Es war ja gar nicht ungewöhnlich, und sie hatte es nicht anders erwarten dürfen! So stemmte sich das um die Überlegenheit kämpfende Denken des alternden Fräuleins gegen das würgende Weh, das sie zu verschütten drohte.
Und doch – und doch! Gerade sie! Sie, die einmal so ernst, so früh durch Leiden erwacht, von den Jahren gesprochen hatte, die vor ihr lagen, und die sie mit so viel Schönem und Hohem hatte erfüllen wollen!
Und wieder sprang ihr der Schmerz würgend an die Kehle, daß sie stehenbleiben mußte, um Atem zu schöpfen.
In rasender Flucht zogen die Bilder vertrauten Zusammenseins mit Gertrud an ihr vorüber. An dieses Kind hatte sie geglaubt, so sehr, wie man nur an einen Menschen glauben kann, den man selbst geformt hat, dessen leiseste Regungen man errät und dessen Werden man beglückt folgen durfte.
Es war doch nichts geschehen! Scham überflutete sie. Nein, es war nichts geschehen, was diese übermäßige Erregung, diesen Schmerz gerechtfertigt hätte.
Nein, gar nichts war geschehen. Man mußte versuchen, es klar zu überdenken, mit einem kleinen wissenden Lächeln. Oh, wie weh dieses Lächeln tat!
Gertrud war ihr mit einem jungen Manne begegnet. Das war alles. Und doch nicht alles. Denn da war dies andere noch. Einige Schritte vor ihr hatte das junge Mädchen eine rasche Bewegung gemacht und sich dann so angelegentlich an seinen Begleiter gewandt, den Kopf ganz ihm zugedreht, daß es schien, als sehe sie die Lehrerin nicht.
Auch das war eigentlich selbstverständlich, so suchte das ringende Denken ihr zuzuraunen. Ja, ganz selbstverständlich. Sie war die Lehrerin, das hieß in diesem Falle: der gefürchtete Feind. Es war den Schülerinnen verboten, mit Herren ohne Begleitung auf der Straße zu gehen. „Es ist mir gleichgültig, wie Ihre Eltern darüber denken,“ so hatte der Rektor erst gestern zu der Klasse gesagt. „Gleichgültig, ob es sich um einen Verwandten oder den Freund des elterlichen Hauses handelt. Noch einen Monat stehen Sie unter dem Gesetze der Schule und haben sich zu fügen. Nach diesen vier Wochen können Sie machen, was Sie wollen – dann hört unsere Verantwortung auf.“
Ja, und so war es begreiflich, daß Gertrud den Kopf abgewendet hatte. Sie mochte wohl hoffen, auf diese Weise nicht gesehen zu werden. Ja, es war töricht, daß dies so weh tat, so bitter weh. Und noch törichter, daß diese Begegnung wie Verrat brannte, daß es Fräulein Dr. Südekum schien, Gertrud habe sich nicht nur gegen die Gesetze der Schule vergangen, sondern mehr noch gegen sie ganz persönlich, gegen etwas, das verloren war und dessen Wert die Lehrerin erst jetzt zu erkennen glaubte. Ja, es war Verrat an ihr selbst, an der großen, zitternden Liebe, die sie diesem Kinde entgegengebracht hatte, das einmal so sehr ihr eigenstes Kind gewesen war, und sie nun ganz vergessen hatte, sie nicht mehr zu kennen schien.
Voll Haß dachte Fräulein Dr. Südekum an den jungen Menschen, den sie nur mit einem raschen Blick gestreift hatte, und von dessen Antlitz und Gestalt sie doch in einem einzigen Augenblick alles in sich gesogen hatte. Wie belanglos er ausgesehen hatte! In keiner Weise anders als die jungen Leute, denen man täglich begegnete. Ja, hochgewachsen war er, und sein Gang war betont nachlässig und vornübergebeugt gewesen. Das Gesicht – o ja, – auch dieses Gesicht hatte sie sich gemerkt. Breit war es mit ausladenden Backenknochen, etwas schiefgestellten dunklen Augen und zu üppigen Brauen. Und um den überlegen lächelnden Mund hatte das alternde Fräulein den frechen, verhaßten Zug erkannt, den sie alle hatten, die das Leben unbedenklich nahmen.
Mit diesem Manne, der in nichts anders war als unzählige andere – Fräulein Dr. Südekum war überzeugt, daß sie bereits alles von diesem jungen Menschen wußte – ging Gertrud. Und sie liebte ihn – oder spielte mit ihm. Jedenfalls hatte in dem lächelnden Gesicht, das sie zu ihm emporgehoben hatte, etwas wie Erwartung gestanden, Erwartung und Neugierde.
Wütender Schmerz überfiel sie, dem sie sich nun hemmungslos überließ.
Hatte sie sich dafür so grenzenlos an dieses Kind gegeben, seine große Einsamkeit so leidenschaftlich an ihr Herz genommen, damit Gertrud nun dumm und gewöhnlich wie alle anderen wurde, damit sie nun all die früheren Jahre vergaß und verriet? Weil irgendeiner lange Beine und ein glattes Gesicht hatte, – weil er ein Mann war?
In ihre verstörten Gedanken eingehüllt war die Lehrerin bis zu dem Hause ihres Schülers gekommen. Ihr Gesicht war hart und verschlossen, als sie die Stiege zu seiner Wohnung emporstieg. Sie war wohl eine Törin, daß sie so viel, so alles gab. Selbst die Hälfte war zu viel.
Auch dieser Knabe, der heute noch so aufgetan ihrem Unterricht lauschte, auch er würde morgen gewöhnlich sein, und wie seine Kameraden an die große, nivellierende Macht gegeben, der sich jeder schließlich unterwarf. Jeder Mann war ein Knabe, der sich verloren hatte.
Ihr Vortrag klang heute anders als sonst. Ich will meine Pflicht tun, sann sie bitter, aber nicht mehr. Es tut zu weh, sich zurücknehmen zu müssen.
Nach der Lektion wollte sie sich mit kurzem Gruß verabschieden. Sie war müde heute und fürchtete sich doch vor dem Alleinsein und seiner Trostlosigkeit.
„Bleiben Sie, bitte,“ sagte der Knabe, und jäh aus ihrer Versunkenheit aufschreckend, sah sie jetzt erst, wie blaß Erwin war und daß zwei herbe Falten, die sie nicht gekannt, seinen jungen Mund säumten.
Da löste sich die Starre in ihr: hier war einer, der sie brauchte.
„Ich weiß etwas von dem Kanzler,“ sagte der Knabe, und seine Stimme klang brüchig und rauh. „Ich weiß, daß er liebt.“
Fräulein Dr. Südekum erschrak. Gebannt sah sie in das blasse Antlitz vor sich.
„Er liebt eine dumme, blonde Frau.“
„Erwin!“ Ihre Stimme klang angstvoll. „Das sind Dinge, die dich nichts angehen! Du sollst nicht darüber nachdenken, verstehst du? – Du mußt es mir versprechen.“
Seine Hand glitt leise über die ihre. „Hören Sie mich an, Frau Doktor! Ich weiß, daß Sie mich verstehen werden. Nur Sie können mich verstehen. Ja, der Kanzler liebt eine Frau. Sie ist Tänzerin. Keines seiner Bücher hat sie gelesen. Sie weiß nichts von ihm. Sie lacht ihn aus, weil er manchmal seine Krawatte nicht ordentlich gebunden hat, weil er kein Elegant ist wie die Laffen, die alle Logen des Rauchtheaters füllen ...“
„Wieso weißt du das alles?“
„Ich weiß es,“ sagte er leise, „aber ich verstehe es nicht. Sie ist ein gemeines Weib, und jeder, der sich eine Karte bezahlen kann, kennt ihren tanzenden Körper. Sie hat weiße Brüste und schlanke Hüften. Liebt man darum, Frau Doktor? Ist der Kanzler nicht besser als die Kameraden aus meiner Klasse, die sich nachts in dunkle Gassen schleichen?“
„Was sprichst du da?“ Das alternde Fräulein war sehr blaß geworden. „Davon darfst du nicht reden, – das verstehst du nicht!“
„Verstehen es denn Sie, Frau Doktor? Ich spüre es doch, daß auch Sie es nicht begreifen, daß es Sie quält wie mich, weil es das gibt – weil alle ...“
„Schweig!“ Ihre Stimme keuchte. „Du hast nicht über mich zu sprechen. Du hast nicht über mich nachzudenken.“
„Verzeihen Sie, Frau Doktor, verzeihen Sie mir! Es ist nur – ich finde mich nicht mehr zurecht. Ich ersticke in all dem Gemeinen. Es quält mich so entsetzlich, daß auch er – ich liebe ihn ...“
„Sprich weiter!“ bat eine erstickte Stimme.
„Er ahnt nicht, daß ich ihn liebe. Er hat mir nicht geantwortet, als ich ihm die Abschrift aus seinem Buche sandte und dazu einen Brief schrieb, – alles sagte ich in ihm von mir. Es war so schön, in der Nacht zu sitzen und an ihn zu schreiben. Ich habe ihm Dinge gesagt, die bisher nur mir gehörten.“
Schweigend saß das alternde Fräulein vor dem Knaben. Tiefer sank ihre Stirne.
„Er ahnt nicht, daß ich ihn liebe. Er sieht nur diese dumme, blonde Frau. – Warum ist das, Frau Doktor? Ist es wirklich nur deshalb, weil sie ein Weib ist, weil sie schmiegsame Hüften hat? – Warum liebt er mich nicht?“
Und wieder war Schweigen in dem Raum, und das alternde Fräulein wagte nicht zu atmen in einem zuckenden Glück und Grauen.
Und wieder stieg die Stimme empor: „Warum liebt er mich nicht? Ich würde so glücklich sein, dürfte ich nur einmal meinen Kopf an seine Schulter lehnen. Ganz still würde ich sein.
Er ist der Kanzler, und ich bin ein Schüler. Aber ich liebe ihn. Ich weiß ihn. Ich weiß auch, daß ich reich bin. Ich habe ihm so vieles zu sagen, was er vielleicht nicht weiß, was er vielleicht vergessen hat. – Ist diese Frau mehr als ich – nur weil sie ein Weib ist?“
Eine große brennende Angst stieg in dem kleinen alternden Fräulein auf. Was dieser Knabe sprach – das verband sich dem dumpfen, quälenden Schmerz in ihr, den kein Denken befrieden konnte, der sich nun plötzlich aufreckte, ein verzweifelter Riese.
„Ich kann dir nichts sagen,“ sagte sie fast unhörbar. „Nein, ich weiß dir keine Antwort.“ Angstvoll sah sie in sein tieferblaßtes Gesicht. „Du darfst über diese Dinge nicht nachdenken, – man darf das nicht, – wir dürfen nicht –“ Dann erschrak sie über ihr eigenes Wort. Hatte sie wirklich wir gesagt?
„Ich muß gehen,“ stieß sie hervor. „Lebe wohl.“
Aber nun konnte sie nicht allein sein. Nein, das konnte sie nicht. Wohin? Zu wem? – Nein, in ihr einsames Zimmer konnte sie nicht. Sie fürchtete sich zu sehr vor den Gedanken, die sie aber nicht denken wollte, nicht denken durfte. Nein, nur nicht allein sein!
Zu Nowotnys? Die beiden konnten ihr keine Stille geben. Die waren ja auch toll und verwirrt wie alle Menschen jetzt um sie her. Die dachten an nichts anderes als an diese verrückte Bildhauerin. Oder – diese selbst? Ihr allein würde sie sogar jetzt gerne begegnen.
Nun wußte sie es, Dr. Klempner mußte sie aufsuchen. Er war der einzige, der nicht von dem Gifte angefressen war, das an allen zehrte, von der großen Verwirrung, die von diesem Frühling ausging, den sie selbst als süßen Stachel in ihrem Denken wußte. Ja, er mochte zynisch, kalt und grausam sein. Aber er haßte und verneinte doch gleich ihr diesen Taumel.
Dr. Klempner begrüßte sie ein wenig erstaunt. „Das ist schön, daß Sie den Weg zu mir gefunden haben,“ sagte er. „Martha ist in der Küche, da können wir plaudern. Wie geht es denn in Ihrer Klasse? Die Mädchen sind jetzt wohl alle ein wenig so, so?“
„Einige lernen sehr brav,“ antwortete sie ausweichend. „Vielen ist ja die Matura das Tor zum freien Studium auf den Hochschulen.“
„Nun ja,“ der Arzt lächelte wegwerfend. „Sie können sich ja vorstellen, was ich vom Frauenstudium halte.“
„Die Knaben sind in dieser Zeit auch nicht besser,“ antwortete das Fräulein, plötzlich wieder kampfbereit, „wenn Sie das als Hindernis meinen.“
„Aber das meine ich ja gar nicht,“ entgegnete Dr. Klempner lächelnd. „Gewiß ist diese Zeit auch für die Knaben sehr schwierig. Aber wenn sie diese Jahre, da man den Eros so verzweifelt ernst nimmt, überstanden haben, dann ist die Gefahr meist auch wirklich vorüber. Dann haben sie zum Weibe gefunden und nehmen sich Lust und Genuß ohne weitere Problematik.“
„Und das ist das Ideal?“ fragte Fräulein Dr. Südekum spöttisch.
Der Arzt sah sie ernst an. „Ist es vielleicht dieses, daß Menschen, die den Betrug der Natur ernst nehmen, an ihm zugrunde gehen? Nein, Frau Doktor, bleiben Sie mir mit den großen Idealen in dieser Richtung vom Leibe. Es gibt eine schwierige Zeit bei Mädchen und Knaben. Da kocht die Natur sich die Leiber für ihre große Forderung zurecht. Und da bleibt natürlich nicht viel Raum für anderes. Das darf man nicht zu tragisch nehmen. Das geht vorüber.“
„Warum sollen also die Frauen nicht studieren, da diese Zeit doch vorübergeht?“
„Gott, ich habe ja nichts dagegen,“ sagte Dr. Klempner zwischen zwei großen Rauchwolken. „Aber für die Mädchen gibt es nur eine Erlösung aus der großen Spannung, die sie ganz gefangen nimmt: die Heirat. Wenn sie Mädchen bleiben und studieren, werden sie eben diese Spannung nicht los. Da haben es die Herren Studenten leichter.“
„Sie reden abscheulich von Dingen, die vielen anderen Menschen heilig sind.“
„Heilig!“ Er lachte. „Heilig ist alles, was über diese Dinge hinaus will. Heilig ist Beruf und jedes Streben des menschlichen Geistes. Aber das, wovon Sie sprechen, Frau Doktor, ist nichts als verdammter, von den Dichtern emporgelogener Betrug.“
Da geschah es dem alternden Fräulein plötzlich, als müsse sie eine große Fahne entfalten. – So, als müsse sie etwas bekennen und verteidigen, was sie in sich haßerfüllt verneint und geknechtet hatte.
Sie war sehr blaß geworden, das kleine, schmale Fräulein, aber ihre Augen blitzten: „Ich habe so vieles gesehen, was häßlich und unverständlich ist, Herr Doktor. Aber, Doktor Klempner, ich weiß auch, daß es über diese Verwirrung hinaus etwas geben muß, das den süßen, wehen Namen Liebe verdient.“
„Oho! – Frau Doktor, sind Sie so weit?“ rief der Doktor. Seine Worte klangen höhnisch, aber sein häßliches Gesicht blickte tiefernst. „Ich zweifle nicht daran, daß Sie lieben können, – daß Sie in einer Periode sind, wo man einen rasenden Wunsch mit hundert bunten Flicken behängt – wo man an diesem Selbstbetrug entsetzlich leidet. Aber erzählen Sie mir lieber von dem Menschen, den Sie lieben! Erzählen Sie mir, was er Ihnen für diese große Liebe gibt, an die Sie so fanatisch glauben.
„Erzählen Sie mir, was Ihre Liebe ihm bedeutet, ob Sie ihm mehr sind als der Partner im Spiel, ob er Sie selbst überhaupt sieht! – Dann müßten Sie sich freilich noch prüfen, ob Sie selbst diesen Menschen sehen – – oder nur das, was Sie von ihm wollen!“
„Was er mir dafür gibt – dieser Mensch?“ – wiederholte die Lehrerin langsam und erblaßte. „Ja, und was meine Liebe ihm bedeutet?“ – Wie plötzlich erwachend setzte sie sich aufrecht in ihrem Sessel. Sie begann rasch und hastig zu sprechen, als wolle sie alles verschütten, was sie bisher bekannt hatte: „Ich liebe ja keinen einzelnen Menschen, Herr Doktor. Ich liebe meinen Beruf, ich verschwende mich an ihn.“
„Dann sind Sie ja glücklich,“ – fiel er ein. „Ja, dann müssen Sie doch glücklich sein?“
„Ich bin es nicht,“ bekannte sie leise. „Ich habe das vielleicht früher nicht so gewußt. Da war ich so reich. Ich habe nie gerechnet, niemals, Herr Doktor. – Aber vielleicht gab ich zu viel, ich weiß es nicht. Immer wieder fordert man ganzen Einsatz von uns, den ganzen Menschen. Und wehe, wenn wir einmal, ein einziges Mal mehr wollen als die Befriedigung, unsere Pflicht getan zu haben.“
„Mehr?“ Hart und fragend fiel das Wort in die Stille. „Wir Männer sind es gewohnt, uns ganz an unsern Beruf zu verschenken. Wir fordern nicht mehr von ihm, als er geben kann: innere Bestätigung, Erfolg, Ruhm, vielleicht auch Geld. Sie aber suchen in ihm die Liebe, Frau Doktor, – nehmen Sie sich in acht! Sie sind eine wunderbar mütterliche Frau. Es ist jammerschade um Sie, daß Sie kein Kind haben.“
„Ich habe nur geliehene Kinder.“ Ein Schluchzen bebte durch den Raum.
„Der Beruf ist der Beruf,“ sagte eine ernste Stimme. „Wie kann er das geben, was wir im Leben versäumt haben. Nehmen Sie sich in acht, Frau Doktor, – nehmen Sie sich in acht!“