XIII.
Der rote Schein zahlloser Feuer beleuchtete Heidecks Weg, als er in das Lager zurückkehrte. Ueberall auf der weiten Ebene zwischen der Stadt und dem Flusse wurde mit fieberhafter Geschäftigkeit gearbeitet. Lange Züge von Lasttieren waren in Bewegung, Lebensmittel und Munition wurden verteilt. Viele tausend Hände arbeiteten daran, den Uebergang der Armee über den flachen Nebenfluß des Ravi zu erleichtern. Man suchte den sumpfigen Stellen durch Bedeckung mit Palmenzweigen und Blättern größere Festigkeit zu geben, und für die Artillerie wurden in aller Eile Knütteldämme hergestellt. Heideck legte sich unwillkürlich die Frage vor, warum die Armee nicht gleich an der Stelle versammelt worden war, an der die Schlacht stattfinden sollte. Der Aufmarsch durch die schwierigen Gelände in Verbindung mit der beabsichtigten Linksschwenkung stellte an die Leistungsfähigkeit der Truppen Anforderungen, die ohne Zweifel die nachteiligsten Folgen für das Gefecht selbst haben mußten!
Vor seinem Zelte traf Heideck auf seinen indischen Boy, der sich ersichtlich in großer Aufregung befand.
„Wenn wir morgen früh aufbrechen, lassen wir das Zelt mit allem, was darin ist, stehen,“ sagte Heideck. „Du wirst meinen Hengst reiten, während ich dein Pferd nehme.“
Morar Gopal war ein Hindu aus dem Süden, fast so schwarz wie ein Neger, ein winziges, behendes Männchen, das kaum fünfzig Kilo wog. Deshalb wollte Heideck ihn auch zunächst sein Pferd reiten lassen, um dessen Kräfte für die späteren Anstrengungen des Tages möglichst zu schonen.
Jetzt erst gewahrte er, daß der Diener sich gegen seine Gewohnheit bewaffnet hatte. Er war mit einem Säbel umgürtet, und als er ihn nach dem Grunde fragte, erwiderte der Inder mit einem gewissen Pathos:
„Alle Hindus werden morgen sterben, aber ich will mich wenigstens tapfer verteidigen.“
„Und wie kommst du auf die Vermutung, daß alle Hindus morgen sterben müssen?“
„O, Sahib, wir wissen es wohl. Die Mohammedaner hassen die Hindus, und sie werden uns morgen alle töten.“
„Das ist ja Unsinn! Mohammedaner und Hindus werden morgen vereint gegen die Russen kämpfen.“
Aber der Inder schüttelte den Kopf.
„Nein, Sahib, die Russen sind auch Mohammedaner.“
„Der dir das sagte, hat dich belogen. Die Russen sind Christen, wie die Engländer.“
So großes Vertrauen Morar Gopal sonst auch zu seinem Herrn haben mochte, diesmal schenkte er seinen Versicherungen offenbar keinen rechten Glauben.
„Wenn sie Christen wären, warum sollten sie dann Krieg gegen andere Christen führen?“
Heideck sah ein, daß es unmöglich sein würde, den dunkelhäutigen Burschen über die ihm unverständlichen Dinge aufzuklären. Und da nur noch wenige Stunden für die Nachtruhe blieben, schickte er ihn auf seine Lagerstätte.
Der erste Sonnenstrahl zuckte noch kaum über die weite Ebene hin, als der Vormarsch begann. Heideck war bereits vor Tagesanbruch im Sattel gewesen, und er fand noch vor dem Aufbruch die Zeit, einige Worte mit dem Obersten Baird zu wechseln.
Dieser war heute auf einen sehr wichtigen und verantwortungsvollen Führerposten gestellt. Er kommandierte eine Brigade, die aus zwei englischen und einem Sepoy-Regiment, den Lancers und einer Batterie bestand. Dazu befehligte er das vom Maharadjah von Chanidigot gestellte und von dem Prinzen Tasatat geführte Hilfskorps, das aus tausend Mann Fußvolk, fünfhundert Reitern und einer Batterie bestand. Der Prinz selbst war auf das prächtigste gekleidet und bewaffnet; Griff und Scheide seines Säbels funkelten von Edelsteinen, und an seinem Turban blitzte eine Agraffe aus kostbaren Diamanten. Er ritt einen prächtigen Fuchs, dessen Zäumung allein ein kleines Vermögen darstellte. — Auch seine Truppen waren schön gekleidet und trugen ein sehr zuversichtliches Wesen zur Schau. Die Reiter waren ähnlich den englischen Lancers mit langen Lanzen ausgerüstet und trugen rote, blaugestreifte Turbane. Viele von ihnen waren aber trotz ihrer schweren Stiefel genötigt gewesen, in die Reihen der Infanterie einzutreten, da sowohl bei den mohammedanischen Truppen, wie bei der englischen Kavallerie infolge schlechter Verpflegung und übergroßer Anstrengung zahlreiche Pferde eingegangen waren.
Die Bewegung der britischen Armee war ziemlich verwickelt. Die englischen Streitkräfte standen noch in zwei Treffen versammelt zwischen Schah Dara und dem Park von Shalimar. Das erste bildeten die von englischen Offizieren kommandierten indischen Truppen, das zweite die englischen Regimenter. So sollte verhindert werden, daß die zirka fünfundsiebzigtausend Inder die Flucht ergreifen könnten; sollte das erste Treffen aber zum Rückzug gezwungen werden, dann konnte es durch die fünfundzwanzigtausend Engländer Aufnahme finden und so die Schlacht wieder zum Stehen gebracht werden. Der Vormarsch wurde nun so angetreten, daß die rechte Hälfte der Aufstellung weit nach rechts ausholend die Linksschwenkung ausführte und dadurch die Front um etwa ein Drittel verlängerte; zur Füllung der hierdurch im Zentrum entstehenden Lücke wurde das zweite Treffen in das erste vorgezogen und bildete nunmehr die Mitte der Schlachtlinie. Gleichzeitig wurde ein neues zweites Treffen gebildet, das durch Zurücklassen entsprechender Truppen aller vorgehenden Abteilungen gebildet und hinter dem linken Flügel der gesamten Aufstellung zusammengezogen wurde: die Engländer hielten ihren linken Flügel für den am meisten bedrohten. Oberst Baird befand sich mit seiner Brigade in der Mitte der ganzen Aufstellung in vorderster Linie.
Heideck sah viele indische Regimenter an sich vorüber ziehen, und es entging ihm nicht, wie verschieden die Stimmung und Haltung der Leute war, je nachdem sie zu den Mohammedanern oder zu den Hindus gehörten. Während jene sehr unternehmend und viele sogar fröhlich aussahen, ließen die Hindus zum Zeichen ihrer Verzweiflung die Enden ihrer Turbane lose herabhängen und marschierten, Kopf und Gesicht mit Asche bestreut, trübselig dahin. Die Auffassung Morar Gopals von dem allen Hindus bevorstehenden Schicksale war also offenbar ganz allgemein.
So weit das Auge reichte, war die weite Ebene mit marschierenden Infanterie-Kolonnen, Reiterscharen und dumpf rasselnden Geschützen bedeckt. Während das englische Fußvolk in seinen gelbbraunen Khakianzügen sich kaum von der Farbe des Bodens abhob, glichen die Reiterregimenter und die Truppen der indischen Fürsten buntfarbigen Inseln in dem bewegten und unabsehbaren Meere des in zwei Treffen vorrückenden Heeres.
Dem Wunsche des Obersten entsprechend, hielt sich Heideck in der Nähe des Höchstkommandierenden, dessen zahlreicher Stab und großes Gefolge von Dienern, Pferden und Wagen ihm gestattete, sich unauffällig in das Gedränge zu mischen. Aber nicht lange blieb der General bei dem Zentrum. Um einen besseren Ueberblick über die ganze Schwenkung zu gewinnen und die Annäherung der Russen beobachten zu können, ritt er mit seinem Stabe und einer starken Reitereskorte gegen den Ravifluß vor. Heideck schloß sich, von seinem treuen Diener begleitet, ihnen an und war auf solche Art der Brigade des Obersten Baird bald weit voraus.
Von den Russen war vorläufig nichts zu sehen, und es mochten wohl schon drei Stunden seit dem Beginn des Vormarsches verflossen sein, als der dumpfe Donner der ersten Kanonenschüsse über das weite Feld dahinrollte. Der Feldherr hielt an und richtete seinen Krimstecher nach dem linken Flügel, wo die Kanonade mit jeder Minute an Heftigkeit zunahm. Eine weitere halbe Stunde noch, und das helle Knattern des Infanteriefeuers mischte sich in das Dröhnen der schweren Geschütze. Es war kein Zweifel mehr: am linken Flügel bei Schah Dara hatte die Schlacht begonnen. Gegen das rechte Raviufer vorgehend, machten die Russen Miene Lahore anzugreifen. Der Feldherr entsandte zwei Ordonnanzoffiziere nach dem rechten Flügel und dem Zentrum, mit dem Befehl, den Marsch zu beschleunigen. Dann kehrte er selbst mit seinem Gefolge an den früheren Standort zurück.
Heideck aber konnte sich nicht sogleich entschließen, ihm zu folgen. Seit dem Augenblick, da der erste Schuß gefallen war, hatte ihn das Schlachtenfieber ergriffen; er war jetzt nur noch Soldat.
Ein Gebäude, das er in geringer Entfernung bemerkt hatte und von dessen schlankem Minaret aus er einen besseren Ueberblick zu gewinnen hoffte, zog ihn unwiderstehlich an. Es war das halb verfallene Grabdenkmal irgend eines Heiligen, und es kostete Heideck einige Mühe, die Spitze des etwa sechs Meter hohen Minarets zu erklimmen, während sein Diener unten mit den Pferden wartete. Aber die Anstrengung wurde reichlich belohnt. Weithin übersah Heideck das flache Gefilde. Der vielfach gekrümmte Ravifluß war kaum eine halbe englische Meile entfernt. Seine Ufer waren mit hohem Grase und dichtem Dschungelgebüsch bestanden; jenseits des Stromes aber zeigten sich ungeheure, dicht zusammengeballte Truppenmassen: die vorrückende russische Armee.
Beide Heere mußten sehr bald am Flusse aufeinanderstoßen, denn einzelne Reiterregimenter und reitende Batterien der Engländer, die in langer Linie vorrückten, befanden sich bereits in dessen unmittelbarer Nähe.
Heideck hatte genug gesehen, um den Stand der Schlacht beurteilen zu können. Er kletterte wieder von seinem Minaret herab und bestieg jetzt den noch völlig frischen Hengst, während Morar Gopal sich in den Sattel seines Pferdes schwang. So gelangten sie sehr bald unter die britischen Reiter, die dem Gros vorausschwärmten. Der Anmarsch geschah jetzt mit äußerster Schnelligkeit. In der raschesten Gangart, die der weiche Boden nur immer gestattete, fuhren die englischen Batterien auf, protzten ab und eröffneten das Feuer. Geschlossene Infanteriemassen marschierten auf das Dschungel los. Von der anderen Seite des Flusses her aber wurde das lebhafte englische Feuer nur schwach erwidert. Nur aus der Gegend des linken englischen Flügels her, der von hier aus nicht zu erblicken war, dauerte das Geschütz- und Salvenfeuer mit unverminderter Heftigkeit fort.
Die Folge davon war, daß beträchtliche Verstärkungen nach dem anscheinend hart bedrängten linken Flügel entsandt wurden, wodurch eine erhebliche Schwächung des Zentrums herbeigeführt wurde, ohne daß wirkliche Klarheit über die Absichten der Russen vorhanden war. Gerade das aber mochte nach Heidecks Ueberzeugung die russische Taktik gewesen sein. Er war der Ansicht, daß sie den großen Schlachtenlärm bei Schah Dara wahrscheinlich nur verursachten, um die Aufmerksamkeit der Engländer dorthin abzulenken und dann den Hauptstoß in das Zentrum zu führen. Heidecks Urteil war richtig: die russische Hauptmacht stand dem Oberst Baird gegenüber.
Ein anderer Umstand, der sein Befremden erregte, war die Wahrnehmung, daß sowohl die englischen als auch die indischen Infanterieregimenter vor dem Dschungel Halt machten, statt bis zum Ravifluß durchzustoßen. Es wurden nicht einmal Schützen hineingeschickt, obwohl das Buschwerk keineswegs so dicht war, daß sich nicht eine Schützenkette darin hätte einnisten können. Die stachlichen Sträucher am Ufer standen vielmehr weit genug von einander entfernt, und das hohe Gras, das den Leuten wohl bis an die Schultern ging, hätte sogar ein vortreffliches Versteck geboten.
Nach und nach hatte die englische Armee die Linksschwenkung ausgeführt und stand der russischen Front nun gegenüber, und fortwährend wurden neue Regimenter aus dem zweiten Treffen in den vermeintlich gefährdeten linken Flügel vorgezogen. Unablässig donnerten die englischen Geschütze, aber ihre Aufstellung ließ manches zu wünschen übrig, viele von ihnen schossen, ohne durch das Dschungel hindurch den Feind überhaupt sehen zu können, und vergeudeten so nutzlos und vorzeitig ihre Munition.
Hell schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab. Ein leichter Nordwest, den das ferne Gebirge herabsandte, trieb den schwachen Pulverdampf in dünnen Wolken zur englischen Armee zurück.
Die Infanterie stand jetzt bewegungslos, da der Feind für sie völlig unsichtbar war. Erwartungsvolle Schwüle lag über den gewaltigen Kriegermassen, die die Gefahr fühlten und doch zu qualvoller Untätigkeit verurteilt waren. — Da mit einem Male erhob sich vom Flusse her wildes Geschrei, und gleich einem ungeheuren Heuschreckenschwarm durchbrachen Scharen von Reitern die Dschungeln, die vorher sogar die englische Infanterie hatten aufhalten können. Tausende der wilden Afghanen und der Krieger aus Buchara, Samarkand, Chiva und Semiretschensk, die zu den turkestanischen Divisionen vereinigt waren, hatten den Uebergang über den Fluß bewerkstelligt und stürzten sich nun unter dem gellenden Geschrei: ‚Allah! Allah!‘ auf die englischen Bataillone und Batterien. Im Schießen vom Pferde vorzüglich geübt, waren sie ein schrecklicher Gegner.
Obwohl die Engländer den unvermuteten Angriff mit knatterndem Salvenfeuer erwiderten und nicht um eines Haares Breite aus ihrer Position wichen, erlitten die russischen Reihen infolge ihrer aufgelösten Ordnung nur wenig Verluste. Immer neue Schwärme brachen aus dem Dschungel hervor, und wie ein Heer von Teufeln ritten sie gegen die Batterien an. Einige von diesen wurden wirklich zum Schweigen gebracht: die Bedienungsmannschaften waren niedergeschlagen worden, ehe sie die Geschütze gegen ihre Angreifer hatten wenden können, so rasend schnell und überraschend waren die kühnen Reiter vorgestürmt.
Zu spät kam die in glänzender Attacke vorgehende englische Kavallerie heran, die Wucht des Stoßes verpuffte, da die feindlichen Reiter schon wieder nach allen Seiten auseinandergestoben waren. Diese Leute hatten ihre kleinen, flinken Pferde auf eine geradezu wunderbare Weise in der Gewalt. Sie schienen völlig mit ihnen verwachsen, und die Schnelligkeit, mit der sie ihre Schwärme auflösten um sich sogleich wieder an anderer Stelle zu dichten Haufen zusammenzuschließen, machte sie für die kompakten Schwadronen des Gegners fast unangreifbar.
Einmal war auch Heideck mit einem Teil des Stabes, dem er sich angeschlossen hatte, in das Kampfgedränge geraten. Er hatte einen Afghanen, der ihn angriff, vom Pferde schießen müssen, und wahrscheinlich hätte ihn im nächsten Augenblick der Säbelhieb eines andern getroffen, wenn nicht der treue Morar Gopal, der eine erstaunliche Tapferkeit an den Tag legte, den Reiter rechtzeitig mit einem Stoß seines Säbels unschädlich gemacht hätte. Noch wogte das Kavalleriegefecht hin und her, als plötzlich eine große Anzahl heller Punkte in dem Grase vor dem Dschungel auftauchte. Scharf und hell knallte es von dort herüber, und die verderbliche Wirkung der Schüsse bewies, wie trefflich die russischen Schützen, die sich dort langsam gegen die britische Armee zu vorschoben, ihre Gewehre zu handhaben wußten. Die englische Infanterie gab unermüdlich ihre Salven ab, aber ein nennenswerter Effekt dieser Munitionsverschwendung war nicht wahrzunehmen. Die Zielpunkte waren zu winzig und zu weit verstreut, als daß das auf Kommando mechanisch abgegebene Salvenfeuer die gewünschte Wirkung hätte ausüben können. Außerdem hatten die Russen an dem farbigen Hintergrund des Dschungels eine vortreffliche Deckung, während die Engländer sich wie eine aufgestellte Scheibe gegen den hellen Horizont abhoben. Planmäßig nahmen die Russen zuerst die Bedienungsmannschaften der englischen Batterien unter Feuer. Die englische Artillerie wurde durch die wohlgezielten Schüsse der Russen auf eine fürchterliche Weise dezimiert, so daß schon nach Verlauf von kaum zehn Minuten der Befehl erteilt wurde, mit den Kanonen zurückzugehen. Soweit es möglich war, protzten die Engländer auf und jagten zurück, um zwischen den Infanterie-Bataillonen Aufstellung zu nehmen und von dort aus das Feuer wieder zu eröffnen. So rächte sich das reglementswidrige Vorgehen der englischen Artillerie, das eine Folge des übereilten Vordringens war, aufs schwerste.
Eine viel stärkere und verhängnisvollere Wirkung jedoch als der Angriff selbst schien das unaufhörliche Allahgeschrei der Afghanen und turkestanischen Reiter auf die in den britischen Linien stehenden Mohammedaner hervorzubringen. Heideck sah ganz deutlich, daß die indischen Soldaten hier und dort wie auf Kommando aufhörten zu feuern, und er gewahrte, wie erregte englische Offiziere mit dem flachen Säbel auf die Leute losschlugen und sie mit dem Revolver bedrohten. Offenbar aber hatten die Anführer ihren Einfluß auf die ihnen unterstellten fremden Elemente verloren. Ganz in der Nähe des Höchstkommandierenden wurde ein englischer Kapitän von einem indischen Soldaten mit dem Bajonett niedergestochen, und es war kaum zu bezweifeln, daß ähnliche Handlungen offener Rebellion sich auch bei den übrigen indischen Truppen wiederholten.
Die Leute, die nur mit dem heftigsten inneren Widerwillen dem Befehl der fremden Tyrannen gehorcht hatten, glaubten augenscheinlich schon jetzt den rechten Zeitpunkt gekommen, das verhaßte Joch abzuschütteln, und zugleich loderte die alte Feindschaft zwischen Mohammedanern und Hindus, der Gegensatz der beiden Religionen, der sich auch in friedlichen Zeiten sehr oft in blutigen Schlägereien kundgegeben hatte, in hellen Flammen auf. Inmitten des britischen Heeres kam es zu erbitterten Einzelkämpfen zwischen den unversöhnlichen Gegnern. Und es war unvermeidlich, daß dadurch die ganze Disziplin verhängnisvoll erschüttert und aufgelöst wurde.
Das Schlachtfeld machte einen entsetzlichen Eindruck. Vor der Front lagen zahllose Verwundete, die um Hilfe schrieen und denen doch keine Pflege gebracht werden konnte, da das Zurückgehen der englischen Artillerie ohne Rücksicht auf die Zurückbleibenden hatte vor sich gehen müssen: verwundete Pferde, die wild um sich schlugen, um aus den Geschirren zu kommen, erhöhten noch den grausigen Eindruck der schrecklichen Szenerie; dazwischen sprengten vereinzelte Abteilungen der englischen Kavallerie, auf die die eigene Infanterie aus Furcht vor dem Vorgehen der russischen Schützen rücksichtslos schoß. Wenn auch im Kriege die Schlachtfronten an sich ein so grauenvolles Bild bieten, daß nur die Erregung des Augenblickes dem Menschen das Ertragen dieses Eindrucks ermöglicht, so überstieg das sich hier durch den Vorkampf abspielende Bild doch alle Vorstellungen. Die Disziplinlosigkeit in den englischen Linien nahm immer mehr zu, so daß die englischen Offiziere ihre ganze Aufmerksamkeit auf die eigene Truppe, statt auf die Bewegungen des Gegners richten mußten. Wie nötig das war, zeigte sich sehr bald.
Prinz Tasatat war der erste, der mit seiner ganzen Mannschaft die Brigade des Obersten Baird verließ und offen zum Feind überging. Sein Beispiel wirkte entscheidend auf die bisher noch zaudernden Inder ein, und so wuchs die Zahl der Ueberläufer mit jeder Minute.
Eine einheitliche Leitung der Schlachtlinie war längst unmöglich geworden. Oberst Baird ließ seine Geschütze auf die Abteilung des Prinzen Tasatat richten, und gleich ihm führten viele andere Befehlshaber nach eigenem Ermessen ihren besonderen Kampf. Einzelne indische Regimenter zerstreuten sich nach allen Richtungen hin, weil es den Leuten weniger um einen Kampf zu tun war, als darum, Beute bei den Gefangenen und Verwundeten zu machen. An vielen Stellen des Schlachtfeldes kam es zum Handgemenge, das bei der fanatischen Erbitterung der Kämpfenden jedesmal zu einem grauenhaften Gemetzel wurde. Am schlimmsten ging es denen, die in die Hände der Afghanen fielen. Denn diese Teufel in Menschengestalt schnitten allen Gefangenen und Verwundeten, gleichviel, ob es Mohammedaner, Hindus oder Engländer waren, kurzerhand die Köpfe ab, und in ihrer Raubgier rissen sie den Verwundeten und Toten die Wertgegenstände vom Körper.
Ein ungeheurer Strom von Flüchtlingen zog an den noch in geschlossener Aufstellung verharrenden englischen Regimentern vorbei durch die Ebene nach Lahore, um hinter den Mauern der befestigten Stadt Schutz zu suchen.
Heideck hielt die britische Sache schon jetzt für verloren, und er war darauf gefaßt, zusammen mit den tapferen Männern seiner Umgebung hier den Schlachtentod zu sterben. Aber mit einem Gefühl aufrichtiger Bewunderung mußte er erkennen, wieviel Tapferkeit und musterhafte Disziplin den rein englischen Truppen innewohnte. Diejenigen Regimenter und Batterien, denen keine einheimischen Elemente beigemischt waren, blieben in all dem fürchterlichen Wirrwarr ruhig und unerschüttert, und dank ihrer Tapferkeit begann die anfangs so regellose Schlacht sich allgemach zu klären, wie wenn die starren Spitzen eines Gebirges aus dem sich senkenden Nebel hervortreten.
Statt der halbwilden Reiterei, die den Angriff eröffnet hatte, standen den englischen Truppen jetzt russische Batterien und gewaltige Infanteriemassen mit dichten Schützenschwärmen, sowie mehrere Dragonerregimenter gegenüber.
In dem allerdings sehr zusammengeschmolzenen zweiten Treffen der Engländer befand sich der Oberbefehlshaber mit etwa sechstausend Mann und zwei Batterien. Er hatte offenbar die Absicht, einen geordneten Rückzug nach Lahore anzutreten und denselben mit seinen Kerntruppen zu decken.
Es gelang ihm auch noch, vom rechten und linken Flügel zwei Abteilungen durch ausgesandte Ordonnanzoffiziere heranzuziehen. Das erste Treffen aber war so stark im Gefecht mit russischer Infanterie, daß ein geordneter Rückzug fast undenkbar war.
Trotzdem wollte der Feldherr den Versuch machen, auch das erste Treffen seiner Armee zurückzuziehen. Er entsandte einen seiner Adjutanten, um dem Obersten Baird, der noch etwa zweitausend Mann um sich haben mochte, den Befehl zum Abbrechen des Gefechts und zum Rückzug zu überbringen. Der junge Offizier salutierte mit tiefernstem Gesicht, zog seinen Säbel und sprengte davon. Aber er legte nur einen kleinen Teil seines etwa eineinhalb Kilometer langen todumdrohten Weges zurück. Umherschwärmende Kosaken auf kleinen, struppigen aber blitzschnellen Pferden griffen ihn an und warfen das Opfer soldatischer Pflicht aus dem Sattel.
Der General schien unschlüssig, ob er noch ein anderes junges Leben an die aussichtslose Aufgabe setzen solle. Da ritt Heideck auf ihn zu und legte die Hand an seinen Helm.
„Wollen Exzellenz mich reiten lassen! Ich bin mit dem Obersten Baird befreundet und würde gern die Gelegenheit wahrnehmen, ihm meinen Dank für erwiesene Güte abzustatten!“
Der Feldherr musterte den ihm unbekannten Herrn, der wie ein Offizier aussah aber keine vorschriftsmäßige Uniform trug, mit scharfem Blick. Doch er ließ sich nicht Zeit, Fragen zu stellen.
„Reiten Sie!“ sagte er kurz. „Der Oberst soll nicht länger Stand halten; er soll rechts ausbiegend auf Lahore zurückgehen — wenn er irgend kann.“
Heideck salutierte und warf seinen Hengst herum. Er hatte den Revolver in den Gürtel und den Säbel in die Scheide gesteckt. Denn nicht durch den Gebrauch der Waffen, sondern einzig durch die Schnelligkeit seines Pferdes durfte er hoffen, hier zum Ziel zu gelangen. Er ließ dem Tiere die Zügel und ermunterte es durch Zuruf. Und der Hengst machte die auf ihn gesetzten Hoffnungen nicht zu schanden. Er schien über den zerstampften Boden mehr dahinzufliegen als zu laufen. Die Kosaken, die auch diesen einzelnen Reiter zu erwischen versuchten, vermochten ihn nicht zu erreichen. Und von den Schüssen, die dem Verwegenen galten, traf keiner sein Ziel.
Unversehrt erreichte der freiwillige Meldereiter die Brigade. Aber er kam zu spät; denn fast im nämlichen Moment erfolgte der Zusammenstoß mit der trotz ihrer Verluste unaufhaltsam vorrückenden russischen Infanterie. Um sein und seiner wackern Krieger Leben so teuer als möglich zu verkaufen, hatte Oberst Baird ein Karree formieren lassen, in dessen Mitte sich die Reiter und die Geschütze befanden. Viele der Offiziere waren indessen aus dem Sattel gestiegen, hatten sich mit den Gewehren und Patrontaschen von Gefallenen versehen und waren mit aufgepflanztem Bajonett in das erste Glied des Vierecks getreten. Schweratmend und schweißbedeckt hielt Heideck vor dem Obersten und erstattete ihm seine Meldung.
Aber der tapfere Engländer wies mit einer Handbewegung auf die russischen Linien.
„Unmöglich!“ sagte er. „Es ist uns bestimmt, auf diesem Fleck zu sterben.“
Damit stieg auch er ab und nahm ein Gewehr. Aus tausend britischen Kehlen ertönte ein helles: ‚Hurrah!‘ denn die Russen hatten das Karree erreicht und man begann Mann gegen Mann zu kämpfen.
Unverwischlich prägten sich dem jungen Deutschen die furchtbaren Schrecknisse dieses Handgemenges ein, bei dem die Engländer mit dem Mute der Verzweiflung gegen den vielfach überlegenen Feind rangen. Auch er hatte den Säbel gezogen, doch seine politischen Sympathieen waren trotz aller persönlichen Beziehungen nicht bei der Sache der Engländer.
Da plötzlich hörte er einen heiseren Aufschrei der Wut dicht an seiner Seite, und als er sich umwandte, sah er zu seiner grenzenlosen Ueberraschung in das von Haß und Ingrimm schrecklich verzerrte Gesicht des Kapitäns Irwin. Er hatte ihn bei dem Depot in Chanidigot vermutet, aber Irwin mußte wohl eine Möglichkeit gefunden haben, sich diesem Kommando, das unter den obwaltenden Umständen ja einer beschämenden Zurücksetzung gleichgekommen war, zu entziehen und sich der ins Feld rückenden Truppe anzuschließen. Auch er kämpfte hier in diesem Todesringen mit dem Gewehr in der Hand, wie ein gemeiner Soldat. Und das rote Blut, das die Spitze seines Bajonetts färbte, gab beredtes Zeugnis für seine Tapferkeit. In diesem Moment aber war es keiner der russischen Angreifer, dem sein zornfunkelnder Blick galt, sondern der Mann, den er als seinen Todfeind haßte, seitdem durch sein mutvolles Eingreifen der schurkische Anschlag gegen Edith vereitelt worden war. Hier war der Ort und der Augenblick, dem heißen Racheverlangen, das ihn verzehrte, Genüge zu tun. Was bedeutete inmitten dieses großen Sterbens das Sterben eines Einzelnen!
Noch ehe Heideck die Absicht des Unseligen erraten konnte, drang Irwin mit gefälltem Bajonett auf ihn ein. Einzig ein Aufbäumen des erschreckten Hengstes rettete dem Hauptmann das Leben; denn der Bajonettstoß, der seiner Brust zugedacht war, streifte den Hals des Tieres. In demselben Augenblick traf der furchtbare Säbelhieb eines Russen den durch keinen Helm mehr geschützten Hinterkopf Irwins mit solcher Wucht, daß er mit einem dumpfen Aufschrei vornüber auf das Gesicht fiel.
„Was tun Sie noch hier?“ klang die merkwürdig veränderte heisere Stimme des Obersten plötzlich an Heidecks Ohr. „Reiten Sie — um des Himmels willen! Reiten Sie schnell! Wenn Sie sie wiedersehen, so bringen Sie meinem Weibe und meinen armen Kindern meine letzten Grüße! Stehen Sie ihnen bei!“
Aus einer tiefen Stirnwunde rann ihm das Blut über das Gesicht, und Heideck sah, daß er sich nur noch mit gewaltiger Willensanstrengung aufrecht erhielt. Er wollte etwas erwidern, aber schon hatte der Oberst sich wieder in einen Knäuel von Kämpfenden gestürzt, und wenige Sekunden später war er unter den Kolbenstößen und Säbelhieben der Russen zusammengebrochen.
Da warf Hermann Heideck sein Pferd herum und sprengte davon.
XIV.
Von tausendfältigem Tode umdroht, wie sein Ritt zu der Brigade des Obersten Baird, war auch Heidecks Rückweg. Wenngleich er allen geschlossenen Truppenkörpern auf seinem Wege über das blutgetränkte Schlachtfeld erfolgreich und glücklich auswich, so kamen vereinzelt russische Reiter doch in seine Nähe, und mehr als einmal hörte er den feinen, pfeifenden Ton der dicht an seinem Haupte vorbeisausenden Gewehrkugeln. Aber in dem Schlachtenfieber, das ihn ergriffen hatte, dachte er kaum einen Augenblick an die Gefahr, denn alle seine Gedanken beschäftigten sich einzig mit der Lösung der Frage, wie er nach Lahore gelangen sollte, um die letzte Bitte des Obersten zu erfüllen.
Aus mehreren Wunden blutend, setzte sein wackerer Hengst die letzten Kräfte ein, um seinen Reiter glücklich aus dem Schlachtgetümmel zu bringen. Eine bedeutende Strecke noch vermochte das verwundete Tier im langen Galopp zurückzulegen. Dann jedoch fing es plötzlich an, seinen Gang zu verlangsamen und zu straucheln, so daß Heideck merken mußte, es ging mit seinen Kräften zu Ende. Er schwang sich aus dem Sattel, um die Verletzung des Hengstes zu untersuchen, und erkannte, daß er dem Pferde weitere Anstrengungen nicht mehr zumuten dürfe. Es hatte außer dem Bajonettstich am Halse auch noch ein Kugelloch im linken Hinterschenkel, und namentlich aus dieser Wunde ergoß sich das Blut. Aengstlich schnaubend rieb das arme Tier den Kopf an der Schulter seines Herrn, und Heideck kraute ihm liebkosend die Stirn.
‚Armer Bursche — du hast deine Schuldigkeit getan. Ich muß dich hier zurücklassen.‘ Erst jetzt überkam ihn die bange Befürchtung, daß auch er von diesem Schlachtfelde nicht lebend entkommen werde.
Da sah er einen Reiter in indischer Kleidung mit hochgeschwungenem Säbel auf sich zukommen. Heideck riß seinen Revolver aus dem Gürtel, um sich gegen den Angreifer zu verteidigen. Plötzlich aber erkannte er in dem vermeintlichen Gegner seinen getreuen Boy, Morar Gopal, der vor Freude strahlte, seinen totgeglaubten Herrn durch einen Zufall wieder gefunden zu haben. Er wollte Heideck ohne weiteres sein Pferd überlassen und sich zu Fuß weiterzuhelfen suchen. Aber der deutsche Offizier nahm das uneigennützige Opfer seines Dieners nicht an. Und er wurde der Notwendigkeit, sich abermals von seinem treuen Diener zu trennen, dadurch überhoben, daß eben jetzt ein reiterloses englisches Offizierpferd in Sicht kam. Das Tier, ein schöner Brauner, war unverletzt und ließ sich ohne sonderliche Mühe einfangen. Nun konnten sie ihre Flucht gemeinsam fortsetzen, und Heideck faßte den Entschluß, sich dem linken englischen Flügel zuzuwenden, weil, wie es ihm schien, dort noch mit weniger Unglück gekämpft wurde, als bei den übrigen Teilen der schon völlig zersprengten britischen Armee. Der kürzeste Weg, um nach Lahore zu gelangen, war dies freilich nicht. Aber es wäre ein tollkühnes Unternehmen gewesen, sich in das wilde Getümmel von Fliehenden und Verfolgern zu mischen, das sich jetzt nach Lahore ergoß.
Die an beiden Ufern des Ravi liegenden, langgestreckten Plantagen von Schah Dara und die sie verbindende Schiffsbrücke waren in der Tat noch von englischen Truppen besetzt, die ihre Stellung bisher ohne allzuschwere Verluste behauptet hatten. Allerdings hatten sie sich den Russen gegenüber in der Mehrzahl befunden. Denn der Angriff auf Schah Dara, mit dem die Schlacht begonnen hatte, war in der Hauptsache ja nur ein Scheinmanöver gewesen, dazu bestimmt, das Zentrum der englischen Armee, gegen das der Hauptstoß geführt werden sollte, zur Entsendung von Verstärkungen zu veranlassen und dadurch in verhängnisvoller Weise zu schwächen. Heideck hatte mit eigenen Augen gesehen, wie vollständig dieser Plan geglückt war. Nun freilich, da durch den erfochtenen Sieg ihre Streitkräfte an anderen Stellen entbehrlich wurden, fingen die Russen an, auch hier mit größeren Massen anzugreifen. Aus der Reserve rückten russische Bataillone im Sturmschritt heran, und neue Batterien erschienen, um das Feuer auf Schah Dara und das südlich davon gelegene Grabmal Schah Jehangirs zu eröffnen.
Und die Engländer waren verständig genug, es nicht auf einen hoffnungslosen Verzweiflungskampf ankommen zu lassen, sondern sie begannen ihren Rückzug, so lange er sich noch in leidlicher Ordnung vollziehen konnte.
Als Heideck das südliche Ende der Pflanzungen erreichte, kam eben ein Regiment bengalischer Reiter über die Schiffsbrücke, und Heideck schloß sich ihm an. Eine russische Granate, die mitten in den Trupp einschlug, ohne indessen trotz ihrer zahlreichen Opfer die Marschdisziplin zu zerstören, war ein recht deutlicher Beweis, daß die Situation auch hier in der Tat unhaltbar war.
Mit verhältnismäßig geringen Verlusten und ohne noch einmal in einen Kampf verwickelt worden zu sein, gelangte das Regiment bis unter die Zitadelle, die im Norden von Lahore innerhalb der Umfassungsmauer liegt.
Mit Entsetzen aber mußten die unglücklichen Lanzenreiter wahrnehmen, daß ihnen auch von dort her mörderische Kugeln entgegengesandt wurden. Sie galten freilich nicht ihnen, sondern den verräterischen indischen Truppen und den irregulären russischen Reitern, die sich in wildem Getümmel gegen die Mauern wälzten. Aber ihre Wirkung war darum nicht minder verderblich. Die zurückgebliebene englische Besatzung hatte alle Tore der Stadt geschlossen und schien gesonnen, niemand mehr einzulassen, weder Freund noch Feind. Trotzdem ließ der Führer des bengalischen Regiments seine Leute dicht aufschließen und bahnte sich mit unwiderstehlichem Druck einen Weg durch den Wirrwarr der unmittelbar unter den Mauern in grauenhaftem Handgemenge Kämpfenden. Er hatte seine Richtung auf eines der Tore zu genommen. Und drinnen kam man glücklicherweise seiner Absicht entgegen: in der Zuversicht, daß die wuchtigen Hiebe und Stöße der Reiter den Feind verhindern würden, gleichzeitig mit ihnen einzudringen, öffnete man im entscheidenden Augenblick das Tor, und inmitten des Regiments gelangte auch Heideck mit seinem treuen Gefährten glücklich in die Stadt.
Die Lancers rückten in die Zitadelle ein, und Heideck wandte sich mit Morar Gopal, der ihm wie sein Schatten folgte, dem Charing-Croß-Hotel zu.
Aber es war nicht leicht, dahin zu gelangen. Denn die Straßen waren mit einer schier undurchdringlichen Menge laut schreiender und gestikulierender Eingebornen gefüllt, die sich ersichtlich in größter Aufregung befanden. Die Nachrichten von der für die Engländer verlorenen Schlacht hatten längst ihren Weg in die Stadt gefunden, und die lang gehegte Befürchtung, daß eine solche Nachricht eine verhängnisvoll aufreizende Wirkung auf die indische Bevölkerung üben würde, zeigte sich überraschend schnell als berechtigt. In all’ den braunen Gesichtern, die er da auf sich gerichtet sah, glaubte Heideck deutlich eine haßerfüllte Drohung zu lesen. Man hielt ihn natürlich für einen Engländer, und nur seine entschlossene Miene und der blanke Säbel in seiner Faust mochten die Leute abhalten, ihrem Groll gegen den Angehörigen der verhaßten Unterdrücker-Rasse durch Tätlichkeiten Ausdruck zu geben.
Das Tor des Hotels war verschlossen, vielleicht, weil man einen Angriff von Seiten der Eingebornen fürchtete. Aber als ein weißer Mann, den man obendrein für einen englischen Offizier hielt, Einlaß begehrte, wurde es aufgetan. Heideck fand einen großen Teil der in dem Hotel untergebrachten Offiziersdamen und Kinder im Vestibül und dem daran anstoßenden Speisesaal versammelt. Die Ahnung eines schrecklichen Unglücks und die durch den Straßenlärm beständig gesteigerte Angst vor den kommenden Ereignissen hatten die Bedauernswerten nicht länger in ihrem Zimmer geduldet. Mrs. Baird und Edith Irwin aber befanden sich nicht unter denen, die Heideck umdrängten, und die in hundert durcheinanderschwirrenden Fragen von dem staubbedeckten Manne, der sicherlich vom Schlachtfelde herkam, Auskunft über den Stand der Dinge zu erhalten hofften.
Heideck sagte nichts weiter, als daß die Armee sich tapfer kämpfend zurückzöge. Es wäre eine nutzlose Grausamkeit gewesen, den Schrecken und die Verzweiflung dieser Unglücklichen durch eine Mitteilung der ganzen Wahrheit ins Ungemessene zu steigern. Fast gewaltsam mußte er sich aus dem dichten Knäuel befreien, um sich in das Zimmer der Mrs. Baird hinaufbegeben zu können. Es war die erste freudige Empfindung während dieses verhängnisvollen Tages, die seine Seele durchzitterte, als er in dem freundlichen Zuruf, der sein Klopfen beantwortete, Edith Irwins Stimme erkannte. Die Befürchtung, daß ihr während seiner Abwesenheit etwas zugestoßen sein könnte, hatte ihn während der letzten Stunden unablässig gepeinigt, und er vergaß für einen Augenblick all das Grauen, das sie umgab, über dem Entzücken, in das ihn bei seinem Eintritt der Anblick ihrer unvergleichlichen Schönheit versetzte.
Sie hatte sich aus dem Sessel inmitten des Zimmers erhoben, mit tiefernstem, aber vollkommen ruhigem Gesicht und klarblickenden Augen, die bereit schienen, auch der furchtbarsten Gefahr fest entgegenzusehen. Mrs. Baird lag mit ihren beiden kleinen Mädchen in einer Ecke auf den Knieen. So ganz war sie in ihre inbrünstige Andacht versunken, daß sie den Eintritt Heidecks völlig überhört hatte. Erst als Edith sagte: „Da ist Mr. Heideck, liebe Freundin! Ich wußte wohl, daß er kommen würde —“ sprang sie in großer Erregung auf.
„Dem Himmel sei Dank! Sie kommen von meinem Gatten? Wie haben Sie ihn verlassen? Ist er noch am Leben?“
„Ich verließ den Obersten, als er sich inmitten seiner tapferen Leute gegen den Feind verteidigte. Er trug mir auf, Ihnen seine Grüße zu bringen.“
Er hatte sich bemüht, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. Aber der scharfe weibliche Instinkt der bedauernswerten Frau erriet, was sich hinter seinen tröstlich klingenden Worten verbarg.
„Warum sagen Sie mir nicht die Wahrheit? Mein Mann ist tot!“
„Er war verwundet, aber Sie brauchen die Hoffnung nicht aufzugeben, ihn lebend wiederzusehen.“
„Wenn er verwundet ist, will ich zu ihm. Sie werden mich führen, Mr. Heideck! Es muß doch eine Möglichkeit geben, zu ihm zu gelangen.“
„Ich bitte Sie dringend, sich zu beruhigen, verehrte Mrs. Baird! Es ist gewiß begreiflich, daß Ihr Herz Sie jetzt zu Ihrem Gatten zieht. Aber die Ausführung Ihrer Absicht ist ganz unmöglich. Die Nacht bricht herein, und wenn es auch heller Tag wäre, würde niemand durch das Getümmel der zurückgehenden Armee dahin gelangen können, wo wir den Obersten suchen müßten.“
„Die Schlacht ist also verloren? Unser Heer ist auf der Flucht?“
„Der Verrat der indischen Truppen trägt die Schuld daran. Ihre Landsleute, Mrs. Baird, haben gekämpft wie Helden, und da eine verlorene Schlacht noch nicht einen verlorenen Feldzug bedeutet, werden sie die Scharte von heute vielleicht bald ausgewetzt haben.“
„Was aber soll nun aus uns werden? Man wird doch die Verwundeten hierher bringen, nicht wahr? Darum werde ich unter keinen Umständen fortgehen, ehe ich meinen Gatten wiedersehe.“
Ihr Entschluß, in der aufgeregten Stadt auszuharren, wäre sicherlich durch keine Kunst der Ueberredung zu erschüttern gewesen. Aber Heideck dachte auch gar nicht daran, Mrs. Baird von diesem Entschluß abzubringen. Denn es war seine feste Ueberzeugung, daß die von dem Obersten für den Fall einer Niederlage empfohlene Flucht nach Amritsar in der gegenwärtigen Lage ganz unausführbar war. In der Tat gab es kaum eine andere Möglichkeit, als hier im Hotel auszuharren und geduldig den weiteren Verlauf der Ereignisse abzuwarten.
In die aufgeregte Volksmenge draußen auf den Straßen durften sich weiße Frauen und Kinder jetzt unmöglich hinauswagen. Im Hause aber glaubte sie Heideck einstweilen noch vollkommen sicher, denn er hielt es für unmöglich, daß der Fanatismus der Eingebornen sich bis zu einem Angriff auf das Hotel steigern könnte, während sich noch beträchtliche Mengen englischen Militärs in der Stadt befanden.
Nur zu bald aber sollte er erfahren, daß auch er den Ernst der Situation unterschätzt hatte. Ein roter, zuckender Flammenschein, der das eben noch von der sinkenden Dämmerung erfüllte Gemach plötzlich erhellte, ließ ihn bestürzt an das Fenster eilen, und er sah zu seinem Schrecken, daß eines der Häuser auf der gegenüberliegenden Seite der Straße in Brand geraten war. Auch in dem anstoßenden Gebäude züngelten die Flammen bereits an den hölzernen Säulen der Veranda empor. Es war kein Zweifel, daß das Hotel in kurzer Zeit von Flammen umringt sein würde.
Unter diesen Umständen war an ein Verweilen im Hotel nicht mehr zu denken. Dem Feuer zwar konnten seine massiven Mauern vielleicht eine Zeitlang Widerstand bieten, aber der beißende Qualm, der Heideck schon jetzt den Atem benahm, als er für einen Moment das Fenster öffnete, hätte menschlichen Wesen den Aufenthalt in dieser Glut bald unmöglich gemacht. Nun wurde auch mit heftigen Schlägen an die Tür des Zimmers geklopft, und Morar Gopal, der Heideck überall im Hotel gesucht hatte, beschwor seinen Herrn, auf der Stelle zu entfliehen.
Der deutsche Offizier war sich vollkommen klar darüber, daß es jetzt galt, die eine Gefahr mit einer andern, vielleicht noch größeren, zu vertauschen. Aber es gab trotzdem kein Zaudern und Ueberlegen.
„Wir befinden uns inmitten einer Feuersbrunst, Mrs. Baird,“ sagte er dringend. „Niemand wird in dieser allgemeinen Aufregung einen Versuch machen, dem rasenden Element Einhalt zu gebieten. Und wenn Sie nicht hier mit Ihren Kindern ersticken wollen, müssen Sie mir folgen. Ich hoffe, Sie unversehrt in die Zitadelle oder an einen anderen geschützten Ort zu bringen.“
Edith Irwin hatte bereits eines der kleinen Mädchen in ihren Arm genommen, und als die Gattin des Obersten mit wirren Blicken suchend umhersah, als hätte sie den Wunsch, noch irgend welche teuren Besitztümer zu retten, drängte sie sie nachdrücklich zur Eile.
„Es gibt jetzt nichts wertvolleres, als das Leben Ihrer Kinder. Alles andere mag in Gottes Namen verloren gehen.“
Und die arme Frau, deren Sinne sich in dem Uebermaß des Schrecklichen zu verwirren begannen, fügte sich gehorsam der kaltblütigen Ueberlegenheit ihrer jungen Freundin. Von den Bewohnern des Hotels war schon beinahe alles geflüchtet. Nur ein paar unglückliche Frauen, die völlig den Kopf verloren hatten, irrten noch in den unteren Räumen umher, allerlei wertlose Dinge, von denen sie sich nicht trennen wollten, in den Händen haltend. Heideck rief ihnen zu, sich ihm anzuschließen. Aber sie verstanden ihn kaum, und er hatte nicht Zeit, sich weiter um die Bedauernswerten zu kümmern.
Den bloßen Säbel in der Faust, suchte der treue Hindu dem Gebieter und dessen Schützlingen einen Weg durch die zwischen den brennenden Häusern hin- und herwogende Menge zu bahnen. Es war jetzt völlig dunkel geworden, und nur die roten Flammen beleuchteten unheimlich die grausige nächtliche Szene. Der wütende Fanatismus der Menge schien sich während der letzten halben Stunde noch gewaltig gesteigert zu haben. Diese sonst so bescheidenen, unterwürfigen und liebenswürdigen Menschen waren plötzlich in eine Horde von Wilden verwandelt. Ueberall sah man geschwungene Dolche und Säbel, während ein betäubendes Geschrei die Luft zerriß. Nie zuvor hatte Heideck menschliche Wesen in solchem Aufruhr gesehen. In tollen Gestikulationen warfen diese braunen Burschen ihre Arme und Beine umher. Wie wilde Tiere fletschten sie die Zähne und brachten sich selbst mit ihren Waffen Verletzungen an Brust und Gliedern bei, um durch den Anblick des fließenden Blutes ihre Mordgier zu erhöhen.
Schritt für Schritt bahnten sich die beiden Männer durch gebieterische Zurufe und durch kräftige Schläge mit der flachen Klinge ihren Weg. Aber nach Verlauf von zehn Minuten hatten sie wenig mehr als hundert Meter zurückgelegt. Das Getümmel um sie her wurde immer enger und bedrohlicher, und Heideck sah ein, daß es unmöglich sein würde, die Zitadelle zu erreichen.
In banger Sorge um die seinem Schutze anvertrauten Menschenleben hielt er Umschau nach einem anderen rettenden Zufluchtsort. Aber die Europäer hatten ihre Häuser fest verschlossen und verrammelt, und keiner von ihnen würde den Hilfeflehenden aufgetan haben. Plötzlich wuchs das wüste Geschrei, das die weinenden Kinder schon jetzt fast zu Tode geängstigt hatte, zu einem markdurchdringenden Kreischen und Toben an, und eine Rotte von ihrer fanatischen Leidenschaft bis zum Wahnsinn gestachelter Dämonen stürmte aus einer Seitenstraße gerade auf Heideck zu.
Sie hatten irgendwo auf ihrem Wege schon eine Anzahl anderer weiblicher Flüchtlinge aufgefangen. Und der Anblick dieser Unglücklichen ließ dem deutschen Offizier das Blut in den Adern erstarren. Man hatte den Frauen, unter denen sich auch zwei fast noch an der Grenze des Kindesalters stehende Mädchen befanden, die Kleidungsstücke vom Leibe gerissen und stieß sie jetzt unter beständigen grausamen Mißhandlungen vorwärts, so daß sie aus zahlreichen Wunden bluteten.
Unfähig, seinen heiß aufwallenden Zorn über diese Bestialität niederzuhalten, riß Heideck den Revolver aus dem Gürtel und streckte eines der fanatisch heulenden Scheusale durch einen wohlgezielten Schuß zu Boden.
Aber es war nicht klug gewesen, was er da getan hatte. Wenn sein soldatisches Aussehen die im Grunde feige Gesellschaft bis dahin noch von Gewalttätigkeiten gegen ihn und seine Begleitung zurückgehalten hatte, so riß die aufkochende Wut jetzt alle Dämme nieder.
In der nächsten Sekunde schon war das kleine Häuflein in einen Knäuel tobender brauner Teufel eingeschlossen, und Heideck gab sich keiner Täuschung mehr darüber hin, daß es sich nur noch darum handeln könne, tapfer kämpfend zu sterben. Die ersten und ungestümsten der Angreifer vermochte er sich damit vom Leibe zu halten, daß er die fünf noch in seinem Revolver befindlichen Schüsse gegen sie abfeuerte. Der letzte von ihnen blies einem schwarzbärtigen Burschen gerade in dem Augenblick das Lebenslicht aus, als er mit brutalen Fäusten nach Edith Irwin gegriffen hatte. Jetzt warf Heideck den nutzlos gewordenen Revolver, den er nicht mehr von neuem zu laden vermochte, einem der zähnefletschenden Unholde ins Gesicht, schlang seinen freigewordenen linken Arm um Edith und setzte, sie fest an sich drückend, seinen verzweifelten Verteidigungskampf mit dem Säbel fort.
Für Mrs. Baird und ihre Kinder konnte er nichts mehr tun. Seitdem er den treuen Morar Gopal unter den Hieben einiger Mohammedaner hatte fallen sehen, wußte er, daß sie rettungslos verloren seien. Er gewahrte noch, wie man der Gattin des Obersten ebenfalls die Kleider in Fetzen vom Leibe riß; er hörte das herzzerreißende Wehgeschrei, mit dem sie unter den Schlägen und Stößen der entmenschten Peiniger nach ihren Kindern rief. Aber es blieb ihm wenigstens erspart, auch das Ende der unschuldigen kleinen Mädchen mit eigenen Augen sehen zu müssen. Sie waren seinem Blick in dem schrecklichen Gedränge entschwunden, und da sie ohnedies vor Entsetzen schon halb bewußtlos gewesen waren, mochte der Himmel wenigstens die Barmherzigkeit gehabt haben, sie die Qualen des Todes, den ihre fühllosen Schlächter ihnen bereiteten, nicht mehr empfinden zu lassen.
Und Edith?
Sie war nicht ohnmächtig. Nichts von jenen Schauern des Entsetzens, die selbst den Mutigsten im Angesicht des Todes überkommen, war in ihren Zügen zu lesen. Man hätte glauben können, daß die Vorgänge um sie her alle Schrecken für sie verloren hätten, seitdem Heidecks Arm sie umschlang.
Aber der Moment war nicht dazu angetan, Heideck die Seligkeit der Gewißheit ihrer Liebe empfinden zu lassen. Er war mit seinen Kräften zu Ende, und obwohl er bis auf eine geringfügige Verletzung an der Schulter noch unverwundet war, wurde es ihm doch schon unsäglich schwer, den Säbel zu führen, dessen wuchtige Hiebe die Angreifer bis auf einige Tollkühne, die ihren Vorwitz teuer genug bezahlt hatten, bisher noch immer in einer gewissen respektvollen Entfernung gehalten. In demselben Augenblick, wo ihn die Ermattung nötigte die Waffe sinken zu lassen, waren Edith und er hilflos der dämonischen Grausamkeit dieser Horde menschlicher Bestien preisgegeben. Das wußte er, und darum setzte er, obwohl es vor seinen Augen schon wie ein blutroter Nebel wogte, den letzten Rest seiner Kraft daran, diesen fürchterlichen Augenblick noch um ein Geringes hinauszuschieben. —
Und plötzlich geschah etwas Unerwartetes, Wunderbares, — etwas, das er in seinem gegenwärtigen Zustande überhaupt nicht zu begreifen vermochte. Zahlreiche Ausrufe der Angst und des Schreckens mischten sich in das Wut- und Triumphgeheul der rachetrunkenen Inder. Mit der unwiderstehlichen Wucht einer Flutwelle drängte der ganze, dicht zusammengedrängte Menschenschwarm vorwärts und gegen die Häuser an beiden Seiten der Straße. Pferdegetrappel, Kommandorufe, das Geräusch klatschender Schläge wurden vernehmlich, und die Oberkörper bärtiger Reiter tauchten über den Köpfen der Menge auf.
Es war eine Schwadron Kosaken, die sich da rücksichtslos ihren Weg durch das Getümmel bahnte. Die Stadt mußte sich also in den Händen der Russen befinden, und es war jedenfalls der Befehl ergangen, zur Verhinderung weiterer Massakres und Brandstiftungen die Straße von dem fanatischen Gesindel zu säubern.
So trieben denn die grimmig dreinschauenden Reiter alles, was ihnen in den Weg kam, vor sich her. Und sie machten ihre Sache gut; denn den Hieben der an ihren Enden mit dünnen, harten Stöcken versehenen Peitschen, die in ihren Fäusten zu einem fürchterlichen Züchtigungsinstrument wurden, widerstand nichts.
Heideck sah sich plötzlich von seinen Angreifern befreit, und da er sich mit Edith hart an die Mauer eines Hauses drückte, blieb er auch von den Fußtritten der Pferde, wie von den wahllos ausgeteilten Knutenhieben glücklich verschont.
Aber das scharfe Auge eines Kosakenoffiziers hatte die kleine Gruppe inmitten eines ganzen Haufens von Toten und Verwundeten erspäht. Er ritt zu den beiden heran, und da er in Heidecks Khakianzug eine englische Uniform zu erkennen glaubte, erteilte er seinen Leuten einen Befehl, über dessen Bedeutung die Geretteten nicht lange im Zweifel blieben, denn sie wurden alsbald von zweien der Kosaken zwischen ihre Pferde genommen, und ohne zu wissen, wohin man sie bringen würde, durchschritten sie die hier und da von den Flammen der brennenden Häuser glutrot beleuchteten Straßen.