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Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman cover

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Chapter 20: XVIII.
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About This Book

A speculative political-military narrative offers a prophetic vision of a global war sparked by imperial rivalry and colonial tensions. Through council scenes, military recollections, and imagined dispatches, it traces how strategic calculations and nationalist anxieties lead major continental powers to align against a maritime empire. Episodes shift between diplomatic conferences, frontier postings, and the narrator's reflections, depicting mobilization, alliance-building, and an envisioned redistribution of overseas possessions as the conflict unfolds and reshapes international order.

XVII.

Im Foreign Office zu London versammelte sich der Ministerrat. Mit düsteren Mienen hatten sich die Lords eingefunden. Wie eine finstere Wolke lagerte die Ahnung einer Katastrophe über England, allerhand schlimme Gerüchte waren im Lande verbreitet, und mit dumpfer Beklemmung sah man den kommenden Ereignissen entgegen.

„Eine Depesche des kommandierenden Generals,“ sagte der Ministerpräsident, indem er das Papier in seiner Hand entfaltete. Und es wurde totenstill im Gemach:

‚Schmerzlich bewegt sende ich der Regierung Seiner Majestät die Nachricht von einer großen Niederlage, die ich vorgestern bei Lahore erlitten habe. Erst heute habe ich Delhi mit den Trümmern meiner Armee erreicht, die von der russischen Avantgarde verfolgt wurde. Wir hatten eine sehr günstige Aufstellung am linken Ufer des Ravi eingenommen und waren im Begriff, der russischen Armee den Uebergang über den Fluß zu verwehren, als ein überraschend starker Angriff auf unsern linken Flügel bei Schah Dara uns nötigte, diesen Flügel zu verstärken und dadurch das Zentrum zu schwächen. Gedeckt vom Dschungel am Flußufer, gelang es russischer Kavallerie und mohammedanischen Hilfstruppen der russischen Armee den Fluß zu überschreiten und unsere Sepoy-Regimenter in Unordnung zu bringen. Die Truppen des Maharadjah von Chanidigot gingen in verräterischer Weise zum Feinde über, und das war entscheidend. Wären nicht sämtliche Sepoy-Regimenter abgefallen, so hätte ich die Schlacht halten können, aber die englischen Regimenter unter meinem Befehl waren zu schwach, um der Uebermacht des Feindes lange Widerstand zu leisten. Die Tapferkeit dieser Regimenter verdient das höchste Lob, aber nach mehrstündigem Kampfe mußte ich den Befehl zum Rückzug geben. Wir zogen uns auf die Stadt Lahore zurück, und es gelang mir, einen Teil der Truppen mit der Eisenbahn nach Delhi zu bringen. Diese Stadt werde ich aufs äußerste verteidigen. Verstärkungen sind aus allen Militärstationen des Landes unterwegs. Wie groß unsere Verluste sind, kann ich noch nicht angeben. An intakten Truppen habe ich fünftausend Mann nach Delhi zurückbringen können.‘

Eisiges Schweigen lag auf dem Kreise der Lords nach Verlesung der Unglücksbotschaft. Dann nahm der Kriegsminister das Wort:

„Diese Depesche ist freilich wie ein Keulenschlag. Unser bester Feldherr, die aus den besten Truppen Indiens gebildete Armee sind völlig besiegt. Mit Recht könnten wir ja sagen, daß Englands Größe noch fest auf beiden Füßen steht, so lange England, diese meerumgürtete Insel, vor dem Feinde gesichert ist. Keine Niederlage in Indien oder in einer der Kolonieen kann uns tödlich treffen. Was wir in einem Erdteil verlieren, nehmen wir doppelt in einem andern zurück, so lange wir im Haupte selbst und im Herzen, auf unserer Insel, stark und gesund sind. Aber das ist es gerade, was mich besorgt macht. Die Sicherheit Großbritanniens ist bedroht, wo fast die ganze Welt die Waffen gegen uns erhebt. Eine starke französische Armee steht zur Invasion bereit, Dover gegenüber, eine starke deutsche Armee in den Niederlanden, ebenfalls bereit, an unsere Küsten überzusetzen. Ich frage, welche Maßregeln sind getroffen worden, um einen Angriff auf unser Mutterland abzuwehren?“

„Die britische Flotte,“ entgegnete der erste Lord der Admiralität, „ist stark genug, die Flotten unserer Feinde zu zerschmettern, wenn sie wagen sollten, sich auf offenem Meere zu zeigen. Aber die russische, französische und deutsche Flotte sind so klug, sich unter dem Schutze der Festungen in den Häfen zu halten. Wir haben zwei Flotten im Kanal, die eine, von zehn Linienschiffen nebst achtzehn Kreuzern und den nötigen kleinen Fahrzeugen, dazu bestimmt, die deutsche Flotte anzugreifen, die andere, stärkere, von vierzehn Linienschiffen und vierundzwanzig Kreuzern, dazu bestimmt, die französische Flotte zu vernichten. Eine dritte Flotte ist im Hafen von Kopenhagen, um die russische Flotte an ihrer Vereinigung mit der deutschen zu verhindern. Der Plan, nach Kronstadt zu fahren, ist aufgegeben worden, da die Erfahrungen des Krimkrieges warnen und wir unsere Seestreitkräfte nicht zu weit auseinanderziehen wollen. Unsere Admirale und Kapitäne werden durch die Nachricht von den Erfolgen der Russen davon überzeugt werden, daß es sich jetzt um Englands Ehre und Englands Bestand handelt. Als wir im achtzehnten Jahrhundert Frankreichs Seemacht von allen Meeren vertrieben, und als wir die Flotte des großen Napoleon besiegten, da galt die Regel, daß jeder besiegte Admiral und Kapitän unserer Marine standrechtlich erschossen wurde und daß schon bei jedem nicht völlig ausgenutzten Erfolg unserer Kriegsschiffe das Kriegsgericht den Befehlshaber absetzte. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo jene alten, strengen Gesetze wieder in Wirkung treten müssen.“

„Nach dem letzten Bericht der Admiralität,“ sagte der Lord Großkanzler, „hatte die Flotte siebenundzwanzig neue Panzerschlachtschiffe, deren ältestes von 1895 ist. Die Panzer von 1902: Albemarle, Cornwallis, Duncan, Exmouth, Montagu und Russell, sowie die Panzer von 1899: Bulwark, Formidable, Implacable, Irresistible, London und Venerable sind, wie ich aus dem Bericht ersehe, nach den neuesten technischen Grundsätzen konstruiert und armiert. Sind alle modernen siebenundzwanzig Panzer bei der Kanalflotte?“

„Nein, der Albion, der Ozean und die Glory sind auswärts. Die zwölf neuesten Panzer, die Eure Herrlichkeit nannte, sind beiden Kanalflotten eingereiht. Aber auch mehrere ältere Schlachtschiffe, wie Centurion, Royal Sovereign, Empreß of India, sind im Kanal. Ich darf wohl sagen, daß die beiden Kanalflotten völlig geeignet für ihre Aufgaben sind. Wir haben vierundzwanzig ältere Panzer, die aber sämtlich von ausgezeichnetem Werte für das Gefecht sind.“

„Von diesen älteren Panzern sind viele noch mit Vorderladern ausgerüstet.“

„Allerdings. Aber ob die allgemeine Annahme, Hinterlader seien gefechtstüchtiger, durchaus richtig ist, kann erst eine Seeschlacht erweisen. Bei Schnellfeuergeschützen ist es ja gewiß, daß der Hinterlader die allein richtige Konstruktion ist, aber bei unseren schwersten Geschützen, die ein Kaliber von 30,5 Zentimeter haben und eine Zeit von drei bis vier Minuten beanspruchen, um geladen zu werden, kommen die Vorteile des Schnellfeuers überhaupt nicht in Frage, sondern hier kommt es auf das genaue Zielen an, damit das wuchtige Geschoß an die richtige Stelle schlägt. Und hierzu ist ein geschicktes Manövrieren von der größten Wichtigkeit. Außerdem zeigen uns die Kämpfe vor Port Arthur die große Bedeutung des Torpedos und der Mine. Die russische Flotte hat ihre schwersten Verluste durch das gewandte Manövrieren und den überlegenen Torpedogebrauch der Japaner erlitten. Es scheint, als ob überhaupt in modernen Seeschlachten der Artilleriekampf gegen den Minenkrieg zurücktreten sollte, und da wird sich unsere Ueberlegenheit an Unterseebooten beim Angriff auf die in den Häfen liegenden Flotten Deutschlands und Frankreichs zeigen. Erst eine Seeschlacht zwischen unseren Geschwadern und denen der Franzosen und Deutschen kann eine Lehre für den richtigen Gebrauch moderner Kriegsschiffe sein. Und es wird eine Lehre werden, eine Lehre für die Unbesonnenen, die es wagen werden, sich dem Feuer einer britischen Breitseite und dem Angriff unserer Torpedoboote und Unterseeboote auszusetzen. Mögen die Panzerungen sein, wie sie wollen: der beste Panzer Großbritanniens ist die feste, treue Brust der Briten.“

„Ich kann, wenn ich solche Erklärungen höre,“ warf der Kolonialminister ein, „mich des Verdachtes nicht erwehren, daß der ganze Plan der Flottenverwendung falsch ist.“

„Ich bitte um Begründung dieses Verdachtes,“ erwiderte der Lord der Admiralität etwas gereizt.

„Von jeher ist gesagt worden, daß England die Oberherrschaft zur See hätte. Nun währt der Krieg schon eine ganze Zeit, und ich merke nichts von unserer Oberherrschaft.“

„Wie können Sie das sagen? Der Handel unserer Feinde ist vollständig lahmgelegt worden, und unsere Schiffe verkehren überall frei wie sonst.“

„Das mag sein, aber unter der Oberherrschaft zur See verstehe ich etwas anderes. Kein Seesieg ist bis jetzt erfochten worden. Die feindlichen Flotten sind noch intakt. So lange diese nicht vernichtet sind, liegt immer noch die Gefahr nahe, daß der Krieg eine für uns nachteilige Wendung nehmen kann. Erst der Kampf auf offener See entscheidet. Die englische Flotte sollte, wenn sie wirklich die herrschende ist, die feindlichen Schiffe zur entscheidenden Schlacht zwingen. Warum blockieren wir nicht die französische und die deutsche Flotte in den Häfen und zwingen sie, sich uns zu stellen? Unsere Geschütze tragen drei Meilen weit, wir können die Feinde im Hafen erreichen. Was soll diese Trennung in drei Teile? Die Flotte sollte im Kanal zu einem zerschmetternden Schlage vereinigt werden.“

„Der sehr ehrenwerte Herr vergißt, daß eine Vereinigung unserer Flotte auch die Vereinigung der feindlichen Flotte zur Folge haben würde. Verlassen wir unsere Stellung bei Kopenhagen, so kommt die starke russische Flotte von Kronstadt hervor und vereinigt sich mit den deutschen Kriegsschiffen in der Ostsee. Diese vereinigte Flotte könnte durch den Kaiser Wilhelm-Kanal in die Nordsee gelangen. England hat immer bei seinen Seerüstungen den two powers standard eingenommen, und obwohl wir den three powers standard angestrebt haben, sind die Mittel an Geld und Menschenmaterial doch nicht ausreichend gewesen, eine Seemacht aufzustellen, die den Flotten der drei jetzt vereinigten Mächte überlegen wäre. Gleichwohl hält unser altes Prestige alle drei Mächte in Schach, so daß sie nicht wagen, uns zur See anzugreifen. Setzen wir dies Prestige nicht dadurch aufs Spiel, daß wir ohne eine bestimmte Aussicht auf Erfolg eine Seeschlacht provozieren! Diese Seeschlacht wird kommen, aber der günstige Augenblick muß sorgfältig abgewartet werden. Beim jetzigen Stande des Krieges wäre es leichtsinnig, alles auf eine Karte zu setzen. Das tun wir aber, wenn wir eine Seeschlacht erzwingen wollen. Gelingt der Angriff nicht, erleidet unsere Flotte eine Niederlage, so ist England der Landung einer kontinentalen Armee ausgesetzt. Es ist wahr, daß unsere Flotte durch Teilung geschwächt wird, aber dasselbe gilt von den feindlichen Flotten, so daß dieser scheinbare Nachteil ausgeglichen wird. Wir müssen den Augenblick erspähen, wo eine Verschiebung der gegenwärtigen Lage uns erlaubt, eine der feindlichen Flotten mit überlegenen Kräften anzugreifen.“

„Es möchte wohl ein Mittel geben, die deutsche Flotte hervorzulocken,“ beharrte der Kolonialminister. „Laßt uns ein Panzergeschwader nach Helgoland schicken und den Felsen mit seinen Befestigungen zusammenschießen, daß er zerbröckelt ins Meer sinkt. Die Erwerbung Helgolands war eine Lieblingsidee Kaiser Wilhelms II., und dieser Monarch wird schon dafür sorgen, daß Helgoland nicht vom Erdboden verschwindet. Kommen aber die Deutschen trotz einer Beschießung Helgolands auch dann noch nicht heraus, so laßt das Geschwader in die Mündung der Elbe fahren und Hamburg in Brand schießen. Laßt auch die Panzer von Kopenhagen vorgehen und den Kieler Hafen, wie die Küstenstädte an der Ostsee zerstören. Dann würde sich die deutsche Flotte schon zeigen!“

„Dieser Plan ist erwogen worden und kommt vielleicht zur Ausführung. Es stehen ihm jedoch zwei Bedenken entgegen: erstens würden wir durch die Zerstörung offener Städte ein Odium auf uns laden, das ....“

„Pah! Für den Sieger gibt es kein Odium! England wäre niemals zu seiner jetzigen Größe und Macht gelangt, wenn es sich von praktischen Maßregeln durch allzu ängstliche Rücksichten auf Humanität und Völkerrecht hätte abschrecken lassen.“

„Nun, dann bleibt jedenfalls noch das andere Bedenken.“

„Und das wäre, Mylord?“

„Der Kampf von Schiffen, selbst wenn sie die stärksten Panzer tragen, gegen Landbefestigungen ist immer eine gefährliche Taktik, zumal, wenn die Küsten durch zahlreiche Minen und Torpedoboote verteidigt werden. Dazu kommt, daß Panzerschiffe eine sehr teure und in gewissem Sinne zerbrechliche Ware sind.“

„Eine zerbrechliche Ware?“

„Die Deutschen haben alle Leuchtschiffe, alle Feuerschiffe, alle Seezeichen außer Dienst gesetzt, und gerade so, wie die französischen Häfen, sind auch die deutschen durch Minen verteidigt. Ein Panzerschiff ist stark bei ruhigem Wasser gegenüber einem anderen Schiff, aber die Natur seiner Bauart macht es schwach beim Sturm und in unsicherem Fahrwasser. Ein Panzerschiff kentert vermöge seiner enorm schweren Belastung ungemein leicht, sobald es nach einer Seite hin das Uebergewicht bekommt. Es darf auch wegen seiner ungeheuren Wucht nirgends anstoßen, weil es sonst zerbricht; heftet sich ein Torpedo an seine Panzerhaut oder fährt es auf eine Mine, so geht es durch die Explosion leichter unter als ein Holzschiff des vorigen Jahrhunderts. Und wenn es irgendwo in einer Untiefe oder an einem Felsen aufläuft, so bringt man es nicht wieder los. Außerdem bedarf es häufiger Erneuerung seines Kohlenvorrats, so daß man es nicht auf langdauernde Expeditionen schicken kann. Unsere Panzer haben ihren ganz besonderen Zweck: sie sind für die Seeschlacht. Aber sie gleichen Riesen, die durch das eigene Gewicht schwerfällig gemacht und zu Boden gezogen werden, und der Verlust eines Panzer-Schlachtschiffes bedeutet, von seiner sonstigen Bedeutung für den Krieg abgesehen, den Verlust von mehr als einer Million Pfund. Auch die Kreuzer würde ich nicht ohne dringende Not den Stahlgeschossen einer Kruppschen Küstenbatterie aussetzen. Hüten wir uns auch vor dem kleinsten Mißerfolge zur See! Er würde für unser Prestige und damit für unsere Machtstellung so gefährlich werden wie eine Stahlgranate für die Wasserlinie eines unserer Kriegsschiffe.“

Der Kolonialminister schwieg. Er hatte diesen Einwendungen nichts mehr entgegenzusetzen.

„Unsere indischen Truppen werden dringend der Verstärkung bedürfen,“ nahm der Ministerpräsident wieder das Wort. „Wir müssen englische Männer ins Feld stellen, da man sich auf die Sepoys nicht mehr verlassen kann.“

„Allerdings,“ bestätigte der Kriegsminister, „und es gehen ja noch immer Truppentransporte nach Bombay. Vierzigtausend Mann sind eingeschifft worden; von diesen sind mehr als zwanzigtausend in Indien gelandet, die anderen sind noch auf der See. Eine große Flotte ist unterwegs, und acht Panzer sind in Aden stationiert, um jedem feindlichen Angriff auf unsere Transporte zu wehren. Aber es ist die Frage, ob wir gut daran tun, noch mehr Truppen nach Indien zu schicken. Mylords, so schwer es mir wird, es auszusprechen: wir müssen vorsichtig sein. Man würde mich mit Recht der Unbesonnenheit zeihen, wenn ich hier mehr täte, als die äußerste Vorsicht erlaubt. Großbritannien ist von Truppen entblößt. Nun bin ich gewiß, und ganz England ist sich dessen bewußt, daß niemals ein feindlicher Fuß diesen Boden betreten wird, da unsere Flotte die Unberührtheit unserer Insel verbürgt, aber wir wären unseres verantwortlichen Amtes nicht würdig, wenn wir irgend eine Maßregel zur Sicherheit des Landes versäumten. Laßt uns Feiglinge sein, Mylords, vor dem Kampfe, Helden erst in der Schlacht selbst! Laßt uns annehmen, wir besäßen keine Flotte, sondern müßten Englands Boden auf dem Lande verteidigen. Wir müssen eine schlagfertige Armee auf englischem Boden aufstellen oder wir machen uns des Verrats am Vaterlande schuldig. Die Mobilmachung unserer Reserve muß noch weiter ausgedehnt werden. Zehntausende von Yeomen sind noch imstande das Gewehr zu tragen und den Säbel zu schwingen, ohne daß wir sie eingezogen hätten. Jetzt müssen alle kräftigen Männer heran. Das Gesetz erlaubt, jeden Mann, der nicht der regulären Armee oder einem Freiwilligenkorps angehört, zur Armee heranzuziehen, vom 18. bis zum 50. Jahre, und dergestalt eine Miliz aller waffenfähigen Männer zu bilden. Wenn Seine Majestät es genehmigt, werde ich ein Milizheer von hundertundfünfzigtausend Mann bilden. Ich rechne auf Indien hundertundzwanzigtausend Mann, auf Malta zehntausend, auf Hongkong dreitausendfünfhundert, auf Südafrika zehntausend, auf die Antillen dreitausend, auf Gibraltar sechstausend, auf Aegypten zehntausend Mann, abgesehen von den kleineren Garnisonen, die alle an ihren Plätzen bleiben müssen, und hoffe dann noch mit Aufbietung aller Freiwilligenkorps und Reserven eine Armee von vierhunderttausend Mann zur Verteidigung des Mutterlandes aufstellen zu können.“

Der Lord Großkanzler schüttelte den Kopf: „Lassen wir uns nicht durch solche Zahlen zu einem falschen Optimismus verführen! Große Haufen ohne militärische Schulung, ohne Uebung in den Waffen, mit neu ernannten und von den Mannschaften gewählten Offizieren, die ohne jede praktische Einsicht, ohne jedes Verständnis für die Anforderungen moderner Kriegsführung sind, wollen wir wohlgeschulten Truppen entgegenstellen, solchen ausgezeichneten Truppen, wie es die französischen und die deutschen sind? Woher denn nur die Artillerie nehmen? Wir haben 1871 gesehen, wohin es führt, wenn man Herden von Bewaffneten den geschulten regulären Truppen gegenüberstellt. Bourbaki führte ein Heer, das monatelang geübt worden war, und doch hatten seine Scharen, obwohl sie mit Kavallerie und Artillerie ins Feld zogen, ungeheure Verluste beim Zusammenstoß mit einer an Zahl weit schwächeren, aber wohlgegliederten, kriegsgeübten und von erfahrenen Offizieren befehligten Armee. Sie wurden über die Grenze nach der Schweiz gedrängt, wie wenn eine große Schafherde von einem Rudel Wölfe gejagt wird.“

„Das waren Franzosen, wir aber sind Engländer!“

„Ein Engländer wird von einer Kugel niedergestreckt wie ein Franzose. Die Zeiten des Schwarzen Prinzen sind vorbei, kein Heinrich V. siegt mehr bei Agincourt, wir haben das Feuergefecht mit Magazingewehren.“

„Die Buren, Mylord, haben uns gezeigt, was eine tapfere Miliz noch immer gegen reguläre Truppen vermag.“

„Ja, im Gebirge. So haben auch die Tiroler eine Zeitlang dem großen Napoleon Widerstand geleistet. England aber ist flach, und in der Ebene zeigt sich die Ueberlegenheit der taktischen Kunst. Nein, nur auf der Flotte beruht Englands Heil.“

Eine Depesche des Vizekönigs von Indien wurde dem Präsidenten überbracht:

‚Der Vizekönig meldet der Regierung Seiner Majestät, daß der Oberbefehlshaber in Delhi ein Heer von dreißigtausend Mann zusammengezogen hat und die Stadt verteidigen wird. Die Sepoys bei seiner Armee gehorchen, da sie innerhalb der Befestigungen eingeschlossen sind und nicht fliehen können. Der Vizekönig wird Sorge tragen, daß die mohammedanischen Sepoys möglichst alle nach dem Süden kommen und daß nur Hindutruppen gegen die Russen ins Gefecht geführt werden. Es ist Befehl gegeben worden, den abtrünnigen Maharadjah von Chanidigot, dessen Truppen in der Schlacht bei Lahore das Signal zur Fahnenflucht gaben, standrechtlich zu erschießen. Der Vizekönig ist der Ansicht, daß die russische Armee vor Delhi Halt machen wird, um die Verstärkungen heranzuziehen, die immerfort, aber nur in dünnem Flusse, durch Afghanistan herankommen. Er zweifelt nicht daran, daß die englische Armee, deren Zahl täglich durch die neu ankommenden Regimenter wächst, in den Nordprovinzen vereinigt, den Russen eine entscheidende Niederlage beibringen wird. Der Oberbefehlshaber wird dem General Egerton die Verteidigung Delhis übertragen und eine neue Feldarmee bei Cawnpore zusammenziehen, mit der er nach Delhi vorzurücken beabsichtigt. Auf allen Bahnlinien werden unausgesetzt alle verfügbaren Truppen nach Cawnpore befördert.‘

„Diese Nachrichten sind allerdings geeignet, uns mit neuem Mut zu erfüllen,“ sagte der Ministerpräsident, nachdem er das Telegramm vorgelesen. „Und wir wollen uns doch nicht verhehlen, Mylords, daß wir mehr als je des Mutes bedürfen. Dieser neue Mann in Deutschland, den der Kaiser zum Kanzler gemacht hat, regt die Gemüter der Deutschen schrecklich gegen uns auf. Er scheint ein Mann nach des Fürsten Bismarck Art zu sein, ein Mann kühner Rücksichtslosigkeit und überraschender Schläge. Wir stehen ganz allein. Rußland, Frankreich und Deutschland haben sich zu einem Bündnis gegen uns zusammengeschlossen. Oesterreich kann und will uns nicht zu Hilfe kommen, Italien dreht sich in gewundenen Antworten auf unsere Anträge, sagt weder ja noch nein und lauert auf den Augenblick, wo es im Bündnis mit Frankreich die letzten italienischen Landstriche von Oesterreich losreißen und sich an unseren Kolonien bereichern kann. Nun wohl denn, wo England allein stand, da stand es noch immer in Glanz und Macht. Vertrauen wir auf uns selbst und die Treue unserer Kolonien, die uns mit Geld und mit Mannschaften beispringen und die wir nach dem Siege mit allen Gaben belohnen wollen, die Seiner Majestät Regierung auszuteilen hat.“

„Unsere Kolonien!“ mischte sich jetzt auch der Handelsminister in die Debatte. „Jawohl, sie sind opferwillig. Ich fürchte nur, daß die Opfer, die der sehr ehrenwerte Kolonialminister von ihnen fordert, ihnen zu viel werden können, und daß sie bei der Richtung, die der moderne Imperialismus unserer Regierung einschlägt, nicht an die Belohnungen glauben werden, die ihnen in Aussicht gestellt werden.“

„Mylord,“ entgegnete der Angegriffene. „Man nennt mich einen Agitator, und man wirft mir vor, daß ich die jetzige gefährliche Lage Englands verschuldet hätte. Gut, ich will sie verschuldet haben. Aber niemals hat ein Staatsmann große Pläne verfolgt, ohne sein Land einer gewissen Gefahr auszusetzen. Ich erinnere nur daran, daß Bismarck nach dem glücklich beendeten Kriege von 1866 sagte, daß ihn die alten Weiber mit Knütteln totgeschlagen haben würden, wenn die preußische Armee besiegt worden wäre. Aber sie wurde nicht besiegt, und er stand da als ein Mann, der Deutschland geeinigt und Preußen groß gemacht hatte. Er setzte Preußen der allergrößten Gefahr aus, indem er durch seine Agitation fast die ganze Welt zum Feinde Preußens machte, Oesterreich und das ganze Süddeutschland angriff und es schließlich auch zum Kriege gegen Frankreich brachte. England hat damals eine unglückselige Politik des Zusehens und Abwartens befolgt, weil kein Agitator seine Politik leitete. Hätte England 1866 Preußen den Krieg erklärt, so wäre Deutschland jetzt nicht so mächtig, daß es uns bekriegt. Seit jener Zeit haben sich tiefgehende Veränderungen in England selbst vollzogen, gerade durch das Wachstum der deutschen Macht. Wir haben uns seit Napoleons Sturz nicht mehr genug um die Ereignisse auf dem Kontinent gekümmert, sondern in stolzem Selbstgefühl uns selbst für so mächtig gehalten, daß wir die Entschließungen der fremden Regierungen nur zu beeinflussen brauchten, um unsere eigene Politik zu verfolgen. Aber dieses Selbstgefühl ist erschüttert worden durch die Ereignisse von 1866 und 1870, und England ist mit Recht nervös geworden. Der Engländer hat bis zu jenem Zeitpunkt die Uebergriffe der kontinentalen Mächte verachtet. Das tut er nicht mehr, sondern es sind sogar patriotische Strömungen in England selbst entstanden, die der schwachsinnige Friedensfreund als chauvinistische brandmarkt. Nun wohl, ich nenne mich mit Stolz einen Chauvinisten in dem Sinne, daß ich nicht den Frieden um jeden Preis, sondern Englands Größe will. Die patriotischen Strömungen unseres Volkes sind von meinem Vorgänger Chamberlain in das rechte Bett geleitet worden. Und hat nicht die Regierung seit dreißig Jahren eben demselben patriotischen Gefühl Folge geleistet, indem sie, mochte sie von Disraeli oder Gladstone geleitet werden, eine ganz enorme Verstärkung unserer Wehrmacht zu Lande wie zur See ins Werk setzte? Diese militärischen Rüstungen haben dem Mutterlande allein die Lasten aufgebürdet, während sie nicht nur dem Mutterlande, sondern auch den Kolonieen zugute gekommen sind und noch zugute kommen sollen. Wie aber sollen solche Kosten, wie sie der Krieg jetzt verursacht, weiterhin aufgebracht werden? Wie soll der Handel des englischen Weltreiches fernerhin gehoben und vor jeder Konkurrenz geschützt werden, wenn die Kolonieen sich nicht an den Kosten beteiligen? Ich will nur, daß eine gerechte Verteilung der Lasten eintritt und daß demnach nicht England allein, sondern auch die Kolonieen die Lasten tragen. Der Plan der Imperial Federation, den wir verfolgen, ist das Heilmittel unserer chronischen Krankheit und soll die Kolonieen wie das Mutterland wirtschaftlich wie politisch und militärisch stärken. Gewiß scheinen solche Reden verwegen, Mylords, im Augenblicke, wo eine russische Armee in Indien eingebrochen ist und wo unsere Armee eine schwere Niederlage erlitten hat, aber ich möchte daran erinnern, daß noch jeder Krieg Englands mit Niederlagen begonnen hat. Andere als siegreiche Kriege aber hat England niemals geführt, seitdem Wilhelm der Eroberer das romanische Blut in Englands Staatskörper eingeführt und ihm damit eine Konstitution von solcher Zähigkeit und Härte verliehen hat, daß kein anderer Staatskörper jemals auf die Dauer England hat widerstehen können. So werden wir auch die Russen wieder aus Indien hinauspeitschen und werden die Flotten Frankreichs, Deutschlands und Rußlands, die sich vor uns in ihren Häfen verstecken, schließlich hervorzwingen, vernichten und damit alle übermütigen Pläne unserer Feinde zerstören, den Union Jack aber zur Standarte einer Weltherrschaft erheben, der niemand mehr feindlich zu nahen wagt.“


XVIII.

Die Kunde von Ediths Entführung — denn nur darum konnte es sich Heidecks Ueberzeugung nach handeln, weil sie sonst irgend eine Nachricht für ihn hinterlassen haben würde, — wirkte auf Heideck mit niederschmetternder Gewalt.

Er erinnerte sich der furchtbaren Grausamkeiten, von denen man aus den Zeiten des Sepoy-Aufstandes erzählte. Und er brauchte sich nur seine eigenen Erlebnisse in Lahore ins Gedächtnis zurückzurufen, um überzeugt zu sein, daß alle jene entsetzlichen Geschichten keine Uebertreibung waren, sondern wohl eher noch hinter der Wirklichkeit zurückblieben.

War es aber nicht dieses Schicksal, dem Edith Irwin entgegenging, so wartete ihrer vielleicht ein anderes schmachvolles Los, das dem Manne, der sie liebte, noch fürchterlicher erscheinen mußte als der Tod.

Sein Erschrecken und seine tiefe Niedergeschlagenheit hatten dem Fürsten nicht entgehen können. Teilnehmend legte er die Hand auf Heidecks Schulter und sagte:

„Ich bin wirklich untröstlich, Herr Kamerad! Denn ich sehe wohl, wie es mit Ihnen und der Dame steht. Aber vielleicht beunruhigen Sie sich ohne Not. Diese Abreise kann doch immerhin noch eine ganz unverfängliche Aufklärung finden.“

Heideck schüttelte den Kopf.

„Ich hege in dieser Hinsicht keine Hoffnungen mehr, denn alle Umstände sprechen dafür, daß es der Maharadjah von Chanidigot war, der die Dame in seine Gewalt gebracht hat. Dieser wollüstige Despot hat ja schon seit Monaten danach getrachtet, sie zu besitzen. Was, um des Himmels willen, kann man tun, die Unglückliche aus seinen Händen zu befreien?“

„Ich werde den General in Kenntnis setzen und zweifle nicht, daß er eine Untersuchung anordnen wird. Wenn Ihre Vermutung zutrifft, wird der Maharadjah selbstverständlich gezwungen werden, die Dame wieder freizugeben. Aber ich möchte fast daran zweifeln. Der Despot von Chanidigot ist augenblicklich weit von hier entfernt.“

„Das würde nicht ausschließen, daß andere in seinem Auftrage gehandelt haben. Und glauben Sie wirklich, Ihr General würde es um einer englischen Dame willen mit einem einflußreichen indischen Fürsten verderben, auf dessen Bundesgenossenschaft Rußland in diesem Augenblick doch vielleicht noch recht sehr angewiesen ist?“

„O, lieber Freund, wir sind nicht die Barbaren, für die man uns im westlichen Europa leider noch immer hält. Wir wünschen an Ritterlichkeit hinter niemandem zurückzustehen, und wir werden unser Regiment in Indien sicherlich nicht damit beginnen, daß wir unter unseren Augen verabscheuungswürdige Gewalttaten geschehen lassen. Ich bin überzeugt, daß der General in diesem Punkte nicht anders denkt als ich.“

„Sie wissen nicht, wie tröstlich und beruhigend es für mich ist, das zu hören. Denn ich selbst werde ja nichts mehr für Mrs. Irwin tun können. Seitdem ich weiß, daß Deutschland sich im Kriege befindet, darf ich ja kein anderes Interesse mehr haben als das, so schnell als möglich zu meiner Armee zu gelangen.“

„Allerdings! Die Soldatenpflicht über alles. Wie aber wollen Sie es anfangen, jetzt nach Deutschland zu kommen? Es dürfte eine verteufelt schwierige Aufgabe sein.“

„Ich muß es dennoch versuchen. Unter keinen Umständen darf ich hier müßig verharren.“

„Nun, so lassen Sie uns überlegen. Das Nächstliegende wäre ja, daß Sie von Bombay oder einer anderen Hafenstadt, wie Kalkutta, Madras oder Carachi aus zur See nach Europa zurückkehrten. Carachi liegt uns am nächsten. Man hat ihm ja den Namen des Eingangstores von Zentralasien gegeben. Und von Lahore, Quetta oder Mooltan aus ist Carachi mit der Eisenbahn am schnellsten zu erreichen. Aber eine Dampferverbindung zwischen Carachi und Europa besteht nur auf dem Wege über Bombay. Es gibt von dort aus keine andere direkte Schiffslinie als die nach dem Persischen Golf. Sie müßten also auf einen der englischen Dampfer der Peninsular- und Oriental-Linie gehen, die zweimal wöchentlich fahren. Denn die französischen Messageries Maritimes, die sonst zwischen Carachi und Marseille verkehrten, werden selbstverständlich ihre Fahrten längst eingestellt haben. Sie könnten also ebensogut mit der Eisenbahn bis Bombay fahren. Ueber Kalkutta oder Madras wäre es ein gewaltiger Umweg!“

„Und ich sollte einzig auf die Benutzung der englischen Dampferlinie angewiesen sein?“

„Daß die Schiffe des Norddeutschen Lloyd oder des Oesterreichischen Lloyd noch verkehren sollten, halte ich für gänzlich ausgeschlossen.“

„Dann werde ich den Gedanken an diesen Reiseweg überhaupt aufgeben müssen. Wenn ich mich nicht geradezu gefälschter Legitimationspapiere bedienen will, die überdies kaum zu erlangen sein dürften, wird mich kein englischer Dampfer als Passagier aufnehmen.“

„Das ist allerdings sehr wahrscheinlich,“ stimmte der Fürst nach einigem Nachdenken zu. „Und dann — wie sollten Sie nach Bombay gelangen? Die Engländer zerstören auf ihrem Rückzuge ja alle Eisenbahnen.“

„Nun, was das betrifft — ich könnte ja zu Pferde reisen.“

„Mitten durch die englische Armee hindurch? Und auf die Gefahr hin, als Spion aufgegriffen zu werden? Wissen Sie nicht, daß die Besiegten mit dem Füsilieren vermeintlicher Spione gewöhnlich noch schneller bei der Hand sind als die Sieger?“

Heideck mußte lächeln.

„In dieser Beziehung dürfte die Promptheit des russischen Verfahrens doch kaum zu übertreffen sein. Aber ich gebe zu, daß Ihre Bedenken sehr berechtigt sind. Danach verbliebe mir also nur noch der Weg nach Norden.“

„Ja, Sie müßten mit einem leerfahrenden Zuge oder mit einem Transport englischer Gefangener bis zum Kaiberpaß fahren, dann zu Pferd durch Afghanistan bis an die Grenze, und von dort wiederum mit der Bahn bis Krasnowodsk reisen. Weiter würde die Route über das Kaspische Meer nach Baku oder mit der Eisenbahn über Tiflis nach Poti am Schwarzen Meer und dann zu Schiff nach Konstantinopel gehen. Aber, mein lieber Kamerad, das ist eine sehr lange, beschwerliche Reise.“

„Ich muß es dennoch versuchen. Es handelt sich um ein Gebot der Ehre, und Sie sagen ja selbst, daß es keinen anderen Weg als den von Ihnen bezeichneten gibt.“

„Gut! — So werde ich für einen Paß sorgen und von dem General eine Vollmacht für Sie erbitten, die Sie in den Stand setzt, auf unserer Etappenstraße durch Afghanistan jederzeit Kosaken zu Ihrer Begleitung zu erhalten. — Aber —“ und das Aufleuchten in seinem Gesicht verriet, daß ihm eine nach seinem Dafürhalten sehr glückliche Idee gekommen sei — „ließe sich nicht doch vielleicht ein Ausweg finden, der Ihnen all’ diese ungeheuren Strapazen erspart? Die Deutschen und Russen sind Alliierte. Auch in den Reihen unserer Armee würden Sie Ihrem Vaterlande dienen. Und ein Offizier, der Indien so gut kennt, wie Sie, wäre für uns in diesem Augenblicke von großem Wert. Wenn Sie wollen, spreche ich noch in dieser Stunde mit dem General. Und ich bin gewiß, daß er keinen Augenblick zögern wird, Sie mit dem Range, den Sie in der deutschen Armee bekleiden, seinem Stabe zu attachieren.“

Gerührt schüttelte Heideck dem Freunde die Hand.

„Sie machen es mir schwer, Ihnen nach Verdienst zu danken. Ohne Ihr Eingreifen hätte mein Dasein einen sehr ruhmlosen Abschluß gefunden, und was Sie mir da vorschlagen, ist mir ein neuer Beweis Ihrer liebenswürdigen Teilnahme an meinem Geschick. Aber Sie zürnen mir nicht, wenn ich ablehne — nicht wahr? Gewiß würde es mir eine Ehre sein, in Ihrer ausgezeichneten Armee zu dienen. Aber Sie sehen ein, daß ich nicht nach Belieben über mich verfügen darf, sondern als Soldat auf meinen Posten zurückkehren muß, gleichviel, welche Schwierigkeiten dabei zu überwinden sind. Ich bitte Sie — — aber, mein Gott, was ist denn das? Können in diesem Lande der Wunder selbst die Toten wieder lebendig werden?“

Das Erstaunen, das ihm diese Frage eingegeben, war sehr natürlich, denn das magere, schwarzbraune Männchen, das soeben im Eingang des Zeltes erschien, war niemand anders als sein totgeglaubter treuer Diener Morar Gopal. Um seine Stirn trug er einen frischen Verband. Einen Augenblick blieb er wie gebannt in der Zelttür stehen, und in seinen dunklen Augen spiegelte sich die Freude darüber, seinen Herrn unverletzt wiedergefunden zu haben.

In tiefster Erregung stürzte Morar Gopal auf Heideck zu, warf sich zur Erde, um nach Hindusitte den Boden mit der Stirn zu berühren, und sprang dann mit allen Anzeichen der größten Freude wieder auf die Füße.

Heideck aber war kaum weniger bewegt als er und drückte dem treuen Burschen kräftig die braune Hand.

„Diese Wahnwitzigen haben dich also nicht umgebracht? Aber ich sah dich doch unter ihren Hieben fallen?“

Morar Gopal grinste verschmitzt.

„Ich warf mich zu Boden, als ich sah, daß doch alle Verteidigung umsonst war. Und weil ich aus einer Wunde am Kopfe blutete, meinten sie wohl, ich hätte genug. Gleich nachher kamen die Kosaken, und vor ihren Pferden, die mich sonst zertreten hätten, machte ich mich schleunigst wieder auf die Beine.“

„Du besitzt eine große Geistesgegenwart! Wie aber bist du zu dem schönen Anzuge gekommen?“

„Ich lief ins Hotel zurück — durch den hinteren Eingang, wo der Rauch nicht so arg war, — weil ich dachte, daß Sahib sich vielleicht dahin gerettet hätte. Sahib habe ich allerdings nicht gefunden, wohl aber diese Kleider. Und weil ich dachte, es sei besser, sie anzuziehen als sie verbrennen zu lassen — —“

„Schon gut, mein Braver! — Man wird dich wegen dieses kleinen Eigentumsvergehens schwerlich zur Rechenschaft ziehen.“

„Ich suchte Sahib an allen Orten, wo sich englische Gefangene befinden. Und als ich in Anar Kali gerade dazukam, wie Mrs. Irwin in einem Wagen weggeführt wurde, da wußte ich, daß ich nun auch die Spur meines Sahib gefunden hatte.“

Mit Ungestüm erfaßte Heideck seinen Arm.

„Du hast es gesehen? Und du weißt auch, wer sie entführte?“

„Ja, Herr, es war der Siwalik, der Stallmeister des Prinzen Tasatat. Und die Lady ist mit ihm auf dem Wege nach Simla.“

„Nach Simla? Woher kannst du das wissen?“

„Ich stand nahe genug, um jedes Wort zu verstehen, das die Inder miteinander sprachen, und es war zwischen ihnen davon die Rede, daß sie nach Simla gingen.“

„Und Mrs. Irwin? Sie sträubte sich nicht? Sie rief nicht um Hilfe? — Sie ließ sich ruhig fortführen?“

„Die Lady war sehr stolz. Sie sprach kein Wort.“

Ein Ordonnanzoffizier trat ins Zelt und überbrachte dem Fürsten den Befehl, sich sogleich bei dem Kommandierenden einzufinden.

„Wissen Sie, in welcher Angelegenheit?“ fragte der Oberst.

„Soviel ich weiß, handelt es sich um eine Beschwerde des Hauptmanns Obrutschew, der die Exekutionsmannschaften befehligt. Er hat gemeldet, der Herr Oberst habe einen Spion weggeführt, der auf Befehl des Kriegsgerichts füsiliert werden sollte.“

Heideck war bestürzt.

„So werden Ihnen nun aus Ihrer Rettungstat noch ernste Ungelegenheiten erwachsen,“ sagte er. „Aber da ich jetzt aus meiner Eigenschaft als deutscher Offizier kein Hehl mehr zu machen brauche, kann ja, falls der Feldtelegraph schon eingerichtet sein sollte, durch eine Anfrage beim Generalstab meine Legitimation erwirkt werden.“

„Gewiß! Und ich bitte Sie, sich meinetwegen nicht zu beunruhigen. Ich werde schon verantworten, was ich getan habe.“

Er entfernte sich in Begleitung des Ordonnanzoffiziers. Und Heideck bestürmte den braven Morar Gopal aufs neue mit Fragen über die näheren Umstände von Ediths Entführung.

Aber der Hindu konnte ihm nichts weiter sagen, da er nicht gewagt hatte, sich Edith zu nähern. Ihm war es ja auch nur um die Auffindung seines Herrn zu tun gewesen. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß Heideck von Kosaken fortgeführt worden sei, und war nicht müde geworden, weitere Nachforschungen anzustellen, bis er endlich mit dem angebornen Scharfsinn seiner Rasse alles herausgebracht hatte. Daß er von nun an das Los seines vergötterten Sahib wieder teilen würde, galt ihm als selbstverständlich. Und Heideck hatte nicht das Herz, schon in dieser Stunde des Wiedersehens seine Illusionen zu zerstören.

Nach Verlauf einer halben Stunde kehrte Fürst Tschadschawadse zurück. Seine heitere Miene bewies, daß er gute Nachrichten bringe.

„Es ist alles in Ordnung. Mein Wort war für den General Bürgschaft genug, und eine Anfrage in Berlin erschien ihm als überflüssig.“

„Wahrhaftig, ihr Russen treibt doch alles im großen Stil!“ rief Heideck. „Ein großes Reich, eine große Armee, eine große, weitausschauende Politik und eine große Auffassung aller Dinge.“

„Auch wegen meiner Idee, Sie in die Reihen unseres Heeres einzustellen, habe ich mit dem General gesprochen. Und er ist vollkommen damit einverstanden. Auch er hält die Schwierigkeiten einer Reise nach Deutschland unter den obwaltenden Umständen für fast unüberwindlich. Und er macht Ihnen das Anerbieten, mit dem Range eines Rittmeisters in seinen Stab einzutreten. Nach Berlin würden Sie ja selbst im günstigsten Fall wahrscheinlich erst kommen, wenn der Krieg längst beendet ist.“

„Ich glaube nicht, daß dieser Krieg so schnell beendigt sein wird. Bedenken Sie, daß der halbe Erdball in Flammen steht!“

„Gleichviel! Sie sollten das Anerbieten nicht zurückweisen. Wir können ja zu Ihrer Beruhigung in Berlin dieserhalb anfragen, der Feldtelegraph reicht bis Peschawar zurück, die Verbindung mit Moskau, Petersburg und Berlin ist also hergestellt.“

„Das nehme ich ohne weiteres an. Ich würde glücklich sein, wenn mir die Erlaubnis erteilt würde, in Ihren Reihen zu kämpfen.“

„Daran ist gewiß nicht zu zweifeln. Ich werde Ihnen sofort die weiße Sommer-Uniform und die eines Dragoner-Rittmeisters besorgen. Diesen Säbel aber, Herr Kamerad, werden Sie, wie ich hoffe, als ein kleines Gastgeschenk von mir annehmen.“

„Ich danke Ihnen von Herzen, Herr Oberst!“

„Ich begrüße Sie als den Unsrigen. Ich wäre sogar in der Lage, Ihnen sogleich einen dienstlichen Auftrag zu erteilen.“

„Nicht ohne die Genehmigung aus Berlin, mein Fürst!“

„Nun wohl, warten wir sie ab. Aber es wäre sehr schade, wenn sie sich wider unsere Erwartung verzögern würde. Der Auftrag, den ich Ihnen da verschaffen wollte, würde Sie gewiß sehr interessiert haben.“

„Und darf ich fragen — —“

„Der General beabsichtigt, ein Detachement nach Simla zu entsenden.“

„Noch Simla, der Sommerresidenz des Vizekönigs?“

„Ja.“

„Aber diese Gebirgsstadt ist doch jetzt ohne alle Bedeutung, der Vizekönig ist doch in Kalkutta geblieben?“

„Ganz recht, das schließt indessen nicht aus, daß die Nachricht von der Besetzung Simlas draußen in der Welt einigen Effekt machen würde. Und überdies könnten sich in den dortigen Regierungsbureaus möglicherweise interessante Aktenstücke befinden, von denen Kenntnis zu nehmen schon der Mühe wert sein würde.“

„Und Sie halten es für möglich, daß Seine Exzellenz mich dahin schicken könnte?“

„Da das Detachement, bei dem übrigens auch meine Dragoner, sowie Infanterie und zwei Maschinengewehre sein werden, meiner Führung anvertraut werden würde, habe ich den General gebeten, Sie der Expedition zuzuteilen.“

Heideck verstand die hochsinnige Absicht des Fürsten, und fast stürmisch schüttelte er ihm beide Hände.

„So möge der Himmel geben, daß die Erlaubnis aus Berlin rechtzeitig eintrifft. Nichts in der Welt wünsche ich so sehnlich, als mit Ihnen nach Simla gehen zu dürfen.“


XIX.

Schneller fast, als es bei der starken Beschäftigung des Telegraphen zu erhoffen gewesen war, traf aus Berlin die Weisung ein, daß der Hauptmann Heideck einstweilen in der russischen Armee Dienste tun dürfe und daß es seinem Ermessen anheimgestellt werde, die erste günstige Gelegenheit zur Rückkehr nach Deutschland zu benutzen.

Er stellte sich nunmehr dem kommandierenden General vor, wurde von ihm mit Wort und Handschlag verpflichtet, und in aller Form dem nach Simla bestimmten Detachement als Rittmeister zugeteilt.

Am nächsten Morgen schon setzte sich die Truppe unter Führung des Fürsten Tschadschawadse in Bewegung.

Der Marsch führte über den östlich von Lahore gelegenen Teil des Schlachtfeldes, auf dem sich vornehmlich die Kämpfe zwischen den Sepoys und den verfolgenden russischen Reitern abgespielt hatten.

Der Anblick, den diese zerstampfte, blutgetränkte Ebene gewährte, war traurig erschütternd. Obwohl zahlreiche Inder und russische Soldaten unter der Leitung von Armee-Gendarmen mit dem Aufsuchen der Leichen beschäftigt waren, lagen doch noch überall die teilweise schrecklich entstellten Leiber der Gefallenen in denselben Stellungen, in denen sie von dem mehr oder weniger qualvollen Tode ereilt worden waren. Ein fast unerträglicher Verwesungsgeruch erfüllte die Luft und mischte sich mit dem beizenden, atemraubenden Qualm der Scheiterhaufen, auf denen man die Leichen verbrannte.

Das Gros der russischen Armee befand sich im Lager und in der Stadt. Nur die Avantgarde, von der Verfolgung der fliehenden Engländer zurückgekehrt, war südlich der Stadt vorgeschoben. Die von Peschawar abgegangenen Verstärkungen, die mit einiger Ungeduld erwartet wurden, waren noch nicht eingetroffen.

Heideck hörte, daß etwa viertausend englische Soldaten und mehr als hundert Offiziere tot oder verwundet seien, während sich dreitausend Mann und fünfundachtzig Offiziere gefangen in den Händen der Russen befanden. Die Verluste der Sepoy-Regimenter ließen sich vorläufig nicht einmal annähernd schätzen, da sich die Kämpfe über ein zu weites Gebiet hingezogen hatten.

Fürst Tschadschawadse, der jetzt bei aller Herzlichkeit gegen Heideck doch mehr die Haltung eines militärischen Vorgesetzten angenommen hatte, erzählte während des Rittes, daß die russische Armee den Weg durch die Westprovinzen nehmen, das Industal und die dem Indus zunächst liegenden Länderstrecken aber unberührt lassen würde.

„Wir werden auf Delhi marschieren,“ äußerte er, „und dann wahrscheinlich auf Cawnpore und Lucknow vorgehen.“

Das Detachement konnte die Eisenbahn, die über Amritsar und Ambala nach Simla führt, nicht benutzen, da sie zum großen Teil von den Engländern zerstört worden war. Die Schnelligkeit des Marsches war natürlich ganz von der Leistungsfähigkeit der Infanterie abhängig. Und so sehr Heideck die Frische und Ausdauer dieser abgehärteten Soldaten bewundern mußte, kam man doch für seine Wünsche viel zu langsam vorwärts.

Wie glücklich wäre er gewesen, wenn er mit seiner Schwadron im Geschwindmarsch auf dem Wege hätte vordringen dürfen, den die unglückliche Edith hatte einschlagen müssen!

Schon am zweiten Tage zeigten sich in der Ferne deutlich schön umrissene blaue und violette Gebirgszüge: — das dem Himalaja vorgelagerte Hügelland, dessen niedrige Sommertemperatur den Vizekönig und die hohen Beamten der indischen Regierung alljährlich bestimmte, sich aus dem unerträglich heißen und dunstigen Kalkutta in das kühle und gesunde Simla zu flüchten. Auch die Familien der im Pendschab und in den westlichen Provinzen wohnenden reichen englischen Kaufleute und Beamten pflegten während der heißen Jahreszeit hier ihren Aufenthalt zu nehmen.

Die Vegetation wurde immer reicher und üppiger. Man kam durch prächtige Dschungeln, die stellenweise ganz den Eindruck künstlich angelegter Parks hervorbrachten. Scharen von Affen tummelten sich in den Banianen und Palmen und machten die waghalsigsten Sätze von einer Luftwurzel zur anderen. Die Annäherung der Soldaten schien diesen munteren Geschöpfen sehr wenig Furcht einzuflößen; denn sie blieben oft unmittelbar über ihren Köpfen sitzen und betrachteten mit ebensoviel Neugier als augenfälligem Wohlgefallen das ungewohnte militärische Schauspiel. Buntgefiederte Papageien erfüllten die Luft mit ihrem durchdringenden Gekreisch, und hier und da wurde ein Rudel Antilopen sichtbar, die indessen stets in rascher Flucht davongingen, wobei ihre merkwürdige Art, mit allen vier Beinen zugleich vom Boden empor zu springen, den wunderlichsten und ergötzlichsten Anblick gewährte.

Am dritten Tage kreuzte ein farbenbunter Reiterzug den Weg des Detachements. Es waren augenscheinlich vornehme Inder in halb einheimischer, halb englischer Kleidung auf vortrefflichen Hengsten, wie sie aus der Kreuzung von arabischem und Guzerat-Blut hervorgehen. An ihrer Spitze ritt ein prachtvoll gekleideter, dunkelbärtiger Mann auf einem Schimmel von besonderer Schönheit.

Er hielt an, um einige Worte höflicher Begrüßung mit dem russischen Obersten auszutauschen. Als er sich dann mit seinen lanzenbewehrten Reitern wieder in Bewegung gesetzt hatte, um den Blicken der Nachschauenden gar bald im dichten Dschungel zu entschwinden, winkte der Fürst Heideck an seine Seite.

„Eine Neuigkeit für Sie, Herr Kamerad! — Der vornehme Inder, mit dem ich soeben sprach, war der Maharadjah von Sabathu, und er ist eben im Begriff, seinen auf einem Jagdausfluge begriffenen Gast und Freund, den Maharadjah von Chanidigot, zu suchen.“

„Den Maharadjah von Chanidigot?“ rief Heideck mit funkelnden Augen. „Der Elende wäre also wirklich in unserer unmittelbaren Nähe?“

„Das von den beiden Fürsten aufgeschlagene Jagdlager befindet sich in unserer Marschrichtung, und der Maharadjah hat mich eingeladen, mit meinen Leuten diese Nacht dort zu kampieren. Ich hätte in der Tat nicht übel Lust, diese freundliche Einladung anzunehmen.“

„Und haben Sie ihn nicht nach Mrs. Irwin gefragt, mein Fürst?“

Das Gesicht des Obersten hatte bei dieser Frage Heidecks einen befremdlich ernsten, beinahe abweisenden Ausdruck angenommen.

„Nein.“

„Aber es ist doch mehr als wahrscheinlich, daß sie sich ebenfalls in seinem Lager befindet.“

„Wohl möglich, obwohl einstweilen noch jeder Beweis dafür fehlt.“

„Sie werden Nachforschungen nach ihr anstellen, nicht wahr? Werden den Maharadjah zwingen, uns Aufklärung über ihren Verbleib zu geben?“

„Ich dürfte ihn höchstens in höflicher Form um eine Aufklärung ersuchen. Aber auch das kann ich Ihnen noch nicht mit Sicherheit versprechen.“

Heideck war auf das Aeußerste überrascht. Er konnte sich die Wandlung in dem Benehmen des Fürsten durchaus nicht erklären. Und er wäre geneigt gewesen, seine sonderbaren Antworten für einen, freilich nicht sehr zarten Scherz zu nehmen, wenn nicht der eisige, undurchdringliche Ausdruck seines Gesichts jede derartige Vermutung von vornherein ausgeschlossen hätte.

„Aber ich verstehe nicht, mein Fürst —“ sagte er betroffen. „Sie hatten doch noch vor wenig Tagen die Güte, mir Ihren tatkräftigen Beistand in dieser Angelegenheit zu versprechen.“

„Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, die Zusage zurückzunehmen. Denn ich habe strikte Weisung von Seiner Exzellenz, alles zu vermeiden, was zu einer Reibung mit den eingeborenen Fürsten führen könnte. Daß man gerade auf die Person des Maharadjah von Chanidigot einen ganz besonderen Wert legt, war mir zur Zeit unserer Unterredung nicht bekannt. Er ist der Erste gewesen, der sich offen für Rußland erklärt hat und dessen Truppen zu uns übergingen. Der glückliche Ausgang der Schlacht bei Lahore ist vielleicht zum nicht geringen Teil ihm zu verdanken. Sie begreifen, Herr Rittmeister, daß es den übelsten Eindruck hervorrufen würde, wenn wir mit einem für uns so wichtigen Mann aus geringfügiger Ursache in Zwistigkeiten gerieten.“

„Aus geringfügiger Ursache?“ fragte Heideck ernst, und seine Augen funkelten hell auf vor Erregung.

„Nun ja, was Ihnen von so großer Bedeutung erscheint, ist doch von einem höheren politischen Standpunkte aus betrachtet sehr klein und unwichtig. Sie können unmöglich erwarten, daß die politischen Interessen eines Weltreiches den Interessen einer einzigen Dame geopfert werden, die noch dazu ihrer Nationalität nach zu unsern Gegnern gehört.“

„Sie sollte also hilflos der Bestialität dieses Wüstlings preisgegeben sein?“

Fürst Tschadschawadse zuckte die Achseln; aber er streifte zugleich den neben ihm reitenden Heideck mit einem sonderbaren Seitenblick, der ungefähr zu sagen schien:

‚Wie schwerfällig bist du doch, mein Lieber! Und wie langsam von Begriffen!‘

Der andere aber verstand diese stumme Augensprache nicht. Und nach einem kleinen Schweigen konnte er sich nicht enthalten, im Tone schmerzlichen Vorwurfs zu äußern:

„Weshalb, mein Fürst, erwirkten Sie mir so großmütig die Teilnahme an dieser Expedition, wenn ich doch zugleich zur Untätigkeit gezwungen werden sollte, in einer Sache, die mir, wie Sie wußten, augenblicklich mehr als alles andere am Herzen liegt!“

„Ich erinnere mich nicht, Ihnen einen solchen Zwang auferlegt zu haben, Herr Rittmeister! Es war lediglich meine Stellungnahme zu der Sache, die ich Ihnen klar zu machen wünschte. Und ich hoffe, Sie haben mich vollkommen verstanden. Ich will und darf mit der Angelegenheit der Mrs. Irwin offiziell nichts zu schaffen haben, und ich wünsche, nichts davon zu hören. Daß ich mich andererseits nicht in Ihre Privatverhältnisse einmischen und mich nicht darum kümmern werde, ist selbstverständlich. Es genügt mir vollständig, wenn Sie mich nicht in irgend welche Verlegenheit und Zwangslage bringen.“

Das war ja allerdings viel weniger, als Heideck nach den feurigen Versprechungen seines Freundes erhofft hatte. Aber er mußte sich bei ruhiger Ueberlegung sagen, daß der Fürst in der Tat kaum anders handeln durfte und daß er bis an die äußerste Grenze des Möglichen ging, wenn er ihm nicht geradezu verbot, irgend etwas zu Gunsten der unglücklichen Edith zu unternehmen. Heidecks Entschluß, das Aeußerste für die Befreiung des geliebten Weibes zu wagen, wurde dadurch ja keinen Augenblick erschüttert; aber er wußte nun, daß er mit äußerster Vorsicht zu Werke gehen müßte und daß er auf niemandes Beistand zu rechnen habe — eine Erkenntnis, die nicht gerade geeignet war, ihn mit freudigen Hoffnungen zu erfüllen.

Nach kurzem Marsche erreichte das Detachement den unmittelbar am Fuße der ersten Hügel gelegenen weiten, von mächtigen Bäumen beschatteten Platz, auf dem der Maharadjah sein improvisiertes Jagdlager aufgeschlagen hatte. Eine große Anzahl von Zelten war unter den Bäumen aufgerichtet worden. Ein buntes Menschengewimmel bewegte sich zwischen ihnen.

Daß er selber nicht das Lager nach Edith Irwin durchsuchen konnte, ohne die Aufmerksamkeit der Inder zu erregen und damit den Erfolg seines Vorhabens von vornherein zu vereiteln, war Heideck vollkommen klar. Und er hatte niemanden, den er mit der bedeutsamen Aufgabe betrauen konnte, als den treuen Morar Gopal, der ihm trotz aller drohenden Kriegsschrecknisse auch auf diesem Marsche nach Simla gefolgt war, obgleich ihm Heideck seine Entlassung unter Zahlung eines mehrmonatlichen Lohnes angeboten hatte.

So nahm er ihn denn, nachdem das Signal zum Halten und Absitzen gegeben worden war, beiseite und erteilte ihm seine Instruktionen, indem er ihm zugleich eine Handvoll Rupien für die etwa nötigen Bestechungen einhändigte.

Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte der Hindu seinen Worten, und das Mienenspiel seines klugen, dunklen Gesichts verriet, ein wie lebhaftes persönliches Interesse diese Angelegenheit seines Herrn für ihn hatte.

„Es wird alles geschehen, wie du es wünschest, Sahib!“ sagte er, und war bald nachher scheinbar spurlos in dem bunten Gewühl der schier zahllosen Dienerschaft der beiden indischen Fürsten verschwunden.