X.
Um die Mittagszeit war Fürst Tschadschawadse mit seinem Pagen Georgij und seinem indischen Diener nach dem Norden abgereist. Heideck hatte während der wenigen Tage ihrer Bekanntschaft der schönen Cirkassierin gegenüber die größte Zurückhaltung beobachtet und hatte nicht zu erkennen gegeben, daß er das Geheimnis ihrer Verkleidung durchschaut habe. Und es war, als ob sie ihm dafür Dank wisse. Zwar hatte er nicht ein einziges Mal mit ihr gesprochen, aber ihr Lächeln und die freundlichen Blicke, die sie ihm bei zufälligen Begegnungen zuwarf, waren hinlänglich deutliche Beweise für die Art ihrer Gesinnung. Ueber die Natur der Beziehungen, die zwischen dem schönen Pagen und seinem Herrn bestanden, konnte Heideck nicht im Zweifel sein. Wäre seine Seele nicht so ganz ausgefüllt gewesen von dem Gedanken an Edith, so hätte er sich leicht versucht fühlen können, den Russen um das Glück dieser holden Reisegesellschaft zu beneiden; denn er erinnerte sich kaum je ein reizvolleres weibliches Wesen gesehen zu haben, als es die Cirkassierin in ihrer malerischen Kleidung war. Vor den Augen Fremder wußte sie ihre Dienerrolle meisterlich durchzuführen, aber es war unverkennbar, daß sie in Wahrheit die Gebieterin war. Ein einziger Blick ihrer feurigen Augen reichte hin, die gelegentlichen brutalen Aufwallungen des Fürsten niederzuhalten, und er wagte in ihrer Gegenwart keinen der etwas freien Scherze, zu denen er sonst, namentlich unter dem Einfluß geistiger Getränke, leicht geneigt war.
Heideck empfand eine Neigung aufrichtigen Bedauerns, als er den bei all seinen kleinen Schwächen sehr liebenswürdigen Kameraden scheiden sah. Er hegte wenig Hoffnung, daß die Erwartung des Fürsten, ihm noch einmal zu begegnen, sich erfüllen würde; aber er zählte ihn unter die erfreulichsten und interessantesten Bekanntschaften seiner an wechselvollen Erlebnissen schon so reichen Reise.
Pünktlich um 7 Uhr betrat Heideck in dem vorschriftsmäßigen Gesellschaftsanzuge den Empfangssalon des Obersten. Ein Gefühl heißer Freude wallte in seinem Herzen auf, als er sah, daß niemand außer Edith Irwin darin anwesend war. Sie sah schöner aus denn je. Einzig eine leichte Blässe mochte an die Wirkung der Schrecknisse erinnern, die sie erlebt. Lächelnd ging sie ihm um einige Schritte entgegen und reichte ihm die Hand, die er bewegt an seine Lippen zog.
„Ich bin beauftragt, Mrs. Baird und den Obersten noch für eine Viertelstunde bei Ihnen zu entschuldigen,“ sagte sie. „Die Vorbereitungen für die Mobilmachung nehmen den Obersten völlig in Anspruch, und seine Gattin war vorhin durch einen kleinen Migräneanfall genötigt, sich auf kurze Zeit zurückzuziehen.“
Wie gern Heideck seinen Gastgebern den kleinen Verstoß gegen die Pflichten der Höflichkeit verzieh, stand deutlich genug auf seinem Gesicht geschrieben. Er nahm auf Ediths Einladung ihr gegenüber Platz und sagte:
„Ich hoffe, Mrs. Irwin, daß Sie von seiten Ihres Gatten keine Unannehmlichkeiten wegen meines späten Besuchs gehabt haben. Während des ganzen gestrigen Tages hat mich diese Sorge unablässig verfolgt.“
Mit einem etwas herben Lächeln schüttelte die junge Frau den Kopf:
„O nein. Mein Mann hat mir im Gegenteil aufgetragen, ihn zu entschuldigen, daß er die persönliche Abstattung seines Dankes für Ihre heldenmütige Tat auf später verschieben müßte. Er wurde in dienstlicher Angelegenheit auf unbestimmte Zeit nach Lahore abkommandiert, und sein Aufbruch erfolgte in solcher Hast, daß ihm nicht die Zeit blieb, Ihnen seinen Dank auszusprechen.“
Heideck glaubte zu verstehen, was dieses Kommando zu bedeuten habe. Aber er fragte nur:
„Und Sie werden während der Abwesenheit des Kapitäns unter dem Schutz des Obersten bleiben?“
„Es ist noch nichts bestimmtes darüber beschlossen worden. Weiß doch augenblicklich hier niemand, was uns die nächsten Tage bringen werden. Es ist gewiß, daß sich außerordentliche Ereignisse vorbereiten, und wir armen Frauen müssen im Falle eines Krieges geduldig über uns ergehen lassen, was man über unser Schicksal beschlossen hat.“
„Und der Maharadjah? Sie haben noch nichts von ihm gehört?“
„Oberst Baird hat gestern eine amtliche Unterredung mit dem Fürsten gehabt; aber ich kenne ihren Inhalt nicht, da ich nicht den Mut hatte, danach zu fragen. Daß der Maharadjah sich augenblicklich in feindseliger Stimmung gegen den Obersten befindet, scheint mir indessen leider nur zu gewiß. Ich müßte mich sehr schlecht auf die Eigenart dieser indischen Despoten verstehen, wenn das Ereignis, das sich heute hier zugetragen, nicht unmittelbar auf den Maharadjah zurückzuführen wäre.“
„Ist es unbescheiden, nach der Natur dieses Ereignisses zu fragen?“
„Man hat versucht, den Obersten an seinem eigenen Tische zu vergiften.“
„Wie?“ fragte Heideck erstaunt. „Zu vergiften?“
„Ja. Mr. Baird hat die Gewohnheit, vor jeder Mahlzeit ein Glas Eiswasser zu trinken, und bei dem heutigen Tiffin wurde es ihm, wie immer, von seinem indischen Tafeldecker dargereicht. Aber eine eigentümliche Trübung des Wassers fiel dem Obersten auf. Er leerte das Glas nicht sofort, sondern ließ es ein paar Minuten lang stehen, und nun wurde deutlich ein feiner, weißer Niederschlag auf dem Boden des Gefäßes sichtbar. Die Vermutung, daß es sich um einen Vergiftungsversuch handle, lag um so näher, als der Tafeldecker, den man wegen der Beimischung befragen wollte, plötzlich spurlos verschwunden und auch bis zur Stunde noch nicht wieder aufzufinden ist. Man schüttete einen kleinen Teil der Flüssigkeit in das Futtergefäß der Hunde und stellte es in eine Rattenfalle, die fünf oder sechs dieser gefräßigen Nager enthielt. Zehn Minuten später war nicht eines der Tiere mehr am Leben. Der Rest des Wassers wurde dem Regimentsarzt Doktor Hopkins, einem eifrigen Chemiker, zur Untersuchung übergeben, und er hat versprochen, uns beim Diner über das Ergebnis zu berichten.“
Noch ehe Heideck Gelegenheit gefunden hatte, das Gespräch auf Ediths persönliche Angelegenheiten zurückzuführen, erschien Mrs. Baird in Gesellschaft ihres Gatten und seines Adjutanten. Der Gast wurde mit gewinnender Liebenswürdigkeit begrüßt, und als wenige Minuten später auch der kleine, bewegliche Doktor Hopkins eingetroffen war, setzte man sich zu Tisch.
Vielleicht wäre es dem Obersten lieber gewesen, wenn von der Vergiftungsaffaire in Heidecks Gegenwart nicht die Rede gewesen wäre. Aber die Ungeduld seiner durch den Vorfall in begreifliche Aufregung versetzten Gemahlin ließ sich nicht zügeln.
„Nun, Herr Doktor,“ fragte sie, „was haben Sie gefunden?“
Der Regimentsarzt hatte offenbar nur auf diese Frage gewartet.
„Eines der gefährlichsten aller bekannten indischen Gifte,“ erklärte er mit ernster Miene, „das sogenannte Diamantpulver, gegen das es kein Gegengift gibt und das sich im Körper des Vergifteten nicht nachweisen läßt, weil es pflanzlicher Natur ist und von den Geweben aufgesogen wird.“
Mrs. Baird stieß einen Schrei des Entsetzens aus und legte für einen Moment die Hand über die Augen.
Mr. Hopkins aber fuhr fort: „Ich habe das Diamantpulver noch niemals unter den Händen gehabt, obwohl es gar nicht so selten zur Anwendung gelangen soll. Die Zubereitung ist für uns Europäer bis jetzt noch ein undurchdringliches Geheimnis, das von den indischen Aerzten sorgfältig gehütet wird. An den indischen Fürstenhöfen soll es früher dieselbe Rolle gespielt haben, wie im Mittelalter die berühmte acqua toffana bei den italienischen Despoten.“
Die Ausführungen des Arztes waren unter dem frischen Eindruck des nur durch einen Zufall vereitelten abscheulichen Attentats natürlich nicht danach angetan, die gedrückte Stimmung der kleinen Tischgesellschaft zu heben. Und der Oberst, dem die gelehrten Auseinandersetzungen des Regimentsarztes ersichtlich besonders unbehaglich waren, machte seiner Gattin früher, als es sonst zu geschehen pflegte, ein Zeichen, die Tafel aufzuheben.
Man begab sich auf die von einer Hängelampe beleuchtete Veranda, wo Tee und eisgekühlte Getränke gereicht wurden. Obwohl Heideck während des ganzen Abends nur Augen für Edith Irwin gehabt, hatte er doch beinahe ängstlich alles vermieden, was den Anwesenden seine Empfindungen für die junge Frau verraten konnte. Und auch jetzt, nachdem Edith sich in den äußersten, halbdunklen Winkel der Veranda zurückgezogen, würde er sicherlich nicht gewagt haben, sich in dem Korbsessel niederzulassen, der an ihrer Seite freigeblieben war, wenn sie selbst ihn nicht in vollkommen unbefangenem Tone dazu aufgefordert hätte.
„Sie haben keinen Platz, Herr Heideck — bitte — hier ist noch ein Stuhl frei.“
Und mit einer graziösen Bewegung raffte sie die Falten ihres Foulardkleides zusammen, um ihn vorüber zu lassen. Wieder begegneten sich, von den anderen unbemerkt, für einen Moment ihre Augen. Und wenn er es nicht gewußt hätte, daß er sich rettungslos im Banne dieses schönen jungen Weibes befand, so würde der stürmische Schlag seines Herzens ihn darüber belehrt haben.
Der Abend war ziemlich hell, und als jetzt plötzlich unter dem üblichen Lärmen und Schreien der indischen Kutscher zwischen den Zelten des Lagers ein sonderbarer Wagenzug auftauchte, verstummte die kaum in Fluß gekommene Unterhaltung auf der Veranda, weil alle Blicke sich dem unerwarteten Schauspiel zuwandten, für das — den Obersten vielleicht ausgenommen — zunächst wohl noch niemand eine Erklärung hatte.
Man sah, daß es fünf, von reich geschmückten weißen Buckelochsen gezogene Wagen waren, die ein Reitertrupp in der Kleidung der Leibgarde des Maharadjah eskortierte.
Ihr Anführer ritt bis hart an die Stufen der beleuchteten Veranda, schwang sich hier aus dem Sattel und stieg in vornehmer, würdevoller Haltung zu der in begreiflicher Spannung harrenden Gesellschaft des Obersten empor.
Er war ein schöner junger Mann mit griechisch geschnittenem Gesicht und großen, schwermütigen Augen. Sein Anzug bestand aus einer gelbseidenen Bluse, die mit einem Schal aus violetter Seide umgürtet war, englischen Reithosen und hohen gelben Stiefeln. Sein violett gestreifter seidener Turban war mit einer Perlenschnur durchflochten, und an seiner Brust sandten haselnußgroße Brillanten im Licht der Lampe ihre buntfarbigen Strahlen aus.
„Es ist Tasatat Radjah, der Vetter und der besondere Liebling des Fürsten,“ flüsterte Edith Heideck zu, in dessen Gesicht sie etwas wie eine Frage gelesen haben mochte. „Ohne Zweifel schickt ihn der Maharadjah in einer besonderen Mission.“
Der Oberst hatte sich erhoben und war dem Besucher um einige Schritte entgegengegangen. Aber er reichte ihm nicht die Hand und lud ihn auch nicht zum Niedersitzen ein.
„Ich grüße dich, Sahib, im Namen Seiner Hoheit,“ sagte der Prinz mit jenem edlen Anstand, der dem vornehmen Inder angeboren ist, „und ich wünsche dir Glück und langes Leben. Seine Hoheit übersendet dir als Zeichen seines Wohlwollens wie seiner hohen Achtung vor deinem Amte und deinen Verdiensten ein geringes Geschenk. Er bittet dich, es anzunehmen, zum Beweise, daß auch du vergessen hast, was gestern infolge eines beklagenswerten Mißverständnisses zwischen dir und Seiner Hoheit gesprochen wurde.“
„Seine Hoheit ist sehr gütig,“ sagte der Oberst kühl und gemessen. „Darf ich fragen, worin das mir zugedachte Geschenk besteht?“
Mit einer lässigen Handbewegung wies der Prinz auf die unten haltenden Gefährte.
„Jeder dieser fünf Wagen, Sahib, enthält hunderttausend Rupien.“
„Das wären also fünf Lakh?“
„So ist es. Und ich bitte dich noch einmal, Seine Hoheit durch eine günstige Antwort zu erfreuen.“
Der Oberst überlegte ruhig und kühl seine Antwort, dann sagte er in derselben ruhigen Haltung und mit demselben undurchdringlichen Gesicht, wie zuvor:
„Ich danke dir, Prinz! Laß den Inhalt dieser Wagen in die Vorhalle meines Hauses schaffen. Ueber das, was weiter damit geschehen soll, werde ich die Entscheidung des Vizekönigs abwarten.“
Auf dem Gesicht des Prinzen zeigte sich deutlich ein Ausdruck der Enttäuschung. Eine Weile verharrte er wie in unentschlossenem Nachdenken. Dann, da er aus der Haltung des Obersten erkennen mußte, daß der Engländer die Unterhaltung als beendet ansah, berührte er mit der Rechten leicht die Mitte der Stirn, verbeugte sich und stieg die Stufen der Veranda wieder hinab. Viele kleine Tonnen wurden auf sein Geheiß von den niedrigen Karren herabgehoben und unter dem Beistande englischer Soldaten in den Flur des Hauses geschafft. Dann setzte sich der Zug unter demselben Lärm und Geschrei, wie er gekommen war, wieder in Bewegung und verschwand in der Ferne.
Ein Lächeln lag auf dem eben noch so kalten Gesicht des Obersten, als er sich jetzt seinen Gästen zuwandte; wohl von der Empfindung geleitet, daß er ihnen gewissermaßen eine Erklärung für sein Benehmen schuldig sei.
„Ich betrachte diese halbe Million als einen sehr erwünschten Beitrag zu den Kriegskosten meines Detachements. Diese Orientalen können sich eben niemals in unsere Denkweise hineinversetzen, und unsere Ehrbegriffe werden ihnen immer ein unlösliches Rätsel bleiben. Mit einem Geschenk, das er natürlich mir persönlich zugedacht hat, glaubt dieser Despot alles aus der Welt geschafft zu haben, was ihm möglicherweise Ungelegenheiten bereiten könnte — sowohl den Anschlag gegen Mrs. Irwin, wie die Geschichte mit dem Diamantpulver. Denn er ist durch den verschwundenen Tafeldecker natürlich bereits über den Mißerfolg unterrichtet, und er weiß recht gut, was für ihn auf dem Spiele stehen würde, wenn ich diese skandalöse Geschichte nach Kalkutta berichtete.“
Zum ersten Male sprach der Oberst hier vor andern offen aus, daß er den Maharadjah für den Urheber der beiden Anschläge hielt. Er mußte einen besonderen Grund hierzu haben, und Heideck glaubte ihn zu erraten, als der Oberst auf die Frage des Regimentsarztes, ob er denn nicht gesonnen sei, einen solchen Bericht an den Vizekönig abgehen zu lassen, erwiderte:
„Ich weiß es nicht — ich weiß es wirklich noch nicht. Nach dem Grundsatze: „fiat justitia, pereat mundus“ müßte ich es ja unzweifelhaft tun. Aber mit dem „pereat mundus“ ist es doch so ein eigen Ding. Wir stehen wahrscheinlich unmittelbar vor dem Kriege, und der Vizekönig würde mir, wie ich vermute, wenig Dank wissen, wenn ich ihm zu seinen mancherlei anderen Sorgen noch neue aufbürden wollte. Wir brauchen diese indischen Fürsten jetzt sehr notwendig. Sie müssen uns ihre Truppen zur Verfügung stellen, und wir dürfen keine Feinde im Rücken haben, wenn unsere Armee in Afghanistan engagiert ist. Ein schroffes Vorgehen gegen einen von ihnen aber könnte uns alle diese Fürsten rebellisch machen. Und es wäre ganz unabsehbar, welche Folgen eine einzige Niederlage oder auch nur das falsche Gerücht von einer solchen haben würde.“
Doktor Hopkins stimmte ihm ohne weiteres zu, und auch die anwesenden Offiziere waren der Meinung ihres Vorgesetzten. Wie immer in diesen letzten Tagen, entspann sich ein lebhaftes Gespräch über die Kriegsgefahr und über den wahrscheinlichen Verlauf der bevorstehenden Ereignisse. Heideck aber, der sicher war, aus dem Munde dieser siegesgewissen Herren nichts neues mehr zu vernehmen, benutzte das laute Durcheinander, um Edith leise zu fragen:
„Es geschieht nicht bloß aus politischen Rücksichten, sondern auch auf Ihren Wunsch, wenn der Oberst nichts von dem nächtlichen Ueberfall nach Kalkutta berichtet — nicht wahr?“
„Ich habe ihn allerdings darum gebeten,“ gab sie in demselben vorsichtigen Flüsterton zurück. „Heute aber, nach dem mißlungenen Anschlag auf sein Leben, habe ich ihm gesagt, daß ich für meine Person und für — für die Person meines Gatten keinerlei Rücksicht mehr verlange.“
„Sie halten es also im Ernst für möglich, daß Kapitän Irwin bei jenem Ueberfall — —“
„Lassen Sie uns nicht jetzt davon sprechen, Mr. Heideck — nicht jetzt und nicht hier,“ bat sie, indem sich ihre Augen mit einem flehenden Blick zu ihm erhoben. „Sie können nicht ahnen, wie furchtbar ich unter diesen schrecklichen Dingen leide. Es ist mir, als wäre vor mir nur finstere, undurchdringliche Nacht. Und wenn ich daran denke, daß ich eines Tages wieder gezwungen sein könnte — —“
Sie beendete den angefangenen Satz nicht, aber Heideck wußte gut genug, wie sein Schluß hatte lauten sollen. Und ein unwiderstehlicher Impuls trieb ihn, ihr zu antworten:
„Sie dürfen sich zu nichts zwingen lassen, Mrs. Irwin, gegen das Ihr Herz sich auflehnt. Wer könnte denn auch versuchen, solchen Zwang auf Sie zu üben?“
„O, Sie wissen nicht, Mr. Heideck, was für uns Engländer die Rücksicht auf die sogenannte gute Sitte bedeutet. Nur keinen Skandal — nur um des Himmels willen keinen Skandal! Das ist das erste und vornehmste Gesetz in unserer Gesellschaft. So liebenswürdig der Oberst und seine Gattin bis jetzt gegen mich gewesen sind — ich fürchte sehr, daß sie mich ohne Rücksicht auf meine Schuld oder Unschuld sofort fallen lassen würden, wenn ich es zu dem kommen ließe, was ihnen als ein Skandal erscheint.“
„Und doch sollen Sie nur Ihrem eigenen Empfinden — nur Ihrem Herzen und Ihrem Gewissen folgen, Mrs. Irwin — nicht den engherzigen Ansichten des Obersten oder irgend eines anderen Menschen. Sie dürfen nicht die Märtyrerin eines Vorurteils werden — ich kann diese Vorstellung einfach nicht ertragen. Und Sie müssen mir versprechen — —“
Er kam nicht weiter. Eine plötzlich eingetretene Pause im Gespräch der anderen zwang auch ihn, zu verstummen. Und es war ihm, als sähe er die klugen, durchdringenden Augen der Mrs. Baird mit einem Ausdruck des Mißtrauens auf sich gerichtet. Er war unzufrieden mit sich selbst, daß die berauschende Nähe des geliebten Weibes und seine fast schon bis zu leidenschaftlichem Haß gesteigerte Abneigung gegen ihren unwürdigen Gatten ihn in die Gefahr gebracht hatten, sie zu kompromittieren. Aber als er sich bald nachher gleichzeitig mit den anderen Gästen empfahl, bewies ihm ein warmer, beglückender Druck von Ediths Hand, daß sie weit davon entfernt war, ihm zu zürnen.
XI.
Jeder neue Tag brachte jetzt weitere Nachrichten, die das drohende Gespenst des Krieges in immer größere Nähe rückten. Die Mobilmachung wurde befohlen. Die Feldtruppen wurden von dem Depot gesondert, das in Chanidigot zurückbleiben sollte. Die Infanterie wurde mit Munition ausgerüstet und täglich mit Schieß- und Gefechtsübungen beschäftigt. Pferde wurden eingekauft und ein Train gebildet, zu dem namentlich eine ungeheure Menge von Kamelen gehörte. Die Vorräte an Lebensmitteln wurden vervollständigt, und die Offiziere studierten eifrigst die Karten von Afghanistan.
Für Heidecks Begriffe von einer Mobilmachung ging das alles freilich sehr langsam von statten, und der Maharadjah schien es mit der Ausrüstung seiner Hilfstruppen noch viel weniger eilig zu haben.
Von Süden her kamen beständig Militärzüge durch Chanidigot, um Truppen und Pferde weiter nach dem Norden zu befördern. Ihr Ziel war zunächst Peschawar, wo Generalleutnant Sir Bindon Blood, der Oberkommandierende des Korps von Pendschab, eine große Feldarmee zusammenzog. Mit einiger Verwunderung nahm Heideck wahr, daß die durchziehenden Regimenter den verschiedensten Korps entnommen waren, so daß der taktische Verband dieser Korps und ihre Organisation zerrissen worden waren. Es unterlag keinem Zweifel, daß die Regierung um jeden Preis so schnell als möglich starke Truppenkörper an der Grenze aufstellen wollte und darüber die Rücksicht auf spätere Ereignisse gänzlich außer Acht ließ. Sowohl Viscount Kitchener, der Oberbefehlshaber in Indien, wie der Vizekönig und die Minister in London schienen es für ausgemacht zu halten, daß die englische Armee von vornherein siegreich sein würde und nicht genötigt werden könnte, sich auf die Festungen der Nordwestprovinzen zurückzuziehen. Die Geringschätzung, mit der die Offiziere in Chanidigot von der russischen Armee und von den Afghanen sprachen, bestätigte diese allgemeine Auffassung zur Genüge.
Endlich wurde es klar, daß der Krieg zur Tatsache geworden war. Am zehnten Tage nach der Meldung vom Einmarsch der Russen in Afghanistan fiel die Entscheidung.
Das Londoner Kabinett hatte in St. Petersburg angefragt, was jener Einmarsch zu bedeuten habe. Und es hatte die Antwort erhalten, daß Rußland sich genötigt sähe, dem Emir auf seine Bitte zu Hilfe zu kommen; denn der Afghanenherrscher wäre den Maßnahmen Englands gegenüber um seine Selbständigkeit besorgt. Nichts läge der russischen Regierung ferner, als eine Herausforderung Englands, aber sie könne die Bedrängnis des Emirs nicht gleichgiltig ansehen und sei entschlossen, für die Unabhängigkeit Afghanistans einzutreten.
Daraufhin erklärte England den Krieg, und Generalleutnant Blood erhielt den Befehl, unverzüglich durch den Kaiberpaß in Afghanistan einzurücken. Weiter sollte Generalleutnant Hunter, der Oberkommandierende des Korps von Bombay, mit einer Armee von Quetta aus gegen Kandahar marschieren.
Gleichzeitig, — so hieß es, — sollte von Portsmouth aus eine englische Flotte abgehen.
Obwohl die in Indien erscheinenden englischen Zeitungen offenbar dahin instruiert waren, alles zu verschweigen, was die Lage Englands in einem ungünstigen Lichte erscheinen lassen könnte, brachten sie doch mancherlei Meldungen, die dem kundigen Leser allerlei Schlüsse auf die gegenwärtige Kriegslage nahe legten. Man konnte daraus entnehmen, daß England auch gegen Frankreich rüste. Nur über die Haltung Deutschlands in dem drohenden Weltkriege fehlte jede Mutmaßung.
Die anfängliche Absicht, die Familien der in Chanidigot stationierten Offiziere und Beamten südwärts nach Bombay oder nach dem östlich gelegenen Kalkutta zu bringen, war bald aufgegeben worden. Die Verbreitung der Pest in beiden Städten und die Schwierigkeiten der Reise sprachen dagegen; denn die Eisenbahnen waren zur Zeit vollständig durch Truppentransporte in Anspruch genommen. So wurde beschlossen, daß die Frauen und Kinder zunächst bei dem Depot in Chanidigot bleiben sollten. Kapitän Irwin, der aus Lahore zurückgekehrt war, und der außerhalb des Dienstes, bei dem er einen fast fieberhaften Eifer entwickelte, ein völlig einsiedlerisches Leben führte, sollte dieses Depot kommandieren. Seine Gattin aber, der er seit seiner Ankunft noch nicht ein einziges Mal begegnet war, sollte seinem Schutze nicht unterstellt werden. Oberst Baird, der seiner Frau auf ihre dringenden Bitten zugesagt hatte, daß sie ihn mit den Kindern nach Quetta begleiten dürfte, wollte auch Edith Irwin dorthin mitnehmen.
Es war bestimmt worden, daß das Detachement im Verein mit den Truppen des Maharadjah von Chanidigot aufbrechen sollte. Heideck hatte die Erlaubnis erhalten, es zu begleiten. Der Oberst wollte ihm wohl, und es war ihm offenbar angenehm, einen so ritterlichen Mann, auf den man sich in jeder Lage unbedingt verlassen konnte, als Beschützer bei den Damen zu wissen, wenn er selbst durch seine militärischen Pflichten verhindert sein würde, sich um sie zu kümmern. Am Tage vor dem Abmarsch war Heideck zum Tiffin bei dem Obersten, und man besprach in ernster Stimmung die bevorstehenden Ereignisse, als draußen das dumpf klingende Warnungszeichen eines Automobils vernehmlich wurde. Zwei Minuten später trat, ganz mit Staub bedeckt und mit dunkelgerötetem Gesicht ein Offizier auf die Veranda, der sich als Kapitän Elliot, Adjutanten des Generals Blood, vorstellte.
„Der General läßt Ihnen melden, Herr Oberst,“ sagte er in dienstlicher Haltung, „daß alle Dispositionen geändert worden sind. Sie marschieren nicht nach Quetta, sondern unter tunlichster Beschleunigung des Aufbruchs nach Mooltan.“
„Und was ist die Ursache dieses veränderten Befehls?“ fragte der Oberst.
„Die Russen kommen vom Hindukusch herunter. Sie ziehen das Tal des Indus herab, unserer Armee in den Rücken. General Blood ist auf dem Marsche südwärts, um nicht abgeschnitten zu werden. Ich befinde mich unterwegs, um alle Truppenteile nach Mooltan zu dirigieren.“
„Aber ist das denn möglich? Kann hier nicht doch ein Irrtum vorliegen? Wie sollten die Russen über den Hindukusch kommen?“
„Ich selbst habe russische Infanterie in den Schluchten des Industals gesehen, Herr Oberst. Der Marsch auf Herat und die Besetzung von Kabul unter General Iwanow sind hauptsächlich Demonstration gewesen. Iwanow kommt mit zwanzigtausend Mann, verstärkt durch zwanzigtausend Afghanen, von Kabul her gegen den Kaiberpaß heran. Aber der Hauptangriff erfolgt vom Pamir aus in der Richtung auf Raval-Pindi und Lahore.“
„Raval-Pindi?“ rief der Oberst. „Wenn die Russen den Indus herabkommen, treffen sie zunächst auf Attock, und dieses starke Fort wird sie lange genug aufhalten.“
„Hoffentlich! Aber wir dürfen nicht unbedingt damit rechnen. Die Stärke der russischen Armee ist uns zur Zeit noch nicht bekannt. Ihr Vormarsch aber ist offenbar trefflich vorbereitet gewesen. Die Pioniere müssen in den schwierigen Pässen des Hindukusch wahrer Wunder verrichtet haben, und diese russischen Soldaten scheinen von Eisen.“
„Nun,“ sagte der Oberst kurz, „so werden wir ihnen zeigen, daß wir von Stahl sind.“
Der Adjutant überreichte ihm die schriftlichen Dispositionen, und nachdem er sie durchgesehen, erklärte der Oberst:
„Ich werde morgen früh nach Mooltan aufbrechen und denke, mein Detachement morgen abend dort vereinigt zu haben. Der Train mit der Proviantkolonne und der Munitionskolonne freilich kann erst einige Tage später eintreffen, und auch nur zum Teil. Was in aller Welt mag den General bestimmt haben, sich dem Feinde nicht in Raval-Pindi entgegenzustellen? Die Stadt ist befestigt und von starken Forts umgeben; sie ist eine der größten Militärstationen Indiens. Weshalb mußte der General da so weit, bis nach Mooltan, zurückgehen?“
„Der General erwartet eine Entscheidungsschlacht und möchte sich dazu mit der Armee des Generals Hunter vereinigen. Beide Armeen aber sind zur Zeit ungefähr gleich weit von Mooltan entfernt, auch würden die Russen, wie der General meint, Bedenken tragen, soweit vorzugehen, daß sie von Lahore aus in der linken Flanke angegriffen werden könnten. Dort stehen schon jetzt zehntausend Mann, die täglich von Delhi aus verstärkt werden.“
Mit der Verabschiedung des Adjutanten, der den angebotenen Imbiß mit dem Hinweis auf die Dringlichkeit seines Auftrages abgelehnt hatte, wurde auch die Tafel aufgehoben, und der Oberst entschuldigte sich bei seinem Gaste, dem er sich unter den obwaltenden Umständen nicht länger widmen konnte. Seine Offiziere begleiteten ihn, und bald nachher wurde auch Mrs. Baird abgerufen. Unerwartet sahen sich Heideck und Edith Irwin allein.
Ein paar Sekunden lang schwiegen sie beide, wie wenn keines von ihnen den Empfindungen Ausdruck zu geben wagte, die sie erfüllten. Dann aber sagte die junge Frau:
„Sie wollten mit uns ins Feld ziehen, Mr. Heideck, und ich weiß, daß Sie dabei von dem Wunsche geleitet wurden, uns Frauen durch Ihren männlichen Schutz nützlich zu sein. Aber nun ist ja alles anders geworden, und ich bitte Sie, auf Ihren Plan zu verzichten.“
Ueberrascht sah er sie an: „Wie, Mrs. Irwin, Sie wollen mir die Freude versagen, Sie begleiten und schützen zu dürfen? Und weshalb?“
„Sie haben soeben selbst gehört, daß alle Dispositionen geändert worden sind. Wären wir nach Quetta gegangen, so hätten Sie, sobald unsere Armee über die Grenze ging, leicht irgend einen anderen Platz aufsuchen können; wenn es aber auf indischem Boden zum Kampfe kommt, so befänden Sie sich in beständiger Gefahr.“
„In meiner Eigenschaft als Ausländer? Gewiß. Ich würde unter Umständen manchen Unbequemlichkeiten ausgesetzt sein. Aber ehe ich meine Entschließungen ändere, möchte ich von Ihnen hören, ob Sie auch unter diesen neuen Verhältnissen bei der Truppe bleiben werden?“
„Da Mrs. Baird mir die Erlaubnis dazu gegeben hat — ja.“
„Und Sie glauben, daß ich weniger Mut zeigen werde, als Sie, die Sie sich damit ohne Zweifel ebenfalls ernsten Gefahren aussetzen?“
„Wie dürfte ich an Ihrem Mute zweifeln, Mr. Heideck! Aber das ist doch etwas ganz anderes. Wir Soldatenfrauen gehören nun einmal zu den Männern, denen wir nach Indien gefolgt sind. Und überdies sind wir vielleicht nirgends sicherer, als bei der Armee. Sie aber haben mit diesem Kriege und mit unserem Heere nichts zu tun. Wenn Sie jetzt von hier abreisen und in weiter Entfernung vom Kriegsschauplatze, vielleicht in einer der Hillstations, wo Sie auch von der Pest nichts zu fürchten haben, Wohnung nehmen, so wird man Sie als deutschen Kaufmann gewiß unbehelligt lassen.“
„Und warum gehen Sie selbst nicht in eine solche Hillstation, Mrs. Irwin? Ich würde Ihnen Simla vorschlagen, wenn es nicht dem Kriegsschauplatz nahe läge. Aber gehen Sie doch nach Poona oder in sonst einen der südlichen Gebirgsorte.“
Die junge Frau schüttelte den Kopf.
„Ich vermute, daß ich damit in mein sicheres Verderben gehen würde.“
„Und was bringt Sie auf solche Vermutung?“
„Ich sagte Ihnen schon, daß im Falle eines Krieges englische Frauen hier in Indien nur noch in unmittelbarer Nähe der Truppen einigermaßen sicher sind. Sollten wir eine Niederlage erleiden, so wird die Rache des Volkes an seinen Unterdrückern furchtbar sein. Kennen Sie die grausamen Instinkte, die in diesen scheinbar so höflichen und unterwürfigen Menschen schlummern? Die wehrlosen Frauen und Kinder würden ohne Zweifel ihre ersten Opfer sein. So war es bei dem Aufstande vom Jahre 1857, und genau so wird es sich unter ähnlichen Verhältnissen wiederholen. Nana Sahib und seine Gefolgschaft haben sich damals an den unmenschlichsten Martern weißer Frauen und Kinder ergötzt und Ströme unschuldigen Blutes vergossen. Der Kulturzustand des niederen Volkes aber ist seitdem gewiß nicht besser geworden.“
„Sie sprechen, als ob Sie eine Niederlage Ihrer Armee für wahrscheinlich hielten?“ —
„Ich kann meine düsteren Ahnungen nicht los werden. Und Sie selbst, Mr. Heideck? — Seien wir doch ehrlich! Als vorhin der Adjutant dort stand, und als jedes seiner Worte die mangelnde Voraussicht unserer Generale offenbarte, habe ich Ihr Gesicht beobachtet, und ich habe mehr daraus gelesen, als Sie ahnen mögen. Ich will mich nicht in Ihre Geheimnisse drängen, aber ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie ganz aufrichtig gegen mich wären. Sie sind nicht der, für den Sie sich hier ausgeben.“
Nicht einen Augenblick zögerte er, ihr die Wahrheit zu bekennen.
„Nein, ich bin deutscher Offizier und von meinen Vorgesetzten zum Studium der angloindischen Armee hierher entsandt.“
Ediths Ueberraschung war ersichtlich nicht allzu groß.
„Ich ahnte es. Und nun gestehen Sie mir ebenso offenherzig die Frage: Glauben Sie an einen Sieg der britischen Waffen?“
„Ich darf mir darüber kein Urteil erlauben, Mrs. Irwin.“
„Aber Sie müssen doch eine Meinung haben. Und es läge mir unendlich viel daran, sie zu erfahren.“
„Nun denn — ich glaube an die englische Tapferkeit, aber nicht an einen englischen Sieg.“
Sie seufzte tief auf, aber sie neigte zustimmend den Kopf, wie wenn er damit nur ihrer eigenen Ueberzeugung Ausdruck gegeben hätte. Dann reichte sie ihm die Hand und sagte leise:
„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, und es ist selbstverständlich, daß von mir niemand erfahren wird, wer Sie sind. Aber nun bestehe ich erst recht darauf, daß Sie uns um Ihrer eigenen Sicherheit willen verlassen.“
„Und wenn ich mich weigerte? Wenn ich es gerade in meiner Eigenschaft als Soldat für meine Ehrenpflicht hielte, Sie jetzt nicht im Stich zu lassen? Würden Sie mir darum zürnen? Würden Sie mir nicht mehr gestatten, das Glück Ihrer Gesellschaft zu genießen?“
Ihre Brust hob sich, aber sie senkte den Kopf und schwieg. Deutlich sah Heideck die glitzernde Träne, die sich unter ihren Wimpern hervorstahl und langsam über ihre zarte Wange herabrollte.
Das war ihm Antwort genug. Er beugte sich herab, und indem er ihre beiden Hände küßte, flüsterte er:
„Ich wußte, daß Sie nicht die Grausamkeit haben würden, mich zurückzustoßen. Wohin auch immer das Schicksal Sie führen mag, es wird mich an Ihrer Seite finden, solange Sie noch meines Schutzes bedürfen.“
Ein paar Sekunden lang hatte sie ihm ihre Hand überlassen. Dann entzog sie sie sanft dem Druck der seinen.
„Ich weiß, daß ich Ihnen um Ihrer eigenen Sicherheit willen verbieten sollte, mir zu folgen. Aber ich habe nicht die Kraft dazu. Der Himmel gebe, daß Sie mir niemals einen Vorwurf daraus machen.“
XII.
Ein ungewöhnlich schöner und trockener Frühling begünstigte den Vormarsch der russischen Armee durch die Gebirgsländer. Im Norden Indiens hielt sich die Temperatur auf durchschnittlich 20° C., und Tag für Tag strahlte die Sonne von einem wolkenlos blauen Himmel auf die weiten Ebenen des Pendschab herab, durch deren helles Grün sich wie lange Silberstreifen die russischen Truppen in ihren weißen Sommeruniformen vorwärts schoben.
Es schien, als sollte das Kriegsglück ihnen günstig sein; denn sie hatten den schwierigen und gefürchteten Uebergangspunkt Attock mit unerwarteter Leichtigkeit überwunden.
Der Kommandant dieser hochgelegenen Festung hatte Befehl, die Brücke über den Indus erst dann abzubrechen, wenn General Bloods Armee, die Peschawar und den Kaiberpaß hatte halten sollen, völlig zurückgegangen wäre und bis auf den letzten Mann den Uebergang passiert hätte.
Die Brücke bei Attock, die sehr hoch über den hier in schmalem Bette mit reißender Schnelligkeit dahinbrausenden Indus erbaut ist, gilt als ein Wunderwerk der Ingenieurkunst. Sie ist in zwei Etagen erbaut, deren obere die Eisenbahn, und deren untere eine Straße für Wagen, Lasttiere und Fußgänger bildet. Auf jedem Ufer liegt ein befestigtes Tor. Der englische Kommandant von Attock vertraute auf die Stärke der 800 Fuß hoch über dem Flusse liegenden Forts und wähnte die Russen noch weit entfernt. Die russische Vorhut war oberhalb Attocks über den Fluß Kabul, der sich bei Attock mit dem Indus vereinigt, gegangen und kam zugleich mit den Truppen des Generals Blood in die Nähe der Festung.
Die Truppen Bloods passierten in endlos langen Marschkolonnen die Brücke. Diese Bewegungen wurden oftmals infolge von Stockungen, die durch fehlerhaftes Ansetzen der einzelnen Truppenkörper entstanden, unterbrochen, und so kam es, daß in den ersten Morgenstunden eine größere russische Truppenabteilung, von den Engländern unbemerkt, in einer solchen Lücke der englischen Marschkolonne den nördlichen Brückenkopf erreichte: der morgendliche dichte Nebel hatte der englischen Aufklärung das Herannahen der Russen verborgen. Die Russen besetzten sofort die Brücke und schnitten so den Rest der noch auf dem nördlichen Ufer befindlichen Engländer von dem Gros ihres Korps, das in der Hauptsache die Brücke schon passiert hatte, vollständig ab. Der Kommandeur der russischen Avantgarde war selbst über den ihm vom Kriegsglück in den Schoß gelegten Erfolg am meisten erstaunt: hätte der Nebel nicht die beiderseitige Aufklärung illusorisch gemacht und der Zufall ihn nicht gerade auf eine Lücke der englischen Marschordnung stoßen lassen, so hätten die Chancen bei der Enge seiner Marschstraße für die Engländer wesentlich günstiger gestanden, als für ihn, und der Kampf würde wahrscheinlich mit einer Niederlage seiner Truppe geendet haben. So stieß General Iwanow, der über den Kaiberpaß kam, auf die englische Nachhut, und die fünftausend Mann angloindischer Truppen derselben mußten sich nach kurzem Kampfe gefangen geben. Zweitausend Engländer und dreitausend Mohammedaner fielen den Russen hier in die Hände. Als die Sieger den mohammedanischen Indern versicherten, daß sie gegen die Ungläubigen für den wahren Glauben kämpften, traten diese ohne weiteres zur russischen Armee über.
Der Kommandant von Attock verweigerte die Uebergabe der Festung und ließ seine Geschütze auf die russischen Marschkolonnen spielen, aber die Batterien fügten infolge des Nebels den Russen nicht viel Schaden zu, und diese setzten, da sie im Besitz der Brücke waren, den Vormarsch nach Süden fort.
Ehe dann jedoch der so erfolgreich begonnene Einmarsch fortgesetzt wurde, sammelte der Kommandierende unweit Attocks alle die in kleinen Abteilungen den Hindukusch übersteigenden russischen Truppen und vereinigte sie mit dem aus Afghanistan kommenden Korps, so daß er über eine Armee von siebzigtausend Mann verfügte.
Eine blutgetränkte Bahn war es, auf der dieses Heer hinter der weichenden englischen Armee dahinzog. Auf dieser Straße war auch Alexander der Große einst in Indien eingezogen. Hier hatte zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts der Afghanenherrscher Ibrahim Lodi mit dem Großmogul Babar gekämpft; hier wurde wenige Jahrzehnte später Himu, der Feldherr des Afghanensultans Mohammed Schah Adil an der Spitze von fünfzigtausend Reitern, fünfhundert Elefanten und unzähligem Fußvolk von dem jugendlichen Großmogul Akbar besiegt. Blutiger noch war die Schlacht gewesen, die um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts der Afghanensultan Ahmed Schah Durani den großen Mahrattenfürsten Holkar Sindia, Gaekwar und den Peschwas lieferte; und noch einmal hatten hier alle Schrecknisse des Krieges gewütet, als im Jahre 1857 die englischen Generale Havelock, Sir James Outram, Sir Colin Campbell, Sir Hugh Rose, Sir John Lawrence und Sir Robert Napier mit erbarmungsloser Härte den gefährlichen Aufstand der Sepoys erstickten. Abendland und Morgenland hatten in gewaltigem Ringen hier an dieser von Sagen umwobenen Stätte, der Wiege der Menschheit, schon gestritten. Hunderttausende von Menschenleben waren auf diesem blutdurchtränkten Boden schon geopfert worden, und abermals stand hier eine Entscheidungsschlacht bevor, die mit eisernem Griffel in die Tafeln der Weltgeschichte geschrieben werden sollte.
Die Bewegungen der russischen Armee hatten den Plan der englischen Heerführer umgestoßen. Die in Mooltan vereinigten englischen Korps wurden schleunigst nach Lahore in Bewegung gesetzt, als die Absicht der Russen, nach Südosten zu gehen, klar zu Tage trat. Die Zeit, die General Iwanow brauchte, bei Attock seine Truppen zu vereinigen, ermöglichte den Engländern, Lahore zu erreichen. Hier wurden ihre Streitkräfte durch die starke Garnison erheblich vermehrt, und täglich kamen neue Regimenter von Delhi und Lucknow an, die den Bestand der von Sir Bindon Blood befehligten Armee auf die Zahl von hunderttausend Kombattanten brachte.
Die Engländer bereiteten sich zu einer entscheidenden Schlacht vor, denn schon erschien die Spitze der russischen Kolonnen zehn englische Meilen nördlich vom Grabe des Kaisers Jehangir bei Schah Dara, einer kaum acht englische Meilen nordwestlich von Lahore liegenden Bahnstation.
Die englischen Truppen waren in Versammlungsformation in einer Linie aufmarschiert, deren linker Flügel an dem dicht bei Lahore vorbeifließenden Ravifluß die Schah Dara-Pflanzungen und die daneben befindliche Schiffsbrücke besetzt hielt. Sie dehnte sich von dort fünf englische Meilen weit östlich bis zu einem Kanal aus, der sich am Shalimar-Park hin nach Süden zieht. Dieser Park und der an demselben liegende Ort Bhogiwal bildeten den rechten Flügel. Vor der Front hin zog sich ein Nebenarm des vielgewundenen Ravi mit größtenteils sumpfigen Ufern. Im Rücken der Stellung lag das befestigte Lahore mit seiner fünfzehn Fuß hohen, von dreizehn Toren durchbrochenen Backsteinmauer.
Der Ravi, ein Nebenfluß des Indus, führte zur Zeit nur wenig Wasser. Das Flußbett lag zum großen Teil trocken und war nur von lebhaft fließenden, unregelmäßigen Rinnsalen durchzogen, die hier und da größere und kleinere, zumeist sumpfige Inseln zwischen sich frei ließen. Dieses Flußbett bildete das wesentlichste Hindernis für den russischen Angriff, denn es mußte passiert werden, ehe die englische Front und die Stadt Lahore erreicht werden konnte.
Heideck wohnte in einem kleinen Zelte, das er von Chanidigot mitgebracht hatte. Morar Gopals Pferd hatte es während des Marsches von Mooltan nach Lahore auf dem Rücken getragen, denn die Lancers, zu denen Heideck sich hielt, da er ja mit ihren Offizieren befreundet war, hatten den Weg nicht auf der Eisenbahn gemacht. Sie kampierten jetzt im Shalimar-Park, einer großen, von einer Mauer umgebenen Anlage voll der prächtigsten Mangobäume, mit vielen kleinen Springbrunnen und zierlichen Pavillons. Da Heideck einen Khaki-Anzug und einen Korkhelm trug, glich er trotz des Fehlens der militärischen Abzeichen ganz einem englischen Offizier, umsomehr, als seine Haltung und seine Gestalt durchaus soldatisch waren.
Er hatte während des Marsches und in der Lagerzeit Gelegenheit gehabt, allerlei Betrachtungen über die britische Kriegsführung anzustellen. Aber er hütete sich wohl, darüber mit den englischen Offizieren zu sprechen, denn es waren nicht eben günstige Schlüsse, zu denen er gelangt war. Er hatte den Eindruck, daß die Truppen weder kriegsmäßig geführt wurden, noch eine besondere Feldtüchtigkeit an den Tag legten. Die Leute wußten sich im Biwak und im Lager oft nicht zu helfen und litten häufig empfindliche Entbehrungen, weil das nötige Material nicht immer rechtzeitig zur Stelle war und die Lebensmittel nicht regelmäßig geliefert wurden: auf den Proviantämtern herrschte die größte Verwirrung.
Und nicht dort allein, sondern auch in den taktischen Verbänden machte sich infolge der unpraktischen Zusammenstellung der Truppenkörper überall eine bedenkliche Unordnung fühlbar. Zunächst waren die Regimenter zur Bildung der Korps in Peschawar und Quetta durcheinander gewürfelt worden, weil sie, je nachdem sie marschbereit zu sein schienen, einzeln aus ihren Garnisonen weggeführt und auf die Eisenbahn gesetzt worden waren. Die Konzentrierung in Mooltan und der überstürzte Abmarsch nach Lahore aber hatten vollends ein schier unentwirrbares Durcheinander geschaffen.
Heideck sah sich inmitten einer Armee, die den großen Krieg und wohl überhaupt den Krieg gegen reguläre Truppen nicht kannte. Des Kämpfens zwar waren die Engländer gewohnt, denn sie hatten sich ja beständig mit wilden und halbwilden Völkern herumschlagen müssen. Sie hatten kostspielige Expeditionen gemacht und teuer erkaufte Siege davongetragen. Aber immer waren es regellose braune und schwarze Haufen gewesen, mit denen sie es zu tun gehabt hatten. Die Erfahrungen des Burenkrieges waren noch nicht in Fleisch und Blut der Truppe übergegangen. Die persönliche Tapferkeit jedes einzelnen war beinahe immer das allein entscheidende Moment gewesen, und so mochte sich’s auch erklären, daß alle Offiziere von einem gewaltigen Selbstgefühl erfüllt waren. Mit Geringschätzung sahen sie auf jeden Fremden herab, weil sie in ihren Siegen ja tatsächlich fast immer über eine numerische Uebermacht gesiegt hatten.
Mit Erstaunen bemerkte Heideck, daß die Durchführung der taktischen Regeln und Instruktionen in der britischen Armee häufig noch im Widerspruch mit der modernen Bewaffnung stand. Namentlich wurde bei der Infanterie immer noch das Salvenfeuer gewohnheitsmäßig als die Hauptfeuerart angewandt. Die Mannschaften waren einmal darauf gedrillt, daß sie auf Kommando ein ruhiges, gleichmäßiges Feuer abzugeben und dann fest zusammengeschlossen mit dem Bajonett auf den Feind loszustürmen hätten. Dies mächtige Volk war eben zu bequem gewesen, die neuesten Erfahrungen der Gefechtstechnik sofort zur Durchführung zu bringen; das hochmütige Albion hatte kritiklos alles für gut beibehalten, was englisch war und alles Neue und Fremde von vornherein verachtet. Oder vermieden die Engländer die aufgelöste Gefechtsordnung etwa deshalb, weil sie fürchteten ihre indischen Soldaten alsdann nicht mehr lenken zu können?
Die Breitengliederung der taktischen Verbände im Verhältnis zur Stärke der Armee erschien Heideck zu gering, um eine Aussetzung des Gefechts kraft derselben zu sichern.
Die Umgebung Lahores, besonders im Norden der Stadt, zwischen der Mauer und dem Feldlager, machte einen sehr bunten und bewegten Eindruck. Eine ganz eigenartige Staffage bildeten die unzähligen Kamele, die als Transportmittel gedient hatten und den Hauptteil des Trains ausmachten. Sie lagen in dicht gedrängten Haufen am Boden oder schritten gravitätisch ihres Wegs, während das laute Geschrei der Treiber grell die Luft erfüllte. Außerdem gab es noch eine ungeheure Menge von Menschen, die auf die eine oder andere Art zum Heere gehörten, ohne Kombattanten zu sein. Ein für malerische Eindrücke empfängliches Auge konnte also wohl seine Freude haben an den stetig wechselnden, farbigen Bildern der weiten Ebene. War doch schon die landschaftliche Szenerie interessant. Zwischen den weit verstreuten Dörfern und Vororten der etwa 180000 Einwohner zählenden Stadt schimmerten in frischem Grün prächtige Park- und Gartenanlagen, zumeist als Umgebung der Grabstätte eines Sultans oder eines berühmten mohammedanischen Heiligen. Nach Südosten hin erstreckten sich die großen Kantonnements der Kavallerie und der Artillerie, zu der auch mehrere Elefanten-Batterien gehörten.
Die Stadt selbst war gedrängt voll von Militär und den Familien der Offiziere. Fast alle Frauen und Kinder der nordwestlich von Lahore liegenden Garnisonen hatten sich beim Anmarsch der Truppen hierher geflüchtet. Auch Mrs. Baird mit ihren beiden kleinen Töchtern und Mrs. Irwin befanden sich in der Stadt, wo sie im Charing-Croß-Hotel Unterkunft gesucht hatten. Obwohl die Stadt in fast beängstigender Weise überfüllt und die Kriegslage keineswegs unbedenklich war, nahm Heideck doch nirgends eine besondere Aufregung wahr. Die Engländer bewahrten die ihnen eigentümliche ruhige Haltung, und die Eingeborenen schwiegen aus Furcht. Auf sie mochte das völlig Unerwartete und Unfaßliche der veränderten Situation wohl auch eine gewisse lähmende Wirkung ausüben.
Als Heideck kurz vor Sonnenuntergang vom Lager nach der Stadt ging, um die Damen aufzusuchen, kam es ihm, während er das bunte Gewühl außerhalb der Ringmauer durchschritt, immer mehr zum Bewußtsein, daß die Stellung der Armee sehr schlecht gewählt war. Eine viel zu große Anzahl von Menschen und Tieren war in dem verhältnismäßig engen Raum zusammengedrängt. Wenn etwa russische Schrapnells in diese Menge fielen, mußte ein schrecklicher Wirrwarr entstehen. Die Nähe der befestigten Stadt mußte die Kämpfenden zur Flucht hinter die Mauern verlocken. Heideck hatte bisher nicht den Eindruck empfangen, daß man auf ausdauernden Mut bei den eingeborenen Soldaten rechnen könnte.
Auf der Straße, die vom Shalimar-Park zur Eisenbahnstation in der Vorstadt Naulakha führte, mußte Heideck beständig den Batterien, den langen Zügen hochbepackter Kamele und beladener Ochsenwagen ausweichen, die ihm entgegen kamen, und er brauchte darum beinahe zwei Stunden, bis er sein Ziel erreichte. Das Charing-Croß-Hotel war bis unter das Dach hinauf gefüllt, und die beiden Damen mußten sich mit den Kindern in einem einzigen Zimmer des dritten Stockwerks behelfen, das man ihnen für einen enormen Preis überlassen hatte.
Mrs. Baird, eine Dame von kleiner, zierlicher Gestalt, aber von energischem Geist und echt englischem Stolz, erschien vollkommen ruhig und zuversichtlich. Sie sprach mit keinem Wort von ihrer eigenen, sicherlich höchst unbequemen Lage und von den Entbehrungen, die unter den obwaltenden Umständen ihren Kindern auferlegt waren, sondern einzig von dem nach ihrer Ueberzeugung unmittelbar bevorstehenden Siege der britischen Armee. Der Marsch von Mooltan nach Lahore war ja ein Vorrücken, und es unterlag für sie nicht dem mindesten Zweifel, daß der Uebermut der Russen binnen kürzester Zeit furchtbar bestraft werden würde.
„Es ist schrecklich, zu denken,“ sagte sie zu Heideck, „daß eine Nation, die sich eine christliche nennt, uns in Indien anzugreifen wagt. Was war dies unglückliche Land, ehe wir uns seiner annahmen! England hat es von der Tyrannei barbarischer Despoten befreit und ihm Wohlstand und Glück gegeben! Die indischen Städte sind aufgeblüht, weil unsere Gesetze die freie Entwicklung von Handel und Verkehr ermöglichten. Es war im höchsten Sinne des Wortes eine Kulturmission, die unsere Nation hier erfüllt hat. Gäbe der Himmel den Russen den Sieg, so würde dieses jetzt so glückliche Land wieder in die finsterste Barbarei zurückgeschleudert werden.“
Sie schien ein Wort der Zustimmung von Mrs. Irwin zu erwarten; diese aber saß ernst und schweigend da.
„Sie sollten nicht so still sein, liebste Edith, und nicht ein so schwermütiges Gesicht machen,“ wandte sich die Gattin des Obersten mit sanftem Vorwurf an sie. „Ich begreife vollkommen, daß die traurigen Ereignisse in Ihrem Privatleben Sie bedrücken. Aber jedes persönliche Leid sollte jetzt in der allgemeinen Sorge aufgehen. Was ist das Schicksal des Einzelnen in dieser Gefahr des Vaterlandes? Ich weiß, daß Sie eine so gute Patriotin sind, wie nur irgend eine Engländerin, aber mir scheint, daß es notwendig ist, das auch in diesen ernsten Stunden zu zeigen. Sorge und Niedergeschlagenheit wirken in solchen Zeiten auf unsere Umgebung wie eine ansteckende Krankheit.“
„Vielleicht bin ich in Wahrheit gar nicht die gute Patriotin, für die Sie mich halten.“
„Ah! — Wie soll ich das verstehen?“
„Ich kann die Kriege nicht von Ihrem Standpunkt ansehen, meine liebe Mrs. Baird! Es will mir vorkommen, als unterschieden wir Menschen uns gar nicht so sehr von den Tieren, die aus Hunger oder aus Eifersucht oder aus allerlei anderen niederen Instinkten miteinander kämpfen!“
„O, welch ein Vergleich!“
„Nun, wir verstehen uns ja allerdings besser auf die Kriegführung; denn wir erfinden komplizierte Instrumente, um unsere Mitmenschen haufenweis zu töten, während die Tiere auf ihre natürlichen Waffen beschränkt bleiben. Aber wissen wir darum besser als die Tiere, was wir tun? Wenn die Heere der Ameisen, der Bienen, der Wiesel oder der Fische im Meer ausziehen, um andere Geschöpfe ihrer Art zu vernichten, werden sie da nicht vielleicht von denselben Instinkten geleitet, die auch uns beherrschen?“
„Ich kann Ihnen da nicht folgen, Mrs. Irwin,“ sagte die kleine Dame etwas gereizt. „Wir Menschen sind doch vernunftbegabte Wesen, die nach bewußten Zielen streben!“
„Ist es wirklich so vernünftig, wenn die Bauern und Arbeiter als Soldaten in den Krieg ziehen? Streben sie da wirklich nach einem klar bewußten Ziel? Keiner von ihnen hat etwas zu gewinnen. Man zwingt sie, sich verstümmeln und totschießen zu lassen und ihre Mitmenschen zu töten. Die Ueberlebenden aber haben es nach erfochtenem Siege um nichts besser als vorher. Und die Führer selbst? Ehren und Orden und Dotationen sind doch nur Tand im Sinne des Christentums. Seien wir ehrlich, Mrs. Baird! Hat England etwa des Christentums wegen Indien erobert? Nein! Wir haben Ströme von Blut vergossen, nur um unsern Handel zu erweitern und das Vermögen einiger Weniger, die noch dazu dem Kampfe ferngeblieben sind, ins Ungemessene zu steigern.“
„Es ist traurig, das aus dem Munde einer Engländerin zu hören.“
Die Unterhaltung drohte eine bedenkliche Wendung zu nehmen, da die Gattin des Obersten sich durch Ediths Aeußerungen in ihren Empfindungen ernstlich verletzt fühlte. Aber Heideck wußte sofort dem Gespräch einen weniger verfänglichen Charakter zu geben. Bald darauf erschien der Oberst, der ein Zelt draußen im Lager bewohnte und nur selten Gelegenheit fand, nach seinen Angehörigen zu sehen.
Er bemühte sich, heiter und gelassen zu erscheinen, aber er war doch ein zu schlechter Schauspieler, um seine wahre Stimmung, die nichts weniger als fröhlich war, zu verbergen.
„Ich kann leider nur kurze Zeit bleiben,“ sagte er, nachdem er die kleinen Mädchen, an denen er mit großer Zärtlichkeit hing, noch herzlicher als sonst geliebkost hatte. „Ich bin hauptsächlich deshalb gekommen, um dich, liebe Ellen, über das zu verständigen, was du im Falle eines Rückzuges zu tun hast.“
„Eines Rückzuges? — Um Gottes willen — davon kann doch keine Rede sein!“
Der Oberst lächelte etwas gezwungen.
„Natürlich rechnen wir mit Sicherheit auf den Sieg. Aber das wäre ein schlechter Feldherr, der nicht auch an die Möglichkeit eines Rückzugs dächte. Während der letzten Stunden sind alle Dispositionen geändert worden. Wir brechen auf, um die Russen anzugreifen.“
„So ist es recht!“ rief Mrs. Baird mit leuchtenden Augen. „Eine britische Armee darf den Feind nicht erwarten, sondern sie muß ihm entgegen gehen!“
„Wir werden in der ersten Morgenfrühe aufbrechen, um den Russen den Uebergang über den Ravi zu verwehren. Die Pioniere gehen schon in der Nacht voraus, um die Brücken zu zerstören, — sofern es nicht bereits zu spät dazu ist. Um die richtige Front zu bekommen, muß die Armee beim Aufmarsch eine große Linksschwenkung machen. Hierbei soll auch die Front nach rechts verlängert werden. Der linke Flügel bleibt bei Schah-Dara und der Schiffsbrücke stehen.“
„Wäre es nicht möglich, mit hinauszugehen und der Schlacht zuzusehen?“ fragte Mrs. Baird. Aber ihr Gatte schüttelte in entschiedener Ablehnung den Kopf.
„Für euch, liebe Ellen, hält unser zuverlässiger Smith einen Wagen mit zwei tüchtigen Ochsen hier im Hotel bereit. Es ist für alle Fälle. Erhaltet ihr, was Gott verhüten möge, die Nachricht, daß die Armee sich auf Lahore zurückzieht, so dürft ihr keine Minute mehr verlieren, sondern müßt so schnell als möglich, bevor das Gedränge an den Toren und in den Straßen beginnt, zum Akbaritore hinaus über die Kanalbrücke fahren, die zum Sadar-Bazar führt und dann nach Amritsar, wo ihr vielleicht die Eisenbahn nach Goordas benutzen könnt. Alle übrigen Bahnen sind für andere als militärische Zwecke gesperrt. Dorthin aber wird der Strom nicht gehen, und dort werdet ihr in irgend einer Ortschaft des Gebirges vorläufig sichere Zuflucht finden. — Darf ich Sie mit einer großen Bitte behelligen, Mr. Heideck?“
„Ich bin ganz zu Ihrer Verfügung, Herr Oberst!“
„Bleiben Sie hier im Hotel — suchen Sie sich über die Vorgänge auf dem Laufenden zu erhalten und seien Sie den Damen und Kindern ein Beschützer, bis sie sich in Sicherheit befinden. Wenn ich mir erlauben darf, Ihnen für die Bestreitung der Kosten diesen Check — — —“
„Lassen Sie das einstweilen, Herr Oberst!“ wehrte Heideck ab. „Ich bin mit Geld ausreichend versehen, und ich werde später Rechnung ablegen. Ich verspreche Ihnen, Ihre Angehörigen und Mrs. Irwin zu schützen, so gut ich kann. Aber ich glaube, daß es besser sein wird, wenn ich nicht in der Stadt bleibe, sondern die Truppe begleite. Sollte eine ungünstige Wendung eintreten, so kehre ich eben eiligst zurück. Die Aufregung der Damen würde sich unnötig vermehren, und ich selbst würde in Verlegenheit wegen unserer Maßregeln geraten, wenn wir hier im Hotel unzuverlässige Nachrichten vom Stand der Dinge erhielten.“
„Das ist richtig,“ sagte der Oberst nach kurzem Bedenken. „Schon jetzt schwirren die abenteuerlichsten Gerüchte umher. Unter unseren mohammedanischen Truppen sind Flugblätter verbreitet worden, die sie unter den tollsten Vorspiegelungen zum Abfall von der englischen Armee auffordern. Einige Leute, die sich mit der Verteilung solcher Flugblätter befaßten, sind schon kurzerhand erschossen worden. — Ich überlasse alles Ihrer Umsicht und Entschlossenheit. Jedenfalls tun Sie am besten, sich möglichst in der Nähe des Höchstkommandierenden zu halten. Mein Passierschein wird Ihnen überall den Weg frei machen. Von meiner Dankbarkeit werde ich später reden.“
Er drückte Heideck kräftig die Hand, umarmte noch einmal seine Frau und seine Kinder, und die beiden Männer wandten sich zum Gehen. Schwer und beklemmend lag auf allen die dumpfe Vorahnung, daß es ein Abschied für immer gewesen sein könne.