„Auch der Ort, an dem wir dieses Kind und seine Aeltern erblicken, die arme Krippe und der dürftige Stall, sind nicht ohne Bedeutung. Der Mensch bedarf keines Palastes, um hier auf Erden seine Bestimmung zu erreichen. Er kann in der elendesten Strohhütte zufrieden leben und selig sterben. Wir erblicken in dem Stalle nur Armuth und Mangel. Allein um wahrhaft glücklich, aller wahren Ehre würdig und von ächtem Menschenadel zu seyn, braucht der Mensch weder Sammet noch Seide, weder Gold noch Silber. Gerade im Wichtigsten hat Gott keinen Unterschied unter den Menschen gemacht. Ein armer Stall beherbergt hier die heiligsten, die seligsten, die ehrwürdigsten Menschen, die je auf Erden gelebt haben.“
„Doch — meine Kinder, was ich euch bisher gesagt habe, ist für uns wohl sehr erfreulich und tröstlich. Allein es gilt nur von dem Menschlichschönen dieser Geschichte. Die göttliche Abkunft und die hohe Bestimmung dieses göttlichen Kindes ist erst das Allerwichtigste. Denn Jesus Christus, der menschgewordene Sohn des Allerhöchsten, ist in diese Welt gekommen, die Menschen, die von Gott und ihrer ursprünglichen Würde abgefallen und deßhalb verloren waren, zu retten. In Ihm erschien uns die Menschenfreundlichkeit Gottes sichtbar; in Ihm erblicken wir Gott in Menschengestalt. Er ward zwar in tiefster Armuth geboren, lag als ein Kind in einer Krippe, hatte in dieser Welt nicht so viel Eigenes, wo er nur sein Haupt hinlegen konnte, und starb gleich einem Uebelthäter am Kreuze. Allein ohne alle irdische Hülfsmittel, ohne Reichthümer und bewaffnete Macht, hat Er durch seine göttliche Weisheit, Liebe und Allmacht die Gestalt der Erde verändert, das Menschengeschlecht erleuchtet, veredelt, dem Verderben entrissen — und so seine göttliche Abkunft bewährt. Darauf wird in diesem Gemälde, so wie in der Geschichte, sehr schön gedeutet.
Seht, ringsumher ist es Nacht; tiefes Dunkel deckt die nächtliche Gegend; nur das Licht, das von dem göttlichen Kinde ausgeht, erhellt alles mit seinem Glanze. So bedeckten bey der Geburt Jesu die Finsternisse der Unwissenheit und des Heidenthums die Erde; in Jesus Christus ist aber der Welt ein Licht aufgegangen, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt. Die Menschen waren in Sünde und Laster versunken, viele glichen an Rohheit — den Thieren des Stalles; manche hatten sich durch Lasterhaftigkeit sogar unter das Vieh herabgewürdigt; allein durch Christus wurden alle, die wahrhaft an Ihn glaubten, zu besseren Menschen, zu Heiligen, zu Engeln in Menschengestalt neu umgeschaffen. So unwissend und sündig die Menschen waren, so elend waren sie auch. Allein seht, wie selig sind schon die Menschen, die seine Krippe umgeben und sich seiner Geburt freuen! Maria, Joseph, die Hirten fühlen im Anblicke des neugebohrnen Erlösers sich über allen Erdenjammer erhoben. Er, der in die Welt gekommen, die Menschen von allem Elende zu erlösen, ihnen wahre Freude und den göttlichen Frieden vom Himmel zu bringen, machte schon bey seiner Geburt damit den Anfang. Die Worte des Engels erschallen noch immer an alle Menschen: „Ich verkünde euch große Freude; es ist euch ein Erlöser geboren, der da ist Christus, der Herr.“
Zu Ihm steht jedem Menschen der Zutritt offen. Er offenbarte sich zuerst armen, einfältigen Landleuten — den Hirten, auch seine Mutter ist arm, sein Nährvater ein Handwerker, der mit harter Arbeit sein Brod erwirbt. Schon bey der Krippe Jesu wird uns gezeigt, daß Reichthum, hoher Rang und Erdenweisheit vor Ihm nichts gelten. Er will nur Menschen um sich sammeln, die eines guten Willens sind, wie Maria, die heiligste Jungfrau, wie Joseph, der Gerechte, wie die Hirten, diese frommen Männer voll Gottesfurcht und Rechtschaffenheit. Doch weiset Er auch den größten Sünder nicht zurück, der seine Sünden bereut und sich ernstlich bessern will. Darauf deutet schon der Namen des göttlichen Kindes. Deßwegen verkündete der Engel Marien den göttlichen Befehl: „Ihm sollst du den Namen Jesus geben!“ Deßhalb wiederholte er diesen Befehl dem Joseph: „Jesus, das heißt Erlöser, sollst du Ihn nennen, denn Er wird sein Volk von Sünden erlösen.“ Das sündige Menschengeschlecht sollte sein Volk, ein heiliges Volk Gottes werden. Deßwegen sehen wir über der Krippe Jesu den offnen Himmel. Er wollte den Menschen den verschlossenen Himmel wieder öffnen, ein Himmelreich auf Erden gründen, und so Himmel und Erde wieder vereinigen. Darüber freuen sich die heiligen Engel Gottes, jubeln und frohlocken, preisen Gott in der Höhe und wünschen den Menschen Glück zu dem Heile, das Ihnen durch Christus bereitet ward.“
Was uns bey der Krippe Jesu verkündet wird, das hat Jesus Christus erfüllt, so große Hindernisse Ihm auch der Unglaube und die Hartnäckigkeit der Menschen entgegen setzte; an so vielen seine Geburt und sein Tod verloren war. Er gründete ein Himmelreich auf Erden, und sein Werk bestand. Manche Welteroberer stifteten indessen Weltreiche; allein sie überlebten ihre Reiche nicht lange, oder sahen wohl noch lebend sie in Trümmer zerfallen. Das Reich Jesu allein — das wahre Christenthum — breitete sich immer weiter aus und bestand bis auf diese Stunde. Ganze Völker kamen zum Glauben an Ihn und Könige zierten ihre Kronen mit seinem Kreuze. Die alten heidnischen Gräuel, Menschenopfer und dergleichen, verschwanden aus den christlichen Ländern der Erde. Eine Menge von Tempeln und Kirchen erhoben sich, in denen der wahre Gott angebethet und göttliche Wahrheit gelehrt wird. Unzählige Schulen, Armenanstalten, Krankenhäuser kamen durch die christliche Liebe zu Stande. Wie viele Kinder, Arme und Kranke müßten ohne diese milden Stiftungen in Unwissenheit, Lasterhaftigkeit und Elend umkommen! Millionen von Menschen haben im Glauben an Christus Beruhigung über begangene Sünden gefunden, und sind durch Ihn edle Menschen geworden. Und noch jetzt, so sehr auch der Unglaube und das Verderben über Hand nehmen, schlagen Ihm unzählige Herzen und finden in Ihm Trost in Noth und Tod. Noch immer wird das Evangelium, die Freudenbothschaft von Ihm, den Heiden verkündet, und wilde Völker bekehren sich zum Glauben an Ihn, freuen sich der himmlischen Wahrheit und nehmen sanftere Sitten an. Der Geburtstag Jesu ist daher der wichtigste Tag in der Weltgeschichte, und mit Recht fingen die weisen Alten von diesem Tage eine neue Zeitrechnung an. Jede Jahrszahl soll uns daran erinnern, der Geburtstag Jesu sey der Geburtstag des Lichtes und Heiles für alle Menschen, die Ihm Augen und Herzen öffnen wollen — der Geburtstag des wahren Menschenglückes, der Erleuchtung und Veredlung des Menschengeschlechtes. Laßt uns denn, meine Kinder, an diesem Abende und am morgigen Tage dem Erlöser aufs neue huldigen und in den Lobgesang der Engel mit einstimmen.“
So sprach der Förster; die Försterin sagte gerührt: „Ja, Kinder, das wollen wir! Das schöne Gemälde, das Anton uns schickte, ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das Anton oder irgend ein Mensch — ja wohl ein Fürst! — uns hätte machen können. Die Andacht, mit der Ihr die frommen Bemerkungen eures Vaters angehört habt, ist die schönste Weihnachtsfeyer, mit der wir den heiligen Abend feyern können. Wir wollen das Heil, das uns Gott durch den neugebornen Heiland bereitete, dankbar annehmen. Dann ist der Geburtstag des Erlösers auch der Geburtstag unsers Heils.“
Sechstes Kapitel.
Widerwärtige Schicksale des Försters.
Der treffliche Förster hatte mit den Seinigen seit Antons Abreise mehrere Jahre in Ruhe und Zufriedenheit verlebt. Seine Kinder waren erwachsen; der Sohn ein rüstiger junger Mann, die Töchter blühende Jungfrauen; alle sehr gut erzogen und von untadelicher Aufführung. Allmählig empfand der gute Vater aber die Beschwerden des herannahenden Alters. Er war darauf bedacht, seinen Dienst dem Sohne abzutreten. Der Fürst des Landes besuchte jährlich im Herbste auf einige Tage das fürstliche Jagdschloß Felseck; denn die Jagd war ihm bey seinen vielen Geschäften immer einige Erholung. Er war ein sehr leutseliger Herr; jeden seiner Unterthanen, auch den Geringsten, hörte er liebreich an und redete freundlich mit ihm. Als der Fürst wieder auf dem Jagdschlosse angekommen, und die Jagd in dem Walde des alten Försters besonders gut ausgefallen war, näherte sich ihm der Fürst, klopfte ihm sehr zufrieden auf die Schulter und sagte: „Nun wie gehts, mein lieber Förster?“
„Eure Durchlaucht, sprach der Förster, diesen alten Schultern will die Last des Tages zu schwer werden; ich wünsche sie jüngern Schultern übertragen zu dürfen.“ „Nun, sprach der Fürst, doch wohl Eurem Sohne, dem Christian dort? Er ist ein braver Jäger, und, was ich ohne Vergleich mehr schätze, ein sehr guter Forstmann. Die Waldungen sind, wie ich auf der Jagd gar wohl bemerkte, im besten Zustande. Verlaßt Euch darauf; kein Anderer bekommt den Dienst. Er mag ihn auch einstweilen versehen. Indeß ist mirs lieb, wenn Ihr noch eine Zeit die Oberaufsicht und den Förstertitel beybehaltet. Auch die besten jungen Leute werden leicht übermüthig und nachläßig, wenn ihr Rockkragen zu frühe mit goldenen Börtchen verbrämt wird. Es ist mein und Euer Vortheil, wenn Ihr noch eine Zeit Förster bleibt.“
Der Förster bezeugte dem Fürsten für die gnädige Zusicherung seinen Dank, und sagte dann: „Es ist aber noch ein anderer Umstand dabey. Mein Sohn könnte sich eben jetzt gut verheirathen — mit der Tochter meines Jugendfreundes, des längst verstorbenen Försters Busch. Das Mädchen hat erst kürzlich auch ihre Mutter verloren, und weiß nun nicht wohin. Sie ist arm — aber sehr fromm, fleißig und die lautere Unschuld, Güte und Bescheidenheit.“ „Nun wohl, sprach der Fürst; ich lobe es sehr, daß ein braver Mann bey seiner Wahl mehr auf Unschuld und Tugend, als Geld und Gut sehe. Ich gebe ihm die Erlaubniß zu heirathen mit Vergnügen — und die Anwartschaft auf den Försterdienst dazu. Ich werde sogleich Befehl geben, damit das Dekret ausgefertigt werde.“
Der Förstersohn, der voll banger Erwartung in einiger Entfernung stand, kam auf den Wink seines Vaters herbey, und dankte dem Fürsten. Die Heirath kam zu Stande. Mit der jungen sanften Frau kam neuer Segen in das Haus; Friede und Eintracht wohnten unter dem Dache des guten Försters. Dem alten Manne wurde noch die Freude, seine Enkel auf seinem Schooße zu sehen, und die alte Försterin wurde wie verjüngt, nun ihre kleinen Enkel pflegen und tragen zu können. Die Töchter des Hauses lebten mit der jungen Försterin wie mit einer Schwester. Alle waren sehr glücklich.
Allein bald kam über dieses glückliche Haus eine große Widerwärtigkeit. Sie entspann sich aus einer alten Geschichte, die der alte Förster beynahe vergessen hatte. Jener junge Herr von Schilf, der ehemals mit dem Förster öfter auf die Jagd gegangen war, hatte bald darauf sich herausgenommen, allein und ohne Erlaubniß des Försters in den Wald zu gehen, und alles, was ihm zu Gesicht kam, ohne Erbarmen niederzuschießen. Der Förster traf ihn im Walde und sagte: „Das Wildschießen ist sehr strenge verbothen. Haben Sie, mein lieber junger Herr, Lust zur Jagd, so kommen Sie, wie bisher, zu mir. Ich nehme Sie dann gern mit mir, und weise Ihnen die besten Plätze an, wo Sie dann nach Herzenslust schießen können. Allein das darf ich nicht zugeben, daß Sie eigenmächtig in dem mir anvertrauten Forste schalten und walten.“ Wer aber nach wie vor auf die Jagd ging, war der junge Herr. Der Förster traf ihn wieder, nahm ihm das Gewehr und sagte: „Gott weiß es, ich thu es ungern. Allein ich muß. Die Befehle sind streng; ich kann nicht anders. Wenn ich Sie nochmals treffe, muß ich weitere Anzeige machen, und dann — geht es Ihnen nicht gut.“ Der brave Förster ging überdieß noch zu dem alten Herrn von Schilf, und bath ihn, dem jungen Herrn das Jagen zu verbiethen. Der alte Herr ließ zwar sonst seinem Sohne alles hingehen. Allein dieses Mal ward er doch sehr aufgebracht; er fürchtete die fürstliche Ungnade. Er drohte seinem Sohne mit der Enterbung, wenn er noch ein einziges Mal auf die Jagd gehen würde; es sey denn, der Förster gehe mit ihm. Allein der junge Herr war es schon gewohnt, seinem Vater nicht zu gehorchen. Bald darauf hörte der Förster einen Schuß, eilte hin und traf den jungen Herrn bey einem erlegten Hirsch. Der Förster machte die Anzeige. Der alte Herr von Schilf reisete selbst zum Fürsten und flehte um Gnade. Der Fürst sagte: „Nach den Gesetzen sollte der junge Herr in das Zuchthaus wandern. Ich will ihn zwar begnadigen; allein läßt er sich noch einmal treffen, so schicke ich ihn sicher dahin — und da begreifen Sie wohl, daß ich mir denn einmal keinen Rath oder andern Diener aus dem Zuchthause nehmen kann.“ Die Sache wurde so beygelegt. Der junge Herr von Schilf faßte aber einen grimmigen Haß gegen den ehrlichen Förster, und glühte, wiewohl indeß viele Jahre verflossen waren, noch immer von Rache gegen ihn.
Jetzt starb der Fürst sehr unerwartet; der Erbprinz war noch minderjährig und befand sich eben auf Reisen. Es wurde eine Vormundschaft angeordnet und in dem Lande ging manche Veränderung vor. Der junge Herr von Schilf, der sehr reich war und angesehene Verwandte hatte, wurde Oberförster. Mit großer Pracht zog er in das fürstliche Jagdschloß Felseck ein, von dem ihm ein Theil zur Wohnung angewiesen wurde. Er war nunmehr der Vorgesetzte des guten Försters, und quälte den alten Mann unsäglich. Des Tadelns war kein Ende. Der Förster konnte ihm nichts recht machen.
Der Erbprinz hatte zwar nunmehr die Regierung angetreten. Allein der Oberförster von Schilf, der sehr abgeschliffen, gewandt und beredt war, wußte den obersten Forstmeister, der bey dem neuen Fürsten sehr viel galt, ganz für sich einzunehmen, und ward nun gegen den guten Förster noch übermüthiger und feindseliger, als zuvor. „Ihr taugt nicht mehr zum Dienste, sagte er einmal zu ihm; ich werde darauf antragen, einen brauchbareren Mann für den schönen Forst zu bekommen.“ Der Förster sagte: „Herzlich gern lege ich mein Amt nieder. Ich hätte es schon längst gethan, wenn der hochselige Fürst es zugegeben hätte. Es ist also mein Sohn Förster.“ „Das wäre! sagte Herr von Schilf höhnisch lächelnd. Da müßte ich auch etwas davon wissen.“ Der Förster berief sich auf jenes fürstliche Dekret, dem zu Folge sein Sohn geheirathet hatte. „Pah, rief Herr von Schilf, ich kenne es wohl.“ Er wußte es sehr künstlich auszulegen. „Es ist, sagte er, blos ein Versprechen auf Wohlverhalten; nichts weiter. Der Junge taugt aber nichts. Ich werde meinen Mann besser zu wählen wissen.“
Der alte, graue Förster bemühte sich vergebens, eine Thräne zu verhehlen und sagte: „Seyn Sie nicht ungerecht, Herr Oberförster! Sie glaubten sich einmal von mir beleidigt. Deßhalb sollten Sie sich zweyfach in Acht nehmen, mir wehe zu thun.“ „Was, rief Herr von Schilf, und seine Augen funkelten von Zorn; Ihr selbst erinnert mich an Eure Grobheiten! Ihr selbst mahnt mich daran, daß Ihr mir mein einziges Jugendvergnügen geraubt und mich bey Hofe angeschwärzt habt. Ihr seyd ein ungeschliffner, übermüthiger Kerl. Von jeher hattet Ihr keine Achtung für höhere Stände, und hieltet Euch nur an Bettlergesindel. Eurem Sohne habt Ihr gestattet, ein Mädchen ohne Heller und Pfennig, eine wahre Bettlerin zum Weibe zu nehmen. Euer hübsches Vermögen habt Ihr an den Bettelbuben, den Anton, weggeworfen. Ihr wußtet Euer eigenes Vermögen nicht zu verwalten, wie solltet Ihr fremdes Eigenthum und das Interesse des Fürsten gut besorgen? Geht, geht, mit Euch ist nichts anzufangen. Ich hoffe, wir werden bald wenig mehr mit einander zu thun haben und Ihr sollet mir bald gar nicht mehr unter die Augen kommen.“
Der Förster ging. „Hum, dachte er auf dem Heimwege, der Oberförster mag sagen, was er will. Meine Waldungen sind in der besten Ordnung. Er kann, so abgeneigt er mir auch ist, mir nichts anhaben. Ich lasse es darauf ankommen.“ Er sagte indessen zu Hause den Seinigen von allem, was der Oberförster gesagt hatte, nichts, um sie nicht ohne Noth zu betrüben.
Allein bald darauf, da der alte Mann eben aus dem Walde zurückgekommen war und in seinem Lehnsessel ausruhte, trat ein Bothe in die Stube, und überreichte ihm ein Schreiben vom Oberforstamte. In dem Schreiben stand: Der bisherige Förster Grünewald sey vermög höchsten Befehls, wegen Altersschwäche und davon herrührender Unfähigkeit, seines Dienstes entlassen und der Forst bis zur Wiederbesetzung einstweilen dem benachbarten Förster zu Waldenbruch zur Verwaltung übergeben worden. Von einem Ruhegehalt für den verdienten alten Mann, von einer andern Anstellung seines Sohnes war keine Rede. Nur wurde noch bemerkt, der abgekommene Förster solle sich von dem Augenblick an, da er dieses Schreiben erhalte, nicht mehr unterstehen, im Walde einen Schuß zu thun oder sich auch nur mit einem Gewehre blicken zu lassen, bey Strafe, daß es ihm abgenommen werde.
Der alte Förster öffnete das Schreiben und ward sehr bestürzt; seine Hand zitterte, in der er es hielt. Indessen faßte er sich wieder und las den Seinigen, die in der Stube mit allerley Arbeiten beschäftigt waren, das Schreiben laut vor. Die alte Försterin und ihre zwey Töchter wurden bleich vor Schrecken. Der junge Förster glühte vor Zorn über die Bosheit des Oberförsters. Die junge Försterin stand eine Weile sprachlos da und fing dann an, laut zu weinen. Ihre Kinder, die in der Stube spielten, und die Mutter weinen sahen, weinten auch. Es entstand ein allgemeiner Jammer. Nur der alte ehrwürdige Förster stand ruhig in ihrer Mitte, und sprach: „Vergeßt nicht, daß der alte Gott noch lebt. Du, Großmutter, höre zuerst auf zu weinen, und gieb unsern Kindern und Enkeln ein Beyspiel von Vertrauen auf Gott. Gegen seinen Willen können böse Menschen uns nicht schaden. Diese Prüfung kommt von Ihm; sie wird uns einmal zu unserm Besten gereichen. Also Muth gefaßt! Gott ist unser mächtiger Beschützer. Er verstoßt uns nicht, wenn uns auch alle Welt verstoßen sollte. Er, der gute, reiche Vater wird es uns, seinen Kindern, nie an Brod fehlen lassen. Auf Ihn wollen wir vertrauen und unverzagt und getrost seyn.“
„Indeß, fuhr er fort, will ich nichts von dem unterlassen, was ich thun kann. Ich reise Morgen des Tages zum Fürsten. Er ist so edelmüthig, als sein hochseliger Vater. Er wird mich hören, so überhäuft er auch jetzt, bald nach dem Antritte seiner Regierung, mit Geschäften seyn mag. Er ist gerecht; er wird nicht zugeben, daß man einen alten Diener, der dem Fürstenhause über vierzig Jahre treu und redlich diente, so ohne Weiters mit Weib, Kindern und Enkeln dem Mangel und dem Hungertode preis gebe. Du, Christian, mußt mich begleiten. Wir können ja jetzt beyde abwesend seyn, ohne den Oberförster um Urlaub zu bitten. Wir machen die Reise zu Fuß; das Reiten oder Fahren wäre für unsre jetzigen Umstände zu kostbar; ist auch gar nicht nothwendig. Die nöthigen Kleidungsstücke für die Reise finden in unsern Jagdtaschen wohl Platz. Macht nur Anstalt, daß Morgen frühe alles bereit sey.“
Der alte Förster war am folgenden Morgen schon vor Anbruch des Tages aufgestanden und weckte seinen Sohn. „Es wird mir zu lange, auf den Tag zu warten, sagte er; es ist ja Mondschein und wir kennen alle Wege. Laß uns gehen!“ Die alte Försterin legte die grüne, goldbordirte Uniform hübsch zusammen, und schlug ein reines Leinentuch darüber, um sie bequemer in die Jagdtasche zu packen. Katharine brachte Weißzeug und einige Lebensmittel für die Reise. Die junge Försterin und Luise machten das Frühstück zurecht und kamen damit in die Stube. Die Kleinen schliefen noch. „Und bis wann gedenkst du denn wieder zurück zu kommen?“ fragte die alte Försterin ihren Mann. „Das weiß ich selbst noch nicht genau, sprach er; vor acht Tagen schwerlich.“ „Morgen über vierzehn Tage ist der heilige Weihnachtsabend, sagte die alte Försterin; bis dahin kommst du doch gewiß?“ „Wills Gott, morgen über acht Tage, sagte der Förster. Uebrigens gehe es, wie es will, den heiligen Weihnachtsabend muß ich mit Euch feyern.“ „Gott gebe, in Freuden!“ sagte die Försterin. „Bethet indessen, sagte der Förster noch, und vertraut auf Gott. Er wird machen, daß die Sachen gehen, wie es heilsam ist.“ Alle begleiteten die zwey Männer unter die Hausthüre. Es war noch völlig Nacht und man sah noch nicht das Geringste von der Morgenhelle. Sie gingen indessen in der kalten schauerlichen Dezembernacht getrost weiter.
Alle im Hause waren nun um die lieben Reisenden, besonders um den alten Vater sehr besorgt. Die ersten acht Tage wußten sie sich zwar immer zu trösten. Als aber weiterhin ein Tag nach dem andern verging und die Witterung höchst unfreundlich und stürmisch wurde, und es fast unaufhörlich regnete, wurden sie sehr unruhig. „Ach, sprachen sie, der Christian, so rüstig er ist, wird genug auszustehen haben; wie aber wird der alte Vater durchkommen?“ Die zwey Kinder des jungen Försters liefen alle Augenblicke vor die Hausthüre, um zu sehen, ob der Vater und der Großvater denn noch nicht kämen.
So verfloßen zu den ersten acht Tagen noch acht Tage in Kummer und Sorgen. Ueberdieß hatte bald nach der Abreise der beyden Förster ein Jägerbursch des Oberförsters ein amtliches Schreiben gebracht. Die Försterin getraute sich zwar nicht, es zu öffnen; allein sie fürchtete, daß es nichts Gutes enthalte. Denn der Jägerbursch hatte noch mündlich mit höhnischer Miene gesagt: „Es ist toll, daß der alte Mann mit seinem jungen Brausekopf in die Residenz lauft. Der Herr Oberförster ist seiner Sache gewiß. Sie richten sicherlich nichts aus und kehren mit Schand und Spott zurück.“ Alle im Hause betheten indeß täglich, Gott wolle die beyden Reisenden bey dem Fürsten ein gnädiges Gehör finden lassen und sie glücklich wieder nach Hause führen! Auch die Kinder betheten ungeheißen mit.
Siebentes Kapitel.
Wie es mit dem Förster weiter gegangen.
Unter diesen traurigen Umständen brach der heilige Weihnachtsabend an. Es wurde heute früher Nacht als sonst. Denn der ganze Himmel war mit schweren Wolken bedeckt. Der Sturmwind brauste durch die alten Eichen und die schwankenden Tannen des Waldes. Es schneyete und regnete sehr heftig und die Dachrinne rauschte gleich einem Regenbach, der von einem Felsen stürzt. „Ach Du mein Gott, sagte die alte Försterin, nachdem sie lange zum Fenster hinaus gesehen hatte, sie kommen noch nicht. Wenn sie heute, am heiligen Christabende, ausbleiben, so ist ihnen sicherlich ein Unglück begegnet. Mir ist ganz unaussprechlich bange. Es ist ja ein Wetter, man sollte keinen Hund vor die Thüre jagen, und die Wege sind zum Versinken schlecht. Ach, wenn sie nur wieder da wären, gehe dann alles Uebrige, wie es wolle!“
Sie öffnete wieder das Fenster, sah hinaus und rief: „O Gottlob, nun kommen sie!“ Alle eilten ihnen vor die Hausthüre entgegen; alle fragten: „Nun, wie ist es in der Stadt gegangen?“ „Ich hoffe, es soll noch alles gut gehen! sagte der alte Förster. Ihr werdet aber unsertwegen Kummer gehabt haben. Wir blieben lange aus. Allein ich war auf der Reise nicht ganz wohl, und konnte nicht mehr weiter; und da es wieder besser ging, waren von dem vielen Regen die Flüße und Bäche so angeschwollen, daß wir noch einige Tage aufgehalten wurden. Nun Gottlob, daß wir wieder da sind!“ Er trat in das Haus, kleidete sich um, und setzte sich in seinen Lehnsessel an den wärmenden Ofen. Die alte Försterin brachte eine Flasche Wein, zwey Gläser und die brennende Oellampe. „Erquickt euch doch beyde ein wenig, sagte sie, indem sie einschenkte; ihr werdet es beyde sehr nöthig haben. Das Essen wird bald fertig seyn.“ „Wohl! sprach der Förster, beym Scheine des hellen Oellichtes umher schauend; es ist doch gut, wieder zu Hause zu seyn, unter den lieben Seinigen, wo man lauter freundliche und fröhliche Gesichter um sich erblickt.“
Der junge Förster hatte aber indeß seiner Frau im Vertrauen gesagt: „O, es steht gar nicht gut; wir kommen wahrscheinlich um den Dienst.“ Diese erschrak sehr, und sagte es heimlich den übrigen. Der alte Förster sah, wie sich auf einmal alle Gesichter verfinsterten, und von Schrecken und Angst zeigten. „Hat Christian schon geplaudert? sagte er; je nun, es ist da nichts zu verhehlen. Ihr sollet alles hören; doch werdet mir nicht zu traurig. Es ist uns ja heute Nacht ein Erlöser geboren; über dieser großen Freude müssen wir unsere kleinen Erdensorgen vergessen; wenigstens sie uns nicht zu sehr zu Herzen nehmen.“ —
„Als wir, sprach er hierauf, Abends spät in der Residenz ankamen, ging ich noch zu dem alten Forstrath Müller. Er ist ein sehr biederer Mann, dachte ich; er war vor alten Zeiten mein Oberförster und immer mein Freund. Die übrigen Räthe, die mich kannten, sind alle todt oder in Ruhe versetzt. Wiewohl auch er sich Alters halber von Geschäften zurück gezogen hat, so kann er mir doch den besten Rath geben.“ So dacht’ ich. Der edle Mann nahm mich auch in der That mit großer Herzlichkeit auf. Ich sagte ihm mein Anliegen. Er sprach: „Sie haben an dem Oberförster einen sehr schlimmen Feind, der dahier mächtige Freunde hat. Er will Ihren Dienst einem jungen Menschen, der sein Bedienter war, zuschanzen und sendet immer die nachtheiligsten Berichte über Sie und Ihren Sohn ein. Ich fürchte sehr, er dringe durch, und bringe den guten Christian um das väterliche Brod.“ „Ach, sagte ich, es wird ja nicht so weit kommen! Indeß bin ich Willens, selbst zum Fürsten zu gehen.“ „Thun Sie das, sagte der Forstrath. Ich gehe mit. Indeß kommen Sie eben jetzt zu der ungelegensten Zeit. Der Herr hat zu viele Geschäfte. Sie werden kaum vorkommen. Auch zu dem obersten Forstmeister und den Forsträthen müssen Sie gehen. Allein ich fürchte, da finden Sie keine gute Aufnahme. Herr von Schilf hat sie alle ganz verblendet.“ Ich fand auch, daß der Forstrath vollkommen Recht hatte. Ich machte manchen sauren Gang. Der oberste Forstmeister nahm mich sehr kalt auf und fertigte mich kurz ab. Die andern Räthe behandelten mich nicht viel besser; ich sah nur finstere Gesichter und mußte manche harte Rede anhören. Bey dem Fürsten aber wurde ich, da der oberste Forstmeister eben um ihn war, gar nicht vorgelassen. Der Oberförster wußte mich und den Christian sehr schlau zu verleumden. Ich mag euch dieß jetzt nicht ausführlich erzählen; es betrifft ohnehin Geschäfte, die ihr nicht versteht. Alles, was wir hoffen können, ist eine Untersuchung; allein es ist zu fürchten, daß sie in solche Hände kommen werde, von denen wir wenig Gutes zu erwarten haben. — Doch diese Gespräche machen uns zu traurig, und heute Abend sollten alle Menschen in der ganzen Christenheit fröhlich seyn. Es ist ja der heilige Weihnachtsabend; wir wollen der Geburt unsers Erlösers gedenken. Das wird unsern trüben Sinn erheitern.“
Er richtete seine Blicke auf das Gemälde von der Geburt Jesu, das Anton einst geschickt hatte. Es hing in der Stube an jener Stelle, wo vorhin der Spiegel gehangen, und war, damit es nicht Schaden nehme, mit einem Flor verhüllt. Die kleinen Enkel des alten Försters, zwey liebliche Kinder, Franz und Klara, hatten sich schon seit mehreren Wochen auf die Feyer des heiligen Weihnachtsabend gefreut. Sie sprangen auf und trockneten sich schnell die Thränen von ihren erheiterten Gesichtchen. „Großmutter, sagte der kleine Franz, nimm den Flor weg von dem Bilde und zünde, wie im vorigen Jahr, die Kerzen an, damit man es auch recht sehe.“ „Und du, Großvater, sagte die kleine Klara, hole deine Harfe; wir wollen unser Weihnachtsliedchen singen, das uns die Mutter gelehrt hat.“
„Nun wohl, sprach der Förster; wir wollen ein Weihnachtslied singen. Doch, sagt zuvor noch, hat sich, während wir fort waren, nichts besonders ereignet?“ „Nichts, sagte die alte Försterin; nur ist leider, bald nach eurer Abreise, wieder ein Schreiben von dem Oberforstamte angekommen. Was es wohl seyn mag!“ Sie reichte ihm das Schreiben verschlossen hin. Er öffnete es — erblaßte — und sagte mit einem Blick zum Himmel: „Nun, Herr, dein Wille geschehe!“ Alle schauten erschrocken und erwartungsvoll auf ihn. „Was ist es denn?“ fragte die Großmutter. „Wir sollen aus diesem Hause fort, sagte er; ja wir sollten schon fort seyn. Der Oberförster befiehlt in diesem Schreiben, das Försterhaus müsse längstens bis zum Weihnachtsabende geräumt und gereiniget seyn, damit der neue Förster auf die Weihnachtsfeyertage einziehen könne. Er droht, wenn wir ihm nicht gehorchen würden, uns durch die Amtsdiener abführen zu lassen. Mich wundert, daß sie noch nicht da sind; wir sind keinen Augenblick sicher, daß sie uns aus dem Hause werfen.“
„Ach Gott! rief die junge Försterin, jetzt, in dieser fürchterlich stürmischen Nacht! Hört ihr, wie draußen der Sturmwind braust? Wie es regnet? Wo werden wir gegen Sturm und Regen ein Obdach finden!“ Sie sank auf einen Sessel und umfaßte ihre zwey Kinder. „Guter Gott, seufzte sie, ach erbarme Du Dich dieser Unschuldigen!“ Der junge Förster stand mit gefalteten Händen sprachlos vor ihr, und blickte sie und seine zwey Kinder mit Augen voll Thränen an.
„O Du mein Gott, sagte die Großmutter schluchzend und die Hände ringend, in unsern alten Tagen mit Kindern und Enkeln aus dem Hause vertrieben zu werden, in dem ich gebohren bin, in dem mein Vater und mein Großvater lebten — ach, es ist schrecklich! Guter Gott, laß mich in diesem Hause, in dem ich geboren ward, vollends absterben.“
Katharine weinte stille Thränen; Luise stand zitternd und bebend da, wie ein Lamm, das man schlachten will. Der alte Förster aber mit seinem ehrwürdigen Angesichte, der hohen kahlen Stirne und den grauen Seitenlocken, blickte lange schweigend zum Himmel, und sprach dann ruhig und gefaßt: „Ja, meine liebsten Kinder, es ist an dem, daß wir dieses Haus verlassen müssen. Ich weiß keinen Menschen, der uns alle zugleich in sein Haus aufnehmen könnte. Wir werden jetzt wohl von einander getrennt werden. Ich hoffte zwar, in eurer Mitte ein ruhiges Alter zu genießen — hoffte, ihr würdet, so wie ihr jetzt um mich versammelt seyd, in diesem Hause einst alle an meinem Sterbebette stehen. Gott beschloß es anders — wir wollen uns in seinen heiligen Willen ergeben.“
Er blickte auf seine Enkel und sprach weiter: „Unser Herz regt sich, wenn wir diese weinenden Kinder betrachten. Gott hat noch ein liebvolleres Vaterherz gegen uns. Schickt Er ein so schweres Leiden über uns, so hat Er gewiß die weisesten Absichten dabey. Auch diesen Jammer wird Er zu unserm Besten lenken. Wenn es einmal auf das Aeußerste gekommen, muß es wieder besser gehen. Die Alten sagten ja aus wohlbewährter Erfahrung: Ist die Noth am höchsten, so ist Gottes Hülfe am nächsten. — Wir haben in dieser Stube viele Weihnachtsabende in Freuden zugebracht, laßt uns auch den Einen traurigen von Gottes Hand willig annehmen.“
„Du hast recht, liebster Mann! sagte die alte Försterin; wir wollen alles Gott überlassen und in unserm großen Jammer getrost seyn. Ach, ich dachte oft daran, wie es Marien seyn mußte, als sie nicht nur in dem Stalle übernachten mußte, sondern bald darauf ihre Wohnung bey dunkler Nacht — wie jetzt wir — gar verlassen, und mit ihrem göttlichen Kinde fortziehen sollte in ein anderes Land. O so groß ihr Glauben, ihr Vertrauen war, ich denke doch, daß ihr, wo nicht um ihrer selbst, doch um ihres Kindes willen, Thränen in die Augen traten! Ich weiß, was es um ein Mutterherz ist! Ihre Leiden waren gewiß herzzerschneidend. Jeder Mensch auf Erden aber muß in ähnliche Lagen kommen. Gott läßt keines seiner Kinder ungeprüft. Jene alten Geschichten werden auf eine gewisse Art an uns erneuert. Allein Derjenige, Der Marien, in dem armen Stalle und auf ihrer traurigen Flucht, tröstende Freunde und leitende Engel zuschickte, wird auch uns nicht ohne Trost lassen. Er wird zu rechter Zeit Hülfe schicken.“
Nun wurde mit einem Male an der Hausthüre geklopft. „Jetzt kommen sie, sagte der alte Förster, und werden uns aus dieser Stube vertreiben.“ Der Förstersohn fuhr auf, blickte nach seinem Gewehr, und rief: „Das sollen sie sich nicht unterstehn, meine grauen Aeltern, mein liebes Weib, meine Kinder, meine Schwestern aus dem Hause zu werfen. Den Ersten, der an sie Hand anlegt, den — —“
„O nein, nein, mein Sohn, sprach der alte Vater, sprich diese schrecklichen Worte, die du auf der Zunge hast, nicht vollends aus. Keine Widersetzlichkeit; nichts von unrechtmäßiger Gewalt! Gott ist über uns und ihnen. Er allein ist unser Schutz und unsre Zuflucht. Wenn unsre Bitten und Vorstellungen über diese Männer, die uns zu vertreiben kommen, nichts vermögen, so gehen wir willig aus dem Hause, und flüchten uns, bis die Nacht vorüber ist, in jene Höhle des Waldes, in der wir bey stürmischer Witterung auf der Jagd oft eine Zuflucht gefunden. Ach, sprach er, indem er aus seinem Lehnsessel aufstand, ich wollte, ein jedes aus euch könnte mit mir altem, vielgeprüftem Manne sagen:
Um mich hab’ ich mich ausbekümmert,
Und alle Sorg’ auf Gott gelegt,
Würd’ Erd’ und Himmel auch zertrümmert,
So weiß ich doch, daß Er mich trägt;
Und hab’ ich meinen treuen Gott,
So frag’ ich nichts nach Noth und Tod.“
Achtes Kapitel.
Ein unerwarteter Besuch.
Indessen wurde wiederholt geklopft, und noch stärker, als zuvor. „Geh, Christian, sagte der alte Förster, und öffne die Thüre.“ Christian ging. Nach einigen Augenblicken trat ein schöner, ansehnlicher Herr, den sie nicht kannten, in einen dunkelgrünen Mantel gehüllt und mit einer Pelzmütze bedeckt, zur Thüre herein. „Das ist der neue Förster!“ dachten alle mit erschrockenen Herzen. Der Unbekannte schien aber selbst erschrocken, so viele rothgeweinte Augen und schreckenblasse Angesichter zu sehen. Er nahm seine Mütze ab, stand einige Augenblicke still und sagte: „Kennen Sie mich denn nicht mehr?“ „Ach Gott, rief Luise, es ist Anton!“ „Anton! rief Katharine, ists möglich?“ „Was fällt euch ein, sagte die alte Mutter; dieser Herr da ist ja viel größer und stärker als Anton.“ „Wahrhaftig, er ist es, sprach Christian, es ist Anton! Um des Himmels willen, Bruder, wie kommst du hieher? Ich hätte dich in Rom gesucht, mehrere hundert Stunden von hier!“ Der alte Vater rieb sich die Augen, als traute er ihnen nicht, trat langsam näher, eilte aber plötzlich mit weitausgestreckten Armen auf Anton zu, schloß ihn in die Arme und konnte nichts mehr sagen, als: „O mein Sohn Anton!“ Sie umarmten sich lange und innig. Nun grüßte Anton seine ehrwürdige Pflegmutter, seine Geschwister, Christian, Katharinen und Luisen, voll der herzlichsten Freude des Wiedersehens. Auch die junge Försterin und ihre Kinder, die er das erste Mal sah, grüßte er mit großer Freude und Herzlichkeit. So tief betrübt alle noch vor wenigen Augenblicken waren, so hoch erfreut waren jetzt alle. Die unerwartete Freude hatte alle Traurigkeit verscheucht, wie die aufgehende Sonne die nächtlichen Schatten zerstreut.
Jetzt aber fing die alte Mutter an: „Ach Anton, du findest uns in sehr traurigen Umständen. Du hast ja unsere Thränen noch gesehen, als du in die Stube herein kamest. Ach, laß dir unsern Jammer doch erzählen.“ „Ich weiß alles, sprach Anton; seyen Sie aber vollkommen ruhig, liebste Aeltern! Ihre Angelegenheiten stehen aufs Beste. Ich komme eben vom Fürsten. Er grüßt Sie, liebster Vater, auf das freundlichste.“
„Mich? rief der alte Vater? Wie kamst du zum Fürsten? Das begreife ich nicht. Wahrhaftig, ich fürchte, dieses alles ist nur ein glücklicher Traum.“
„Nein, sprach Anton, nichts weniger als ein Traum, sondern die gewisse Wahrheit. Setzen Sie sich einmal in Ihren Lehnsessel, liebster Vater, und Sie, liebste Mutter, nehmen Sie hier Platz, und lassen Sie sich alles ausführlich erzählen.“ Er legte seinen Mantel ab und holte noch ein Paar Sessel herbey. Die erfreuten Pflegältern nahmen ihn in ihre Mitte. Alle übrigen standen umher und sahen voll Verwunderung und Erwartung auf ihn. Anton erzählte:
„Unser jetziger gnädigster Fürst war, wie Sie wissen, noch vor Kurzem als Erbprinz in Italien. Da wurden nun einmal zu Rom die Gemälde junger Künstler zur Schau ausgestellt. Er ging hin, und unter den vielen Gemälden gefiel ihm eines ganz vorzüglich. Man sagte ihm, ein junger Mahler aus seinem Fürstenthume, Anton Kroner, habe es gemahlt. Der Prinz ließ mich rufen, lobte mich sehr und war gegen mich ganz ungemein gnädig. Er fragte mich, was ich für das Gemälde fordere, und bezahlte mir mit fürstlicher Großmuth viel mehr, als ich verlangt hatte. Da er die berühmtesten Gemälde zu Rom sehen wollte, so mußte ich ihn öfter begleiten, durfte neben ihm in seinem Wagen sitzen, ja sogar einige Male bey ihm speisen. Nun wurden zu Rom mehrere alte Gemälde von ganz vorzüglicher Schönheit zum Verkauf ausgebothen. Der Prinz fuhr mit mir hin, sie zu besehen. Er fragte mich bey jenen Stücken, die ihm besonders gefielen, um meine Meynung, und beschloß sie zu kaufen. Es war ein Tag bestimmt, an dem sie öffentlich sollten versteigert werden. Der Prinz konnte aber nicht mehr so lange bleiben; er mußte nach Hause reisen, und die Regierung übernehmen. Er gab mir daher den Auftrag, die Gemälde zu kaufen, und dafür zu sorgen, daß sie ihm sicher und unbeschädigt überliefert würden. Er bestimmte, wie viel ich im äußersten Falle für die Gemälde geben dürfte, und wies mir eine Summe Geldes an. Dieser für mich so ehrenvolle Auftrag lag mir nun sehr am Herzen. Ich war auch so glücklich, die Gemälde für eine bedeutend geringere Summe, als er mir gestattet hatte, zu erhalten. Da ich bereits alles, was für einen Mahler in Italien vorzüglich sehenswerth ist, gesehen hatte, und da eben ein Schiff zum Absegeln bereit lag, so schiffte ich mich sammt den Gemälden ein. Ich kam mit meinem kostbaren Schatze glücklich an das Land. Da miethete ich nun für die Gemälde einen besondern Wagen, und fuhr, damit sie ja keinen Schaden nehmen möchten, selbst mit, bis wir auf dem Wagen zusammen in der Residenz anlangten. Ich eilte sogleich nach Hofe und ließ mich melden. Der Fürst war eben von der Mittagstafel aufgestanden und befand sich in seinem Kabinette. Ich kam sogleich vor. „Nun, willkommen in Deutschland, sprach der Fürst sehr freundlich; was bringen Sie mir Gutes aus Italien?“ „Die Gemälde, sagte ich, die ich Eurer Durchlaucht höchstem Befehle gemäß gekauft habe.“ „Nun, sprach der Fürst, und wie viele davon?“ „Alle!“ sagte ich. „Alle!“ rief er sehr erfreut; „das ist ja ganz vortrefflich.“ Er gab sogleich Befehl, daß die Bilder ausgepackt und aufgestellt würden. Ich legte auch mit Hand an. Alle waren vollkommen unbeschädigt. Der Fürst war in seinem größten Vergnügen. Denn er ist nicht nur ein Liebhaber, sondern auch ein Kenner von Gemälden. Ich überreichte ihm die Quittungen für die bezahlten Gemälde. „Die Summe, sprach er, beträgt ja ein Merkliches weniger, als ich Ihnen gestattete.“ Ich sagte: „Eure Durchlaucht wollen befehlen, wo ich das übrige Geld abzugeben habe.“ „Ach, sagte er sehr gnädig, davon kann keine Rede seyn. Ich bin Ihnen Dank schuldig. Wenn Sie mit mir zufrieden sind, so bin ich es mit Ihnen noch viel mehr. Doch — Sie sind müde von der Reise und haben sich mit Auspacken noch mehr abgemattet. Sie bedürfen der Ruhe.“ Er befahl, mir ein Zimmer in der Residenz anzuweisen.
Als ich Abends in meinem Zimmer saß, fiel mir plötzlich ein, den alten Forstrath Müller zu besuchen. Er war ja, außer dem Fürsten, der einzige Mann, den ich in der Residenz kannte, und ich erinnerte mich sehr wohl, wie er ehemals als Oberförster Sie, bester Vater, öfter besuchte und mit Ihnen in der herzlichsten Freundschaft lebte. Er fragte mich, wie ich hieher komme. Ich sagte es ihm. „Sie kommen zur glücklichsten Stunde!“ sprach er, und fing nun sogleich an, mir zu erzählen, wie es Ihnen, liebster Vater, gehe, wie viel Verdruß Ihnen der Oberförster mache, wie Sie deßhalb selbst in die Residenz gekommen, wie Sie aber einige Tage vor meiner Ankunft unverrichteter Sache wieder abgereiset wären. Ich wollte sogleich wieder zum Fürsten. „Nicht doch! sagte der Forstrath, das geht nicht. Morgen frühe müssen Sie um eine besondere Audienz bitten. Ich werde Sie begleiten. Die Sache ist jetzt schon so vorbereitet, daß wir ein geneigtes Gehör finden werden.“ Wir wurden am folgenden Morgen sehr bald vorgelassen. Ich fing sogleich von Ihnen an, und redete mit großem Eifer. Ich erzählte, wie ich in Ihr Haus gekommen, und was Sie alles an mir gethan haben. Ich war sehr ausführlich. Der Forstrath sagte einige Male: „Zur Sache, zur Sache!“ Der Fürst aber lächelte nur und sagte: „Lassen Sie! Die Dankbarkeit des guten Sohnes gegen seine alten Pflegältern gefällt mir. Wir werden ja am Ende finden, wo das alles hinaus will.“ Ich kam nun auf den Herrn von Schilf und sagte es gerade zu, warum er Ihnen so aufsäßig sey, und daß er als ein Wilddieb in das Zuchthaus gekommen wäre, wenn der hochselige Fürst nicht zu gnädig gewesen wäre. „Nicht doch, sagte der Forstrath ernsthaft zu mir, Sie vergessen den schuldigen Respekt. Fürsten können kaum zu gnädig seyn. Der Oberförster war damals ein junger Mensch, und es konnte deßhalb immer einige Schonung eintreten.“ „Nur weiter, nur weiter!“ sagte der Fürst zu mir. Ich zeigte ihm nun die Briefe, die Sie, liebster Vater, mir nach Italien geschrieben. Ich hatte sie noch in der Nacht aus meinem Koffer hervor gesucht. Da ist auch nicht ein einziger darunter, in dem nicht für den Durchlauchtigen Erbprinzen, der mit mir damals in einem Lande lebte, die besten Segenswünsche enthalten wären. Der Fürst las nicht nur die Stellen, die ich ihm zeigte, sondern, nachdem er mich zuvor, mit zu vieler Gnade, um Erlaubniß gefragt hatte, die ganzen Briefe. „Nun wohl, sprach er, ich erinnere mich jetzt, daß Sie mir schon in Italien von dem wackern Manne gesagt haben; ein Mann, der so schreibt und einen so guten Sohn erzog, kann kein schlechter Mann seyn.“ „Deßhalb, sagte ich, müssen Eure Durchlaucht den Oberförster bestrafen, und dem Sohne des Försters den väterlichen Dienst geben.“ Der Forstrath blickte mich unwillig an und sagte: „Spricht man denn auch einmal so mit dem gnädigsten Herrn.“ Der Fürst sprach aber mit Lächeln: „So schnell geht es freylich nicht, wie Sie meinen, junger Mann. Ich muß den Oberförster erst auch hören.“ Er winkte den Forstrath an ein Fenster und redete einige Zeit besonders mit ihm. Der Forstrath setzte sich hierauf und schrieb. Der Fürst sagte aber zu mir: „Seyen Sie ruhig, es wird recht werden.“
Er redete nun, während der Forstrath schrieb, mit mir von Gemälden. „Mein seliger Vater, sagte er, hat mir eine ganz artige Sammlung hinterlassen. Ich bin begierig, was Sie dazu sagen. Indeß müssen alle Gemälde wieder in bessern Stand gesetzt werden. Diese Arbeit übertrag ich hiemit Ihnen. Wollen Sie das Geschäft übernehmen?“ „Mit dem größten Vergnügen, sagte ich; aber erst nach den Weihnachtsfeyertagen. Am heiligen Weihnachtsabende habe ich meine ehrwürdigen Pflegältern das erste Mal gesehen; an dem Weihnachtsabende muß ich sie wieder sehen; besonders da sie in einer so traurigen Lage sind, und ich ihnen erfreuliche Nachrichten bringen kann.“ „Das ist nicht mehr als billig!“ sagte der Fürst. Der Dankbarkeit gegen Aeltern will ich gerne nachstehen.“
Der Forstrath war indessen mit Schreiben fertig geworden und überreichte dem Fürsten das Blatt. Der Fürst unterzeichnete es. „Grüßen Sie mir Ihren guten Pflegvater, sprach er zu mir, und sagen Sie dem braven, alten Manne, er solle außer Sorgen seyn.“
„Aber wie frey Sie doch mit dem Fürsten sprachen, sagte der Forstrath, indem er mich auf mein Zimmer begleitete. Ich wehrte Ihnen immer, aber Sie achteten nicht darauf. Nun, Ihrer Liebe zu Ihren Pflegältern ist dieses zu verzeihen. Auch finde ich, der geradeste Weg ist immer der kürzeste.“ Ich fragte nun den Forstrath, was der Fürst mit ihm gesprochen und was er ihm zu schreiben befohlen. Nach vielem Bitten gestand er mir endlich, der Fürst habe gesagt: „Bald hätte man mich zu einer Ungerechtigkeit verleitet. Dort liegt ein Dekret, in dem an die Stelle des alten Försters ein andrer Mann ernannt wird. Ich fand jedoch einige Bedenklichkeiten dabey und habe, so sicher man auch darauf rechnete, es noch nicht unterzeichnet. Ich werde nun die Sache zuvor noch gründlicher untersuchen.“ Was der Forstrath schreiben mußte, war ein besonderer Befehl an den Oberförster, ohngefähr dieses Inhalts: „Seine Durchlaucht hätten mit allergrößtem Mißfallen vernommen, wie unwürdig der Oberförster den würdigen Förster Grünewald behandle; der Oberförster erhalte hiemit die geschärfteste Weisung, bis auf weiters weder den alten Förster noch dessen Sohn im Geringsten zu beunruhigen.“ Den Befehl mußte der Forstrath sogleich durch eine Staffete absenden. „Denn, hatte der Fürst gesagt, es liegt mir sehr daran, dem alten ehrlichen Manne, sobald möglich, Ruhe zu verschaffen.“ Der Forstrath gab mir nun noch auf, Sie zu grüßen und Ihnen zu sagen: „Die Untersuchung, die der Fürst anordnen werde, falle zuverläßig zu Ihrem Besten aus, und Ihr Sohn erhalte sicher den Försterdienst.“
Der alte Förster wischte sich, so wie alle übrigen, während dieser Erzählung öfter die Augen. Jetzt stand er auf, umarmte Anton, nahm den Flor von dem Gemälde der Geburt Jesu hinweg, blickte dankend zum Himmel, und rief: „Nun laßt uns in den Lobgesang der Engel einstimmen: Ehre sey Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind.“
Neuntes Kapitel.
Der Weihnachtsbaum.
Nachdem Anton seine Erzählung geendet hatte, erkundigte er sich sehr angelegentlich nach dem Befinden seiner lieben Aeltern. Er hatte nicht ohne Schmerzen bemerkt, wie sehr beyde seit seiner Abreise gealtert hatten. Ihre grauen Haare und ihre vielen Falten preßten ihm beynah Thränen aus. Indeß ließ er sich davon nichts merken, um sie nicht zu betrüben. Gar sehr mußte er sich hingegen verwundern, seine Geschwister, Christian, Katharine und Luise nun in der vollen Blüthe des Lebens zu erblicken. Er rief Christians beyde Kinder freundlich herbey. „Mein Gott, sagte er, so verfließt die Zeit! Ach, vor achtzehn Jahren waren Christian, Katharine und ich Kinder wie diese hier; Luise noch kleiner. Jetzt sind diese Kinder in unsre Stelle eingerückt.“ Er betrachtete die zwey Kinder mit Wohlgefallen. „Nun, sprach er, habt ihr aber auch eure Weihnachtsgeschenke schon bekommen?“ „Ach nein; sagte der kleine Franz. Der Oberförster hat uns den Spaß verdorben; er ist ein rechter Herodes.“ Die Mutter verwies ihm diese Rede. Die kleine Klara sagte: „Anton, dich hat gewiß ein Engel hieher geschickt. Hast du uns aber auch ein Weihnachtsgeschenk mitgebracht?“ „O ja wohl,“ sagte er, ich habe eurer nicht vergessen. Nur müßt ihr warten, bis meine Kutsche nachkommt. In dieser ist alles.“ Die Kinder gaben sich zufrieden.
Hierauf wurde das Abendessen aufgetragen. Es wurde aber mehr geredet, als gegessen. Nach Tische verlangten die Kinder in das Bett. Alle übrigen blieben aber noch bey einander auf. „Den lieben Kleinen, sagte Anton, müssen wir morgen frühe noch eine besondere Freude machen. Wir müssen ihnen einen Weihnachtsbaum zurichten. Denn wie in einigen Gegenden die Krippe, so ist in andern der Weihnachtsbaum Sitte. Christian muß sich aus Liebe zu seinen Kindern schon bequemen, noch diese Nacht aus dem nahen Walde eine junge Tanne zu holen. Das Nöthige, den Baum zu schmücken, bringe ich mit. Ich habe meinen Kutscher, dessen Pferde fast erlegen waren, in Aeschenthal zurückgelassen, und bin auf dem Fußsteig über alle Berge hieher geeilt; morgen frühe aber vor Anbruch des Tages wird die Kutsche mit meinem Koffer und übrigem Gepäcke hier eintreffen.“
Am folgenden Morgen, sehr frühe, da die Kinder noch süß und sanft schliefen, waren schon alle Erwachsene im Hause mit Aufstellung und Ausschmückung des Weihnachtsbaumes beschäftigt. Ein junger schöner Tannenbaum mit dichten grünen Aesten wurde in der Stubenecke zwischen den Fenstern angebracht. Anton öffnete, nachdem die Kutsche abgepackt war, eine große Schachtel, die fast mit allem, was Kinder freuen kann, gefüllt war. Er hängte die kleinen Geschenke — schönes Obst, allerley buntes Zuckerwerk, niedliche Körbchen voll verzuckerter Mandeln, Kränze von künstlichen Blumen mit rosenfarbenen oder himmelblauen Bändern geziert, nebst allerley flimmernden Spielzeugen an den Baumzweigen auf. Er wußte alles sehr mahlerisch zu ordnen. Nun nahm er auch ein Paar Dutzend kleine blecherne Lampen hervor, die mit Wachs eingegossen waren. Er hängte sie vorsichtig, damit sie den Baum schön beleuchten, aber nicht anbrennen konnten, an den Zweigen auf. Da alles fertig war, gingen Katharine und Luise, die Kinder zu wecken. „Sie dürfen aber nicht früher kommen, sagte Anton, als bis ich mit dem Anzünden der Lampen fertig bin und bis die Mutter ruft.“
Als die Kinder von den Weihnachtsgeschenken hörten, verging ihnen sogleich aller Schlaf. Man konnte sie nicht schnell genug ankleiden. Endlich rief die Mutter: „Jetzt kommt!“ Die Kinder sprangen eilig in die Stube — blieben aber von Glanz und Schimmer geblendet plötzlich stehen. Vor Erstaunen und Entzücken über den unerwarteten Anblick konnten sie Anfangs nicht reden. Sie staunten den wundersam schimmernden Baum mit starren Augen und offnem Munde unverwandt an. Der grüne Glanz der Zweige, die Lichter, die dazwischen wie Sterne schimmerten, die hochroth strahlenden Aepfel, die goldgelben Birnen, die vielen bunten und funkelnden Sachen kamen ihnen wie Zauberey vor. Sie wußten nicht, ob sie wachten oder träumten. Endlich riefen sie höchst entzückt: „O wie schön, o wie herrlich!“ Franz sagte: „Einen solchen Baum, der so schön ist und im Winter so vielerley Früchte trägt, giebts in unserm ganzen Walde nicht.“ „Ey, sagte Klara, solche Bäume wachsen nur im Paradiese, oder gar nur im Himmel. Nicht wahr, Mutter, das Christuskindlein hat uns den Baum geschickt?“ „So, wie er da ist, sprach die Mutter, nun eben nicht. Indeß hat doch Christus, der einst als ein Kind in der Krippe lag und nun im Himmel ist, euch diese Freude beschert. Denn wäre Er uns nicht geboren, so wüßten wir nichts von Weihnachtsfreuden und Weihnachtsgeschenken.“ „Nun gut, sagten die Kinder, wir wollen Ihn schon recht lieb haben und Ihm recht folgen. Er ist doch gar so gut, und hat die Kinder gar so lieb. Eine solche Freude, wie Er uns macht, hatte noch kein Mensch in der Welt.“
Die Großmutter sprach: „Es ist wohl wahr, ein erwachsener Mensch kann kaum eine solche Freude empfinden, wie ihr Kinder. Schuldlose Kinder sind die seligsten Geschöpfe auf Erden; ihre Freuden sind rein und lauter. Gott erhalte euch unschuldig und gut!“ — „Ach, sagte sie zu den übrigen, die Freuden der Erwachsenen werden nur zu oft von Kummer und Sorge, von Ehrsucht, Geiz, andern bösen Leidenschaften, wohl gar von Gewissensbissen verbittert. Darum ist es ein schönes, wahres Wort unsers göttlichen Erlösers: „Wenn ihr euch nicht bekehret und nicht werdet wie die Kinder, so könnet ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“
Der Großvater sagte: „Der Gebrauch mit dem Weihnachtsbaume gefällt mir sehr wohl. Es war klug und weise von unsern Vorältern, daß sie darauf bedacht gewesen, die schönen christlichen Freudenfeste auf mancherley Weise den Kindern zu Tagen der Freude zu machen. Diese kindliche Freude macht ihnen die Festtage des Herrn lieb und werth, und bereitet ihr Herz vor, an der höheren Festfreude, dem Heile, das uns allen geworden, Theil zu nehmen. Von nun an soll in diesem Hause an jedem Weihnachtsfeste den lieben Kleinen immer ein Weihnachtsbaum grünen. Wenn er auch nicht so prächtig geziert seyn sollte, wie dieser, so wird er ihnen doch nicht weniger Freude machen. Es braucht wenig, Kinder zu erfreuen; einige Aepfel, Birnen, vergoldete Nüsse reichen schon hin, wenn man etwa nichts Besseres hat. Auch wird wohl niemand knickern wollen, wenn es darauf ankommt, Kindern eine schuldlose und heilsame Freude zu machen. Ich denke auch, der Weihnachtsbaum kann uns bey der Kinderzucht große Dienste leisten; er kann uns, wenigstens sehr oft, die Ruthe ersparen. Kinder, die einmal einen Weihnachtsbaum gesehen haben, freuen sich gewiß das ganze Jahr wieder darauf, und werden gewiß mehr auf die Worte achten: Wenn ihr nicht gehorcht, bekommt ihr keinen Weihnachtsbaum! — als wenn man ihnen mit Schlägen drohte.“
Die Aeltern und Großältern dankten nun dem Anton für die viele Freude, die er ihren Kindern und Enkeln gemacht hatte. „Es ist eine Kleinigkeit, sagte er, die nicht der Rede werth ist. Indeß muß ich Sie bitten, daß auch Sie einige kleine Weihnachtsgeschenke von mir nicht verschmähen.“ Er schloß seinen Koffer auf, der in einer Ecke der Stube stand. „Diesen Koffer, sagte er, haben Sie mir einst reichlich gefüllt mit auf die Reise gegeben; es ist nicht mehr als billig, daß Sie ihn nicht ganz leer wieder zurück erhalten.“ Er überreichte der alten Försterin kostbares Pelzwerk und Seidenzeug. „Es ist ja die Pflicht guter Kinder, sagte er, ihre alten Aeltern bey der rauhen Jahrszeit warm zu halten.“ Der jungen Frau und den zwey Jungfrauen gab er grünen Tafet zu Kleidern, seidene Halstücher aus Mayland und andern Frauenzimmerputz. Der junge Förster bekam eine vortreffliche Doppelflinte, deren Schaft von Nußbaumholz sehr schön mit Silber eingelegt war. „Sie, liebster Vater, sagte Anton zu dem alten Förster, müssen nun nicht mehr auf die Jagd gehen; Sie müssen nun von Ihren vielen Beschwerden ausruhen. Sie brauchen Stärkung in Ihren alten Tagen. Der Korb dort ist mit Flaschen vom besten alten Rheinwein gefüllt. Und hier ist ein Becher dazu.“ Anton überreichte ihm einen silbernen Becher, der innen prächtig vergoldet war. Außen auf dem Becher waren in einem Kranze von Eichenlaub die Worte eingegraben: „Meinem lieben Vater Friedrich Grünewald zur Erinnerung an den Weihnachtsabend 1740., überreicht am Weihnachtsfeste 1758. von dessen dankbarem Sohne Anton Kroner.“ Der alte Förster umarmte Anton mit Thränen in den Augen. Allein Anton übergab ihm über dieß noch eine Rolle Gold. „Sie, liebster Vater, sagte er, haben große Summen auf mich verwendet. Es wäre nicht recht, wenn Ihre übrigen Kinder und Ihre Enkel dadurch sollten verkürzt werden.“ Der edle Greis erstaunte und wollte das Geschenk nicht nehmen. Allein Anton sagte: „Es ist nichts weniger, als ein Geschenk von mir. Der gnädigste Fürst hat mich so reichlich beschenkt, und sein Geschenk freute mich zweyfach, weil ich dadurch in den Stand gesetzt wurde, Ihnen an einer alten Schuld, die ich nie werde ganz bezahlen können, wenigstens Einiges abzutragen.“ Alle Umstehenden waren höchst erstaunt. Die alte Försterin aber sagte: „Ach Anton, wie hätten wir an jenem Weihnachtsabende, an dem du das erste Mal in unser Haus kamest, denken können, daß du uns dereinst einen so fröhlichen Weihnachtsabend bereiten, uns durch die Verwendung bey Seiner fürstlichen Durchlaucht aus so großer Noth retten, und uns alles, was wir an dir thaten, so reichlich vergelten würdest!“ „Das hat Gott gethan, sprach Anton. Er führte mich in Ihr Haus, um Sie und mich reichlich zu segnen. Sein Name sey gepriesen.“
„Doch, sprach jetzt Anton, erlauben Sie nun, daß ich sogleich abreise.“ „Was, wie, warum?“ riefen alle erstaunt. Allein Anton sagte: „Ich fahre jetzt zu Herrn Riedinger. Ich hoffe dort noch dem Gottesdienste beywohnen zu können, meinem vortrefflichen Lehrmeister durch meinen Besuch eine unerwartete Freude zu machen, und ihn auf den Abend hieher zu bringen. Dann wollen wir die übrigen Weihnachtsfeyertage, ja alle Tage des noch übrigen Jahres recht fröhlich beschließen.“ Alle begleiteten Anton an die Kutsche. Am Abende kam Anton mit seinem Lehrmeister an, und das alte Försterhaus in dem düstern Walde beherbergte in diesen Tagen so selige Menschen, als je auf Erden gelebt haben.
Was von Antons Geschichte noch weiter bemerkt zu werden verdient, ist kurz dieses. Anton bath den alten Förster und dessen Hausfrau, ihm ihre Tochter Luise zur Ehe zu geben. Beyde bewilligten es mit Freuden. „Ach Luise, sprach die alte Großmutter, damals, als du dem Anton jenes Aepfelein zum Weihnachtsgeschenk gegeben hast, dachte ich wohl nicht daran, daß er dich dereinst als seine Braut zum Altare führen würde.“ Das Hochzeitfest war erst noch das freudigste Fest, das je in dem Försterhause gefeyert wurde. Anton aber kaufte sich in der Residenz ein eigenes Haus, hatte als ein sehr geschätzter Mahler immer sehr viel zu mahlen, und lebte mit Luisen in der seligsten Eintracht.
Im folgenden Frühlinge kam der Fürst ganz unerwartet auf dem fürstlichen Jagdschlosse Felseck an, und brachte den alten Forstrath Müller und einen auswärtigen forstverständigen Mann mit sich. Der Oberförster war sehr bestürzt und versprach sich von diesem gnädigen Besuche wenig Gutes. „Sie haben meine Befehle überschritten, sagte der Fürst zu ihm. Ich hatte zwar, durch Ihre Berichte verleitet, den alten Förster seiner Geschäfte überhoben, und war Willens, den jungen Förster auf einen sehr geringen Försterdienst zu versetzen; allein die ganze Familie so unmenschlich aus dem Forsthause zu verstoßen, wie Sie es im Sinne hatten, war nie mein Wille. — Doch wir wollen vorerst die Waldungen in Augenschein nehmen.“
Des Oberförsters eigener Bezirk befand sich in einem kläglichen Zustande. „Auf den Papieren, die er einschickte, sprach der Fürst, fand ich alles vortrefflich. Da war alles so schön geschrieben und linirt, wie gestochen. Allein im Walde finde ich es anders. Auf manchem Platze ist offenbar ohne Vergleich mehr Holz gestanden, als in den Rechnungen steht. Er hat mich betrogen.“ Der Oberförster hatte, wie sichs in der Folge zeigte, an eine benachbarte Eisenschmelze nach und nach einige tausend Klafter Holz mehr abgegeben, als er in Rechnung brachte. Er hatte, um seinen großen, beynah fürstlichen Aufwand zu bestreiten, nicht nur sein eigenes Vermögen verschwendet und sich in Schulden gesteckt, sondern sich überdieß noch Untreue gegen seinen Fürsten erlaubt. Der Fürst setzte ihn ab, und verurtheilte ihn, den Schaden zu vergüten. Der arme Herr von Schilf lebte von nun an auf seinem kleinen Landgute in sehr dürftigen Umständen.
Den Waldbezirk des alten Försters fand der Fürst im trefflichsten Zustande. Er kam in eigener Person zu ihm in das Haus, bezeugte dem alten Manne seine Zufriedenheit, ließ sich dessen ganze Familie vorstellen und redete mit allen sehr freundlich. Bevor er seinen Schimmel bestieg, den ein Reitknecht vor dem Försterhause am Zaume hielt, sagte er zu dem Förstersohne: „Er ist hiemit Förster; mache Er seine Sache ferner so gut!“ „Sie, sprach der Fürst zu dem alten Förster, sind nun wohl etwas alt, aber noch lange nicht der abgelebte Greis, für den Herr von Schilf Sie ausgab. Sie sind trotz Ihres Alters noch sehr wohl bey Kräften; ich kann Sie meiner Dienste noch nicht entlassen. Sie werden mich verstehen, wenn ich Ihnen sage: Leben Sie wohl, Herr Oberförster.“