WeRead Powered by ReaderPub
Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman cover

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Chapter 30: XXVIII.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A speculative political-military narrative offers a prophetic vision of a global war sparked by imperial rivalry and colonial tensions. Through council scenes, military recollections, and imagined dispatches, it traces how strategic calculations and nationalist anxieties lead major continental powers to align against a maritime empire. Episodes shift between diplomatic conferences, frontier postings, and the narrator's reflections, depicting mobilization, alliance-building, and an envisioned redistribution of overseas possessions as the conflict unfolds and reshapes international order.

XXVI.

Als Heideck mit seinem Gefangenen, dem Herrn Camille Pénurot, wieder auf der ‚Gefion‘ anlangte, fand er den Kommandanten trotz der vorgerückten Stunde auf Deck. Er meldete sich bei ihm und bat, Pénurot als Gast zu behandeln.

„Ich war schon in einiger Sorge um Sie,“ sagte der Kapitän, „und nahe daran, die Dampfpinasse nachzuschicken. Haben Sie etwas Wichtiges in Erfahrung gebracht?“

„Ich denke wohl. Die beiden Halunken, die ich da abgefaßt habe, scheinen nicht zu der Gattung der gewöhnlichen Spione zu gehören. Es sind der Schiffer Brandelaar und der Mann, den ich Ihnen mitgebracht habe.“

„Haben Sie den Schiffer nicht auch in Haft genommen?“

„Ich habe die Absicht, mich der Leute in unserem Interesse zu bedienen und hoffe, daß Admiral Hollway sich in seinem eigenen Netze fangen wird.“

„Ist das nicht ein etwas gewagtes Spiel? Wenn die Kerle den Admiral Hollway verraten haben, so ist ihnen dasselbe doch wohl mit Sicherheit auch uns gegenüber zuzutrauen.“

„Ich rechne auch weniger auf ihre Ehrlichkeit, als auf ihren Eigennutz und ihre Furcht. Um den Engländern Nachrichten über uns zu bringen, müssen sie wieder zu uns kommen, und ich habe sie also in der Hand.“

„Umgekehrt aber trifft dasselbe zu. Ich gestehe, daß ich zu solchen Doppelspionen herzlich wenig Vertrauen habe.“

„Mir geht es selbstverständlich ebenso; aber ich glaube endlich den Weg zu der Zentralstelle für das Spioniersystem der Engländer gefunden zu haben. Ich kann, um der Sache ganz auf den Grund zu kommen, den Beistand der beiden Kundschafter nicht entbehren.“

„Eine Zentralstelle?“

„Ja. Die Handlanger, die ihr Leben riskieren, sind doch immer von untergeordneter Bedeutung, und es gilt vor allem, die höher stehenden Persönlichkeiten zu ermitteln, die sich weislich im Hintergrunde zu halten wissen.“

„Ich wünsche Ihnen guten Erfolg.“

„Bevor ich nach Antwerpen gehe, wohin mich Herr Pénurot morgen begleiten soll, möchte ich dem Reichskanzler Bericht erstatten. Darf ich bitten, mir morgen früh ein Boot zur Verfügung zu stellen, mit dem ich nach Vlissingen fahren kann?“

„Gewiß, Sie können jedes Boot erhalten, das Sie zu haben wünschen.“

„Dann bitte ich um die Dampfpinasse.“

„Ist es Ihnen vielleicht bekannt, ob der Kanzler noch lange in Vlissingen bleiben wird?“

„Das entzieht sich meiner Kenntnis. Antwerpen wäre freilich in mancher Hinsicht ein besserer Plan; aber er ist nach Vlissingen gegangen, um zu demonstrieren.“

„Um zu demonstrieren?“ wiederholte der Kommandant verwundert.

„Die Engländer erfahren natürlich, daß er sich dort befindet, und seine Anwesenheit in Vlissingen muß sie in dem Glauben bestärken, daß unsere Hauptaktion hier von der Mündung der Schelde aus erfolgen wird.“

„Ist es nicht bewunderungswürdig, daß unser Kanzler im Mittelpunkt aller Operationen steht, obwohl er weder General noch Admiral ist?“

„Wir haben ähnliches doch schon bei Bismarck gesehen. Wenn wir die Geschichte der Kriege von 1864, 66 und 1870/71 verfolgen, so stehen wir unter dem Eindruck, daß Bismarck gleichsam die Seele aller Operationen war, obwohl er seinen militärischen Titel nur als Dekoration trug.“

„Das ist richtig, aber die Verhältnisse lagen doch wesentlich anders. Bismarck war ein geschulter Beamter, Diplomat, Botschafter, ehe er Kanzler wurde. Er hatte selbst den Heerführern gegenüber eine gewaltige Autorität für sich. Unser neuer Reichskanzler entstammt doch aber einer ganz anderen Sphäre.“

„Aber auch er hat die Macht einer starken Persönlichkeit für sich, und diese ist es, die in allen großen Dingen den Ausschlag gibt. Der feine Instinkt des Volkes fühlt, daß der Kaiser die rechte Wahl getroffen hat, und die allgemeine Beliebtheit des Kanzlers gewährt ihm auch den Heerführern gegenüber einen mächtigen Rückhalt. Zudem müssen wir alle ja immer wieder seinen praktischen Verstand und seinen weiten Gesichtskreis bewundern. Ist nicht die Besetzung Antwerpens dafür ein neues Beispiel? Belgien ist sonst von der französischen Armee besetzt, aber der Kanzler hat bei der französischen Regierung durchgesetzt, daß wir Antwerpen halten, weil unsere Flotte in der Schelde liegt. Und ich bin sicher, daß wir es niemals wieder herausgeben werden.“

Der Kommandant schüttelte zweifelnd den Kopf.

„Sie glauben wirklich, daß wir Antwerpen so ohne weiteres werden behalten können?“

„Wir müssen und werden Antwerpen haben. Die Niederlande und Belgien mögen bestehen bleiben; denn wir können gerechterweise diese Länder nicht annektieren. Aber die Niederlande und Antwerpen werden zum Schutze ihrer eigenen Interessen zum Deutschen Reich in ein engeres politisches Verhältnis treten. Ihre Regierungen sind auf die Dauer zu schwach, um der revolutionären Bewegungen in ihren Ländern Herr zu werden. Wir steuern ja unaufhaltsam auf die Bildung größerer Staatswesen hin. Die Grausamkeit der Kriege erscheint mir dadurch etwas gemildert, daß der Krieg in seinen Begleiterscheinungen ein Einigungsmittel der Völker ist.“

„Das klingt sehr schwärmerisch, Herr Major,“ sagte der Kapitän verwundert, und dem Gespräch eine andere Wendung gebend fuhr er fort: „Was für Nachrichten denken Sie durch Ihre Mittelspersonen nach Dover gelangen zu lassen?“

„Ich denke den Admiral in der Meinung zu bestärken, daß wir mit der Flotte und zahlreichen Dampfern unserer privaten Schiffahrtsgesellschaften aus der Schelde herauskommen und mit Unterstützung der französischen Flotte eine Armee nach Dover hinüberwerfen wollen.“

„Mich wundert, daß die Engländer so gar keinen Versuch machen, unsere Stellungen zu forcieren. Man ist fast versucht zu glauben, daß die englische Marine ebensowenig kriegstüchtig sei, wie die englische Armee. Wenn unsere Gegner sich stark fühlten, würden sie doch wohl schon längst vor Brest, Cherbourg, Vlissingen, Wilhelmshaven oder Kiel erschienen sein. Helgoland könnte eine Panzerflotte doch eigentlich nicht hindern, in die Elbe einzudringen, es müßte der englischen Flotte vielmehr ein willkommenes Angriffsobjekt sein. Wenn ich über die englische Flotte zu gebieten hätte, führe ich mit den älteren Panzern ‚Albion‘, ‚Glory‘, ‚Canopus‘, ‚Goliath‘, ‚Ocean‘ und ‚Vengeance‘ gegen Helgoland. Die kleine Insel würde diesen sechs Linienschiffen schwerlich lange Stand halten, und die deutsche Nordseeflotte — vorausgesetzt, es wäre eine vorhanden — würde ehrenhalber aus Wilhelmshaven hervorkommen müssen.“

„Daß nichts derartiges geschieht, erklärt sich wohl weniger aus dem englischen Bewußtsein der eigenen Schwäche, als daraus, daß die Engländer niemanden haben, dessen Genie der Situation gewachsen wäre. Gewiß fehlt es ihnen nicht an tüchtigen Admiralen, aber es ist kein Nelson darunter. Auch unser Krieg wäre ja vielleicht unterblieben, wenn der Kaiser nicht in dem neuen Kanzler das Genie entdeckt hätte, dessen unsere Zeit bedarf. Die Kriege gegen Dänemark, Oesterreich und Frankreich wären ohne Bismarcks Initiative schwerlich gekommen. Große Staaten können auch bei der elendesten Regierung und bei den größten Fehlern noch lange bestehen, aber ein Aufschwung, ein wirklicher Fortschritt ist nur durch das Eingreifen einer gewaltigen Persönlichkeit möglich.“

„Ich bin darin nicht ganz Ihrer Meinung, denn meiner Ueberzeugung nach sind es die wirtschaftlichen Verhältnisse, die von Zeit zu Zeit zu großen Umwälzungen drängen. Glauben Sie, daß den Russen beispielsweise die Eroberung Indiens gelungen wäre, wenn die dortigen wirtschaftlichen Verhältnisse innerhalb der eingebornen Bevölkerung besser gewesen wären?“

„Gewiß nicht. Auch ein großer Mann muß den Boden vorbereitet finden, auf dem seine Kraft sich betätigen soll. Und ich meine, daß unser Kanzler eben zur rechten Zeit auf dem Plane erschienen ist.“

Heideck beurlaubte sich von dem Kommandanten und zog sich in seine Kabine zurück, um einen Bericht aufzusetzen und dann die wohlverdiente Ruhe zu suchen.

Als er sich am nächsten Morgen Herrn Camille Pénurot kommen ließ, fand er ihn auffallend verändert. Der stutzerhafte Herr zeigte nicht mehr die niedergeschlagene Miene von gestern, seine dunklen Augen leuchteten wie in heller Zuversicht. Jetzt am Tage sah Heideck, daß sein Gefangener ein recht hübscher Mann von etwa 30 Jahren war, der mehr einem Spanier, als einem Niederländer glich.

Mit höflicher Verbeugung begrüßte er Heideck, und dann, — mit einer gewissen Vertraulichkeit, — fragte er:

„Verzeihen Sie, Herr Major, — wenn ich mich um das deutsche Reich verdient mache, werde ich dann auf eine entsprechende Belohnung rechnen dürfen?“

„Ich sagte Ihnen schon, Herr Pénurot, daß wir bereit sind, mehr zu zahlen, als die Engländer.“

„O, es war nicht das, was ich meinte. Sie dürfen mich nicht mit Maaning Brandelaar und derartigen Leuten auf dieselbe Stufe stellen.“

Heideck lächelte.

„Wollen Sie mir denn gefälligst sagen, Herr Pénurot, auf welchen Platz ich Sie stellen soll?“

„Ich bin willens, von nun an der Sache der Alliierten alle meine Kräfte zu widmen.“

„Angenommen! Aber welcher Art sind denn die Wünsche, die Sie hinsichtlich einer Belohnung hegen?“

„Ich möchte Sie um Ihre Verwendung bitten, Herr Major, daß ich einen Orden erhalte.“

Heideck konnte sein Erstaunen über diese sonderbare Bitte nicht verbergen.

„Solche Auszeichnungen werden bei uns in der Regel nur für Handlungen der Tapferkeit oder für Verdienste gegeben, die durch klingenden Lohn nicht entsprechend vergolten werden könnten.“

„Auch zu dem, was ich tun will, bedarf es der Tapferkeit.“

„Sie sollen mir doch nur helfen, die Spione in Antwerpen aufzuspüren.“

„Aber es sind gefährliche Leute, deren Feindschaft ich mir zuziehe — Leute, deren Werkzeuge zu allem fähig sein würden.“

„Seien Sie versichert, Herr Pénurot, daß Ihre Belohnung den geleisteten Diensten entsprechen wird. Sie wissen doch wohl, daß ich selbst keine Orden zu verleihen habe, und überdies verstehe ich nicht recht, was Ihnen gerade an einer Dekoration gelegen sein kann.“

„Sie schätzen meine Gesinnung zu niedrig, Herr Major! Aber damit Sie mich verstehen, will ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Ich liebe eine Dame aus sehr guter Familie, und ihre Angehörigen würden sich entgegenkommender gegen mich zeigen, wenn ich einen Orden hätte.“

„Sie sind also mit Ihren Herzenswünschen vermutlich sehr hoch hinaufgestiegen?“

„Wie man es nehmen will. Ich befinde mich hinsichtlich meiner Herkunft in jener peinlichen Lage, die das Erbteil aller aus einem freien Liebesbunde hervorgegangenen Kinder ist. Meine Mutter war eine spanische Tänzerin, mein Vater aber ist der reiche Herr Amelungen. Er liebt mich und sorgt für mich. Auch das Geschäft in Breskens hat er für mich gekauft. Aber seine Frau, eine Engländerin, ist mir wenig freundlich gesinnt.“

„Ich verstehe Sie jetzt noch weniger wie zuvor! Denn wenn Sie über so reiche Hilfsquellen verfügen, weshalb, in aller Welt, lassen Sie sich dann auf derartige gefährliche Unternehmungen ein?“

„Herr Amelungen wünschte es, Herr Major.“

„In Herrn Amelungen also hätten wir den eigentlichen Schuldigen zu erblicken?“

„Um Gottes willen, Herr Major, Sie werden mein Vertrauen doch nicht mißbrauchen? Ich wäre trostlos, wenn ich durch meine Aeußerungen das Unglück des Herrn Amelungen verursachte.“

„Machen Sie sich keine unnötigen Sorgen. Herrn Amelungen wird ebensowenig etwas geschehen, wie Ihnen, wenn Sie ihn bestimmen können, die Partei zu wechseln und fortan zu uns statt zu den Engländern zu halten.“

Pénurot senkte den Kopf und schwieg.

„Wie ist es denn mit dem Herrn van Spranekhuizen in Rotterdam?“ fuhr Heideck fort. „Auch er ist natürlich mit im Bunde?“

„Er ist der Schwager meines Vaters. Seine Frau ist eine geborene Amelungen.“

„Und was hat eigentlich diese beiden Herren, die doch, wie ich höre, reiche Kaufleute sind, dazu bewogen, für England Spionage zu treiben?“

„O, Herr Major, das ist doch nicht so wunderbar! Frankreich hat Belgien besetzt, Deutschland die Niederlande. Darüber herrscht im Lande natürlich große Erbitterung.“

„Mag sein. Aber wohlhabende Kaufleute pflegen sich trotzdem nicht aus bloßem Patriotismus in Gefahr für Leib und Leben zu stürzen. Das tun in der Regel nur solche Leute, die nicht viel zu verlieren haben.“

„Ich sagte Ihnen bereits, daß meines Vaters Frau eine Engländerin ist. Ihr zuliebe tut er vieles, wozu ihn sonst gewiß nichts veranlassen würde. —“

Heideck erhielt die Meldung, daß die Dampfpinasse bereit sei, und er forderte Pénurot auf, mit ihm das Fahrzeug zu besteigen. Im Hafen von Vlissingen verabschiedete er sich für eine Weile von ihm, mit der Weisung, ihn in einer Stunde auf seinem Bureau aufzusuchen, dessen Lage er ihm genau bezeichnete. Er hegte keine Besorgnis, daß Pénurot die Flucht ergreifen würde. Dieses Herrn war er unbedingt sicher.


XXVII.

Auf seinem Bureau, das in der Nähe des Hotels zum ‚Herzog von Wellington‘ lag, fand Heideck seine Untergebenen in eifrigster Tätigkeit. Ein Leutnant war damit beschäftigt, die französischen und deutschen Zeitungen auf bemerkenswerte Mitteilungen hin durchzusehen, während ein anderer die russischen und die englischen Blätter studierte. Von den letzteren gab es freilich nicht viele und nicht die neuesten Nummern. Denn man war ausschließlich auf diejenige Lektüre angewiesen, die waghalsige Schiffer und Fischer heimlich von den britischen Inseln herüberschmuggelten.

Aus Petersburg lagen mehrere Depeschen vor, die neue Siegesnachrichten aus Indien brachten.

Die russische Armee war bis nach Lucknow vorgedrungen, ohne daß seit der Schlacht bei Delhi ein nennenswerter weiterer Zusammenstoß stattgefunden hatte. Es schien, als ob die Engländer vorläufig dem Feinde ihre Armee nicht mehr im offenen Felde entgegenstellen wollten, sondern darauf rechneten, daß die Russen bei der nunmehr herrschenden Sommerhitze und bei der enormen Länge ihrer Etappenstraßen nicht in genügender Stärke bis zu den südlichen Provinzen gelangen würden, um einen dort zu leistenden energischen Widerstand zu brechen. Aber Heideck glaubte nicht mehr an die Möglichkeit eines solchen Widerstandes und schloß aus den Nachrichten über beständige Nachschübe durch den Kaiberpaß, daß alle Verluste der Russen rasch genug ersetzt würden. Den Engländern würde seiner Meinung nach kaum etwas anderes übrig bleiben, als die Trümmer ihrer Armee in den Häfen von Kalkutta, Madras und Bombay einzuschiffen und so wenigstens einen Teil der geschlagenen Streitkräfte aus Indien zu retten.

Während seines Verweilens in dem Bureau kamen unausgesetzt Depeschen aus Wilhelmshaven, Kiel, Brest und Cherbourg. Der Nachrichtendienst an der ganzen nördlichen Küste stand unter Heidecks Leitung.

Die strategische Lage war im großen und ganzen, von einzelnen Seegefechten abgesehen, seit Monaten unverändert. Auf englischer Seite sowohl wie auf Seite der Alliierten trug man Bedenken, sich auf eine entscheidende Schlacht einzulassen. Die englischen Flotten wagten so wenig einen Angriff auf die feindlichen Häfen, als die Geschwader der vereinigten Festlandsmächte geneigt erschienen, ihr Glück auf hoher See zu versuchen. Beide Parteien suchten Fühlung mit dem Feinde zu gewinnen, auf den günstigen Augenblick wartend, wo eine Schwäche des Gegners Aussicht auf ein erfolgreiches Vorgehen bieten würde.

„Es ist erstaunlich,“ sagte einer der Offiziere aus Heidecks Umgebung, „was diese Küstenbewohner riskieren. In ihren Fischerbooten fahren sie über den Kanal und schlüpfen an den Kriegsschiffen vorbei. Der Mann, der die neuesten englischen Zeitungen gebracht hat, sagte mir, daß er dicht in der Nähe der Kriegsschiffe hinführe, um den Eindruck der Harmlosigkeit zu erwecken. Und es bedarf fürwahr nicht geringen Mutes, um das zu wagen.“

„Aber die Spione unserer Gegner stehen ihnen darin nicht nach. Ich habe gestern mehr zufällig als durch eigenes Verdienst in der Scheldemündung einen in englischem Solde stehenden Heringsfischer ertappt, und ich bin dabei auf eine anscheinend wichtige Spur gestoßen, die ich in Antwerpen weiter zu verfolgen gedenke. Zuvor aber will ich mich bei dem Kanzler melden.“

„Sie finden ihn nicht mehr in Vlissingen. Er ist mit dem Kriegsminister und dem Chef des Generalstabs nach Antwerpen gefahren, wie ich höre, zum Zwecke wichtiger Verhandlungen mit dem französischen Generalstabschef.“

„Haben Sie vielleicht auch etwas näheres über die Natur dieser Verhandlungen in Erfahrung bringen können?“

„Nur soviel, daß die Frage weiterer Mobilmachungen erörtert werden soll. Es scheint jedoch, als hielte man die sechs Armeekorps, die wir bis jetzt auf Kriegsfuß haben, für unsererseits ausreichend. Wir führen keinen Landkrieg, weshalb also sollte man den Völkern ohne zwingende Not die Lasten einer weiteren Mobilmachung auferlegen?“

„Freilich, die Opfer, die dieser Krieg fordert, gehen ja ohnedies ins Ungemessene, da Industrie und Handel völlig darniederliegen.“

„Niemand gewinnt bei diesem Weltenbrande als Amerika. Die Vereinigten Staaten liefern seit Ausbruch des Krieges den Engländern alles, was sie bisher von dem europäischen Kontinent bezogen.“

„Nun, nach der Entscheidung wird sich ja alles wieder ausgleichen. Jetzt aber, da es hier nichts Dringendes mehr für mich zu tun gibt, ist es wohl an der Zeit, daß ich mich nach Antwerpen begebe.“


Eberhard Amelungen vermochte seine Betroffenheit nicht zu verbergen, als er einen Offizier in der Uniform des preußischen Generalstabs über die Schwelle seines Privatkontors treten sah.

Er war ein Mann von etwa sechzig Jahren und der typischen Erscheinung des soliden, ehrenhaften Kaufmanns.

„Ich bin einigermaßen überrascht, mein Herr,“ sagte er gemessen. „Womit kann ich Ihnen dienen?“

Heideck stellte sich vor und nannte ihm ohne Umschweife die Ursache seines Erscheinens.

„Ich habe Grund, zu vermuten, Herr Amelungen, daß Sie, wenn nicht alle, so doch einige Hauptfäden eines weitverzweigten Spionagenetzes in Ihren Händen halten. Und ich glaube, daß es in Ihrem Interesse liegen würde, mir aus freien Stücken die volle Wahrheit zu sagen. Wir wissen schon so viel, daß es Ihnen voraussichtlich wenig nützen wird, sich aufs Leugnen zu verlegen.“

Amelungen spielte mit dem Federhalter, aber seine Hände zitterten merklich, und er suchte vergebens nach Worten. Sein Gesicht war aschfahl geworden, und Heideck konnte sich einer Regung des Mitleids nicht erwehren.

„Es tut mir leid, durch mein Amt zum Vorgehen gegen Sie gezwungen zu werden,“ fuhr er fort. „Ich kann ja Ihre Beweggründe sehr wohl verstehen. Sie sind Niederländer und Patriot, und da Sie die politische Lage vielleicht nicht vollkommen verstehen, stellt sich Ihnen die Okkupation Ihres Vaterlandes durch eine fremde Macht als ein Gewaltakt dar, der Sie mit Haß und Zorn gegen uns erfüllt. Darum glaube ich, Ihnen versprechen zu dürfen, daß man Sie mit aller nur möglichen Milde behandeln wird, sofern Sie mir meine Aufgabe durch ein offenes Geständnis erleichtern.“

Eberhard Amelungen schüttelte den Kopf.

„Ich weiß nichts von dem, dessen Sie mich da beschuldigen,“ sagte er tonlos. „Sie haben die Gewalt in Händen und können daher über mich verfügen. Aber ich habe nichts zu gestehen.“

„Auch dann nicht, wenn ich Ihnen sage, daß ich meine Wissenschaft aus dem Munde Ihres eigenen Sohnes habe?“

Der Kaufmann starrte den Sprechenden mit großen, angstvollen Augen an.

„Aus dem Munde meines Sohnes? — Aber ich — ich habe ja gar keinen Sohn.“

„So hat Herr Camille Pénurot also gelogen, als er Sie seinen Vater nannte?“

„Um Gottes willen, seien Sie barmherzig! Spannen Sie mich nicht auf die Folter! Was ist’s mit Camille? Wo befindet er sich? —“

„Er ist bei der Ausübung der Spionage betroffen worden. Und was weiter mit ihm geschieht, wird zum großen Teil von Ihrem eigenen Verhalten abhängen.“

Eberhard Amelungen fiel wie gebrochen in seinen Schreibsessel.

„Mein Gott — mein Gott! — Sie haben doch nicht die Absicht, ihn ins Gefängnis zu werfen — ihn vielleicht gar zu erschießen?“

„Sein Schicksal liegt, wie Sie sich denken können, nicht allein in meiner Hand. Aber mein Einfluß ist vielleicht gerade in diesem Fall ziemlich bedeutend, und es würde jedenfalls von Wert sein, wenn ich ihn zu Ihren und zu seinen Gunsten in die Wagschale werfen würde. Darum gebe ich Ihnen noch einmal zu bedenken, ob Sie nicht nach Lage der Dinge am besten tun würden, ganz offen gegen mich zu sein. Ihre Hintermänner können Sie nicht mehr schützen, und Sie dürfen Ihre Hoffnungen nur noch auf die Milde der deutschen Behörden setzen. Weisen Sie darum die Möglichkeit nicht zurück, sich diese Milde zu sichern.“

Der Handelsherr kämpfte ersichtlich einen schweren Kampf. Aber nach Verlauf einiger Augenblicke hob er den Kopf und erwiderte in einem veränderten, trotzig klingenden Tone:

„Machen Sie mit mir, was Sie wollen — ich habe nichts zu gestehen.“

Nun nahm auch Heideck eine strengere, dienstliche Haltung an.

„Dann werden Sie sich nicht beklagen dürfen, wenn ich jetzt damit beginne, eine Haussuchung bei Ihnen vorzunehmen.“

„Verfahren Sie, wie Sie es für gut halten. Der Eroberer darf sich ja alles herausnehmen.“

Heideck öffnete die Tür und ließ zwei der Berliner Kriminal-Polizisten eintreten, die mit einer großen Anzahl von Schutzleuten nach Antwerpen kommandiert worden waren, und die er sich für diesen Gang ausgebeten hatte. Er war allerdings von vornherein überzeugt, daß sie nichts finden würden; denn Eberhard Amelungen wäre sehr ungeschickt gewesen, wenn er sich nicht längst auf die Möglichkeit eines solchen Besuches vorbereitet und danach seine Maßnahmen getroffen hätte. Es war dem Major, als er sie mitgebracht hatte, viel mehr um den moralischen Eindruck der ganzen Prozedur zu tun gewesen. Und er war Menschenkenner genug, um zu sehen, daß dieser in der Tat nicht ausblieb.

„Noch eins, Herr Amelungen,“ sagte er. „Ungefähr in demselben Augenblick, wo wir hier mit der Nachsuchung beginnen, wird eine solche auch in Ihrer Privatwohnung erfolgen. Ich erwarte in jeder Minute den Bericht der damit betrauten Beamten.“

Amelungen atmete schwer. Sein scheuer Blick suchte in Heidecks Gesicht zu lesen. Dann, nach einem letzten inneren Kampfe, flüsterte er:

„Schicken Sie diese Leute hinaus, Herr Major! — Ich möchte unter vier Augen mit Ihnen reden.“

Als Heideck seinem Verlangen Folge geleistet hatte, fuhr er in hastigen, wie in schwerer Anstrengung hervorgestoßenen Worten fort:

„Sie sehen in mir einen Bedauernswerten, der ganz gegen seinen Wunsch und Willen in Verhältnisse verwickelt worden ist, die ihn kompromittieren. Wenn es hier einen Schuldigen gibt, so sind es mein Schwager van Spranekhuizen und die Dame in Brüssel, die mit meiner Frau korrespondiert. Ich habe hier und da die Mittelsperson gemacht, wenn es sich um die Beförderung der Korrespondenzen oder um die Ueberweisung von Geldbeträgen an die Gräfin — an die Dame handelte; aber ich habe persönlich niemals irgend welchen Anteil genommen an den Dingen, die dabei in Frage standen.“

„Das ist eine Auskunft, die mir nicht genügen kann. Ich setze keinen Zweifel in die Wahrheit Ihrer Worte, aber ich müßte über alle Einzelheiten unterrichtet sein, ehe ich von weiteren Maßnahmen gegen Sie abstehen könnte. Wer ist die Dame, von der Sie sprachen?“

„Eine frühere Hofdame der verstorbenen Königin.“

„Und ihr Name?“

„Gräfin Clementine Arselaarts.“

„Wie sind Sie zu ihrer Bekanntschaft gekommen?“

„Sie ist eine Freundin meiner Frau, die sie im vorigen Jahre gelegentlich eines Aufenthalts in Brüssel kennen lernte.“

„Und Ihre Frau ist eine Engländerin?“

„Ja — eine geborene Irwin.“

Eine Flut wehmütiger Erinnerungen stürmte beim Klang dieses Namens auf Heideck ein.

„Irwin?“ wiederholte er. „Hat diese Dame vielleicht auch Verwandte in der britischen Armee?“

„Ich hatte einen Schwager, der als Kapitän bei den indischen Lancers diente. Aber er ist nach den uns zugegangenen Nachrichten in der Schlacht bei Lahore gefallen.“

Der Major hatte Mühe, seine Erregung zu meistern, doch als hätte er sich schon zu lange von seiner Pflicht ablenken lassen, kehrte er hastig zu dem eigentlichen Gegenstand seines Verhörs zurück.

„Sie sagten, daß Sie der Gräfin Arselaarts Geldbeträge überwiesen haben. In wessen Auftrage? — Und für wessen Rechnung geschah dies?“

„Für Rechnung der englischen Regierung und auf die Ordre eines englischen Bankhauses hin, mit dem ich seit vielen Jahren in geschäftlicher Verbindung stehe.“

„Waren die Beträge bedeutend?“

„Sie beliefen sich während der letzten Zeit auf durchschnittlich zehntausend Francs im Monat.“

„Und in welcher Form erfolgte die Ueberweisung?“

„Ich sandte die Summen zuweilen in bar, manchmal auch in einem Scheck auf Brüsseler Bankhäuser.“

„Besitzen Sie irgend welche Ausweise darüber — vielleicht eine Quittung von der Hand der Gräfin?“

Amelungen zauderte.

„Ich empfehle Ihnen dringend, mir nichts vorzuenthalten. Für Sie wie für Ihre in diese Angelegenheit verwickelten Angehörigen steht so viel auf dem Spiel, daß Ihnen alles daran gelegen sein muß, sich durch freimütiges Bekennen eine milde Behandlung zu erwirken.“

„Nun denn — ich besitze solche Quittungen.“

„Wollen Sie sie mir aushändigen?“

Amelungen zog eine Schublade aus seinem Schreibtisch und ließ durch Federdruck ein dahinter verborgenes Geheimfach aufspringen.

„Da sind sie!“ sagte er, indem er Heideck ein Päckchen von Briefblättern überreichte. Das scharfe Auge des Majors aber hatte mit raschem Blick erspäht, daß sich noch andere Papiere in dem Fache befanden, und mit höflicher Bestimmtheit bestand er auch auf deren Auslieferung.

„Es sind belanglose Privatbriefe,“ wollte Amelungen einwenden, „Korrespondenzen meiner Frau, die sie zufällig hier in meinem Kontor zurückgelassen und von deren Inhalt ich selbst keine Kenntnis habe.“

„Seien Sie versichert, daß wir mit harmlosen Privatkorrespondenzen keinen Mißbrauch treiben. Aber ich muß unbedingt das Recht in Anspruch nehmen, mich zuvor durch eigene Prüfung von der Richtigkeit Ihrer Aussagen zu überzeugen.“

Der Kaufherr mochte wohl einsehen, daß es kein Ausweichen mehr gab, und überreichte sichtbar erregt Heideck das kleine Konvolut.

Der Major nahm es an sich, ohne den Inhalt sogleich einer genaueren Prüfung zu unterziehen.

„Und Sie versichern mir bestimmt, Herr Amelungen, daß sich sonst nichts auf diese Angelegenheit Bezügliches in Ihren Händen befindet?“

„Nichts! Ich versichere es Ihnen bestimmt, Herr Major!“

Heideck stand auf.

„So lege ich Ihnen hiermit die Verpflichtung auf, daß Sie keinen Versuch machen, die Stadt zu verlassen oder sich sonstwie den deutschen Behörden zu entziehen. Sie werden diese Verpflichtung nicht nur für Ihre eigene Person, sondern auch für die Ihrer Gattin übernehmen; und Sie werden mir außerdem versprechen, sofort alle Beziehungen zu den in diese Spionage-Angelegenheit verwickelten Persönlichkeiten abzubrechen — es sei denn, daß Sie auf unsere Veranlassung und im Einvernehmen mit uns handelten.“

Eberhard Amelungen, dessen Widerstandskraft in dieser qualvollen Stunde gänzlich gebrochen schien, nickte zustimmend.

„Ich verspreche Ihnen das eine wie das andere, Herr Major!“

Heideck ließ einen Kriminalbeamten, nachdem er ihm Instruktionen erteilt hatte, zur Beobachtung zurück und begab sich unverzüglich in das Bureau des Oberstleutnants von Nollenberg, der dem Nachrichtendienst für Antwerpen vorstand. Er berichtete ihm von dem Ergebnis seiner Unterredung und prüfte in seiner Gegenwart die konfiszierten Papiere.

Es waren zum guten Teil Briefe der Gräfin Clementine Arselaarts an Frau Beatrix Amelungen, und, abgesehen von einigen Wendungen, die zu Wachsamkeit und Schnelligkeit mahnten, von unverfänglichem Inhalt.

Daneben aber befand sich in einem besonderen, mehrfach versiegelten Umschlage ein auf allen vier Seiten engbeschriebenes Briefblatt, das nicht ohne weiteres leserlich war, weil die Buchstaben scheinbar ganz regellos und willkürlich durcheinander geworfen waren.

„Chiffreschrift!“ sagte Heideck. „Aber wir werden schon dahinter kommen, was sie verbirgt. Sie haben ja einige tüchtige Dechiffreure zu Ihrer Verfügung, Herr Oberstleutnant, und es dürfte gut sein, wenn sie sich sofort an die Arbeit machten.“

Er setzte die Prüfung fort, und plötzlich schlug es wie eine Blutwelle in sein Gesicht, denn in seinen Händen hielt er jetzt einen Brief, dessen Handschrift er auf den ersten Blick als diejenige Ediths erkannt hatte.

Er lautete:

‚Liebe Beatrix! Wie Du siehst, bin ich wieder in England angekommen. Du weißt, daß ich als Witwe zurückgekehrt bin, und Du darfst mir glauben, daß es schreckliche Dinge waren, die ich erleben mußte. Dein Bruder ist bei Lahore auf dem Felde der Ehre gefallen; mir aber ist es nach unsäglichen Schwierigkeiten gelungen, unter dem Schutze des Generalanwalts Kennedy und seiner Familie Indien zu verlassen. Ich müßte ein Buch füllen, um Dir alle Schrecknisse unserer Reise zu schildern. Doch es ist wohl jetzt nicht der rechte Zeitpunkt, über ein trauriges Einzelschicksal zu klagen. Wir alle sind Fremdlinge und Pilger auf Erden, die ihr Kreuz tragen müssen, so wie es ihnen eben auferlegt wurde.

Der unmittelbare Anlaß meines heutigen Schreibens ist eine Angelegenheit, in der ich Deiner Meinungsäußerung bedarf. Als ich hier bei meinen Eltern ankam, erfuhr ich, daß Onkel Godfrey am 16. April gestorben ist. Ich weiß nicht, ob Du bereits Kenntnis davon hast, da ja jede regelmäßige Verbindung mit dem Kontinent unterbrochen ist. Onkel Godfrey hat ein Testament hinterlassen, in dem er sein ganzes Vermögen Dir als seiner Nichte und meinem verstorbenen Mann zu gleichen Teilen vermacht. Sein Besitz ist größer gewesen, als mein Mann ihn geschätzt hatte. Nach der Teilung würde meinem Mann ebenso wie Dir eine jährliche Rente von 5000 Pfund zugefallen sein. Nun ist Dein Bruder aus dem Leben geschieden, ohne eine letztwillige Verfügung zu hinterlassen. Aber mein Rechtsanwalt sagt mir, daß ich als seine alleinige Erbin Anspruch auf den ihm zugefallenen Teil des Nachlasses habe. Um mich darüber mit Dir verständigen zu können, habe ich mich hierher nach Dover begeben; denn ich habe erfahren, daß es nur mit Hilfe des Admiral Hollway, der den Sicherheitsdienst unserer Küste leitet, möglich sein würde, den Brief nach Antwerpen gelangen zu lassen. Zu meiner Ueberraschung teilte mir der Admiral mit, daß ihm Dein Name bekannt sei, und er übernahm es bereitwilligst, diesen Brief an Dich zu befördern. So bitte ich Dich denn um Deine Zustimmung zu einer Teilung von Onkel Godfreys Erbschaft zwischen Dir und mir. Ich glaube ja nicht, daß Du irgend welche Bedenken haben wirst, aber ich halte es für geboten, Deine ausdrückliche Einwilligung einzuholen. Ich werde mich freuen, von Dir zu hören, daß es Dir wohl geht.

Getreulich die Deinige! Edith Irwin.

P. S. In Indien habe ich die Bekanntschaft eines deutschen Offiziers gemacht, der mir während der Schreckenszeit des Krieges große Dienste leistete und mir wiederholt das Leben gerettet hat. Er ist mit der Familie Kennedy und mir auf der ‚Caledonia‘ bis nach Neapel gefahren und von dort nach Berlin weitergereist, während wir unsere Reise auf einem Kriegsschiff durch die Straße von Gibraltar nach Southampton fortsetzten. Dieser Offizier ist ein Hauptmann Heideck vom preußischen Generalstab. Ich würde Dir dankbar sein, wenn Du Dich erkundigen wolltest, wo er sich gegenwärtig befindet. Es liegt mir daran, seine Adresse zu erfahren. Ich bleibe vorläufig in Dover, und Briefe erreichen mich unter der Adresse der Mrs. Jones, 7 St. Pauls Street.‘

Eine Welt peinigender Erinnerungen lebte beim Lesen dieses Briefes in Heidecks Herzen auf. Er zweifelte keinen Augenblick, daß die Nachschrift, in der sein Name vorkam, der eigentliche Zweck des Schreibens war. Alles andere war sicherlich nichts als ein Vorwand; denn er wußte, mit welcher Gleichgiltigkeit Edith alle ihre Geldangelegenheiten behandelte, und war überzeugt, daß es ihr mit der Regelung dieser Erbschaft durchaus nicht so eilig war, als es nach ihrem Brief den Anschein haben mußte.

Der Oberstleutnant trat auf ihn zu und sagte:

„Die Entzifferung des Schriftstücks ist schneller gelungen, als ich zu hoffen gewagt. Und ich habe sofort an das Polizeiamt in Schleswig telegraphiert, daß der Verfasser, ein gewisser Brodersen, unverzüglich verhaftet werde. Bitte überzeugen Sie sich selbst, was für Freunde wir dort unter den Dänen haben.“

Heideck las:

‚Im Kieler Hafen liegen von größeren Kriegsschiffen nur die Schlachtschiffe ‚Oldenburg‘, ‚Baden‘, ‚Württemberg‘, ‚Bayern‘, ‚Sachsen‘, die großen Kreuzer ‚Kaiser‘, ‚Deutschland‘, ‚König Wilhelm‘, die kleinen Kreuzer ‚Gazelle‘, ‚Prinzeß Wilhelm‘, ‚Irene‘, ‚Komet‘ und ‚Meteor‘, sowie die Torpedodivisionsboote ‚D 5‘ und ‚D 6‘ mit ihren Divisionen. Außerdem ca. 100 große und kleine Dampfer des Norddeutschen Lloyd, der Hamburg-Amerika-Linie, der Stettiner Gesellschaft u. a. Alle großen Dampfer sind mit Schnellfeuerkanonen und Maschinengewehren, die kleinen nur mit Maschinengewehren ausgerüstet. Aus Hannover, Mecklenburg, Pommern und der Provinz Sachsen sind 50000 Mann Infanterie und Artillerie mit nur zwei Regimentern Husaren in der Nähe von Kiel zusammengezogen worden. Ueber die Pläne der deutschen Regierung gehen die Ansichten meiner Freunde auseinander. Möglicherweise ist ein Heranziehen von Linienschiffen durch den Kaiser Wilhelm-Kanal und ein mit der russischen Flotte kombinierter Angriff auf die britische Flotte bei Kopenhagen beabsichtigt.

Am wahrscheinlichsten ist, daß die Transportflotte die bei Kiel zusammengezogene Armee aufnehmen und durch den Kaiser Wilhelm-Kanal in die Nordsee bringen soll, wo dann eine Vereinigung mit der bei Antwerpen liegenden deutschen Schlachtflotte und den von Cherbourg herüberkommenden französischen Geschwadern stattfinden würde. Unter dem Schutze der Schlachtflotte würde man versuchen, die deutsche Armee und die von Boulogne kommenden französischen Truppen bei Dover oder sonst einem nahen Punkte der englischen Küste an Land zu bringen.

Ich bestätige Herrn van Spranekhuizen den Empfang von 10000 Frs, bitte aber um weitere Uebersendung des doppelten Betrages. Meine Agenten setzen ihr Leben ein und wollen nicht billiger arbeiten.‘

„Auch du, mein lieber Brodersen, hast dein Leben eingesetzt,“ sagte der Oberstleutnant ernst, „und ich möchte in diesem Augenblick nicht allzuviel dafür geben.“

„Diese Notizen sind für uns recht lehrreich,“ bemerkte Heideck. „Wenn wir den Admiral Hollway in dem Glauben bestärken, daß wir nicht von Kiel, sondern von Antwerpen aus eine Landung der deutschen Truppen in England beabsichtigen, so wird unsere in Kiel vereinigte Transportflotte mit um so größerer Sicherheit die Nordsee passieren und die Landung in Schottland bewerkstelligen können.“


XXVIII.

Aus Brüssel meldete der Oberst Mercier-Milon, daß er die Gräfin Arselaarts verhaftet habe und einen guten Fang gemacht zu haben glaube. Die Gräfin sei stark verschuldet und treibe großen Aufwand. Bis vor kurzem hätte sie sich des finanziellen Beistandes einer hohen Persönlichkeit zu erfreuen gehabt, seitdem diese sich aber im Auslande befinde, seien ihre Hilfsquellen versiegt, und sie habe seither den Engländern vermutlich gegen hohe Belohnung Spionendienste geleistet. Er sei im Begriffe, ein weit verzweigtes Netz von Kundschaftern in Belgien und Frankreich aufzudecken.

Auch Herr van Spranekhuizen und Hinnerk Brodersen in Schleswig waren im Laufe desselben Vormittags verhaftet worden.

„Hätten wir nur sichere Auskunft über die Stärke der britischen Flotte,“ sagte der Oberstleutnant, der Heideck diese Mitteilungen gemacht hatte. „Zuweilen bin ich wirklich geneigt, zu glauben, daß diese Flotte durchaus nicht so gefechtstüchtig ist, wie bisher von aller Welt angenommen wurde. Es ist eben für den Außenstehenden so gut wie unmöglich, in die Zustände der englischen Marine einen klaren Einblick zu gewinnen. Ganz methodisch werden, soweit ich zurückdenken kann, falsche Berichte über die Flotte offiziell, offiziös und privatim verbreitet. Von Zeit zu Zeit tritt dann im Parlament irgend ein von der Regierung dazu bestimmter Redner auf, der die Marineverwaltung in der heftigsten Weise angreift. Dieser wird von einem Vertreter der Admiralität widerlegt, und der Welt ist wieder einmal Sand in die Augen gestreut worden. An einem der letzten Geburtstage der Königin Viktoria war, wie es hieß, ein gewaltiges Geschwader auf der Reede von Spithead zur Revue vereinigt. Aber es wurde keinem Ausländer ermöglicht, diese imposante Flotte näher zu betrachten, und ich bin sehr geneigt, zu glauben, daß es mit ihr ganz ähnlich bestellt war, wie mit jenen berühmten Kulissendörfern, die Potemkin der russischen Kaiserin bei ihrer Reise nach der Krim zeigte. Die offiziellen Angaben gehen dahin, daß England über 400 Kriegsschiffe hat, wobei die Torpedoboote nicht eingerechnet sind. Darunter sind aber recht viel veraltete und wenig kriegstüchtige Fahrzeuge.“

Heideck nickte.

„Wäre die englische Flotte wirklich so kriegstüchtig, wie man glaubt, so wäre es ja in der Tat schwer zu verstehen, daß sie noch nichts Entscheidendes unternommen hat.“

„Das ist auch meine Ansicht. Die Flotte von Kopenhagen hätte längst einen Angriff auf den Kieler Hafen ins Werk setzen können. Es hieß ja, sie solle die russische Flotte in Schach halten. Aber das war ja doch anfänglich überflüssig, so lange der Bottnische und der Finnische Meerbusen vom Eise blockiert waren und die russischen Geschwader sich gar nicht bewegen konnten. Diese Kriegführung erinnert lebhaft an die Zustände im Krimkriege, wo eine gewaltige englische Flotte unter allen Posaunenstößen der Reklame gegen Kronstadt und Petersburg auszog, aber nichts anderes ausrichtete, als das Bombardement des obskuren Bomarsund, so daß die englische Presse nur mit Mühe das große Fiasko ihrer weltberühmten Flotte bemänteln konnte.“

„Ich denke,“ sagte Heideck, zu dem Ausgangspunkt ihrer Unterhaltung zurückkehrend, „daß wir uns um die Verbindungen der Gräfin Arselaarts und der Herren Amelungen und Konsorten nicht weiter zu kümmern brauchen. Mit diesen Leuten mögen sich jetzt die Kriegsgerichte beschäftigen. Ungleich wichtiger ist mir der Schiffer Brandelaar, den ich in der Hand habe, und durch den, vielleicht im Verein mit Camille Pénurot, ich noch Nachrichten über die britische Flotte und deren beabsichtigte Verwendung zu erhalten hoffe. Brandelaars Schiff dürfte jetzt vor Terneuzen liegen. Ich möchte Sie bitten, Herr Oberstleutnant, den Mann und seine Leute noch heute verhaften zu lassen.“

„Wie stimmt das zu Ihrer Absicht, ihn als Spion in unserem Interesse zu benutzen?“

„Ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß es sich dabei um eine zwischen Brandelaar und mir getroffene Verabredung handelt. Er selbst hielt es zu seiner eigenen Sicherheit der Mannschaft gegenüber für geboten. Natürlich darf es sich nur um ein Scheinverhör handeln, und der Mann muß wegen Mangels an Beweisen sobald als möglich wieder freigelassen werden, damit er schon morgen nach England zurückkehren kann.“

Der Oberstleutnant versprach, nach dem Wunsche des Majors zu verfahren.

Am Abend desselben Tages traf Heideck in einer verabredeten Weinstube mit Pénurot zusammen.

„Unser Geschäft ist etwas verwickelt,“ sagte Heideck. „Es muß doch noch mehr Leute geben, die für Ihren Vater arbeiten, und die wir bisher nicht kennen.“

„Woraus schließen Sie das, Herr Major?“

„Ihr Vater besaß Briefe, die vom Admiral Hollway bestellt worden waren, aber nicht durch Brandelaar befördert worden sind.“

„Ja, ja, ich weiß. Ich kann mir’s denken.“

„Wissen Sie, wer die Ueberbringer waren?“

„Ich kenne sie nicht genau, aber ich habe meine Vermutungen.“

„Können Sie mir keine sicheren Auskünfte verschaffen?“

„Ich will es versuchen.“

„Wie wollen Sie das anfangen?“

„Es gibt hier Matrosenkneipen, in denen ich die Leute aufzuspüren hoffe. Aber es sind verzweifelte Burschen, und es ist nicht ungefährlich, sich mit ihnen einzulassen.“

„Wenn Sie mir jene Kneipen näher bezeichnen wollen, werde ich noch heute Abend die ganze Gesellschaft, die dort verkehrt, festnehmen lassen.“

„Um des Himmels willen nicht, Herr Major! Damit würden wir alles verderben. Diese Menschen würden sich eher in Stücke schneiden lassen, als daß sie Ihnen etwas verrieten. Wenn jemand sie zum Reden bringen kann, so bin ich es.“

„Sollten Sie sich da nicht zuviel zutrauen?“

„Nein, nein. Ich verstehe mich darauf, mit ihnen umzugehen, und ich weiß manches, was ihnen den Mund öffnen wird.“

„Nun wohl, so tun Sie, was Sie können. Die Sache ist wichtig. Mir liegt sehr viel an einem Mann, der zuverlässige Auskunft über die britische Flotte beschaffen könnte, und Sie wissen, daß wir mit Geld nicht sparen.“

Pénurot war auf der Stelle bereit, das schwierige Unternehmen zu versuchen, und er verabschiedete sich von Heideck mit dem Versprechen, bald nach Mitternacht hier in der nämlichen Weinstube wieder mit ihm zusammenzutreffen.

Bald nach ihm verließ Heideck das Restaurant und ging, seine heiße Stirn zu kühlen, den Quai Van Dyck entlang.

Die Stadt hatte in dieser Kriegszeit ein eigentümlich verändertes Aussehen angenommen. In den Straßen wimmelte es von deutschen Soldaten, der sonstige lebhafte Verkehr am Hafen hatte vollständig aufgehört. Es gab ja keinen Handel mehr, seitdem die deutschen Kriegsschiffe gleich schwimmenden Zitadellen in der Schelde lagen. Und doch war es beinahe unbegreiflich, wie das alles so schnell hatte kommen können. Antwerpen war eine fast uneinnehmbare Festung, wenn die Ueberschwemmung des umliegenden Landes rechtzeitig ins Werk gesetzt wurde. Aber die belgische Regierung hatte nicht einmal einen Versuch der Verteidigung gemacht, als die Spitzen des siebenten und achten Armeekorps in der Nähe der Stadt erschienen waren. Ohne weiteres hatte sie die Festung mit all ihren starken Außenforts der deutschen Heeresleitung ausgeliefert und ihre eigene Armee zurückgezogen. Der Reichskanzler hatte wohl recht, wenn er die Bedeutung Antwerpens für das Deutsche Reich so hoch bewertete. Die Bevölkerung war fast ausschließlich vlämisch, und Antwerpen war somit der Nationalität nach eine deutsche Stadt.

Aber von der allgemeinen Weltlage kehrten Heidecks Gedanken an diesem Abend immer wieder zu Edith und ihrem Briefe zurück, so daß er sich endlich dazu entschloß, ihr noch heute zu schreiben.

Um seinen Plan auszuführen, ging er in das Restaurant zurück, in dem seine Zusammenkunft mit Pénurot stattgefunden hatte, und ließ sich Papier und Tinte geben. Als er den Brief beendet hatte, überflog er noch einmal die Zeilen, in denen er, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, sein Herz hatte sprechen lassen: