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Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman cover

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman

Chapter 8: VI.
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About This Book

A speculative political-military narrative offers a prophetic vision of a global war sparked by imperial rivalry and colonial tensions. Through council scenes, military recollections, and imagined dispatches, it traces how strategic calculations and nationalist anxieties lead major continental powers to align against a maritime empire. Episodes shift between diplomatic conferences, frontier postings, and the narrator's reflections, depicting mobilization, alliance-building, and an envisioned redistribution of overseas possessions as the conflict unfolds and reshapes international order.

VI.

Als Heideck in den Garten hinaustrat, vermochte er sich zunächst kaum zu orientieren, aber nach einigen Schritten hatten seine Augen sich hinlänglich an die nächtliche Dunkelheit gewöhnt, und das schwache Licht der Sterne zeigte ihm den Weg.

Eine undurchdringliche Hecke von Kaktuspflanzen, die indessen niedrig genug war, um einen hochgewachsenen Mann darüber hinwegsehen zu lassen, bildete die Umfassung des Gartens. Als er die hölzerne Pforte hinter sich geschlossen, blieb Heideck jenseits dieser Hecke stehen und blickte nach den hell erleuchteten Fenstern des Hauses zurück. Solange er der schönen Frau gegenübergestanden, hatte er sich mannhaft beherrscht. Kein rasches Wort hatte ihr den Sturm von Gefühlen verraten, den diese nächtliche Unterredung in seiner Brust entfesselt hatte. Nicht eine Sekunde lang hatte er vergessen, daß sie das Weib eines anderen sei und daß er eine Ehrlosigkeit beging, sie zu seinem Weibe zu begehren, solange sie an diesen anderen gefesselt war. Darüber aber, daß sein Blut mit ungestümer Leidenschaft nach ihr verlangte, konnte er sich selbst nicht länger täuschen. Heute zum ersten Male war ihm mit fast erschreckender Deutlichkeit zum Bewußtsein gekommen, daß er diese Frau liebte, wie er noch nie ein weibliches Wesen geliebt hatte. Doch es war für ihn nichts berauschendes oder beglückendes in dieser Erkenntnis. Viel eher erfüllte sie ihn mit einer Empfindung der Furcht vor den Wirren und Kämpfen, in die seine Liebe zu dieser schönen Frau ihn verwickeln konnte. Wäre sie nicht seines Schutzes bedürftig gewesen und hätte er nicht sein Wort gegeben, zu ihrem Beistande hier zu bleiben, er würde sich dem schweren Herzenskonflikt durch eine rasche Flucht entzogen haben. Aber davon konnte unter diesen Umständen nicht mehr die Rede sein. Er selbst hatte ihr heute ein Recht gegeben, auf seine Freundschaft zu zählen; und es war ein Gebot der Ritterlichkeit, ihr Vertrauen auch zu verdienen.

Unfähig, sich von der Stelle loszureißen, wo er das geliebte Weib wußte, verharrte Heideck wohl schon eine Viertelstunde lang auf seinem Platze, und als er endlich — das törichte seines Beginnens erkennend — den Entschluß gefaßt hatte, sich zur Heimkehr zu wenden, machte er eine Wahrnehmung, die befremdlich genug war, um ihn zu längerem Weilen zu veranlassen.

Er sah, daß die Haustür, die vorhin die indische Zofe hinter ihm geschlossen hatte, sich öffnete, und bei dem Lichtschein, der aus dem erhellten Flur in die Dunkelheit hinausfiel, bemerkte er, wie mehrere in helle Gewänder gekleidete Männer dicht hintereinander die Stufen hinaufeilten.

Er erinnerte sich an Mrs. Irwins rätselhafte Aeußerungen von einem Unglück, das ihr möglicherweise bevorstände, und von einer beängstigenden Ahnung erfaßt, stieß er die Gartenpforte wieder auf und eilte dem Hause zu.

Noch hatte er es nicht erreicht, als der gellende Hilferuf einer weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Heideck riß den Revolver, den er stets bei sich führte, aus der Tasche und sprang mit einigen Sätzen die Treppe empor. Die Tür des Salons, wo er vorhin noch mit der Gattin des Kapitäns gesprochen hatte, war weit geöffnet, und von dort her ertönten die Hilferufe, deren verzweifelter Klang dem Hauptmann die Gewißheit gab, daß es eine furchtbare Gefahr sein müsse, von der Edith Irwin bedroht war. Nur wenige Schritte noch, und er sah die junge Engländerin mit wahrem Todesmut gegen drei weißgekleidete, eingeborene Männer sich wehren, die offenbar willens waren, sie mit sich fortzuschleppen. Ihr leichtes Seidenkleid war bei diesem ungleichen Kampfe bereits in Fetzen gegangen, und so groß war Heidecks Empörung über die ungeheuerliche Brutalität der Angreifer, daß er keinen Augenblick zögerte, seine Waffe gegen den baumlangen, wild aussehenden Burschen abzudrücken, dessen braune Hände eben mit rohem Griff die entblößten Arme der jungen Frau umklammerten.

Der Schuß krachte, und mit einem kurzen, dumpfen Aufschrei taumelte der Getroffene zurück. Entsetzt ließen die beiden anderen von ihrem Opfer ab. Einer von ihnen riß seinen Säbel aus der Scheide und drang auf den Deutschen ein. Heideck konnte nicht zum zweiten Male schießen, weil er fürchten mußte, Edith zu treffen. Darum warf er ohne Besinnen den Revolver zu Boden und packte mit einer Gewandtheit, auf die der Angreifer nicht vorbereitet war, den schon zum Schlage erhobenen Arm des Inders. Er war ihm an Körperkraft weit überlegen und hatte ihm mit einem raschen Griff den Säbel entwunden. Da gab der waffenlos gewordene den Kampf auf und suchte gleich seinem dritten Gefährten, der bereits mit lautlosen, katzenartigen Sprüngen entwischt war, sein Heil in der Flucht.

Heideck verfolgte ihn nicht. Er dachte nur an Edith und daran, daß ihr von den Banditen vielleicht schon ein Leid geschehen war. Sie war in demselben Augenblick, da die gewalttätigen Hände der Inder von ihr abließen, auf den Teppich niedergesunken, und ihr marmorbleiches Antlitz erschien Heideck wie das einer Toten.

Während seltsamerweise weder Ediths gellende Hilferufe, noch der Knall des Schusses einen von den Dienstboten herbeizurufen vermocht hatten, tauchten jetzt, da die Gefahr vorüber war, plötzlich ein paar verstörte braune Gesichter in der Türöffnung auf. Und die energische Aufforderung, die Heideck in englischer Sprache an die noch ängstlich zaudernde Zofe richtete, brachte sie zum Bewußtsein ihrer Pflicht zurück.

Mit ihrer Hilfe trug Heideck die Ohnmächtige zu einer Chaiselongue, und da er auf dem Tischchen eines der grünen Fläschchen mit Lavendelwasser liegen sah, die in keinem englischen Hause fehlen, bediente er sich des starkduftenden Reizmittels, so gut er es verstand, während die Inderin die Fußsohlen ihrer jungen Herrin rieb und allerlei andere, unter den Eingeborenen gebräuchliche Handgriffe anwendete, um die Bewußtlose ins Leben zurückzurufen.

Nach kurzer Zeit schon schlug Edith unter diesen vereinten Bemühungen die Augen auf, und nachdem sie mit wirrem, verständnislosen Blick umhergesehen, kehrte ihr in dem Augenblick, wo sie den auf dem Boden ausgestreckten Körper des von Heideck erschossenen Inders erblickte, mit voller Klarheit die Erinnerung an das Geschehene zurück.

Den letzten Rest der lähmenden Schwäche mit der Energie eines festen Willens abschüttelnd, sprang sie auf.

„Sie waren es, der mich gerettet hat, Mr. Heideck — Sie haben Ihr Leben für mich eingesetzt — wie soll ich Ihnen danken!“

„Allein damit, gnädige Frau, daß Sie mir erlauben, Sie unverzüglich in das Haus des Obersten zu geleiten, unter dessen Schutz Sie sich notwendig bis zur Rückkehr Ihres Gatten stellen müssen. Von wem auch immer dieser verbrecherische Anschlag ausgegangen sein mag, — ob diese Halunken gemeine Diebe waren oder ob sie in irgend jemandes Auftrage gehandelt, jedenfalls fühle ich mich als einzelner Mann nicht stark genug, die Verantwortung für Ihre Sicherheit zu übernehmen.“

„Sie haben recht,“ erwiderte Edith fügsam. „Ich werde mich sogleich bereit machen, mit Ihnen zu gehen. — Aber dieser Mann da —“ fügte sie erschauernd hinzu, — „ist er tot? Oder kann man noch etwas für ihn tun?“

Heideck neigte sich über den Regungslosen herab, und ein einziger Blick in das fahlbraune, verzerrte Antlitz mit den weitoffenen, stieren, verglasten Augen ersparte ihm jede weitere Untersuchung.

„Er hat empfangen, was ihm gebührte,“ sagte er, „und für Ihr hochherziges Mitleid gibt es hier nichts mehr zu tun. Ist denn aber gar kein männliches Wesen hier im Hause, das mir behilflich sein könnte, den Mann beiseite zu schaffen?“

„Alle sind fort,“ sagte die Zofe. „Der Haushofmeister hat sie aufgefordert, sich mit ihm in der Stadt einen vergnügten Abend zu machen.“

Heideck und Edith wechselten einen bedeutsamen Blick. Keines von ihnen hegte jetzt auch nur noch den geringsten Zweifel, daß es sich bei dem tollkühnen Ueberfall um ein Komplott gehandelt hatte, an welchem auch die indische Dienerschaft beteiligt war. Und deutlich genug erriet jedes von ihnen die Vermutungen des anderen hinsichtlich der Urheber des schändlichen Anschlags.

Aber sie sprachen sich nicht darüber aus. Gerade weil sie sich durch die Erlebnisse dieser Nacht so nahe gekommen waren, wie das Schicksal zwei junge Menschenkinder verschiedenen Geschlechts nur immer zueinander führen kann, hegten sie beide dieselbe, fast instinktive Scheu vor dem ersten Wort, das vielleicht auch die letzte trennende Schranke zwischen ihnen niedergerissen hätte. Und Kapitän Irwins Name wurde nicht zwischen ihnen genannt.


VII.

Es war um die Mittagszeit, als Kapitän Irwin aus dem Bungalo des Obersten trat und sich seinem Hause zuwandte. Die Unterhaltung mit seinem Vorgesetzten mußte für ihn sehr bedeutungsvoll und wenig erfreulich gewesen sein. Denn er war sehr bleich. Auf seinen Wangen brannten rote Flecken und seine tiefliegenden Augen blickten finster, wie in mühsam beherrschtem Zorn.

Kurze Zeit darauf wurde das Pferd des Obersten vorgeführt und gleichzeitig ritt ein Zug Lancers unter dem Kommando eines Wachtmeisters in den Hof ein. Der Kommandierende erschien in großer Uniform und setzte sich an die Spitze des Zuges, der im Galopp dem Schlosse des Maharadjah zusprengte.

Unmittelbar vor dem Palast machten die Reiter Halt, und in befehlendem Ton rief Oberst Baird den am Eingangstor lungernden Dienern zu, daß er den Maharadjah zu sprechen wünsche.

Ein paar Minuten vergingen, ehe ein prächtig gekleideter Palastbeamter mit der Meldung zurückkam, daß Seine Hoheit augenblicklich niemanden empfangen könne. Der Herr Oberst würde Nachricht erhalten, sobald die erbetene Audienz bewilligt werden würde.

Jetzt schwang sich der Befehlshaber aus dem Sattel und ging festen, sporenklirrenden Schrittes in das Schloß, seinen Säbel mit lautem Gerassel hinter sich her über die Marmorfliesen schleifend.

„Melden Sie dem Fürsten, daß ich auf der Stelle mit ihm zu reden habe!“ rief er mit drohender Stimme den Palastbeamten und Dienern zu, die ihm in sichtlicher Bestürzung folgten.

Einer so kategorischen Erklärung wagte man offenbar keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen. Alle Tore öffneten sich vor dem Engländer, und auch im Vorzimmer brauchte er kaum eine Minute lang zu warten, ehe sich der Fürst bereitfinden ließ, ihn zu empfangen.

Auf einer kleinen, hochgelegenen Terrasse des Erdgeschosses saß der Maharadjah beim Luncheon. Er veränderte seine absichtlich lässige Haltung nicht, als der englische Resident auf ihn zutrat. Und der sprühende Blick, mit dem seine dunklen Augen sich auf den Eindringling richteten, sollte den Fremden offenbar einschüchtern.

Den Helm auf dem Kopf, die Faust auf den Säbel gestützt blieb der Oberst hart vor dem Fürsten stehen.

„Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Maharadjah!“

„Und ich habe Ihnen durch meine Diener sagen lassen, daß ich jetzt nicht zu sprechen bin. Sie sehen, ich bin bei der Mahlzeit!“

„Das darf für Sie kein Hindernis sein, den Vertreter Seiner britischen Majestät zu empfangen. Der Bescheid, den Sie mir erteilen ließen, war eine Beleidigung, die bei einer Wiederholung nicht ungesühnt bleiben würde.“

In aufloderndem Zorn fuhr der Fürst von seinem Sessel empor. Er schleuderte dem Obersten ein Schmähwort ins Gesicht, und seine Rechte fuhr gleichzeitig nach dem Dolche in seinem Leibgurt. Erschrocken prallte der Diener zurück, der eben im Begriff gewesen war, ihm auf silberner Schale eine rotschimmernde Languste zu präsentieren. Der Oberst aber setzte, ohne sich auch nur um Haaresbreite von seinem Platze zu rühren, das silberne Jagdpfeifchen an den Mund, das an seiner Schulter hing. Zwei gellende Pfiffe ertönten, und unmittelbar darauf wurde das Trappeln von Pferdehufen und das Klirren von Waffen vernehmlich. Die hohen, blaugestreiften Turbane der Reiter und die Fähnchen ihrer Lanzen tauchten neben der Terrasse auf.

„Man rufe meine Leibgarde!“ schrie der Fürst mit vor Wut heiserer Stimme.

Aber mit eisiger Ruhe klang es von den Lippen des Obersten:

„Wenn Sie Ihre Leibgarde kommen lassen, Maharadjah, sind Sie ein toter Mann. Das wäre Rebellion. Und mit Rebellen pflegen wir keine Umstände zu machen.“

Der Fürst preßte die Lippen zusammen. Die mit ungeheurer Anstrengung beherrschte Wut ließ seinen Körper wie im Fieber erzittern. Aber er mußte einsehen, daß er hier der schwächere sei, denn ohne ein weiteres Wort ließ er sich wieder in seinen Sessel fallen.

Der Oberst trat an die Brüstung der Terrasse.

„Wachtmeister Thomson!“ rief er in den Park hinaus.

Auf den Marmorstufen erklangen schwere Schritte, und der Gerufene, dem zwei Soldaten folgten, trat in dienstlicher Haltung seinem Vorgesetzten gegenüber.

„Wissen Sie, Wachtmeister, wer der Herr dort am Tische ist?“

„Zu Befehl, Herr Oberst! Das ist Seine Hoheit der Maharadjah.“

„Wenn ich Ihnen Befehl erteilte, den Herrn zu verhaften und zum Camp zu führen, — würden Sie Bedenken tragen, zu gehorchen?“

Der Wachtmeister sah den Fragenden an, als ob der Zweifel an seinem bedingungslosen, militärischen Gehorsam ihn in Erstaunen setzte. Dann machte er eine Kopfbewegung gegen die beiden Soldaten hin und trat, als wollte er den Auftrag sofort zur Ausführung bringen, um einen weiteren Schritt auf den Fürsten zu.

„Halt, Wachtmeister!“ rief der Oberst. „Ich hoffe, Seine Hoheit wird es nicht zum äußersten kommen lassen. Sie sind doch bereit, Maharadjah, mir jetzt Rede zu stehen?“

Schweigend deutete der Inder auf den vergoldeten Sessel an der anderen Seite des Tisches. Auf einen Wink des Obersten traten der Wachtmeister und die beiden Soldaten wieder ab.

„Ich habe eine sehr ernste Frage an Sie zu richten, Maharadjah!“

„Sprechen Sie!“

„In der letzten Nacht, während der Kapitän Irwin abwesend war, sind einige verbrecherische Leute in sein Haus eingedrungen in der Absicht, sich tätlich an der Gemahlin des Kapitäns zu vergreifen. Was wissen Sie von dieser Sache, Maharadjah?“

„Ich verstehe Sie nicht, Oberst! Was sollte ich davon wissen?“

„Vielleicht täten Sie doch gut, sich zu besinnen. Sie hören von dieser Affäre zum ersten Mal?“

„Gewiß. Ich habe bisher nicht das geringste davon gewußt.“

„Auch das hat man Ihnen also nicht gemeldet, daß derjenige von den Einbrechern, der tot auf dem Platze geblieben ist, einer Ihrer Diener war?“

„Nein. Ich habe sehr viele Diener, und ich bin nicht verantwortlich für das, was sie tun, wenn es nicht in meinem Auftrage geschah.“

„Gerade das aber ist es, was ich vermute. Sie werden mir schwerlich zumuten zu glauben, daß einer Ihrer Diener einen derartigen Ueberfall auf eigene Hand gewagt haben sollte. Die anderen Schurken sind zwar entkommen, aber einer von ihnen hat einen Säbel zurücklassen müssen, der einem Manne Ihrer Leibgarde angehörte.“

Der Maharadjah kämpfte augenscheinlich einen schweren Kampf, seine Fassung zu bewahren. Indem er seine Wut hinter einem verächtlichen Lächeln zu verbergen suchte, sagte er:

„Es ist unter meiner Würde, Oberst, Ihnen darauf zu antworten.“

„Von irgend einer Würde, die Sie berechtigte, eine von dem britischen Residenten verlangte Auskunft zu verweigern, kann nicht die Rede sein. Sie haben es nicht mit einem einfachen englischen Offizier, sondern mit dem Vertreter Seiner Majestät des indischen Kaisers zu tun. Wie es meine Pflicht ist, Sie zu fragen, so ist es die Ihre, mir zu antworten. Eine Weigerung könnte leicht die schwersten Folgen für Eure Hoheit haben. Denn die Regierungskommissare, die man auf meinen Bericht hin von Kalkutta nach Chanidigot entsenden würde, dürften sich von Ihrer Würde sehr wenig imponieren lassen.“

Wieder biß der Inder die Zähne zusammen, und ein wilder, leidenschaftlicher Haß glänzte in seinen Augen. Aber er mochte zu gleicher Zeit daran denken, daß er nicht der erste unter den indischen Fürsten gewesen wäre, den man wegen eines geringfügigen Uebergriffes auch um den letzten Rest seiner Scheinherrschaft gebracht hätte. Darum zwang er sich zu einer äußerlich ruhigen Entgegnung.

„Wenn Sie es für nötig halten, nach Kalkutta zu berichten, so kann ich Sie daran nicht hindern. Aber ich denke, der Vizekönig wird sich besinnen, einen treuen Alliierten Englands gerade in dem Augenblick zu beleidigen, wo er ihn um die Entsendung einer Hilfstruppe angeht.“

„Da Sie dieses Umstandes einmal erwähnen — wer ist zum Kommandeur der Truppe bestimmt?“

„Mein Vetter Tasatat Radjah.“

„Und wann wird er marschieren?“

„In etwa vier Wochen, wie ich hoffe.“

Der Offizier schüttelte den Kopf.

„Das wäre viel mehr Zeit, als wir Ihnen geben können. Ihre Truppe soll sich meinem Detachement anschließen, und ich werde spätestens in vierzehn Tagen ausrücken.“

„Sie verlangen Unmögliches. Es fehlt vorläufig noch an Pferden, und ich weiß nicht, woher ich in so kurzer Zeit zweitausend Kamele nehmen sollte. Auch habe ich bei weitem nicht genug Munition für die Infanterie.“

„Die fehlende Munition kann für Rechnung Eurer Hoheit aus dem Arsenal zu Mooltan geliefert werden. Was aber die Pferde und Kamele betrifft, so werden Sie bei einiger Anstrengung die nötige Anzahl ohne Zweifel zu rechter Zeit stellen können. Ich wiederhole, daß in vierzehn Tagen alles bereit sein muß. Vergessen Sie nicht, daß die pünktliche Ausführung des Ihnen erteilten Befehls gewissermaßen eine Probe auf Ihre Treue und Ihren Eifer darstellt. Jedes unnötige Zaudern und jede Zweideutigkeit in Ihrer Haltung müßten Ihnen verhängnisvoll werden.“

Der Nachdruck, mit dem diese Worte gesprochen waren, verriet hinlänglich, wie ernst sie gemeint seien. Und der Maharadjah, dessen gelbliche Haut sich für einen Moment dunkler gefärbt hatte, neigte schweigend den Kopf.

Oberst Baird erhob sich von seinem Sitz.

„Was die Angelegenheit der Mrs. Irwin betrifft, so erwarte ich die sofortige Einleitung einer gründlichen Untersuchung. Und ich verlange, daß sie mit schonungsloser Strenge, ohne alle Winkelzüge und Heimlichkeiten geführt werde. Die Beleidigung, die von einigen Ihrer Untertanen einem Offizier Seiner Majestät und einer britischen Dame zugefügt wurde, ist eine so ungeheuerliche, daß nicht nur die Verbrecher selbst, sondern auch der Anstifter dieser Tat der verdienten Strafe überliefert werden müssen. Ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit. Wenn ich nicht vor Ablauf dieser Frist einen befriedigenden Bericht von Ihnen erhalten habe, so werde ich selbst die Untersuchung führen. Und Sie dürfen gewiß sein, daß die gewünschte Aufklärung dann binnen kürzester Frist erfolgt sein wird.“

Er legte militärisch grüßend die Hand an den Helm und schritt, diesmal den kürzesten Weg wählend, die Stufen der Terrasse hinab. Klirrend und rasselnd sprengte der Reiterzug davon.

Mit düster funkelnden Augen blickte ihm der Maharadjah nach. Dann befahl er dem Diener, Mohammed Bhawon, seinen Leibarzt, zu rufen. Und als wenige Minuten später das ganz in weißen Musselin gekleidete magere, verhutzelte Männchen mit dem faltigen braunen Gesicht und den stechenden schwarzen Augen zu ihm trat, winkte er ihm gnädig zu, sich auf dem goldgestickten Polster an seiner Seite niederzulassen.

Eine zweite gebieterische Handbewegung wies den Diener hinaus. Und indem er seinen Arm vertraulich um den Nacken des Arztes legte, sprach der Maharadjah lange und angelegentlich mit behutsam gedämpfter Stimme auf ihn ein — freundlich und schmeichelnd, wie man zu jemandem redet, von dem man außerordentliches verlangt — aber noch immer mit dem Glitzern einer leidenschaftlichen Wut und eines tödlichen Hasses in den Augen.


VIII.

Vergebens wartete Heideck am Tage nach dem nächtlichen Ueberfall auf eine Botschaft von Edith, die ihm die Möglichkeit gewährt hätte, sie wiederzusehen. Er war darauf gefaßt, von Irwin wegen seines abendlichen Besuchs in der Villa zur Rede gestellt zu werden. Aber der Kapitän ließ sich nicht bei ihm blicken.

Am frühen Morgen schon war Heideck zu dem Obersten beschieden worden, um über den Hergang des nächtlichen Ereignisses Bericht zu erstatten. Die Vernehmung war sehr kurz gewesen, und Heideck hatte den Eindruck, daß der Oberst in seinen Fragen eine eigentümliche Zurückhaltung beobachtete. Offenbar wünschte er in dem Deutschen die Vorstellung zu erwecken, daß er selbst fest überzeugt sei, man habe es nur mit verwegenen Einbrechern zu tun, die auf ihre eigene Faust gehandelt hätten. Ganz beiläufig nur erwähnte er, daß der Tote als ein Mann von der Leibwache des Maharadjah rekognosziert worden sei. Als Heideck fragte, ob ihm aus der Tötung des Mannes von seiten der Zivilbehörden noch Weiterungen erwachsen könnten, beruhigte ihn der Oberst durch ein entschiedenes Nein.

„Sie haben in berechtigter Abwehr gehandelt, als Sie den Burschen niederschossen, und ich verbürge mich dafür, daß Sie weder von den englischen Behörden noch von dem Maharadjah deshalb behelligt werden sollen.“

Auf seine Erkundigung nach Mrs. Irwins Befinden wurde ihm ebenfalls eine beruhigende Antwort gegeben.

„Die Dame erfreut sich glücklicherweise des besten Wohlseins,“ sagte der Oberst. „Sie ist eben eine Frau von bewundernswürdiger Seelenstärke.“

Auch bis zum nächsten Morgen hatte Kapitän Irwin noch nichts von sich hören lassen. Heideck und Fürst Tschadschawadse saßen in ihrem Bungalo beim Frühstück und plauderten über die wichtigen Nachrichten, welche die eben eingetroffenen Zeitungen gebracht hatten.

Die ‚India Times‘ schrieb, daß Rußland durch seinen Einmarsch in Afghanistan die Londoner Verträge verletzt habe und daß England dadurch ebenfalls berechtigt und genötigt würde, eine Armee nach Afghanistan zu senden. Es sei zu hoffen, daß friedliche Verhandlungen den drohenden Konflikt lösen würden. Wenn aber die russische Armee nicht nach Turkestan zurückkehre, würde England sich ebenfalls zu energischen Maßregeln veranlaßt sehen. Eine englische Truppenmacht würde Afghanistan besetzen und den Emir zwingen, seinen Bündnisverpflichtungen gegen die indische Regierung nachzukommen. Auf alle Fälle würde eine starke Flotte in den Häfen von Plymouth und Portsmouth ausgerüstet, um im gegebenen Moment in die Ostsee zu gehen.

„Bezeichnender als das,“ sagte Heideck, „ist die Tatsache, daß die zweieinhalbprozentigen Konsols an der Londoner Börse gestern einen Kurs von neunzig notierten, während sie vor acht Tagen auf sechsundneunzig standen. Die Engländer scheuen sich, offen auszusprechen, daß der Krieg tatsächlich begonnen hat.“

„Ein Krieg ohne Kriegserklärung,“ stimmte der Fürst zu. „Jedenfalls müssen wir uns beeilen, über die Grenze zu kommen. Ich möchte nicht gern den Augenblick versäumen, wo man in Afghanistan losschlägt.“

„Das kann ich Ihnen nachfühlen. Aber es dürfte alsdann in der Tat keine Zeit zu verlieren sein.“

„Wenn Sie damit einverstanden sind, reisen wir noch heute ab. Dann sind wir um Mitternacht in Mooltan und morgen Mittag in Attock. Morgen Abend können wir in Peschawar eintreffen. Dort lassen wir uns die Erlaubnisscheine zum Ueberschreiten des Kaiberpasses geben. Je früher wir durch den Paß kommen, desto besser, denn später dürfte es Schwierigkeiten haben, die Erlaubnis zu erlangen.“

„Sie führen doch nichts Verdächtiges bei sich — Karten, Zeichnungen oder dergleichen?“

Der Russe schüttelte lächelnd den Kopf, „Nichts als Murrays Handbuch, den unentbehrlichen Begleiter jedes Reisenden. Ich würde mich wohl hüten, etwas anderes mitzunehmen. Für Sie liegt die Sache ja weniger ängstlich.“

„Weshalb für mich?“

„Weil Sie ein Deutscher sind. Mit Deutschland ist man nicht im Kriege. Ich aber würde sofort in Gefahr sein, für einen Spion gehalten zu werden.“

„Uebrigens glaube ich, daß wir beide nichts zu fürchten hätten, selbst wenn man uns als Offiziere erkennen würde. Es dürften in diesem Augenblick mindestens ebensoviele englische Offiziere auf russischem Gebiet als russische hier in Indien sein.“

„Solange der Krieg noch nicht erklärt ist, pflegt man mit den Offizieren fremder Mächte allerdings höflich zu verfahren. Aber unter den obwaltenden Umständen möchte ich es doch nicht gern darauf ankommen lassen. Die Möglichkeit, standrechtlich erschossen zu werden, läge nicht allzu fern. Besser schon, ich suche die Maske eines harmlosen Kaufmanns festzuhalten und beeile mich, aus dem Machtbereich unserer Gegner zu kommen. Was ich an Aufzeichnungen, Karten und Festungsplänen in meinem Gedächtnis bewahre, könnte man ja glücklicherweise selbst mit Röntgenstrahlen nicht entdecken. Aber Sie haben sich noch gar nicht geäußert, Herr Kamerad — sind Sie bereit, mich heute zu begleiten?“

„Ich bitte Sie, nicht auf mich zu rechnen. Ich möchte vorläufig noch bleiben.“

Und da er das Erstaunen des Russen bemerkte, fuhr er fort:

„Sie sagten selbst, daß ich mich als Deutscher in einer weniger gefährlichen Lage befinde. Selbst wenn man mich als Offizier erkennt, kann man mir kaum ernstliche Unannehmlichkeiten bereiten. Am wenigsten hier, wo nichts auszuspionieren wäre.“

Daß es lediglich der Gedanke an Mrs. Irwin war, der die plötzliche Aenderung seiner Entschlüsse herbeigeführt hatte, verriet er nicht. Und der Russe zerbrach sich über seine Beweggründe allem Anschein nach nicht weiter den Kopf.

„Wissen Sie, was mir in diesem Augenblick allein Sorge macht?“ fragte er. „Ich fürchte, daß Deutschland die gute Gelegenheit benutzen könnte, uns in den Rücken zu fallen. Ihr Volk liebt uns nicht, darüber wollen wir uns nicht täuschen. Es gab ja eine Zeit, wo das Deutschtum bei uns eine entscheidende Rolle spielte. Aber seit den Tagen Alexanders III. ist das anders geworden. Auch wir können nicht so leicht vergessen, daß Ihr großer Bismarck uns auf dem Berliner Kongreß um den Preis unseres Sieges über die Türken gebracht hat.“

„Verzeihen Sie, mein Fürst, wenn ich Ihnen da widerspreche. Die Schuld lag einzig bei Ihrem Kanzler Gortschakow, der seinen Vorteil nicht zu verfolgen verstand. Die Engländer haben das benutzt. Bismarck selbst würde ohne Zweifel jeder russischen Forderung zugestimmt haben. Im übrigen kann ich Ihnen versichern, daß von einer nationalen Feindschaft gegen Rußland bei uns, namentlich in den gebildeten Kreisen, nicht die Rede ist.“

„Es mag ja sein, aber in Rußland wird diese Abneigung jedenfalls als ein Faktor betrachtet, mit dem man in kritischen Augenblicken rechnen müsse. Der Vertrag mit Frankreich würde sonst wahrscheinlich niemals zu stande gekommen sein. Und ich könnte Ihrer Nation gewisse Feindseligkeiten gegen uns nicht im mindesten verübeln. Wir besitzen nun einmal verschiedene Landesgebiete, die geographisch viel natürlicher zu Deutschland gehören würden. Wenn Ihr Vaterland von seinem Ueberfluß an Menschen acht Millionen Bauern in Polen ansiedeln könnte, wäre ihm in mancher Hinsicht geholfen. Stände ich an der Spitze Ihrer Regierung, so würde ich mich zunächst mit Oesterreichs Zustimmung des russischen Polen bemächtigen, dann aber Oesterreich zerschlagen, Böhmen, Mähren, Kärnthen, Steiermark, Tirol als deutsches Land annektieren und die österreichische Dynastie auf Transleithanien beschränken.“

Heideck konnte nicht umhin, zu lächeln.

„Das sind kühne Phantasien, Fürst! Und Sie dürfen versichert sein, daß bei uns niemand im Ernst an solche Pläne denkt.“

„Seltsam genug, wenn es so wäre. Denn mich dünkt, es müßte Ihnen als das Natürlichste erscheinen. Was bedeutet denn euer deutsches Reich, wenn euch gerade die deutschesten Länder fehlen? Sollte euch nicht die Bevölkerung der deutschen Provinzen Oesterreichs näher stehen als die des nordöstlichen Preußen? Aber es ist ja möglich, daß man bei euch zu gewissenhaft und zu vertragstreu ist, um eine so großzügige Politik zu treiben.“

Heideck lenkte das Gespräch nicht ohne Absicht wieder auf das ursprüngliche Thema zurück.

„Welche Route gedenken Sie zu nehmen? Haben Sie sich bestimmt für Peschawar entschieden oder ziehen Sie auch Quetta in Betracht?“

„Darüber bin ich mit mir noch nicht ganz im Reinen. Jedenfalls möchte ich denjenigen Weg wählen, auf dem ich am schnellsten zu unserer Armee gelange.“

„Dann würde ich Ihnen die Route über Quetta vorschlagen. Denn es ist wohl das wahrscheinlichste, daß die russische Hauptarmee sich nach Süden wendet. Herat dürfte ihr nächster Angriffspunkt sein. Dorthin führen die besten Straßen, von Norden und Nordwesten her. Es ist der Kreuzungspunkt der Karawanenwege aus Indien, Persien und Turkestan. In Herat kann eine große Armee konzentriert werden, weil es inmitten fruchtbaren Landes liegt. Wenn Ihre Vorhut da festen Fuß faßt, lassen sich mit der transkaspischen Bahn in verhältnismäßig kurzer Zeit sechzigtausend Mann dorthin schaffen. Rücken die Engländer bis Kandahar vor, so wird dort der Zusammenstoß erfolgen. Aber die russische Armee wird so überlegen sein, daß der Gegner schwerlich den Marsch auf Kandahar wagen wird. Durch die afghanischen Truppen verstärkt, kann General Iwanow mit hunderttausend Mann ungehindert bis zum Bolanpaß kommen.“

„Wenn ihm das gelänge,“ meinte der Fürst, „so stände ihm der Weg in das Tal des Indus offen. Denn gegen eine solche Streitmacht vermöchte England den Paß nicht zu halten.“

„Ist der Bolanpaß wirklich so schwer zu passieren, wie man sagt?“ fragte Heideck.

„Der Paß ist etwa fünfzig Werst lang. Im Jahre 1839 ging das bengalische Korps der Indusarmee durch den Paß zum Angriff auf das afghanische Heer und brachte vierundzwanzigpfündige Haubitzen, sowie achtzehnpfündige Kanonen ohne Schwierigkeiten hindurch.“

„Wenn ich mich recht besinne, kamen sie ohne nennenswerten Kampf bis nach Kandahar und besetzten ganz Afghanistan. Aber der endliche Ausgang war doch eine fürchterliche Niederlage. Von ihren fünfzehntausend Mann sind nur viertausendfünfhundert in eiliger Flucht durch den Kaiberpaß nach Indien zurückgekehrt.“

Fürst Tschadschawadse lachte spöttisch auf.

„Fünfzehntausend? Ja, wenn man den englischen Quellen Glauben schenken wollte! Aber ich kann Ihnen nach besseren Informationen versichern, daß die Engländer im Jahre 1839 mit nicht weniger als einundzwanzigtausend Soldaten nebst einem Train von siebzigtausend Mann und sechzigtausend Kamelen gegen Afghanistan ausgezogen sind. Sie marschierten durch den Bolanpaß, nahmen Kandahar und Gasna, rückten in Kabul ein und setzten Schah Tschudscha auf den Thron. Eine entscheidende Niederlage erlitten sie eigentlich nicht, aber ein allgemeiner Aufstand der Afghanen vertrieb sie aus ihrer Position und rieb ihren Truppenbestand vollständig auf.“

„Ich bewundere Ihr Gedächtnis, mein Fürst!“

„O, das alles müssen wir auf Generalstabsschule am Schnürchen haben, wenn wir nicht jämmerlich durchs Examen rasseln wollen. Im November 1878, als wir den Krieg gegen die Türken mit allen Mitteln zu Ende führen mußten und deshalb in Zentralasien ziemlich schwach waren, sind die Engländer abermals in Afghanistan eingerückt. Sie gedachten, sich unsere Verlegenheit zu nutze zu machen und das Land ganz unter ihre Herrschaft zu bringen. In drei Kolonnen gingen sie durch den Bolanpaß, das Kuramtal und den Kaiberpaß. Aber auch diesmal konnten sie sich nicht behaupten und mußten unter großen Verlusten den Rückzug antreten. Wer nicht die eingeborene Bevölkerung für sich hat, wird in Afghanistan niemals festen Fuß fassen. Und die Sympathieen der Afghanen sind auf unserer Seite. Wir verstehen es, mit diesen Leuten umzugehen; die Engländer dagegen gelten ihnen für unreine Ungläubige.“

„Glauben Sie, daß Rußland es jetzt nur auf den Besitz des Pufferstaates Afghanistan abgesehen hat? Oder sollten seine Absichten noch weiter gehen?“

„O, mein bester Kamerad, jetzt geht es um Indien. Seit mehr als hundert Jahren schon haben wir unsere Blicke auf dieses reiche Land gerichtet. Alle unsere Eroberungen in Zentralasien haben Indien zum letzten Ziel. Schon Kaiser Paul befahl 1801 dem Ataman des donischen Heeres, Orlow, mit 22000 Kosaken bis zum Ganges vorzudringen. Man stellte sich damals den Feldzug allerdings viel zu leicht vor. Der Kaiser starb, und sein tollkühner Plan kam nicht zur Ausführung. Während des Krimkrieges erbot sich General Kauffmann, mit 25000 Mann Indien zu erobern. Es kam nicht dazu. Seitdem haben sich die Ansichten geändert. Wir haben eingesehen, daß nur ein schrittweises Vorgehen zum Ziele führen kann. Und wir haben unsere Zeit nicht verloren. Im Westen sind wir bis auf 100 Kilometer an Herat herangerückt, und im Osten, im Pamirgebiet, sind wir Indien noch viel näher gekommen.“

„Es ist mir interessant, das zu hören. Ich selbst habe mir bisher trotz alles Bemühens keine recht klare Vorstellung von der Grenze am Pamirgebiet machen können.“

„Und Sie sind wahrhaftig nicht der Einzige, dem es so ergeht. Niemand, der nicht an Ort und Stelle war, kann die dortige Lage verstehen. Und wer dagewesen ist, kennt die Grenze auch nicht, weil es gar keine bestimmte Grenze gibt. Das Pamirplateau liegt nördlich von Peschawar und wird im Süden vom Hindukuschgebirge begrenzt. Die Besitzverhältnisse aber sind außerordentlich verwickelt. Der Emir des benachbarten Afghanistan beansprucht die Herrschaft über die Chanate Schugnan und Roschan, die den Hauptteil des Pamirgebietes ausmachen. Weiter erhebt er ja auch Anspruch auf die Provinz Seistan, die außerdem noch von Persien reklamiert wird. Gerade diese Provinz ist von besonderer Wichtigkeit, denn die Engländer würden, wenn sie sich ihrer bemächtigten, was von Beludschistan aus ohne große Schwierigkeiten geschehen könnte, eine starke Flankenstellung im Süden unserer Marschlinie Merw-Herat durch Kandahar-Quetta gewinnen.“

„Das sind allerdings recht unklare Verhältnisse.“

„So unklar, daß wir mit den Engländern seit langen Jahren über die Grenzfrage streiten. Unsere britischen Freunde haben den Emir von Afghanistan schon wiederholt veranlaßt, Truppen dorthin zu senden. Und englische Expeditionen zum Zwecke der Grenzfeststellung sind oft genug in den Bergen von Pamir herumgeklettert. Natürlich stehen wir in dieser Hinsicht nicht hinter ihnen zurück. Ich selbst habe seinerzeit an einer solchen wissenschaftlichen Expedition teilgenommen.“

„Und es handelte sich wirklich um ein wissenschaftliches Unternehmen?“

„Sagen wir: um ein kriegswissenschaftliches!“ erwiderte der Fürst lächelnd. „Wir hatten zweitausend Kosaken bei uns und kamen bis auf den Hindukusch, zum Baragilpaß und einem andern, der keinen Namen hatte, und den wir unserem Obersten zu Ehren Jonowpaß nannten. Da stießen wir auf afghanische Truppen und schlugen sie bei Somatsch. Der Emir Abdur Rahman mußte das auf Geheiß der Engländer, die ihm Subsidien zahlten, übelnehmen und sie um Beistand bitten. Ein englischer Gesandter erschien in Kabul, und es kam zu Verhandlungen, die wir recht geschickt in die Länge zogen, um Zeit für die Erbauung kleiner Forts auf dem Pamirgebiet zu gewinnen. In London wurde schließlich vereinbart, daß der Pentsch die Grenze zwischen Rußland und Afghanistan im Pamirgebiet sein solle. Und ein paar Monate später trafen wir am Ssary-Kul mit einer englischen Expedition zusammen, die im Verein mit uns die genaue Grenzlinie feststellen sollte. Es gab eine höchst ergötzliche Komödie; denn die englischen Kameraden wollten uns durchaus nicht merken lassen, daß sie Befehl hatten, nachgiebig zu sein. Wir aber waren sehr rasch dahintergekommen und zogen die Grenze, wie es uns gefiel. Das Ende war, daß nur noch ein ganz schmaler Streifen zwischen Buchara und der indischen Grenze dem Emir verblieb, der sich außerdem verpflichten mußte, dort weder Truppen zu halten, noch Befestigungen anzulegen. Also unser Gebiet war auf 20 Kilometer an das englische herangerückt. Dort sind wir Indien am nächsten, und wenn wir wollen, können wir jederzeit von den Pässen des Hindukusch nach dem unter englischem Einfluß stehenden Tschitratal hinabsteigen.“

Die Unterhaltung wurde durch das Erscheinen eines Dieners unterbrochen, der Heideck eine Einladung von Mrs. Baird zum Diner am Abend dieses Tages brachte. Der Hauptmann vermochte seine Freude kaum zu verbergen; denn er zweifelte nicht, daß es Edith war, der er diese Einladung verdankte, und er war glücklich in der Hoffnung, sie endlich wiederzusehen.

„Sie stehen sich gut mit dem Obersten,“ sagte der Fürst, als der Diener mit Heidecks zusagendem Bescheide gegangen war. „Das kann Ihnen unter den gegenwärtigen Verhältnissen von großem Vorteil sein. Lassen Sie sich doch einen Passierschein ausstellen und reisen Sie mit mir!“

„Es tut mir leid, mein Fürst! Ich würde gewiß sehr gern in so angenehmer Gesellschaft reisen, aber meine Geschäfte halten mich einstweilen noch hier zurück.“

„Nun — wie Sie wollen, — ich darf Ihnen nicht weiter zureden. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß wir einander nochmals begegnen werden, und es ist überflüssig, zu versichern, daß Sie in jeder Lage auf mich zählen dürfen.“


IX.

Der deutsche Kaiser weilte, wie alljährlich, im Wildpark von Springe. Aber für das edle Weidwerk, bei dem der Monarch sonst in der nervenstählenden Waldeinsamkeit Erholung und neue Kräfte suchte, blieb diesmal nur selten eine Stunde übrig. Der Telegraph war in ununterbrochener Tätigkeit, und täglich erschienen in dem Jagdschlosse Staatsmänner, Diplomaten und hohe Offiziere, mit denen der Kaiser lange Besprechungen hatte. Die Fenster seines Arbeitszimmers blieben bis tief in die Nacht hinein erleuchtet, und gewöhnlich fand schon der frühe Morgen den Herrscher wieder an seinem Schreibtisch.

Heute aber hatte nach halbdurchwachter Nacht die Sehnsucht nach einem Atemzug frischer Gottesluft den Kaiser beim Morgengrauen hinausgeführt in den schweigenden Tannenwald.

Ein leichter Rauhreif, der über Nacht gefallen war, bedeckte die Zweige und den Boden mit feinen, weißschimmernden Eiskristallen. Zwischen den Stämmen lagen noch die Schatten der Dämmerung. Im Osten aber flammte glühendes Rot über den fahlen, graublauen Himmel hin.

Dorthin richteten sich die Blicke des Kaisers. Unter einer hohen, alten Fichte hemmte der Monarch seinen Schritt, und seine Lippen bewegten sich zu einem leisen Gebet. Von dem Lenker der Geschicke aller Völker erflehte er in dieser ernsten Zeit Rat und Kraft für seinen schweren Entschluß.

Da schlug der Ton menschlicher Stimmen an sein Ohr. Er sah zwei Männer, die seine Nähe nicht ahnten, in lebhaftem Gespräch auf dem unfern vorüberführenden schmalen Pirschpfade daherkommen. Des Kaisers scharfes Jägerauge erkannte in dem einen der beiden hochgewachsenen Herren seinen Oberstallmeister, den Grafen Wedel. Der andere aber war ihm fremd.

Und dieser Unbekannte war es, der jetzt sagte:

„Es ist mir eine Freude, daß wir uns endlich einmal Auge in Auge aussprechen können. Ich habe den tiefen Riß in unserer alten Freundschaft und Kameradschaft sehr beklagt. Aber auf meiner Seite ist die Mißstimmung längst vorüber. Ich hatte damals nicht in preußische Dienste treten wollen, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, daß unsere alte tapfere hannoversche Armee aufgehört hatte, zu existieren, und ich zürnte dir, mein lieber Ernst, weil du, ein hannoverscher Garde du Corps, vergessen zu haben schienst, was du der Ehre deines engeren Vaterlandes schuldig warst. Aber du hast weiter gesehen als ich. Der hochherzige Entschluß des Kaisers, die Traditionen der Hannoveraner wieder zu beleben, unserem alten Offizierkorps eine Heimstätte in den neuen preußischen Regimentern zu eröffnen und unsere ruhmvollen Devisen auf die Fahnen und Standarten dieser neuen Regimenter zu schreiben, hat alles wieder gut gemacht. Ich hoffe, die Zeit ist nicht mehr fern, wo auch diejenigen Hannoveraner, die jetzt noch grollend beiseite stehen, einsehen werden, daß ein Kriegsherr, der so hochsinnig denkt, der berufene Sammler und Führer aller Kräfte des großen, gemeinsamen Vaterlandes ist.“

„Nun, ich habe dich und deinen Eisenkopf nie verkannt. Du hast dich ja inzwischen tüchtig in der Welt umgesehen, und da du jetzt ein Hamburger Großkaufmann bist, wirst du wohl ein großes Vermögen haben.“

„Mein Leben ist interessant und erfolgreich gewesen, aber mir fehlt doch das beste. Ich sehne mich nach einer Tätigkeit, die meiner Natur entspricht. Ich bin nun einmal Soldat, wie meine Vorfahren es seit Jahrhunderten gewesen sind. Wäre ich 1866 in die preußische Armee eingetreten, so könnte ich heute Kommandierender sein, und vielleicht hätte ich binnen kurzem die Ehre, mein Korps unter den Augen unseres Kaisers ins Feld zu führen.“

„Du glaubst, daß Deutschland in den Krieg verwickelt werden könnte? Gegen wen sollten wir fechten?“

„Wenn unser Kaiser der scharfblickende und energische Geist ist, für den ich ihn halte, — — —“

Es widerstrebte dem Monarchen, die Sprechenden noch länger in Unkenntnis seiner Anwesenheit zu lassen.

„Heda, ihr Herren!“ rief er jovial hinüber. „Verratet eure Geheimnisse nicht, ohne zu wissen, wer sie hört!“

„Seine Majestät!“ sagte der Graf halblaut, indem er mit tiefer Verbeugung seinen Hut zog. Der Begleiter folgte seinem Beispiel, und da ihn der Kaiser fragend ansah, sagte er:

„Untertänigst zu melden: Grubenhagen aus Hamburg.“

Der Monarch ließ seinen Blick über die hohe, breitschultrige Gestalt des stattlichen Mannes hingleiten und fragte lächelnd:

„Sie haben gedient?“

„Zu Befehl, Majestät — als Leutnant beim Königlich hannoverschen Regiment Garde du Corps.“

„Haben denn auch bürgerliche Offiziere bei dem Regiment gestanden?“

„Majestät halten zu Gnaden: Mein Name ist Freiherr von Grubenhagen. Aber der Freiherr war dem Kaufmann im Wege.“

Das bei aller schuldigen Ehrerbietung freimütige und mannhafte Wesen des Freiherrn schien dem Kaiser zu gefallen. Lange blickte er in das scharfgeschnittene, energische Gesicht, aus dem ein Paar kühne und intelligente Augen leuchteten.

„Sie haben viel von der Welt gesehen?“

„Majestät, ich war in Amerika und viele Jahre in England, bevor ich mein Geschäft in Hamburg errichtete.“

„Ein guter Kaufmann sieht oft mehr als ein Diplomat, denn sein Blick ist unbefangener und freier. Ich liebe Ihr Hamburg; es ist eine loyale Stadt voll Einsicht und Unternehmungsgeist.“

„Man würde an der Alster glücklich sein, Eure Majestät so sprechen zu hören.“

„Fürchtet man in Hamburg nicht große Verluste durch den Krieg?“

„In Hamburg, Majestät, denken viele Leute so wie ich.“

„Und wie denken Sie?“

„Daß unter Eurer Majestät glorreicher Regierung alle Deutschen des Kontinents sich zu einem einzigen und einigen großen Volk zusammenschließen werden, dem alle germanischen Stämme des Nordens, Dänen, Schweden und Norweger, kraft des Gravitationsgesetzes, sich ankristallisieren müssen.“

„O! — Sie haben Mut!“

„Majestät, wir leben in einem Zeitalter, dessen charakteristisches Zeichen die Bildung großer Staatswesen ist.“

Mit einer freundlichen Handbewegung unterbrach ihn der Monarch:

„Lassen Sie uns zum Frühstück gehen, meine Herren! Freiherr von Grubenhagen, Sie sind mein Gast. Es wird mich interessieren, noch einiges von Ihren kühnen Ideen zu hören.“


Unmittelbar nachdem der Kaiser das Jagdschloß betreten hatte, war ihm der mit dem Nachtzuge von Berlin herübergekommene Reichskanzler gemeldet worden. Auch er nahm mit dem Gefolge des Monarchen an der Frühstückstafel teil, und er mochte nicht wenig erstaunt sein über den fremden Gast, den er da in der Umgebung des Kaisers fand und der von dem Herrscher mit offenkundigem Wohlwollen ausgezeichnet wurde.

Als man sich nach aufgehobener Tafel um den runden Tisch im Rauchzimmer gruppiert und auf einen Wink des Kaisers der diensttuende Flügeladjutant für die Entfernung der Dienerschaft Sorge getragen hatte, wandte sich Kaiser Wilhelm mit ernster Miene an den Freiherrn von Grubenhagen.

„Und nun lassen Sie uns einmal ganz frei und unumwunden hören, wie nach Ihren Beobachtungen das deutsche Volk über die Möglichkeit eines Krieges denkt.“

Der Freiherr erhob den schönen, charaktervollen Kopf, und indem er dem Kaiser frei und unbefangen in die Augen sah, erwiderte er:

„Niemand, Majestät, ist darüber im Ungewissen, daß es ein verhängnisvoller Schritt sein würde, den Krieg zu erklären. Vielen Tausenden wird damit ein frühes Grab geöffnet, verwüstete Länder, ein vielleicht auf lange Zeit hinaus zerstörter Handel und unzählige Tränen sind die unvermeidlichen Begleiter des Kriegs. Aber es gibt ein höchstes Gesetz, vor dem alle andern zurücktreten müssen: das Gebot, die Ehre zu erhalten. Und ein Volk hat seine Ehre, wie der einzelne. Wo diese Ehre auf dem Spiele steht, soll es den Krieg nicht scheuen. Denn von der Bewahrung der nationalen Ehre hängt schließlich doch die Bewahrung aller andern nationalen Güter ab, und wo der Friede um jeden Preis, selbst um den Preis der Ehre erhalten bleiben soll, müssen allmählich alle Güter des Friedens verloren gehen, und das Volk muß zur Beute seiner stärkeren Nachbarn werden. Eisen ist wertvoller als Gold, denn dem Eisen verdanken wir all’ unsern Besitz. Wozu wären denn auch Armee und Marine? Sie sind der Ausdruck der politischen Wahrheit, daß nur Mut und Kraft die Bürgschaft für das Bestehen und Gedeihen eines Volkes bilden. Rußland und Frankreich stehen zusammen, um England zu bekämpfen. Und das deutsche Volk hat das Gefühl, daß es an der Zeit sei, in diesen Kämpfen Partei zu ergreifen. Darüber aber, auf welche Seite es sich zu stellen habe, besteht nirgends eine Ungewißheit. Unser Volk ist seit langem erbittert durch Englands Intriguen und Uebergriffe. Tiefer und mächtiger als irgend ein anderes Gefühl in der Menschenbrust ist die Liebe zur Gerechtigkeit, und dieses Gerechtigkeitsgefühl ist beständig durch Englands Politik verletzt worden. Es bedarf nur eines Kaiserwortes, um die deutsche Volksseele bis in ihre tiefsten Tiefen aufzuregen und eine Flamme der Begeisterung emporschlagen zu lassen, die alle innere Uneinigkeit, allen Hader der Parteien verzehren wird. Wir sollten nicht fragen, was kommen könnte; wir sollten tun, was die Stunde gebietet. Wo Deutschland mit Einsetzung seiner ganzen Kraft um den Sieg ringt, da wird er ihm zufallen. Der Sieg aber hat seine eigene Weisheit.“