Die Bildhauerin Alexandra Pseleuditi stand, in ihren grauen Arbeitsmantel gehüllt, an die Wand ihres großen kahlen Ateliers gelehnt, auf den Stufen, die zu dem hohen Fenster führten.
Sie hielt die Hände über der Brust ineinandergeschlossen, und ihre Gestalt wirkte seltsam fremdartig, weil die Arme in einer Parallele mit den Schultern liefen, und auch die Züge ihres Gesichtes in den gleichen starren Ausdruck geschlossen waren.
„Ich habe gewußt, daß Sie kommen werden,“ sagte sie.
Durch die feine, kleine Gestalt, die vor ihr wie schutzsuchend vergraben in einem Lehnstuhl saß – dem einzigen, den es in diesem Raume gab – lief ein Zittern.
„Es war nur so ein Einfall, das heißt ...“ sie sprach den Satz nicht zu Ende und sah gequält umher.
Die Bildhauerin rührte sich nicht.
„Es ist auch wegen Nowotnys,“ sagte das kleine Fräulein, dessen Augen in dem grellen Atelierlicht blinzeln mußten. „Alle Menschen um mich herum werden plötzlich anders. Oder habe ich es früher nur nicht so gesehen?“ Ratlos bewegte die Lehrerin ihren dünnen Vogelhals hin und her.
Die Bildhauerin sah über sie hinweg, als wolle sie ihr Zeit lassen. Erst als sie bemerkte, daß die Lehrerin nicht zu sprechen beginnen wollte, sagte sie vorsichtig: „Ich beneide Sie um Ihren Beruf.“ Das kleine Fräulein erschrak, wie tief und voll diese Stimme durch den großen Raum drang. Ihre eigene, die doch sonst so sicher das große Klassenzimmer in der Schule beherrschte, schien ihr in diesem Raume plötzlich dünn und körperlos zu klingen, und das verstärkte ihre Unsicherheit.
„Ich arbeite in Stein, – er ist spröde und besitzt geheimnisvolles, eigenes Leben. Sie aber, Sie dürfen im Lebenden formen und schaffen, – das muß wunderbar sein!“
„Ja, aber man muß daran glauben können!“
„Und das können Sie plötzlich nicht mehr?“ Immer noch stand Alexandra in der gleichen Stellung an die Wand gelehnt, und nur ihr dunkler Blick suchte die Lehrerin.
„Es weiß ja niemand etwas von uns,“ sagte Fräulein Dr. Südekum plötzlich. In ihr stand die Erinnerung an eine wilde Nacht auf, an eine einsame Nacht voll Tränen. Und sie, die noch nie von sich selbst gesprochen hatte, weil sie es so gewohnt war, zu anderen Herzen horchend sich hinabzubeugen, empfand jäh, wie wunderbar es sein müsse, sich einmal loslassen zu dürfen, den dumpfen Bann des Schweigens von sich abzutun wie einen zu schweren Panzer und Worte von sich zu schleudern wie Tränen. „Niemand weiß etwas von uns,“ sagte sie noch einmal, „und am wenigsten wissen es die Glücklichen, denen wir dienen.“
„Sie meinen Ihre Schülerinnen?“ fragte Alexandra, ein wenig befremdet über den heiseren Klang der anderen Stimme.
„Nein, ich meine sie, die Kinder haben, ich meine die Mütter. Niemand denkt daran, daß ein ganzes Heer von Enterbten nur für sie lebt.“
Die Bildhauerin stand noch immer aufrecht und starr und sah auf das blasse Menschenkind herab, in dessen Antlitz sie die Bereitschaft zu plötzlicher und wilder Preisgabe erkannte. Wie eine kleine, weiße Motte ist sie, dachte sie plötzlich: so ängstlich nach irgendeinem Lichte flatternd, – so gefährdet.
Die Lehrerin, die schon einmal in den letzten Tagen den Schritt aus ihrer Einsamkeit hinaus zum großen Mitteilen getan hatte, wenn sie sich dann auch wieder unter den kühlen Augen des Arztes vorsichtig zurückgenommen hatte in Masken und Lügen, gab sich, einmal ihrer engumzäunten Sicherheit entrissen, immer hemmungsloser an die brennende Süße des Beichtens.
Sie sah Alexandra nicht an, als sie sprach: „Da gibt es Hebammen, Frau Alexandra, – sie sind immer wieder Zeugen der einen ersehnten und gefürchteten Stunde, nach der sie ein Lebendes in die Arme der erwachten Mutter legen dürfen, mit Händen, die immer wieder leer werden. Oder wissen Sie nicht von den Kinderfrauen mit breiten, blauen Schürzen, die ihre mütterlichen Hüften verdecken? Sie alle haben vielleicht Kinder gehabt und verloren, sie haben vielleicht niemals gebären dürfen. Sie singen weiche Schlummerlieder für fremde Kinder – immer wieder für fremde Kinder.“
Betroffen sah Alexandra in das erblaßte, zuckende Gesicht des alternden Fräuleins. Die Gewalt eines elementaren Gefühls ging plötzlich von diesem kleinen, zarten Wesen aus, und Frau Alexandra erschrak, als sie die Male großer Leidenschaft in den Zügen der Lehrerin erkannte.
„Denken Sie an die Kindermädchen mit ihren roten Händen,“ sagte die Lehrerin leise. „Sehr weich und zart können diese Hände sein, wenn sie winzige Kinderfäuste zum ersten Gebet falten, Händchen, die, groß geworden, nicht einmal mehr grüßend zum Hute finden, wenn die Trösterin ihrer ersten Schmerzen an ihnen vorübergeht.“
Die Lehrerin verbarg ihr blasses Gesicht zwischen den Händen, und ihre Stimme sank in ein Flüstern: „Sie sagen, daß Sie mich um meinen Beruf beneiden. Aber haben Sie und all die anderen Menschen schon einmal über uns Lehrerinnen nachgedacht? Für die Großen sind wir verachtete, belächelte Geschöpfe. Wir erinnern an die komische Schulangst, an Aufgaben, die bittere Stunden bereiteten, vor allem aber an die lustigen Streiche, die man uns spielte, und die uns noch in der Erinnerung so lächerlich erscheinen lassen. Nicht wahr, so ist es doch, Frau Alexandra? Alles andere ist in der Erinnerung an uns ausgelöscht.“ –
„Sie schweigen so stark,“ sagte plötzlich die Lehrerin, schamvoll erwachend. „Verstehen Sie, was ich sagte?“
„Ich verstehe es, – aber ich beneide Sie um Ihre Sehnsucht. Ich beneide Sie, weil sie einem Ziele aus Fleisch und Blut gilt, – weil sie aus Fleisch und Blut stammt.“
„So kennen Sie das gar nicht?“ fragte die Lehrerin und sah scheu forschend in das Gesicht der Bildhauerin. „Und Sie sind doch eine Frau?“
„Nein, ich kenne das nicht,“ antwortete Frau Alexandra ruhig, und ein harter Zug lag plötzlich in ihrem Gesichte. „Meine Sehnsucht meint immer nur den Stein, immer nur ihn. Sie können mir alle Namen sagen, die die Menschen für jede Art der Sehnsucht fanden. Für mich hat jede nur eine Richtung, nur ein Ziel: den Stein und das Leben, das ich aus ihm zwingen will.“
Fröstelnd sah die Lehrerin auf die fremde Frau, angeweht von einer harten Kühle.
„Aber die Liebe!“ – sagte sie plötzlich, und das Wort hing schwer und rund in dem Schweigen des Raumes.
„Die Liebe!“ Ein spöttisches Lächeln flog über das Gesicht Alexandras. „Das ist ein großes Wort.“
„Sagen Sie das nicht!“ flehte das kleine Fräulein. „Ich kenne soviel Häßliches und Unwertes – aber man muß an die Liebe glauben!“
„So haben Sie einmal die Liebe erlebt?“
„Ich?“ – Ein großes Erstaunen stand plötzlich in den Zügen der Lehrerin. Seltsam! über das Vergangene hatte sie schon so lange nicht mehr nachgedacht.
„Ich hatte immer Angst vor den Menschen,“ bekannte sie leise. „Besonders damals, als ich jung war und manche zu mir drängten. Es war so unverständlich, so häßlich. Weil ich nicht gleich bereit war zu dem, was sie alle forderten, wandten sie sich böse ab und hatten mich rasch vergessen. Sie wollten wohl gar nicht mich selbst.“
Die Bildhauerin sah aufmerksam zu dem kleinen Fräulein hinüber. – „Und später dann?“
„Ich weiß nicht,“ Fräulein Dr. Südekum wurde ganz verlegen. „Ich glaube, ich vergaß ganz darauf, daß es das gibt. Ich lebte in dem Hause mit dem großen Garten. Nein, ich dachte wirklich nie daran. Ich hatte die Klasse, die Schülerinnen.“
„Und später und jetzt? – Es ist doch nicht möglich, daß kein Mann ...“
„Jetzt, – Frau Alexandra! Ich bin doch alt. Diese Dinge sind vorüber, – nein ich bin froh, daß dies gar nicht mehr sein kann. Ich habe doch meinen Beruf, ich lebe nur ihm.“ Fräulein Dr. Südekum hatte plötzlich so laut gesprochen, als wollte sie diese Worte nicht nur ihrer Zuhörerin, sondern der ganzen Welt ins Gesicht schreien.
„Erzählen Sie doch von Ihrem Beruf!“ bat Alexandra.
Ängstlich sah das kleine Fräulein plötzlich umher. „Ich möchte ja so gerne – aber – haben Sie denn so viel Zeit für mich?“
„Noch eine volle Stunde,“ lächelte Alexandra. „Dann kommt Robert mich abholen.“
„Oh, – verzeihen Sie,“ stammelte die Lehrerin. „Aber er bedeutet Ihnen wohl sehr viel? – Sie sprachen vorhin so spöttisch von der Liebe.“
„Ich weiß die Liebe,“ sagte Alexandra. „Aber ich weiche ihr aus. Sie fordert den ganzen Menschen, wenn sie die Liebe ist. Und das darf ich nicht!“
„Und Robert, – ich meine Robert Nowotny?“ fragte Fräulein Dr. Südekum hartnäckig.
„Sie großes Kind!“ Alexandra stieg die Stufen herab und stand nun vor dem Fauteuil des kleinen Fräuleins. „Sie großes Kind,“ sagte sie nochmals. „Ich arbeite viel, und da brauche ich ein wenig Entspannung,“ fuhr sie fort und setzte rasch hinzu: „Sie hatten neulich ein wenig Angst um Ihre Freunde. Ich merkte es wohl. Aber fürchten Sie sich nicht! Diesem guten braunen Jungen wird nichts geschehen. Es wird ihn und seine kleine Frau ein wenig steigern, ein wenig auch verwirren, wenn Sie wollen – aber glauben Sie mir: solche Menschen bekommen bald wieder Boden unter den Füßen und kehren reuig in ihre Welt zurück. Nein, beide gehören nicht zu jenen, die sich grenzenlos verlieren können.“
„Und es gibt solche Menschen?“ fragte Fräulein Dr. Südekum leise.
„Ja, es gibt solche, und Sie gehören zu ihnen,“ antwortete Alexandra.
Das kleine Fräulein machte eine erschreckte Bewegung: „Aber nein, aber nein, das kann ja gar nicht sein!“
„Ich weiß,“ lächelte die Bildhauerin beruhigend. „Aber Sie wollten mir von Ihren Schülerinnen erzählen.“
Das kleine Fräulein bog sich tief in die Dämmerung, die langsam von dem ganzen Raum Besitz ergriff. Wie gut das war! Man konnte sich in das blaue Dunkel bergen und nur die Stimme aussenden zu dem anderen lauschenden Menschen.
Fräulein Dr. Südekum erzählte. Von dem Feinde sprach sie, der ihr immer wieder die jungen Herzen entriß. Schon zum drittenmal geschah ihr dies, denn zum drittenmal stieg sie mit einer Mädchenschar von der ersten Klasse, in der sie die Schülerinnen als Kinder übernommen hatte, bis in die sechste zu den Schlußprüfungen auf, nach denen die Mädchen in das Leben entlassen wurden.
Alexandra saß auf den Stufen am Fenster. Das letzte Licht des Tages zwang rote Funken aus ihrem dunklen Haar. Gebannt sah das kleine Fräulein in dieses ernst lauschende Antlitz. So unwirklich schien es ihr nun in seiner Strenge, daß jede Scheu von ihr abfiel. Immer weiter sprach sie. Sie merkte gar nicht, wie sie aus der allgemeinen Schilderung in das Besondere eines letzten, allerletzten Erlebnisses kam, das sich so sehr von allen anderen unterschied, – nicht nur, weil es in feinen und unwägbaren Dingen anders war, nein, auch weil sie selbst in ihm eine andere geworden war. Aber dieses wußte sie selbst erst jetzt in ihrer großen Beichte.
Eine wilde Freude frohlockte in dem kleinen, alternden Fräulein, da sie immer mehr und mehr von Gertrud erzählte. Dinge sagte sie, die sie sich nicht nur niemals selbst gestanden hatte, nein, die sie bis zu dieser Stunde überhaupt nicht gewußt hatte. Die wollüstige Freude der Selbstpreisgabe stieß sie immer weiter.
„Vielleicht war alles sinnlos bis zu dem Tage, da die kleine Gertrud zu mir kam,“ sagte das alte Fräulein in den nun ganz dunkel gewordenen Raum. „Denn bis dahin war alles Beruf gewesen, war ich nur die Lehrerin, verstand ich nur zu gut, daß ich jeden meiner Lieblinge an das Leben verlieren mußte. Es tat auch damals weh, aber ich wußte, daß es nicht anders sein könne. Aber diesmal – aber Gertrud – das ist ganz anders. Nein, ich kann es nicht ertragen, sie zu verlieren. Ich kann es nicht!“
„Und Sie wissen wirklich nicht, daß dies die Liebe ist, sie, der Sie ein Leben lang entflohen sind?“
„Die Liebe?“ Fräulein Dr. Südekum sah betroffen zu Alexandra auf. „Ich spreche doch von einer kleinen Schülerin und mir. Ich – nein, – Sie haben gescherzt, nicht wahr?“
„Sie wissen wirklich nicht, daß dies, was Sie nun erleben, die Liebe ist?“ fragte Alexandra nochmals. „Sie wissen nicht, daß dies die Opferung ist, die Sie niemals erlebt haben bisher, und daß alles in Ihnen, Herz, Seele und Sinne, nach diesem Menschen dürstet?“
Alexandra sah ruhig auf das kleine Fräulein. Kopfschüttelnd fuhr sie fort: „Gibt es das, daß man sich selbst so wenig kennt, daß man vor sich selbst so entsetzlich lügt und mit verwirrenden Namen die große Flamme ersticken will?“
„Ich bin doch – um Gottes willen!“ Das Blut hämmerte so stark in den Schläfen des kleinen Fräuleins, daß es seine eigene Stimme nur wie aus Fernen vernahm. „Ich bin doch eine Frau, – ich meine, ein Mädchen, ja, ein altes Mädchen, – und Gertrud! Sie reden ja Wahnwitziges, Frau Alexandra – das, das ist ein schlechter Witz!“
„Sie großes Kind,“ lächelte Alexandra, „Sie großes Kind.“
Das kleine Fräulein mühte sich um ein krampfhaftes Lächeln. „Ja, – ich verstehe Sie jetzt. Verzeihen Sie, es schien mir augenblicklich so wirr. Sie meinen, weil ich so allein bin, – weil – ich habe niemanden – kein Kind – und Gertrud – sie war wie mein eigenes ...“
„Ich weiß den Weg nicht, der Sie zu dieser Liebe führte,“ entgegnete Alexandra ruhig. „Nein, dazu kenne ich Sie zu wenig. Aber ich weiß, daß das die Liebe ist, und weiß, daß Sie dieses Mädchen begehren.“
„Begehren!“ Das kleine Fräulein sprang totenblaß auf. „Nein, ich hätte nicht sprechen sollen. Sie verstehen mich nicht. Sie denken abscheuliche Dinge! Sie sind wahnsinnig! Ich habe es ja gleich gewußt, als ich Sie sah, daß Sie ein schlechter und wahnsinniger Mensch sind!“ Das kleine Fräulein schlug entsetzt die Hände vor das brennende Gesicht.
Nach einem Schweigen, das nur ihr keuchender Atem erfüllte, fragte Fräulein Dr. Südekum leise mit abgewandtem Gesicht: „Und Sie glauben, daß es das gibt: Liebe zwischen Frau und Frau?“
„Gibt es sie nicht zwischen Prophet und Jünger, Mensch und Stern, Mensch und Tier, Mensch und Blume? Ist es nicht ein Strom, der alle verbindet?“ Alexandra trat ganz nahe an das kleine Fräulein heran und beugte sich über sie, daß diese plötzlich nur die großen klaren Augen im Dunkel über sich sah: „Lieben wir Menschen einander nicht, weil wir sterben müssen, weil wir alle, Mensch, Tier und Kristall, zu gleichem Schicksal verdammt sind? Und da sollten wir grübeln, warum wir lieben? Und da sollten wir es uns verbieten?“
Das kleine Fräulein richtete sich auf, und in einer ungeheuren tapferen Anstrengung, die ihr fast den Atem zerbrach, fragte sie so, als hinge alles von dieser Antwort ab: „Ja, Mensch und – aber ich meine diese Liebe, von der Sie jetzt sprachen, von dem Begehren – Liebe zwischen Frau und Frau – das – das ist doch ekelhaft!“
Alexandra sah ein wenig irritiert auf das kleine fiebernde Wesen vor sich. Arme, kleine Motte, dachte sie wieder. Wie angstvoll sie mit den zarten Flügeln um sich schlägt!
„Wie krank Sie denken!“ sagte sie dann ruhig. „In einem anderen Sinne hätten Sie vielleicht recht. Denn es gibt das Laster. Das ist, wenn ermüdete Lust immer neuen Stachel sucht, wenn das Gehirn zum Diener der Begierden wird und immer neue spitzfindige Variationen findet. Das mag ekelhaft sein, das kenne ich nicht. Ich will auch nicht wissen, wie Aussatz ist und Delirium der Süchtigen, die irgendeinem Traum schenkenden Gifte verfallen sind – aber wir sprechen von der Liebe! Welcher Weg sollte ihr verboten sein, wenn sie die Liebe ist?“
Fast unhörbar kam die Frage aus der Dunkelheit: „Und was ist Liebe?“
„Was mehr will als Lust, die immer nur sich selbst will und den, der sie gibt. Was uns Todgeweihte über unser armseliges Ich und seine Grenzen emporzwingt, was alles außerhalb unserer Arbeit und diese selbst lebenswert macht und heidnisch froh ...“
Und wieder kam die zaghafte Stimme aus dem Dunkel: „Und Sie glauben wirklich, daß ...“
Ein wenig ungeduldig klang die Antwort Alexandras: „Wer sich fürchtet, soll sich in die Winkel und Ecken flüchten, die der Menschen Herdengesetze schufen. Wer liebt, ist Gottes und steht außer dem Gesetz.“
„Aber,“ – der Lehrerin Stimme sank wieder zu einem Flüstern herab: „Die Frauen, – ich meine diese Frauen, die so sind – ich hörte von ihnen und las einmal ein Buch. Ich meine, sie, welche die Männer nachahmen und zugleich hassen – sie, sie sind doch lächerlich – sie sind doch krank?“
Alexandras Stimme klang noch ungeduldiger und ablehnender: „Ich sagte Ihnen schon, daß ich nichts von diesen wissen will. Nichts von ihnen, und nichts von den anderen Unzulänglichen, Enterbten und Kranken. Was kümmern mich diese armseligen Verirrungen? Aber Fräulein Doktor – wir sprechen doch nicht vom Komödienspiel der Enterbten. Wir sprechen von der Liebe.“
„Sie glauben also wirklich, daß ...“
Eine kühle Hand lag auf dem Arme der Lehrerin und die Stimme der Bildhauerin klang hart und ein wenig zynisch: „Ich will Ihnen gerne sagen, was ich mir denke. Nehmen Sie sich doch das kleine Mädchen! Wie kann man sich nur so quälen? Sie werden ja noch dumpf und verworren durch Ihr Blut. Geben Sie ihm nach und werden Sie frei! – Es gibt keine andere Rettung, keinen anderen Weg, um wieder zu sich selbst zu gelangen. Und ich glaube, daß Sie vor allem sich selbst wieder haben wollen?“
Und wieder Stille, und nur das keuchende Atmen des kleinen Fräuleins. Dann aber sprang die Lehrerin plötzlich auf. Ihre Augen flammten durch das Dunkel: „Frau Pseleuditi, – ich habe Sie über Gebühr aufgehalten.“ Immer böser und feindseliger wurde die Stimme. „Es war sehr originell, was Sie sagten – es war sogar gemein. Aber Sie irren sich. Ich bin nicht Ihr Robert, den Sie ein wenig steigern und verwirren wollen, um etwas Entspannung nach Ihrer Arbeit zu haben. Ich bin kein Spielball für Ihre Hexenkünste. Ich, – ich ...“
„Wie Sie sich fürchten!“ Fräulein Dr. Südekum fühlte das Lächeln dieser Worte, wenn sie es auch im Dunkel nicht sehen konnte. Sie konnte nicht mehr an sich halten, sie mußte dieser schamlosen, entsetzlichen Person alles in das Gesicht schreien, ihre ganze Verachtung: „Sie sind ein Teufel!“ schrie sie. „Ja, man sollte Sie einsperren, – man sollte ...“
„Oho! Die Damen befinden sich ja in angeregtester Unterhaltung,“ erklang plötzlich eine Stimme. Licht flammte auf, und in der Türe erschien die Gestalt eines Mannes.
Obwohl sie ihn nur aus den illustrierten Blättern kannte, wußte Fräulein Dr. Südekum sogleich, wer dieser Fremde war. Gebannt sah sie in das dunkelbärtige Antlitz des Kanzlers.
„Ich muß gehen,“ stieß sie hervor. Sie hatte das Gefühl, daß ihr Gesicht, verstört und schamlos nackt, alle Erregungen der letzten Stunde spiegeln müsse.
„Das dürfen Sie mir nicht antun,“ sagte der Kanzler liebenswürdig. „Nein, ich hätte ja sonst das Gefühl, Sie vertrieben zu haben, wie der schwarze Mann die Kinder in die Flucht jagt!“ Er trat auf das kleine Fräulein zu und nannte seinen Namen.
Alexandra sah unschlüssig von einem zum anderen.
„Nicht wahr, Sie bleiben?“ wiederholte der Kanzler. „Ich will ja nicht lange stören. – Also, meine Damen, was versetzte Sie denn in so arge Erregung?“
„Wir sprachen von der Liebe,“ antwortete Alexandra schnell gefaßt und voll Ironie.
„Um Gottes willen! Was können denn Frauen von der Liebe reden?“ lachte er. „Davon verstehen sie doch nichts! Sie sind da, um geliebt zu werden, um uns zu quälen, – aber die Liebe ist ausschließlich eine Sache, – wenn Sie wollen, – eine Tragödie der Männer.“
„Eine Tragödie,“ lächelte Alexandra. „Das Wort klingt seltsam aus Ihrem Munde, Sie großer Frauenliebling!“
„Spotten Sie nicht,“ entgegnete er, plötzlich ernst geworden. „Wir alle sind ja so entsetzlich klug, – zynisch auch und vielleicht unbarmherzig, bis es uns plötzlich am Kragen hat.“
„Was reden Sie heute für seltsame Dinge!“ rief Alexandra. „Sie wollen von der Tragik der Liebe reden. Sie, der mir erst vor Wochen sagte, die Liebe sei für alle Gipfelstürmer ein Tal zum Ausruhen wie Nahrung, Schlaf und Musik. – Oder sollten Sie selbst?“
„Nein, das ist unmöglich,“ lächelte er, aber dieses Lächeln war traurig und schwer. Ein rascher Blick flog zu Fräulein Dr. Südekum, die ratlos vor ihrem Fauteuil stand. „Nein, ich dachte jetzt an einen Freund,“ sagte er.
„Erzählen Sie,“ bat Alexandra.
„Nur, wenn diese Dame alle Fluchtversuche mir gegenüber aufgibt,“ sagte der Kanzler, und Fräulein Dr. Südekum sah ein wenig erschreckt in sein zerfurchtes Antlitz.
Sicherlich ist alles wahr, was man von ihm erzählt! dachte sie schaudernd nach diesem Blick auf sein Antlitz. Laut sagte sie: „Ja, bitte sehr, ich bleibe gern noch einige Minuten.“
„Gut,“ – er lächelte ein dunkles schwermütiges Lächeln, das Fräulein Dr. Südekum plötzlich für ihn einnahm.
„Mein Freund hat etwas toll gelebt,“ begann der Kanzler. „Ja, er war das, was man einen homme aux femmes nennt. Er dachte sich nicht viel dabei, wie die meisten. Er hatte natürlich recht. Vor kurzem aber ist er vierzig Jahre alt geworden. Seit einigen Wochen hat er eine Liaison mit einer Tänzerin. Was soll ich Ihnen über sie erzählen? Sie ist jung, – sie ist vielleicht sogar wundervoll jung. Sie ist schön, – sie ist sogar wunderbar schön. Mein Freund hatte seine bestimmten Tage, die er bei ihr verbrachte. Ja, er hatte sich das famos eingeteilt, er ist ja ein großer Arbeiter und liebt ebenso die Ordnung in seinen Tagen wie die alles ungefährlich schaffenden Abgrenzungen seiner Gefühle und Passionen.“ Der Kanzler lächelte ein sehr feines, ein sehr wissendes Lächeln, da er dies sagte.
„Und was geschah?“ fragte Alexandra, der diese Erzählung sonderbar vorkam.
„Es geschah eigentlich nichts,“ antwortete der Kanzler. „Aber das sind ja die entscheidenden Stunden, da äußerlich nichts geschieht. Nur: an irgendeinem Tage, der war wie alle anderen Tage, ging mein Freund wieder zu seiner Geliebten. Nichts geschah. Nichts hatte sich verändert. Erst speisten sie wie gewöhnlich in dem kleinen, gemütlichen Wohnzimmer. Mein Freund hatte seinen Diener mit allem, was zu einem raffinierten Souper gehört, in die Pension geschickt, wo er seiner kleinen Freundin zwei Zimmer gemietet hatte. Sie waren beide sehr vergnügt, und es war wie immer. Wie immer zündete sich mein Freund auf dem Heimweg eine Zigarre an, – das ist nun einmal seine Art, unter einen Genuß den Schlußpunkt zu setzen. Und dann ging mein Freund heim in seine Wohnung.“
„Und die Tänzerin blieb daheim?“ fragte Fräulein Dr. Südekum ein wenig enttäuscht.
„Ja, sie blieb,“ antwortete der Kanzler. „Sie selbst hatte mit dem, was geschah, ebensowenig zu schaffen, als sie nichts getan hatte, um die Veränderung herbeizuführen.“
Der Kanzler blickte ernst auf Alexandra. „Nun, hören Sie zu, liebe Freundin! – Mein Freund betrat seine Wohnung, die er schon seit fünf Jahren innehat, – eine Wohnung, an die er gewöhnt ist, und die er liebt. Aber an diesem Tage – verstehen Sie, zum erstenmal, – da sah er, daß die Wohnung leer war. Ja, sein Heim war leer, und eine kühle Luft schlug ihm entgegen. Da überkam ihn plötzlich eine tiefe Unruhe, die er sich nicht erklären konnte. – Er hat mir seinen Zustand genau geschildert, darum weiß ich alles. – Es überfiel ihn plötzlich die Angst vor den kommenden Jahren. Er wußte, daß er nun alt werden würde. Daß er alt und allein sein würde, sehr bald.“
„Und was geschah?“ fragte Alexandra.
„Gar nichts geschah, liebe, schöne Alexandra. Nur, – seither liebt mein Freund diese Tänzerin, – er liebt sie, verstehen Sie?“
„Liebt sie?“ Fräulein Dr. Südekum wiederholte die Worte so schwer, daß der Kanzler sie betroffen ansah. Dann nickte er: „Ja, er liebt sie nun, er leidet um sie, er vergeht an ihr. Gleichgültig ist ihm plötzlich Arbeit, Erfolg und Ruhm. Gleichgültig selbst sein Leben. Nur sie denkt er immer, immer. Und noch dieses: daß sein Heim leer ist und traurig. Und daß er bald alt und allein sein wird.“
Die Lehrerin erhob sich jäh: „Ich muß nun gehen,“ sagte sie, und zu Alexandra gewendet: „Ich möchte nicht, daß Robert mich hier findet. Nein, das möchte ich nicht.“
Alexandra begleitete sie hinaus. Das kleine Fräulein blieb einen Augenblick stehen und faßte nach der Hand der Bildhauerin. „Verzeihen Sie mir, bitte!“
Begütigend strich die Bildhauerin über die bebende Hand. „Sie großes Kind,“ sagte sie leise und mit kühler Zärtlichkeit.