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Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman cover

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Chapter 27: XXV.
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About This Book

A speculative political-military narrative offers a prophetic vision of a global war sparked by imperial rivalry and colonial tensions. Through council scenes, military recollections, and imagined dispatches, it traces how strategic calculations and nationalist anxieties lead major continental powers to align against a maritime empire. Episodes shift between diplomatic conferences, frontier postings, and the narrator's reflections, depicting mobilization, alliance-building, and an envisioned redistribution of overseas possessions as the conflict unfolds and reshapes international order.

XXIV.

Verzweifelte Niedergeschlagenheit und heftigste Erbitterung hatten sich der Passagiere der ‚Caledonia‘ bemächtigt. Man suchte die Schuld für das Unglück nicht so sehr in einem unberechenbaren Zufall, als in einer unverzeihlichen Nachlässigkeit der maßgebenden englischen Militärbehörde.

„Da haben wir wieder einmal ein schlagendes Beispiel englischer Unvorsichtigkeit,“ sagte Mr. Kennedy. „Wie durfte man die ‚Caledonia‘ unbeschützt fahren lassen! So viel Kriegsschiffe lagen müßig in Bombay, in Aden, in Port Said, und doch sah man sich nicht veranlaßt, diesem prachtvollen Schiff mit fast tausend Engländern an Bord und mit einer Ladung im Werte von mehr als einer Million Pfund eines oder mehrere von ihnen zur Begleitung mitzugeben. Hatten denn unsere Flottenkommandanten keine Ahnung von der Nähe französischer Schiffe?“

„Unsere Kommandanten,“ meinte der General, „werden sich darauf verlassen haben, daß genug englische Schiffe im Mittelländischen Meere verkehrten, um derartige Unternehmungen zu verhindern.“

Aber man ließ die Entschuldigung nicht gelten, und viele bittere Worte fielen gegen die englische Kriegsleitung. Als dann die Nacht hereinbrach, zogen sich die meisten Passagiere, von den ausgestandenen Aufregungen aufs äußerste erschöpft, in ihre Kabinen zurück. Heideck aber stand noch lange auf Deck und ließ sich den köstlichen Nachtwind um die heißen Schläfen wehen. Ruhig zog das Geschwader seines Weges durch die leise rauschenden Wogen, und die Positionslaternen zeigten deutlich den Stand der einzelnen Schiffe an. Rechts fuhr der ‚Chanzy‘, links die ‚Aréthuse‘, rückwärts der ‚Forbin‘ und der mit französischer Mannschaft besetzte ‚O’Hara‘. Nur von dem Torpedojäger war nichts zu sehen.

Endlich ging auch Heideck, müde gemacht durch die gleichmäßigen Schritte der auf dem Verdeck auf- und niedergehenden französischen Schildwache, in seine Kajüte hinab. Rasch senkte sich der Schlaf auf seine Lider, aber es waren unruhige Träume, die ihn verfolgten. Noch einmal durchlebte er den Kampf, dessen Zeuge er gewesen war. Und die Traumbilder mußten sehr lebhaft gewesen sein, da er unausgesetzt den dumpfen Knall der Schüsse zu hören vermeinte. Er rieb sich die Augen und setzte sich auf dem schmalen Lager auf. War das denn Wirklichkeit oder nur eine Täuschung seiner erregten Sinne? Der dumpfe Donner schlug ja noch immer an sein Ohr; und nachdem er minutenlang mit gespannter Aufmerksamkeit gehorcht hatte, sprang er auf, um in seine Kleider zu schlüpfen und auf Deck zu eilen. Schon auf dem Gange traf er mit mehreren Herren zusammen, die ebenfalls durch den Knall der Schüsse aus dem Schlummer geweckt worden waren. Und sobald er das Verdeck erreicht hatte, sah er, daß man sich in der Tat wieder inmitten eines heftigen Seegefechtes befand.

Die Nacht war ziemlich dunkel; aber wenn schon das Aufblitzen der Schüsse die Stellung des Feindes ungefähr erkennen ließ, so wurde dieselbe mit völliger Deutlichkeit gerade jetzt sichtbar, als von der ‚Aréthuse‘ ein Scheinwerfer aufleuchtete und seinen breiten, blendend hellen Lichtkegel über die Wasserfläche spielen ließ. Die riesigen Massen zweier Linienschiffe tauchten weißglänzend aus der Dunkelheit auf. Außer ihnen ließen sich noch fünf andere, kleinere Kiegsschiffe und mehrere winzige, niedrige Fahrzeuge erkennen, die Torpedoboote des britischen Geschwaders, das dem französischen entgegenkam. Hell wie eine kleine Sonne ging jetzt auch von englischer Seite ein elektrischer Scheinwerfer auf. Es war ein interessantes Schauspiel, zu beobachten, wie diese beiden elektrischen Lichter, sich langsam drehend, die einzelnen Schiffe gleichsam aus der Dunkelheit hervorzerrten, den Geschützen sichere Zielpunkte zeigend.

In dem französischen Geschwader, dessen Kommandant hinsichtlich der Ueberlegenheit des Feindes nicht im Ungewissen sein mochte, entstand eine lebhafte Bewegung. Alle Fahrzeuge, auch die ‚Caledonia‘, drehten und gingen mit Volldampf zurück. Aber die schweren englischen Granaten aus den 30,5 Zentimeter-Kanonen der Linienschiffe fielen bereits zwischen ihnen nieder, obwohl die Entfernung noch etwa drei Seemeilen betragen mochte. Und plötzlich, als die ‚Caledonia‘ während des Wendungsmanövers dem britischen Geschützfeuer eine Breitseite zeigte, ließ sich ein scharfer, erschütternder Schlag im Schiffe spüren, dem der Knall einer heftigen Explosion folgte. Die Bewegung des Dampfers stockte, und lautes Wehgeschrei erscholl aus dem Maschinenraum. Zu Tode erschreckt liefen die Passagiere umher. Man durfte ihnen nicht verhehlen, daß eine Granate eingeschlagen hatte und explodiert war.

Aber es stellte sich heraus, daß die ‚Caledonia‘ zwar stark beschädigt, doch nicht unmittelbar gefährdet war. Nur die Manövrierfähigkeit und Schnelligkeit des Schiffes hatten dadurch erheblich gelitten, daß ein Dampfrohr getroffen war.

Die französischen Kriegsschiffe entfernten sich eiligst und überließen die ‚Caledonia‘ und die eingeschiffte Prisenmannschaft ihrem Schicksal, da es nicht möglich war, sie mitzunehmen. Sie mußten auf die gute Prise verzichten und sich mit dem großen Erfolge begnügen, den sie mit der Zerstörung des ‚Royal Arthur‘ und der Wegnahme des ‚O’Hara‘ errungen hatten. Die ‚Caledonia‘ aber, vom Scheinwerfer beleuchtet und von den britischen Kommandanten erkannt, hatte keinen ferneren Schuß zu befürchten. Sie bewegte sich langsam in nördlicher Richtung und wurde, als der Morgen dämmerte, von zwei britischen Kreuzern erreicht. Ein Offizier kam an Bord, erklärte die französische Prisenmannschaft für kriegsgefangen und erfuhr von dem dritten Offizier, der sie jetzt führte, die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden.

Das britische Geschwader folgte den französischen Schiffen, die ‚Caledonia‘ aber nahm, nur noch mit acht Knoten Geschwindigkeit, den Kurs auf Neapel, das ohne weitere Zwischenfälle erreicht wurde. Die Passagiere wurden ausgeschifft, die große Geldsumme wurde in der Bank von Neapel für Rechnung der englischen Regierung deponiert und nur die Ladung an Baumwolle, Teppichen und gestickten Seidenstoffen blieb an Bord.

Die Familie Kennedy nebst Mrs. Irwin gingen in das Hotel de la Riviera, und Heideck schloß sich ihnen an. Er wollte nur einen einzigen Tag in Neapel bleiben und dann mit dem durchgehenden Zuge nach Berlin fahren.

Edith ahnte seinen Plan, obwohl er nicht mit ihr über seine Reise nach Berlin gesprochen hatte, und sie redete ihn wenige Stunden nach der Ankunft im Lesezimmer an, wo er eifrig die Zeitungen studierte.

„Wichtige Neuigkeiten?“

„Alles ist mir neu. Wir haben bis jetzt doch immer nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Kreise der Ereignisse übersehen können, und erst aus diesen Zeitungen vermochte ich einen umfassenden Ueberblick zu gewinnen.“

„Und jetzt hast du natürlich kein anderes Verlangen, als die Sehnsucht, deine Fahnen wiederzusehen? Ich weiß wohl, daß es einzig der Ehrgeiz ist, der dich leitet.“

„Kannst du einem Offizier einen Vorwurf daraus machen?“

„Ja, wenn er darüber die Menschlichkeit vergißt. Aber sei ganz ruhig, ich werde dich nicht daran verhindern. Ich will deinem Ehrgeiz nicht in den Weg treten, aber ich will ihm auch nicht zum Opfer fallen.“

„Das sollst du gewiß nicht. Wir werden glücklich werden, wenn dieser Krieg beendigt ist. Ich werde dir so wenig untreu werden, wie meiner Pflicht. Kehre ich lebend aus dem Felde zurück, so wird mein Dasein einzig deinem Glücke geweiht sein.“

„Die Liebe ist ein Vogel, dem man nicht zu viel Freiheit lassen darf. Du erinnerst dich, daß ich dir immer gesagt habe, ich würde dich nie verlassen.“

„Aber, meine geliebte Edith, das ist doch ganz unmöglich! Hast du denn gar keine Vorstellung davon, wie es im Kriege zugeht?“

„Ich dächte, daß ich genug davon gesehen hätte.“

„Ja, in Indien und auf dem Meere. Aber in Europa wird der Krieg doch etwas anders geführt. Jeder Platz in den Eisenbahnzügen ist genau berechnet, und in den Quartieren, in den Kantonnements und im Biwak ist es ebenso. Für eine Dame ist da nicht Raum. Was würden die Kameraden von mir sagen, wenn ich in deiner Gesellschaft erschiene?“

„Du kannst ja sagen, ich sei deine Frau.“

„Aber Edith, über so etwas ist gar nicht ernsthaft zu reden. Als preußischer Offizier bedarf ich des Konsenses, um heiraten zu können. Wie kann ich jetzt in Begleitung einer Dame zur Armee kommen? Oder wie könnte ich gerade jetzt einen Heiratskonsens verlangen?“

„Das kannst du recht gut. Viele Offiziere heiraten zu Beginn des Krieges.“

„Nun gut, aber selbst, wenn ich den Konsens jetzt verlangte, so müßten doch nach dem Gesetz noch Monate vergehen, ehe wir heiraten könnten. Ich machte dir schon einmal den Vorschlag, zu meinen Verwandten nach Hamburg zu gehen und dort das Ende des Krieges abzuwarten. Und ich halte das noch jetzt für den einzig richtigen Weg.“

„Aber ich will nicht nach Hamburg zu deinen Verwandten.“

„Und warum nicht?“

„Ich soll in einer deutschen Familie sitzen, ich als Engländerin, und ich soll mich angaffen lassen? Ich soll in den deutschen Zeitungen alle die Lügen über England lesen?“

„Mein Onkel und meine Tante sind sehr taktvolle Leute, und meine Cousinen werden es nicht an der gebotenen Rücksicht fehlen lassen.“

„Auch noch Cousinen! Nein, ich danke! In das Familienglück fremder Leute passe ich nicht hinein.“

„Wenn du das nicht willst, so kannst du in Berlin in eine Pension gehen.“

„Nein, das will ich auch nicht. Ich will bei dir bleiben.“

„Aber liebste Edith, wie denkst du dir das nur?“

„Ich will ganz außerhalb aller konventionellen Formen stehen, sonst ertrage ich das Leben in Deutschland nicht. Ich soll wohl vor Bangigkeit sterben in einer Pension, während ich jeden Augenblick an die Gefahren denke, denen du ausgesetzt bist. Nein, das ertrage ich nicht. Ich habe zuviel erlebt, ich habe zuviel Schreckliches gesehen. Meine Nerven halten das nicht aus, jetzt in einer Familie oder in einer Berliner Pension in der Trivialität des Alltaglebens dahin zu vegetieren. Habe Mitleid mit mir und verlaß mich nicht! Deine Gegenwart ist die einzige wirksame Arznei für meine Seele.“

„Ach, liebste Edith, mein ganzes Herz ist ja von dir erfüllt, und gern tue ich, was du willst. Aber zweckmäßig und praktisch muß doch jeder Schritt sein, den wir tun. Wenn du sagst, daß du bei mir bleiben willst, so muß sich deiner Vorstellung doch irgend ein Bild, irgend eine bestimmte Form der Ausführung zeigen. Wie denkst du dir denn die Art und Weise unseres Beisammenseins? Bedenke, daß ich nach meiner Rückkehr Offizier im Dienst bin und die Befehle ausführen muß, die ich erhalte.“

„O ja, ich wüßte schon einen Weg. Wir haben doch gesehen, daß Fürst Tschadschawadse einen Pagen bei sich hatte. Ich will dein Page sein.“

„Welche Phantasie! — Preußische Offiziere haben keine Pagen im Feldzuge!“

„Nun, auf das Wort kommt es nicht an. Ihr müßt doch Diener haben, wie die englischen Offiziere auch; ich will dein Boy sein.“

„Zu solchen Dienstleistungen werden bei uns Soldaten kommandiert, liebste Edith.“

„Dann werde ich als Soldat mitgehen. Bin ich doch auch schon als Radjah gegangen!“

Eine Falte der Ungeduld erschien auf Heidecks Stirn, und sie war den scharfen Augen des jungen Weibes nicht entgangen.

„Ja,“ sagte sie heftig, „wenn es auch so scheint, als hättest du mich satt, ich lasse nicht von dir! Die Entfernung ist der Liebe schlimmster Feind, und du bist das einzige Band, das mich an das Leben fesselt.“

Heideck schlug die Augen nieder, um seine Gedanken nicht zu verraten. Seitdem er die Zeitungen gelesen hatte, die ihm eine deutlichere Vorstellung der Weltlage gaben, war sein Geist noch mehr als auf der bisherigen Reise mit kriegerischen Bildern erfüllt. Er liebte Edith, aber die Liebe füllte sein Leben nicht aus wie das ihre. Die Nachrichten der italienischen und französischen Blätter hatten ihn, der so lange von Europa entfernt gewesen war, in ein wahres Fieber versetzt. Die Auflösung des Dreibundes und die neue Allianz Deutschlands mit Frankreich und Rußland hatte eine völlige Veränderung des politischen Horizonts herbeigeführt. Er hörte das Stampfen der Rosse, das Klirren der Waffen, den Donner der Geschütze. Unermeßlich und bedeutungsvoll war der Krieg.

Es handelte sich um Deutschlands Existenz! Auf mehr als drei Milliarden wurden die Verluste geschätzt, die Deutschland bis jetzt erlitten hatte. Alle deutschen Kolonieen waren von den Engländern in Beschlag genommen worden, hunderte von deutschen Handelsschiffen waren verloren, der deutsche Handel mit dem Auslande war vollständig lahm gelegt, der deutsche Kredit war erschüttert. Wenn Deutschland nicht schließlich den Sieg errang, so bedeutete dieser Krieg das Ende seiner Großmachtstellung.

Er sprang auf.

„Es muß sein, teuerste Edith, wir müssen uns zunächst trennen!“

Sie erbleichte. Mit angstvollem Blicke haschte sie nach seiner Hand und hielt sie fest.

„Verlaß mich nicht!“

„Ich muß völlige Freiheit haben! Für jetzt! Nach dem Kriege gehöre ich ganz dir.“

„Nein, nein, du kannst nicht so grausam sein! Du darfst mich nicht verlassen!“

„Wir werden uns wiedersehen! Ich liebe dich und ich bleibe dir treu. Aber jetzt verlange ich ein Opfer von dir. Ich bin ein deutscher Offizier, mein Leben gehört jetzt meinem Vaterlande.“

Sie glitt von ihrem Stuhl nieder auf die Erde und umklammerte seine Kniee.

„Ich kann nicht von dir gehen! Es wird dir keinen Segen bringen, wenn du mich vernichtest!“

„Sei stark, Edith. Ich bewunderte immer deinen großen, festen Willen. Hast du denn mit einem Mal alle Besinnung, alle Vernunft verloren?“

„Alles habe ich verloren!“ schrie sie jammernd, „alles, bis auf dich! Und nun will ich nicht auch dich noch hergeben!“

„Mrs. Irwin!“ rief in diesem Augenblick eine entsetzte Stimme, „wie ist es möglich?“

Edith fuhr empor.

Mrs. Kennedy und ihre Tochter waren unbemerkt eingetreten. Sie hatten mit grenzenlosem Erstaunen die seltsame Situation wahrgenommen und Ediths letzte Worte gehört.

„Mein Gott — mein Gott — wie ist es nur möglich!“ wiederholte die würdige Dame mit bebender Stimme, und dann, gegen ihre Tochter gewendet, fügte sie hinzu: „Geh, mein Kind! —“

Edith Irwin hatte ihre Fassung sehr schnell wiedergewonnen. Aufrecht und mit stolz erhobenem Haupte stand sie der entrüsteten Dame gegenüber.

„Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, Mrs. Kennedy, daß man niemals ein Urteil abgeben soll, ohne den Zusammenhang der Dinge zu kennen.“

„O, ich denke, was ich gesehen habe, wäre deutlich genug gewesen.“

„Wenn darin etwas Tadelnswertes zu finden ist, so fällt alle Schuld lediglich auf mich,“ nahm jetzt Heideck das Wort. „Gönnen Sie mir einige Minuten unter vier Augen, Mrs. Kennedy, und ich werde Sie überzeugen, daß Mrs. Irwin keinen Vorwurf verdient.“

„Ich bedarf keines Fürsprechers und keines Verteidigers!“ rief Edith in leidenschaftlicher Erregung. „Weshalb sollen wir unsere Liebe länger verbergen? Dieser Mann, Mrs. Kennedy, hat mir mehr als einmal Leben und Ehre gerettet, und es bedeutet für mich keine Demütigung, vor ihm auf den Knieen zu liegen.“

In ihrem Gesicht und in dem Ton ihrer Worte mochte etwas sein, das der Engländerin trotz ihres empörten Schicklichkeitsgefühls ans Herz ging. Der strenge Ausdruck verschwand aus ihren Zügen, und mit freundlicher, fast mütterlicher Sanftmut sagte sie:

„Kommen Sie, mein armes Kind! Ich habe gewiß kein Recht, mich zur Richterin aufzuwerfen über Ihr Tun und Lassen. Aber ich bin wohl alt genug, daß Sie Vertrauen zu mir haben dürfen.“

Edith lehnte, überwältigt von dieser plötzlichen Güte, den Kopf an ihre Schulter. Heideck aber fühlte, daß es gut sei, die beiden Damen jetzt sich selbst zu überlassen.

„Sie erlauben mir, meine Damen, mich vorläufig zu entfernen.“

Mit einer raschen Bewegung legte Edith ihre Hand auf seinen Arm.

„Sie geben mir Ihr Wort, Kapitän Heideck, daß Sie nicht abreisen werden, ohne mir Lebewohl zu sagen?“

„Ich gebe Ihnen mein Wort.“

In schmerzlichster Gemütsverfassung verließ er das Zimmer. Es war ihm, als ob er über die Leiche des teuersten Wesens hinwegschreiten müsse, um seine Pflicht zu erfüllen.

Am Abend brachte ihm die Zofe der Mrs. Kennedy ein Billet von Edith, worin sie ihn mit wenig Worten ersuchte, sogleich zu ihr zu kommen. Er fand sie in ihrem dämmerigen Zimmer auf dem Ruhebett; aber bei seinem Eintritt stand sie auf und ging ihm anscheinend ruhig entgegen.

„Du hast recht, mein Freund, ich bin inzwischen zur Vernunft gekommen. Es gibt keine andere Möglichkeit — wir müssen uns trennen.“

„Ich schwöre dir, Edith — —“

„Schwöre mir nichts! — Die Zukunft liegt allein in Gottes Hand.“

Sie streifte vom Goldfinger ihrer linken Hand den Reif mit dem kostbaren Brillanten, der den Anlaß zu ihrer ersten bedeutsamen Unterredung gegeben hatte.

„Nimm diesen Ring, mein Freund, und denke an mich, so oft dein Blick auf ihn fällt.“ Die Tränen erstickten jetzt ihre Stimme. „Sei ohne Sorge um mich und meine Zukunft. — Ich gehe mit der Familie Kennedy nach England.“


XXV.

Ein rauher Nordwind fegte über die Insel Walcheren und die Mündung der Wester Schelde hin. Zu leichten Wellen kräuselte er das Wasser des breiten Stromes, der in der Abenddämmerung wie ein uferloses Meer erschien. Nur der Kundige wußte, daß die Leuchtfeuer bei Vlissingen zur Rechten und bei Fort Frederik Hendrik zur Linken mit ihren blitzenden Lichtern die Grenzen jener weiten Einfahrt bezeichneten, die im Jahre 1809, als Holland unter der Regierung Ludwig Bonapartes stand, eine große englische Flotte zum Angriff auf Vlissingen und zur Einnahme dieser Festung in die Schelde eingelassen hatte.

In der Mitte zwischen den beiden leuchtenden Punkten, die etwa fünf Kilometer von einander entfernt waren, schaukelte sich der hier vor Anker liegende deutsche Kreuzer ‚Gefion‘, und auf seinem Verdeck stand Heideck, der nach seiner Rückkehr unter Beförderung zum Major mit dem Nachrichtendienst für das holländische Küstengebiet betraut worden war.

Er hatte am Nachmittage ein Fahrzeug in die Schelde einlaufen sehen, das ihm vom Lootsen als eine der Fischersmacks bezeichnet worden war, die zwischen den Shetlandinseln und den holländischen Häfen verkehren. Und er hatte dem Kapitän der ‚Gefion‘ seinen Verdacht mitgeteilt, daß diese Smack noch eine andere Bestimmung, als die des Handels mit Heringen haben könnte. Das kleine Schiff hatte drüben am linken Ufer zwischen den Dörfern Breskens und Cadzand angelegt, und Heideck beschloß, sich zu ihm hinüber rudern zu lassen.

Sechs Seesoldaten und vier Matrosen, unter Führung eines Maaten, bemannten ein Boot der ‚Gefion‘, und die Fahrt ging durch das bewegte Wasser nach dem linken Ufer, dem verdächtigen Schiffe zu. Im Kampfe mit der Strömung und dem Winde, der heulend vom Meere kam, bedurfte es für die Ruderer wohl fast einer halben Stunde harter Arbeit, ehe der dunkle Rumpf des Fischerbootes in deutlichen Umrissen vor ihnen auftauchte. Vom Bord herab fragte eine rauhe Stimme nach ihrem Begehr.

„Dienst Seiner Majestät!“ rief Heideck zurück, und als das Boot angelegt hatte, warf er seinen Mantel ab, um sich behende auf das Deck hinauf zu schwingen. Drei Männer in der dunklen Wollentracht und mit den geteerten Hüten der Küstenfischer traten auf ihn zu und antworteten auf seine Frage nach dem Patron in einem schwerverständlichen Gemisch von holländisch und deutsch, daß der Patron an Land gegangen wäre.

„Sein Name?“

„Maaning Brandelaar.“

„Und wie heißt dies Fahrzeug?“

„Bressay.“

Die Antworten wurden zögernd und mürrisch gegeben, und die Leute legten ein so verdrossenes Wesen an den Tag, daß Heideck das Gefühl hatte, sie würden ihn gern über Bord geworfen haben, wenn nicht seine Uniform ihnen Respekt eingeflößt hätte.

„Woher kommt ihr?“ fragte er.

„Wir kommen von Lerwick.“

„Und wohin ist das Schiff bestimmt?“

„Wir wollen unsere Heringe verkaufen. Wir sind ehrliche Leute, Herr Major.“

„Wo wollt ihr eure Heringe verkaufen?“

„Wo wir können. Der Schiffer ist nach Breskens gegangen. Er wollte bald wieder zurückkommen.“

Heideck sah sich um. Die Smack hatte in einer kleinen Bucht angelegt, wo das Wasser ruhig war. Das Dorf Breskens und das kleine Seebad Kadzand lagen beide so nahe, daß man die erleuchteten Fenster sehen konnte. Es war neun Uhr abends. Etwas spät für die Handelsgeschäfte, die Maaning Brandelaar in Breskens zu machen gedachte.

Heideck ließ die Seesoldaten auf Deck steigen und stellte sie als Wache auf, damit niemand das Schiff verließe, bevor der Kapitän zurück kam. Dann befahl er eine Laterne anzuzünden, mit der er den Raum unter Deck besichtigen wollte. Es dauerte recht lange, bis die Laterne bereit war, und sie brannte so trübe, daß Heideck vorzog, die elektrische Lampe spielen zu lassen, die er ebenso wie den Revolver stets bei sich führte. Er kletterte die Treppe in den Schiffsraum hinab und fand, daß der Geruch von Pökelheringen, den er schon auf Deck wahrgenommen hatte, in der vorhandenen Ladung seine genügende Ursache hatte. In der kleinen Kajüte saßen zwei Männer beim Grog und rauchten aus kleinen Tonpfeifen. Heideck begrüßte sie freundlich und setzte sich zu ihnen. Sie sprachen englisch mit breitem schottischen Akzent und mit vielen Dialektausdrücken, die Heideck nicht verstand. Sie erklärten von der Insel Bressay zu stammen. Aus ihrer Unterhaltung entnahm Heideck, daß die Smack einem Reeder in Rotterdam gehörte, dessen Namen sie aber nicht zu kennen schienen oder nicht aussprechen konnten. Ueberhaupt waren die Leute sehr vorsichtig und zurückhaltend in ihren Angaben. Heideck wartete eine halbe, eine ganze Stunde. Der Kapitän kam immer noch nicht wieder. Er verspürte Hunger, und indem er ein Geldstück auf den Tisch warf, fragte er, ob man ihm nicht etwas zu essen geben könne.

Die Fischer öffneten den Schrank an der Kajütenwand und holten ein großes Stück Schinken, ein halbes Schwarzbrot sowie Messer und Gabel hervor. Heideck sah, daß in dem Schrank neben Gläsern und Flaschen noch zwei kleine Brote von hellerer Farbe lagen. „Gebt mir von dem Weizenbrot,“ sagte er. Aber der Mann, der die Speisen hervorgeholt hatte, murmelte etwas, das Heideck nicht verstand, und verschloß den Schrank wieder, ohne den Wunsch des Offiziers zu erfüllen. Sein Benehmen mußte Heideck auffällig erscheinen. Er hatte wirklich nur deshalb von dem hellen Brot verlangt, weil das Schwarzbrot alt, trocken und ungemein grob war, nun aber drängte sich ihm der Verdacht auf, daß sich hinter der unhöflichen Mißachtung seiner Bitte irgend eine besondere Absicht verberge.

„Ihr habt mich, wie es scheint, nicht verstanden,“ sagte er, „ich möchte das Weizenbrot haben.“

„Das Weizenbrot gehört dem Schiffer,“ wurde ihm erwidert, „das dürfen wir nicht nehmen.“

„Ich werde es bezahlen. Euer Kapitän wird sicherlich nichts dagegen einzuwenden haben.“

Die Männer taten als hörten sie nicht.

Jetzt aber wiederholte Heideck in strengem und gebieterischem Tone sein Verlangen. Die Männer sahen einander an, dann ging der eine zum Schrank und legte das eine helle Brot auf den Tisch. Heideck schnitt es an und fand, daß es recht gut war. Er aß mit Appetit davon und sann darüber nach, warum die Leute zuerst so ungefällig gewesen wären. Als er das Brot noch einmal zur Hand nahm, um sich ein zweites Stück abzuschneiden, fiel ihm auf, daß es ungewöhnlich schwer war. Er schnitt in die Mitte hinein und als er merkte, daß die Messerklinge auf etwas hartes stieß, brach er das Brot auseinander. — Da schimmerte ihm Gold entgegen. Er untersuchte weiter und zog nacheinander dreißig goldene Münzen mit dem Bildnis der Königin von England hervor. Dreißig Pfund Sterling waren in dem Brot versteckt gewesen.

„Ihr habt da ein recht nahrhaftes Brot,“ sagte er, die Leute mit scharfem Blick ansehend.

Die aber zuckten die Achseln.

„Was geht es uns an,“ sagte der eine, „wie der Kapitän sein Geld aufbewahrt!“

„Da habt ihr recht, was geht es euch an? Warten wir, bis der Patron kommt! Da, legt das Brot und das Geld wieder in den Schrank, und dann macht einen hübschen Topf voll Grog für meine Leute. Die armen Kerle werden frieren, hier habt ihr noch drei Mark.“

Die Leute gehorchten, und einer von ihnen ging mit dem dampfenden Topfe die Treppe hinauf, brachte auch nach einiger Zeit den leeren Topf zurück und bestellte, daß des Herrn Majors Mannschaften sich bedankten.

Wenige Minuten später zeigte sich einer der Soldaten in der Kajütentür und meldete, daß zwei Männer vom Land herkämen. „Es ist gut,“ sagte Heideck, „haltet euch ruhig, bis sie an Deck sind und dann laßt sie nicht wieder hinunter, sondern sagt ihnen, sie sollten hierher kommen.“

Gleich darauf waren Schritte und Stimmen von oben zu vernehmen, und nach wenig Minuten traten zwei Männer in die Kajüte. Der erste, der die Kleidung eines Schiffers trug, war von ungewöhnlich kräftigem Körperbau, breitschultrig, mit einem Stiernacken und einem wetterharten, viereckigen Gesicht, aus dem kleine verschmitzte Augen hervorblitzten. Der andere, erheblich jüngere, war ziemlich stutzerhaft gekleidet und trug den Bart nach modernstem Schnitt.

„Mynheer Brandelaar?“ fragte Heideck.

„Jawohl, der bin ich,“ erwiderte der Breitschultrige in brüskem, fast drohendem Tone.

„Sehr erfreut, Sie zu sehen, Mynheer. Ich habe mit Ihnen geschäftlich zu reden, und ich erwarte Sie schon seit mehr als einer Stunde. Darf ich Sie bitten, mich auch mit diesem Herrn bekannt zu machen?“

Der Holländer zauderte mit der Antwort. Es war klar, daß er in der übelsten Laune war und nicht recht wußte, wie er sich benehmen sollte. Der ruhige, etwas spöttische Ton des Offiziers brachte ihn offenbar aus der Fassung.

Er gab den beiden Seeleuten einen Wink, sich zu entfernen. Dann wandte er sich an Heideck.

„Dieser Herr ist ein Geschäftsfreund. Und ich möchte wohl wissen, was er und meine Angelegenheiten überhaupt den Herrn Offizier angehen. Ich bin hier, um meine Heringe zu verkaufen, das ist doch wohl nicht verboten?“

„Gewiß nicht! Aber nicht nur Sie haben Ihre Geschäfte, Mynheer, sondern auch ich habe die meinigen. Und ich denke, es wäre für uns beide das angenehmste, wenn wir sie gleich hier abmachen könnten und nicht erst zur ‚Gefion‘ hinüberzurudern brauchten.“

„Zur ‚Gefion‘? — Was soll das heißen? — Mit welchem Recht wollten Sie mich dazu zwingen? — Meine Papiere sind in Ordnung, ich kann sie Ihnen vorlegen.“

„Ich bitte darum. — Aber wollen Sie nicht endlich auch die Freundlichkeit haben, mir den Namen dieses Herrn zu nennen? Es ist wirklich von Interesse für mich, Ihren Geschäftsfreund kennen zu lernen.“

Jetzt hielt es der andere für angemessen, sich selbst vorzustellen.

„Ich heiße Camille Pénurot,“ sagte er, „und bin Materialwarenhändler in Breskens. Maaning Brandelaar hat mir seine Ladung zum Kauf angeboten, und ich bin mit ihm gekommen, um mir die Ware anzusehen.“

„Was ohne Zweifel am besten bei Nacht geschieht,“ erwiderte Heideck in sarkastischem Ton, aber mit unerschütterlich ernster Miene. „Lassen Sie mich also Ihre Papiere sehen, Mynheer Brandelaar.“

Wie er es nicht anders erwartet hatte, befanden sich diese Papiere in bester Ordnung. Die dem Reeder Maximilian van Spranekhuizen in Rotterdam gehörige Fischersmack ‚Bressay‘ kam mit einer Ladung von gesalzenen Heringen von Lerwick. Kapitän Maaning Brandelaar — Bestätigung der englischen Hafenbehörde in Lerwick — alles in vollkommener Richtigkeit.

„Sehr schön!“ sagte Heideck. „Zwar hat Kontre-Admiral Sir Frederik Hollway in Dover sein Visum nicht darauf gesetzt. Aber das war ja auch gar nicht notwendig.“

Die Wirkung dieser gleichmütig hingeworfenen Worte auf die beiden Männer war ganz erstaunlich. Pénurots gelbes Gesicht nahm eine fast grünliche Färbung an; die harten Züge des andern verzerrten sich in geradezu erschreckender Weise zu einer Grimasse der Wut. Er würgte, als ob er einen ingrimmigen Fluch hinunterschlucken müßte, und dann, nach einem schweren Atemzuge, sagte er:

„Einen Admiral Hollway kenne ich nicht, und in Dover bin ich überhaupt nicht gewesen.“

„Gut! Gut! — Reden wir von Ihren Geschäften! Oder auch von den Ihrigen, Herr Pénurot! Die Schiffsladung Heringe, die Sie da kaufen wollen, ist natürlich nicht für den Absatz in Breskens bestimmt, sondern für irgend einen Geschäftsfreund in Antwerpen, nicht wahr?“

Er erhielt keine Antwort. Und ruhig, als handelte sich’s bei seinem Reden und Tun um die selbstverständlichsten Dinge von der Welt, wandte er sich zu dem Schrank, nahm, ehe die Anderen seine Absicht noch recht begriffen hatten, das zweite Weizenbrot heraus und brach es rasch mitten durch. Diesmal war es ein zusammengefaltetes Papier, das dabei zum Vorschein kam. Heideck breitete es auseinander und sah, daß es mit einer langen Reihe von Fragen in englischer Sprache beschrieben war.

„Sieh da,“ sagte er, „es muß ja ein verwünscht neugieriger Herr sein, der dies Papier in Ihr Frühstücksbrot hat hineinbacken lassen. ‚Wie stark ist die Besatzung von Antwerpen? Welche Regimenter? Welche Batterien? Wer sind die Kommandanten der Außenforts? Wie ist der genaue Plan des Ueberschwemmungsgebiets? Wie verhält sich die Bevölkerung gegenüber den deutschen Truppen? Wieviel deutsche Kriegsschiffe liegen im Hafen und in der Schelde? Wie sind sie verteilt? Genaue Angaben über die Bestückung und Bemannung aller Kriegsschiffe. Wieviele und welche Schiffe der deutschen Schiffahrtsgesellschaften sind der deutschen Flotte zugeteilt? Wieviele Truppen stehen auf der Insel Walcheren? Wieviele in der Umgebung Antwerpens? Wie sind die Truppen an beiden Ufern der Schelde verteilt? Sind Truppen bereit gestellt, um auf den Kriegsschiffen und Transportfahrzeugen eingeschifft zu werden? Ist ein Zeitpunkt dafür festgesetzt worden? Besteht ein Plan für die Verwendung der deutschen Flotte? Was verlautet über die Vereinigung der deutschen Flotte mit der französischen?‘ — — Das ist nur ein kleiner Teil des langen Registers; aber er genügt schon, um die Natur der übrigen Fragen erraten zu lassen. Was der Tausend möchte Admiral Hollway für seine armseligen dreißig Pfund alles erfahren? Oder war das nur eine kleine Anzahlung? Es scheint mir undenkbar, Herr Pénurot, daß Ihr Korrespondent in Antwerpen für dreißig Pfund so viel sollte liefern können.“

Die beiden Männer waren von der Wucht des unerwarteten Schlages offenbar ganz niedergeschmettert. Für einen Augenblick, als Heideck das Papier aus dem Brot zog, hatte es den Anschein gehabt, als ob Brandelaar sich auf ihn stürzen und es ihm mit Gewalt entreißen wolle. Aber der Gedanke an die Soldaten mochte ihn noch zur rechten Zeit von einer törichten Handlung zurückgehalten haben.

Nun stand er mit zusammengekniffenen Lippen und tückisch glitzernden Augen da.

„Ich verstehe Sie nicht, Herr Major,“ brachte Pénurot mit sichtlicher Anstrengung heraus. „Ich weiß nicht das mindeste von diesem Papier, ich bin ein rechtschaffener Geschäftsmann.“

„Und auch Sie hatten natürlich keine Ahnung von der bedeutsamen Füllung Ihrer Weizenbrote, Herr Brandelaar? — Nun, ich bin ja nicht berufen, das weiter zu untersuchen. Das ist Sache des Kriegsgerichts, und da wird schon Klarheit in die Angelegenheit kommen.“

Der Materialwarenhändler war leichenfahl geworden. Flehend erhob er die Hände.

„Gnade, Herr Major, Gnade! So wahr ich lebe — ich bin unschuldig.“

Heideck tat, als hätte er diese Versicherung gar nicht gehört.

„Uebrigens muß ich euch doch sagen, meine Herren, daß ihr verwünscht schlechte Geschäftsleute seid. Für jämmerliche dreißig Pfund riskiert ihr euer Leben? Das war eine unverantwortliche Dummheit. Und wenn ihr schon einmal auf solche Art Geld verdienen wolltet, hättet ihr wahrhaftig lieber für uns arbeiten sollen. Wir würden einem Mann, der uns über die englische Flotte und die englische Armee wirklich zuverlässige Auskünfte von dieser Art verschafft hätte, ohne Handeln und Feilschen das fünffache gezahlt haben.“

In den Mienen der beiden Männer schien es bei diesen in beinahe jovialem Ton gesprochenen Worten wie ein Hoffnungsschimmer aufzuleuchten. Aber als der Materialwarenhändler eben die Lippen zu einer Erwiderung öffnen wollte, winkte ihm Heideck, zu schweigen.

„Gehen Sie mal gefälligst für ein Weilchen an Deck, Pénurot,“ sagte er. „Ich werde Sie rufen, sobald ich die Unterhaltung mit Ihnen fortzusetzen wünsche. Sie aber, Brandelaar, werden mir vorerst noch Gesellschaft leisten. Ich möchte ein paar Worte unter vier Augen mit Ihnen reden.“

Der Mann mit dem modischen Spitzbärtchen gehorchte. Und Heideck wandte sich an den zurückgebliebenen Holländer:

„Dieser Pénurot ist an allem schuld, nicht wahr? Als Schiffer haben Sie sich ja wahrscheinlich Ihr Leben lang nicht viel um Politik gekümmert. Und Sie hatten wohl kaum einen rechten Begriff von der Gefahr, in die Sie sich begaben. Wenn das Kriegsgericht Sie verurteilt, haben Sie sich einzig bei Ihrem Freunde Pénurot dafür zu bedanken.“

„Wahrhaftig, Herr, es ist, wie Sie sagen,“ erwiderte der Schiffer mit gut gespielter Treuherzigkeit. „Ich habe meine Ladung, die ich für die Firma van Spranekhuizen verkaufen soll, und ich kümmere mich den Teufel um Krieg oder Spionage. Ich bitte den Herrn Major, ein gutes Wort für mich einzulegen. Ich hatte keine Ahnung von dem, was in den Broten enthalten war.“

„Dieser Pénurot hat Sie also ohne Ihr Vorwissen in die Geschichte hineingezogen. Wollte er denn mit Ihnen nach Antwerpen fahren?“

„Ich will Ihnen alles der Wahrheit gemäß erzählen, Herr Major! Admiral Hollway in Dover, der doch das ganze Nachrichtenwesen für den Kanal und die Küstenstrecke von Cuxhafen bis Brest unter sich hat, gab mir die beiden Brote für Camille Pénurot; das ist alles, was ich von der Sache weiß.“

„War es denn das erste Mal, daß Sie solche Aufträge für den Admiral Hollway auszuführen hatten?“

„So wahr mir Gott helfe: das erste Mal!“

„Aber Herr Pénurot sollte die eigenartigen Brote wohl nicht für sich behalten? Er ist doch ebenfalls nur eine Mittelsperson? Wenn Sie sich Hoffnung auf meine Fürsprache machen wollen, müssen Sie mir ohne jeden Rückhalt alles sagen, was Sie darüber wissen!“

„Pénurot hat einen Geschäftsfreund in Antwerpen, wie der Herr Major ganz richtig vermutet haben.“

„Sein Name?“

„Eberhard Amelungen.“

„Was ist der Mann?“

„Ein Großkaufmann. Meine Schiffsladung ist für ihn bestimmt.“

„Und in welcher Verbindung steht Pénurot mit ihm?“

„Das weiß ich nicht; Pénurot ist ein Agent, der die verschiedenartigsten Geschäfte betreibt.“

„So? — Und was sagt der Reeder, Mynheer van Spranekhuizen, dazu, daß Sie sich auf solche Dinge, wie die Uebermittelung dieser Brote, einlassen?“

„Mynheer van Spranekhuizen und Mynheer Amelungen sind nahe Verwandte.“

„Mit andern Worten: die beiden Herren haben sich darüber verständigt, die ‚Bressay‘ von den Shetlandinseln nach Dover und von da nach Antwerpen zu schicken?“

„Davon weiß ich nichts, Herr Major! — Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß. Weiter als bis nach Terneuzen darf ja doch kein Schiff in die Schelde hinein. Und da kann ich in Breskens ebensogut löschen wie in Terneuzen und die Ware mit der Bahn nach Antwerpen gehen lassen.“

„Nun, Brandelaar, gehen Sie noch einmal hinauf und schicken Sie mir Herrn Pénurot herunter.“

Schweren Schrittes stapfte der Schiffer die schmale Kajütentreppe hinauf, und gleich darauf trat Pénurot ein. Heideck lud ihn durch eine Handbewegung ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen und sagte:

„Ich habe mich aus der Vernehmung des Brandelaar davon überzeugt, daß er ein abgefeimter Spitzbube ist. Es war sehr unvorsichtig von Ihnen gehandelt, sich mit einem solchen Manne einzulassen. Wenn Sie jetzt vor ein Kriegsgericht gestellt werden, haben Sie sich bei ihm dafür zu bedanken.“

„Um Gottes willen, Herr Major — es soll mir doch nicht ans Leben gehen? — Ich beschwöre Sie, haben Sie Mitleid mit mir!“

„Darauf, ob ich persönlich Mitleid mit Ihnen habe oder nicht, wird sehr wenig ankommen. Sie werden mit mir zur ‚Gefion‘ fahren und dann in Vlissingen vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Denn die Tatsache, daß Sie Brandelaars Mitschuldiger geworden sind, läßt sich nicht aus der Welt schaffen. Er hat soeben mit aller Bestimmtheit behauptet, die beiden Brote seien für Sie bestimmt gewesen.“

„Für mich? — Das ist eine nichtswürdige Lüge. Noch nicht einen Penny habe ich von den Engländern erhalten.“

„Na, so ganz ohne besonderen Grund machen Sie sich doch wohl nicht das Vergnügen, zu nächtlicher Stunde ein Heringsschiff zu besuchen? Die Ladung konnte doch wohl auch ohne Ihre Besichtigung an Herrn Eberhard Amelungen abgeliefert werden?“

„An Eberhard Amelungen?“

„Stellen Sie sich doch nicht so unwissend! Brandelaar hat schon so viel gestanden, daß Sie ruhig alles zugeben können. Die Herren Amelungen und van Spranekhuizen sind im Komplott miteinander, um eine ganz regelrechte Spionage im Interesse Englands zu betreiben. Sie werden als Mittelsperson benutzt, und Maaning Brandelaar versucht, sich heraus zu winden, indem er Sie opfert.“

„Wahrhaftig, so scheint es. — Aber ich bin ganz unschuldig, Herr Major — ich habe von all dem nichts gewußt. Als Brandelaar das letzte Mal aus der Schelde hinausfuhr, besuchte er mich hier in Breskens, und da sagte er mir, daß er bald wiederkehre und daß es ein gutes Geschäft für mich werden würde.“

„Wann ist das gewesen?“

„Vor drei Wochen. Ich hatte keinen Grund Brandelaar zu mißtrauen, weil er schon öfter für Eberhard Amelungen geliefert hatte.“

„Und heute? Weshalb sind Sie an Bord gekommen?“

„Brandelaar verlangte es. Er sagte, ich solle mir die Ladung ansehen und mit ihm besprechen, ob hier oder in Terneuzen gelöscht werden solle.“

„Nun wohl, Herr Pénurot, ich will Ihnen etwas sagen. Sie werden mit mir nach Antwerpen fahren, und ich werde mich dort bei Herrn Amelungen davon überzeugen, ob Sie wirklich so unschuldig sind, wie Sie sagen, und wie ich Ihnen einstweilen gern glauben will.“

Der Materialwarenhändler schien noch immer einigermaßen beunruhigt.

„Aber der Herr Major werden mich doch nicht vor das Kriegsgericht bringen?“

„Das wird sich finden. Ich verspreche Ihnen nichts. Alles wird von der Auskunft abhängen, die ich von Herrn Amelungen über Sie erhalte, und davon, wie Sie sich fernerhin benehmen. Ich werde jetzt Brandelaar wieder herunterkommen lassen, und Sie werden schweigen, während ich mit ihm rede.“

„Ich werde selbstverständlich alles tun, was der Herr Major befehlen.“

Brandelaar wurde in die Kajüte gerufen, und Heideck sagte:

„Hören Sie, Maaning Brandelaar, ich weiß alles, und ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß es mehr als genug ist, um Ihnen nach Kriegsrecht den Hals zu brechen. Aber ich will Ihnen einen Weg zeigen, wie Sie sich retten können: Fahren Sie morgen nach Terneuzen und warten Sie dort auf Nachricht von mir. Ich werde Ihnen die Ausführung Ihres Auftrages bequem machen, indem ich selbst Ihnen die Antworten auf die Fragen des Admirals Hollway aufschreibe. Die mögen Sie dann Ihrem Auftraggeber nach Dover bringen. Aber ich werde Ihnen gleichzeitig eine Reihe von Fragen mitgeben, auf die Sie Ihrerseits mir zuverlässige Antworten nach Vlissingen zu bringen haben. Führen Sie diese Mission zu meiner Zufriedenheit aus, so zahle ich Ihnen bei Ihrer Rückkehr dreitausend Mark. Da Sie außerdem Ihre Belohnung von dem Admiral erhalten, machen Sie also ein recht gutes Geschäft. Aber hüten Sie sich vor jedem Versuch, mich zu betrügen, er würde herzlich schlecht für Sie ablaufen. Ich weiß ja nun, wo ich Sie fassen kann, und Sie würden verhaftet werden, sobald Sie sich wieder irgendwo an der holländischen Küste zeigten. Also gehen Sie weislich mit sich zu Rate!“

Das breite Gesicht des Schiffers hatte sich immer mehr aufgehellt, und jetzt verzog er die Lippen zu einem pfiffigen Grinsen.

„Dreitausend Mark! Wenn das ein Wort ist, Herr Major, so können Sie sich darauf verlassen, daß ich Sie ehrlich bediene.“

„Es kommt vielleicht nicht so sehr auf Ihre Ehrlichkeit als auf Ihre Geschicklichkeit an. Entspricht die Auskunft, die Sie mir bringen, meinen Erwartungen nicht, so wird selbstverständlich auch die Zahlung demgemäß ausfallen. Wie die Ware, so der Preis.“

„O, der Herr Major sollen mit mir zufrieden sein. Ich habe drüben meine Verbindungen, und wenn der Herr Major sonst noch einen Wunsch haben — Sie sollen sehen, was Brandelaar leisten kann.“

„Gut — es wird nur in Ihrem eigensten Interesse liegen, mich gut und zuverlässig zu bedienen.“

Die Mienen des Schiffers wurden plötzlich wieder nachdenklich.

„Eine Besorgnis hätte ich doch noch, Herr Major.“

„Nun — und was für eine Besorgnis?“

„Meine Leute haben gesehen, daß ein Offizier mit Soldaten auf mein Fahrzeug gekommen ist. Wenn sie nun drüben in England davon erzählen und der Admiral daraufhin Argwohn gegen mich schöpft?“

„Er wird keinen Anlaß dazu haben, wenn er sich überzeugt, daß die Nachrichten zutreffend sind, die Sie ihm bringen. Er wird ja noch andere Quellen haben als Sie, und wenn er Ihre Nachrichten bestätigt findet, wird er Ihnen in jeder Hinsicht vertrauen.“

Maaning Brandelaar war durch diese Antwort nicht beruhigt.

„Ja, aber — — der Herr Major wollen mir doch wohl keine zutreffenden Auskünfte geben?“

„Gewiß! Alles, was ich Ihnen aufschreibe, wird vollkommen richtig sein.“

Diese Antwort ging offenbar über das Verständnis des Schiffers hinaus. In wortloser Verwunderung starrte er Heideck an.

Dieser aber fuhr ruhig fort:

„Der Admiral will die Stärke der deutschen Armee bei Antwerpen wissen, und ich will Ihnen sagen, wie es damit steht. Wir haben hundertzwanzigtausend Mann in Holland und dem kleinen Stück von Belgien, das wir rund um Antwerpen besetzt halten. In der Festung selbst liegen dreißigtausend Mann; auf der Insel Walcheren sind nur fünftausend Mann, die Vlissingen und andere wichtige Punkte besetzt halten. Das sind ganz zuverlässige Daten.“

Der Kapitän schüttelte den Kopf.

„Wenn nicht der Respekt verböte, es zu vermuten, so würde ich annehmen, daß der Herr Major mich zum besten halte.“

„Nein, mein Freund, dazu habe ich gar keinen Anlaß; Sie können für alles einstehen, was ich Ihnen aufschreiben werde, und Ihre Belohnung wird rechtschaffen verdient sein. Etwas anderes wäre es mit den Nachrichten, die Sie etwa auf eigene Hand dem Admiral nebenher überbringen.“

Brandelaar nickte.

„Ich verstehe, Herr Major, und ich werde mich danach richten. Aber neue Matrosen muß ich doch wohl anmustern. Es ist nicht gut, daß diese hier so viel wissen. Sie könnten mir doch Unannehmlichkeiten bereiten.“

„Nein, nein, das wäre ganz verkehrt. Behalten Sie ruhig Ihre Leute. Wenn ich nach Terneuzen komme, werde ich Sie und die Bemannung des Fahrzeugs in Haft nehmen lassen. Sie werden von mir verhört und nach einigen Tagen wieder in Freiheit gesetzt werden.“

Diese Aussicht schien dem Schiffer einigermaßen unbehaglich.

„Und wenn der Herr Major inzwischen anderen Sinnes werden und mich doch vor das Kriegsgericht bringen?“

„Verlassen Sie sich getrost auf mein Wort. Es wird sich nur um ein Scheinverhör handeln, damit Ihre Leute sich nicht unnütze Gedanken machen und nichts verraten könnten, was drüben Verdacht erregen möchte. Es wird im Gegenteil so aussehen, als hätten Sie allerlei Gefahren und Widerwärtigkeiten zu bestehen gehabt; und wie ich Sie taxiere, mein werter Herr Brandelaar, werden Sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, dem Herrn Admiral als Entschädigung für die ausgestandene Angst noch einen Extralohn aus der Tasche zu locken.“