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Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman cover

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Chapter 5: III.
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About This Book

A speculative political-military narrative offers a prophetic vision of a global war sparked by imperial rivalry and colonial tensions. Through council scenes, military recollections, and imagined dispatches, it traces how strategic calculations and nationalist anxieties lead major continental powers to align against a maritime empire. Episodes shift between diplomatic conferences, frontier postings, and the narrator's reflections, depicting mobilization, alliance-building, and an envisioned redistribution of overseas possessions as the conflict unfolds and reshapes international order.

III.

Hermann Heideck wohnte in einem Dak Bungalo, einem jener von der Regierung unterhaltenen Gasthäuser, die dem Reisenden zwar Unterkunft aber weder Betten noch Verpflegung bieten. Als er aus dem Camp dahin zurückkehrte, stand sein indischer Diener Morar Gopal in der Tür, um den Herrn zu empfangen und teilte ihm mit, daß ein neuer Gast mit zwei Dienern angekommen wäre. Da dieses Dak Bungalo geräumiger war als die meisten anderen, so hatten die Neuangekommenen Platz, und Heideck brauchte nicht, wie sonst üblich, als älterer Gast dem später eingetroffenen zu weichen.

„Was für ein Landsmann ist der Herr?“ fragte er.

„Ein Engländer, Sahib!“

Heideck trat in sein Zimmer und ließ sich am Tische nieder, auf dem neben den beiden mattleuchtenden Kerzen eine Whiskyflasche, einige Flaschen Sodawasser und das Zigarettenkistchen standen. Er war nachdenklich und übel gelaunt. Die aufregende Szene in der Offiziersmesse war ihm persönlich nahe gegangen. Nicht um des Kapitän Irwin willen, der ihm seit dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft in hohem Maße unsympathisch gewesen war, sondern einzig wegen der schönen jungen Frau des leichtsinnigen Offiziers, an die er sich von ihren wiederholten gesellschaftlichen Begegnungen her gut genug erinnerte. Keine der anderen Offiziersdamen — und es waren sehr hübsche und liebenswürdige unter ihnen — hatte einen so tiefen und nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht, wie Mrs. Edith Irwin, deren persönlicher Liebreiz ihn in ebenso hohem Maße gefesselt hatte, wie ihre ungewöhnliche Klugheit ihn in Erstaunen setzte. Die Vorstellung, daß dieses anmutige Wesen mit unzerreißbaren Ketten an einen brutalen und ausschweifenden Menschen vom Schlage Irwins gefesselt war, und daß ihr Mann sie vielleicht eines Tages mit sich hinabriß in sein unausbleibliches Verderben, bereitete ihm eine schmerzhafte Empfindung. Er hätte so gern irgend etwas für die unglückliche junge Frau getan. Aber er mußte sich sagen, daß es dazu für ihn, den Fremden, der ihr nichts als eine oberflächliche Bekanntschaft war, keine Möglichkeit gab. Der Kapitän wäre vollkommen berechtigt gewesen, jede unberufene Einmischung als eine unerhörte Dreistigkeit zurückzuweisen. Und auf welche Art hätte er hier helfend eingreifen können?

Ein Lärm, der sich plötzlich im Nebenzimmer erhob, riß Heideck aus seinen unerfreulichen Grübeleien. Er hörte lautes Schelten und ein klatschendes Geräusch, wie wenn Peitschenhiebe auf einen nackten menschlichen Körper fallen. Eine Minute später wurde die Verbindungstür aufgerissen und ein nur mit Hüftschurz und Turban bekleideter Inder stürzte in das Zimmer, als ob er hier Schutz vor seinem Peiniger suchen wollte. Ein lang gewachsener, ganz in weißen Flanell gekleideter Europäer war ihm auf den Fersen und ließ unbarmherzig seine Reitgerte auf den bloßen Rücken des wehklagenden Mannes niedersausen. Die Anwesenheit Heidecks genierte ihn dabei offenbar nicht im mindesten.

Auf den ersten Blick hatte der junge Deutsche erkannt, daß sein Nachbar nicht, wie der Diener ihm gesagt hatte, ein Engländer sein konnte. Sein auffallend schmales, fein geschnittenes Gesicht, seine eigentümlich geschlitzten schwarzen Augen und sein weicher dunkler Bart hatten viel mehr von dem sarmatischen als von dem charakteristisch angelsächsischen Typus.

Der Mann gefiel ihm seinem Aeußeren nach nicht übel, sein Betragen aber konnte er unmöglich ruhig hinnehmen. Indem er zwischen ihn und den Mißhandelten trat, fragte er sehr energisch, was dieser Auftritt bedeuten solle.

Lachend ließ der andere den eben wieder zum Schlage erhobenen Arm sinken.

„Ich bitte um Entschuldigung, mein Herr,“ sagte er in fremdartig klingendem Englisch, „ein sehr guter Boy, aber er stiehlt wie ein Rabe und muß von Zeit zu Zeit seine Prügel haben. Ich weiß, daß er irgendwo an seinem Leibe die fünf Rupien versteckt haben muß, die mir heute wieder fehlen.“

Damit packte er, als hielte er die gegebene Auskunft für vollkommen ausreichend, seine Handlungsweise zu erklären, den braunen Burschen von neuem und riß ihm mit raschem Griffe den Turban vom Kopfe. Aus dem weißen, rotgesäumten Tuche rollten klirrend ein paar Silberstücke über die Steinplatten hin. Zugleich aber war auch ein größerer Gegenstand vor Heidecks Füße niedergefallen. Er hob ihn auf und hielt ein goldenes Zigarettenetui in der Hand, auf dessen Deckel ein Wappen mit einer Fürstenkrone eingraviert war. Als er es dem Fremden überreichte, verbeugte sich dieser dankend und entschuldigte sich wie ein Mann von der besten Gesellschaft. Der Inder aber nahm die Gelegenheit wahr, sich mit einigen affenartigen Sprüngen aus dem Staube zu machen.

Der Anblick des Wappens auf dem Zigarettenetui hatte in Heideck das Verlangen geweckt, diesen gewalttätigen Nachbar näher kennen zu lernen. Als hätte er die sonderbare Art seines Eintritts ganz vergessen, fragte er artig, ob er den ihm vom Zufall bescherten Hausgenossen zu einer Zigarre und einem Abendtrunk einladen dürfe.

Mit liebenswürdigster Bereitwilligkeit nahm der andere die Aufforderung an.

„Sie reisen auch in Geschäften, mein Herr?“ fragte Heideck. Und da er eine bejahende Antwort erhielt, fügte er hinzu:

„Wir wären also Kollegen. Sind Sie mit Ihren hiesigen Erfolgen zufrieden?“

„O, es könnte besser gehen. Man hat zuviel Konkurrenz!“

„Baumwolle?“

„Nein. Bronzewaren und Seide. Habe von Delhi auch wunderbare Goldarbeit mitgebracht.“

„Dann stammt Ihr Zigarettenetui vermutlich auch aus Delhi?“

Die geschlitzten Augen des anderen streiften ihn mit einem forschenden Blick.

„Mein Zigarettenetui? Nein! — Arbeiten Sie vielleicht in Fellen, Herr Kollege? Haben Sie Kaschmirziegen?“

„Ich habe alles. Mein Haus arbeitet in allem.“

„Sie kommen nicht von Kalkutta?“

„Nein, nicht von Kalkutta.“

„Schlechtes Wetter da. All mein Leder ist verdorben.“

„Ist es so feucht dort?“

„Dampfbad, sage ich Ihnen, veritables Dampfbad.“

Heideck war längst überzeugt, einen Russen vor sich zu haben. Aber um seiner Sache ganz sicher zu sein, machte er eine scherzhafte Bemerkung in russischer Sprache. Verwundert blickte sein neuer Bekannter auf.

„Sie sprechen russisch, mein Herr?“

„Ein wenig.“

„Sie sind aber kein Russe?“

„Nein, ich bin ein Deutscher, der sich während eines vorübergehenden Aufenthaltes in Rußland einige Sprachkenntnisse angeeignet hat. Wir Kaufleute kommen ja weit herum.“

Der Herr, der seiner Angabe nach in Seide und Bronzewaren reiste, war sichtlich erfreut, hier, wo er es gewiß am wenigsten erwartet hatte, die anheimelnden Laute seiner Muttersprache zu vernehmen. Und Heideck bemühte sich mit einem fast befremdlichen Eifer, ihn bei guter Laune zu erhalten. Er rief seinen Diener und befahl ihm, heißes Wasser zu bereiten.

„Es ist sehr kühl diese Nacht,“ wandte er sich an seinen Gast. „Ein Brandy mit heißem Wasser ist da nicht zu verachten.“

„Ah,“ sagte der Russe, „warten Sie einen Augenblick. Es ist besser, das Wasser wegzulassen und es durch etwas Schmackhafteres zu ersetzen.“

Er ging in sein Zimmer und kehrte alsbald mit einer Flasche Sherry und zwei Flaschen Champagner zurück.

„Ich werde mit Ihrer Erlaubnis hier in diesem Kessel einmal eine Bowle nach russischem Geschmack mischen. Zucker muß auch hinein. Dieser für englische Zungen berechnete Champagner ist so trocken, daß er gesüßt werden muß, um für unsereinen genießbar zu werden.“

Er goß die Flasche Kognak, die der Diener gebracht hatte, ebenso wie den Sherry zu dem Champagner und füllte die Gläser.

Nach deutscher Sitte stießen die beiden Herren mit einander an. Noch einmal betrachtete Heideck dabei aufmerksam seinen neuen Bekannten. Der lauernde Ausdruck, mit dem er die Augen des anderen auf sich gerichtet fühlte, machte ihn einen Moment stutzig. Sollte der Russe etwa die gleiche Absicht haben, wie er selbst, und ihm mit dem Sekt nur die Zunge lösen wollen? Jedenfalls war er jetzt auf seiner Hut.

„Darf ich Sie bitten, eine meiner Havannazigarren zu versuchen?“ fragte der Russe, indem er ihm sein Etui darreichte. „Die indischen Zigarren sind nicht schlecht und sehr billig. Die Beaconsfield ist meine Lieblingssorte. Hier und da muß man aber zur Abwechslung doch etwas anderes rauchen.“

Heideck nahm dankend an und es begann jetzt ein ziemlich scharfes Zechen, zu welchem der Russe das Tempo angab. Aber er war der Wirkung des ebenso wohlschmeckenden wie starken Getränkes offenbar viel weniger gewachsen, als der Deutsche. Von Minute zu Minute gesprächiger werdend, fing er bald an, seinen neuen Freund Brüderchen zu nennen und allerlei mehr oder weniger verfängliche Geschichten zu erzählen. Auch auf seine heimischen Familienverhältnisse kam er, durch einige geschickte Fragen Heidecks veranlaßt, zu sprechen. Er lachte über eine alte Tante, die ihr Haar mit Rosen zu schmücken pflege, um kahle Stellen zu verdecken, und fügte hinzu, daß diese Tante wegen ihrer unvergleichlichen Klatschgeschichten am Zarenhofe ganz besonders beliebt sei. Daß solche Familienbeziehungen bei einem Geschäftsreisenden etwas verwunderlich wären, kam ihm augenscheinlich nicht in den Sinn.

Im Verlauf der Unterhaltung erwähnte er auch, daß er vor nicht langer Zeit in China gewesen wäre.

„Wir sind zu langsam, Brüderchen, viel zu langsam,“ versicherte er, „mit fünfzigtausend Mann konnten wir uns alles nehmen, was wir haben wollten, und die Japaner hätten wir unsererseits schon längst angreifen sollen.“

„Sagen Sie doch,“ fragte Heideck anscheinend gleichgiltig, „wie stark ist denn eigentlich die Armee des General-Gouvernements Turkestan?“

Der Russe blickte auf, aber es geschah nicht, weil er sich auf die verlangte Antwort besann. Denn nachdem er langsam ein Glas Sodawasser ausgetrunken hatte, sagte er:

„Wenn du gut leben willst, Brüderchen, mußt du in die Mandschurei gehen. Lachse, sage ich dir — ah! Und kosten beinahe nichts. — Und hübsche Mädchen in Menge! Pelze aber kannst du kaufen — so gut wie umsonst. Was in Petersburg zehntausend Rubel kostet, hast du in China, da oben im Norden, für hundert.“

„Da haben Sie wohl schöne Pelze mitgebracht?“

„Pelze in Indien? Da würden sie im Handumdrehen von den Ameisen aufgefressen werden. Für meinen Gebrauch allerdings habe ich einen mitgebracht, der in Petersburg unter Brüdern fünftausend Rubel wert sein würde. Werde ihn später im Gebirge gut genug brauchen können. Er riecht eine Werst weit, so gut habe ich ihn eingepfeffert!“

Wieder gab es eine kleine Pause. Dann, indem er sein Gegenüber scharf ansah, sagte Heideck plötzlich:

„Sie sind Offizier!“

Ganz fassungslos starrte ihm der Russe ins Gesicht.

„Offenheit gegen Offenheit!“ erwiderte er nach längerem Besinnen. „Auch Sie sind Soldat, mein Herr?“

„Einem Kameraden brauche ich es nicht zu verschweigen. Hermann Heideck, Hauptmann vom preußischen Generalstabe.“

Der Russe erhob sich und machte eine sehr korrekte Verbeugung.

„Fürst Fedor Andrejewitsch Tschadschawadse, Hauptmann im Garderegiment Preobraschensky.“

Dann klangen aufs neue die Gläser zusammen.

„Auf gute Kameradschaft!“ hieß es hüben und drüben.

„Kamerad, ich will Ihnen etwas verraten,“ sagte der Russe. „General Iwanow ist im Anmarsch gegen die indische Grenze. Der Zar beschäftigt sich nicht mehr mit Theosophie, er will England den Krieg erklären.“

Heideck hätte gern noch mehr erfahren, doch der Fürst hatte der berauschenden Mischung wohl schon über seine Kräfte zugesprochen. Er fing an, leichtfertige französische Chansons zu singen, um dann plötzlich auf schwermütige russische Volkslieder überzugehen. An ein halbwegs vernünftiges Gespräch war in seiner gegenwärtigen Verfassung nicht mehr zu denken.

Heideck befand sich bereits in einiger Verlegenheit, was er mit seinem bezechten Gaste anfangen solle. Da wurde ihm eine neue Ueberraschung zu Teil. Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich und ein schöner, schlanker Bursche von höchstens achtzehn Jahren erschien auf der Schwelle.

Er war in eine Art phantastischer Pagentracht gekleidet, die in einem anderen Lande als dem farbenreichen, malerischen Indien wie eine Maskerade gewirkt haben würde. Der blaue, goldgestickte Kittel war mit einer rotseidenen Schärpe umgürtet und die weiten roten Beinkleider verschwanden an den Knieen in hohen, glänzenden Lackstiefeln, deren elegante Form die auffallende Kleinheit der schmalen Füße erkennen ließ. Ueppiges, goldschimmerndes Blondhaar fiel wellig fast bis auf die Schultern des knabenhaften Jünglings herab. Das schöne, längliche Gesicht war von rosigstem Incarnat. Aus den großen, blauen Augen aber blitzte die Energie eines starken Temperaments.

Sowie er des Eintretenden ansichtig geworden war, hatte der Fürst aufgehört zu singen.

„Ah, Georgij —“ stammelte er.

Ohne ein Wort zu sprechen, war der Page auf ihn zugetreten und hatte den plötzlich ganz Willenlosen vom Stuhle emporgezogen. Fürst Tschadschawadse schlang den Arm um seine Schultern und ließ sich hinausführen, ohne seinem deutschen Kameraden eine ‚Gute Nacht‘ zu wünschen.

Heideck zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß dieser schlanke Page ein verkleidetes Mädchen wäre. Der schöne Wuchs und der seltsame Ausdruck ungebändigter Naturkraft in den wunderbar regelmäßigen Zügen waren unverkennbar Eigentümlichkeiten des cirkassischen Typus. Dieser angebliche Georgij war sicherlich eine Tochter der kaukasischen Berge, das Kind eines Bauern oder vielleicht eines Räubers, wie auch Tschadschawadse seinem Namen nach einem jener alten kaukasischen Fürstengeschlechter angehörte, die einst als echte Raubritter in dem von Rußland so schwer und so langsam unterworfenen Gebirgslande gehaust hatten.


IV.

Die Angabe des Hauptmanns Heideck, daß er für ein Hamburger Handelshaus reise, war nicht eigentlich eine Unwahrheit gewesen. In der Tat betrieb er die kaufmännischen Geschäfte, die ihm als Maske für den wirklichen Zweck seiner Reise dienten, mit größtem Ernst.

Er hatte von dem Chef des Großen Generalstabes den Auftrag erhalten, die militärischen Verhältnisse in Indien und die strategische Bedeutung der Nordwestgrenze zu studieren, und hierzu war ihm ein unbegrenzter Urlaub bewilligt worden.

Aber der General hatte ihm ausdrücklich erklärt:

„Sie reisen als Privatmann, und wenn Sie in irgend einen Konflikt mit den Engländern geraten sollten, würden wir in keiner Weise die Verantwortung für Ihre Taten und Erlebnisse übernehmen können. Sie erhalten einen Paß auf Ihren richtigen Namen, aber natürlich ohne Erwähnung Ihrer militärischen Eigenschaft. Daß wir Sie bei einer etwaigen Nachfrage nicht verleugnen werden, ist selbstverständlich. In einem gewissen Sinne aber reisen Sie auf eigene Gefahr. Ihr eigener Takt muß Ihnen Führer sein.“

Darauf hin hatte Heideck sich mit seinem Oheim in Verbindung gesetzt und von ihm die erforderlichen Briefe und Empfehlungen an indische Geschäftsfreunde erhalten. Er war von Bombay aus über Allahabad in die nördlichen Provinzen gereist und hatte die wichtigsten Garnisonen, Cawnpore, Lucknow, Delhi und Lahore besucht. Nach Erledigung seiner Geschäfte in Chanidigot gedachte er sich weiter nach Norden zu wenden und durch den Kaiberpaß nach Afghanistan zu gehen. Lediglich mit Rücksicht auf diesen Plan hatte er die nähere Bekanntschaft mit dem Russen gesucht. Er wurde sich klar darüber, daß dieser von seiner Regierung einen ähnlichen Auftrag erhalten hatte wie er selbst, und gewisse Andeutungen des Fürsten hatten ihn in der Vermutung bestärkt, daß er die nämliche Reiseroute zu wählen gedenke. So konnte es für den deutschen Offizier nur von Vorteil sein, wenn er sich dem russischen Kameraden anschloß, der ihm auf russischem Gebiet sicherlich wertvolle Empfehlungen zu verschaffen vermochte. —

Die gehaltvolle Bowle des Fürsten machte sich noch in einigen unangenehmen Nachwirkungen bemerkbar, als Heideck in der Frühe des nächsten Morgens erwachte. Aber das kalte Bad, das ihm Morar Gopal bereitet hatte, und eine Tasse Tee stellten ihn bald wieder her.

Es war ein indischer Frühlingsmorgen von strahlender Schönheit, in den er tiefaufatmend hinaustrat. Der Februar hatte hier im Tale des Indus unter dem 29° nördlicher Breite etwa die Temperatur des römischen Mai. In den Mittagsstunden pflegte die Quecksilbersäule des Fahrenheit-Thermometers auf hundert Grad zu steigen. Die Abende aber waren erquickend kühl und die Nächte mit ihren feuchten Nebeln zuweilen sogar empfindlich kalt.

Heideck hatte an diesem Morgen mit besonderer Sorgfalt Toilette gemacht, denn er war zu einer Besprechung mit dem Minister des Maharadjah geladen, um über das beabsichtigte Indigogeschäft mit ihm zu verhandeln.

Der Minister bewohnte ein Haus an der Weichbildgrenze der Stadt. Es war ein inmitten eines großen Gartens gelegenes einstöckiges Gebäude mit breiten, luftigen Veranden. Als Heideck eintraf, war die Treppe der Eingangshalle bereits von einer bunten Menge besetzt, die auf Audienz wartete. Ihm aber, als einem Vertreter der weißen Rasse, blieb diese lästige Unbequemlichkeit erspart. Der in weißen Musselin gekleidete und zum Zeichen seiner Würde mit einer breiten roten Schärpe umgürtete Pförtner führte ihn vielmehr gleich in das ganz europäisch ausgestattete Arbeitszimmer des Ministers.

Auch in seiner äußeren Erscheinung verriet der Würdenträger nur durch seine Hautfarbe und seinen Gesichtsschnitt den Inder. Kleidung und Manieren waren ganz die eines abendländischen Diplomaten. Er reichte Heideck die Hand und teilte ihm mit, daß Seine Hoheit selbst mit ihm über den Indigo verhandeln wolle.

„Der Preis, den Sie zahlen wollen, ist ungewöhnlich niedrig,“ fügte er in einem Tone leiser Mißbilligung hinzu.

Heideck aber war auf diesen Einwand offenbar vorbereitet gewesen.

„Exzellenz mögen darin recht haben, daß der gebotene Preis niedriger ist als in früheren Jahren. Aber er ist noch immer sehr hoch, wenn man die inzwischen eingetretenen Veränderungen des Marktes berücksichtigt. In Deutschland wird jetzt durch Anilin ein Ersatz geschaffen, der so billig ist, daß in absehbarer Zeit vermutlich überhaupt kein Indigo mehr gekauft werden wird. Wenn es mir gestattet ist, Seiner Hoheit einen Rat zu geben, so wäre es der, statt des Indigobaus künftig eine Industrie zu wählen.“

„Und welche hätten Sie dabei im Auge?“

„Am vorteilhaftesten würden mir oil-mills und cotton-mills erscheinen. Sie könnten der europäischen und japanischen Konkurrenz damit wirksam begegnen.“

Ein indischer Diener erstattete eine Meldung, und der Minister lud Heideck ein, sogleich mit ihm zum Maharadjah zu fahren. Sie bestiegen einen mit zwei schnellen turkestanischen Pferden bespannten offenen Wagen. Der gelb gekleidete Kutscher, der merkwürdige Aehnlichkeit mit einem geputzten Affen hatte, schnalzte mit der Zunge, und im Galopp ging es durch weit ausgedehnte Parkanlagen zum Schlosse, dessen weiße Marmorwände bald aus dem Grün der Palmen und Tamarinden hervorleuchteten.

Heideck mußte während der kurzen Fahrt an die zahllosen Kriegsstürme denken, die über diesen Boden dahingebraust waren, ehe die englische Herrschaft alle religiösen Kämpfe, alle blutigen Aufstände und alle Einfälle fremder Eroberer für immer unmöglich gemacht zu haben schien. Jetzt konnten hier, wo Alexander des Großen sieggewohnte Krieger gekämpft hatten, wo sich Mohammedaner und Hindus, Afghanen und Sonnenanbeter blutige Schlachten geliefert, Werke des Friedens geschaffen werden, die auf eine Dauer von Jahrhunderten berechnet waren. Es war ein Triumph der Zivilisation, dessen imponierendem Eindruck sich ein Kenner von Indiens geschichtlicher Vergangenheit kaum entziehen konnte.

Der Maharadjah von Chanidigot bekannte sich gleich dem größten Teil seiner Untertanen zum Islam, und schon die äußere Anlage seines Palastes ließ den mohammedanischen Fürsten erkennen. Abseits von dem Hauptgebäude, aber durch eine gedeckte Galerie mit ihm verbunden, lag der kleine Haremsflügel, dessen Inneres hinlänglich vor jedem fremden Blicke geschützt war. Hier wie dort offenbarte sich in der Ausschmückung des Palastes die verschwenderischste Pracht. Und Heideck dachte mitleidig an die armen Untertanen des Maharadjah, deren Sklavenarbeit die Mittel für diesen üppigen Luxus hatte liefern müssen.

Der Minister und sein Begleiter wurden nicht in die große Audienzhalle geführt, die nur für besondere feierliche Empfänge bestimmt war, sondern in eine Loggia des ersten Stockwerkes. Die von zierlichen Marmorsäulen getragene offene Seite derselben ging nach einem inneren Hofe hinaus, der mit seinem tropischen Pflanzenreichtum einen wahrhaft paradiesischen Anblick gewährte. Eine leise plätschernde Fontäne, die aus dem Marmorbassin in seiner Mitte emporstieg, warf ihren feinen Sprühregen bis zu der Loggia hinauf und verbreitete angenehme Kühle.

Eine gute Weile ließ ihn der Minister warten. Dann kehrte er zurück und forderte ihn durch ein stummes Zeichen auf, ihn zum Fürsten zu begleiten.

Das Gemach, in welchem der Maharadjah sie empfing, war in seiner Ausstattung ein sonderbares, für die Augen eines Europäers nicht gerade anmutiges Gemisch von orientalischem Luxus und englischem Modegeschmack. Zwischen herrlichen Teppichen und kostbaren Waffen, mit denen die Wände geschmückt waren, hingen grellbunte Gemälde von wahrhaft barbarischem Geschmack, wie man sie in Deutschland kaum im Hause eines mäßig begüterten Bürgers angetroffen haben würde. Und ähnliche Widersprüche zeigten sich mehrfach. Am auffallendsten vielleicht traten sie in der Erscheinung des Fürsten selbst zu Tage. Denn dieser hochgewachsene Mann mit dem weichen schwarzen Vollbart und den brennenden Augen, der in seiner malerischen Landestracht ohne Zweifel schön und imponierend ausgesehen hätte, machte in dem grauen englischen Anzug und dem roten Turban auf dem Kopfe einen unharmonischen Eindruck.

Er saß in einem mit rotem Juchtenleder überzogenen englischen Klubsessel und neigte auf Heidecks tiefe Verbeugung zu leichtem Gegengruße den Kopf.

Es entging dem deutschen Offizier nicht, daß der Maharadjah äußerst verdrießlich aussah. Und er vermutete, daß es der für den Indigo gebotene niedrige Preis sei, der ihn verstimmt hätte.

Aber schon die ersten Worte des Fürsten belehrten ihn eines anderen.

„Wie ich höre,“ sagte er in ziemlich mangelhaftem Englisch, „sind Sie zwar Europäer, aber nicht Engländer. Darum hoffe ich, von Ihnen die Wahrheit zu hören. Ich bin gern bereit, Sie für Ihre Auskunft zu belohnen.“

„Ich pflege auch ohne Belohnung die Wahrheit zu sagen, Hoheit!“

Der Maharadjah maß ihn mit einem mißtrauischen Blick.

„Ich bin ein treuer Freund Englands,“ sagte er nach kurzem Zaudern, „und ich befinde mich im besten Einvernehmen mit dem Vizekönig. Aber es geschehen jetzt Dinge, für die mir jede Erklärung fehlt. An diesem Morgen erhielt ich eine Botschaft aus Kalkutta, die mich in Erstaunen setzt. Die indische Regierung beabsichtigt bei Quetta ein Truppenkorps zusammenzuziehen und fordert mich auf, tausend Mann Infanterie und fünfhundert Reiter sowie eine Batterie und zweitausend Kamele dorthin zu senden. Können Sie mir sagen, mein Herr, was England veranlaßt, eine so bedeutende Truppenmacht bei Quetta zusammenzuziehen?“

„Es dürfte sich lediglich um eine Vorsichtsmaßregel handeln, Hoheit! Vielleicht sind in Afghanistan neuerdings Unruhen ausgebrochen.“

„Unruhen in Afghanistan? Dabei könnte nur Rußland seine Hand im Spiele haben. Wissen Sie vielleicht etwas Bestimmteres?“

Heideck mußte verneinen. Und der Maharadjah, der seine üble Laune nicht verbarg, fing an, in einer etwas unvorsichtigen Weise seinem Herzen Luft zu machen.

„Ich bin ein treuer Freund der Engländer, aber der Druck, den sie auf uns ausüben, wird täglich schwerer. Wenn England einen Krieg führen will, weshalb sollen wir unser Blut und unser Geld dafür hergeben? Wissen wir doch nicht einmal, wie mächtig die Feinde der Engländer sind. Sie gehören dieser Nation nicht an, wie mir mein Minister mitteilte. Deshalb könnten Sie mich recht wohl darüber unterrichten. Ich bin ja selbst in Europa gewesen. Aber man hat mich nicht über London hinaus gelangen lassen, wohin ich gereist war, um die nunmehr verstorbene Königin zu ihrem Geburtstage zu beglückwünschen. Ich habe nichts gesehen als viele Schiffe und eine riesengroße, schmutzige Stadt. Gibt es nicht in Europa starke und mächtige Staaten, die England feindlich gesinnt sind?“

Derartige Fragen waren für Heideck unbequem. Er zog deshalb vor, einer bestimmten Antwort auszuweichen.

„Ich bin seit fast einem Jahre in Indien, erwiderte er, und ich weiß von den politischen Ereignissen nur, was die ‚India Times‘ und andere englische Zeitungen darüber berichten. Eine gewisse Rivalität besteht zwischen den europäischen Großmächten selbstverständlich immer. Und England ist in den letzten Jahrzehnten so groß geworden, daß es naturgemäß viele Feinde haben muß. Darüber aber, wie sich die politischen Verhältnisse in diesem Augenblick gestaltet haben mögen, wage ich nicht ein Urteil zu äußern.“

Unmutig schüttelte der Maharadjah den Kopf.

„Machen Sie die Geschäfte mit dem Manne nach Ihrem Ermessen ab,“ wandte er sich kurz an den Minister, während zugleich eine verabschiedende Handbewegung dem jungen Deutschen kund gab, daß er entlassen sei.

Als Heideck wieder in die Loggia hinaustrat, sah er den Kapitän Irwin in Begleitung eines Hofbeamten am Eingange derselben erscheinen. Der britische Offizier stutzte, als er des vermeintlichen Geschäftsreisenden ansichtig wurde. Er streifte ihn mit einem lauernden Blick, und eine fast feindselige Zurückhaltung lag in der Art, wie er den Gruß Heidecks erwiderte. Dieser kümmerte sich wenig darum, langsam schlenderte er durch den weitläufigen Park, auf dessen prachtvollen alten Bäumen viele Affen ihr munteres Wesen trieben. Die Mitteilung des Maharadjah von dem an ihn ergangenen englischen Befehl in Verbindung mit der Nachricht vom Vormarsch des Generals Iwanow gab ihm viel zu denken. Es konnte danach nicht zweifelhaft sein, daß sich in Afghanistan ernste kriegerische Ereignisse vorbereiteten oder vielleicht schon im vollen Gange waren. Quetta in Beludschistan, unmittelbar an der afghanischen Grenze gelegen, war das Ausfallstor gegen Kandahar. Und wenn England die Hilfe indischer Fürsten in Anspruch nahm, mußte es die Situation als kritisch erkannt haben. Noch war ja der Krieg nicht erklärt, aber Heidecks Mission konnte unter diesen Umständen plötzlich eine ganz besondere Bedeutung gewinnen, und es war jedenfalls unmöglich, in diesem Augenblick bestimmte Entschlüsse für die nächste Zukunft zu fassen.

Der Spaziergang nach seinem in unmittelbarer Nähe des englischen Camp gelegenen Bungalo mochte etwa eine Stunde in Anspruch genommen haben, Zeit genug, einen gesunden Appetit wach zu rufen. Es war ihm deshalb durchaus nicht unangenehm, daß er seinen russischen Kameraden an einem schattigen Platze vor der Tür des Gasthauses beim Frühstück sitzen sah, und mit einem herzlich erwiderten Gruß nahm er ohne viel Umstände an dem Tische Platz. Fürst Tschadschawadse sah recht blaß aus und hielt sich lediglich an Sodawasser, das er gegen allen Landesbrauch sogar ohne jede Beimischung von Whisky trank. Die appetitlich duftenden gebackenen Eier mit Schinken standen unberührt vor ihm, und er lächelte etwas wehmütig, als er sah, wie gut der andere sie sich auf seine Einladung munden ließ.

Sie hatten erst ein paar gleichgiltige Worte gewechselt, als zwei indische Mädchen auftauchten, die ihnen allerlei Tand zum Kauf anboten. Die jüngere, deren nackter Oberkörper wie Bronze glänzte, war von großer Schönheit. Selbst die Bemalung ihres Gesichts vermochte die natürliche Anmut der feinen Züge nicht zu zerstören. Aber so hübsch sie war, so kokett war sie auch. Und sie hatte es offenbar auf den Russen abgesehen. Hinter seinen Stuhl tretend, hielt sie ihm ihre glitzernden Nichtigkeiten vor das Gesicht. Und ihr Benehmen wurde dabei immer vertraulicher. Zuletzt streifte sie ein goldglänzendes Armband über das zierliche, braune Handgelenk und neigte sich, damit er es besser betrachten könne, so weit über seine Schulter, daß ihre lebenswarme, junge Brust seine Wange streifte.

Fürst Tschadschawadse war von zu heißblütigem Temperament, um solcher Versuchung lange zu widerstehen. In seinen Augen leuchtete es auf, und mit einer raschen Bewegung drehte er sich nach dem Mädchen um, ihren biegsamen Leib mit seinem Arme umschlingend.

Zu weiteren Zärtlichkeiten aber kam es nicht, denn das kleine Abenteuer, das Heideck unangenehm berührte, erfuhr eine jähe Unterbrechung.

Ohne von den am Tische Sitzenden bemerkt zu werden, war der schöne, blonde Page des Fürsten aus der Tür des Bungalo getreten, einen Teller mit Bananen und Mangos in der Hand. Ein paar Sekunden lang hatte er mit funkelnden Augen den Vorgang betrachtet. Dann aber war er mit einigen lautlosen Schritten herangeglitten und warf nun, ohne ein Wort zu sprechen, den Teller mit den Früchten so geschickt und kräftig nach der bronzefarbigen Verführerin, daß das Mädchen mit einem lauten Aufschrei nach der getroffenen Schulter griff, während das Geschirr zerbrochen am Boden klirrte.

In der nächsten Minute schon war sie mit ihrer Begleiterin in eiliger Flucht verschwunden. Das Gesicht des Fürsten aber war rot vor Zorn, und er griff aufspringend nach der neben ihm liegenden Reitpeitsche.

Schon machte sich Heideck bereit, das verkleidete Mädchen vor einem ähnlichen Strafgericht zu bewahren, wie sein neuer Freund es gestern an seinem indischen Boy vollzogen hatte. Aber er sah, daß es seiner Intervention hier nicht bedurfte.

Hochaufgerichtet und mit einem beinahe verächtlichen Zucken der schönen Lippen war der junge Page dicht vor den Fürsten hingetreten. Ein halblautes, zischendes Wort, dessen Sinn Heideck nicht verstand, mußte den Zorn des Russen plötzlich beschwichtigt haben. Denn er ließ den schon zum Schlage erhobenen Arm sinken und warf die Peitsche auf den Tisch.

„Geh und hole uns einen anderen Nachtisch, Georgij!“ sagte er so gleichmütig, als wäre gar nichts geschehen. „Es ist eine wahre Plage, daß man vor diesem indischen Gesindel nicht eine Stunde lang Ruhe hat.“

Ueber das Gesicht der Cirkassierin huschte es wie ein triumphierendes Lächeln. Sie warf einen freundlichen Blick auf Heideck und wandte sich schweigend dem Bungalo zu. Voll Bewunderung und nicht ohne eine leise Regung des Neides gegen den glücklichen Besitzer von soviel berückender weiblicher Schönheit sah ihr Heideck nach, wie sie anmutig, sich leicht in den Hüften wiegend, dahin ging. Er hatte schon eine Bemerkung auf den Lippen, die dem Fürsten verraten sollte, daß er hinter das allerdings sehr durchsichtige Geheimnis seiner maskierten Reisebegleiterin gekommen sei. Aber er wurde durch einen neuen Zwischenfall daran gehindert.

Ein englischer Soldat im Ordonnanzanzuge trat an den Tisch und überreichte Heideck, der ihm dem Ansehen nach bekannt sein mußte, mit militärischem Gruße ein Billet.

„Von dem Herrn Obersten,“ sagte er. „Und ich soll melden, daß es sehr dringlich sei.“

Mit Verwunderung griff Heideck nach dem Brief. Er enthielt in zwar höflicher, doch immerhin ziemlich bestimmter Form die Bitte um einen möglichst baldigen Besuch des Herrn Hermann Heideck. Das bedeutete bei der Machtstellung, die Oberst Baird hier in Chanidigot inne hatte, einen Befehl, dem er ohne Zögern und Widerspruch gehorchen mußte.

Baird war der Höchstkommandierende des hier stationierten Detachements, das aus einem Infanterieregiment von etwa sechshundert Mann, einem zweihundertvierzig Pferde starken Ulanenregiment und einer Feldbatterie bestand. Wie in allen anderen Residenzen der großen indischen Fürsten, hatte die britische Regierung auch in Chanidigot eine Streitmacht stationiert, die stark genug war, um den Maharadjah in Respekt zu halten und alle Rebellionsgelüste im Keime zu ersticken. Da Oberst Baird zugleich den Posten eines Residenten am Hofe des Fürsten bekleidete und somit alle diplomatische und militärische Gewalt in seiner Hand vereinigte, war er als der eigentliche Herr und Gebieter in Chanidigot anzusehen.

Sein Bungalo lag inmitten des auf einer weiten, grünen Ebene aufgeschlagenen Lagers. Es war eine Gruppe von Gebäuden, die einen mit Pflanzen und einem plätschernden Brunnen geschmückten viereckigen Hof umschlossen.

Wie es schien, hatte er Befehl gegeben, Heideck sofort vorzulassen. Denn der Adjutant, bei dem sich Heideck gemeldet hatte, führte ihn ohne weiteres in das Arbeitszimmer seines Vorgesetzten.

Höflich, doch mit einer Gemessenheit, die sich merklich von seinem bisherigen Benehmen gegen den beliebten Gast des Offizierkorps unterschied, dankte ihm der stattliche, martialisch aussehende Mann für sein rasches Erscheinen.

„Bitte nehmen Sie Platz, Mr. Heideck,“ fügte er hinzu, „ich habe mich ungern entschlossen, Sie zu bemühen, aber ich konnte es Ihnen nicht ersparen. Es ist mir gemeldet worden, daß Sie heute Morgen bei dem Maharadjah waren.“

„Allerdings. Ich hatte in Geschäften mit ihm zu reden. Denn ich stehe im Begriff, für mein Hamburger Haus einen großen Posten Indigo von ihm zu kaufen.“

„In Ihre Geschäfte habe ich mich selbstverständlich nicht einzumischen. Aber ich muß Ihnen sagen, daß wir einen direkten Verkehr von Europäern mit den eingeborenen Fürsten nicht gern sehen. Sie werden deshalb gut tun, mir in künftigen Fällen vorher Mitteilung davon zu machen, wenn Sie zu dem Maharadjah berufen werden, damit wir uns über das, was Sie ihm sagen oder nicht sagen dürfen, verständigen können. Wir dürfen leider nicht allen indischen Fürsten trauen, und dieser hier ist vielleicht einer der unzuverlässigsten unter ihnen. Sie dürfen das, was ich Ihnen da sage, nicht als einen Ausdruck des Mißtrauens gegen Sie ansehen. Die Verantwortlichkeit meiner Stellung aber gebietet mir die allergrößte Vorsicht.“

„Ich begreife das vollkommen, Herr Oberst!“

„Gerade in diesem Augenblick scheint sich die Lage besonders schwierig zu gestalten. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn wir nicht recht unruhigen Zeiten entgegen gingen. Der Generalgouverneur von Turkestan ist auf dem Marsche, und seine Avantgarde ist bereits über die Grenze von Afghanistan vorgedrungen.“

Heideck hatte Mühe, die Erregung zu verbergen, in welche diese Bestätigung der Mitteilung Tschadschawadses ihn versetzte.

„Ist das gewiß, Herr Oberst? Was wollen die Russen in Afghanistan?“

„Was sie da wollen? Nun, mein lieber Mr. Heideck, ich denke, das ist ziemlich klar. Ihr Vorgehen bedeutet den Krieg gegen uns. Rußland will das natürlich vorläufig noch nicht offen zugeben. Man behandelt den Vormarsch als eine Angelegenheit, die nur den Emir anginge und um die wir uns nicht zu kümmern hätten. Aber man müßte sehr befangen sein, um die wahre Absicht nicht zu durchschauen.“

„Und darf ich fragen, was der Herr Oberst zu tun gedenkt?“

Oberst Baird mußte den jungen Deutschen in der Tat für eine sehr vertrauenswürdige oder für eine sehr ungefährliche Persönlichkeit halten, da er ihm bereitwillig Antwort gab.

„Die russische Avantgarde hat den Amu darja überschritten und zieht das Murgabtal herauf nach Herat. Danach werden wir unsere Maßregeln treffen. Die Moskowiter sollen sich in uns getäuscht haben. So geduldig und langmütig sind wir doch nicht, daß wir unsere lieben Nachbarn einfach in offene Tore einziehen lassen. Ich denke, es wird bei den russischen Generalen einige lange Gesichter geben, wenn sie sich in Afghanistan plötzlich unseren Bataillonen, unseren Sikhs und Gurkhas, gegenüber sehen.“

Der Adjutant erschien mit einer offenbar sehr wichtigen Meldung, und da Heideck wahrnahm, daß der Oberst mit seinem Ordonnanzoffizier unter vier Augen zu sprechen wünsche, hielt er es für ein Gebot der Höflichkeit, sich zu empfehlen.

Die Worte des Obersten: ‚Das Vorgehen der Russen in Afghanistan bedeutet den Krieg‘, klangen ihm unablässig in den Ohren wieder. Er pries in seinem Herzen den glücklichen Zufall, der ihn zur rechten Zeit auf den Schauplatz großer weltgeschichtlicher Ereignisse geführt hatte. Und alle seine Gedanken waren einzig darauf gerichtet, wie er es anfangen könne, beim Ausbruch der Feindseligkeiten als Zuschauer und Beobachter zugegen zu sein.

Daß sein russischer Freund von demselben Wunsche erfüllt sein würde, durfte er um so eher voraussetzen, als Fürst Tschadschawadse ja einer der beiden unmittelbar beteiligten Nationen angehörte. Er beeilte sich deshalb, ihn von dem Inhalt seiner Unterredung mit dem Obersten Baird in Kenntnis zu setzen. Und die Wirkung seiner Mitteilungen auf den Fürsten war ganz so, wie er es erwartet hatte.

„Also wirklich! Die Avantgarde ist schon über den Amu darja! Und es wird also an der rechten Stelle der Krieg ausbrechen!“ rief der Russe in hellem Jubel aus. „In unserer Armee herrschte die Befürchtung, daß der Zar sich vielleicht niemals zu dem Entschlusse aufraffen würde, einen Krieg zu führen. Es müssen mächtige und unwiderstehliche Einflüsse gewesen sein, die zuletzt doch über seine Friedensliebe gesiegt haben.“

„Sie wollen natürlich so schnell als möglich zur Armee?“ fragte Heideck. Und da der Fürst bejahte, fügte er hinzu:

„Ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie mir erlauben wollten, mich Ihnen anzuschließen. Wie aber kommen wir über die Grenze? Hoffentlich läßt man uns als unverdächtige Kaufleute unbehelligt passieren.“

„Das ist nicht so ganz sicher. Wahrscheinlich werden wir nicht so leicht aus Indien hinauskommen, wie wir hereingekommen sind. Immerhin aber müssen wir’s versuchen. Wir können mit der Bahn in zwölf Stunden in Peschawar und in fünfzehn in Quetta sein. Beide Bahnlinien dürften augenblicklich noch nicht durch Truppensendungen beansprucht sein. Aber wir werden gut tun, unsern Aufbruch zu beschleunigen. Vermutlich würden wir sowohl von Peschawar wie von Quetta aus bald auf russische Truppen stoßen. Denn ich zweifle nicht, daß auch gegen Kabul hin ein russisches Korps im Vormarsch ist, obwohl der Oberst, wie Sie sagen, nur von einer Avantgarde sprach, die auf Herat marschiere.“

„Ich würde vorschlagen, über Peschawar und durch den Kaiberpaß zu gehen, weil wir so am schnellsten und sichersten nach Kabul gelangen.“

„Wir werden das nachher noch des näheren besprechen, Herr Kamerad! Jedenfalls ist es ausgemacht, daß wir zusammen bleiben. Hoffe ich doch, daß auch auf der großen Weltbühne in diesem Augenblick Ihre Nation Schulter an Schulter mit der meinigen gegen England steht.“


V.

Als verheirateter Offizier bewohnte Kapitän Irwin nicht eine der hölzernen Baracken im englischen Camp, sondern ein Bungalo in der Vorstadt.

Es war ein einstöckiges, von einem großen, gut gehaltenen Garten umgebenes Haus mit breiten Veranden, das früher einem hohen Hofbeamten des Maharadjah als Wohnung gedient hatte. Abseits lagen zwei kleinere, für die Dienerschaft bestimmte Gebäude, von denen gegenwärtig nur eines benutzt wurde.

Die Sonne desselben Tages, der ihm so wichtige und für die Gestaltung seiner nächsten Zukunft entscheidende Entschlüsse nahe gelegt hatte, neigte sich bereits dem Untergange zu, als Hermann Heideck die Kaktushecke und das Bambusgebüsch des zum Irwinschen Bungalo gehörenden Gartens durchschritt.

Er war in einen Gesellschaftsanzug aus leichtestem schwarzen Tuch gekleidet, wie es englische Sitte für einen um die abendliche Dinerzeit abgestatteten Besuch unter jenem Himmelsstrich vorschreibt.

Er kam heute nicht aus eigenem Antrieb, und der Morgengruß Irwins hatte nichts Einladendes gehabt. Ein Billet von Mrs. Irwin hatte ihn zu seiner Ueberraschung um sein Erscheinen zu dieser Stunde gebeten. Er hatte der Fassung des Briefes entnommen, daß es sich um etwas Dringliches handeln müsse, und es lag nicht fern, zu vermuten, daß die unglückliche Pokerpartie des Kapitäns die Ursache wäre. Was Mrs. Edith veranlaßt haben konnte, sich gerade an ihn zu wenden, war ihm allerdings vorläufig ein Rätsel. Denn seine Beziehungen zu der schönen jungen Frau hatten bis zu diesem Augenblick ganz und gar nichts Vertrauliches gehabt. Er war ihr einigemal in größerer Gesellschaft, beim Polospiel der Offiziere und ähnlichen Anlässen begegnet. Und wenn er, durch ihre Anmut und ihren Geist gefesselt, sich der Gattin des Kapitäns vielleicht auch lebhafter gewidmet hatte, als irgend einer der anderen anwesenden Damen, so hatte sich ihr Verkehr doch durchaus in den konventionellen Grenzen bewegt. Und niemals würde es ihm eingefallen sein, sich einer besonderen Bevorzugung durch Mrs. Irwin zu rühmen.

Die zierliche indische Zofe der Hausfrau empfing den Besucher und führte ihn zu der Veranda. Mrs. Irwin, die in einem Kleide von roher Seide auf einem Schaukelstuhl gesessen hatte, ging ihm einige Schritte entgegen. Aufs neue fühlte sich Heideck entzückt durch den Liebreiz ihrer Erscheinung. Sie war eine echt englische Schönheit von hoher, wundervoll ebenmäßiger Gestalt, feinen Zügen und jener weißen, durchsichtigen Haut, die den Töchtern Albions einen ihrer eigenartigsten Reize verleiht. Reiches, dunkelblondes Haar schmiegte sich in dichten, natürlichen Wellen um die breite Stirn, und ihre blauen Augen hatten den klaren, ruhigen Blick einer ebenso intelligenten wie willensstarken Persönlichkeit.

In diesem Moment allerdings schien die junge Frau, die Heideck bisher nur als die gelassene und beherrschte Dame der großen Welt kennen gelernt hatte, sich in einer Erregung zu befinden, die sie nur unvollkommen zu verbergen vermochte. Etwas eigentümlich Befangenes war in der Art, wie sie den Besucher begrüßte.

„Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen, Mr. Heideck! Meine Einladung wird Sie befremdet haben, aber ich wußte mir nicht anders zu helfen. Bitte, lassen Sie uns in das Parlour gehen, es wird hier draußen empfindlich kühl.“

Von solcher Kühle konnte Heideck zwar noch nichts bemerken, aber er glaubte zu verstehen, daß es nur die Furcht vor einem Lauscher sei, die den Wunsch der jungen Frau bestimmte. In der Tat schloß sie hinter ihm die Glastür und lud ihn ein, ihr gegenüber auf einem der breiten Rohrstühle Platz zu nehmen.

„Kapitän Irwin ist nicht anwesend,“ eröffnete sie, noch immer ersichtlich mit einer starken Verlegenheit kämpfend, das Gespräch. „Er ist fortgeritten, um seine Schwadron zu inspizieren und wird, wie er mir sagte, nicht vor Tagesanbruch zurückkehren.“

Heideck begriff nicht recht, weshalb sie ihm diese Mitteilung machte. Wäre er ein von seiner Unwiderstehlichkeit überzeugter Frauenjäger gewesen, so würde er darin vielleicht eine sehr durchsichtige Ermutigung erblickt haben. Aber er war weit entfernt, Ediths Worten eine derartige Deutung zu geben. Die Verehrung, die er dieser schönen Frau seit dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft entgegengebracht hatte, schützte sie hinlänglich vor jedem unlauteren Verdacht. Wenn sie ihn zu einer Zeit hierher beschieden hatte, wo sie sicher sein konnte, daß ihr Gespräch nicht durch das Erscheinen ihres Gatten gestört werden konnte, so hatte sie dafür sicherlich andere Gründe gehabt, als den Wunsch nach einem Abenteuer.

Und wie er sie da vor sich sitzen sah, mit einem Zug herben Kummers, regte sich in seinem Herzen kein anderes Verlangen als der lautere Wunsch, diesem ohne Zweifel tief unglücklichen Wesen irgend einen ritterlichen Dienst erweisen zu dürfen.

Aber er hatte nicht den Mut, ihr etwas derartiges zu sagen, bevor sie ihm nicht in unzweideutiger Weise ein Recht dazu gegeben hätte. Darum wartete er schweigend auf das, was sie ihm weiter mitzuteilen wünsche. Und es gab eine ziemlich lange, etwas peinliche Pause, bevor Mrs. Irwin, ersichtlich all ihren Mut zusammennehmend, fortfuhr:

„Sie waren ein Zeuge des Auftritts, der sich gestern abend in der Offiziersmesse zwischen meinem Mann und dem Kapitän Mc. Gregor abgespielt hat. Wenn ich recht unterrichtet bin, habe ich es sogar lediglich Ihnen zu verdanken, daß mein Mann nicht in der ersten Erregung Hand an sich gelegt hat.“

Bescheiden wehrte Heideck ab.

„Ich habe durchaus nichts getan, was mir einen Anspruch auf Ihre Dankbarkeit gäbe, Mrs. Irwin, und ich glaube auch nicht, daß Ihr Gatte sich wirklich zu einer solchen unsinnigen Verzweiflungstat hätte hinreißen lassen. Im entscheidenden Augenblick würde der Gedanke an Sie ihn sicherlich vor dem Aeußersten bewahrt haben.“

Er war überrascht von dem Ausdruck der Verachtung, den das schöne Gesicht der jungen Frau bei seinen letzten Worten angenommen hatte, und von dem harten Klang ihrer Stimme, da sie erwiderte:

„Der Gedanke an mich? Ah, wie wenig Sie meinen Mann kennen! Er ist nicht gewöhnt, um meinetwillen irgend welche Opfer zu bringen. Und vielleicht wäre sein freiwilliger Tod nicht einmal das Schlimmste, was er mir hätte antun können.“

Sie sah wohl die Bestürzung in seinen Zügen, und deshalb fügte sie rasch hinzu:

„Sie werden mich gewiß für das herzloseste Geschöpf halten, weil ich so zu einem Fremden sprechen kann. Aber gilt nicht auch in Ihrem Lande der Verlust der Ehre für schlimmer als der Tod?“

„Unter gewissen Umständen — ja. Aber so tragisch ist die Lage Ihres Gatten hoffentlich nicht zu nehmen. Nach dem Eindruck, den ich bisher von der Persönlichkeit des Kapitäns Mc. Gregor empfangen habe, ist er nicht der Mann, der Mr. Irwin um einer leichtsinnig eingegangenen Spielschuld willen zum Aeußersten treiben wird.“

„O nein, Sie beurteilen diesen Ehrenmann vollkommen richtig. Er würde am liebsten ganz auf die Zahlung verzichten. Und in der Absicht, ein derartiges Arrangement herbeizuführen, war er heute nachmittag hier. Aber der törichte Stolz, die maßlose Eitelkeit Irwins machten alle seine guten Absichten zu schanden. Das Ergebnis von Mc. Gregors gut gemeinten Bemühungen war einzig eine heftige Szene, durch die die Sache nur noch mehr verschlimmert wurde. Mein Mann ist entschlossen, seine Schuld um jeden Preis zu bezahlen.“

„Und — verzeihen Sie die indiskrete Frage — ist er dazu imstande?“

„Wenn er sich meines Vermögens bedient — gewiß! Und ich habe es ihm ohne weiteres zur Verfügung gestellt. Ich habe ihm gesagt, daß er alles bis auf den letzten Penny nehmen möge, wenn dieses Opfer ausreichend sei, mich für immer von ihm zu befreien.“

Heideck wußte kaum, ob er seinen Ohren trauen dürfe. Auf nichts in der Welt war er weniger vorbereitet gewesen, als darauf, solche Geständnisse zu empfangen. Er fing an, irre zu werden an dieser Frau, die ihm bisher der Inbegriff aller weiblichen Vollkommenheit gewesen war. Und er suchte nach einer Gelegenheit, weiteren Enthüllungen vorzubeugen, die sie seiner Ueberzeugung nach schon in der nächsten Stunde bereut haben würde.

„Niemand kann von Ihnen verlangen, Mrs. Irwin, daß Sie für eine sträfliche Leichtfertigkeit, für eine vielleicht im halben Rausch begangene Uebereilung Ihres Gatten ein so ungeheures Opfer bringen. Aber da Sie mich einmal der Ehre gewürdigt haben, mit mir über diese Dinge zu sprechen, so ist es vielleicht nicht unbescheiden, wenn ich Ihnen sage, daß es meiner Ansicht nach das richtigste wäre, Ihren Mann die Folgen seiner Handlungsweise tragen zu lassen. Sie brauchen wohl kaum zu fürchten, daß diese Folgen allzu schlimm sein werden. Mc. Gregor wird ihn gewiß nicht drängen. Und da wir unmittelbar vor dem Ausbruch eines Krieges zu stehen scheinen, gehen auch seine Vorgesetzten in diesem Augenblick wegen dieser Angelegenheit wohl nicht allzu streng mit ihm ins Gericht. Er wird vielleicht Gelegenheit haben, sein erschüttertes Ansehen durch soldatische Verdienste wieder gut zu machen oder den Tod auf dem Schlachtfelde zu suchen. In einigen Wochen oder Monaten werden alle diese Dinge, die Ihnen jetzt so viel Sorge verursachen, ein ganz anderes Gesicht zeigen.“

„Sie meinen es sehr gut, Mr. Heideck, und ich danke Ihnen für Ihre freundliche Absicht. Aber ich würde Sie nicht zu einer so ungewöhnlichen Zeit hierher gebeten haben, wenn es mir nur darum zu tun wäre, durch liebenswürdigen Zuspruch getröstet zu werden. Ich befinde mich in einer wahrhaft entsetzlichen Lage — entsetzlich besonders deshalb, weil es hier niemanden gibt, dem ich mich anvertrauen, bei dem ich mir Rat und Beistand holen könnte. Daß ich in meiner Verzweiflung darauf verfiel, mich an Sie zu wenden, muß Sie gewiß in Erstaunen setzen. Und jetzt will es mir selber fast unbegreiflich erscheinen, wie ich Sie mit einer solchen Zumutung behelligen konnte.“

„Wenn Sie mir eine Möglichkeit zeigen können, Mrs. Irwin, Ihnen in irgend einer Weise dienlich zu sein, so bitte ich Sie, unbedingt über mich zu verfügen. Ich bin mit allem, was ich vermag, zu Ihren Diensten. Und Ihr Vertrauen würde mich sehr glücklich machen.“

„Als Gentleman dürfen Sie mir natürlich nicht anders antworten. In Ihrem Herzen aber halten Sie mein Benehmen doch vielleicht für unweiblich und unschicklich. Denn es ist ja richtig, daß wir einander kaum kennen. Drüben in England und gewiß nicht weniger in Ihrer deutschen Heimat würden so flüchtige Begegnungen, wie es die unsrigen waren, mir sicherlich kein Recht geben, Sie wie einen Freund zu behandeln. Und ich kann nicht wissen, inwieweit Sie unter dem Einfluß dieser europäischen Anschauungen stehen.“

„Auch in Deutschland würde jede schutzlose und unglückliche Frau unbedingten Anspruch auf meinen Beistand haben,“ erwiderte er ernst. „Wenn Sie mir vor Ihren hiesigen Freunden den Vorzug geben wollen, so habe ich das nur dankbar anzuerkennen und über Ihre Beweggründe nicht weiter nachzudenken.“

„Aber Sie sollen sie selbstverständlich erfahren. Meine hiesigen Freunde sind natürlich die Kameraden meines Mannes, und an sie kann ich mich nicht wenden, wenn ich damit nicht zugleich das Todesurteil über Irwin sprechen will. Keiner von ihnen dürfte es geschehen lassen, daß ein Mann vom Schlage meines Gatten nur eine Stunde länger dem Offizierkorps des britischen Heeres angehört.“

„Ich verstehe nicht recht, Mrs. Irwin. Die Spielaffäre des Kapitäns ist seinen Kameraden doch ohnedies kein Geheimnis mehr.“

„Es handelt sich auch nicht darum. Wie aber würden Sie über den Charakter eines Mannes urteilen, der seine Frau verkaufen will, um seine Schulden zu bezahlen?“

Das Wort hatte den Hauptmann getroffen wie ein Schlag. Mit großen Augen starrte er auf die junge Frau, die eine so ungeheuerliche Anklage gegen ihren Gatten erhob. Nie war sie ihm lieblicher erschienen, als in diesem Augenblick, wo eine Empfindung weiblicher Scham ihre eben noch so bleichen Wangen mit dunkler Glut bedeckt hatte. Nie hatte er mit gleicher Deutlichkeit gefühlt, ein wie köstlicher, unschätzbarer Besitz dies anmutige Wesen dem Manne sein müsse, dem es sich liebend zu eigen gegeben. Und je weniger er daran zweifelte, daß sie soeben die volle Wahrheit gesprochen, desto heißer wallte in seinem Herzen ein leidenschaftlicher Zorn gegen den Elenden auf, der verworfen genug sein konnte, das herrliche Kleinod in den Schmutz zu zerren.

„Ich wage nicht, Ihre Frage auf den Kapitän Irwin zu beziehen,“ sagte Heideck mit merklich bebender Stimme. „Denn wenn er dazu in Wahrheit fähig gewesen wäre — — —“

Ihn unterbrechend, deutete Edith auf ein kleines Etui, das auf dem neben ihr stehenden Tischchen lag.

„Möchten Sie sich nicht einmal diesen Ring ansehen, Mr. Heideck?“

Er leistete ihrem Verlangen Folge und glaubte in dem Schmuckstück denselben prachtvollen Brillanten zu erkennen, den er gestern an Irwins Finger hatte funkeln sehen. Er gab dieser Vermutung Ausdruck, und die junge Frau nickte bestätigend.

„Ich habe ihn meinem Manne an unserem Hochzeitstage geschenkt. Der Ring ist ein altes Erbstück in meiner Familie. Juweliere schätzen seinen Wert auf mehr als tausend Pfund.“

„Und weshalb trägt Ihr Gatte ihn nicht mehr?“

„Weil er die Absicht hat, ihn zu verkaufen. Natürlich ist der Maharadjah hier der einzige, der sich den Luxus solcher Erwerbungen gestatten darf. Und mein Gatte wünscht, daß ich den Handel mit dem Fürsten abschließe.“

„Sie, Mrs. Irwin? Und warum tut er es nicht selbst?“

„Weil der Maharadjah ihm den Preis nicht zahlen will, den er fordert. Mein Mann will den Ring nicht unter zwei Lakh hergeben.“

„Aber das ist ja ungeheuerlich! Damit wäre er mehr als zwölffach überzahlt!“

„Mein Mann ist trotzdem sicher, daß das Geschäft ohne Schwierigkeiten zustande kommen würde, wenn ich die persönliche Vermittelung übernähme.“

Es war unmöglich, den Sinn ihrer Worte mißzuverstehen. Und so groß war die Erregung, in welche sie den Hauptmann versetzten, daß er ungestüm von seinem Stuhle aufsprang.

„Nein, das ist unmöglich — undenkbar! — Das konnte er Ihnen nicht zumuten! Sie müssen ihn mißverstanden haben. Einer solchen Nichtswürdigkeit kann ein Mann, kann ein Offizier, kann ein Gentleman niemals fähig sein!“

„Sie würden weniger erstaunt sein, wenn Sie Gelegenheit gehabt hätten, ihn kennen zu lernen, wie ich ihn in der kurzen Zeit unserer Ehe kennen gelernt habe. Es gibt schon beinahe nichts mehr, das mich in seiner Handlungsweise überraschen könnte. Er hat eben längst aufgehört, mich zu lieben. Und eine Frau, deren Person ihm gleichgiltig geworden ist, hat für ihn nur noch den Wert eines Handelsobjekts. Vielleicht gibt es für seine Denkungsart sogar eine gewisse Entschuldigung. Es ist möglicherweise ein atavistischer Rückfall in die Anschauungen seiner Vorfahren, die ihre Weiber, wenn sie ihrer überdrüssig geworden waren, mit einem Strick um den Hals auf den Marktplatz führten, um sie an den Meistbietenden zu verkaufen. Es soll noch nicht gar zu lange her sein, daß sich diese schöne Sitte verloren hat.“

„Nicht weiter, Mrs. Irwin!“ fiel ihr Heideck ins Wort. „Ich kann es nicht ertragen, Sie so sprechen zu hören. Und noch immer bin ich der Meinung, daß der Kapitän unzurechnungsfähig gewesen sein muß, als er Ihnen das zumuten konnte.“

Die junge Frau schüttelte mit einem herben Zucken der Lippen den Kopf.

„O nein, er war weder betrunken, noch sonderlich aufgeregt, als er mich um diese ‚kleine‘ Gefälligkeit ersuchte. Am Ende sollte ich mich seiner Meinung nach noch dadurch geschmeichelt fühlen, daß Seine indische Hoheit meiner unbedeutenden Person einen so großen Wert beimißt. Daß ich ohne mein Zutun das Wohlgefallen des Maharadjah erregt habe, war mir allerdings schon seit einiger Zeit zum Bewußtsein gekommen. Nach der ersten Begegnung schon hat er angefangen, mich mit seinen Aufmerksamkeiten zu belästigen. Ich habe davon keine Notiz genommen und nicht einen Augenblick an die Möglichkeit gedacht, daß sich seine — nun, nennen wir es: seine Zuneigung — bis zu verbrecherischen Wünschen versteigen könnte. Nach allem, was ich heute erfahren, muß ich es indes wohl glauben.“

„Aber diese Abscheulichkeit, Mrs. Irwin, war doch für Sie in demselben Augenblick erledigt, wo Sie das Ansinnen Ihres ehrvergessenen Gatten zurückwiesen?“

„Zwischen ihm und mir — ja. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob damit die Wünsche des Maharadjah wirklich schon ganz vergessen sind. Meine indische Zofe ist von einem ihrer Landsleute aufgefordert worden, mich vor einer Gefahr zu warnen, die mich bedroht. Der Mann hat ihr nicht gesagt, worin diese Gefahr besteht; aber ich wüßte nicht, woher sie kommen sollte, wenn nicht von dem Maharadjah.“

Ungläubig schüttelte Heideck den Kopf.

„Von ihm haben Sie sicherlich nichts zu fürchten. Er weiß sehr wohl, daß er die ganze britische Macht gegen sich herausfordern würde, wenn er die Gattin eines englischen Offiziers auch nur mit einem Wort zu verletzen wagte. Er müßte geradezu wahnwitzig sein, wenn er es darauf ankommen ließe.“

„Nun, etwas Despotenwahnsinn mag schon noch in ihm stecken. Wir dürfen doch nicht vergessen, daß die Zeit nicht allzuweit zurückliegt, wo alle diese Tyrannen unumschränkt über Leben und Tod, über Leib und Seele ihrer Untertanen geboten. Und wer weiß, was mein Gatte — — — Aber Sie mögen ja recht haben. Es ist vielleicht eine ganz törichte Vermutung, von der ich mich da beunruhigen lasse. Und eben deshalb wollte ich auch zu keinem von meines Mannes Kameraden davon sprechen. Ihnen allein habe ich mich offenbart. Ich weiß, daß Sie ein Ehrenmann sind und daß niemand aus Ihrem Munde erfahren wird, was in dieser Stunde zwischen uns gesprochen wurde.“

„Ich danke Ihnen noch einmal für Ihr Vertrauen, Mrs. Irwin, aber ich möchte so gerne etwas tun, Sie aus Ihrer Unruhe zu befreien. Sie fürchten sich vor einer unbekannten Gefahr, und Sie sind in dieser Nacht bei der Abwesenheit Ihres Gatten ohne einen anderen Schutz als den Ihrer indischen Dienerschaft. Wollen Sie mir gestatten, bis zum Tagesanbruch in Ihrer Nähe zu bleiben?“

Mit einem Erröten, das sein Herz schneller schlagen machte, schüttelte Edith Irwin den Kopf.

„Nein — nein! — Das ist unmöglich. Und ich glaube ja auch nicht, daß mir hier im Schutze meines Hauses und inmitten meiner Leute ein Leid geschehen könnte. Nur für den Fall, daß mir zu einer anderen Zeit und an einem anderen Orte etwas zustoßen sollte, würde ich Sie bitten, den Obersten Baird von dem Inhalt unserer heutigen Unterredung in Kenntnis zu setzen. Man wird den Zusammenhang der Dinge dann vielleicht besser begreifen.“

Wohl verstand Heideck jetzt, weshalb sie gerade ihn, den Fremden, zu ihrem Vertrauten gemacht hatte. Und er glaubte auch zu erraten, daß es viel weniger die Besorgnis vor einem Anschlage des Maharadjah, als vor einer Schurkerei ihres eigenen Gatten sei, von der die unglückliche junge Frau geängstigt wurde. Aber sein Zartgefühl hielt ihn ab, mit dürren Worten auszusprechen, daß er sie begriffen habe. Es war ja auch genug, wenn sie wußte, daß sie unbedingt auf ihn zählen dürfe. Und davon mußte sie hinlänglich überzeugt sein, obgleich es nur der Blick seiner Augen war, der sie dessen versicherte, und der lange, heiße Kuß, den seine Lippen auf die zum Abschied gereichte eiskalte, kleine Hand des armen jungen Weibes drückten.

„Sie werden mir erlauben, Ihnen morgen noch einmal meine Aufwartung zu machen, nicht wahr?“

„Ich werde Ihnen Nachricht geben, wann ich Sie erwarte; ich möchte nicht, daß Sie meinem Mann begegnen. Vielleicht ahnt er, daß Sie mir freundlich gesinnt sind. Und das genügt, um ihn mit Mißtrauen und Abneigung gegen Sie zu erfüllen.“

Sie klatschte in die Hände, und da jetzt die indische Zofe eintrat, um den Besucher hinaus zu geleiten, mußte Heideck ihre letzte Bemerkung unbeantwortet lassen. Als er sich auf der Schwelle aber noch einmal zu einer letzten Verbeugung umwandte, suchten seine Augen die ihrigen, und wenn auch ihre Lippen stumm blieben, hatten sie einander doch vielleicht in dieser einzigen Sekunde mehr gesagt, als während ihres ganzen, langen Beisammenseins.