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Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman cover

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Chapter 33: XXXI.
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About This Book

A speculative political-military narrative offers a prophetic vision of a global war sparked by imperial rivalry and colonial tensions. Through council scenes, military recollections, and imagined dispatches, it traces how strategic calculations and nationalist anxieties lead major continental powers to align against a maritime empire. Episodes shift between diplomatic conferences, frontier postings, and the narrator's reflections, depicting mobilization, alliance-building, and an envisioned redistribution of overseas possessions as the conflict unfolds and reshapes international order.

‚Meine liebe Edith! Durch einen Zufall gelangte ich bei Ausübung meines Dienstes in den Besitz des Briefes, den Du an Frau Amelungen geschrieben. Es geschah, als ich nach ganz anderen Dingen suchte, und Du kannst Dir wohl denken, wie groß meine Ueberraschung bei der unverhofften Entdeckung war.

Seit der Stunde, da wir uns trennen mußten und Du mir vielleicht nicht ohne Groll und Vorwurf die Hand zum Abschied reichtest, fühle ich immer mehr, wie unentbehrlich Du mir bist. Ich bewahre jedes Wort, das Du zu mir gesprochen, jeden Blick, den Du mir geschenkt, in meiner Erinnerung, und immer schöner, immer leuchtender steht Dein Bild vor meiner Seele.

Nie habe ich bei einer Frau einen so schönen, feinen und scharfen Geist gefunden wie bei Dir. Ich darf nicht verschweigen, daß Deine Gedanken mich anfangs zuweilen erschreckt haben: Deine Anschauungen entfernen sich oft so weit von dem Alltäglichen und erheben sich so hoch über das Gewöhnliche, daß man Zeit braucht, um sie recht zu würdigen. Wenn ich jetzt zurückdenke an das, was mich einst befremdete, so geschieht es nur mit Empfindungen der Bewunderung. Von Tag zu Tag hat sich der Eindruck vertieft, den ich bei unserer ersten Unterredung von Dir empfing, und immer unerschütterlicher ist in mir die beglückende Gewißheit geworden, daß die Liebe zu Dir der Inhalt meines ganzen künftigen Lebens sein wird.

Trotzdem darf ich es nicht beklagen, daß ich die Kraft hatte, mich in Neapel von Dir zu trennen. Der schöne Traum unseres Zusammenlebens wäre von der rauhen Wirklichkeit ja doch bald genug zerstört worden. Mein Dienst führt mich bald hierher, bald dorthin, und so lange dieser Krieg währt, bin ich nicht eine Stunde lang Herr über mich selbst. Wir müssen Geduld haben, Edith! — Auch dieser Feldzug kann nicht ewig währen, und wenn es der Himmel beschlossen hat, mich lebend aus ihm hervorgehen zu lassen, werden wir uns wiedersehen, um uns nie mehr zu trennen.

Du wirst mir auf diesen Brief vielleicht nicht antworten können. Denn die Verbindung mit Frau Amelungen ist unterbrochen. Aber ich weiß, daß Du mir antworten wirst, wenn es Dir möglich ist, und ich bin glücklich in der Vorstellung, Dir durch dieses Lebenszeichen eine Freude bereitet zu haben, der, wie ich hoffe, bald die noch schönere des Wiedersehens folgen wird.

Laß uns mit Geduld und mit Zuversicht dieser Stunde entgegenharren!‘

Er verschloß den Brief und steckte ihn zu sich, um ihn am folgenden Tage Brandelaar zu übergeben. Dann wartete er auf das Wiedererscheinen Pénurots, der ihm versprochen hatte, bis Mitternacht zurück zu sein. Aber obwohl Heideck noch fast eine Stunde über diese Zeit in der Weinstube verblieb, wartete er doch vergebens. Die Aeußerungen, die der natürliche Sohn des Herrn Amelungen über die Beschaffenheit der an diesem Abend von ihm aufgesuchten Gesellschaft getan, machten den Major um das Schicksal Pénurots besorgt, und ehe er in sein Quartier zurückkehrte, ging er zur städtischen Polizei, um zu ersuchen, daß man in den weniger gut beleumundeten Matrosenkneipen der Hafengegend nach Herrn Camille Pénurot forsche, von dessen Persönlichkeit er eine genaue Beschreibung gab.

Auch am nächsten Morgen war noch keine Nachricht von ihm da, und jetzt zweifelte Heideck kaum noch daran, daß die Angelegenheit einen für Pénurot unglücklichen Ausgang genommen habe. Aber er durfte sich in diesem Augenblick nicht mit Nachforschungen nach dem Verbleib des jungen Mannes aufhalten.

Von dem Oberstleutnant erfuhr er, daß Brandelaar, dessen Schiff in der Tat vor Terneuzen lag, mit seinen Leuten noch in der Nacht verhaftet, verhört und wieder entlassen worden war, ganz wie es zwischen den beiden Offizieren verabredet wurde.

Nun fuhr Heideck ebenfalls nach Terneuzen, um Brandelaar das auf seinem Bureau zusammengestellte Auskunftsmaterial für den Admiral Hollway nebst den für ihn so wichtigen privaten Informationen zu überbringen.

Zuletzt, als er ihm auf die versprochene Belohnung eine Anzahlung von tausend Francs geleistet, händigte er ihm mit genauen Anweisungen für die Art der Bestellung auch den Brief an Edith ein. Und der Schiffer, dessen Diensteifer für die deutsche Sache jetzt ohne Zweifel ehrlich war, versprach wiederholt, alles gewissenhaft und nach bestem Vermögen zu besorgen.

Als Heideck am Nachmittag nach Antwerpen zurückkehrte, fand er auf seinem Bureau die polizeiliche Benachrichtigung, daß man Camille Pénurots Leiche mit mehreren Messerstichen in Hals und Brust in einem der Hafenbassins gefunden habe. Die Nachforschungen nach den Tätern seien sofort aufgenommen worden. Bis jetzt aber fehle von ihnen noch jede Spur.


XXIX.

Nach der mit Heideck getroffenen Verabredung sollte Brandelaar bei seiner Rückkehr von Dover in Vlissingen anlegen, und der Major hatte die Wachtschiffe in der Mündung der Westerschelde angewiesen, die Smack unbehelligt und ohne Aufenthalt passieren zu lassen. Aber er wartete von Tag zu Tag vergeblich auf den Schiffer. Das Wetter konnte nicht an der Verzögerung schuld sein; denn für einen Mann von Brandelaars Wagemut war es gewiß nicht zu schlecht gewesen. Fast während der ganzen Zeit hatte ein mäßiger Nordwind geweht, so daß ein geschickter Schiffer die Fahrt von Dover nach Vlissingen recht wohl in einem Tage hätte zurücklegen können.

Es mußten also andere Ursachen sein, die den Mann noch immer drüben zurückhielten. Und Heideck fing schon an zu fürchten, daß entweder seine oft bewährte Menschenkenntnis ihn diesmal doch im Stiche gelassen habe, oder daß Brandelaar in England das Opfer irgend einer Unvorsichtigkeit geworden sei.

Für heute — es war eine volle Woche seit der Abfahrt des Schiffers vergangen — hoffte er am allerwenigsten auf seine Wiederkehr. Denn der Nordwind hatte sich gegen Abend fast bis zum Sturm gesteigert und rüttelte ungeberdig an den Fenstern des Hotelzimmers, in dem Heideck noch um Mitternacht am Schreibtisch saß.

Ein leises Klopfen veranlaßte ihn von seiner Arbeit aufzusehen. Wer konnte noch in dieser späten Stunde zu ihm kommen? Eine Ordonnanz aus seinem Tag und Nacht geöffneten Bureau war es sicherlich nicht, denn Soldatenfinger pflegen kräftiger zu klopfen.

Auf sein ‚Herein‘ öffnete sich zögernd die Tür, und Heideck sah in dem matt erleuchteten Korridor eine schlanke Gestalt in langem Wachstuchmantel mit großem Schifferhute, dessen Krempe tief in die Stirne gedrückt war.

Von einer tollen Vermutung durchzuckt, sprang Heideck auf. Noch in demselben Augenblick aber riß der vermeintliche Jüngling den Hut herab und breitete mit einem Jubelschrei die Arme aus:

„Mein teurer — mein geliebter Freund!“

„Edith!“

In diesem Augenblick verstummten in Heidecks Innern alle andern Gedanken und Gefühle vor der übermächtigen Freude des Wiedersehens. Er stürzte auf Edith zu und riß sie an seine Brust. Lange sprachen beide kein Wort. Aber sie wurden nicht müde, sich zu küssen und einander lachend wie übermütige Kinder in die Augen zu sehen.

Dann endlich, sich langsam aus seinen Armen befreiend, sagte Edith:

„Du zürnst mir also nicht, daß ich trotz deines Verbots gekommen bin? Du wirst mich nicht wieder von dir weisen?“

Ihre Stimme drang ihm ins Ohr wie süße, schmeichelnde Musik. Wo wäre der Mann gewesen, der dieser bestrickenden Stimme hätte widerstehen können?

„Ich möchte dir wohl zürnen, mein Lieb, aber ich kann nicht — bei Gott, ich kann es nicht!“

Und wieder begegneten sich ihre Lippen in einem langen, glühenden Kusse.

„Ich hätte nicht länger leben können ohne dich,“ flüsterte das junge Weib. „Ich mußte dich wiedersehen, oder ich wäre an meiner Sehnsucht gestorben.“

„Du Süße, Einzige! — Aber diese Verkleidung? — Und wie hast du es nur angefangen, über den Kanal zu kommen?“

„Ich habe den Weg eingeschlagen, den du mir gezeigt hast. — Und meine Verkleidung — mißfällt sie dir gar so sehr?“

Sie hatte den häßlichen, entstellenden Mantel abgeworfen und stand in einem dunkelblauen Matrosenanzug vor ihm. Selbst in der malerischen Kleidung eines indischen Radjah war sie ihm nicht reizender erschienen.

„Was mir daran mißfällt ist nur, daß auch andere Augen als die meinigen dich darin sehen durften. Aber du bist mir noch immer die Erklärung schuldig geblieben, wie du hierher gelangen konntest.“

„Mit deinem Liebesboten, deinem Postillon d’amour, der freilich etwas ungeschlacht und unbeholfen war für eine so zarte Mission.“

„Wie? Mit Brandelaar kamst du?“ rief Heideck überrascht.

„Ja! Schon in dem Augenblick, da ich deinen Brief aus seiner groben Seemannsfaust empfing, war mein Entschluß gefaßt. Ich fragte ihn, ob er nach Vlissingen zurückkehre, und als er es bejahte, erklärte ich, daß er mich mitnehmen müsse, es koste was es wolle. Ich würde ihm unbedenklich mein ganzes Vermögen für die Ueberfahrt bezahlt haben. Aber der Gute hat es sehr viel billiger getan.“

„Du Unbesonnene!“ schalt Heideck. Aber der Stolz auf sein schönes, unerschrockenes Lieb leuchtete ihm dabei hell aus den Augen. „Ich werde diesem Brandelaar ernsthafte Vorwürfe machen müssen, daß er seine Hand zu einem so gefährlichen Spiel bieten konnte. Warum aber hat er so lange mit der Rückkehr gezögert?“

„Ich glaube, er hatte allerlei Geschäfte geheimnisvoller Art. Und nicht er allein. Auch ich hatte meine Geschäfte. Denn ich wollte nicht mit leeren Händen zu dir kommen, mein Freund!“

„Nicht mit leeren Händen? Wie soll ich das verstehen?“

„Ich zerbrach mir den Kopf, womit ich dir wohl eine recht große Freude machen und deinen Zorn über mein plötzliches Erscheinen beschwichtigen könnte — diesen schrecklichen Zorn, vor dem ich eine solche Angst hatte. Und da ich von Brandelaar hörte, daß es deine Aufgabe sei, militärische Geheimnisse auszukundschaften —“

„Der gute Brandelaar ist ein Schwätzer. Es scheint ja, daß deine schönen Augen ihn verleitet haben, dir sein ganzes Herz auszuschütten.“

„Und wenn es so gewesen wäre?“ fragte sie mit schelmischem Lächeln. „Hättest du dann nicht alle Ursache, dich bei ihm wie bei mir dafür zu bedanken? — Aber freilich — du weißt ja noch nicht einmal, was ich dir mitgebracht habe. Bist du denn gar nicht neugierig?“

„Doch nicht etwa ein militärisches Geheimnis?“

Er sagte es in scherzendem Tone. Sie aber nickte mit wichtiger Miene.

„Jawohl — ein großes Geheimnis. Der Zufall war mein Bundesgenosse, sonst wäre ich schwerlich dazu gekommen. Da ist es! — Aber sei gewiß, daß ich eine entsprechende Belohnung dafür verlangen werde.“

Sie hatte ihm einen verschlossenen Umschlag gereicht, den sie so lange unter ihrer Kleidung verborgen gehalten hatte. Und als Heideck in wachsender Spannung das darin befindliche Blatt entfaltete, erkannte er auf den ersten Blick das blaue Stempelpapier der englischen Admiralität.

Sobald er die ersten Zeilen gelesen, fuhr er in heftigster Erregung auf. Sein Gesicht war dunkelrot geworden, und zwischen seinen Augenbrauen lag plötzlich eine scharfe, tiefeingeschnittene Falte.

„Was ist das?“ stieß er hervor. „Um Gottes willen, Edith, wie kamst du zu diesem Papier?“

„Wie ich dazu kam? — Ach, das ist doch ganz nebensächlich. Die Hauptsache ist doch, ob es für dich einen Wert hat oder nicht. Aber freust du dich denn nicht darüber?“

Wie hypnotisiert starrte Heideck noch immer auf das mit den gleichmäßigen Zügen einer geübten Kanzlistenhand beschriebene Blatt.

„Unfaßbar!“ murmelte er. Und dann, indem er seine Augen plötzlich mit einem beinahe drohenden Blick auf Edith richtete, wiederholte er:

„Wie bist du dazu gekommen?“

„Du fragst wie ein Untersuchungsrichter. Aber du magst es in Gottes Namen wissen. Der Bruder der Frau, bei der ich in Dover wohnte, ist als Geheimsekretär bei der Admiralität angestellt — ein armer, brustkranker Mensch, der keinen sehnlicheren Wunsch hatte, als den, sich auf Madeira oder in Aegypten von seinem Leiden zu kurieren. Ich habe durch die Gewährung der hierzu erforderlichen Mittel ein menschenfreundliches Werk getan. Ich bat ihn, mir gegen ein weiteres Geldgeschenk die Kopie eines wichtigen Schriftstückes seines Ressorts zu geben.“

Sie brach plötzlich ab, denn ein kurzes, schneidendes Auflachen Heidecks hatte sie mit Schrecken und Bestürzung erfüllt.

„Ein menschenfreundliches Werk!“ wiederholte er im Tone unsäglicher Bitterkeit. „Ja, wußtest du denn auch, was dieser Mensch dir da verkaufte?“

„Er sagte, es sei der Plan des englischen Flottenangriffs, und ich dachte, das würde dich interessieren.“

„Aber du warst dir der Tragweite deiner Handlung nicht bewußt, nicht wahr? du ahntest nicht, daß deinem Vaterlande ein unberechenbarer Schaden erwachsen könnte, wenn dieser Plan zur Kenntnis seiner Feinde gelangte?“

Etwas wie eine furchtbare Angst zitterte aus seiner Stimme. Edith aber schien seine Aufregung nicht zu begreifen.

„Ich verstehe dich immer weniger,“ sagte sie ungeduldig. „Hier gibt es doch nur zweierlei: Entweder hat dies Papier Bedeutung für dich, und dann solltest du mir umsomehr Dank wissen, je wichtiger es dir erscheint. Oder der Schreiber hat mich hinsichtlich seines Wertes getäuscht. Und dann verlohnt es nicht der Mühe, noch ein Wort weiter darüber zu verlieren.“

„Siehst du es so an, Edith?“ fragte er traurig. „Nur so? Dachtest du nur an dich und an mich, als du mit deinem Golde einen Unglücklichen bestachst, das schimpflichste aller Verbrechen zu begehen?“

„O, du hast starke Ausdrücke, Liebster! Ich war, bei Gott, auf derartige Vorwürfe nicht gefaßt. Gewiß dachte ich nur an dich und an mich, und ich schäme mich nicht im geringsten, es einzugestehen. Denn für mich gibt es eben auf der Welt nichts Wichtigeres als unsere Liebe.“

„Und dein Vaterland, Edith? — Gilt es dir nichts?“

„Mein Vaterland — was ist das? Ein Stück Erde mit Steinen, Bäumen, Tieren und Menschen, die mir gleichgültig sind, denen ich nichts verdanke und nichts schuldig bin. Warum sollte ich sie mehr lieben, als die Bewohner irgend eines anderen Himmelstriches, unter denen es ebensoviele Gute und Schlechte gibt wie unter ihnen? Ich bin eine Engländerin — nun gut: — Aber ich bin auch eine Christin. Und wer dürfte mich verdammen, wenn mir die Gebote des Christentums heiliger wären als alle engherzigen, nationalen Rücksichten? Wenn der Besitz dieses Papieres euch wirklich zu den Stärkeren machte — wenn England statt des erhofften Sieges, der den Krieg ins Endlose verlängern würde, auch hier eine Niederlage davontrüge — was wäre für die Menschheit damit verloren? Man würde vielleicht um so eher Frieden schließen, und in gerechtem Stolz auf meine Tat würde ich mich dann vor aller Welt zu ihr bekennen.“

Heideck hatte sie nicht unterbrochen, aber sie sah, daß ihre Worte keinen Weg gefunden hatten zu seinem Herzen. Mit düsterer Miene stand er vor ihr, schwer atmend, wie einer, dem eine schwere Last die Brust beengt.

„Vergib — aber ich vermag deinem Gedankengang nicht zu folgen,“ sagte er mit einem traurigen Kopfschütteln. „Es gibt Dinge, die sich nicht beschönigen lassen, welches Mäntelchen auch immer man ihnen umhängen mag.“

„Nun denn, wenn es deiner Meinung nach etwas so Ungeheuerliches war, was ich getan habe — was hindert uns dann, es ungeschehen zu machen? Gib mir das Papier zurück, ich werde es vernichten. Dann wird niemand durch meinen Verrat einen Schaden erleiden.“

Sie streckte ihren Arm nach dem Schriftstück aus, das Heideck noch immer in den Händen hielt. Aber er gab es ihr nicht, sondern barg es in der Brusttasche seines Uniformrocks.

„Dazu ist es zu spät. Jetzt, da ich weiß, was dieses Blatt enthält, gebietet mir mein Pflichtgefühl als Offizier, mich seiner auch zu bedienen. Du hast mich hier in einen furchtbaren Zwiespalt mit mir selbst gebracht.“

„Ah, ist das deine Logik? Dein Ehrgefühl verbietet dir nicht, die Früchte meines Verrats zu ernten; die Verräterin aber strafst du mit dem ganzen Gewicht deiner Verachtung.“

Er vermied es, ihrem flammenden Blick zu begegnen.

„Ich sagte nicht, daß ich dich verachte, aber — —“

„Nun, was willst du anderes sagen?“

„Nochmals — ich verachte dich nicht, aber es entsetzt mich, zu sehen, wessen du fähig bist.“

„Ist das nicht mit anderen Worten dasselbe? Man kann das Weib nicht lieben, vor dessen Handlungsweise man sich entsetzt. Sage mir’s doch frei heraus, daß du mich nicht mehr lieben kannst!“

„Es wäre eine Lüge, Edith, wenn ich es sagte. Unser Glück hast du getötet, nicht aber meine Liebe.“

Sie hörte von seiner Erwiderung nichts als die letzten Worte, und mit hell aufleuchtendem Blick warf sie sich an seine Brust.

„So schilt mich nach Gefallen, du strenger Mann! Ich will geduldig alles hinnehmen, wenn ich nur weiß, daß du mich noch liebst und daß du mein sein wirst, ganz mein, sobald dieser entsetzliche Krieg sich nicht mehr wie ein Schreckgespenst immer aufs neue zwischen uns drängt.“

Er hatte ihre Liebkosungen nicht erwidert, und nun drängte er sie mit sanfter Gewalt von sich.

„Verzeih, wenn ich dich jetzt verlassen muß,“ sagte er mit seltsam gepreßter Stimme, „aber ich muß mit Tagesanbruch in Antwerpen sein.“

„Ist es wirklich so dringend? Darf ich dich denn nicht begleiten?“

„Nein, das ist nicht möglich, denn ich werde auf einer Lokomotive fahren müssen.“

„Und wann kehrst du hierher zurück?“

Heideck wandte sein Gesicht ab.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht entsendet man mich weit fort von hier, so daß ich keine Möglichkeit finde, mich vorher von dir zu verabschieden.“

„Mit anderen Worten — du willst mich nicht wiedersehen? — Du schweigst? — Du hast nicht das Herz, mich zu belügen! Muß ich dich daran erinnern, daß du geschworen hast, mir zu gehören, wenn du in diesem Kriege das Leben behieltest?“

„Wenn ich das Leben behielte — ja!“

Der Ton seiner Erwiderung hatte sie getroffen wie ein Schlag. Und sie brauchte ihm nicht einmal mehr ins Gesicht zu sehen, um zu wissen, was in seinem Inneren vorging. Jetzt erst hatte sie begriffen, daß es keine Hoffnung mehr für sie gab. Heideck hatte nicht gelogen, als er sagte, daß er sie noch immer liebte, und der Abscheu, den er vor ihrer Handlungsweise empfand, entband ihn vor dem eigenen Gewissen nicht von seinem Wort. Aber da er es doch zugleich als eine unumstößliche Gewißheit empfand, daß er die Verräterin ihres Vaterlandes nimmermehr zu seinem Weibe machen könnte, drängte seine Auffassung von der Ehre des Mannes und des Offiziers ihn auf den einzigen Weg, der ihn aus diesem furchtbaren Widerstreit der Pflichten hinausführte.

Er hatte geschworen, sie zu heiraten, wenn er lebend aus diesem Krieg hervorginge. Und weil er seinen Schwur so wenig brechen wollte, als er ihn halten konnte, war er in diesem Augenblick entschlossen, den Zwiespalt dadurch zu lösen, daß er den Tod suchte, den zu finden sein Beruf ihm so leicht machte. Mit dem Scharfblick des liebenden Weibes las Edith in seiner Seele wie in einem offenen Buche. Und sie kannte ihn so gut, daß sie sich keinen Augenblick der Illusion hingab, durch Bitten oder durch Tränen seinen Sinn zu ändern. Sie wußte, daß dieser Mann im stande war, alles für sie zu opfern — nur nicht seine Ehre. Und nie war ihre Seele mehr erfüllt gewesen von demütiger Bewunderung, als in dem Augenblick, da die Erkenntnis, ihn für immer verloren zu haben, einen dunklen Schleier über all ihre sonnigen Zukunftshoffnungen breitete.

Sie sprach kein Wort. Und nun, da ihr Schweigen ihn veranlaßte, ihr sein Gesicht wieder zuzuwenden, sah sie den Ausdruck namenloser Qual in seinen sonst so beherrschten Zügen. Da erwuchs auch in ihr die Kraft des großen, befreienden, opfermutigen Entschlusses. Und aus den Niederungen egoistischer Leidenschaft erhob sich ihre Seele zu der Höhe selbstlosen Entsagens. Nie aber war es ihre Art gewesen, nur halb zu tun, was zu vollbringen sie sich einmal vorgenommen hatte. Was hier geschehen mußte, durfte nicht feige hinausgezögert werden, und kein weichmütiger Abschied durfte Heideck erraten lassen, daß ein Erkennen seiner Absichten ihre Handlungsweise bestimmt hatte.

Mit jener heroischen Selbstüberwindung, deren in solcher Lage vielleicht nur ein Weib fähig ist, zwang sie sich zu äußerer Gelassenheit und Ruhe.

„Dann hege ich keine Besorgnisse mehr wegen unserer Zukunft, mein Freund,“ sagte sie mit einem schmerzlichen Lächeln nach langem Schweigen. „Und ich will dich jetzt nicht länger zurückhalten; denn ich weiß ja, daß deine soldatischen Pflichten dir über alles andere gehen müssen. Ich bin glücklich, daß es mir vergönnt war, dich wiederzusehen. Um der Erfüllung deiner Pflicht in dieser ernsten, kriegerischen Zeit nicht hinderlich im Wege zustehen, gebe ich dich frei. Vielleicht führt deine Liebe dich einst freiwillig zu mir zurück. Doch nun lebe wohl.“

Ihr plötzlicher Entschluß und die Ruhe, mit der sie sich in die abermalige Trennung fügte, mußten ihm nach dem Vorhergegangenen fast unbegreiflich erscheinen. Aber ihr schönes Gesicht verriet so wenig von der verzweifelten Hoffnungslosigkeit ihres Herzens, daß er nach kurzer Ungewißheit auch diese seltsame Wandlung hinnahm, wie so viele andere Ueberraschungen, die ihre rätselhafte Natur ihm schon bereitet hatte.

Sie hatte mit so ruhiger Festigkeit gesprochen, daß er ihren Entschluß unmöglich länger für die Eingebung einer trotzigen oder zornigen Laune halten konnte.

„Um Gottes willen! Was hast du vor, Edith?“

„Ich werde eine Gelegenheit suchen, morgen nach Dover zurückzukehren. Hier würde ich dir doch nur im Wege sein.“

„Wir würden uns dann also vor deiner Abreise nicht mehr sehen?“

„Du selbst, mein Freund, sagtest ja, daß wenig Aussicht darauf vorhanden wäre.“

„Ich bin nicht Herr über mich selbst — und diese Nachricht —“

„Es bedarf keiner Entschuldigung, und die Rücksicht auf mich soll dich nicht in der Ausübung deiner dienstlichen Pflichten behindern. Noch einmal denn: Lebe wohl, mein Teurer, mein geliebter Freund! Der Himmel schütze dich!“

Sie warf sich an seine Brust und küßte ihn; doch nur für wenige Sekunden umschlang ihr weicher Arm seinen Nacken. Sie wollte nicht schwach werden, und doch fühlte sie, daß sie nicht lange mehr die Kraft haben würde, sich zu beherrschen. Hastig raffte sie ihren Wachstuchmantel vom Boden auf und griff nach dem Schifferhute. Wohl hatte Heideck das heiße Verlangen, ihr noch etwas Liebes und Zärtliches zu sagen, aber es war, als ob ihm von einer unsichtbaren Faust die Kehle zusammengepreßt würde, und er brachte nichts anderes über die Lippen, als ein merkwürdig trocken klingendes:

„Lebe wohl, mein Lieb! — Lebe wohl!“

Als er die Tür hinter ihr zufallen hörte, machte er eine ungestüme Bewegung, wie wenn er ihr nachstürzen und sie zurückhalten wollte. Aber nach dem ersten Schritt blieb er stehen und preßte die zur Faust geballte Linke fest auf das stürmisch pochende Herz. Ein Ausdruck unbeugsamer Entschlossenheit war auf seinem gleichsam versteinerten Gesicht, und um seine Mundwinkel hatten sich zwei tiefe, scharfe Linien eingegraben, als wäre er innerhalb dieser einzigen Stunde um ein Jahrzehnt gealtert.


XXX.

Der Schiffer Brandelaar hatte Edith den Namen des am Hafen gelegenen Gasthofes genannt, in dem ihn eine Nachricht Heidecks noch während der Nacht erreichen würde, denn er mußte voraussehen, daß der Major den Wunsch haben würde, ihn so bald als möglich zu sprechen.

Nun war er nicht wenig überrascht, als er statt des erwarteten Boten seinen schönen, verkleideten Passagier in das niedere, verräucherte Schänkzimmer eintreten sah, und er ging Edith mit einer gewissen unbeholfenen Ritterlichkeit entgegen, um sie vor der Neugier und den Zudringlichkeiten der Männer zu schützen, die mit ihm am Tische gesessen hatten, und deren verwitterte Gesichter ebensowenig vertrauenerweckend aussahen, als ihre teerduftende, von Wind und Wetter arg mitgenommene Kleidung.

Er wollte eine verwunderte Frage an sie richten, aber Edith kam ihm zuvor.

„Ich muß noch in dieser Nacht nach Dover zurück,“ sagte sie leise und hastig. „Wollen Sie mich hinüber bringen? — Ich zahle Ihnen dafür, was Sie verlangen.“

Bedächtig, aber mit aller Entschiedenheit schüttelte der Schiffer den Kopf.

„Unmöglich! — Auch wenn ich schon wieder von hier fortkönnte, bei diesem Wetter würde es doch nicht gehen.“

„Es muß gehen. Das Wetter ist nicht so schlecht. Und ich weiß, daß Sie nicht der Mann sind, der sich vor einem Sturm fürchtet.“

„Fürchten — nein! — Und es mag wohl sein, daß ich mit meiner Smack schon schlimmere überstanden habe als diesen. Aber es ist etwas anderes um die Gefahr, mit der man fertig werden muß, weil man ihr nicht entrinnen kann, und um die, der man sich leichtsinnig aussetzt. Wenn ich auf der Fahrt bin, mag kommen, was Gott gefällt; aber so — —“

„Keine Worte, Brandelaar,“ fiel Edith ihm ungeduldig in die Rede. „Wenn Sie selber nicht fortkönnen oder nicht fahren wollen, unter Ihren Bekannten hier wird es doch sicher einen geben, der mutig und gescheit genug ist, sich auf leichte Art ein paar hundert Pfund zu verdienen.“

In den kleinen Augen des Schiffers leuchtete es auf.

„Ein paar hundert Pfund? Liegt Ihnen wirklich so viel daran, noch heute von Vlissingen fortzukommen? Wir sind ja doch kaum gelandet!“

„Ja, es liegt mir sehr viel daran. Und ich sagte Ihnen schon, daß es mir ganz gleichgültig ist, wieviel es kostet.“

Der Schiffer, der offenbar schwankend geworden war, rieb sich nachdenklich das Kinn.

„Hm! — Ich selber könnte es allerdings nicht machen. Ich habe wichtige Nachrichten für den Herrn Major, und er würde es mir mit Recht verübeln, wenn ich auf und davon ginge, ohne ihn auch nur gesprochen zu haben. Aber vielleicht — vielleicht könnte ich einen Schiffer ausfindig machen, der sich auf das Wagestück einließe, vorausgesetzt, daß auch für mich etwas dabei abfiele.“

„Gewiß — gewiß! Ich begehre Ihre Gefälligkeit nicht umsonst. Fünfzig Pfund für Sie in dem Augenblick, wo ich meinen Fuß in das Boot setze.“

„Wohl! — Und zweihundert für den Schiffer und seine Leute — nicht wahr? Die Männer setzen ihr Leben aufs Spiel — das dürfen Sie nicht vergessen. Und sie müssen es außerdem verteufelt geschickt anstellen, wenn sie unbemerkt an den deutschen Wachtschiffen vorbeikommen sollen.“

„Ja doch — ja! Weshalb verlieren wir so viel Zeit mit dieser überflüssigen Verhandlung! Hier ist das Geld — nun schaffen Sie mir ein Boot!“

„Gehen Sie dort hinein,“ sagte Brandelaar, auf die Tür eines kleinen, dunklen Nebenzimmers deutend. „Ich will versuchen, ob es mein Freund van dem Bosch tut.“

Edith warf, ehe sie seiner Aufforderung Folge leistete, einen Blick zu dem Manne hinüber, auf den er mit einer Bewegung des Kopfes hingewiesen hatte. Von gewinnender äußerer Erscheinung war dieser vierschrötige Seebär sicherlich nicht, aber sein abschreckendes Aussehen vermochte Edith nicht eine Sekunde lang in ihrem Entschluß zu beirren.

„Gut — reden Sie mit Ihrem Freunde, Brandelaar! Aber sorgen Sie, daß, ich nicht zu lange auf seine Zusage warten muß.“


Und der wackere Brandelaar mußte in der Tat ein sehr wirksames Mittel der Ueberredung gefunden haben, denn es waren noch kaum zehn Minuten vergangen, als er Edith melden konnte, daß van dem Bosch bereit sei, unter den angebotenen Bedingungen die Fahrt zu wagen. Von der Gefährlichkeit des Unternehmens sprach er jetzt nicht mehr, als fürchte er, die junge Engländerin damit von ihrem für ihn so gewinnbringenden Vorhaben abzuschrecken. Und es wurde von diesem Augenblick an überhaupt nicht mehr viel von der Sache geredet. Der Weg bis zu der Stelle, wo der Fischerkutter vor Anker lag, war nicht lang, und wacker kämpfte sich Edith zwischen den beiden Männern, die schweigend an ihrer Seite dahinstapften, gegen den in unregelmäßigen Stößen vom Meere her brausenden Nordsturm vorwärts. In einer Jolle ruderten sie zu dem Fahrzeug hinüber, und Brandelaar hatte, als er zum Quai zurückkehrte, seine fünfzig Pfund richtig in der Tasche.

„Wenn Sie der Herr Major nach mir fragt, dürfen Sie ihm getrost die volle Wahrheit mitteilen,“ hatte Edith ihm gesagt. „Und auch einen Gruß von mir sollen Sie ihm ausrichten — einen herzlichen Gruß. Vergessen Sie das nicht, Brandelaar!“


Die beiden Leute des Schiffers, die unten im Kutter schon im tiefsten Schlafe gelegen hatten, mochten nicht wenig erstaunt und sicherlich noch weniger erfreut sein über die Zumutung dieser nächtlichen Fahrt. Aber ein paar Worte, die der Schiffer in seiner für Edith unverständlichen Sprache zu ihnen gesprochen, hatten ihre Unzufriedenheit sehr schnell verscheucht. Willig griffen sie jetzt zu, um die Segel zu setzen und Anker zu lichten. Die mächtigen Fäuste des Schiffers erfaßten das Steuer; das kleine, fest gebaute Fahrzeug machte eine kurze Drehung und schoß dann, weit nach einer Seite überliegend, in die Dunkelheit hinaus.

Nahe genug kam es an der ‚Gefion‘ vorüber, und wenn es zufällig von dem Lichtkegel des Scheinwerfers getroffen worden wäre, der von Zeit zu Zeit suchend über die bewegte Wasserfläche hinhuschte, so hätte die nächtliche Fahrt jedenfalls eine sehr unliebsame Unterbrechung erfahren. Aber der Zufall war dem tollkühnen Unternehmen günstig. Kein Zuruf oder Signal von Bord des Wachtschiffes hielt sie auf, und bald waren die Lichter von Vlissingen im Dunkel verschwunden.

Edith hatte seit der Abfahrt am Mast des Fahrzeuges gestanden, den Blick unverwandt rückwärts gewendet — dahin, wo sie alles ließ, was ihrem Leben bis zu dieser Stunde Wert und Inhalt gegeben hatte. Der Schiffer und seine beiden Leute, die bei dem ungleichmäßigen Winde genug mit ihren Segeln zu tun hatten, schienen sich nicht um sie zu kümmern, und erst als plötzlich eine heftige Regenbö einsetzte, rief ihr van dem Bosch zu, ob sie nicht lieber hinunter gehen wolle, wo sie doch wenigstens gegen Wind und Wetter geschützt sei.

Aber Edith rührte sich nicht von der Stelle. Für ihre von allen Qualen einer grenzenlosen Verzweiflung durchwühlte Seele waren das Toben des Sturmes, das Klatschen des niederprasselnden Regens und das zischende Aufspritzen der an den Planken des Bootes zerschellenden Wellen gerade die rechte Musik. Der nächtliche Aufruhr um sie her stimmte so ganz zu dem Aufruhr in ihrem Innern, daß sie ihn fast wie eine Befreiung empfand. Die Kerkerenge einer niedrigen Kajüte wäre ihr jetzt unerträglich gewesen. Nur daß sie die von dem Salzduft des nahen Meeres geschwängerte Luft in vollen Zügen atmen, daß sie ihr Gesicht dem Sturm, dem Regen und dem Wogengischt preisgeben konnte, hielt ihre Kraft aufrecht. Es war wie ein physischer Kampf, den sie gegen die brutalen Gewalten der Natur zu bestehen hatte, und seine nervenaufstachelnde Wirkung half ihr wohltätig über den Jammer ihrer zerrissenen Seele hinweg.

Sie hatte keinen Maßstab für Zeit und Raum. Nur an dem orkanartigen Anschwellen des Sturmes, an dem immer wuchtiger werdenden Anprall der Wellen und dem wilderen Tanz des Bootes nahm sie wahr, daß es das offene Meer sein mußte, auf dem sie sich befand. Sie war trotz des Wachstuchmantels völlig durchnäßt, und ein Kältegefühl, das von den Füßen herauf allmählich ihren ganzen Körper erfaßte, ließ ihre Glieder erstarren. Aber sie kam trotz alledem nicht einen Augenblick in Versuchung, sich nach unten in den Kielraum zurückzuziehen. Und der Gedanke an eine Gefahr blieb ihr fern. Sie hörte die Matrosen fluchen, und zweimal schlug ein Zuruf des Schiffers an ihr Ohr, der irgend eine gebieterische Aufforderung zu enthalten schien. Aber um das alles kümmerte sie sich nicht. Wie wenn sie bereits von allem Irdischen losgelöst wäre, verhielt sie sich vollständig gleichgültig gegen das, was um sie her geschah. Je unempfindlicher ihr von der durchdringenden feuchten Kälte gelähmter Körper wurde, desto unbestimmter, traumhafter wurden alle auf sie einwirkenden Sinneseindrücke. Es war ihr, als hätte sie jeden festen Boden unter den Füßen verloren, als flöge sie auf Sturmesschwingen, frei von allen Hemmungen körperlicher Schwere, durch den unbegrenzten Raum. Und all das Brausen, Heulen, Prasseln und Plätschern der entfesselten Elemente floß ihr in ein eintöniges, majestätisches Rauschen zusammen, das nichts Erschreckendes, sondern nur noch etwas wundersam Beruhigendes für sie hatte. Ihren langsam entschwindenden Sinnen wurde der Aufruhr zur erhabenen Harmonie, und so ganz fühlte sie sich eins mit der großen, allgewaltigen Natur, daß das letzte Gefühl, dessen sie sich bewußt wurde, ein heißes, inbrünstiges Sehnen war, in dieser großen Natur aufzugehen, wie eine der ungezählten Wogen, deren Schaum im Vergehen ihre Füße netzte.


Ein Knall, der scharf wie ein Schuß das Chaos von Geräuschen übertönte — ein lautes Knattern — und ein paar wilde Flüche aus rauhen Seemannskehlen! Wie ein Korkstückchen tanzte und schwankte plötzlich das Boot auf den Wellen, während das große Segel im Sturm flatterte, als ob es in der nächsten Sekunde zu tausend Fetzen zerrissen werden müßte.

Das Pikfall war gebrochen, und die ihres Haltes beraubte Gaffel schlug mit furchtbarer Gewalt nach unten. Mit der ganzen Kraft seiner riesenstarken Arme legte sich der Schiffer in das Steuer, um das Fahrzeug an den Wind zu bringen. Die beiden anderen Männer aber arbeiteten wie Verzweifelte, um das Segel festzumachen.

An die verkleidete Frau im Wachstuchmantel, die so lange regungslos wie eine Statue am Mast gestanden, dachte in diesen Augenblicken höchster Gefahr keiner von den dreien. Erst als das schwierige Werk glücklich vollbracht war, bemerkten sie ihr Verschwinden. Mit verstörten Gesichtern sahen sie sich an. Und der Schiffer am Steuer sagte:

„Sie ist über Bord gegangen. Die Gaffel hat sie wohl an den Kopf getroffen. Da ist nichts mehr zu machen. Warum wollte sie auch an Deck bleiben!“

Er räusperte sich und spuckte nach Seemannsart ins Meer.

Die beiden anderen sprachen kein Wort. Schweigend gehorchten sie den Befehlen des Schiffers, der wieder auf die Scheldemündung zuhalten wollte.

Einen Rettungsversuch machten sie nicht. Es wäre ja auch ein völlig zweckloses Beginnen gewesen. — —


XXXI.

Der letzte fahrplanmäßige Zug nach Antwerpen war längst abgegangen, als Heideck auf dem Bahnhof ankam. Aber es bedurfte nur einer kurzen Verhandlung mit dem Eisenbahnlinien-Kommissar, um den Wunsch des Majors, ihm eine Lokomotive zur Verfügung zu stellen, sofort zu erfüllen. Als er den Heizerstand bestiegen hatte, legte der Stationsvorsteher salutierend die Hand an die Mütze und gab dem Lokomotivführer das Zeichen zur Abfahrt. Wie ein schneidender, körperlicher Schmerz fuhr es für einen Moment durch Heidecks Brust, als die Maschine sich stampfend in Bewegung setzte. Was er bei dieser Abreise für immer hinter sich ließ, war das Glück seines Lebens. Eine dumpfe, lähmende Traurigkeit lag auf seinem Herzen. Er erschien sich selber wie ein seelenloser Mechanismus, der gleich dieser keuchenden, rastlos vorwärts strebenden Lokomotive in blindem Gehorsam einem fremden Willen untertan war. War doch all sein Handeln jetzt nicht mehr durch eigene Entschließungen bestimmt, sondern durch ein unerbittliches, höheres Gesetz — durch das eherne Gesetz der Pflicht. Er hatte keine persönliche Freiheit und keine persönliche Verantwortlichkeit mehr. Sein Weg war ihm so klar und scharf vorgezeichnet, wie ihn die eisernen Schienengeleise auch diesem Dampfwagen vorschrieben. Mit fest zusammengepreßten Lippen blickte er unverwandt vor sich hinaus. Was hinter ihm lag, mußte ja für immer für ihn abgetan sein. Nur ein gebieterisches ‚Vorwärts‘ durfte fortan noch seine Losung sein. — — —

Um sechs Uhr morgens stand er vor dem königlichen Schlosse an der Place de Meir, wo der Prinz-Admiral sein Quartier aufgeschlagen hatte. König Leopold hatte ihm das Schloß als Wohnung angeboten.

Trotz der frühen Stunde wurde Heideck sofort in das Arbeitskabinett des Prinzen geführt.

„Königliche Hoheit,“ sagte Heideck, „ich bringe eine Meldung von größter Wichtigkeit. Diese Ordre der englischen Admiralität ist in meine Hände gefallen.“

Der Prinz wies ihm einen Platz neben seinem Schreibtisch an.

„Lesen Sie mir bitte die Ordre vor, Herr Major!“

Heideck verlas das bedeutungsvolle Schriftstück:

‚Den Lords der Admiralität erscheint es wünschenswert, die deutsche Flotte als die schwächere zuerst anzugreifen. Dieser Angriff auf die deutsche Flotte muß ausgeführt werden, bevor die russische im stande ist, ihr im Hafen von Kiel zu Hilfe zu kommen. Daher ist am 15. Juli ein gleichzeitiger Angriff auf die beiden Stellungen der deutschen Flotte zu richten.‘

„Am 15. Juli?“ wiederholte der Prinz, der sich in großer Erregung erhoben hatte. „Und heute haben wir den elften! Wie sind Sie in den Besitz dieser Ordre gekommen, Herr Major? Welche Beweise haben Sie für die Echtheit dieses Schriftstückes?“

„Ich habe die triftigsten Gründe, Königliche Hoheit, es für echt zu halten. Königliche Hoheit wollen sich überzeugen, daß diese Ordre auf dem blauen Stempelpapier der englischen Admiralität geschrieben ist.“

„Sehr wohl, Herr Major! — Aber das würde eine Fälschung doch nicht ausschließen. Wie kamen Sie in den Besitz des Papiers?“

„Königliche Hoheit wollen mir gnädigst eine Erklärung darüber erlassen.“

„Dann lesen Sie weiter!“

Heideck folgte diesem Befehl:

‚Am genannten Tage hat die Flotte von Kopenhagen den Kieler Hafen anzugreifen. Zwei Linienschiffe legen sich vor die Festung Friedrichsort und das Fort Falkenstein auf der westlichen Seite, zwei andere Linienschiffe vor die Festungswerke bei Labö und Möltenort auf der östlichen Seite der Kieler Förde und unterhalten ein so intensives Feuer auf die Festungswerke, daß die übrige Flotte hinter ihnen und in ihrem Schutze in den Hafen einfahren kann.

Im Kieler Hafen liegen etwa hundert Transportschiffe und einige ältere Panzerschiffe und Kreuzer, die dem Angriff unserer Flotte keinen ernstlichen Widerstand entgegensetzen können. Alle diese Schiffe müssen mit äußerster Schnelligkeit und Wucht angegriffen werden. Es ist das Hauptaugenmerk darauf zu richten, daß ein Linienschiff sogleich bis zum Eingang des Kaiser-Wilhelm-Kanals vordringt, um den deutschen Schiffen den Rückzug durch diesen Kanal abzuschneiden. Sämtliche im Hafen liegenden deutschen Schiffe sind zu zerstören. Der Angriff ist dadurch einzuleiten, daß einige Kreuzer der übrigen Flotte voran in die Kieler Förde einlaufen, ohne Rücksicht darauf, daß sie durch Seeminen in die Luft gesprengt werden könnten. Diese Fahrzeuge sind eventuell zu opfern, um die Einfahrt frei zu machen.

Zum Angriff auf die deutsche Flotte in der Schelde, der ebenfalls am 15. Juli erfolgen muß, hat Vizeadmiral Domvile aus den Kanalgeschwadern und der Kreuzerflotte eine Flotte von zwei Divisionen zu bilden.

Die erste Division ist zu bilden aus den Linienschiffen: ‚Bulwark‘ (Flaggschiff des Vizeadmirals Domvile), ‚Albemarle‘, ‚Duncan‘, ‚Montagu‘, ‚Formidable‘, ‚Renown‘, ‚Irresistible‘ und ‚Hannibal‘. Ferner aus den Kreuzern ‚Bacchante‘ (Kontreadmiral Walker), ‚Gladiator‘, ‚Najad‘, ‚Hermione‘, ‚Minerva‘, ‚Rainbow‘, ‚Pegasus‘, ‚Pandora‘, ‚Aboukir‘, ‚Vindictive‘ und ‚Diana‘.

Ferner aus den Torpedobootzerstörern: ‚Dragon‘, ‚Griffon‘, ‚Panther‘, ‚Locust‘, ‚Boxer‘, ‚Mallard‘, ‚Coquette‘, ‚Cygnet‘ und ‚Zephyr‘.

Ferner aus zwei Torpedobootflottillen.

Zwei Munitionsschiffe, zwei Kohlenschiffe und ein Lazarettschiff werden der Division zugeteilt.

Die zweite Division ist zu bilden aus den Linienschiffen: ‚Majestic‘ (Vizeadmiral Lord Beresford), ‚Magnificent‘ (Kontreadmiral Lambton), ‚Cornwallis‘, ‚Exmouth‘, ‚Russell‘, ‚Mars‘, ‚Prince George‘, ‚Victorious‘ und ‚Caesar‘.

Ferner aus den Kreuzern: ‚St. George‘ (Kommodore Winsloe), ‚Sutley‘, ‚Niobe‘, ‚Brillant‘, ‚Doris‘, ‚Furious‘, ‚Pactolus‘, ‚Prometheus‘, ‚Juno‘, ‚Pyramus‘ und ‚Pioneer‘.

Ferner aus den Torpedobootzerstörern: ‚Myrmidon‘, ‚Chamois‘, ‚Flying Fish‘, ‚Kangaroo‘, ‚Desperate‘, ‚Fawn‘, ‚Ardent‘, ‚Ariel‘ und ‚Albatroß‘.

Ferner aus zwei Torpedobootflottillen.

Zwei Munitionsschiffe, zwei Kohlenschiffe und ein Lazarettschiff sind der Division zuzuteilen.

Ein Geschwader unter dem Kommodore Prinz Louis von Battenberg (Flaggschiff: ‚Implacable‘) bleibt in Reserve, um die etwaige Annäherung einer französischen Flotte zu beobachten. Für den Fall, daß eine solche sich zeigt, hat die erste Division sich mit diesem Reservegeschwader unter dem Oberbefehl des Vizeadmirals Domvile zu vereinigen und die französische Flotte mit aller Energie anzugreifen, während es der zweiten Division überlassen bleibt, den Kampf mit der deutschen Flotte aufzunehmen. Die für den Angriff der ganzen Flotte gegebenen Befehle gelten alsdann allein für die zweite Division. Seiner Majestät Regierung erwartet, daß die Division im stande sein wird, auch ohne Hilfe der ersten Division den Feind zu besiegen. Sobald die Aufklärungsschiffe der zweiten Division die deutschen Wachtschiffe aus der Mündung der Westerschelde vertrieben haben, hat die linke Flügelgruppe der Schlachtschiffe das Feuer auf Vlissingen, die rechte auf die Landbefestigungen des südlichen Ufers zu eröffnen. Doch halten sich die Flügel nicht auf, sondern dampfen mit der übrigen Flotte weiter, und die ganze Division dringt bis gegen Antwerpen oder so weit vor, bis sie die deutsche Schlachtflotte trifft. Diese Flotte ist mit äußerster Energie anzugreifen.

Die näheren Bestimmungen über die Art des Angriffs bleiben dem Vizeadmiral Domvile überlassen.

Sollte sich wider Erwarten die deutsche Schlachtflotte beim Beginn des Angriffs in der Scheldemündung zu einem Vorgehen ihrerseits entschließen, so muß der kommandierende Admiral den Umständen gemäß nach eigenem Ermessen handeln, wobei in erster Linie zu berücksichtigen ist, daß mehr daran liegt, möglichst viele deutsche Schiffe wegzunehmen, als sie zu zerstören, um die genommenen Schiffe für den weiteren Verlauf des Krieges im eigenen Dienst zu verwenden.‘

Schweigend war der Prinz-Admiral dieser Vorlesung gefolgt. Deutlich spiegelte sich auf seinem Antlitz die Erregung wieder, in die das Gehörte ihn versetzt hatte.

„Eine starke innere Wahrscheinlichkeit spricht für die Echtheit dieser Ordre,“ sagte er nachdenklich, „aber ich möchte dafür doch noch andere und zuverlässigere Beweise haben; denn die Möglichkeit einer absichtlichen Irreführung ist nicht ausgeschlossen. Woher stammt dieses Schriftstück, Herr Major?“

„Königliche Hoheit haben bereits meine untertänigste Meldung darüber erhalten, daß ich den Schiffer Brandelaar, den ich als englischen Spion verhaftet hatte, bewogen habe, fortan in unserem Interesse tätig zu sein. Brandelaars Boot hat diese Ordre gebracht.“

„Wo ist dieser Mann?“

„Sein Boot liegt im Hafen von Vlissingen.“

„Und auf welche Weise will Brandelaar in den Besitz dieses Schriftstückes gelangt sein?“

„Nicht Brandelaar selbst hat mir die Ordre übergeben, sondern eine Dame, eine Engländerin, die mit ihm von Dover herübergekommen ist. Meine Ehre legt mir Schweigen auf. Ich darf den Namen dieser Dame nicht nennen, aber ich hege die feste Ueberzeugung und glaube, mich dafür verbürgen zu können, daß das Schriftstück im Bureau des Admirals Hollway wortgetreu nach dem Original kopiert worden ist.“

„Man wird wohl bald Mittel und Wege finden, sich darüber zu vergewissern, ob die britische Flotte Vorbereitungen zur Ausführung dieser Ordre trifft. Jedenfalls wäre dann endlich der Zeitpunkt zu energischem Handeln gekommen. Seine Majestät hat ein ähnliches Vorgehen der britischen Flotte vorausgesehen, und wir haben nunmehr den Plan des allerhöchsten Kriegsherrn auszuführen. — Ich danke Ihnen, Herr Major!“

Heideck verneigte sich und wandte sich zum Gehen. Er fühlte, daß es mit seinen Kräften beinahe zu Ende sei, und bewahrte nur noch mit Mühe seine straffe, militärische Haltung.

Als er schon auf der Schwelle stand, kehrte der Prinz sich ihm noch einmal zu:

„Ich glaube Ihnen eine Ehre damit zu erweisen, Herr Major, wenn ich Ihnen Gelegenheit gebe, dem großen Ehrentage unserer jungen Flotte in meiner unmittelbaren Umgebung als Augenzeuge beizuwohnen. Melden Sie sich am Morgen des 15. Juli bei mir an Bord meines Flaggschiffes. Für die Besetzung Ihres jetzigen Postens werde ich Sorge tragen.“

„Königliche Hoheit sind sehr gnädig!“

„Sie haben Anspruch auf meinen Dank. Auf Wiedersehen also, Herr Major!“

Ohne eine Minute zu verlieren, berief der Prinz den diensttuenden Adjutanten und erteilte ihm den Befehl, sofort mehrere Kopieen des englischen Flottenplanes anfertigen zu lassen.

Eine dieser Kopieen war für den kommandierenden Admiral der französischen Flotte in Cherbourg bestimmt, und dem Feldjäger, der das Papier überbringen sollte, gab der Prinz ein eigenhändiges Schreiben mit, worin er den Admiral dringend ersuchte, alles daran zu setzen, um mit einer möglichst starken Schlachtflotte am 15. früh vor Vlissingen erscheinen zu können und der deutschen Flotte in ihrem Kampf gegen die überlegene englische Flotte zu Hilfe zu kommen.