XX.
Während die Russen etwas abseits von dem Feldlager ihre Kochlöcher gruben und alle sonstigen Vorbereitungen für das Biwak trafen, hatte Heideck Gelegenheit, die Großartigkeit zu bewundern, mit der diese indischen Fürsten ihre Jagdvergnügungen in Szene setzten.
Die Zelte der beiden Maharadjahs hatten fast die Größe von einstöckigen Bungalos, und als er durch den offenen Eingang des einen in das Innere blickte, sah Heideck, daß es verschwenderisch mit roter, blauer und gelber Seide ausgeschlagen und mit den kostbarsten Teppichen ausgestattet war.
Wohl ein halbes Hundert kleinerer Zelte war für die Aufnahme des Gefolges und der Dienerschaft bestimmt. Hinter ihnen aber lagerte eine ganze Herde von Kamelen und Elefanten, die das Gepäck und das Material für die Zelte getragen hatten. Das Blöken zahlloser Hammel mischte sich in das hundertstimmige Lärmen der geschäftig hin- und herlaufenden Inder, und Heideck schätzte die Zahl der Buckelochsen und mit Kampierleinen gefesselten Pferde, die neben dem Lager weideten, auf mehr als dreihundert.
Der Maharadjah von Sabathu betrachtete die Russen, die auf seine Einladung hier Rast gemacht, als seine Gäste, und er übte die Pflichten der Gastfreundschaft mit echt indischer Freigebigkeit. Er ließ den Soldaten so viele Hammel und anderen Proviant zur Verfügung stellen, daß sie sich daran für manche früher ausgestandene Entbehrung überreich schadlos halten konnten. Die Offiziere aber wurden feierlich zu dem in seinem Zelte veranstalteten Festmahl eingeladen.
Heidecks Erwartung, bei dieser Gelegenheit den Maharadjah von Chanidigot wiederzusehen und vielleicht eine Möglichkeit zur Aussprache mit ihm zu finden, wurde allerdings gründlich getäuscht.
Als er von seinem Rundgang durch das Zeltlager, bei dem er nirgends eine Spur von Edith gefunden, in das russische Biwak zurückkehrte, erfuhr Heideck aus dem Munde des Fürsten Tschadschawadse, daß der Maharadjah von Chanidigot auf seinem heutigen Jagdausfluge einen leichten Unfall erlitten habe und sich in seinem Zelte, wohin man ihn eben gebracht, unter ärztlicher Behandlung befinde.
Es hieß, daß die Hauer eines Ebers, der seinem Pferde zwischen die Beine gerannt war, ihn empfindlich am Fuße verwundet hätten, und es war jedenfalls gewiß, daß er heute für niemanden mehr sichtbar werden würde.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr Heideck auch, welchen Umständen man die Begegnung mit den beiden indischen Fürsten zu danken habe.
Der Maharadjah von Chanidigot, dem es sehr wohl bekannt war, daß die Engländer ihn wegen Hochverrats zum Tode verurteilt hatten, war aus seiner Residenz geflohen. Mit hundert Reitern und vielen Kamelen, die den wertvollsten Teil seiner beweglichen Schätze trugen, war er im Rücken der vordringenden russischen Armee aus dem Bereiche der britischen Macht nordwärts gezogen. Er hatte seinen Freund, den ebenfalls mohammedanischen Maharadjah von Sabathu, besucht, und beide Fürsten hatten sich zu ihrer größeren Sicherheit hierher an den Fuß des Gebirges begeben, wo sie einstweilen trotz der aufgeregten Zeiten mit der Sorglosigkeit echter Grandseigneurs den Jagdvergnügungen oblagen.
Wahrscheinlich würde der verräterische Despot von Chanidigot es vorgezogen haben, direkt nach Simla zu gehen, und nur die auch den Russen zugekommene Nachricht, daß in Ambala noch englische Truppen ständen, mochte ihn veranlaßt haben, auf halbem Wege Halt zu machen.
War doch auch Fürst Tschadschawadse durch diese Kunde bestimmt worden, die beabsichtigte Route über Ambala zu verlassen und in gerader Linie durch das Dschungel vorzurücken. So konnte er aller Voraussicht nach Simla ohne Kampf erreichen, konnte aber auch, wenn sich feststellen ließ, daß die Besatzung von Ambala nicht sehr stark war, die Engländer überraschend von Norden her angreifen. In Friedenszeiten bildete Ambala ja eines der größeren Kantonnements, jetzt aber ließ sich wohl vermuten, daß die Hauptmasse der dort stehenden Truppen nach Lahore herangezogen worden war. —
Der ganze Luxus einer indischen Hofhaltung wurde bei dem Festmahle des Maharadjah entfaltet. An der mit rotem Samt gedeckten, verschwenderisch mit goldenen und silbernen Gefäßen bestellten Tafel saßen die russischen Offiziere in bunter Reihe mit den vornehmen Begleitern der beiden Fürsten. Man speiste vortrefflich, und der Champagner floß in unerschöpflichen Mengen. Die Russen ließen sich nicht lange zum Trinken nötigen, aber auch die mohammedanischen Inder standen in diesem Punkte kaum hinter ihnen zurück. Allerdings war ihnen ja der Weingenuß durch die Satzungen ihrer Religion verboten; aber man wußte dies Gebot in Bezug auf den Champagner dadurch zu umgehen, daß man ihn auf den harmlosen Namen ‚Brauselimonade‘ taufte, eine Umschreibung, die seiner anfeuernden Wirkung natürlich nicht den geringsten Abbruch tat. Die gegen den Alkohol weniger widerstandsfähigen Inder waren vielmehr durchweg viel schneller berauscht als ihre neuen europäischen Freunde. Und es konnte nicht ausbleiben, daß unter dem Einfluß des erheiternden Trankes bald eine allgemeine Verbrüderung eintrat.
Der Maharadjah selbst hielt eine blumenreiche Rede zum Preise der russischen Sieger, die als langersehnte Befreier Indiens vom britischen Joche gekommen seien. Allerdings mußte er selbst sich dabei der verhaßten englischen Sprache bedienen, der einzigen, deren er außer seiner Muttersprache einigermaßen mächtig war, und Fürst Tschadschawadse mußte seine Worte ins Russische übertragen, damit sie allen Gefeierten verständlich wurden.
Trotz dieses etwas umständlichen Verfahrens aber weckten sie eine flammende Begeisterung, und es kam bis zu Umarmungen und brüderlichen Küssen.
Als die allgemeine Fröhlichkeit ihren Gipfel erreicht hatte, erschienen zwei Bajaderen, die zum Hofhalt des Maharadjah von Sabathu gehörten, indische Schönheiten, deren weibliche Reize wohl auch das Blut verwöhnter Europäer in Wallung bringen konnten. In goldschimmernde Röcke und Jäckchen gekleidet, die um die Taille eine Handbreit der hellbraunen Haut frei ließen, mit Goldmünzen auf dem blauschwarzen Haar, führten sie auf einem inmitten des Zeltes ausgebreiteten Teppich zu dem eintönigen Klang seltsamer Musikinstrumente ihre Tänze aus. Die bloßen Arme, die Knöchel und Zehen ihrer kleinen, nackten Füße waren mit perlenbesetzten Goldreifen und juwelenfunkelnden Ringen geschmückt. Und wenn auch ihre Bewegungen nichts von der bacchantischen Wildheit anderer Nationaltänze hatten, so war das anmutige Spiel der schlanken, geschmeidigen Glieder doch verführerisch genug, um das Entzücken der Zuschauer zu erregen. Die Inder warfen den Tänzerinnen Silbermünzen zu, die Russen aber klatschten nach heimischer Sitte Beifall und wurden nicht müde, in stürmischen Zurufen eine Wiederholung zu verlangen.
Einer nur blieb verstimmt und sorgenvoll inmitten der allgemeinen Ausgelassenheit. Und dieser eine war Heideck, der jüngste Rittmeister der russischen Armee.
Er wußte, daß es der Schlauheit Morar Gopals ein leichtes sein würde, ihn zu finden, falls er ihm etwas zu melden hatte. Und daß der Hindu nicht erschien, war ihm ein entmutigender Beweis, daß es dem Diener bisher nicht gelungen sei, Ediths Verbleib zu ermitteln oder sich Gewißheit über ihr Schicksal zu verschaffen.
Was half es ihm, daß er sich in unablässigem Grübeln bereits einen Plan zu ihrer Befreiung zurechtgelegt hatte, wenn es keine Möglichkeit gab, sich mit ihr in Verbindung zu setzen!
In der Annahme, daß sie in einem Haremszelte gefangen gehalten würde, hatte er beabsichtigt, Morar Gopal mit einem Briefe zu ihr zu schicken, fest überzeugt, daß es dem verschlagenen Inder durch List und Bestechung möglich werden würde, zu ihr zu gelangen. Er hatte schon vor der Tafel mit einem der indischen Radjahs wegen des Ankaufs eines Ochsenwagens verhandelt, und wenn sich Edith durch seinen Brief zu einem Fluchtversuch bewegen ließ, dürfte es nach seinem Dafürhalten nicht allzu schwierig sein, sie unter Morar Gopals Schutze nach Ambala zu bringen, wo sie sich wieder bei englischen Landsleuten befand.
Aber dieser Plan blieb gegenstandslos, so lange er nicht einmal wußte, wo Edith sich befand. Und unfähig, diesen martervollen Zustand der Ungewißheit länger zu ertragen, war er eben im Begriff, das Zelt zu verlassen, um auf jede Gefahr hin selbst nach dem geliebten Weibe zu forschen, als ein russischer Dragoner hinter seinen Stuhl trat und ihm in dienstlicher Haltung meldete, daß eine Dame den Herrn Rittmeister draußen vor dem Zelte erwarte.
Von der beseligenden Hoffnung erfüllt, daß es Edith sein könnte, sprang er auf und eilte hinaus. Aber sein sehnsüchtiger Blick suchte vergebens nach Kapitän Irwins Witwe. Er gewahrte statt ihrer ein schlankes, weibliches Wesen in dem kurzen Jäckchen und dem fußfreien, bunten Rock, den er auf seinen Reisen bei den georgischen Bergbewohnerinnen gesehen hatte. Haar und Gesicht des Mädchens waren fast ganz unter einem verhüllenden Kopftuche verborgen. Und erst, als sie dasselbe bei seiner Annäherung ein wenig zurückschob, erkannte er, wen er vor sich habe.
„Georgij — du hier!“ rief er überrascht. „Und in solcher Kleidung?“
Er hatte wohl Ursache, erstaunt zu sein; denn er hatte den schönen, blonden Pagen, dem er zu allermeist für die Rettung seines Lebens verpflichtet war, seit jener Begegnung auf dem Wege zur Richtstätte nicht mehr wiedergesehen.
Als er am Abend des für ihn so schicksalsreichen Tages den Fürsten Tschadschawadse nach Georgij gefragt hatte, war ihm nur eine kurze, ausweichende Antwort zu Teil geworden, und die Stirn des Fürsten hatte sich so finster bewölkt, daß er wohl erkannte, es müsse sich etwas Besonderes zwischen den beiden ereignet haben, so daß es ihm zweckmäßiger erschienen war, den Namen der Cirkassierin nicht wieder zu erwähnen.
Vergebens hatte er sich dann bei dem Aufbruch des Detachements nach dem von seinem ‚Gebieter‘ sonst unzertrennlichen Pagen umgesehen, und nur die seinem Herzen so viel näher liegende Sorge um Edith mochte Schuld daran sein, daß er sich nicht allzu viele Gedanken über das rätselhafte Verschwinden des verkleideten Mädchens gemacht hatte.
Sie hier, in so weiter Entfernung von der russischen Hauptarmee, und in weiblicher Kleidung wiederzufinden, hatte er sicherlich am allerwenigsten vermutet. Aber die Cirkassierin schien nicht geneigt, ihm umständliche Aufklärungen zu geben.
„Ich habe dich gebeten, zu mir herauszukommen, Herr,“ sagte sie, „weil ich nicht wollte, daß der Fürst mich erblickt. Ich bin deinem indischen Diener begegnet. Und er hat mir von der englischen Dame erzählt, die der Maharadjah von Chanidigot dir geraubt hat.“
„Nicht mir hat er sie geraubt, Georgij, denn ich habe keine Rechte auf sie. Sie hat sich nur unter meinen Schutz gestellt, und deshalb ist es meine Pflicht, zu ihrer Befreiung alles zu tun, was ich vermag.“
Das Mädchen sah ihn an, und es war wie ein Funkeln verhaltener Leidenschaft in ihren schönen Augen.
„Warum sprichst du nicht die Wahrheit, Herr? Sage doch, daß du sie liebst! Sage mir, daß du sie liebst, und ich will sie dir zurückbringen — noch an diesem Abend!“
„Du, Georgij? Wie, in aller Welt, wolltest du das anfangen? Weißt du denn, wo die Dame sich befindet?“
„Ich weiß es von deinem Diener Morar Gopal, Herr! Sie ist dort, in jenem Zelte des Maharadjah von Chanidigot, vor dessen Tür die beiden Inder Wache halten. Hüte dich wohl, dort Einlaß zu begehren; denn die Wächter werden dich eher in Stücke hauen, als daß sie dich auch nur einen Schritt in das Zelt tun ließen.“
„Es mag wohl sein, daß du recht hast,“ sagte Heideck, dessen Brust die endlich erlangte Gewißheit von der Nähe der angebeteten Frau mit einem beseligenden Glücksgefühl erfüllte. „Wie aber wolltest du zu ihr gelangen?“
„Ich bin ein Weib, und ich weiß, wie man diese armseligen, indischen Tröpfe behandeln muß; der Maharadjah von Chanidigot ist krank, und er mag in seinen Schmerzen wohl an alles andere eher denken, als an die Freuden der Liebe. Diese Gunst des Zufalls mußt du benutzen, Herr! Und noch in dieser Nacht muß geschehen, was überhaupt geschehen soll.“
„Gewiß! Jede verlorene Minute bedeutet ja vielleicht eine furchtbare Gefahr für Mrs. Irwin. Aber wenn du einen Plan hast, sie zu retten, so sage mir — —“
Die Cirkassierin schüttelte den Kopf.
„Weshalb von Dingen sprechen, die erst noch getan werden sollen? Kehre zurück zu deinem Feste, Herr, damit niemand einen Argwohn gegen dich hegt. Um Mitternacht wirst du die englische Dame in deinem Zelte finden. Oder du wirst auch mich niemals wiedersehen.“
Sie wandte sich zum Gehen; aber nachdem sie wenige Schritte getan hatte, kehrte sie sich noch einmal nach ihm zurück.
„Du wirst dem Fürsten nicht sagen, daß ich hier bin, hörst du? — Noch ist es nicht an der Zeit, daß er es erfährt.“
Damit war sie verschwunden, ehe noch Heideck eine weitere Frage hatte tun können. Und so wenig er sich auch nach dem eben Erlebten aufgelegt fühlen mochte, in den nachgerade ziemlich wüst gewordenen Lärm des Banketts zurückzukehren, sah er doch ein, daß ihm kaum etwas anderes übrig blieb, da eine Einmischung in die ihm unbekannten Pläne der Cirkassierin schwerlich von irgend welchem Nutzen für Edith gewesen wäre.
Aber wenn ihm die Viertelstunden schon vorher schier endlos erschienen waren, so schlichen sie jetzt vollends mit unerträglicher Langsamkeit dahin. Er sah und hörte kaum noch etwas von dem, was um ihn her geschah. Der neben ihm sitzende Radjah mühte sich vergebens, in seinem gebrochenen Englisch eine Unterhaltung in Fluß zu bringen, und überließ endlich kopfschüttelnd den schweigsamen Fremdling seinen Grübeleien, die inmitten dieser hochgehenden Fröhlichkeit für ihn allerdings etwas sehr Verwunderliches haben mußten.
Kurz vor Mitternacht, noch ehe Fürst Tschadschawadse und die übrigen Kameraden an den Aufbruch dachten, verließ Heideck abermals das Prunkzelt des Maharadjah und lenkte seine Schritte dem durch den rötlichen Schein der Biwakfeuer weithin kenntlich gemachten russischen Lager zu, in welchem ebenfalls noch die lauteste Lustigkeit herrschte.
Er hegte im Grunde sehr wenig Hoffnung, daß die Cirkassierin ihr kühnes Versprechen eingelöst habe; denn was sie da auf sich genommen hatte, mußte ihm ja so gut wie unausführbar erscheinen. Aber sein Herz klopfte doch in ungestümen Schlägen, als er die Leinwand zurückschlug, die den Eingang des ihm zugewiesenen Zeltes verschloß.
Auf dem Klapptisch inmitten des kleinen Raumes standen neben einer brennenden Laterne zwei angezündete Kerzen. Und bei ihrem Schein erblickte Heideck — nicht Edith Irwin, wohl aber den schönsten jungen Radjah, der ihm jemals unter Indiens strahlendem Himmel vor die Augen gekommen war.
Eine Sekunde lang stand er ungewiß; denn der tannenschlanke Jüngling in der von einer roten Schärpe umgürteten Seidenbluse, den englischen Reithosen und den zierlichen kleinen Stiefelchen hatte ihm den Rücken zugewandt, so daß er sein Gesicht nicht sehen konnte, und das Haar war vollständig unter dem Turban von rosa und gelb gestreiftem Seidenmusselin verborgen. Aber die glückselige Ahnung, die ihm zuflüsterte, wer in dieser anmutigen Verkleidung steckte, konnte unmöglich lügen. Mit zwei raschen Schritten war er an der Seite des feingliedrigen, indischen Jünglings, und überwältigt von einem Sturm leidenschaftlicher Empfindungen, schloß er ihn im nächsten Augenblick, alle Rücksichten und trennenden Schranken vergessend, mit einem jauchzenden Jubelruf in seine Arme.
„Edith! — Meine Edith!“
„Mein geliebter Freund!“
Was weder in den Stunden traulichen Alleinseins noch in den Augenblicken der gemeinsam bestandenen höchsten Gefahr über ihre Lippen gekommen war, in der überschwenglichen Wonne dieses Wiedersehens drängte es sich unaufhaltsam aus ihren Herzen: das Geständnis einer Liebe, die für sie längst den ganzen Inhalt ihres Lebens ausmachte.
XXI.
Es währte lange, bis die beiden Liebenden ruhig genug geworden waren, sich gegenseitig die Erklärungen zu geben, die ihnen das volle Verständnis der letzten, fast märchenhaften Ereignisse und Fügungen erschlossen.
Heideck verlangte natürlich vor allem, zu wissen, wie es möglich gewesen war, daß Edith sich hatte entführen lassen, ohne Lärm zu schlagen und den Beistand ihrer Umgebung in Anspruch zu nehmen. Was sie ihm erzählte, war der ergreifendste Beweis ihrer Liebe zu ihm. Die Kreaturen des Maharadjah mußten auf irgend eine Weise Kenntnis von Heidecks Verhaftung und Verurteilung erhalten haben, und sie hatten nicht vergebens auf Ediths Anhänglichkeit an ihren Lebensretter gerechnet.
Man erklärte ihr, daß ein einziges Wort des Maharadjah hinreichen würde, den tollkühnen Deutschen zu vernichten, und daß sie nur dann eine Hoffnung hegen dürfe, ihn vor dem Aeußersten zu bewahren, wenn sie Seine Hoheit persönlich um Gnade für ihn bäte. Obwohl sie keinen Zweifel darüber hegte, welche schändliche Absicht sich hinter allem verbarg, hatte Edith in ihrer Herzensangst um das Leben des geliebten Mannes nicht gezögert, den Leuten zu folgen, die sie zum Maharadjah zu führen versprochen, und die sich in heuchlerischen Versicherungen erschöpften, daß ihr kein Leid widerfahren würde. Sie hatte so viele Beweise für die Rachsucht und Grausamkeit dieses indischen Despoten erhalten, daß sie von seinem Haß das schlimmste für Heideck befürchtete und daß sie entschlossen war, im schlimmsten Fall, wenn nicht ihre weibliche Ehre, so doch ihr Leben für seine Errettung zu opfern.
Der Maharadjah hatte sie mit großer Zuvorkommenheit empfangen und ihr versprochen, seinen Einfluß zu Gunsten des als Spion und Verräter von den Russen gefangen genommenen Deutschen geltend zu machen. Aber er hatte zugleich ziemlich deutlich durchblicken lassen, welchen Preis er dafür verlangen würde, und er hatte sie von dem Augenblick an, wo sie selbst sich in seine Hände geliefert, wie eine mit großem Respekt aber zugleich mit noch größerer Wachsamkeit behandelte Gefangene gehalten. Jeder Verkehr mit anderen Personen als der indischen Dienerschaft des Maharadjah war ihr vollständig abgeschnitten worden, und sie hatte sich keiner Täuschung darüber hingegeben, welches Los ihrer warte, sobald der Fürst sich in irgend einem von den kriegerischen Ereignissen unberührten Gebirgsnest wieder ganz sicher wußte.
Wohl hatte sie sich in dieser Gewißheit beständig mit dem Gedanken an Flucht getragen; aber die Furcht, damit das Schicksal ihres unglücklichen Freundes zu besiegeln, hatte sie noch mehr als das immer rege Mißtrauen ihrer Wächter von der Ausführung zurückgehalten.
Um so überschwenglicher war die Freude gewesen, als an diesem Abend Morar Gopal in Begleitung der Cirkassierin in dem Frauenzelte erschienen war, um sie von den fast unerträglichen Qualen der Ungewißheit über Heidecks Geschick zu erlösen.
Den Zutritt zu der sonst so sorgsam gehüteten Gefangenen hatte der schlaue Hindu sich und seiner Begleiterin dadurch zu verschaffen gewußt, daß er den wachehaltenden Indern vorlog, der Maharadjah habe das in seiner Gesellschaft befindliche Mädchen zur Dienerin für die englische Dame bestimmt. Mit wenigen geflüsterten Worten hatte er Edith von allem unterrichtet, was ihr für den Augenblick zu wissen not tat. Und nachdem er sich zurückgezogen, hatte niemand in ihrer Umgebung etwas Auffälliges darin gefunden, daß sie eine Weile mit der neuen Dienerin allein zu bleiben wünschte. Dies Alleinsein aber hatte sie benutzt, um mit Hilfe der Cirkassierin die von ihr in einem Paket mitgebrachten leichten indischen Männerkleider anzulegen. Die Wachen, durch den Genuß von Spirituosen berauscht, hatten den schlanken, jungen Radjah, in den sie sich verwandelt, unbehelligt fortgehen lassen, und Morar Gopal, der sie an einem verabredeten Ort in der Nähe erwartete, hatte sie zu dem Zelte Heidecks geführt, wo sie sich — für den Augenblick wenigstens — als in Sicherheit betrachten durfte.
„Aber Georgij?“ fragte der Hauptmann nicht ohne Besorgnis. „Sie ist in dem Frauenzelt des Maharadjah zurückgeblieben? Wie nun, wenn man entdeckt, welchen Anteil sie an deiner Flucht gehabt?“
„Dieser Gedanke quälte auch mich. Aber das heldenmütige Mädchen versicherte mir immer wieder, daß sie schon Gelegenheit finden würde, sich aus dem Staube zu machen, und daß sie in keinem Fall etwas zu fürchten hätte, sobald sie sich auf den Fürsten Tschadschawadse beriefe.“
„Das dürfte allerdings zutreffen. Aber es stimmt schlecht zu ihrem Verlangen, die Tatsache ihrer Anwesenheit im Lager vor dem Fürsten als ein Geheimnis zu bewahren. Ueberhaupt ist mir das Benehmen des Mädchens völlig rätselhaft. Ich begreife nicht, was sie veranlassen konnte, sich mit so bewunderungswürdiger Selbstlosigkeit für uns zu opfern, die wir für sie doch eigentlich nur gleichgültige Fremde sind. Die Aussicht auf eine Belohnung war es sicherlich nicht, die sie dazu bestimmte. Denn sie hat den ganzen Stolz ihres Stammes, und ich bin gewiß, daß sie jedes derartige Anerbieten als eine Beleidigung empfinden würde.“
„So glaube auch ich. Aber ich bin vielleicht nicht so sehr weit davon entfernt, ihre wahren Beweggründe zu erraten.“
„Und willst du mir nicht offenbaren, was du vermutest?“
Edith zauderte ein wenig; aber sie gehörte nicht zu den Frauen, die eine kleinliche Regung die Oberhand gewinnen lassen in ihrem Herzen.
„Ich vermute, mein Freund, daß sie dich liebt,“ sagte sie mit einem kleinen, reizenden Lächeln. „Einige unbedachte Aeußerungen und das Feuer, das in ihren Augen aufleuchtete, sobald wir von dir sprachen, haben es mir fast zur Gewißheit gemacht. Daß sie trotzdem ihre Hand dazu bot, mich zu befreien, ist unter diesen Umständen gewiß ein um so größerer Beweis ihres hochsinnigen Charakters. Aber ich begreife es vollkommen. Ein liebendes Weib, wenn von Natur edel veranlagt, ist jeder Selbstverleugnung fähig.“
Heideck schüttelte den Kopf.
„Ich glaube doch, daß dein Scharfblick dich diesmal im Stich gelassen hat,“ widersprach er. „Sie ist meiner festen Ueberzeugung nach die Geliebte des Fürsten Tschadschawadse, und nach allem, was ich von ihrem Verkehr gesehen habe, halte ich es für ganz undenkbar, daß sie ihm um eines Fremden willen, mit dem sie kaum hundert gleichgültige Worte gewechselt, die Treue brechen sollte.“
„Nun, wir werden ja vielleicht noch Gelegenheit haben, festzustellen, ob ich mich in einem Irrtum befinde oder nicht. Jetzt, mein Freund, möchte ich vor allem wissen, was du weiter über mich beschlossen hast.“
Heideck war in einiger Verlegenheit, ihr darauf zu antworten, und er sprach zögernd von seiner Absicht, sie mit Morar Gopal nach Ambala zu schicken. Edith aber ließ ihn nicht ausreden. Mit einer entschieden verneinenden Geberde fiel sie ihm in die Rede.
„Fordere von mir, was du willst — nur nicht, daß ich dich noch einmal verlasse! Was sollte ich in Ambala ohne dich? Ich habe so Unsägliches gelitten, seit man dich in Anar Kali vor meinen Augen weggeführt, daß ich tausendmal eher sterben will, ehe ich mich noch einmal der Folter solcher Ungewißheit aussetze.“
Ein Geräusch hinter seinem Rücken veranlaßte Heideck, den Kopf zu wenden. Er sah, daß sich der Türvorhang des Zeltes ein wenig lüftete und daß es Morar Gopal gewesen war, der durch ein diskretes Räuspern seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versucht hatte.
Mit freundlichem Zuruf veranlaßte er den treuen Burschen, vollends einzutreten, und der Dank, den er ihm aussprach, war nicht mehr die herablassende Anerkennung, die der Herr seinem geschickten Diener spendet, sondern der Dank eines Freundes.
Das Mienenspiel des Hindu verriet, wie glücklich ihn die Güte seines abgöttisch von ihm verehrten Herrn machte; aber nicht für einen einzigen Augenblick änderte er seine demütig bescheidene Haltung. Und ehrerbietig wie immer sagte er:
„Ich bringe gute Neuigkeiten, Sahib! Einer vom Gefolge des Maharadjah, den ich durch einige deiner Rupien gesprächig gemacht habe, hat mir erzählt, daß der Maharadjah von Sabathu den Russen vierzig Reiter mitgeben werde, die ihnen die besten Wege nach Simla zeigen sollen. Dies Land hier steht ja unter seiner Herrschaft, und seine Leute kennen bis hoch ins Gebirge hinauf jeden Winkel. Wenn die Lady sich morgen in der Tracht eines Radjah diesen Reitern anschließt, wird sie gewiß unbehelligt von hier entkommen.“
Die Trefflichkeit und Ausführbarkeit dieses Planes leuchtete ohne Weiteres ein, und Heideck erkannte aufs neue, welchen Schatz ihm ein gütiger Zufall mit diesem indischen Boy beschert hatte. Auch Edith erklärte sich einverstanden, da sie sah, wie freudig Heideck dem Vorschlage zustimmte, wenngleich die Aussicht, sich am hellen Tage und vor aller Welt in dieser Männerkleidung zeigen zu müssen, ihr weibliches Empfinden peinlich berührte.
Sie fragte Morar Gopal, ob er inzwischen etwas von Georgij gehört habe, und der Hindu nickte.
„Ich sprach sie vor einer halben Stunde. Sie ist glücklich aus dem Frauenzelt des Maharadjah entkommen und war eben im Begriff das Lager zu verlassen.“
„Wie?“ rief Heideck verwundert. „Wohin in aller Welt wollte sie sich denn wenden?“
„Ich weiß es nicht, Sahib. Sie war sehr traurig, aber als ich sie bat, mich zu dem Sahib zu begleiten, sagte sie, daß sie ihn und die Lady nicht wiedersehen wolle; sie entbietet dem Sahib ihren Gruß und bittet ihn, seines Versprechens eingedenk zu bleiben, daß er dem Fürsten Tschadschawadse nichts von ihrem Hiersein verraten wolle.“
Heideck und Edith wechselten einen bedeutsamen Blick. Das Benehmen dieses seltsamen Mädchens gab ihnen Rätsel auf, die sie vorläufig nicht zu lösen vermochten. Aber es war natürlich und menschlich, daß sie über ihren eigenen Angelegenheiten die Cirkassierin sehr rasch vergaßen.
Edith mußte sich damit einverstanden erklären, daß Heideck ihr für den Rest der Nacht sein Zelt überließ, während er selbst die wenigen Stunden bis zum Tagesanbruch an einem der Biwakfeuer verbringen wollte. Morar Gopal aber sollte sein Lager vor dem Eingang des Zeltes aufschlagen, und Heideck war gewiß, daß er sein köstliches Kleinod keinem treueren Hüter anvertrauen konnte.
Das Schicksal, das die beiden Liebenden auf eine so wunderbare Weise wieder vereinigt hatte, zeigte sich ihnen auch weiter günstig. In aller Frühe des folgenden Tages hatte Heideck ohne große Schwierigkeit einen fertig gezäumten zierlichen Braunen für Edith erstanden, und als sich der Trupp der indischen Reiter, die den Russen als Führer und Kundschafter dienen sollten, in Bewegung setzte, gesellte sich der knabenhafte junge Radjah ihnen zu, ohne daß irgend jemand seine befremdliche Erscheinung zum Anlaß zudringlicher Fragen genommen hätte. Die Inder hielten ihn wahrscheinlich zunächst für einen blutjungen russischen Offizier, den besondere Gründe bestimmt hatten, die Tracht des Landes anzulegen, und bewahrten deshalb eine durchaus respektvolle Haltung. Fürst Tschadschawadse aber, den vor dem Aufbruch einmal der Zufall in Ediths unmittelbare Nähe geführt hatte, sagte kein Wort, obgleich er sie wohl eine Minute lang scharf ins Auge faßte.
Daß von seiten des Maharadjah von Chanidigot nichts geschah, um den schönen Flüchtling wieder in seine Gewalt zu bringen, erklärte sich leicht genug aus den schlechten Nachrichten über sein Befinden, die im Lager von Mund zu Mund gingen. Er wurde, wie es hieß, vom Wundfieber und von heftigen Schmerzen gepeinigt, so daß ihm wohl in der Tat jedes Interesse an der Außenwelt vergangen sein mochte. — —
Das russische Detachement ging nach herzlicher Verabschiedung von den indischen Gastfreunden weiter in das Hügelland hinein, und schon am Nachmittage brachten ausgesandte Kundschafter dem Fürsten Tschadschawadse die Meldung, daß die Engländer Ambala vollständig geräumt und den Marsch nach Delhi angetreten hätten. Wahrscheinlich hatte man die Stärke der russischen Abteilung, von deren Anmarsch man gehört hatte, in Ambala weit überschätzt und es deshalb vorgezogen, einem voraussichtlich aussichtslosen Kampfe aus dem Wege zu gehen.
Edith wußte sich mit frauenhafter Gewandtheit in unauffälliger Weise in der Nähe Heidecks zu halten, so daß beide oft Gelegenheit fanden, miteinander zu plaudern. Ihre zarte, weiße Farbe mußte wohl auffallen unter den braunen Gesichtern, aber der Wille und die Launen russischer Offiziere mußten respektiert werden, und so schien niemand zu wissen, daß eine englische Dame im Kostüm eines Radjah bei der Truppe sei. Uebrigens dauerte der Marsch nicht mehr lange. Das Jagdlager war nur zweihundertfünfzig Kilometer von Simla entfernt, unterhalb des Ortes Kalka gelegen. Noch einmal wurde übernachtet, und am andern Morgen traf die Kolonne vor Simla ein und fand Jutogh, das hochgelegene britische Kantonnement westlich der weitausgedehnten Hügelstadt, von den Truppen geräumt.
Fürst Tschadschawadse legte seine Infanterie und Artillerie in die englischen Baracken und marschierte mit den Reitern in den halbmondförmigen, sogenannten Bazar ein, die eigentliche Stadt, die von zahlreichen, auf den Hügeln und in Gartenanlagen verstreuten Villen umgeben war. Er entsandte sogleich Offizierspatrouillen nach dem Stadthause, den Bureaus der Regierung und des Oberbefehlshabers und begab sich selbst zum Gouvernementshause, einem schönen Palast am Observatoriumshügel.
Simla war trotz des Frühlings wie im Winterschlaf, verlassen von der bewegten glänzenden Gesellschaft, die zur Sommerzeit, wenn die unerträgliche feuchte Wärme den Vizekönig von Kalkutta vertrieb, die prächtigen Täler und Höhen mit ihren Pferden und Wagen, mit ihren Spielen, Gesellschaften und eleganten Toiletten belebte. Nur Dienerschaft zur Bewachung und Instandhaltung der Gebäude und die angesessene Bevölkerung waren anwesend, weil der Krieg die englische Gesellschaft fern hielt. Etwa 2500 Meter über dem Spiegel des indischen Ozeans steigen die Hügel an und häufige Regenschauer machten das Klima hier oben so rauh, daß Heideck im Mantel ritt und auch Edith vorgezogen hatte, sich einen Dragonermantel umzuhängen, um sich gegen die Kälte zu schützen.
Die Offiziere hatten den Auftrag, in den Regierungsgebäuden nach wichtigen Aktenstücken und sonstigen Papieren zu suchen, die von der englischen Regierung in Simla zurückgelassen sein konnten und die für die russische Regierung von Wichtigkeit waren.
Heideck sollte die in sieben eleganten Blocks befindlichen Bureaus der Regierung durchsuchen, vor allem aber die für den Oberbefehlshaber, den Generalquartiermeister und die Generaldirektion der Eisenbahn, Posten und Telegraphen bestimmten Gebäude.
Er stieß überall nur auf untergeordnete Beamte, aber zuletzt im Bureau des Judge Advocate General fand er einen bejahrten, würdevollen Herrn, der so ruhig in seinem Lehnsessel saß, daß Heideck unwillkürlich an Archimedes erinnert wurde, als ihn die römischen Krieger bei seinen Berechnungen überraschten.
Der alte Herr richtete aus seinen großen, gelblich gefärbten Augen einen durchdringenden Blick auf den eintretenden Offizier und die ihm folgenden Soldaten. Aber er fragte nicht, was sie wollten, und machte nicht einmal eine ablehnende Bewegung. Heideck bat unter höflicher Verbeugung um Entschuldigung wegen seines ihm dienstlich vorgeschriebenen Verhaltens. Dies artige Benehmen schien den alten Herrn zu überraschen, er erwiderte den Gruß und sagte, es bliebe ihm ja nichts übrig, als sich allen Maßregeln zu unterwerfen, die von der Macht des Siegers verhängt würden.
„Da hier in diesen Räumen wohl nur juristische Bücher und Akten zu finden sind,“ sagte Heideck, „so brauche ich keine Nachforschungen anzustellen, denn es ist uns lediglich um militärische Dinge zu tun. Es würde mich freuen, wenn ich persönliche Wünsche Ihrerseits erfüllen könnte, denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß ich die Ehre habe, einen höheren Beamten vor mir zu sehen, den besondere Gründe veranlaßt haben, hier in Simla znrückzubleiben.“
„In der Tat,“ entgegnete jener, „meine Aerzte waren der Meinung, daß es meiner Gesundheit zuträglich sein würde, den Winter im Gebirge zuzubringen. Sie können sich denken, wie sehr ich es bereue, dem ärztlichen Rate gefolgt zu sein. Ich bin der Judge Advocate General Kennedy.“
„Ist Ihre Familie auch in Simla?“ fragte Heideck.
„Meine Frau und meine Tochter sind hier.“
„Mein Herr, es ist eine englische Dame bei unserer Kolonne, die Witwe eines Offiziers, der bei Lahore den Tod gefunden hat. Wären Sie geneigt, die Dame in Ihrer Familie aufzunehmen?“
„Eine englische Dame?“
„Sie ist das Opfer einer ganzen Kette abenteuerlicher Ereignisse, über die am besten sie selbst Ihnen berichten könnte. Sie heißt Mrs. Irwin. Wären Sie geneigt, der Dame Ihren Schutz angedeihen zu lassen, so würde ich ihr damit gewiß eine willkommene Freudenbotschaft überbringen.“
„Meinen Schutz?“ fragte der alte Herr verwundert. „Meine Familie und ich bedürfen selbst des Schutzes, und wie können wir unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine solche Verantwortung übernehmen?“
„Sie und Ihre Familie haben von uns nichts zu fürchten, mein Herr. Wir gedenken im Gegenteil für Ruhe und Ordnung zu sorgen.“
„Nun, mein Herr, Ihr Benehmen verrät den Gentleman, und wenn die Dame zu uns kommen will, so steht dem von unserer Seite nichts entgegen. Kann ich mit ihr sprechen, damit wir uns verständigen?“
„Ich werde mich beeilen, sie zu holen.“
Er zögerte in der Tat keinen Augenblick. Und wie er es erwartet hatte, wußte ihm Edith lebhaften Dank für seinen freundschaftlichen Vorschlag.
Mr. Kennedy war höchst erstaunt, einen jungen Radjah eintreten zu sehen, und schien durch diese Maskerade nicht gerade angenehm berührt zu sein.
„Dies ist die Dame, von der Sie sprachen?“ fragte er befremdet. Aber sein ernstes Antlitz hellte sich merklich auf, als Edith mit ihrer schönen, weichen Stimme sagte:
„Eine Landsmännin, die diesem Herrn hier ihr Leben dankt, und die nur mit Hilfe dieser Verkleidung vor Schmach und Tod bewahrt geblieben ist.“
„Mrs. Irwin, wenn Sie sich entschließen, zu Mrs. Kennedy zu gehen,“ sagte Heideck, „so werde ich Ihr Gepäck in Mr. Kennedys Wohnung schaffen lassen. Ich entferne mich jetzt, um noch andere dienstliche Obliegenheiten zu erfüllen und werde später wiederkommen.“
„Auf jeden Fall nehme ich meine Landsmännin gern bei mir auf,“ versicherte der alte Herr. „Hier vom Fenster aus sehen Sie das Haus, das ich bewohne, und ich bitte Sie, mich zu besuchen, wenn Ihr Dienst beendigt sein wird.“
Erst als die Sonne sank, kam Heideck dazu, seinen Besuch bei Mr. Kennedy zu machen. Er stand einen Augenblick am Gartentor und sah die schneebedeckten Höhen im Feuer des Abendrots glühen. Lange Reihen von blauen Bergen türmten sich auf, höher und immer höher nach Norden hin, bis zuletzt die höchste Kette am fernen Horizont, von ewigen Gletschern umstarrt, in wunderbarem Glanze zum Himmel aufstieg.
Mr. Kennedy bewohnte eine sehr stattliche Villa. Heideck wurde von dem Hausherrn und den Damen so überaus freundlich empfangen, daß er Ediths warme Fürsprache nur zu deutlich herausfühlen mußte. Edith mußte wohl auch erzählt haben, daß er ein Deutscher sei. Sie war wieder in Frauentracht und hatte durch ihr offenes Wesen bereits alle Herzen gewonnen. Mrs. Kennedy war eine Matrone mit feinen, angenehmen Gesichtszügen und dem Benehmen einer Dame der großen Welt. Die mit Edith etwa gleichaltrige Tochter aber schien sich besonders innig an Edith angeschlossen zu haben.
Heideck saß mit der Familie am Kaminfeuer, und man bemühte sich, zu vergessen, daß er die Uniform des Feindes trug.
„Wenn wir es nur einrichten könnten,“ sagte Mrs. Kennedy, „Indien zu verlassen und nach England zurückzukehren. Mr. Kennedy wünscht in Kalkutta zu bleiben, um seiner Pflicht nachzukommen, aber er kann das Klima seines Leidens wegen nicht vertragen. Und wie könnten wir auch nach Kalkutta gelangen? Die einzige Möglichkeit wäre doch, ein russisches Dokument zu bekommen, das uns ungehinderte Reise verschafft.“
„O liebste Beatrice,“ widersprach ihr Mann, „ich weiß ja, daß du ebenso gut wie ich nicht an unser eigenes Schicksal denkst, jetzt, wo ein solches Unglück über unser Vaterland hereingebrochen ist. Was ist in diesem allgemeinen Unglück an unserm Geschick gelegen?“
„Ich sollte meinen,“ mischte sich Heideck höflich ein, „daß der Einzelne, selbst wenn er das Unglück der Allgemeinheit auch noch so schmerzlich empfindet, sich doch nicht zur Verzweiflung hinreißen lassen darf, sondern immer darauf bedacht sein muß, wie in ruhiger Zeit für sich und seine Familie zu sorgen.“
„Nein!“ rief Mr. Kennedy. „Diese internationale Weisheit kann ein Engländer nicht verstehen. Der Deutsche hat einen anderen Charakter, er wechselt leichter sein Vaterland, der Engländer nicht. Doch ich bitte um Entschuldigung,“ fuhr er sich besinnend fort. „Sie verletzten meine nationale Ehre, und ich vergaß die Situation in der wir uns befinden. Ich wollte Sie selbstverständlich nicht beleidigen.“
„Es ist etwas Wahres an dem, was Sie sagten,“ entgegnete Heideck ernst, „aber erlauben Sie mir eine Erklärung. Unser deutsches Vaterland ist in früheren Jahrhunderten immer der Schauplatz der Schlachten aller Völker Europas gewesen. Die meisten deutschen Fürsten kannten in jener Zeit kein deutsches Nationalgefühl und vertraten engherzige dynastische Interessen. So wuchs unser deutscher Volksstamm ohne das Bewußtsein eines großen gemeinsamen Vaterlandes heran. Unser deutsches Selbstgefühl ist nicht älter als Bismarck. Aber dadurch, daß wir fremde Völker und Sitten haben über uns ergehen lassen müssen, sind wir weitherzig und großzügig geworden. Unser religiöses Empfinden und unser Patriotismus umschließen einen weitern Kreis, als bei andern Völkern. Deshalb glaube ich, daß wir jetzt, da wir uns nun seit einem Menschenalter auch auf unsere materielle Kraft besinnen und uns politisch zusammengeschlossen haben, vermöge unserer universellen Bildung zur Weiterentwicklung der Kultur berufen sind, die den Engländern und Franzosen bis jetzt am meisten verdankte.“
Der alte Herr antwortete nicht sogleich. Er saß in Gedanken verloren da, und erst nach einer geraumen Weile sagte er:
„Man kann ja, wenn man will, den Standpunkt seiner Betrachtung immer höher schrauben. Es ist, wie wenn man die Berge dort hinaufsteigt. Von jeder höheren Bergkette aus wird der Rundblick umfassender, während die Einzelheiten des Panoramas immer mehr verschwinden. Natürlich, wenn man von einem so hohen Standpunkt herabsieht, schrumpfen alle politischen Interessen zu bedeutungslosen Nichtigkeiten zusammen, und dann gibt es keinen Patriotismus mehr. Aber ich meine, daß wir zunächst in dem Kreise zu wirken verpflichtet sind, in den wir nun einmal gestellt sind. Ein Mann, der seine Frau und seine Kinder vernachlässigt und mit seinen Ideen die Welt beglücken will, vernachlässigt den engsten Kreis seiner Pflichten. Sodann aber muß einem jeden Manne die Wohlfahrt des eigenen Volkes, des eigenen Staates das höchste Ziel seiner Bestrebungen sein, dann erst darf er, von der eigenen Nation ausgehend, seine Wünsche noch höher richten. Ich kann niemand achten, der sich vom Boden des Patriotismus entfernt, um auf politischem Gebiete Phantastereien zu treiben, für Weltfrieden zu schwärmen und alle Menschen Brüder zu nennen.“
„Und doch,“ sagte Edith, „ist dies die Lehre des Christentums.“
„Des theoretischen, nicht des praktischen,“ widersprach eifrig der Engländer. „Ich achte den alten Römer Cato, der sich das Leben nahm, als er die Freiheit des Vaterlandes schwinden sah. Und niemals wäre England groß geworden, wenn es nicht viele solcher Catone geboren hätte.“
„Mr. Kennedy, Sie proklamieren die Staatsidee der alten Griechen,“ sagte Heideck. „Aber ich glaube nicht, daß die alten Griechen wirklich den Staat so aufgefaßt haben, wie die modernen Professoren behaupten, und wie das alte Rom sie praktisch ausgeführt hat. Die Professoren pflegen Platon anzuführen, aber Platon war ein zu hoher Geist, um nicht einzusehen, daß der Staat doch aus lauter Menschen besteht. Platon betrachtete den Staat nicht als ein Götzenbild, auf dessen Altar der Bürger sich opfern müßte, sondern als eine Erziehungsanstalt. Er sagt, daß wirklich tugendhafte Bürger nur durch einen vernünftig eingerichteten Staat erzogen werden könnten, und deshalb sprach er so viel von der Bedeutung des Staates. Ein Staat ist ursprünglich nur die äußere Form, die sich das innere Leben der Nation auf natürliche Weise selbst geschaffen hat, und an dieser Auffassung sollte nicht gerüttelt werden. Der Staat soll die Massen erziehen, nicht nur zur Verwirklichung des Rechts, sondern auch des äußeren und inneren Wohls. Die Römer freilich scheinen nicht die Erziehung der tüchtigen Persönlichkeit nach Platons Idee zum Zweck des Staates gemacht zu haben, sondern sie waren modern wie die heutigen Großmächte, die das Ziel verfolgen, möglichst reich und mächtig zu werden. Wir Deutschen wollen das ja auch und führen deshalb jetzt Krieg, aber ich behaupte, daß dem deutschen Nationalcharakter doch etwas höheres innewohnt; es ist die Idee der Humanität! Mit unserer Nation gehen auch unsere Ideale zu Grunde, und darum kämpfen wir für unsere Machtstellung, um mit unserer nationalen Größe auch unsere Ideale zu schützen und zu sichern.“
Ein Diener trat ein und meldete, daß das Essen angerichtet wäre.
Das Gespräch verließ bei Tisch die Gebiete der Philosophie und Politik und wandte sich der Kunst zu. Die Damen bestrebten sich, den alten Herrn von seinen finstern Gedanken abzulenken und seine verzweifelte Stimmung zu heben. Elisabeth erzählte von den Konzerten, die in Simla und Kalkutta gegeben würden, und erwähnte dabei der großen technischen Schwierigkeiten, die das Musizieren in Indien böte, weil durch den Einfluß des Klimas die Instrumente so leicht verdürben. In der feuchten Luft der Seestädte quoll das Holz, im trockenen Mittelindien dagegen vertrocknete es, was namentlich den Violinen und Celli schadete, aber auch den Klavieren nachteilig wäre. Man konstruierte für die Tropen Klaviere, die nur Metall im Innern anstatt des Holzes hätten, aber diese hätten einen scharfen Klang und litten ebenfalls durch schroffen Temperaturwechsel.
Nach dem Diner setzte sich Elisabeth an den Flügel, und Heideck berührte es wohltuend, daß Edith eine so angenehme Altstimme und eine so gute Schulung hatte. Sie sang einige schwermütige englische und schottische Lieder.
„Seitdem ich England verlassen habe, habe ich nicht mehr gesungen,“ sagte sie bewegt.
Heideck hatte mit Entzücken der Musik gelauscht. Nach den schrecklichen Szenen der letzten Zeit gingen ihm die Melodieen um so tiefer zu Herzen, so daß seine Augen sich mit Tränen füllten. Und nicht die Musik allein war es, die ihn rührte, es war Ediths Seele, die durch die Macht der Musik zu ihm sprach.
„Was gedenken Sie zu tun, Mr. Kennedy?“ fragte er den alten Herrn. „Werden Sie in Simla bleiben und Mrs. Irwin bei sich behalten?“
„Ich habe es mir überlegt,“ entgegnete jener. „Ich werde nicht hier bleiben. Ich werde nach Kalkutta reisen, wenn ich kann. Es ist meine Pflicht, in Kalkutta auf meinem Posten zu sein.“
„Aber wie wollen Sie reisen? Wo die Eisenbahnen noch vorhanden sind, da sind sie von der Armee ausschließlich in Anspruch genommen. Bedenken Sie, daß Sie beide Armeen, die russische und die englische, passieren müßten. Sie müßten von Kalka nach Ambala, von dort über Delhi.“
„Wenn ich einen Passierschein bekäme, würde ich mit Wagen und Pferden nach Delhi reisen, und dort bin ich bei der englischen Armee. Können Sie mir einen Passierschein verschaffen?“
„Ich werde es versuchen. Möglicherweise läßt sich Fürst Tschadschawadse dazu bewegen. Ich werde ihn darauf aufmerksam machen, daß Sie Zivilbeamter sind.“
Fürst Tschadschawadse weigerte sich mit aller Entschiedenheit, den von Heideck für Mr. Kennedy und seine Familie erbetenen Passierschein auszustellen.
„Es tut mir leid, Herr Kamerad,“ sagte er, „aber es ist einfach unmöglich. Der Judge Advocate General ist ein sehr hoher Beamter, dem ich nicht gestatten kann, sich nach seinem Gefallen in das englische Hauptquartier zu begeben und dort Bericht über die hiesigen Vorgänge zu erstatten. Man würde mir eine so unangebrachte Liebenswürdigkeit höhern Ortes mit Recht sehr übel auslegen. Und ich möchte den guten Eindruck, den das Gelingen der Expedition nach Simla bei meinen Vorgesetzten gemacht hat, nicht gern durch eine unverzeihliche Torheit wieder verwischen.“
Heideck sah ein, daß gegen eine solche Entscheidung mit Zureden nichts auszurichten sein würde, und setzte Mr. Kennedy unter der Versicherung aufrichtigen Bedauerns von der Ergebnislosigkeit seiner Bemühungen in Kenntnis.
„So werde ich denn in Gottes Namen versuchen nach England zurückzukehren,“ sagte der alte Herr mit einem schmerzlichen Seufzer. „Fragen Sie bitte den Fürsten, ob er etwas dagegen hat, daß ich abreise und mich auf dem kürzesten Wege nach Carachi begebe? Vielleicht wird er mir wenigstens für diese Route einen Passierschein ausstellen.“
Dazu war Fürst Tschadschawadse sofort bereit.
„Im Rücken der russischen Armee mögen die Herrschaften meinetwegen reisen, wohin sie wollen,“ erklärte er. „Ich habe nicht den geringsten Anlaß den würdigen alten Herrn als einen Gefangenen zu behandeln.“
An demselben Tage noch hatte Heideck mit Edith eine ernste Unterhaltung über die Gestaltung ihrer nächsten Zukunft. Er fragte sie nach ihren Wünschen und Plänen; sie aber schmiegte sich zärtlich an seine Schulter und flüsterte:
„Ich habe keinen Wunsch als bei dir zu bleiben und keinen anderen Plan als dich glücklich zu machen.“
Er küßte die weichen Lippen, die so beseligende Worte zu sprechen wußten und sagte bewegt:
„Nun wohl, so schlage ich vor, daß wir zusammen nach Carachi reisen. Ich bin entschlossen den russischen Dienst zu verlassen und die Rückkehr nach Deutschland zu versuchen. Du aber, mein Lieb, würdest du es über dich gewinnen können, mir in mein Vaterland, das Land deiner jetzigen Feinde, zu folgen?“
„Meine Heimat ist bei dir. Sage, daß wir hier in Simla ein Heim gründen wollen, und ich bin mit Freuden bereit, bis an das Ende meiner Tage hier zu leben. Führe mich nach Deutschland oder nach Sibirien, und ich folge dir — mir gilt alles gleich, wenn ich nur dich nicht verlassen muß.“
Daß sie so gar kein Wort der Anhänglichkeit an ihr Vaterland hatte, mochte Heideck für einen Moment peinlich berühren; aber er hatte ja bereits gelernt, sie mit anderem Maße zu messen als die Frauen, denen er bisher auf seinem Lebenswege begegnet war; und ihm am wenigsten kam es zu, ihr aus diesem Mangel an Patriotismus einen Vorwurf zu machen.
„Mr. Kennedy hat sich mir gegenüber bereit erklärt, dich auf der Reise unter seinen Schutz zu nehmen,“ sagte er. „So werde ich denn noch heute mit dem Fürsten sprechen. Und da er kein Recht hat mich zu halten, wird es mir, wie ich zuversichtlich hoffe, möglich sein, zugleich mit euch nach Carachi aufzubrechen.“
„Ich aber werde nur in deiner Begleitung das Anerbieten der Kennedys annehmen,“ erklärte Edith mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel darüber zuließ, wie unerschütterlich ihre Entschlüsse seien.
Aber Fürst Tschadschawadse bereitete ihm in der Tat keine Schwierigkeiten.
„Ich bedaure aufrichtig, Sie schon so bald wieder zu verlieren,“ erklärte er, „aber die Entscheidung darüber, ob Sie bleiben oder gehen wollen, liegt einzig bei Ihnen, denn es war ja von vornherein ausgemacht, daß Sie den russischen Dienst quittieren könnten, sobald es die Umstände für Sie wünschenswert machten. — Die Frauen sind ja nun einmal die Schicksale unseres Lebens.“
Der Fürst wußte natürlich längst, daß es Edith Irwin war, die sich im Hause der Kennedys befand, aber es geschah zum ersten Mal, daß er der Herzensangelegenheit seines deutschen Freundes Erwähnung tat.
Und hastig, als müsse er sich gegen einen beschämenden Vorwurf verteidigen, erwiderte Heideck:
„Sie mißverstehen meine Beweggründe! Vor allem ist es meine soldatische Pflicht, die mich ruft. Bis jetzt gab es keine Aussicht für mich, Passage auf einem englischen Dampfer zu erhalten. In der Begleitung des Mr. Kennedy aber und auf seine Empfehlung hin wird man mir, wie ich hoffen darf, die Ueberfahrt nicht verweigern.“
„Verzeihung! Ich zweifelte selbstverständlich keinen Augenblick an Ihrem patriotischen Pflichtgefühl, und ich wünsche Ihnen von Herzen eine glückliche Heimreise. Natürlich ist es trotz aller Bundesgenossenschaft unserer Nationen für Sie nicht dasselbe, ob Sie in den Reihen der russischen oder des deutschen Heeres fechten. Und wenn die Aussicht, in so angenehmer Gesellschaft zu reisen, den letzten Ausschlag für Ihre Entschließungen gegeben hat, so hätten Sie sich dessen, wie ich meine, durchaus nicht zu schämen. — Ich für meine Person bin allerdings zu der Erkenntnis gekommen, daß ein Soldat besser tut, dem weiblichen Element eine möglichst untergeordnete Rolle in seinem Leben anzuweisen. Er müßte es denn so machen, wie die meisten meiner Landsleute und sich eine ‚handliche‘ Frau zulegen, d. h. eine, die es verträgt, mit oder ohne Anlaß geprügelt zu werden. Es mag sein, daß ich es gerade in diesem einen Punkte versehen hatte. Und ich bin denn auch recht empfindlich dafür gestraft worden.“
Sein Gesicht war plötzlich sehr ernst geworden, und da seine Anspielung sich nur auf den verschwundenen Pagen beziehen konnte, glaubte Heideck endlich eine Frage nach dem Verbleib der Cirkassierin wagen zu dürfen.
Aber der Fürst schüttelte abwehrend den Kopf.
„Fragen Sie mich nicht nach ihr! Das ist eine ärgerliche Geschichte, an die ich nicht gern erinnert werde, weil sie mir eine der häßlichsten Stunden meines Lebens ins Gedächtnis zurückruft. Schlimm genug, daß wir armen, ohnmächtigen Kreaturen mit aller Reue nicht wieder gutmachen können, was wir einmal in einem Augenblick gefehlt.“
Und dann, als wolle er damit kurzerhand alle weiteren, unbequemen Erörterungen abschneiden, kehrte er zu dem Ausgangspunkt ihrer Unterhaltung zurück:
„Von meinem Standpunkt aus muß ich es ja rein praktischer Gründe wegen für einen Fehler halten, daß Sie Ihre unter den günstigsten Auspizien begonnene Laufbahn in der russischen Armee schon so bald wieder verlassen. Tüchtige Männer Ihres Schlages können bei uns eine glänzende Karriere machen, denn in unserm Heere ist mehr Ellbogenraum als bei Ihnen. Aber ich weiß wohl, daß es überflüssig ist, weiter darüber zu reden. Nur eins noch! — Sie brauchen die Uniform, der Sie alle Ehre gemacht haben, nicht gleich hier in Simla auszuziehen. Ich trete morgen den Rückmarsch nach Lahore an, und ich bitte Sie, während desselben noch an der Spitze Ihrer Schwadron zu bleiben. Ihre englischen Freunde reisen am sichersten mit unserer Kolonne. In Lahore können Sie dann ja machen, was Sie wollen. Da der Feldzug sich nach Südosten wendet, ist der Westen frei, und Sie können möglicherweise die Reise nach Carachi zum großen Teil bereits wieder auf der Eisenbahn zurücklegen.“
Heideck erkannte in diesem Vorschlag einen neuen Beweis der freundschaftlichen Gesinnung, die ihm der Fürst schon so oft an den Tag gelegt hatte, und er unterließ es nicht, ihm auf das Wärmste hierfür zu danken.
Für Mr. Kennedy war es allerdings ein nicht sehr erfreulicher Gedanke, unter dem Schutz der Feinde reisen zu müssen; aber er mußte sich im Interesse seiner weiblichen Angehörigen fügen, da es in der Tat keine bessere Möglichkeit gab, schnell und sicher nach Carachi zu gelangen.
„Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer es mir wird, dies teuer erkaufte Indien zu verlassen,“ sagte er zu Heideck. „Zwanzig Jahre meines Lebens habe ich ihm gewidmet, Jahre der härtesten, unermüdlichen Arbeit. Und nun ist mein Werk gleich den Werken so vieler besserer Männer mit einem einzigen Schlage verloren.“
„Sie sind ohne Unterbrechung zwei ganze Jahrzehnte hindurch in Indien gewesen?“
„Ja, ich konnte mich nicht entschließen, meine Frau und meine Tochter zu begleiten, wenn sie gelegentlich zu ihrer Erholung auf einige Monate nach Europa gingen. Ich war eben geradezu verliebt in meine Arbeit, und ich werde es kaum verwinden, daß nun alles, alles verloren sein soll. Und es ist verloren — darüber gebe ich mich keiner Täuschung hin. Nachdem die Russen einmal hier Fuß gefaßt haben, werden sie auch das Land niemals wieder aufgeben. Ihre Herrschaft wird eben schon deshalb fester gegründet sein als die unsrige, weil sie dem indischen Volke innerlich viel näher stehen als wir — — — —“
Am nächsten Tage brachen sie auf.
Mr. Kennedy und seine Damen fuhren in einer mit vier australischen Pferden bespannten Mail-Coach, die ursprünglich für den Besuch der Rennen von Annandale bestimmt gewesen war. Er hatte seinen eigenen englischen Kutscher, einen englischen Diener und eine englische Kammerfrau mitgenommen, die zahlreiche, indische Dienerschaft aber hatte er vor der Abreise abgelohnt und entlassen.
Der Marsch ging über Kalka, die Endstation der nach Simla führenden Eisenbahn, ohne jeden Zwischenfall nach Lahore. Hier erfuhr Fürst Tschadschawadse, daß die russische Armee tags zuvor nach Delhi aufgebrochen war, und er mußte sich beeilen, ihr mit seinem Detachement zu folgen.
Während des Eintritts in die Straßen von Lahore, deren Anblick in ihm so viele trübe Erinnerungen weckte, wurde Heideck plötzlich aus seinen Träumereien gerissen. Es war ihm, als hätte er hinter den Säulen, die den Balkon eines Hauses trugen, eine weibliche Gestalt erspäht, die mit großen Augen dem glänzenden, rasselnden, säbelklappernden Reiterzuge folgte. Und obwohl ihr Gesicht fast ganz von einem weit herabgezogenen Kopftuche verhüllt gewesen war, hatte ihn bei ihrem Anblick die halb instinktive Empfindung durchzuckt, daß dies Weib keine andere, als seine und Ediths Retterin, der Page Georgij, sei. Er hatte sein Pferd gewandt und war auf das Haus zugeritten. Aber die Erscheinung war bei seiner Annäherung verschwunden, wie wenn die Erde sie verschlungen hätte. Und so mußte er wohl annehmen, daß es nur eine Täuschung seiner Sinne war.
Seine Verabschiedung von dem Fürsten Tschadschawadse war so herzlich, wie es ihrem bisherigen Verhältnis entsprach. Der Fürst umarmte ihn wiederholt, und in seinen Augen schimmerte es feucht, als er dem Kameraden noch einmal glückliche Reise und die Lorbeeren des siegreichen Kriegers wünschte.
Auch Heideck schämte sich seiner Bewegung nicht, als er dem Fürsten zum letzten Mal die Hand drückte.
„Wenn Sie Ihren Pagen wiedersehen, so bitte ich Sie, auch ihm meine und Mrs. Irwins Abschiedsgrüße zu übermitteln.“
Ueber das Antlitz des Fürsten legte sich ein düsterer Schatten.
„Ich täte es wahrlich von Herzen gern, mein Freund! Aber ich werde meinen Pagen niemals wiedersehen! Schweigen wir von ihm! Es gibt Wunden, deren man sich nicht rühmen darf.“ —
Damit gingen sie auseinander.
Heideck, der wieder seine Zivilkleidung angelegt hatte, verbrachte die Nacht im Hotel und nahm dann den ihm von Mr. Kennedy angebotenen Platz in dessen Wagen ein. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß die Eisenbahn zwischen Lahore und Mooltan von der Station Montgomery aus fahrbar wäre. Mit der ihnen eigenen Zähigkeit setzten die Engländer in dem von dem Kriege nicht berührten Teile Indiens den regelmäßigen Eisenbahnbetrieb fort. War doch bei der ungeheuren Größe des Landes der Kampf der beiden Armeen in gewisser Hinsicht ein eng begrenzter. Im Westen Indiens, im Zentrum wie im Osten war vom Kriege kaum etwas wahrzunehmen. Nur die Truppentransporte auf den Bahnlinien zwischen Bombay und Kalkutta verrieten den Kriegszustand.
Die Eisenbahn im Westen sah keine Truppen mehr, seitdem die englische Armee von Lahore zurückgegangen war, und diese Strecke war deshalb für den gewöhnlichen Verkehr wieder vollständig freigegeben.
Auch bei der indischen Bevölkerung dieser Gegend war durchaus nichts von einer besonderen Erregung wahrzunehmen. Nur die unmittelbare Gegenwart der russischen Truppen hatte das geduldige und friedfertige Volk in Aufruhr versetzt. Selbst durch Chanidigot fuhren die Reisenden ohne eine Störung des Betriebes oder einen unerwarteten Aufenthalt.
Das Wetter war nicht zu heiß, da die Zeit der Gewitter begonnen hatte, und das Reisen in den höchst bequemen, geräumigen Eisenbahnwagen wäre unter anderen Verhältnissen ein wahres Vergnügen gewesen.
Wohlbehalten langten die Reisenden in Carachi, dem Hafenplatz an den vielverzweigten Mündungen des Indus, an, und Mr. Kennedys hohe Stellung verschaffte ihnen Aufnahme in dem vornehmen Sind-Klub, wo Verpflegung und Wohnung nicht das geringste zu wünschen übrig ließen. Der Klub war von seinen regelmäßigen Besuchern fast ganz verlassen, da außer den Offizieren auch alle irgend entbehrlichen Beamten zur Armee abgegangen waren. Der Familie Kennedy aber stand ebensowenig wie Edith und Heideck der Sinn nach interessanter Gesellschaft. Sie alle hatten jetzt keinen anderen Wunsch mehr, als den, das Land so schnell als möglich zu verlassen und den gegenwärtigen, peinlichen Zustand beendet zu sehen. Auf Grund der bei der Schiffsagentur eingezogenen Erkundigungen hatten sie beschlossen, mit einem Dampfer der British-India-Gesellschaft nach Bombay zu fahren und von dort mit der ‚Caledonia‘, dem besten Schiffe der Peninsular- und Oriental-Linie, nach Europa zu reisen.
Am Nachmittag vor der Einschiffung mietete Heideck einen bequemen kleinen Einspänner und fuhr mit Edith zur Napier-Mole, wo man ihnen im Bootshause des Sind-Klub bereitwillig ein mit vier Laskaris bemanntes, elegantes Segelboot zur Verfügung stellte. Mit ihm fuhren sie in dem durch drei mächtige Forts geschützten Hafen bis über Manora Point, die äußerste Spitze der befestigten Mole, in die arabische See hinaus ....
„Wahrlich, es ist schwer, dies wunderbare Land zu verlassen,“ sagte Heideck ernst. „Es ist schwer, für immer Abschied zu nehmen von dieser strahlenden Sonne, diesem Glanz des Meeres, diesen mächtigen Werken der Menschenhand, die in ein natürliches Paradies den Luxus und das Behagen einer raffinierten Kultur gebracht haben. Nie habe ich den Schmerz des Mr. Kennedy besser verstanden, als in diesem Augenblick! Und ich kann ihm die Bitterkeit nachfühlen, mit der er sich in seinem Zimmer verschließt, um nichts mehr von all dieser lockenden und prangenden Herrlichkeit zu sehen.“
Edith hatte sich in seinen Arm geschmiegt, und indem sie ihren Blick liebevoll zu ihm aufschlug, hatte sie keine andere Erwiderung als die:
„Ich sehe die Welt nur, wie sie sich in deinen Augen spiegelt. Und da ist sie für mich immer von derselben Schönheit.“