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Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman cover

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Chapter 34: XXXII.
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About This Book

A speculative political-military narrative offers a prophetic vision of a global war sparked by imperial rivalry and colonial tensions. Through council scenes, military recollections, and imagined dispatches, it traces how strategic calculations and nationalist anxieties lead major continental powers to align against a maritime empire. Episodes shift between diplomatic conferences, frontier postings, and the narrator's reflections, depicting mobilization, alliance-building, and an envisioned redistribution of overseas possessions as the conflict unfolds and reshapes international order.

XXXII.

‚Mein lieber Freund und Kamerad! Obwohl mir das Schreiben noch recht sauer fällt, kann ich es mir doch nicht versagen, der Erste zu sein, der Sie zur Verleihung des Ordens vom ‚Heiligen Wladimir‘ beglückwünscht. Ein in unserem Kriegsministerium beschäftigter Freund benachrichtigt mich soeben von der heute erfolgten Unterzeichnung der Verleihungsurkunde, und ich hoffe, daß diese Dekoration, auf die Sie sich durch Ihre bei der Besetzung von Simla geleisteten Dienste einen so berechtigten Anspruch erworben haben, Ihnen einige Freude bereiten wird. Sie wissen ja, daß der ‚Wladimir‘ nur an Russen oder an Fremde, die in russischen Diensten stehen, verliehen werden darf, und Sie werden darum einer der wenigen deutschen Offiziere sein, deren Brust dieses hierzulande sehr hoch gehaltene Ehrenzeichen schmückt.

Daß mein Glückwunsch aus St. Petersburg datiert ist, wird Sie Wunder nehmen; denn Sie vermuten mich ohne Zweifel noch unten im sonnigen Indien, dem Schauplatz unserer gemeinsam bestandenen Kriegsabenteuer. Sicherlich wäre ich auch bis zur Beendigung des Feldzuges dort geblieben, wenn nicht eine englische Kugel meiner militärischen Tätigkeit — wie Sie sich denken können, allzufrüh für meinen Ehrgeiz — vorläufig ein Ziel gesetzt hätte. Unversehrt aus zwei großen Schlachten und einer ganzen Anzahl kleiner Scharmützel hervorgegangen, mußte ich mich leider bei einem ganz unbedeutenden und ruhmlosen Zusammenstoß zum Invaliden schießen lassen. Und wenn nicht ein heldenmütiges Weib meine Retterin gewesen wäre, hätten Sie von Ihrem alten Freunde Tschadschawadse nichts anderes mehr gehört, als daß auch er unter den auf dem Felde der Ehre Gebliebenen gewesen sei.

Erraten Sie den Namen dieses Weibes, Herr Kamerad? Ich denke wohl, daß mein angeblicher Page Georgij Ihrer Erinnerung nicht ganz entschwunden ist, und ich sage Ihnen wohl nichts neues, wenn ich heute den Schleier des Geheimnisses lüfte, mit dem ich in Indien aus naheliegenden Gründen seine Beziehungen zu mir umgeben mußte. Georgij war ein Mädchen, und sie hat mir jahrelang näher gestanden als irgend jemand. Sie war zwar einfacher Herkunft und besaß sehr wenig von dem, was wir Bildung nennen. Aber sie war mir trotzdem das liebste Geschöpf, dem ich auf meinen Fahrten durch die Länder zweier Erdteile begegnet bin; ein wunderbares Gemisch von Wildheit und Herzensgüte, von unbändigem Stolz und selbstloser, hingebender Zärtlichkeit; ein Kind und eine Heldin. Aus reiner Zuneigung, nicht um irgend eines Vorteiles willen, hatte sie sich mir zu eigen gegeben und war mir auf meinen Reisen gefolgt. Ihr eigener Wille war es gewesen, die Rolle eines Dieners zu spielen. Ich will indessen nicht damit sagen, daß sie niemals von der Macht, die sie über mich besaß, Gebrauch gemacht hätte, denn sie war stolz und wußte zu herrschen.

Einmal — es war im Beginn unserer indischen Reise — hatte ich, aufs äußerste gereizt durch ihren trotzigen Stolz, meine Hand gegen sie erhoben. Ein einziger Blick des Mädchens brachte mich sofort zur Besinnung, noch ehe die Züchtigung erfolgt war. Und später, als mein Blut sich längst beruhigt hatte, sagte sie mir, den flammenden Zorn noch immer in den Augen: ‚Hättest du mich wirklich geschlagen, so wäre ich auf der Stelle von dir gegangen, und keine Bitte hätte mich je bestimmt, zu dir zurückzukehren.‘ Ich lachte über ihre Worte, aber ich beherrschte mich fortan mehr, und so lebten wir in vollkommener Eintracht bis zu dem Tage, da Georgij Ihnen, mein werter Herr Kamerad, in Lahore das Leben rettete. Sie war es, die mir die Schreckensnachricht brachte, man führe Sie zum Tode. Nie zuvor hatte ich das Mädchen in so furchtbarer Aufregung gesehen als in jenem Augenblick. Ihre Augen glühten und ihr ganzer Körper zitterte. Es war, als wollte sie mich mit Peitschenhieben vorwärts treiben, damit ich den rechten Moment nicht versäume. Ich war selber zu bestürzt, um mir über die seltsame Erregung des Mädchens lange den Kopf zu zerbrechen. Aber als Ihre Rettung dann geglückt war, als Sie sich geborgen in meinem Zelte befanden, und als ich Georgij aufsuchte, um ihr das Ergebnis meiner Intervention mitzuteilen, da geriet sie in einen solchen Paroxismus der Freude, daß mir wahrhaftig nicht das geringste hätte an ihr gelegen sein müssen, wenn ihr Jubel nicht einen bösen eifersüchtigen Verdacht in mir wachgerufen hätte. Hingerissen von der Erregung, schleuderte ich ihr ein heftiges Wort entgegen, und dann, da sie mir eine trotzig herausfordernde Antwort gab — es war eben ihr und mein Unglück, daß ich die Reitpeitsche gerade in der Hand hatte — dann war das Häßliche geschehen, das ich lieber als irgend eine andere meiner vielen Torheiten ungeschehen machen möchte. Sie hatte den Schlag hingenommen, ohne einen Laut von sich zugeben. Aber im nächsten Augenblick war sie verschwunden, und ich wartete vergebens auf ihre Wiederkehr. Bis zu unserem Aufbruch nach Simla ließ ich überall nach ihr suchen, ohne daß einer meiner Leute ihre Spur gefunden hätte. Ich selbst gab sie schon damals für immer verloren. Als wir dann nach Lahore zurückgekehrt waren und nach Delhi weitermarschierten, wurde mir hier und da von einem in indische Gewänder gekleideten Mädchen berichtet, das in der Nähe unserer Truppe aufgetaucht sei und meinem verschwundenen Pagen Georgij ähnlich gesehen habe. Aber sobald ich dann nach diesem Mädchen forschte, war es, als ob die Erde sie verschlungen hätte, und unter den rasch wechselnden Eindrücken des Krieges begann ihr Bild langsam in mir zu verblassen.

Bei einem Rekognoszierungsritt, den ich eines Tages mit meinem Regimentsstab und einer geringen Bedeckung bei Lucknow unternahm, gerieten wir durch selbstverschuldete Sorglosigkeit in einen von den Engländern gelegten Hinterhalt, der dem größeren Teil meiner Begleiter das Leben kostete. Mich hatte gleich im Beginn des Gefechtes ein Schuß in den Rücken aus dem Sattel geworfen. Man hielt mich für tot, und die wenigen meiner Gefährten, die sich durch die Flucht zu retten vermochten, hatten nicht Zeit, die Gefallenen mitzunehmen. Als ich aus langer Bewußtlosigkeit wieder erwachte, sah ich, wie eine Anzahl bewaffneter Inder die auf dem Kampfplatz zurückgebliebenen Toten und Verwundeten ausplünderte. Einer der braunen Teufel näherte sich auch mir. Und als er sah, daß ich mich aufrichtete, um nach meinem Revolver zu tasten, stürzte er mit geschwungenem Säbel auf mich zu. Ich parierte den ersten nach meinem Kopf geführten Hieb mit dem rechten Arm. Wehrlos, wie ich war, machte ich mich schon auf das Schlimmste gefaßt. Aber im selben Augenblick, als der Halunke zum zweiten Hieb ausholte, taumelte er rückwärts und brach lautlos zusammen. Es war Georgij, die mir durch ihren wohlgezielten Schuß das Leben gerettet hatte.

Mit den von unserem Lager aus zur Bergung der Toten und Verwundeten entsandten Dragonern war sie gekommen und den Reitern um ein gutes Stück voraus gewesen. So war es ihr möglich geworden, mich zu retten.

Ich war zu sehr entkräftet, um viele Fragen an sie zu richten, und über den wenigen Augenblicken dieses Wiedersehens liegt es in meiner Erinnerung wie ein Schleier.

Acht Tage lang lag ich zwischen Leben und Tod. Dann siegte meine unverwüstliche Natur. Wie groß meine Sehnsucht war, Georgij wiederzusehen, werden Sie begreifen, liebster Freund! Aber sie war nicht mehr im Lager, und niemand konnte mir über ihren Verbleib Auskunft geben. So wie sie an jenem Tage plötzlich aufgetaucht war, ebenso war sie wieder verschwunden. Und diesmal muß ich mich wohl mit der Ueberzeugung abfinden, daß ich sie für immer verloren habe. Noch auf dem Krankenlager erhielt ich neben einer sehr schmeichelhaften Beförderung die Ordre, mich nach St. Petersburg zu begeben, und sobald es mein Zustand gestattete, machte ich mich auf die Reise.

Verzeihen Sie, lieber Freund, daß ich so lange bei einer persönlichen Angelegenheit verweilte, die für Sie ja am Ende nur wenig Interesse haben kann.

Von den mannigfachen Wechselfällen dieses Krieges, der nun schon Werte von ungezählten Millionen vernichtet und Hunderttausende hoffnungsvoller Menschenleben gekostet hat, sind Sie ja ebenso gut unterrichtet wie ich. Ich möchte Sie fast darum beneiden, daß es Ihnen noch vergönnt ist persönlich Zeuge der großen Ereignisse zu sein, während ich zu der Rolle eines untätigen Zuschauers verurteilt bin. Aber ich glaube nicht mehr an eine lange Dauer des Kampfes. Die Opfer, die er den Völkern auferlegt, sind zu groß, um noch Monate hindurch getragen zu werden. Alles drängt einer raschen Entscheidung zu, und ich bin nicht im Zweifel, wie sie fallen wird. Denn wenn auch die bisherigen Niederlagen und Verluste der Engländer teilweise aufgewogen werden durch ihre hier und da errungenen Erfolge, so würde doch ein einziger großer Seesieg der verbündeten Mächte den Ausschlag zu Ungunsten Großbritanniens endgiltig geben. Man hat bisher auf beiden Seiten gezögert, diese Entscheidung herbeizuführen, aber man lebt hier der Ueberzeugung, daß schon die nächsten Wochen endlich die längst mit Spannung erwarteten großen Ereignisse auf dem Wasser bringen werden.

Noch immer begegne ich zu meinem Befremden in der ausländischen Presse vielfach einer abfälligen Kritik unseres Friedensvertrages mit Japan. Allerdings hatte sich ja in der zweiten Phase des japanischen Feldzuges das Kriegsglück zu unseren Gunsten gewendet, doch der Kampf um Indien war für Rußland so wichtig, daß es seine Kräfte nicht länger zersplittern wollte. Deshalb konnten wir Japan goldene Brücken bauen, und so kam der Frieden von Nagasaki zu stande. Der deutsche Reichskanzler ist durch den Anteil, den er an dem Abschluß dieses Friedens gehabt hat, eine sehr populäre Persönlichkeit auch hier in Rußland geworden.

Haben Sie vielleicht Gelegenheit gehabt, dem Reichskanzler persönlich nahe zu treten? Dieser Baron Grubenhagen muß eine gewaltige Persönlichkeit sein.

Ich lasse diesen Brief auf dem Umwege über Berlin an Sie gelangen, denn ich weiß nicht, wo Sie sich augenblicklich befinden. Aber ich hoffe, daß er richtig in Ihre Hände kommt und daß Sie gelegentlich einmal Zeit finden, durch ein Lebenszeichen zu erfreuen

Ihren alten Freund

Tschadschawadse.‘

Heideck hatte den in französischer Sprache geschriebenen Brief des Fürsten, den er nach seiner Rückkehr aus Antwerpen vorgefunden, rasch überflogen. Nicht einmal die Kunde von der ehrenvollen Auszeichnung, die ihm durch die Verleihung des russischen Ordens zu teil geworden war, hatte einen Schimmer der Freude auf seinem ernsten Antlitz hervorzurufen vermocht. Der liebenswürdige russische Fürst und sein schöner Page, sie waren ihm wie Gestalten aus einer fernen, unendlich weit hinter ihm liegenden Zeit. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden hatten ihn so tief erschüttert, daß ihm fremd und gleichgültig geworden war, was vielleicht noch wenige Tage vorher seine lebhafteste Anteilnahme erweckt haben würde.

Die Ordonnanz meldete einen Mann in Seemannstracht, und Heideck wußte, daß es nur Brandelaar sein konnte. Die Auskunft, die er von Dover mitgebracht, hatte der Schiffer bereits am Morgen dem stellvertretenden, diensttuenden Offizier übergeben. Wenn es auch nicht gerade militärische Geheimnisse waren, die damit zur Kenntnis der deutschen Heeresleitung gelangten, so befanden sich unter den mancherlei Nachrichten doch einige, die von Bedeutung für die Dispositionen des Prinz-Admirals werden konnten.

Heideck nahm an, daß Brandelaar jetzt gekommen sei, um sich die versprochene Belohnung zu holen. Als der Schiffer indes nach Empfang des Geldes noch immer seinen Hut zwischen den Fingern drehte, wie jemand, der mit einem peinlichen Auftrag oder Anliegen nicht recht herauszukommen wagt, fragte Heideck verwundert:

„Wünschen Sie mir sonst noch etwas zu sagen, Brandelaar?“

Nur zögernd kam es über die Lippen des Mannes: „Jawohl, Herr Major! — Ich sollte noch einen Gruß bestellen. Der Herr Major werden wohl wissen, von wem.“

„Ich glaube es zu erraten. Sie haben die Dame also seit dem gestrigen Abend noch einmal gesehen?“

„Die Lady kam gestern noch zu später Stunde zu mir ins Gasthaus und forderte von mir, ich sollte sie auf der Stelle nach Dover zurückbringen. Aber ich dachte, der Herr Major würden es nicht wünschen.“

„Sie weigerten sich also?“ —

Brandelaar starrte noch immer unablässig vor sich hin auf den Fußboden.

„Die Lady wollte durchaus fort — trotz des schlechten Wetters. Und sie ließ nicht eher nach, als bis ich meinen Freund van dem Bosch überredet hatte, sie mit seinem Kutter nach Dover zu fahren.“

„Noch gestern Nacht?“

„Jawohl — gestern Nacht.“

„Und dann, was weiter?“ drängte Heideck.

„Heute vormittag ist er zurückgekommen. Es — es ist ihnen unterwegs ein Unglück passiert.“

Heideck zuckte zusammen. Eine furchtbare Ahnung stieg in ihm auf. Er mußte seine ganze Willenskraft aufbieten, um sich zu beherrschen.

„Und die Lady?“

„Herr Major! Es war ja eben die Lady, der das Unglück zustieß. — Sie ist unterwegs über Bord gegangen.“

Mit beiden Händen umklammerte Heideck die Lehne des vor ihm stehenden Stuhles. Jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen.

„Ueber — Bord? — Gott im Himmel, Mann — und sie ist nicht gerettet worden?“

Brandelaar schüttelte den Kopf.

„Nein, Herr Major! Sie wollte trotz des Sturmes durchaus auf Deck bleiben, obwohl van dem Bosch sie immer wieder aufforderte hinunter zu gehen. Als dann bei einer heftigen Bö das Pikfall brach, wurde sie von der heruntergeschleuderten Gaffel ins Meer geworfen. Bei der hochgehenden See war an Rettung nicht zu denken.“

Heideck hatte die Augen mit der Hand bedeckt. Ein dumpfes Stöhnen rang sich aus seiner heftig arbeitenden Brust und in seinem Inneren schrie eine Stimme:

‚Du trägst die Schuld! Freiwillig hat sie den Tod gesucht, und du warst es, der sie dazu getrieben!‘

Seine Stimme klang hart und spröde, als er sich zu dem Schiffer wandte und sagte:

„Ich danke Ihnen für Ihre Mitteilung, Brandelaar, lassen Sie mich jetzt allein.“ — —


XXXIII.

Das IX. und das X. Armeekorps waren an der Kieler Föhrde zusammengezogen worden. Die Stadt Kiel und ihre Umgebung waren erfüllt von dem Klirren der Waffen, dem Stampfen der Pferde und von den fröhlichen Gesängen der Soldaten, die große Entscheidungen hoffnungsfreudig erwarteten. Niemand aber wußte etwas Genaues über das Ziel der bevorstehenden Expedition.

Seit den frühen Morgenstunden des 13. Juli ergoß sich ein schier endloser Strom von Mannschaften, Pferden und Geschützen über die Landungsbrücken, welche die Riesendampfer der großen Schiffahrtsgesellschaften mit den Hafenquais verbanden. Andere Truppenabteilungen wurden mit Booten an Bord befördert, und am Abend des 14. war die Einschiffung der ganzen, aus 60000 Mann bestehenden Feldarmee beendet.

Als letzter begab sich in einer Barkasse der kommandierende General in Begleitung des deutschen Reichskanzlers an Bord des großen Kreuzers ‚König Wilhelm‘, der in der Holtenauer Bucht vor Anker lag. Unmittelbar darauf stiegen drei Raketen, die sich leuchtend von dem dunkeln Nachthimmel abhoben, von Bord des Flaggschiffes empor. Langsam setzte sich das ganze Geschwader auf dieses Signal gegen den Kaiser-Wilhelm-Kanal hin in Bewegung.

Die Transportflotte bestand aus etwa 60 großen Dampfern, dem Besitzstande des Norddeutschen Lloyd, der Hamburg-Amerika-Linie und der Stettiner Gesellschaft entstammend. Zu ihrem Schutze wurden sie von den Linienschiffen ‚Baden‘, ‚Württemberg‘, ‚Bayern‘ und ‚Sachsen‘, den großen Kreuzern ‚Kaiser‘ und ‚Deutschland‘, den kleinen Kreuzern ‚Gazelle‘, ‚Prinzeß Wilhelm‘, ‚Irene‘, ‚Komet‘ und ‚Meteor‘, sowie den Torpedo-Divisionsbooten ‚D 5‘ und ‚D 6‘ mit ihren Torpedoboot-Divisionen begleitet.

Als um die elfte Vormittagsstunde des 15. Juli der dumpfe Donner der englischen Panzer vor den Befestigungen der Kieler Föhrde ertönte und die deutschen Festungsgeschütze den britischen Kanonen antworteten, hatte längst das letzte Torpedoboot den Hafen verlassen. —

Heller Sonnenschein brach durch das leichte Gewölk, als der ‚König Wilhelm‘ bei Brunsbüttel in die Elbe einlief. Die vorauseilenden Torpedo-Divisionsboote meldeten, daß die Mündung des Stromes frei sei von englischen Kriegsschiffen, und von Helgoland kam ein auf drahtlosem Wege übermitteltes Telegramm, das diese Meldung bestätigte.

Das Geschwader fuhr nun mit Volldampf Nordwest. Die Torpedodivision ‚D 5‘ ging zur Aufklärung voraus, und diesen kleinen, schnellen Fahrzeugen folgten die Kreuzer ‚Prinzeß Wilhelm‘ und ‚Irene‘, die wegen ihrer hohen Takelage zu Aufklärungsschiffen besonders geeignet waren und die die erforderlichen Einrichtungen für drahtlose Telegraphie an Bord hatten. Die übrige Flotte, die ihre Fahrgeschwindigkeit nach der des ‚König Wilhelm‘ richten mußte, folgte in den vorgeschriebenen Abständen.

Als die roten Felsen Helgolands scharf umrissen aus dem Meere auftauchten, kam der deutsche Kreuzer ‚Seeadler‘ von der Insel her dem Geschwader entgegen und meldete, daß die Küstenpanzerschiffe ‚Aegir‘ und ‚Odin‘, die Kreuzer ‚Hansa‘, ‚Vineta‘, ‚Freya‘ und ‚Hertha‘, sowie die Torpedoboote in der Nacht von Wilhelmshaven ausgefahren waren und nichts vom Feinde gesehen hatten. Das Meer schien frei. Alle verfügbaren englischen Kriegsschiffe des Nordseegeschwaders waren zum Angriff auf Antwerpen herangezogen worden.

Die Flotte von Wilhelmshaven blieb nun, weil eine Verstärkung der Transportflotte nicht nötig schien, bei Helgoland liegen. Die Transportflotte mit den begleitenden Kriegsschiffen aber setzte ihre Fahrt mit West-Nordwest-Kurs fort.

Wohin aber ging diese Fahrt?

Wenige nur waren unter diesen vielen Tausenden, die darauf hätten Antwort geben können, und diese Wenigen schwiegen. Der rote Felsen von Helgoland war längst in der Ferne verschwunden, und Stunde auf Stunde verrann, ohne daß sich den Blicken der gespannt ausschauenden Krieger etwas anderes gezeigt hätte als das unendliche, leicht bewegte Meer und das kristallklare blaue Himmelsgewölbe, das es gleich einer Riesenglocke überspannte. Die Nacht sank hernieder und der junge Tag brach an, aber noch immer war nichts von einer Küste zu sehen, und immer häufiger wurde unter den Offizieren und Mannschaften die Frage wiederholt:

„Wohin geht die Fahrt?“

Das Gestade Englands konnte ihr Ziel nicht sein, denn man würde es inzwischen längst erreicht haben. Wo aber sollte die Landung vor sich gehen, wenn nicht dort? Welchem fernen Ufer führte man die deutsche Armee entgegen, die größte, deren Schicksal jemals den trügerischen Fluten des Meeres anvertraut war?

Als bei Tagesanbruch von den aufklärenden Schiffen wieder einmal die Meldung kam, daß von feindlichen Schiffen nichts zu sehen sei, konnte der Oberbefehlshaber der Landarmee nicht umhin, dem Admiral gegenüber seiner Verwunderung Ausdruck zu geben, daß die Engländer den Aufklärungsdienst in der Nordsee scheinbar so ganz außer Acht ließen, und daß auch Handelsschiffe nicht zu Gesicht kämen.

„Die Erklärung für diese anscheinend befremdliche Tatsache liegt nicht allzu fern, Exzellenz,“ erwiderte der Admiral. „Kauffahrteischiffe werden uns schwerlich in Sicht kommen, weil jetzt, bei der Unsicherheit der Meere, der Seehandel fast gänzlich stockt. Einer Fischerflottille sind wir nicht begegnet, weil dieser Teil der Nordsee keine Fischgründe hat. Feindliche Schiffe aber sehen wir nicht, weil die Engländer wohl mit jeder andern Möglichkeit eher gerechnet haben mögen, als damit, daß wir hier oben in Schottland eine Landung versuchen könnten.“

„Ihre Erklärung, Herr Admiral, leuchtet mir ein, aber trotzdem will es mir scheinen, daß unsere Gegner es bei ihrem Beobachtungsdienst an der nötigen Umsicht fehlen lassen.“

„Exzellenz dürfen nicht ohne weiteres einen Vergleich zwischen den Operationen zu Lande und denen auf dem Wasser ziehen. Die Voraussetzungen sind hier doch wesentlich andere. Ich zweifle keinen Augenblick, daß eine genügende Anzahl englischer Aufklärungsschiffe in der Nordsee kreuzt; und wenn wir ihrer Aufmerksamkeit wirklich entgangen sind, so ist uns das Kriegsglück eben günstig gewesen. Wenn ich Eurer Exzellenz sage, daß selbst bei unsern Manövern in der Ostsee, wo wir doch das Fahrwasser ebenso genau kennen wie die Stärke und Geschwindigkeit des markierten Feindes, diesem der Durchbruch zuweilen gelungen ist, ohne daß unsere Aufklärungsschiffe ihn gesehen haben, so werden Sie zu einer milderen Beurteilung der hier scheinbar vorliegenden englischen Unvorsichtigkeit gelangen.“ —

Endlich, am Abend des 16. Juli, wurde vom ‚König Wilhelm‘ Land gemeldet. Das Ziel der Fahrt zeigte sich den Blicken, und von Mund zu Munde ging die Kunde, daß es die Küste von Schottland sei, die sich da aus den Fluten hob.

„Wir werden in die Mündung des Firth of Forth einlaufen!“ hieß es auf allen Schiffen; und auch die braven Soldaten, die diesen Namen vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben hörten, wiederholten das Wort mit so wichtiger Miene, wie wenn ihnen nun mit einem Male alle Geheimnisse der obersten Heeresleitung offenbar geworden wären.

Im roten Schein der untergehenden Sonne zeichneten sich beide Küsten violett vom tiefblauen Himmel und dem graublauen Meere ab, doch war die nördliche Küste weiter entfernt als die südliche. Von ruhiger See begünstigt, steuerte das Geschwader gut geschlossen in einer Längenausdehnung von etwa fünf Seemeilen in den Firth of Forth hinein.

Erwartungsvoll sah das Landungskorps das große, kühne Unternehmen vor seinen Augen sich entwickeln. Seit 900 Jahren war keine feindliche Armee an Englands Küste gelandet. Wohl hatte Britannien in alten Zeiten gegen eindringende Feinde kämpfen müssen: Julius Cäsar war als Sieger eingezogen, Knut der Große, König von Dänemark, hatte sich das Land unterworfen. Die Angeln und Sachsen waren von Deutschland herübergekommen, um sich zu Herren des Landes zu machen. Harald Schönhaar, der König von Norwegen, war in England gelandet. Aber seit Wilhelm von der Normandie, der die Sachsen bei Hastings schlug und die Herrschaft der Normannen in England aufrichtete, war es auch nicht den mächtigsten Feinden, weder Philipp II. von Spanien, noch dem großen Napoleon gelungen, ihre Truppen auf dem meerumgürteten Boden Englands Fuß fassen zu lassen.

Würde es jetzt einem deutschen Heere gelingen? —

Immer deutlicher traten die Umrisse des Landes hervor, und einige glaubten sogar, das hochgelegene Edinburgh-Castle am Horizont zu erkennen. Bald aber verschleierte sich die Ferne, und die Dämmerung brach langsam herein.

Bis dahin hatte man kein einziges feindliches Schiff zu Gesicht bekommen. Nun aber, als der größere Teil des Geschwaders bereits in die Bucht eingefahren war, fiel das Licht der mit Einbruch der Dunkelheit in Tätigkeit getretenen Scheinwerfer auf zwei englische Kreuzer, deren Anwesenheit von den vorausgeeilten Torpedo-Divisionsbooten bereits gemeldet worden war.

Angesichts der gewaltigen Uebermacht ließen sich diese Kreuzer indessen nicht auf einen Kampf ein, sondern gaben durch Niederholen der Flagge alsbald zu erkennen, daß sie bereit seien, sich zu ergeben. Nun standen einer Landung der deutschen Truppen Hindernisse von der See her nicht mehr entgegen. Die Transportschiffe näherten sich dem südlichen Ufer der Bucht, an welchem Edinburgh und die Hafenstadt Leith liegen und schickten nach dem Ankern beim Scheine der elektrischen Lichter ihre Boote mit Mannschaften an Land. Die Infanterie faßte dort alsbald festen Fuß und besetzte die günstig gelegenen Punkte, um einem etwa noch erfolgenden Angriff zu begegnen. Aber es geschah nichts, was die Landung hätte hindern können. Die schottische Bevölkerung verhielt sich vollkommen ruhig, so daß sich die Ausschiffung des Landungskorps ohne Störung vollzog.

Die Bevölkerung von Leith und die neugierig herbeigeeilten Einwohner von Edinburgh sahen in grenzenlosem Staunen dem ihnen fast unbegreiflichen Schauspiel zu, das sich im hellen Lichte der von den deutschen Schiffen strahlenden elektrischen Scheinwerfer mit bewunderungswürdiger Präzision vollzog.

An dem großen Kriege, den England gegen die verbündeten Mächte Deutschland, Frankreich, Rußland führte, hatte das Volk gewiß lebhaftesten Anteil genommen, aber wohl mit dem Gefühl, daß es sich um Ereignisse handle, die vornehmlich die Regierung, die Armee und die Flotte angingen. Man empfand es schmerzlich, daß der Gang der Geschäfte immer schlechter wurde, aber man war überzeugt, daß die Regierung den Feind sehr bald niederwerfen würde. Es war jedermann bekannt, daß die Russen in Indien eingedrungen waren, aber die große Masse des Volkes gab sich darüber keiner Sorge hin. Das konnte ja nur ein vorübergehendes Mißgeschick sein, und der jetzt darniederliegende Handel würde sicher bald nur umso mächtiger wieder aufblühen. Die Vorstellung, daß ein Feind, eine kontinentale Armee, an den Küsten Großbritanniens landen, daß deutsche oder französische Krieger jemals britischen Boden betreten könnten, hatte den Schotten bisher so fern gelegen, daß sie jetzt von der Macht der Tatsachen völlig überwältigt zu sein schienen.

Gegen Mittag des folgenden Tages standen die beiden Armeekorps schon südlich von Leith. Eine Brigade war nach Süden vorgeschoben worden, die übrigen Truppen aber hatten Biwaks bezogen. Die Leute sollten sich von der zweitägigen Seefahrt erholen.

Die Fouriere hatten in der Stadt, in den kleinen Ortschaften, in den verstreut liegenden Pachthöfen gegen bare Zahlung Lebensmittel eingekauft. Die Kriegsschiffe füllten ihre Bunker aus den in reichem Maße vorhandenen englischen Kohlenvorräten auf, wobei die zur Sicherung des Geschwaders ausgesandten Wachtschiffe sich ablösten. Der Admiral hatte Befehl gegeben, daß nach Beendigung der Kohlenübernahme die Kriegsschiffe am Eingang zur Bucht Station nehmen, während die Transportschiffe im Hafen verbleiben sollten. Bei der etwaigen Annäherung eines überlegenen englischen Geschwaders sollte die ganze Flotte eiligst den Firth of Forth verlassen und sich in alle Winde zerstreuen. Freilich wurde alsdann die Armee des Mittels der Rückkehr beraubt, aber die Heeresleitung war überzeugt, daß das Erscheinen einer Armee von 60000 Mann deutscher Truppen auf britischem Boden tatsächlich das Ende des Krieges bedeuten würde, zumal da ein gleich starkes französisches Korps im Süden Englands landen sollte. Die Heeresleitung glaubte also wegen der Möglichkeit der Zurückführung der Truppen sich keiner Sorge hingeben zu müssen.

Die Garnison von Edinburgh hatte sich ohne jeden Widerstand ergeben, da sie in der Tat viel zu schwach gewesen wäre, um der Invasionsarmee irgend welche Hindernisse zu bereiten. Die deutschen Offiziere und Soldaten konnten deshalb ganz ungehindert in der Stadt verkehren. Man fand eine Anzahl von Depeschen und neuen Kriegsberichten, die einiges Licht über die strategische Lage verbreiteten, obwohl sie teils unklar waren, teils offenkundige Lügen enthielten.

Es sollte danach am 15. Juli eine große Seeschlacht bei Vlissingen stattgefunden haben, die mit einem Rückzuge der deutschen und französischen Flotte unter schweren Verlusten geendet hätte. Ferner hieß es, daß die britische Flotte Vlissingen zerstört und mehrere Forts von Antwerpen bombardiert habe. Endlich war in den Zeitungen zu lesen, daß die vor Kopenhagen stationiert gewesene englische Flotte, nachdem sie allerdings im Eingang der Kieler Föhrde zwei Linienschiffe verloren hätte, bis in den Hafen von Kiel vorgedrungen wäre und alle dort liegenden deutschen Schiffe weggenommen hätte. Die deutschen Offiziere waren überzeugt, daß davon lediglich die Nachricht von dem Untergang der beiden Linienschiffe Glauben verdiene, da die Engländer eine solche Hiobspost schwerlich erfunden hätten. Alles übrige trug nach Lage der Dinge den Stempel der Unwahrscheinlichkeit an der Stirn.

Die Trompeten bliesen, die Mannschaften ergriffen ihre Gewehre, und die Bataillone setzten sich in Marsch. Dumpfdröhnend rasselten die Batterien daher. In vier Kolonnen, auf vier Wegen nebeneinander her, zogen die vier Divisionen gen Süden.


XXXIV.

Die Strategie vom grünen Tische aus, durch die dem militärischen Oberkommandierenden die Hände gebunden waren, sollte sich, wie schon in so manchen früheren Feldzügen, auch diesmal für die Engländer als ein verhängnisvoller Fehler erweisen.

Mit stillem Ingrimm hatte Sir Percy Domvile, der britische Admiral, die ihm von London aus erteilte Ordre de bataille — dieselbe, die auch den Deutschen in die Hände gefallen war — empfangen. Mehr als einmal schon hatte er den Lords zu beweisen versucht, welchen Schaden das Gebundensein an strikte schriftliche Ordres bei oft unberechenbaren Verhältnissen anrichten konnte, aber er hielt jetzt den Beweis in Händen, wie wenig die von dem Bewußtsein ihrer Bedeutung und ihrer überlegenen Klugheit durchdrungenen Würdenträger geneigt waren, sich belehren zu lassen. Doch er war viel zu sehr Soldat, um sich nicht dem Befehl der vorgesetzten Instanz in widerspruchslosem, militärischem Gehorsam zu fügen. Freilich, wenn er die Tragweite des hier begangenen Fehlers im voraus hätte übersehen können, würde er als Patriot wahrscheinlich lieber seine Person geopfert haben, als daß er sich zum ausführenden Werkzeug der schweren taktischen Irrtümer hergegeben hätte, die dem ihm übermittelten Schlachtplan zu Grunde lagen. Denn was hier auf dem Spiele stand, war mehr, als die stolze britische Nation je zuvor bei einem Seegefecht eingesetzt hatte. Es handelte sich um das Prestige Englands als weltbeherrschende Seemacht und vielleicht um die endgiltige Entscheidung dieses für Großbritannien so unglücklich verlaufenen Feldzuges. Das allgewaltige Albion, die gefürchtete Beherrscherin der Meere, kämpfte heute um Ehre und Existenz. Eine große verlorene Schlacht mochte da leicht genug einen Schlag bedeuten, von dem sich der todwunde britische Löwe nie wieder erholen konnte.


Zu derselben Stunde, in der der ‚König Wilhelm‘ an der Spitze der deutschen Transportflotte in den Kaiser Wilhelm-Kanal einlief, führte der Prinz-Admiral, der seine Admiralsflagge auf der ‚Wittelsbach‘ gehißt hatte, die deutsche Schlachtflotte aus dem Hafen von Antwerpen in den Zuid-Bevelanden-Kanal, der die Wester-Schelde mit der Ooster-Schelde verbindet und die Insel Walcheren von Zuid-Bevelanden trennt, und ging dort zu Anker.

Sein Geschwader bestand aus den der ‚Wittelsbach‘-Klasse angehörigen Linienschiffen ‚Mecklenburg‘, ‚Schwaben‘, ‚Zähringen‘, ‚Wettin‘ und ‚Wittelsbach‘, dem Flaggschiff des Prinz-Admirals, sowie den Linienschiffen der Kaiserklasse: ‚Kaiser Wilhelm der Große‘, ‚Barbarossa‘, ‚Karl der Große‘, ‚Wilhelm II.‘ und ‚Friedrich III.‘

Diesen Panzerschiffen gesellten sich die großen Kreuzer ‚Friedrich Karl‘, ‚Prinz Adalbert‘, ‚Prinz Heinrich‘, ‚Fürst Bismarck‘, ‚Viktoria Luise‘ und ‚Kaiserin Augusta‘ zu, sowie die kleinen Kreuzer ‚Berlin‘, ‚Hamburg‘, ‚Bremen‘, ‚Undine‘, ‚Arcona‘, ‚Frauenlob‘, ‚Medusa‘.

Die dem Prinzen zur Verfügung stehende Torpedobootflottille bestand aus den Torpedobooten ‚S 102 bis 107‘, ‚G 108 bis 113‘, ‚S 114 bis 125‘ mit den in der Größe von Torpedobootzerstörern gebauten Divisionsbooten ‚D 10‘, ‚D 9‘, ‚D 7‘ und ‚D 8‘.

Als Aufklärungsschiffe waren schon vorher die drei schnellen Kreuzer: ‚Friedrich Karl‘, ‚Prinz Adalbert‘ und ‚Kaiserin Augusta‘ mit den Torpedobooten ‚S 114 bis 120‘ in See geschickt worden, um die Annäherung des Feindes rechtzeitig zu melden. Die Kreuzer hatten Befehl erhalten, sich dreißig Seemeilen W. N. W. von Vlissingen auf je fünf Seemeilen Abstand zu legen, während die Torpedoboote auf Sichtweite nach jeder Seite patrouillieren sollten. Nachdem die englische Flotte dem Hauptgeschwader durch drahtlose Telegraphie gemeldet, sollten sich diese Aufklärungsschiffe außer Schußweite vor dem Feinde her in die Wester-Schelde zurückziehen und dabei ein solches Kesselfeuer unterhalten, daß möglichst viel und dicker Rauch entwickelt wurde, um den Feind über die Anzahl und die Größe der sich zurückziehenden Schiffe zu täuschen. Nachdem sie den Engländern außer Sicht gekommen, sollten sie wieder Kehrt machen, um sich zu zeigen, und wenn die Verhältnisse es gestatteten, sollten sie die vorher befohlenen Plätze einnehmen, anderenfalls hatten sie den Umständen gemäß zu handeln.

Der Zweck dieses auf die Irreführung des Feindes berechneten Manövers wurde denn auch vollkommen erreicht.

Ein Funkentelegramm meldete dem Prinz-Admiral das Insichtkommen der Engländer, und ein von dem Aufklärungsgeschwader abgeschwenktes Torpedoboot brachte genauere Mitteilungen über Zahl und Formation der feindlichen Schiffe, Mitteilungen, die den in der Ordre de bataille gegebenen Anweisungen durchaus entsprachen und demnach als ein neuer Beweis gelten konnten, daß es bei diesem Schlachtplan bleiben sollte.

Nun war eine sichere Grundlage für die taktischen Operationen der deutschen Flotte gegeben. Es konnte bei dem, was tags zuvor im Kriegsrate beschlossen worden war, sein Bewenden behalten und den Kommandanten der einzelnen Schiffe brauchten daher neue Instruktionen nicht gegeben zu werden.

Die in diesem Kriegsrat festgesetzte Ordre de bataille lautete in ihren Hauptzügen:

‚Das Geschwader liegt bei Zuid-Beveland vor Anker, kurzstag gehievt, Feuer aufgebänkt, so daß in fünfzehn Minuten Dampf auf sein kann.

Die Linienschiffe ankern in Doppelkiellinie ihren taktischen Nummern nach, Flaggschiff in der Peilung Insel Nordland N.N.O. Beeren Kirche S.S.W. mißweisend.

Die Kreuzer zwischen Nord-Beveland und Zuid-Beveland.

Die Torpedoboote mit ihren Divisionsbooten dahinter.

Auf Signal ‚Anker lichten‘ gehen die Schiffe ihren taktischen Nummern nach Anker auf; die Schlachtschiffe durch das Roompot; die Kreuzer gehen wieder durch den Kanal in die Wester-Schelde und legen sich in Höhe von Vlissingen in Dwarslinie.

Die beiden andern Torpedobootsdivisionen gehen mit dem Geschwader.‘

Genau nach diesen Dispositionen entwickelte sich nun der Gang der Ereignisse.

Auf die Meldung von der Annäherung feindlicher Schiffe kamen vom Flaggschiff des Prinz-Admirals die Signale:

‚Anker lichten! Toppsflaggen hissen! Klar Schiff zum Gefecht! Dem Kielwasser des Admirals folgen! Kreuzerdivision und Torpedoboote Befehle ausführen!‘

Sich dicht unter der Küste von Walcheren haltend, fuhr das deutsche Geschwader mit Volldampf dem Feind entgegen.

Inzwischen hatten die herangekommenen Engländer, nachdem sie ihre Lazarett-, Munitions- und Kohlenschiffe unter dem Schutz der Kreuzer in See gelassen und die befohlene Formation eingenommen hatten, auf sechstausend Meter das Feuer auf Vlissingen und das Fort Frederik Hendrik eröffnet.

So strikte hielt sich der englische kommandierende Admiral an die ihm erteilten Anweisungen, daß er es in schwer begreiflicher Sorglosigkeit unterließ, die Ooster-Schelde durch das zweite Geschwader oder wenigstens durch Aufklärungsschiffe untersuchen zu lassen. Das Einlaufen der aus See zurückgesandten deutschen Schiffe, deren gewaltiger Qualm eine Schätzung ihrer Stärke fast unmöglich gemacht hatte, in die Wester-Schelde war Sir Domvile offenbar als eine hinlängliche Bestätigung für die Annahme erschienen, daß die gesamte deutsche Flotte in diesem Mündungsarm liege.

Dadurch wurde es dem Geschwader des Prinz-Admirals möglich, sich dem Feinde soweit unbemerkt zu nähern, daß es die britische Flotte in der Flanke fassen konnte, als diese die westliche Spitze von Walcheren erreicht hatte.

Auf Signal: ‚Dwarslinie formieren! — Alle Kraft! — Ran an den Feind!‘ dampften die deutschen Schiffe den überraschten Engländern entgegen und eröffneten aus ihren Buggeschützen das Feuer.

Natürlich ließ der englische Admiral sofort das erste Geschwader sich hinter das zweite setzen, machte mit beiden linksum und ging in Doppelkiellinie auf den Gegner zu.

Dies war der im Schlachtplan des Prinzen vorausgesehene geeignete Moment für das Vorgehen der in der Wester-Schelde liegenden Kreuzer. Mit den Torpedobooten, die jetzt abermals einen dicken Qualm entwickelten, um den Feind über ihre Anzahl zu täuschen, näherten sie sich in schneller Fahrt und nötigten den durch den Doppelangriff völlig überrumpelten englischen Admiral, seine Aufmerksamkeit nach zwei Seiten hin zu verteilen.

Ein tollkühnes Unternehmen freilich blieb dieser Torpedo-Angriff unter den obwaltenden Verhältnissen noch immer. Die Engländer schossen gut, und zwei der deutschen Boote wurden durch feindliche Granaten zum Sinken gebracht. Drei anderen aber gelang der Schuß, und jeder dieser Treffer beschädigte eines der englischen Schiffe so schwer, daß es manövrierunfähig wurde.

Besonders nachteilig für die Engländer war es, daß auch ihre Torpedoboote durch die nicht vorhergesehene veränderte Formation der Linienschiffe die nötige Deckung verloren hatten. Die deutschen Torpedobootzerstörer versäumten nicht, diese günstige Situation auszunützen und fingen an, sie zu jagen. Ohne daß die Verfolger bei diesem Kampfe, der bei der Schnelligkeit der kleinen Fahrzeuge etwas besonders Spannendes und Aufregendes für die Beteiligten hatte, nennenswerte Havarie erlitten hätten, gelang es ihnen, vier englische Torpedoboote zu vernichten. Die anderen liefen aus Sicht und kamen für das Gefecht vorläufig nicht mehr in Betracht.

Auf die Frontveränderung des Gegners hin hatte der Prinz-Admiral rechtsum machen lassen, so daß er mit allen Geschützen einer Seite in Aktion treten konnte. Auch der englische Admiral ließ nun eindoublieren, aber das Manöver wurde für ihn die Ursache eines verhängnisvollen Mißgeschicks. Sei es, daß die Störung der taktischen Einheit durch das Ausscheiden der drei von den deutschen Torpedos getroffenen Schiffe die Schuld daran trug, oder daß die 1. und 2. Division zu wenig gewohnt waren, mit einander zu manövrieren, jedenfalls gehorchte der Panzer ‚Formidable‘ dem gegebenen Befehl so schwerfällig und ungeschickt, daß er von der ihm zunächst befindlichen ‚Renown‘ mittschiffs gerammt wurde und sich sofort auf die Seite legte, um innerhalb weniger Minuten zu sinken, Hunderte von tapferen englischen Seeleuten mit sich in die Tiefe ziehend.

Aber auch die ‚Renown‘, deren Sporn das furchtbare Unglück angerichtet, war bei dem Zusammenstoß, der das mächtige schwimmende Kastell in allen Fugen erschüttert hatte, nicht ohne schweren Schaden davongekommen. Die ersten beiden vorderen Kompartiments waren, da die Schotten nicht dicht hielten, voll Wasser gelaufen. Das Schiff lag infolgedessen ganz auf der Nase und hatte damit an Gefechtswert sehr empfindliche Einbuße erlitten.

Daß diese erste große Katastrophe der Schlacht nicht durch feindliche Gewalt, sondern durch das ungeschickte Manöver eines befreundeten Schiffes herbeigeführt worden war, mochte in manchem der vom Untergang des prächtigen Schiffes und seiner wackern Besatzung in tiefster Seele erschütterten Zuschauer die Frage wachgerufen haben, ob die gewaltigen Vervollkommnungen im Bau der modernen Kriegsschiffe nicht zu einem guten Teile wieder aufgewogen würden durch die mit der zunehmenden Größe und Gefechtsstärke dieser riesigen Panzer verbundenen Mängel. Kein Linienschiff, keine Fregatte, nicht einmal das kleine Kanonenboot früherer Zeiten hätte so schnell und spurlos aus der Schlachtlinie verschwinden können, wie die in gewaltigen Dimensionen erbaute und mit allen Errungenschaften maritimer Kriegstechnik ausgerüstete ‚Formidable‘. Wohl hätten ihre Panzerhaut und ihre stählernen Türme einem Hagel wuchtigster Geschosse erfolgreichen Widerstand leisten können, aber ein falsch verstandenes Steuerkommando war hinreichend gewesen, ihr den Untergang zu bereiten. Weder die doppelten Böden noch die Schottenteilung, die dem Eindringen einer zu großen Wassermenge vorbeugen sollten, hatten das Schicksal abzuwenden vermocht, das jeden modernen Panzer bei einer größeren Beschädigung unter der Wasserlinie bedroht. Das Holzschiff vergangener Zeiten konnte wie ein Sieb durchlöchert sein, ohne zu sinken. Die Stabilität eines modernen Panzerschiffes aber konnte schon durch ein einziges Leck, sei es durch ein Torpedogeschoß oder die Ramme, derart überschritten werden, daß die gigantische Eisenmasse innerhalb weniger Minuten durch ihr eigenes Gewicht in die Tiefe gezogen wurde. —

Es entwickelte sich nun ein laufendes Gefechtsfeuer auf circa 2000 Meter Entfernung, bei dem die Ueberlegenheit der Kruppschen Geschütze ebenso deutlich in die Erscheinung trat, wie die vorzügliche Schießausbildung der deutschen Geschützführer, hinter der die der Engländer zweifellos weit zurückstand. Allerdings erlitten auch die deutschen Schiffe mancherlei Schaden, doch waren erhebliche Havarien bis jetzt nicht vorgekommen.

Die drei von Torpedos getroffenen englischen Kriegsschiffe hatten in ihrer Hilflosigkeit den deutschen Kreuzern besonders günstige Zielobjekte dargeboten. Sich auf und in passende Entfernung legend, hatten diese die kaum noch bewegungsfähigen Fahrzeuge so lange beschossen, bis sie die Flagge streichen mußten. Aber ehe sie sich dazu entschlossen, leisteten die Engländer heldenmütigen Widerstand, und auch ihre Geschütze hatten manchen wirksamen Treffer zu verzeichnen. So wurde der Kommandoturm des ‚Friedrich Karl‘ von einer Granate durchschlagen, und der tapfere Kommandant fand mit seiner Umgebung einen rühmlichen Soldatentod. Auch sonst fehlte es nicht an mehr oder minder erheblichen Beschädigungen, und es war fast ein Wunder zu nennen, daß noch nirgends vitale Teile oder Schiffskörper verletzt worden waren.

Nachdem die drei englischen Schiffe kampfunfähig geworden, war ein längeres Verweilen der Kreuzerdivision auf diesem Teil des Kampfplatzes nicht mehr erforderlich, deshalb gingen die deutschen Kreuzer mit äußerster Kraft dahin, wo der Prinz-Admiral mit den Linienschiffen das Hauptgefecht führte.

Und hier war Hilfe in der Tat nötig gewesen. Denn wenn auch vier feindliche Schiffe verloren gegangen waren, so war die Uebermacht doch noch immer bei den Engländern, umsomehr, da einer der deutschen Panzer, die ‚Mecklenburg‘, jetzt hatte ausscheren müssen, nachdem ihre Rudervorrichtung zerschossen war.

Als der englische Admiral die Kreuzer herankommen sah, die in Staffelkiellinie Steuerbord achteraus liefen und somit sämtlich ihre Buggeschütze zum Feuern bringen konnten, erkannte er, daß jetzt der entscheidende Moment sich vorbereite.

Die Geschütze der Kreuzer fügten den Engländern schweren Schaden zu, denn sie hatten sich rasch auf die gleichmäßig geringer werdende Entfernung eingeschossen. Die hohen Deckaufbauten der Linienschiffe boten ihnen vortreffliche Zielobjekte, so daß bei der lang ausgezogenen Schlachtlinie der Engländer fast jeder Schuß ein Treffer war.

Jetzt wurde für Sir Percy Domvile rasches und energisches Handeln ein zwingendes Gebot der Selbsterhaltung. An die nach der erhaltenen Ordre de bataille anzustrebende Wegnahme der deutschen Flotte war den Umständen nach nicht mehr zu denken, und es konnte sich daher für den Admiral nur noch darum handeln, möglichst viele der feindlichen Schiffe zu vernichten. Auf dem britischen Flaggschiff erschien das Signal ‚rechts um‘, und die Kommandanten wußten, daß es gleichbedeutend war mit dem Befehl, die deutschen Panzer zu rammen.

Aber dieses Manöver, durch welches Sir Domvile der durch den zweiseitigen Angriff veranlaßten drohenden Gefahr allein begegnen konnte, traf den Prinz-Admiral nicht unvorbereitet. Schon in dem gestern abgehaltenen Kriegsrate war damit gerechnet worden, und jeder Kommandant hatte seine Instruktion hinsichtlich der in diesem Falle zu beobachtenden Taktik erhalten. Es war dafür ein besonderes Signal vereinbart worden, und sobald man die Schwenkung der englischen Panzer bemerkte, flog es an der Signalleine des Admiralschiffes in die Höhe. Sofort nahm jedes der deutschen Linienschiffe die ihm nach dem Schlachtplan vorgeschriebene Position ein. Das Geschwader teilte sich in zwei Hälften, von denen die erste Division, hinter das Flaggschiff einschwenkend, mit diesem zusammen ‚links um!‘ machte, während die andere Division, auch links um machend, sich hinter das linke Flügelschiff setzte.

Dies ihm gänzlich unbekannte Manöver kam dem englischen Admiral völlig unerwartet. Seine Absicht war durch das rasche und geschickte Ausweichen der deutschen Schiffe vollständig vereitelt, der geplante Vernichtungsstoß versagte, und seine eigenen Panzer hatten nun, während sie in Dwarslinie weiterfuhren, von rechts und links ein furchtbares Feuer auszuhalten, das namentlich den beiden Flügelschiffen verhängnisvoll wurde. Mit einem Hagel schwerer und leichter Geschosse überschüttet und überdies von wohlgezielten Torpedos getroffen, waren sie innerhalb weniger Minuten gefechtsunfähig geworden, und das eine von ihnen, die ‚Victorious‘, das Schicksal der unglücklichen ‚Formidable‘ teilend, versank mit ihrer über 700 Mann starken Besatzung in den Fluten.

Aber auch die junge deutsche Flotte hatte in diesem Entscheidungskampfe ihre Feuertaufe empfangen.

Alles, was die moderne Kriegstechnik an Vernichtungsmitteln kennt, wurde von jedem der beiden Gegner aufgeboten, um dem anderen den Sieg zu entreißen. Zu den Granaten der schweren Geschütze gesellten sich die Geschosse der leichteren Armierung und der in den Gefechtsmarsen postierten Maschinengewehre, so daß es im eigentlichsten Sinne des Wortes ein ‚Geschoßregen‘ war, der beim Passieren auf die in Rauch und Dampf gehüllten Schiffe niederging.

Hermann Heideck hatte in Indien die Schrecken des Landkrieges in ihren mancherlei Gestalten so gründlich kennen gelernt, daß er seine Nerven vollkommen gestählt glaubte gegen den grauenhaften Anblick von Tod und Verwüstung. Die Szenen aber, die sich während dieses Kampfes rings um ihn her auf dem verhältnismäßig engen Raum des prächtigen Flaggschiffes abspielten, ließen in ihrer Furchtbarkeit alles hinter sich zurück, was er bisher erlebt hatte. Heideck war voller Bewunderung über den Heldenmut und die todverachtende Disziplin der Offiziere und Mannschaften, von denen keiner auch nur einen Fuß breit von dem ihm zugewiesenen Posten wich.

Da er bei dem jetzt auf seinem Höhepunkt angelangten Drama nur die Rolle eines untätigen Zuschauers spielte, konnte er sich frei in allen Teilen des Admiralschiffes bewegen. Und wohin er auch kam, überall bot sich seinem Auge dasselbe Schauspiel grauenhafter Zerstörung und heldenmütiger Pflichterfüllung.

Der Aufenthalt in den Geschütztürmen und Kasematten war für die Bedienungsmannschaften zu einer geradezu höllischen Pein geworden. Es herrschte in den niederen, eisengepanzerten Räumen eine Gluthitze, die selbst das Atmen erschwerte. Der ungeheure Lärm und die übermenschliche Erregung der Nerven schienen derart abstumpfend auf die Sinne der Leute gewirkt zu haben, daß sie überhaupt keine klare Vorstellung mehr hatten von dem, was um sie her vorging. Auf ihren Gesichtern lag nicht jener Ausdruck von Erbitterung und Wut, den Heideck in der Landschlacht bei Lahore in den Physiognomieen so vieler Soldaten gesehen hatte, vielmehr beobachtete er eine gewisse stumpfe Gleichgültigkeit, die durch das Gräßliche der Situation nicht mehr erschüttert werden konnte.

Eine Granate schlug vor Heidecks Augen in eine Batterie ein, krepierte und riß mit ihren umherfliegenden Sprengstücken fast die ganze Bedienungsmannschaft nieder. Glücklich die, welche dabei sofort den Tod gefunden hatten. Denn die Verletzungen derer, die sich verwundet am Boden krümmten, waren entsetzlicher Natur. Die glühendheißen Eisenstücke, die den Unglücklichen das Fleisch zerrissen und die Knochen zerschmetterten, fügten ihnen auch gleichzeitig schreckliche Brandwunden zu. Heideck würde es für eine Tat der Menschlichkeit gehalten haben, wenn er mit einem wohlgezielten Revolverschuß die Leiden dieses oder jenes Unglücklichen hätte enden dürfen, dem Haut und Fleisch in Fetzen vom Leibe hingen oder dessen Glieder zu formlosen blutigen Massen verwandelt waren.

Aber die unverletzt Gebliebenen erfüllten nach wenigen Augenblicken der Betäubung wieder ihre Pflicht mit derselben mechanischen Präzision wie zuvor. Zwischen ihren toten und sterbenden Kameraden, um die sich für den Augenblick niemand kümmern konnte, standen sie in dem warmen Menschenblute, das den Boden schlüpfrig machte, und bedienten das nur unerheblich beschädigte Geschütz ruhig weiter.

Ein blutjunger Seekadett, der aus dem Kommandoturme des Prinz-Admirals mit einem Befehl in den Maschinenraum hinuntergeschickt worden war, kam Heideck auf dem schmalen, erstickend heißen Gange entgegen. Es war ein schlanker, hübscher Jüngling mit zartem Knabengesicht. Aus einer Stirnwunde lief ihm das Blut über Auge und Wange. Er mußte mit beiden Händen an der Wand eine Stütze suchen, während er in übermenschlicher Willenskraft seine wankenden Kniee zwang, ihn vorwärts zu tragen, denn er war nur von dem einzigen Gedanken erfüllt, daß er aufrecht bleiben müsse, bis er sich seines Auftrages entledigt habe. Als Heideck ihn in mitleidiger Teilnahme nach der Art seiner Verwundung fragte, versuchte er die bleichen, schmerzzuckenden Lippen sogar noch zu einem Lächeln zu verziehen, denn trotz seiner siebzehn Jahre fühlte er sich in diesem Augenblick ja ganz als Mann und als Soldat, dem es süß und ehrenvoll war, für das Vaterland zu sterben. Aber sein heldenmütiger Wille war doch stärker gewesen, als sein zum Tode verwundeter Körper. Bei dem Versuch, vor dem Major eine straffe, dienstliche Haltung anzunehmen, brach er plötzlich zusammen. Er hatte gerade noch Kraft genug, Heideck den Befehl des Admirals zu übermitteln und ihn zu bitten, den Befehl weiterzugeben. Dann verließen ihn seine Sinne.

In einer anderen Batterie war durch eine einschlagende Granate die bereit gehaltene Munition zum Explodieren gebracht worden. Hier kam auch nicht ein Mann mit dem Leben davon. Heideck selbst, obwohl er sich seit Beginn der Schlacht stets rücksichtslos allen Gefahren ausgesetzt hatte, war wie durch ein Wunder bisher dem ihn in hundert verschiedenen Gestalten umdrohenden Tode entgangen. Es war ihm vergönnt gewesen, auf den ausdrücklichen Befehl des Prinzen längere Zeit in dem oberen Kommandoturm zu verweilen, von wo aus der fürstliche Admiral die Schlacht leitete, und die zielbewußte, überlegene Ruhe des höchsten Befehlshabers hatte ihn trotz der Uebermacht der Engländer mit der unerschütterlichen Zuversicht eines für die deutsche Flotte glücklichen Ausganges erfüllt.

Seitdem Heideck aus Brandelaars Munde die Nachricht von Edith Irwins Tode erhalten hatte, war in seinem Innern alles erstorben, was ihn mit rein menschlichen Gefühlen und Empfindungen an das Leben noch geknüpft hatte. Er war nichts mehr als der Soldat, dessen Denken und Trachten ausschließlich erfüllt war von der Sorge um den Sieg der vaterländischen Waffen. Alle persönlichen Schicksale waren seinem Erinnern vollständig entrückt, als lägen sie um Jahrzehnte hinter ihm. Und so bedeutungslos war ihm in diesen Augenblicken, wo um das Sein und Nichtsein von Nationen gerungen wurde, das eigene Leben, daß er sich nicht einmal der tollkühnen Unerschrockenheit bewußt wurde, mit der er es bei jedem seiner Schritte aufs Spiel setzte. —

Majestätisch und gewaltig, todbringende Blitze aus ihren Türmen und Geschützluken sprühend, hatte die ‚Wittelsbach‘ bisher ihren Weg gemacht, der Wunden nicht achtend, die feindliche Geschosse ihrem Körper geschlagen. Und eine fast dankbare Empfindung für das herrliche Schiff, das ihn trug, regte sich in Heidecks Herzen.

‚Du machst fürwahr dem großen Namen Ehre, den man dir gegeben‘, dachte er. Seine Augen suchten durch Rauch und Qualm den Kommandoturm, in dem er den Prinz-Admiral wußte. Aber er fand ihn nicht mehr, denn plötzlich legte sich’s wie ein dichter schwarzer Nebel vor seine Augen. Er hatte nur einen leichten Schlag gegen seine Brust gefühlt, keinen Schmerz. Seine Hand wollte sich zu der getroffenen Stelle erheben, aber kraftlos sank sie wieder herab. Es war ihm, als würde er von einer unsichtbaren Faust im Kreise gedreht. Tausende von leuchtenden Feuergarben schossen plötzlich aus dem schwarzen Nebel auf — dann wurde es vollends Nacht um ihn her — tiefe, undurchdringliche Nacht und feierliches, lautloses Schweigen.

Der Major Hermann Heideck hatte den Heldentod gefunden.


Ein durch Signale herbeigerufenes Torpedoboot näherte sich in schnellster Fahrt dem auf der Seite liegenden Flaggschiff des Prinz-Admirals. Ein Breitseittorpedo hatte die ‚Wittelsbach‘ getroffen. Und wenn auch das Sinken des Panzers nicht zu befürchten stand, war doch eine weitere Leitung der Schlacht vom Bord des bisherigen Flaggschiffes aus unmöglich geworden.

Der damit verbundenen Gefahr nicht achtend, ließ sich der Prinz-Admiral mit seinem Stabe von dem Torpedoboot an Bord des Linienschiffes ‚Zähringen‘ bringen, auf dem alsbald seine Flagge emporstieg.


Wohl war der Verlauf der Schlacht bisher ein für die deutsche Flotte überraschend günstiger gewesen. Ihre Verluste waren beträchtlich geringer als die des an Zahl weit überlegenen Feindes, und ihre Schiffe befanden sich mit wenigen Ausnahmen noch in gefechtstüchtigem und manövrierfähigem Zustande. Von einer Entscheidung zu Gunsten der deutschen Flotte aber konnte bei der Stärke der noch verfügbaren gegnerischen Kräfte bisher nicht die Rede sein. Und wenn auch das geschickte Manöver des deutschen Geschwaders den beabsichtigten Vorstoß der Engländer vereitelt und ihnen sehr empfindlichen Schaden zugefügt hatte, so war Sir Domvile doch noch immer die Möglichkeit geboten, die Scharte auszuwetzen und das launische Schlachtenglück an seine Flagge zu fesseln.

Hatten sich doch auf den anderen deutschen Linienschiffen und Kreuzern dieselben furchtbaren Szenen abgespielt, wie die, deren Zeuge Major Heideck an Bord der ‚Wittelsbach‘ gewesen war. Ueberall war das Blut in Strömen geflossen, und bei einer weiteren Fortdauer des mörderischen Gefechts konnte der Augenblick nicht fern sein, wo die Lücken, die der Tod in die Reihen der wackeren Schiffsbesatzungen gerissen, nicht mehr auszufüllen waren. Ein paar glückliche Torpedoschüsse der Engländer — und keine Genialität der obersten Leitung, kein Heldenmut der Kommandanten, Offiziere und Mannschaften hätte noch einen für die deutschen Waffen ungünstigen Ausgang abzuwenden vermocht.

Da plötzlich, von Süd-Westen her kam ein neues, anscheinend sehr starkes Geschwader in Sicht, das, wenn es eine britische Reserveflotte war, den Sieg sofort zu Gunsten der Engländer entscheiden mußte.

Minuten höchster Spannung und Erregung waren es, die man bis zu dem Augenblick der erlösenden Gewißheit an Bord der deutschen Schiffe durchlebte. Um so beglückender aber wirkte nun die Erkenntnis, daß man es nicht mit neuen Streitkräften des Feindes, sondern mit dem in schnellster Fahrt herankommenden französischen Geschwader des Admirals Courthille zu tun habe, das gerade im rechten Moment die Entscheidung bringen sollte.

Nun war mit einem Schlage das Bild so völlig zu Ungunsten der Engländer verwandelt, daß ein Sieg der britischen Flotte zur Unmöglichkeit geworden war. Das Eingreifen des noch völlig intakten, aus zehn Linienschiffen, zehn großen und einer entsprechenden Anzahl kleiner Kreuzer bestehenden französischen Geschwaders in den Kampf mußte notwendig die Vernichtung der englischen Flotte herbeiführen. Der englische Admiral war einsichtig genug, die Sachlage richtig zu beurteilen, sobald auch er die herannahenden Schiffe als die französische Flotte erkannt und sich Gewißheit über die Stärke des Gegners verschafft hatte. Den eben gegebenen Befehlen zu einer abermaligen Angriffsformation folgten jetzt an Bord des englischen Flaggschiffes neue Signale, die nichts anderes bedeuteten als die Ordre zum schleunigen Rückzug. Der englische Admiral gab die Schlacht endgültig verloren und hielt es für seine Pflicht, von den ihm anvertrauten Schiffen zu retten, was sich noch retten ließ. Ehe die Franzosen wirksam in den Kampf eingreifen konnten, dampfte die englische Flotte mit aller Kraft nach Nord-West ab.

Donnernde Hurras auf allen deutschen Schiffen feierten den mit diesem Rückzuge proklamierten Sieg. Die Torpedo-Divisionsboote und ein paar schnelle Kreuzer erhielten Befehl, sich in Kontakt mit dem fliehenden Feinde zu halten.

Der kommandierende französische Admiral war an Bord des Flaggschiffes ‚Zähringen‘ gegangen, um sich und sein Geschwader unter den Oberbefehl des Prinz-Admirals zu stellen und über die weiteren gemeinsamen Operationen der beiden vereinigten Flotten ein Einverständnis herzustellen. Denn es unterlag keinem Zweifel, daß dieser Sieg sofort bis aufs äußerste ausgenutzt werden mußte, wenn er ein wirklich entscheidender sein sollte.

In tiefer Bewegung schloß der Prinz den Admiral Courthille in seine Arme und dankte ihm für sein Erscheinen in der entscheidenden Stunde. Der französische Admiral aber entschuldigte sich wegen seines späten Eingreifens in die Schlacht. „Ich mußte die Nacht abwarten und weit in See gehen mit südwestlichem Kurs, bevor ich den nördlichen Kurs nehmen konnte, um unter dem Schutze der Nacht ungesehen von dem uns blockierenden englischen Geschwader des Prinzen Battenberg den Durchbruch bewerkstelligen zu können.“

Inzwischen waren die hinter dem Feinde hergesandten Aufklärungsschiffe mit der Meldung zurückgekommen, daß die englische Flotte ihren Kurs geändert hätte und auf die Themse zuzuhalten schiene. Ein weiteres Verfolgen des Feindes war nicht möglich gewesen, da der englische Admiral einige Schiffe detachiert hatte, denen die nachfolgenden deutschen Kreuzer nicht gewachsen waren.

Es waren Vorbereitungen getroffen worden, die Verwundeten und Toten an Bord der durch ein Signal dazu bestimmten Schiffe zu geben, was sich auch bei der nun ruhiger gewordenen See mit nicht allzugroßen Schwierigkeiten bewerkstelligen ließ. Jetzt, wo der furchtbare Kampf ausgetobt hatte, kamen die Besatzungsmannschaften erst zum vollen Bewußtsein der durchlebten Schrecknisse. Die Bergung der Verwundeten zeigte, welche grausamen Opfer die Schlacht gefordert hatte. Es war eine schwere und traurige Aufgabe, die manches starke Seemannsherz in Schmerz und Mitleid erbeben ließ. Die Gefallenen waren durch die Sprenggeschosse, die ihnen den Tod gebracht hatten, zumeist entsetzlich zugerichtet, und auch die Verletzungen der Verwundeten, denen die an Bord befindlichen Aerzte im Getümmel der Schlacht nur notdürftig die erste Hilfe hatten angedeihen lassen können, waren fast durchweg so schwerer Art, daß der Transport nur langsam vor sich gehen konnte.

Nachdem die deutschen Schiffe durch Signale gemeldet hatten, daß sie wieder gefechtsfähig wären, erhielten die anderen, welche die Toten und Verwundeten an Bord hatten, sowie die nicht mehr gefechtsfähigen deutschen und die genommenen englischen Schiffe den Befehl nach Antwerpen zu gehen. Das vereinigte deutsch-französische Geschwader aber setzte sich unter dem Oberbefehl des Prinz-Admirals, den Kurs auf die Themsemündung nehmend, in Bewegung.