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Der wilde Garten

Chapter 12: Elftes Kapitel
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About This Book

A compassionate, aging teacher becomes a refuge for a solitary pupil who preserves a private notebook of treasured literary passages; when the girl’s mother destroys the book in anger, the teacher helps her process shame, resentment, and yearning for independence. Over ensuing years the teacher devotes herself to successive classes, nurturing youthful inner lives while confronting generational misunderstandings and domestic constraints. The narrative quietly examines solitude, the sustaining power of books, moral guidance, and the tension between individual longing and adult expectations.

Elftes Kapitel

Gewaltsam hatte Fräulein Dr. Hanna Südekum alles zu vergessen gesucht, was sie an das Gespräch mit Alexandra erinnerte, die Worte, die ihr später im klaren Tageslicht phantastisch und unwirklich erschienen waren. Es war ja ganz lächerlich, vor diesen Worten Angst zu haben! Man konnte sie vergessen. Man konnte sie bestimmt vergessen.

Fast fröhlich und befreit trippelte das kleine Fräulein den gewohnten Weg, der zur Schule führte. Sie war noch früher aufgestanden als sonst. Sie schlief überhaupt nicht gut in letzter Zeit. Sie erwachte immer schon beim ersten Morgengrauen. Aber sie verabscheute es, schlummerlos im Bette zu liegen. Irgendwie hing den Kissen und Decken etwas von der Nacht an, die Fräulein Dr. Südekum fürchten gelernt hatte, seit sie sooft bald nach dem Einschlafen erwachte und sich herzklopfend und verwirrt im Dunkel fand, müde und verstört von einem Traum, an dessen Inhalt sie sich nicht erinnerte, dessen Wirrnis sie aber noch in ihrem Blute spürte. Nein, Fräulein Dr. Südekum liebte die Nacht nicht.

Auch arbeiten konnte sie morgens in dem unaufgeräumten Zimmer nicht. Sie sann immer schon auf Flucht, während sie sich hastig wusch und anzog, und atmete erst auf, wenn die frische Morgenluft ihre Wangen streifte. Der Morgen tat überhaupt gut. Die ganze Welt sah anders aus. So wohltuend nüchtern, so ganz vom Beginn des Werktages beherrscht. Da fand das gefährliche heimliche Leben, das dem Abend ein so verwirrendes Gepräge gab, keine Fugen und Ritzen, um einzudringen.

Fräulein Dr. Südekum stand am Gehsteig, ehe sie die Straße übersetzte. Sie zögerte ein wenig, sah den Milchkarren nach, die über die Straße holperten, den ersten Trambahnen, erfüllt mit Menschen, die zur Arbeit fuhren. Wie gut dieser Anblick des beginnenden Arbeitstages ihr tat!

Da fiel ihr Blick auf den Kiosk der Büchertrödlerin.

In einem raschen Entschluß überquerte sie die Straße, die in den großen Platz vor der Schule mündete. Ein plötzlicher Gedanke war ihr gekommen.

Fräulein Dr. Südekum klopfte an das kleine Glasfenster. Der häßliche, winzige Kopf des alten Weibleins erschien.

„Oh, Sie sind es, Frau Lehrerin, – haben Sie vielleicht wieder eine Anzeige gegen mich losgelassen und wollen nun nachfragen, ob sie mir schon zugestellt wurde?“ Ein höhnisches Grinsen verzerrte das Gesicht der Händlerin. „Sie sollten sich lieber nicht so anstrengen! Mein Vetter, der Minister, sagte mir, daß mir nichts geschehen könne, solange ich nicht Bücher verkaufe, die verboten sind.“

„Es will ja niemand Ihr Geschäft stören,“ erwiderte die Lehrerin sanft. „Ich habe auch keine Anzeige gemacht – ich werde auch keine machen ...“

„So?“ Ein friedlicheres Lächeln der Alten ließ eine große schwarze Zahnlücke sehen. „Haben Sie eingesehen, daß man gegen mich nicht ankann?“

„Nicht nur gegen Sie kann man nicht an,“ sagte die Lehrerin so leise, als spräche sie zu sich selbst ... Sie fuhr lauter fort: „Wenn Sie aber Vernunft annehmen wollen und den Verkauf häßlicher Bücher und Broschüren an die Schulkinder einstellen, so daß ich nie wieder eine Klage höre, dann könnte ich etwas für Sie tun, was Ihnen mehr Geld einbringen würde. Ich verstehe es nicht: Sie haben es doch nicht notwendig, gerade auf diese Weise Geld zu verdienen? Ihr Kiosk geht doch auch sonst recht gut, und ich kann mir nicht vorstellen, daß der Verkauf von Schundromanen an die Kinder so viel trägt.“

„Es ist rührend, wie Sie sich um mein Geschäft sorgen!“ rief das alte Weiblein spöttisch.

Aber die Lehrerin fuhr tapfer fort: „Ja, ich könnte etwas für Sie tun. Sie wissen doch, daß wir die Schulhefte bei einer bestimmten Firma bestellen. Ich könnte veranlassen, daß Sie den Verkauf dieser Hefte bekommen.“

„Sie sind zu rührend,“ erwiderte das alte Weiblein höhnisch. „Aber Sie irren sich. Ich verkaufe die Bücher an die Kinder gar nicht deshalb, weil mir das Geld trägt.“

„Ja, warum denn?“

„Es macht mir Spaß, zuzusehen, wie die Kinder sich unter dem Einfluß der Bücher ändern, wie die Bücher über sie Macht gewinnen. – Ja, Frau Doktor, dagegen kann euer Konfirmationsunterricht nicht an. Ich brauche nur ein Gesicht zu sehen, um zu erraten, was ich diesem Jungen oder jenem Mädchen geben soll, damit sie dahin kommen, wo ich sie haben will.“

„Das soll also heißen, daß Sie das Böse um des Bösen willen wollen,“ – das kleine Fräulein bebte vor Entsetzen, – „daß Sie ganz bewußt diesen Kindern alle Schlechtigkeiten beibringen?“

„Schlechtigkeiten?“ Die Büchertrödlerin lachte. „Ja, was ihr alle so Schlechtigkeiten nennt! Wenn die Mädels sich nach der Wollust sehnen, die Buben nach Abenteuern und wilden Reisen, wenn sie eure brave Erziehung hassen und spüren, daß ihr sie zerbrechen wollt!“

„Und Sie wissen gar nicht, wie viele Kinder Sie mit Ihrem Gifte ins Unglück treiben, in schändliche Erlebnisse, daß Sie in den Kindern Wünsche entzünden, gegen die diese noch nicht genug Hemmungen haben?“

Die kleine Hexe schien diese Worte gar nicht gehört zu haben. Es machte ihr offenbar ein besonderes Vergnügen, dem sanften blassen Fräulein alles, was sie dachte, ins Gesicht zu schleudern, sie zu erschrecken.

„Ich weiß viele, die, groß geworden, einen Bogen um meinen Laden machen. Sie wollen nicht daran erinnert werden, daß sie einmal hier und nur hier lebten. Andere sehen frech herein und lachen. Aber alle werden sie schließlich brav und gewöhnlich – sie werden vernünftig, wie man so sagt. – Aber glauben Sie mir, Bücher sind oft stärker als alles andere. Sie sind noch viel gefährlicher, als Sie wissen, ich selbst – nicht umsonst habe ich mein ganzes Leben hindurch nur gelesen und gelesen, ich weiß sicherlich mehr als ihr Lehrer zusammen!“

Fräulein Dr. Südekum ging rasch weiter. Sie ging nicht, – sie floh –. Ein Gedanke hatte schwer und brennend in sie geschlagen.

So konnte man also Menschen durch Bücher beeinflussen? So sehr, daß sie dann Dinge taten, die sie vordem nicht gedacht hatten? So konnte man ihre Gedanken in Vorstellungen zwingen, – die zu Taten werden mußten?

Und plötzlich brach es nackt und alles andere zur Seite drängend in sie:

Wenn sie Gertrud Bücher in die Hand spielte, in denen von jener Raserei zu lesen stand, von der Alexandra gesprochen hatte? Und wenn dann ...

Die kleine Lehrerin begann zu laufen. Sie lief, bis nichts mehr in ihr war als das Keuchen ihres Atems, das rasende Schlagen ihres Blutes. Tack, tack! machte es immer schneller, bis sie nichts mehr denken konnte. Nicht einmal mehr an das Entsetzliche, das sie hetzte und verfolgte.

Mit fliegenden Pulsen langte sie in der Schule an. Mit fast brechenden Knien hastete sie die Stufen zur Rektorkanzlei empor. Sie taumelte, als sie eintrat, faßte nach einem Sessel, griff ins Leere, fiel, raffte sich wieder auf und starrte plötzlich mit verstörtem, erhitztem Gesicht in das Antlitz des Rektors.

„Was, um Gottes willen, ist denn geschehen?“ fragte Rektor Krause erschreckt. „Ein Schülerselbstmord! Sprechen Sie doch! Mein Gott, unsere Anstalt wird durch all diese Affären noch in Verruf kommen! Nun, – wer ist es denn, der sich umgebracht hat?“

Die Lehrerin konnte lange nicht sprechen. Dann begann sie endlich zu stammeln. „Nein, – Herr Rektor, – es hat sich niemand umgebracht, – nur, – die Büchertrödlerin ...“

„Hat sich die alte Hexe endlich aufgehängt? Nun, es war höchste Zeit.“

„Nein, auch das nicht,“ flüsterte das alte Fräulein, noch verwirrter dadurch, daß der Rektor so überzeugt von einem Selbstmord sprach. „Aber, ich redete mit der Trödlerin. Ich versuchte, sie auf andere Art zu bestimmen, ihr schändliches Treiben einzustellen. Mit den Anzeigen haben wir ja bisher wenig Glück gehabt. Ich versprach ihr daher eine Verwendung beim Verkauf von Schulheften.“

„Ganz klug,“ nickte der Rektor. „Ganz klug. Aber was ist geschehen, warum sind Sie so furchtbar erregt? Oder haben Sie auch schon von dieser Tagebuchaffäre gehört?“

„Von Tagebüchern? Nein, was ist?“

„Später, Frau Doktor, da Sie ja noch nichts wissen. Erzählen Sie rasch, was führt Sie jetzt und in diesem Zustande zu mir?“

„Diese Person,“ die Stimme der Lehrerin überschlug sich kreischend, „diese Person, für die keine Hölle zu tief wäre, die man hinrichten sollte, die man rädern sollte, mit siedendem Pech sollte man ...“

„Aber Fräulein Doktor!“ – Der Rektor trat entsetzt einige Schritte zurück. „Ich kenne Sie doch gar nicht von dieser Seite? Sie sind ja außer Rand und Band! Sagen Sie doch endlich, was geschehen ist.“

Das kleine Fräulein sprach plötzlich so leise und heiser, daß der Rektor sich vorbeugen mußte, um besser zu verstehen: „Sie sagte, daß sie es gar nicht um des Geschäftes willen mache, – sie täte es ganz bewußt, um die Knaben dazu zu bringen, von daheim wegzulaufen – irgendwelchen Abenteuern nach – und um die Mädchen, – ja, so sagte sie – zur Wollust zu verführen. Ja, um sie schlecht zu machen, um sie dahin zu bringen, daß sie sich fremden Männern in fremden Hotels hingeben, – ja, sogar, – damit sie mit – o, es ist entsetzlich! – mit Frauen Verhältnisse anfangen.“

Der Rektor sah betroffen auf die Oberlehrerin. So hatte er sie nie gesehen. So ganz ohne Haltung, preisgegeben einer Erregung, mit nackten Worten Dinge sagend, Dinge ... Interessiert beugte er sich wieder zu ihr herab: „Und erzählte sie Ihnen auch von dem Erfolg ihrer Teufelei?“ – Er versuchte ruhig und sachlich zu fragen, aber Erregung schlug durch seine Stimme, Erregung, die von diesem fliegenden Atem, dieser keuchenden Brust, diesen flackernden Augen ihm gegenüber ausging.

Verwirrt blickte das kleine Fräulein um sich: „Nein, nein, sie sagte nichts davon. Aber ihr Tun ist doch so gemein und schändlich, so, als wollte einer absichtlich einen andern mit einer todbringenden Krankheit anstecken, – ihn vergiften, – ja, wie Giftmord ist es!“

„Ich verstehe dennoch Ihre Erregung nicht ganz,“ sagte der Rektor. „So sehr ich es würdige, daß Sie solche moralische Verworfenheit empört. Aber schließlich erfuhren wir doch durch Ihr Gespräch mit der Trödlerin nichts Neues, nichts über einen neuen Fall, und ob die Alte ihr gefährliches Spiel mit den Kindern aus geschäftlichen Gründen oder aus nackter Lust an der Gemeinheit betreibt, das könnte uns schließlich gleichgültig sein, sie ist ja nicht unsere Schülerin.“

Die Lehrerin hatte beide Hände vor das Gesicht geschlagen und weinte leise vor sich hin: „Ich hätte nie, nie gedacht, daß Menschen so gemein sein können.“

„Wir haben keine Zeit, über die Trödlerin nachzudenken,“ sagte der Rektor spöttisch. „Nein, dazu haben wir keine Zeit. – In Ihrer Klasse hat sich etwas ereignet, das alles übertrifft, was bisher geschah ...“

„In meiner Klasse, – wieder in meiner Klasse!“ Fräulein Dr. Südekum wandte ihr tränenüberströmtes Gesicht dem Rektor zu.

„Ich mache Ihnen keinen Vorwurf,“ sagte dieser begütigend, „solche Verworfenheit konnte keiner vom Lehrkörper voraussetzen.“

Die Lehrerin setzte sich aufrecht. Sie war bereit, alles zu hören. Während der Rektor dem Kasten einige Hefte entnahm und vor sie hinlegte, überflog sie angstvoll im Geiste die Schar ihrer Schülerinnen. Wer konnte es sein? Die Herta Kobinger, – die Bilwein, die sie schon einmal auf der Straße mit Herren gesehen hatte, oder gar, – nein, sollte es Gertrud sein? Das mit dem jungen Menschen, dessen wulstige Augenbrauen sie so abgestoßen hatten, mußte ja ein schlechtes Ende nehmen, das konnte ja nicht anders sein. Ja, gewiß war es Gertrud. Jähe Befriedigung durchflutete ihr Denken. Ja, so weit mußte es kommen, weil sich Gertrud so ganz von ihr gewandt, weil sie sich den Torheiten der anderen überließ! Nun würde sie, das vergessene, heimlich vielleicht sogar verspottete Fräulein Südekum, Gertruds Richter sein. Und ein strenger Richter! Denn Gertrud hatte durch sie alles besessen, was ein junger werdender Mensch brauchte: Liebe und Führung, schrankenlose Anerkennung alles Starken in ihr. Und dennoch war sie den Weg aller andern gegangen!

Sollte auch Grete Erb unter den Schuldigen sein? Sie, die immer unbeweglich in der Bank saß und nur mit großen Augen allem folgte, was in der Schule vorging?

O, alles war möglich, keiner konnte man mehr vertrauen.

Angstvoll zwang die Lehrerin die Gesichter ihrer Schülerinnen vor ihr Gedächtnis. Sie mußte es sich gestehen: sie wußte gar nichts mehr von ihnen. Sie alle wiesen ein glattes junges Gesicht, ein glattes junges Lächeln, das nichts verriet, das alles verbergen konnte. Fremd waren ihr alle geworden, und sie fürchtete sich eigentlich vor ihnen.

Plötzlich schlug die Stimme des Rektors in ihr Schweigen: „Der Schuldiener fand im Turnsaale, versteckt hinter den Leitern, dort, wo die Kammer für die Wasserleitung ist, eine Anzahl Hefte. Es sind Tagebücher von Schülerinnen. Er brachte sie mir. Als ich in dem ersten Heft zu lesen begann, glaubte ich zuerst an einen dummen Streich, – obwohl man ja immer das Böseste annehmen sollte, Frau Dr. Südekum. Also aus diesen ersten Seiten ging hervor, daß sich unter Führung der Herta Kobinger ein Tagebuchklub gebildet habe, dessen Mitglieder sich verpflichten, ihre Erlebnisse in ein Buch wahrheitsgetreu einzutragen und die Bücher dann untereinander zum Lesen umhergehen zu lassen.“

„Und Sie lasen in diesen Tagebüchern?“ fragte die Lehrerin mit einer unwillkürlich ablehnenden Bewegung, als sie sah, wie die behaarten kurzen Hände des Rektors die beschriebenen Seiten wandten.

„Dies war doch meine Pflicht,“ entgegnete Rektor Krause verwundert. Er setzte etwas gereizt hinzu: „Mit der Nachsicht auf das Eigenleben dieser jungen Mädchen, mit Wahrung von Briefgeheimnissen und dergleichen fördert man eigentlich nur die Verdorbenheit. Solange sie nicht erwachsen sind, sind sie Eigentum des Elternhauses und der Schule und haben keinerlei eigenes Recht.“

„Aber es ist doch ihr eigenes Leben!“ sagte die Lehrerin und empfand immer stärker einen gequälten Widerstand gegen diesen Mann und seine Hände, die immer erregter die Blätter eines Buches umblätterten.

„Nun, Sie werden ja sehen,“ brummte der Rektor. „Damit Sie eine Ahnung haben, was in diesen Büchern steht, will ich Ihnen ein Stückchen aus dem Tagebuch der Erika Meyer vorlesen.“

Das kleine Fräulein senkte den Kopf. Mutlosigkeit und Angst überfiel sie. Ja, vielleicht hatte der Rektor recht. Vielleicht gab es zwischen dieser Jugend und den Erwachsenen nur verzweifelten Kampf um die Überlegenheit, einen unerbittlichen Krieg, in dem alles erlaubt war, in dem jeder dem anderen seine Geheimnisse abzulisten oder zu rauben suchte.

Der Rektor begann mit einer ruhigen und eintönigen Stimme, der man aber die Erregung anmerkte.

„Heute bin ich wieder bei Otto, dem ersten Liebhaber am Schauspielhaus, gewesen. Er lag nackt auf einem Tigerfell, als ich eintrat, und blies Ringe zu der Decke. Sein Mund war so rot wie Mohn. Sein Körper war braun, wie der eines andalusischen Sklaven. In sein schwarzes Haar hatte er leichenfarbene Tuberosen geflochten. Als er mich sah, sprang er auf und zeigte mir einen Dolch, in dem stand eingegraben: ‚Ich dürste nach Blut!‘ Den hielt er mir vor die Augen und sagte: ‚Ich stoße ihn dir in das Herz, wenn du dich mir nicht hingibst! Du mußt es tun.‘ – Es tat sehr weh und war doch schrecklich schön.“

„Genug, genug!“ schrie das kleine Fräulein. „Das ist ja entsetzlich. Die Meyer, dieses Kind! Nein, das darf nicht wahr sein! – Ja, sie hatte damals diesen Anfall, – aber trotzdem ...“

„Hören Sie weiter,“ sagte der Rektor, und ein lüsternes Lächeln spielte um seinen Mund. „Da schreibt zum Beispiel die Herta Kobinger: ‚Er hat ein Pyjama aus Blau und Gelb und trägt dazu eine Totenmaske, wenn er zu Hause ist. Das macht er, weil mir sonst sein Gesicht zu vertraut wäre, – denn er ist mein Cousin. Er liebt mich brutal und gemein. Ich glaube, er ist wie ein Zirkusreiter. Ich habe immer Angst in der Schule, daß man meine Ringe unter den Augen sehen könnte.‘“

„Mein Gott!“ stöhnte die Lehrerin auf.

„Ich muß Ihnen noch von der Käte Bilwein vorlesen,“ fuhr der Rektor triumphierend fort. „Das ist vielleicht das stärkste Stückchen, das sich jemals eine Schülerin geleistet hat, denn es betrifft ein Mitglied des Lehrkörpers, das aber selbstverständlich sofort vom Unterricht dispensiert wurde.“

Krause begann zu lesen. „Ich war heute mit ihm im Lehrmittelkabinett. Er hängte einen schwarzen Mantel über das Skelett in der linken Ecke. Er zwang mich, ihn zu küssen wie das Kruzifix, und sagte, daß er mich liebe, weil ich Maria, der Mutter Gottes, ähnlich sehe.“

„Aber das ist ja wahnsinnig!“ rief die Lehrerin. „Das kann doch nicht sein!“

„So scheint es einem zuerst,“ sagte der Rektor und fuhr dann immer höhnischer fort: „Man findet aber so viele Details in diesen Tagebüchern, Dinge, die man nur wissen kann, wenn man sie erfahren hat.“

„Und wie viele, – wie viele Mädchen sind in diese Sache verwickelt?“ fragte die Lehrerin leise. Sie war totenblaß, und große Tränen liefen ihr über das Gesicht.

„Wir fanden die Tagebücher von acht Mädchen,“ antwortete der Rektor und reichte der Lehrerin die Hefte hinüber.

Zitternd griff sie nach ihnen. Mit einem Aufatmen stellte sie fest: Gertruds Name stand auf keinem von ihnen. Und doch war auch ein verstecktes Gefühl in ihr, aber so versteckt, daß sie es nur dunkel unter der Freude verborgen fühlte: nun werde ich sie nicht einmal in ihren Tränen der Schuld vor mir sehen, nun werde ich nicht einmal ihr Richter sein können. Ich wäre ein so milder Richter gewesen – o, wäre sie schuldig wie die anderen, – ich hätte sie an mein Herz gezogen wie damals und hätte ihr die Tränen von den Augen fortgeküßt. Und wie damals hätte ich ihr gesagt: Es wird noch alles gut!

„Lesen Sie selbst weiter,“ sagte der Rektor. „Aber bitte, lassen Sie sich nichts merken! Wir wollen diesen Dingen, die die Mädchen selbst in ihren Tagebüchern gestanden haben, genau nachgehen.“

„Und was wird dann geschehen?“ fragte die Lehrerin.

„Sie werden natürlich aus der Schule entfernt werden, sobald wir alles festgestellt haben,“ antwortete der Rektor. „Es ist der größte Skandal, den ich jemals erlebt habe. Ich hoffe, daß es die Behörden auch nicht so ruhig hinnehmen werden – das Unterrichtsministerium – jawohl!“ Er fuhr sich mit einem bunten Tuche über die feuchte Stirn.

„Natürlich,“ nickte die Lehrerin, aber dann fuhr sie nach einer kurzen Überlegung fort: „Aber – es sind nur noch zwei Wochen bis zur Matura. Diese Mädchen werden keinen Schaden mehr in der Klasse anrichten können. Auch ändern kann sie keine Strafe mehr. – Sollten wir nicht, – da es sich um Tagebuchgeheimnisse handelt, die nur durch einen Zufall, ... und auch, weil es sich um Vorkommnisse außerhalb der Schule handelt ...“

„Wir sollen das so hingehen lassen, – das meinen Sie?“ fragte der Rektor empört. „Und Sie fänden es richtig, daß Mädchen Abgangszeugnisse erhalten, die Matura machen und dann vielleicht noch die Hochschule besuchen dürfen, – solche Mädchen, die in ihrer Verworfenheit Verhältnisse mit fremden Männern eingingen? – Nein, Fräulein Doktor – da müßte ich mich vor meiner toten Mutter schämen und vor meinen Schwestern.“

Das kleine Fräulein schwieg. Mit dem Handrücken wehrte sie den großen Tränen, die ihr immer wieder über die blassen Wangen liefen.

Sie griff nach den Heften. „Es sind doch nur sieben?“ fragte sie erstaunt.

„Ja, eins darunter ist von der Lizzie Ebbinghaus. Nun, Sie können es selbstverständlich auch lesen, es hat nur nichts mit der Untersuchung zu tun, es ist ganz harmlos. Es ist ein richtiges Jungmädchentagebuch, wie ich es meiner Tochter wünschen würde, wenn ich eine hätte: Stundenplan, Eindrücke über eine Oper, ein gutes Schauspiel. Naturschilderungen von Wanderungen. Und immer genaue Angabe, was sie in jeder einzelnen Stunde machte. Da – sehen Sie: im Museum gewesen, – aus der Schulbücherei ein Werk entliehen. – Ja, diese Ebbinghaus ist wirklich ein ruhiges und braves Mädchen!“

„Merkwürdig,“ sagte die Lehrerin leise. „Gerade der Ebbinghaus gegenüber hatte ich kein so gutes Gefühl!“

Der Rektor erhob sich ungeduldig: „Ja, ja, Frau Oberlehrerin. – Sie sind sicherlich die tüchtigste Lehrkraft an meiner Schule. Aber für die letzte Klasse, – für die Zeit, da diese Mädchen so leicht auf Abwege geraten und die Beute gewissenloser Verführer werden können, – da fehlt Ihnen vielleicht doch die nötige Menschenkenntnis und Erfahrung.“

Das kleine Fräulein sah mutlos zu ihrem Vorgesetzten auf: „Ja, das glaube ich selbst, Herr Rektor,“ sagte sie leise und traurig.

„Nun, nun,“ meinte dieser nun begütigend. „Machen Sie sich nichts daraus. Schließlich kann ich nicht verlangen, daß Sie, hm, – daß Sie für Ihren Beruf gewisse Erfahrungen sammeln – haha!“

Er geleitete die Lehrerin zur Türe. „Also nochmals, vorläufig wissen Sie von nichts!“ setzte er mit dienstlicher Miene hinzu.

Mit schmalen Schultern und den Kopf tief über ihre Aufzeichnungen gebeugt, saß Fräulein Dr. Südekum während der Unterrichtsstunde, die dieser Eröffnung folgte. Sie wagte es kaum, die Augen vom Pulte zu erheben, und sah es voll Angst, wenn eine der Schülerinnen, von denen sie soeben so Entsetzliches erfahren hatte, die Hand hob, um eine Frage zu stellen. Ja, diese Hände übersah sie geflissentlich und mühte sich, unaufhaltsam zu sprechen, die einzelnen Worte so setzend, daß kein Zwischenraum für eine Frage bleiben konnte.

Nein, es war unmöglich, einem dieser Mädchen in das Antlitz zu sehen. Auf diesen Gesichtern mußte doch das Schimpfliche lasten, was sie getan hatten? Sie hatten es nicht nur sich selbst und ihren Eltern getan, nein, sie hatten sich auch an ihr vergangen und an ihrem lichten Glauben an sie! Nun war alles zu Ende. Nie mehr würde sie vertrauen können. Niemals mehr!

Dann rief Fräulein Dr. Südekum die Ebbinghaus auf, damit sie ein Referat über den Stoff der letzten Unterrichtsstunde gebe.

Die Lehrerin saß ganz in sich gekauert an ihrem Pult. Wie schützend hielt sie die Hände an beide Schläfen und lauschte der kühlen, ruhigen Stimme, die gleichgültig und leiernd das Gelernte hersagte.

Das kleine Fräulein sah vor sich hin und hörte kaum, was die Schülerin sprach. In ihre große Traurigkeit gehüllt saß sie unbeweglich und fühlte die vielen Blicke aus den Bänken auf sich gerichtet.

Nein, sie verstand gar nichts mehr. Das waren nicht ihre Schülerinnen, waren nicht diese Mädchen, die sie gekannt hatte, mit ihren Vorzügen und Schwächen – sechs lange Jahre. Das waren nicht die Kinder, die in den Pausen und sooft nach dem Unterricht mit ihren kleinen Leiden und Freuden zu ihr gekommen waren.

Die Herta Kobinger, – ja, – war es nicht wie gestern gewesen, wenn es auch fast ein Jahr zurücklag, daß diese Schülerin weinend nach ihr gerufen hatte? Sie war während eines tollen Spieles gefallen und hatte sich das Knie angeschlagen. Wie die dunklen Kinderaugen erschreckt zu ihr aufgesehen hatten, weil plötzlich Blut über die weiße Haut des runden Knies lief!

Und immer neu und immer quälender überfielen sie Erinnerungen an die vergangenen Jahre, in denen diese Kinder so aufgetan gewesen waren für die Liebe, die sie ihnen gab, in denen sie ihnen oft näher gewesen war als Vater und Mutter.

Wie konnte man dies fassen: diese Mädchen, deren Stirnen so glatt waren, und deren frohes Lachen oft so kindlich hell im Schulpark aufflog – sie sollten neben diesem Leben, das so leicht durchblickbar und einfach schien für Schule und Elternhaus, noch ein zweites, geheimes Leben führen, das von schimpflichen Geheimnissen erfüllt war?

Endlich war auch dieser Schulvormittag vorüber, und sie durfte fort aus diesem Hause, das plötzlich so viel Verwirrungen barg. Fort aus der Bedrängnis durch rasche, forschende Blicke, die sie aus dieser und jener Bank trafen. Es waren Blicke, die in ihren Mienen zu lesen suchten, die ein wenig beunruhigt nach der Ursache ihrer bleichen Wangen und ihres veränderten Betragens forschten.

Sie war nur noch der Feind, dem gegenüber man sich keine Blöße geben durfte.

Nur noch der Feind.

Die Mädchen sahen ihr nach, als sie aus dem großen Tore der Schule trat und vorsichtig links und rechts blickend den breiten Platz überquerte.

„Was sie nur wieder hat?“ fragte Lizzie Ebbinghaus spöttisch. „Wie ein krankes Hündchen sieht sie drein!“

„Wahrscheinlich war droben beim Alten etwas los,“ meinte Herta Kobinger. „Ich sah sie vor der Stunde von der Kanzlei herabkommen.“

Durch die Worte der Mädchen zitterte leise Unruhe.

„Wie dumm das ist,“ sagte Gert gereizt. „Nun stehen wir hier und zerbrechen uns den Kopf, was los ist, weil die Südekum ein ernsteres Gesicht als sonst macht. So unfrei sind wir, daß wir Angst haben, auch wenn wir keinen Grund für sie wissen.“

„Und das vierzehn Tage vor der Matura!“ lachte Lizzie, aber auch ihr Lachen klang nicht frei.

„Wenn das nur schon vorüber wäre,“ seufzte Grete Erb und rückte den Hut tiefer in die hohe Stirn. „Dann sind wir frei, – dann komme ich auf die Hohe Schule!“

„Ich bin neugierig, welche von uns zuerst heiraten wird,“ sagte Herta verträumt.

„Du hast auch nichts anderes im Kopf,“ sagte Grete Erb ärgerlich. „Ich begreife nicht, wozu du dann überhaupt die Matura machst? Warum gehst du nicht gleich in eine Kochschule?“

„Nun, – so wie du noch weiterhin freiwillig die Schulbank drücken – dazu gehört auch ein sonderbarer Geschmack,“ warf Lizzie spitzig ein. „Als ob das Leben nicht ohnehin so kurz wäre, – als ob wir nicht schon genug versäumt hätten.“ – –

„Du glaubst doch nicht, daß wir dann so besonders frei sein werden,“ sagte Herta Kobinger, „ich weiß doch, wie das ist! Zuerst sagen sie: warte nur, bis du die Matura hast! Dann: warte nur, bis du zwanzig bist. Warte nur, bis du heiratest. Immer muß man warten. Ich kenne das von meiner älteren Schwester Sonja!“

„Wenn ich nur wüßte, was mit der Südekum los ist,“ begann Lizzie nochmals, und nun sank wieder diese beklemmende Angst in das Gespräch der Mädchen.

„Man müßte endlich frei sein!“ seufzte Lizzie.

Gert nickte ernst und sagte leise: „Dann muß man aber auch wissen: frei, wozu?“