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Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman cover

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Chapter 17: XV.
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About This Book

A speculative political-military narrative offers a prophetic vision of a global war sparked by imperial rivalry and colonial tensions. Through council scenes, military recollections, and imagined dispatches, it traces how strategic calculations and nationalist anxieties lead major continental powers to align against a maritime empire. Episodes shift between diplomatic conferences, frontier postings, and the narrator's reflections, depicting mobilization, alliance-building, and an envisioned redistribution of overseas possessions as the conflict unfolds and reshapes international order.

XV.

Das Grabmal Anar Kalis, ein großes, achteckiges Gebäude in den südlichen Anlagen, war es, das die Gefangenen aufnahm. Heideck und Edith Irwin waren die ersten nicht mehr, die man hier unterbrachte. Denn außer etwa hundert Offizieren befanden sich darin zahlreiche englische Damen und Kinder, denen die Befreier früh genug erschienen waren, um sie vor dem grauenhaften Schicksal der Mrs. Baird und ihrer Kinder zu bewahren.

An der offenen Tür des den Frauen angewiesenen Raumes mußte sich Heideck von Edith Irwin trennen. Zu langem Abschiednehmen ließ man ihnen nicht Zeit. Aber selbst wenn sie ganz allein mit einander gewesen wären, würden sie in diesem Augenblick kaum fähig gewesen sein, viele Worte zu machen. Nach all den vorausgegangenen, schier übermenschlichen Anstrengungen und Aufregungen dieses fürchterlichen Tages war jetzt eine so tiefe Abgespanntheit und Erschlaffung über sie gekommen, daß sie sich nur noch ganz mechanisch ihrer Glieder bedienten und daß statt der Leidenschaften, Hoffnungen und Befürchtungen, von denen sie noch vor kurzer Zeit bewegt worden waren, nur dumpfe Leere in ihrem Hirn wie in ihrem Herzen war.

„Auf Wiedersehen morgen!“ das war alles, was noch zwischen ihnen gesprochen wurde. Dann, sobald man ihn in den ihm zugewiesenen Raum geführt hatte, warf sich Heideck da, wo er stand, auf die Fliesen des Steinbodens nieder und fiel fast augenblicklich in einen tiefen, traumlosen Schlaf. —

Die leuchtende indische Sonne, die durch eine runde Fensteröffnung in der Decke auf sein Gesicht schien, weckte ihn am nächsten Morgen.

Wohl waren seine Glieder von dem unbequemen Lager steif geworden, aber der kurze Schlaf hatte ihn doch gestärkt, und seine Nerven hatten die alte Frische und Widerstandsfähigkeit vollständig zurückgewonnen.

Seine Schlafgenossen mußten schon früher an einen anderen Ort gebracht worden sein; denn er sah sich in dem hohen, nur durch die Oeffnung in der Decke beleuchteten Raume ganz allein. Die Sonnenstrahlen fielen ihm gegenüber auf ein Denkmal aus reinstem, glänzendstem Marmor, das ganz mit für ihn unleserlichen Schriftzeichen bedeckt war. Noch in die Betrachtung des anscheinend schon sehr alten Denksteins versunken, hörte er plötzlich hinter sich das leise Rauschen eines Frauengewandes, und als er sich umwandte, sah er mit freudigster Ueberraschung in Edith Irwins bleiches, schönes Gesicht.

„Wie glücklich bin ich, Sie noch zu finden,“ sagte sie mit aufleuchtendem Blick. „Ich fürchtete schon, daß man Sie mit den andern Gefangenen fortgeführt hätte.“

„Augenscheinlich war man zu rücksichtsvoll, meinen wohlverdienten Schlummer zu stören,“ erwiderte er mit einem kleinen Anflug von Humor. Dann aber, sich des furchtbaren Ernstes der Situation erinnernd, fuhr er in verändertem, herzlichen Tone fort:

„Wie haben Sie diese Nacht überstanden, Mrs. Irwin? Mir ist, als könnte alles, was ich seit meiner Rückkehr nach Lahore erlebt habe, nur ein Traum gewesen sein.“

Mit einem schmerzlichen Zucken der Lippen schüttelte sie den Kopf.

„Wir dürfen leider nicht daran zweifeln, daß es grausame Wirklichkeit gewesen ist. Die arme, arme Mrs. Baird! Fast sollte man es für ein Glück halten, daß ihr Gatte das fürchterliche Schicksal seiner Angehörigen nicht mehr erlebt hat.“

„Sie haben Nachrichten vom Schlachtfelde erhalten? Sie wissen, daß der Oberst tot ist?“

Edith nickte.

„Der Oberst ist tot, mein Gatte ist tot, Kapitän Mac Gregor und viele andere unserer Freunde aus Chanidigot sind auf dem Schlachtfelde geblieben.“

Sie sagte es ruhig; doch er las in ihren Augen die tiefe Trauer ihrer Seele.

Ergriffen von soviel heroischer Charakterstärke, beugte er sich herab und küßte ihre Hand. Sie ließ sie ihm einen Augenblick, dann zog sie die schmalen, kühlen Finger mit einem bittenden Blick, dessen Bedeutung er recht wohl verstand, zurück.

„Der Höchstkommandierende und sein Stab haben den Bahnhof erreicht,“ fuhr sie fort, „und sind mit dem letzten Zuge, der Lahore verlassen hat, nach Delhi gefahren. Es war die höchste Zeit; denn gleich nachher rückten die Russen ein. Die Trümmer der Armee marschieren jetzt nach Delhi, aber die Verfolger sind dicht hinter ihnen. Gott allein weiß, welches das Schicksal unserer armen, geschlagenen Armee sein wird.“

Er fragte sie nicht, woher sie alle diese Nachrichten habe. Davon, daß sie zutreffend seien, war er ja nach seinen eigenen Erlebnissen fest überzeugt. Er wußte auch nicht, was er ihr Ermutigendes sagen sollte, ihr, der er nimmermehr mit leeren Phrasen hätte kommen mögen. Eine kleine Weile blieben sie schweigend, und ihre Blicke richteten sich dabei gleichzeitig auf das sonnenbeschienene Marmordenkmal vor ihnen.

„Kannten Sie dies Coenotaphium schon?“ fragte zu Heidecks Ueberraschung die junge Frau plötzlich. Und als er verneinte, sagte sie erklärend:

„Es ist das berühmte Grabmal der Anar Kali, der Geliebten des Sultans Akbar, der man um ihrer Schönheit willen den Namen der ‚Granatblüte‘ gegeben hat. Sie mag wohl auf ähnliche Weise dahingegangen sein, wie wir dahingegangen wären, wenn die Dolche der Mörder uns gestern getroffen hätten. Sie kam vielleicht ebensowenig zum Bewußtsein dessen, was mit ihr geschah, wie wir uns dessen in dieser Nacht bewußt geworden wären.“

„Können Sie die Schriftzeichen lesen?“ fragte Heideck.

„Nein, aber man hat mir ihren Inhalt mitgeteilt; denn es ist eine der berühmtesten Inschriften Indiens. Die schöne Anar Kali beging einst die Unklugheit, verführerisch zu lächeln, als der Sohn ihres Herrn und Gemahls den Harem betrat. Und noch in derselben Stunde ließ der eifersüchtige Sultan die Unglückliche hinrichten. Aber er muß sie doch wohl sehr geliebt haben, da er ihr dann ein so schönes Grabmal erbaute, das auch den kommenden Jahrhunderten den Namen Anar Kalis überliefern sollte. So voll unlöslicher Widersprüche ist die arme, törichte Menschenseele.“

Klirrende Schritte wurden draußen auf den Steinfliesen laut, und im nächsten Augenblick erschien ein Offizier mit mehreren Soldaten im Eingange des Raumes. In kurzem, befehlenden Tone forderte er Heideck auf, ihm zu folgen.

Jetzt zum ersten Mal sah der Hauptmann in Edith Irwins Zügen etwas wie einen Ausdruck der Angst.

„Was bedeutet das?“ wandte sie sich hastig an den Russen. „Dieser Herr ist kein Engländer.“

Der Russe verstand die englische Frage nicht. Aber als Heideck ihn auf russisch fragte, was man mit ihm vorhabe, erwiderte er achselzuckend:

„Ich weiß es nicht. Kommen Sie mit!“

„Man wird Aufklärung über meine Person haben wollen,“ sagte Heideck gelassen, um die junge Frau zu beruhigen. „Ich hoffe, daß man mich auf Grund meiner Legitimation freiläßt.“

„Gewiß, man muß Sie freilassen!“ rief sie fast leidenschaftlich aus. „Es wäre ja gegen alles Völkerrecht, wenn man Ihnen ein Leid zufügte. Aber wie soll ich die Ungewißheit über Ihr Schicksal ertragen!“

„Ich werde unverzüglich hierher zurückkehren, sobald mir die Möglichkeit dazu gegeben ist.“

„Ja, ja, ich beschwöre Sie, mich nicht eine Sekunde länger warten zu lassen, als es durch die Situation geboten ist. Ich bin ja noch nicht einmal dazu gekommen, Ihnen zu danken.“

Der russische Offizier gab so deutliche Zeichen von Ungeduld, daß Heideck nicht länger zögerte, ihm zu folgen.

Der Weg, den er zurückzulegen hatte, war nicht weit. Man führte ihn zu einem nahegelegenen Hause, über dessen Portal die Worte ‚School of arts‘ in Stein gehauen zu lesen waren. In einer Vorhalle mußte er kurze Zeit warten; dann öffnete sich vor ihm die Tür eines im Erdgeschoß gelegenen, mit Skulpturen geschmückten Zimmers, in welchem eine Anzahl von Offizieren an einem langen Tische saß. Heideck war sich sofort darüber klar, daß er vor ein Kriegsgericht gestellt wurde. Ein paar sehr niedergeschlagen aussehende Männer wurden eben hinausgeführt. Der Offizier, der den Vorsitz führte, blätterte in den vor ihm liegenden Papieren und wechselte dann, nachdem er einen scharfen Blick auf Heideck geworfen, einige Worte mit seinen Kameraden.

„Wer sind Sie?“ fragte er in einem schwer verständlichen Englisch von sehr russischer Klangfärbung.

Heideck, der sich ebenfalls der englischen Sprache bediente, gab kurz und klar Auskunft und legte dem Obersten seinen Paß vor, den er als augenblicklich wertvollstes Besitztum stets in der Brusttasche trug.

Sobald er ihn gelesen, sagte der Vorsitzende in tadellosem Deutsch:

„Sie sind also kein Engländer, sondern ein Deutscher? Was haben Sie hier in Indien zu tun?“

„Ich bereise das Land in Geschäften für das Haus Heideck in Hamburg.“

„In Geschäften? So? Und gehört es auch zu Ihrem Geschäft, gegen Rußland zu kämpfen?“

„Nein! Ich habe das auch nicht getan.“

„Sie leugnen also, gestern an der Schlacht teilgenommen zu haben?“

„Nicht als Mitkämpfer. Es waren andere Gründe, die mich auf das Schlachtfeld führten.“

„Sie wollten nur den Zuschauer machen? Kam Ihnen nicht zum Bewußtsein, daß dies unter Umständen recht gefährlich für Sie werden könnte?“

„Ich habe persönliche Beziehungen zu einigen Herren der englischen Armee, und diese Beziehungen veranlaßten mich, sie während des Gefechtes aufzusuchen.“

Der Oberst wandte sich an einen abseits stehenden jungen Offizier:

„Leutnant Osarow, ist es richtig, daß Sie in diesem Mann, als er während der letzten Nacht hier eingebracht wurde, eine Persönlichkeit wiedererkannten, die Sie während der Schlacht in einem englischen Karree gesehen haben?“

„Jawohl, Herr Oberst!“ lautete die entschiedene Antwort. „Ich erkenne ihn auch jetzt mit voller Bestimmtheit. Er ritt ein schwarzes Pferd und jagte davon, als wir in das Karree einbrachen.“

Heideck sah ein, daß es nutzlos gewesen wäre, dieser bestimmten Aussage gegenüber die Tatsache in Abrede zu stellen, und sein soldatisches Ehrgefühl würde ihm auch nicht gestattet haben, es zu tun.

„Was der Herr Leutnant da bekundet, ist richtig,“ erklärte er, einer Frage des Obersten zuvorkommend. „Aber ich habe mich nicht an dem Kampfe beteiligt. Als ein Freund des gefallenen Obersten Baird hielt ich mich so lange als möglich in seiner Nähe, um seinen hier in Lahore zurückgebliebenen Angehörigen Nachricht über sein Schicksal und über den Ausgang der Schlacht bringen zu können.“

„Sie waren als Ausländer bewaffnet in einem englischen Karree. Da Sie das zugeben, brauchen wir uns nicht mit weiteren Verhandlungen aufzuhalten. Die Herren werden damit einverstanden sein, daß wir Sie nach Kriegsrecht als Verräter behandeln?“

Die letzten Worte waren an die Beisitzer gerichtet, und mit stummer Verbeugung gaben sie ihre Zustimmung zu erkennen.

„Da Sie als Angehöriger einer nicht im Kriege mit uns befindlichen Nation in den Reihen unserer Feinde gekämpft haben, muß das Kriegsgericht Sie zum Tode verurteilen. Das Urteil wird sofort vollstreckt werden. Haben Sie noch etwas zu sagen?“

Heideck war wie betäubt. Es war ihm, als zöge sich plötzlich ein schwarzer Schleier über die Welt. Und ein schneidendes Weh zerriß sein Herz bei der Vorstellung, daß er Edith nie mehr wiedersehen, daß sie bis in alle Ewigkeit vergebens auf ihn warten würde.

Dann aber erwachte sein Stolz. Niemand sollte ihn schwach und zaghaft sehen.

„Es gibt keine Möglichkeit der Berufung gegen das Urteil dieses Kriegsgerichts?“ fragte er, dem Obersten fest in die Augen sehend.

„Nein!“

„Dann muß ich mich ja dem Spruch unterwerfen; aber ich protestiere gegen die Art des Verfahrens wie gegen das Urteil.“

Sein Protest machte offenbar nicht den geringsten Eindruck.

„Haben Sie den Exekutionsbefehl ausgefertigt?“ wandte sich der Oberst an den Protokollführer. Dann setzte er seinen Namen unter das Schriftstück und händigte es einem der bereitstehenden Kosaken ein.

„Der Verurteilte ist abzuführen.“

Zwei der Soldaten nahmen Heideck zwischen sich, und er folgte ihnen in stolzer, aufrechter Haltung, ohne weiter ein Wort zu sprechen. Im Kugelregen der Schlacht hatte er nicht die leiseste Anwandlung der Furcht empfunden; aber der Gedanke, wie ein Tier zur Schlachtbank geführt zu werden, erfüllte ihn mit Grauen. Dennoch hielt ihn eine Kraft aufrecht, die er noch nicht an sich entdeckt hatte. Die neue Gefahr erweckte in ihm neue Kräfte der Seele und des Geistes.

Die Kosaken führten ihn auf der Straße, die von Anar Kali nach dem Meean Meer Cantonment führt, einen weiten Weg. Heideck sah um sich und betrachtete die Veränderungen, die mit Lahore vorgegangen waren, gleich einem Reisenden, der im Geiste schon in der neuen Welt lebt, die er aufsuchen will, und der auf bekannte Gegenstände wie auf etwas Fremdes sieht. Ueberall erblickte er kleine Abteilungen Kavallerie, die für Ordnung sorgten. Und an den Brand in der Stadt, der augenscheinlich gelöscht worden war, erinnerten nur noch schwache Rauchwolken. Die prächtigen Anlagen der Donald-Stadt, durch die der Weg führte, die landwirtschaftlichen Pflanzungen, der Lawrence-Park, lagen wie im tiefsten Frieden da.

Heideck war nicht gefesselt, aber die Kosaken neben ihm trugen ihre Karabiner im Arme, bereit, auf ihn zu schießen, wenn er etwa davonlaufen wollte. Aber wie hätte er entlaufen können? Ringsum zeigten sich die Patrouillen der russischen Kavallerie. Hinter ihm führten berittene Kosaken einen ganzen Trupp von Indern. Wahrscheinlich waren es Brandstifter und Plünderer, die gleich ihm hingerichtet werden sollten. Und es konnte seine Stimmung wahrlich nicht verbessern, daß er sich auf seinem letzten Gange in solcher Gesellschaft sehen mußte.

Nach langem Marsche erreichte man endlich das von den Engländern verlassene Kantonnement, dessen Baracken und Zelte jetzt die russischen Truppen füllten. Mit Mühe nur konnten sich seine Begleiter hier einen Weg durch das Gedränge bahnen; das Gerücht, daß man eine Anzahl von Delinquenten in das Lager bringe, mußte wohl dem Transport vorausgeeilt sein, denn Soldaten der verschiedensten Waffengattungen drängten von allen Seiten neugierig herzu, um die armen Sünder aus der Nähe zu betrachten.

Und plötzlich fühlte Heideck eine kleine, aber eisenfeste Hand an seinem Arme.

„O Herr, was ist das? — Weshalb führt man dich hier wie einen Gefangenen?“

Beim ersten Wort schon hatte Heideck die weiche Stimme erkannt, die in der Erregung ganz ihren natürlichen weiblichen Klang angenommen hatte. In demselben phantastischen Pagenkostüm, darin er ihn zuletzt in Chanidigot gesehen, stand der angebliche Diener seines Freundes des Fürsten Tschadschawadse hier, wo er ihn gewiß am allerwenigsten vermutet hätte, wie aus der Erde gewachsen vor ihm, und in seinem schönen, ausdrucksvollen Gesicht spiegelte sich die lebhafteste Bestürzung.

„Du bist es, Georgij?“ rief Heideck, in dessen verdüsterte Seele der Anblick der Cirkassierin einen schwachen Hoffnungsschimmer warf, „und dein Herr — der Fürst? — Befindet er sich ebenfalls in der Nähe?“

Aber die Kosaken schienen nicht geneigt, ihrem Gefangenen lange Privatunterhaltungen zu gestatten.

„Mach, daß du weiterkommst, Bursche!“ schrie einer von ihnen den vermeintlichen Pagen an, „das ist ein Spion, der sogleich füsiliert werden wird. Und niemand darf mit ihm reden.“

Er machte Miene, die schlanke, zierliche Gestalt mit einer kleinen Bewegung seiner mächtigen Faust bei Seite zu schieben. Aber Georgij stieß furchtlos seinen Arm zurück und maß ihn mit einem sprühenden Blick.

„Hüte deine lästerliche Zunge, du Lügner! Tausendmal eher bist du selber ein Spion, als dieser Herr. Wenn ihr ihn nicht auf der Stelle freilaßt, wird man euch knuten, daß ihr bis an das Ende eures Lebens daran denkt!“

Die Kosaken sahen sich an und lachten. Es war wohl nur die Schönheit und halb instinktiv von ihnen empfundene Vornehmheit des dreisten jungen Burschen, die sie verhinderte, handgreiflich zu werden.

„Nimm dich in Acht, Kleiner, daß man nicht dir zuerst die Rute gibt,“ sagte gutmütig der eine, „und geh deiner Wege, damit wir dich nicht aus Versehen zwischen unseren Fingern zerbrechen.“

„Geh, Georgij,“ mahnte nun auch Heideck, da er sah, daß die Cirkassierin durchaus nicht willens schien, dem Befehl zu gehorchen. „Wenn dein Herr in der Nähe ist, so sage ihm, daß man im Begriff sei, mich gegen alles Völkerrecht zu erschießen. Aber er müsse eilen, falls er mich noch einmal lebend sehen wolle; denn es hat ganz den Anschein, als ob seine Kameraden kurzen Prozeß mit mir zu machen gedächten.“

Er hegte einigen Zweifel, ob die schöne, heißblütige Tochter der Berge ihn vollkommen begriffen habe. Jedenfalls aber sah er, daß sie sich plötzlich blitzschnell umwandte und sich mit der geschmeidigen Behendigkeit einer schlanken Eidechse einen Weg durch das Gedränge rauher Kriegsmänner suchte.

Eine neue Hoffnung war in Heidecks Herzen erwacht, und er fühlte sich mit einem Mal wieder durch tausend Bande an das Leben gefesselt, mit dem er noch soeben völlig abgeschlossen zu haben glaubte. Er wollte seinen Schritt verlangsamen, um dadurch Zeit zu gewinnen. Aber die Kosaken, die ihn bis dahin mit einer gewissen Rücksicht behandelt hatten, schienen durch den Zwischenfall mit dem Pagen gereizt worden zu sein, denn einer von ihnen trieb den Gefangenen mit herrischem Zuruf zur Eile an, und der andere erhob sogar mit drohender Geberde die Faust.

Vielleicht würde er zugeschlagen haben, doch der deutsche Offizier sah ihm mit einem so stolzen, gebieterischen Blick in die Augen, daß er den erhobenen Arm sinken ließ. Der finster blickende Bursche fühlte wohl, daß er es hier unmöglich mit einem gewöhnlichen Spion zu tun haben könne. Und von diesem Augenblick an kam kein Fluch und kein Schimpfwort mehr über seine Lippen.

Das Knattern einer Gewehrsalve schlug an Heidecks Ohr. Und es ging ihm, der doch an den Knall von Schüssen hinlänglich gewöhnt war, durch Mark und Bein. Die Kugeln, die dort abgefeuert waren — er wußte es, ohne daß es ihm jemand zu sagen brauchte — hatten irgend einem armen Teufel gegolten, der sich in derselben Lage befunden wie er selbst. Das war es, was diesen Schüssen für ihn eine so besondere Bedeutung gab, eine ganz andere jedenfalls, als sie gestern all das Knattern und Krachen der ihn umtobenden Schlacht gehabt. Wahrhaftig, man braucht nicht feige zu sein, um bei dem Gedanken an zehn oder zwanzig auf die eigene Brust gerichtete Gewehrläufe etwas wie ein eisiges Erschauern zu verspüren. —

Und nun war der verhängnisvolle Platz erreicht, der auch das Endziel seiner irdischen Wanderung bedeuten sollte. Man hatte das Exerzierfeld hinter der Barackenstadt für die Exekution ausersehen, und man ging sehr summarisch zu Werke, da man sich nicht einmal Zeit ließ, die Leichen der Erschossenen einzeln fortzuschaffen. Man ließ sie einfach in dem Graben liegen, vor dem die Delinquenten aufgestellt worden waren, wahrscheinlich, weil die Bestattung in einem Massengrabe dadurch bequemer wurde.

Ein Offizier nahm den von dem Vorsitzenden des Kriegsgerichts ausgefertigten Exekutionsbefehl in Empfang und übergab den Verurteilten einem Unteroffizier, der ihn mit einem Ausdruck des Bedauerns musterte und ihn in beinahe verbindlichem Tone aufforderte, ihm zu folgen.

Wenige Minuten nach seiner Ankunft auf dem Exerzierplatze stand Heideck ebenfalls vor dem verhängnisvollen Graben und sah einen Zug Infanterie, Gewehr bei Fuß, vor sich aufmarschiert.

Jetzt hegte er keine Hoffnung mehr. Seit dem Augenblick, da man das Urteil über ihn gesprochen, hätte ja nur noch ein Wunder ihn retten können. Und dies Wunder war nicht geschehen. Für eine kurze Spanne Zeit war er töricht genug gewesen, aus der zufälligen Begegnung mit der Cirkassierin neuen Lebensmut zu schöpfen; nun aber war auch das vorüber. Selbst wenn sie von dem eifrigsten Willen beseelt gewesen wäre, ihn zu retten, was hätte sie schließlich tun können, um das Unmögliche zu vollbringen? Er bedauerte jetzt, daß er sich nicht darauf beschränkt hatte, den Fürsten durch sie um ein ehrliches Begräbnis und um die Entsendung einer Nachricht an den deutschen Generalstab bitten zu lassen. Diese Wünsche wären doch vielleicht nicht unerfüllbar gewesen, und er zweifelte nicht, daß sein liebenswürdiger russischer Bekannter ihm gern den letzten kleinen Liebesdienst erwiesen hätte.

Ein Kommando ertönte, und die Soldaten ihm gegenüber nahmen unter Geklapper und Gerassel ihre Gewehre auf. Gleichzeitig aber schlug von der anderen Seite her ein lautes, gebieterisches Rufen an Heidecks Ohr, und er sah einen Reiter in russischer Dragoneruniform heransprengen, dessen vor Aufregung dunkel gerötetes Gesicht er auf den ersten Blick als das des Fürsten Tschadschawadse erkannte.

Hart vor Heideck parierte er sein schweißbedecktes Pferd und schwang sich aus dem Sattel.

„Brüderchen! — Brüderchen!“ rief er, noch ganz atemlos von dem wilden Ritt, und schloß mit echt russischem Ungestüm den unter so seltsamen Umständen Wiedergefundenen in die Arme. „Bei allen Heiligen — ich glaube, es war die höchste Zeit, daß ich kam!“

Dann wandte er sich an den verblüfft dreinschauenden Offizier des Pelotons:

„Hier muß ein Irrtum vorliegen. Diesem Herrn darf kein Leid zugefügt werden, denn er ist nicht nur mein persönlicher Freund, sondern auch ein Kamerad, ein Offizier der mit uns verbündeten deutschen Armee.“

Der Leutnant zuckte die Achseln:

„Ich habe zu tun, was mir befohlen wird, Herr Oberst! Für etwaige Irrtümer meiner Vorgesetzten oder des Kriegsgerichts trage ich keine Verantwortung.“

„Dafür aber, daß ich Sie an der Ausführung des Ihnen erteilten Befehls verhindere, nehme ich die Verantwortung auf mich, Herr Leutnant! Dieser Herr wird mich begleiten, und ich bürge für ihn.“

Er übergab einem Soldaten sein Pferd, schob seinen Arm in den Heidecks und führte ihn hinweg bis zu dem von ihm bewohnten Zelte in der Barackenstadt, fortwährend in den lebhaftesten Worten seiner Freude über das Wiedersehen Ausdruck gebend. Das Frühstück, von dem die Botschaft Georgijs ihn aufgescheucht hatte, stand noch auf dem Tische, und Heideck ließ sich nicht lange zum Zugreifen nötigen; denn er merkte eigentlich erst jetzt, wie lange er gefastet hatte und wie dringend er einer leiblichen Erquickung bedurfte. Von seinen Dankesäußerungen wollte Fürst Tschadschawadse nichts wissen; aber als Heideck ihn fragte, ob er vorhin denn wirklich recht gehört habe, als der Fürst von einem Bündnis zwischen der russischen und der deutschen Armee gesprochen, gab er bereitwillig Auskunft.

„Ja — es ist so! Das Deutsche Reich geht mit uns. Die erste Freudenbotschaft, die mich empfing, als ich die Armee erreichte, war die Kunde, daß Kaiser Wilhelm II. England den Krieg erklärt habe. Die Welt steht in Flammen. Nur Oesterreich und Italien halten sich neutral.“

„Und davon hatte ich keine Ahnung! Doch das erklärt sich freilich leicht genug. Alle Telegraphenkabel befinden sich in englischen Händen, und man hatte es leicht, jede mißliebige Depesche zurückzuhalten. Die in Indien erscheinenden Zeitungen aber durften natürlich nur veröffentlichen, was der Regierung angenehm war. Aber ich brenne darauf, mehr zu erfahren. Wissen Sie vielleicht auch, wie sich die Dinge bisher entwickelt haben und auf welche Art Deutschland den Krieg zu führen gedenkt?“

„Es scheint, daß man einen Einfall in England beabsichtigt. Deutschland hat die Hälfte seiner Armee mobil gemacht und die Niederlande besetzt. Die französischen Truppen dagegen sind in Belgien eingerückt, so daß den beiden Mächten die ganze Küste England gegenüber zur Verfügung steht.“

„Und ist zur See schon etwas geschehen?“

„Nein, wenigstens ist bis zur Stunde noch keine Nachricht über eine Seeschlacht hierher gelangt. Man befindet sich offenbar noch im Stadium der Rüstungen, und über die Bewegungen der deutschen und französischen Flotten verlautet nichts. Uebrigens sind meine neuesten Nachrichten auch schon ziemlich alt. Wir erfahren bei der Armee nur, was die Kosaken überbringen.“

Heideck griff sich an die Stirn.

„Ich bin wie betäubt. — Das alles mit einem Mal zu fassen und zu verarbeiten geht fast über die Fähigkeiten eines gewöhnlichen Menschenhirnes hinaus. — Aber verzeihen Sie, mein Fürst, wenn ich Ihnen, der Sie heute schon so viel für mich getan, noch mit einem weiteren Anliegen komme. Ich befinde mich in großer Sorge um eine Dame, die Witwe eines gestern gefallenen englischen Offiziers, die sich meinem Schutze anvertraut hat. Ich verließ sie heute früh, als man mich verhaftete, um mich vor das Kriegsgericht zu stellen, an dem Grabdenkmal der Anar Kali, wo sie mit anderen Gefangenen untergebracht war. Raten Sie mir, was ich tun soll, um der Dame, deren Wohl mir sehr am Herzen liegt, eine beruhigende Nachricht über mein Schicksal zukommen zu lassen und um zugleich sie selbst vor Belästigungen und Ungemach zu schützen.“

„Das ist sehr einfach. Haben Sie ein Bedenken, mir den Namen der Dame zu nennen?“

„Durchaus nicht. Es ist Mrs. Edith Irwin, die Witwe des Kapitän Irwin, der auch Ihnen in Chanidigot vielleicht begegnet ist.“

„Ich glaube mich zu erinnern. Es wurde da von einer Spielaffäre erzählt, in der er eine nicht gerade rühmliche Rolle gespielt haben soll — nicht wahr? Nun wohl, während Sie hier in meinem Zelte tüchtig ausschlafen, werde ich nach Anar Kali hinüberreiten, um die Dame aufzusuchen und mich über ihre Lage zu unterrichten. Seien Sie versichert, daß ihr nichts Unangenehmes widerfahren wird, sofern es mir nur gelingt, sie zu finden.“

„Sie beschämen mich wirklich, mein Fürst — ich — —“

„Sie würden genau dasselbe tun, wenn das Schicksal uns zufällig mit vertauschten Rollen agieren ließe. Weshalb also viele Worte darüber machen! Ich kann Ihnen leider keine bequemere Lagerstätte anbieten als mein Feldbett da. Aber Sie sind ja Soldat und ich denke, wir beide haben schon schlechter gelegen. Also angenehme Ruhe, mein Freund! Ich werde Sorge tragen, daß Sie während der nächsten zwei Stunden von niemand gestört werden.“

Und eilig, um sich allen etwa beabsichtigten weiteren Dankesäußerungen zu entziehen, verließ der Fürst das Zelt.


XVI.

So fest auch Heidecks Schlummer gewesen war, der wüste Lärm, der plötzlich durch die dünnen Wände des Zeltes drang, hätte selbst einen Bewußtlosen ins Leben zurückrufen können. Verwirrt und schlafbefangen eilte er hinaus, gerade rechtzeitig, um zu verhindern, daß ein wild aussehender, kaffeebrauner Inder mit dem dicken Knüttel, den er in seiner Rechten schwang, einen wuchtigen Schlag gegen den mageren, schwarzgekleideten Herrn führte, den ein ganzer Trupp von Eingeborenen umringte. Der Europäer hatte mit seinem schmalen, bartlosen Gesicht das Aussehen eines Geistlichen, und es mußte Heideck umsomehr in Erstaunen setzen, daß keiner von den russischen Soldaten und Unteroffizieren, die dem Schauspiel zusahen, die Hand zu seinem Schutze rührte. Gewiß war er nicht berufen, hier den Befehlenden zu spielen; aber die Gefahr, in der er da einen völlig wehrlosen Menschen sah, ließ ihn alle Bedenken vergessen. Mit drohendem Zuruf scheuchte er die aufgeregten Inder hinweg und nahm den Arm des Fremden, um ihn in das Zelt zu führen.

Keiner von den russischen Kriegern hinderte ihn daran. Man hatte ihn vorhin in vertrautem Gespräch mit dem Obersten gesehen, und seine Eigenschaft als Freund des Fürsten verschaffte ihm Respekt.

Der vor Schrecken halb ohnmächtige Fremde nahm dankbar das Glas Wein, das Heideck ihm eingegossen hatte, und als er sich einigermaßen erholt hatte, dankte er seinem Retter mit schlichten aber herzlichen Worten. Er stellte sich ihm als Professor Proctor vom Aitchison-College vor und erzählte, daß er ins Lager gekommen sei, um nach einem wahrscheinlich schwer verwundeten Verwandten zu sehen. Plötzlich habe er sich von einer Rotte aufgeregter Inder bedroht gesehen, die ihn seiner Kleidung nach wohl für einen Geistlichen gehalten hätten.

„Auch Sie sind kein Russe, mein Herr. Ihrer Aussprache des Englischen nach halte ich Sie für einen Deutschen.“

Heideck bestätigte die Vermutung und erzählte ihm mit wenig Worten seine eigene Geschichte. Dann aber konnte er nicht umhin, seiner Verwunderung über den Angriff Ausdruck zu geben, dem der Professor ausgesetzt gewesen war.

„Von einem besonderen Haß der Inder gegen die englischen Geistlichen hatte ich während meines bisherigen Aufenthalts im Lande nie etwas bemerkt,“ sagte er, und der Professor erwiderte:

„Vor wenig Tagen noch hätte auch wohl keiner von ihnen etwas zu fürchten gehabt. Bei so traurigen Umwälzungen aber, wie sie sich jetzt vollzogen haben, verwirren sich alle Begriffe. Alle schlummernden Leidenschaften werden entfesselt. Ich wage nicht auszudenken, welche Greuel in dem weiten Indien geschehen werden, nachdem der Zügel gerissen ist, der das Volk lenkte. Und das schlimmste ist, daß wir selbst uns die Schuld daran beizumessen haben.“

„Sie meinen durch die Lässigkeit, mit der man die Verteidigung des Landes vorbereitet hat?“

„Ich meine nicht allein das. Unsere Schuld ist, daß wir eine ewige Wahrheit ignoriert haben, die Wahrheit nämlich, daß alle politischen Fragen nur der äußerliche Ausdruck, gleichsam das Kleid religiöser Fragen sind.“

„Verzeihen Sie, aber der Sinn Ihrer Worte ist mir nicht klar.“

„Betrachten Sie das langsame, stetige Vordringen der Russen in Asien. Alles, was sie unter ihre Herrschaft gebracht haben, alle die ungeheuren Landstrecken Zentralasiens, sind zu ihrem sicheren, unbestrittenen Besitz geworden. Warum? Weil die Russen sich auch die Seelen der Völker zu erwerben und ihren religiösen Anschauungen Rechnung zu tragen wissen. Deshalb gehen Besiegte und Sieger leicht ineinander auf. Wir Engländer dagegen haben nur eine rein politische Herrschaft über Indien geführt. Die Seelen der Völker sind uns fremd und feindlich geblieben.“

„Es mag etwas Wahres in Ihren Worten sein. Aber Sie werden zugeben müssen, daß die Engländer dafür eine neue Kultur nach Indien gebracht haben. Damit war die Gewißheit geistigen Fortschritts gegeben, und ich meine, daß kein Volk auf die Dauer blind bleiben kann gegenüber der Erscheinung höherer Ideen. Die ganze Weltgeschichte bildet eine fortlaufende Kette von Beweisen für die Richtigkeit dieser Tatsache.“

„Das Wort ‚Kultur‘ hat einen vielseitigen Sinn. Handelt es sich nur darum, zu untersuchen, ob die Regierung und Verwaltung des Landes besser geworden ist, so bedeutet ja die von uns nach Indien gebrachte Kultur unzweifelhaft einen ungeheuren Fortschritt gegenüber den Zuständen früherer Jahrhunderte. Wir haben die Despotie der eingebornen Fürsten gebrochen und haben den unaufhörlichen blutigen Kriegen, die sie untereinander und mit den asiatischen Nachbardespoten führten, ein Ende gemacht. Wir haben Straßen und Eisenbahnen gebaut, Sümpfe und Dschungeln beseitigt, Häfen eingerichtet, dem Meere große Landstrecken entrissen und schützende Kais gebaut. Die erschreckende Sterblichkeitsziffer der Großstädte ist unter der englischen Verwaltung erheblich zurückgegangen. Wir haben Gesetze gegeben, die die persönliche Sicherheit schützen und dem Handel neue Bahnen eröffnen. Aber das Streben unserer Regierung ist ein rein utilitaristisches gewesen, und was den tieferen Strom der Entwicklung betrifft, so ist nirgends ein wichtiger Fortschritt zu erkennen.“

„Und was ist es, was Sie darunter verstehen?“

„Unsere Ansichten in dieser Beziehung gehen vielleicht weit auseinander. Ich sehe in den meisten derartigen Errungenschaften nur eine neue Erscheinungsform jenes Materialismus, der von jeher das schlimmste Hindernis aller wahren Entwickelung gewesen ist.“

„Mir scheint, Mr. Proctor,“ warf Heideck lächelnd ein, „daß Sie hier in Indien Buddhist geworden sind!“

„Vielleicht, mein Herr, und ich würde mich dessen nicht schämen. Schon mancher, der Indien zuerst mit den Augen des Christentums betrachtete, ist hier, — vielleicht ohne es selbst zu wissen, — zum Buddhisten geworden. Griechische Weise haben einst gewünscht, daß man die Könige unter den Philosophen auswähle. Das mag ein unausführbarer Gedanke sein, aber ich glaube nicht, daß ein Herrscher, der die Philosophie verachtet, seine hohe Aufgabe jemals in vollem Maße erfüllen wird. Eine Politik ohne Philosophie ist ebenso wie eine unphilosophische Religion nicht fester gegründet, als jene Häuser dort am Raviflusse, deren Existenz nicht für einen einzigen Tag gesichert ist, weil es dem Strome gelegentlich einfällt, seinen Lauf zu ändern. Eine Regierung, die den religiösen Empfindungen des Volkes nicht Rechnung zu tragen weiß, steht nicht fester da als diese Hütten. Das Schicksal, das sich jetzt an uns Engländern vollzieht, ist der beste Beweis dafür. Wir sind die erste Macht in Asien gewesen, die eine politische Herrschaft nicht auf die Religion des Volkes gegründet hat. Unklug haben wir die gewohnte Einfachheit eines Volkes zerstört, das bis dahin nur geringe Bedürfnisse hatte, weil es sich Jahrtausende hindurch mehr um das Leben nach dem Tode, als um das irdische Dasein gekümmert hatte. Wir haben die schlummernde Leidenschaft dieses Volkes aufgestachelt und durch den Anblick von europäischem Luxus und europäischer Ueberkultur bis dahin ungekannte Wünsche in ihm geweckt. Unser System des öffentlichen Unterrichts ist darauf gerichtet worden, in allen Klassen des indischen Volkes die geringwertige materialistische Volksbildung unserer eigenen Nation zu verbreiten. Unter allen Gouverneuren und Schulinspektoren, die von England hierherkamen, hat sich keiner bemüht, die Oberfläche indischen Volkslebens zu durchdringen und die Seele dieses religiösen und transcendental angelegten Volkes zu ergründen. Welche Gegensätze sind dadurch geschaffen worden! Hier ein heiliger Strom, Priester, Asketen, Jôgins, Fakire, Tempel, Heiligenschreine, geheimnisvolle Lehren, ein vielfältiges Ritual — daneben aber ganz unvermittelt Schulen, darin ein hausbackener englischer Elementar-Unterricht getrieben wird, ein Staatskolleg mit einer Medizinalanstalt und christliche Kirchen der verschiedensten Konfessionen.“

„Wie wäre es aber auch möglich gewesen, moderne wissenschaftliche Bildung mit dem Fanatismus der Inder pädagogisch zu vereinen?“

Ueber das geistvolle Gesicht des Professors glitt ein überlegenes Lächeln.

„Vergleichen Sie bitte die ermüdenden Trivialitäten der englischen Missionsschriften mit den unsterblichen Meisterschriften der indischen Literatur! Dann werden Sie begreifen, daß der Inder, selbst wenn er das Christentum als Moralsystem gutheißt, eine tiefere und umfassendere Begründung dieser Moral verlangt und auch dem Ursprunge der christlichen Lehre nachforscht. Und da findet sich dann gar bald, daß alles Licht, das nach Europa gekommen ist, von Asien ausging. Ex oriente lux.

„Ich bin zu ungelehrt, um Ihnen da zu widersprechen. Es mag sein, daß selbst das Christentum nicht allein aus dem Judentum, sondern auch aus dem Buddhismus herausgewachsen ist. Es mag auch sein, daß die Lehren unserer heutigen Missionare den Indern zu nüchtern sind. Aber die metaphysischen Bedürfnisse eines Volkes haben mit gesunder Politik und guter Rechtspflege doch wohl wenig zu schaffen. Denken Sie an Rom! Der römische Staat hatte eine vorzügliche Rechtspflege, und eine gewaltige politische Kraft, die ihn viele Jahrhunderte hindurch in seiner weltbeherrschenden Stellung erhielt. Wie aber war es mit der Religion und der Philosophie in Rom bestellt? Eine Staatsreligion gab es überhaupt nicht. Es gab keine priesterliche Hierarchie, keinen strengen theologischen Kodex, sondern nur eine Mythologie und eine Götterverehrung, die wesentlich praktischer Natur war, und eben durch ihren praktischen Sinn oder — wie Sie es nennen würden — durch ihren krassen Materialismus wurden die Römer befähigt, eine nationale Gesellschaft auf einfach menschliche Bedürfnisse und Ansprüche zu gründen. Was aber ihnen gelang, warum sollte es nicht auch jenen Nationen möglich sein, von denen sie in der Weltherrschaft abgelöst wurden? Der Geist der Zeiten ändert sich, aber es ist nur eine regelmäßig wechselnde Wiederkehr derselben Strömungen, so wie die Gestirne in ihrem Kreislauf immer wieder auf ihren Platz zurückkehren.“

„Und wenn der Zeitgeist gleich manchen Gestirnen nicht im Kreise, sondern in einer Spirale ginge? Die britische Weltherrschaft hat wohl schon einen höheren Schwung genommen als die römische. Hätte nicht dieses britische Weltreich, indem es weise Staatskunst mit den tiefen Ideen indischer Philosophie durchtränkte, zu einer großen Reformation des ganzen Menschengeschlechts gelangen können? Es wäre ein herrlicher Gedanke gewesen, aber ich habe hier gelernt, zu erkennen, wie weit man von seiner Verwirklichung entfernt geblieben ist.“

„Gleichwohl denke ich, daß die englische Armee nicht von den Russen geschlagen worden wäre, wenn sie nicht nach den Regeln einer veralteten Taktik gekämpft hätte.“

„O, mein Herr, wenn die indischen Truppen mit ganzer Seele für England gefochten hätten, so hätten wir diese Niederlage nimmermehr erlitten.“

„Als Soldat möchte ich das bestreiten. Die Inder werden einer militärisch geschulten europäischen Armee niemals gewachsen sein. Das Volk entbehrt dazu in viel zu hohem Maße der kriegerischen Eigenschaften.“

„Es ist wahr, das indische Volk ist von Natur sanft und gutherzig. Man mußte es in seinen heiligsten Empfindungen verletzen, um es wild und blutgierig zu machen.“

„Vielleicht beurteilen Sie es doch etwas zu milde. Es steckt noch ein gut Teil Barbarei in dieser Rasse, selbst bis in die höchsten Kreise hinauf. Hat doch, — wie ich Ihnen aus eigener Wahrnehmung berichten kann, — ein indischer Fürst vor Ausbruch des Krieges den Versuch gemacht, durch seine Diener eine englische Dame aus ihrer Wohnung zu rauben und den englischen Residenten, der ihn deshalb zur Rede stellte, durch einen gedungenen Meuchelmörder zu vergiften.“

Der Professor war im höchsten Grade erstaunt.

„Ist es möglich? Konnten sich solche Dinge ereignen? Sollten Sie nicht doch vielleicht durch einen übertreibenden Bericht getäuscht worden sein?“

„Ich habe die Vorgänge selbst aus nächster Nähe beobachtet, und ich kann Ihnen die Namen nennen. Die Dame, gegen die man den schändlichen Anschlag versuchte, ist Mrs. Edith Irwin, die ihrem Gatten, einem Kapitän bei den Lancers, in das Lager von Chanidigot gefolgt war.“

Die Verwunderung des Professors wuchs ersichtlich immer mehr.

„Mrs. Edith Irwin? Ist es möglich? Die Tochter meines alten Freundes, des trefflichen Rektors Graham? Gewiß, sie muß es sein, denn sie war mit einem Kapitän von den Lancers verheiratet.“

„Seit gestern ist sie die Witwe dieses Offiziers. Er fiel in der Schlacht bei Lahore, und sie selbst befindet sich unter den Gefangenen in Anar Kali.“

„Dann muß ich versuchen, sie zu finden; denn sie hat schon um ihres Vaters willen Anspruch auf meinen Beistand. Vorläufig freilich,“ fügte er mit einem etwas wehmütigen Lächeln hinzu, „bin ich selbst ja noch recht sehr des Schutzes bedürftig.“

„Ich glaube, Sie wegen dieser Dame beruhigen zu können. Mein Freund, der russische Oberst Fürst Tschadschawadse, ist eben jetzt nach Anar Kali hinübergeritten, um auf meine Bitte für sie zu sorgen.“

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als die schlanke Gestalt des Fürsten im Eingang des Zeltes erschien. Seine niedergeschlagene Miene weissagte nichts gutes. Er trat auf Heideck zu und schüttelte ihm die Hand.

„Ich kann Ihnen leider nichts Erfreuliches melden, lieber Kamerad! Ich habe Ihre Schutzbefohlene nicht mehr vorgefunden.“

„Wie? Sie war fort? Und konnten Sie nicht erfahren, wohin sie sich begeben hat?“

„Alles, was ich zu ermitteln vermochte, war, daß sie in Begleitung mehrerer Inder in einem eleganten Wagen davongefahren sei. Eine englische Dame, die den Vorgang beobachtete, hat es mir erzählt.“

Eine furchtbare Ahnung schnürte Heidecks Herz zusammen.

„In Begleitung von Indern? Und ohne daß man weiß, wohin sie geführt wurde? Hat sie denn keine Nachricht für mich oder sonst jemand hinterlassen?“

„Die Dame hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, mit ihr zu sprechen. Sie hat die Abfahrt nur aus der Ferne gesehen.“

„Aber sie muß doch wahrgenommen haben, ob Mrs. Irwin das Grabmal freiwillig oder gezwungen verließ?“

Der Fürst zuckte die Achseln.

„Ich kann darüber leider nichts sagen. Meine Erkundigung blieb ohne jedes Ergebnis. Weder von den englischen Gefangenen noch von den russischen Wachen konnte mir irgend jemand nähere Auskunft geben.“