlichkeit mit den Thieren hat; er ist doch den Engeln des Himmels näher verwandt. Sey es, daß er weinend und wimmernd zur Welt kommt, daß er vieles ausstehen, vieles leiden muß, bis er in seiner vollen Blüthe dasteht, daß er dann nach kurzer Zeit wieder gleich einer Blume dahinwelkt, gleich den Thieren dahin modert — nur seine Erdengestalt zerfällt zu Staub. Es ist ein unsterblicher Geist in ihm; er ist ein Engel in schwaches Fleisch und Blut verhüllt. Sobald diese Hülle abfällt, ist der Engel vollendet — wenn anders der Mensch seine Bestimmung auf Erden erfüllt und dem Willen des Schöpfers gemäß gelebt hat.“

„Sehr gut hat der Mahler, außer den größern Thieren noch ein Lamm und ein Körblein voll Früchte angebracht, die man als ein Geschenk für das neugeborne Kind am Fuße der Krippe erblickt. Dem Menschen sind alle übrigen Geschöpfe der Erde unterworfen. Er bezähmt die stärksten Thiere und sie müssen ihm dienen; ihm giebt das Schaf Milch und Wolle; ihm bringt die Erde ihre schönsten Früchte hervor. Nur ein weniges hat Gott den Menschen den Engeln nachgesetzt, hat ihn mit Ehre und Hoheit gekrönt, hat ihn zum Herrn seiner Werke gemacht und alles ihm zu Füßen gelegt.“