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Der wilde Garten

Chapter 13: Zwölftes Kapitel
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About This Book

A compassionate, aging teacher becomes a refuge for a solitary pupil who preserves a private notebook of treasured literary passages; when the girl’s mother destroys the book in anger, the teacher helps her process shame, resentment, and yearning for independence. Over ensuing years the teacher devotes herself to successive classes, nurturing youthful inner lives while confronting generational misunderstandings and domestic constraints. The narrative quietly examines solitude, the sustaining power of books, moral guidance, and the tension between individual longing and adult expectations.

Zwölftes Kapitel

Müde und traurig saß die Lehrerin an diesem Nachmittag in ihrem Heim. Es war ja bald alles vorüber, dann kam die Matura, dann gingen die Mädchen aus dem großen weißen Haus. Alle. Sie, die sie so getäuscht hatten mit ihren glatten, kindlichen Antlitzen, und die sich längst mit erbärmlichem Vergnügen den schändenden Erlebnissen der Erwachsenen hingaben. Die anderen auch, die ihr nur fremd geworden waren. Sie alle hatte sie geliebt, ihnen allen hatte sie die große, zärtliche Liebe ihres mütterlichen Herzens gegeben. Und so sehr sie an allem litt, was sie nun von diesen Kindern wußte, noch immer liebte sie und war bereit, dieser Jugend jedes Opfer zu bringen, das sie erretten konnte.

Aber das kleine Fräulein mußte es in einer tiefen, bitteren Mutlosigkeit zugeben: sie wußte nicht, wie man dieser Jugend helfen konnte. Und darum quälte sie der Gedanke, daß auch sie selbst vielleicht daran schuld war, daß so viele dieser Kinder sich an so schändliche Erlebnisse verloren hatten.

Sie wußte zu wenig von ihnen, wußte nicht, was es war, das diese so ungeduldig hinaus aus dem Garten ihrer Kindheit stürmen ließ.

Schule und Elternhaus standen sich ja fast feindlich gegenüber, zumindest aber mit tiefer Gleichgültigkeit. Sie hatte kein anderes Recht an diese Kinder, als sie zu lehren. Sie mußte sie alle täglich aus dem weißen Hause hinaus in ein Leben entlassen, das sie nicht kannte, zu Eltern, die niemals ein tieferes Verhältnis zu ihr suchten. Sie mußte ihre Lieblinge immer wieder nach den Stunden engster Vertrautheit hergeben, die eine an ein haßverstörtes Elternhaus, in dem der erbitterte Kampf zwischen Jugend und Alter tobte, die andere an eines, das von stumpfer Gleichgültigkeit erfüllt war.

Oh, wenn sie manchem dieser jungen Wesen wirklich hätte Mutter sein dürfen, Mutter in jenem einen Sinne, den die wenigsten dieser Frauen erfühlten, denen Gott das große Glück geschenkt hatte, Kinder zu haben.

Denn das eine wußte Fräulein Dr. Südekum aus den vielen Beichten, die in früheren Jahren von bebenden blassen Kinderlippen zu ihr geströmt waren: sie waren sehr, sie waren schmerzlich allein, diese Kinder, die fast alle einer Umwelt entstammten, die man glänzend nannte, weil sie von der äußeren Not verschont blieb. Aber ihre Eltern hatten durch die leeren gesellschaftlichen Verpflichtungen ihres Daseins meist weniger Zeit für sie als die Proletarierfrauen, die für ihre Kinder tagsüber das Brot verdienen mußten. Sie hatten aber vor allem keine Lust, sich der unbequemen Aufgabe zu unterziehen, den schwierigen Weg ihrer Kinder durch die Jahre der Verwirrung mitzugehen. Man hatte Geld, und die sogenannte Erziehung war etwas, was man kaufen konnte. Nur, daß Erziehung vielleicht tausendmal unwichtiger war als die Liebe, die diese Kinder daheim entbehrten, das wußten sie nicht.

Aber war es nicht auch so, daß diese Jugend anders war als die einer früheren Zeit? daß viele von den Mädchen in Elternhaus und Schule nur unbequeme Feinde sahen, die hindern wollten, das sich zu nehmen, wonach man schon ungeduldig verlangte?

Ja, war denn dies alles überhaupt zu verstehen? Oder hatte sich alles so vollkommen gewandelt? Das hatte es ja schon immer gegeben, daß die Mädchen sich so veränderten im letzten Jahre und noch früher, – es war auch vorgekommen in den vergangenen Jahren, daß man von der und jener erfuhr, daß sie mit Herren Rendezvous habe. Und in der früheren Klasse, mit der sie auch von der ersten in die letzte aufgestiegen war, war es vorgekommen, daß ein Mädchen hatte von der Anstalt entfernt werden müssen, weil sie ...

Ja, damals war auch so eine Sache mit einem Schauspieler gewesen. Aber das alles waren doch so vereinzelte Vorkommnisse, daß man sie hinnahm wie den plötzlichen Tod einer Schülerin.

Aber solche Dinge! Gleich sieben Mädchen in einer Klasse, die zu Männern gingen, mit ihnen Verhältnisse hatten! Die Erna Petersen, damals, – der hysterische Anfall der Erika Meyer, nein, es war zu viel!

Angestrengt dachte Fräulein Dr. Südekum nach. Nein, die Welt mußte sich wirklich verändert haben, denn in ihrer eigenen Jugend war doch alles ganz anders gewesen. Dies war ihr unverständlich und fremd. Und doch war auch sie einmal jung gewesen.

Aber niemals hatte sie solche Dinge gedacht und empfunden, wie sie diese Kinder in ihren Tagebüchern enthüllten, wie sie aus dem Flüstern und Kichern der Mädchen selbst während des Unterrichts sprachen, wie sie Erika Meyer in ihrem hysterischen Anfall hinausgeschrien hatte.

Ja, auch sie hatte damals nach der Konfirmation, als sie alle Korsetts bekamen und so stolz waren, wenn sie weniger Taillenweite hatten als die Freundinnen, manche törichte Dinge gedacht, hatte nur den einen Wunsch gehabt, groß und erwachsen zu sein, um von einem Manne geliebt zu werden. Ja, damals träumte man noch romantischer als heute, träumte vom Sterben für einen Mann, von Mondscheinnächten, von wunderbaren Ausstattungen und von Ausfahrten in Equipagen.

Ja, und auch sie hatte damals von Altersgenossinnen gehört, daß es diese – diese abscheulichen Dinge gebe, aber sie hatte nie davon hören wollen. Sie war immer geflohen, wenn die andern die Köpfe zusammensteckten.

Und Männer? Ja, da war der Apotheker gewesen, zu dem sie öfters im Auftrage des Vaters gehen mußte. Vater war ja immer krank, und Mutter mühte sich von früh bis spät. Der Apotheker war ein kugeliger Mensch mit einem fast nackten Schädel, und alle kleinen Mädchen fürchteten sich sehr, weil er immer, wenn er ihnen begegnete, sie mit einem Stock auf die Schenkel schlug.

Aber erst später hatte sie sich wirklich vor ihm gefürchtet, weil er sie immer mit so runden, glänzenden Augen ansah und kicherte.

Einmal mußte sie wegen ihres Vaters noch spät abends in die Apotheke gehen. Lange mußte sie warten, nachdem sie die Nachtglocke gezogen hatte, die so gellend in dem Hause widerhallte. Dann kam er mit schlurfenden Schritten, und sein Gesicht war rot von Schlaf und Bettwärme.

Er hieß sie mit ihm nach rückwärts in das Laboratorium kommen, wo er das Tränklein für den Vater bereiten wollte. Und dort – dort war es dann. Plötzlich fühlte sie ihre Arme von rückwärts zusammengepreßt und spürte einen heißen, feuchten Atem in ihrem Nacken. Er schwatzte sinnloses Zeug und versuchte, sie auf ein mit schwarzer Wachsleinwand bespanntes Sofa niederzuziehen. Sie wehrte sich verzweifelt. Ekel und Angst verliehen ihr Riesenkräfte. Noch hörte sie sein keuchendes Wort: „Warte nur, du Racker – ich bekomme dich schon noch!“ – dann floh sie gehetzt hinaus auf die Straße.

Dann waren lange Wochen und Monate gewesen, während deren sie fast nicht schlief und nicht aß und so herabkam, daß die geängstigten Eltern den Arzt holen ließen. Aber auch dieser wußte keinen Rat.

Damals hatte sie die Nächte fürchten gelernt und fürchten den bleiernen Schlaf der Erschöpfung, der sie nach langen, schlaflos durchgrübelten Stunden niederzwang, und aus dem sie dann oft mit einem grellen Schrei der Angst stieß. Plötzlich hatte sie die runden glänzenden Augen des Apothekers vor sich gesehen – seinen keuchenden Atem im Nacken gefühlt. Noch heute, noch jetzt fühlte sie den kalten Schweiß am ganzen Körper, der sie einhüllte wie ein feuchtes Totenhemd!

Nie mehr war ihr dann ähnliches begegnet.

Dann war der Lehrer plötzlich dagewesen. – Überall, wo sie ging. Immer mußte sie ihm begegnen. Er hatte sie lieben und schätzen gelernt, wie er sagte. Sie wurde mit ihm versprochen. Er war freilich nicht das gewesen, was sie einmal in jenen törichten Stunden ersten Erwachens so romantisch geträumt hatte. Und vielleicht wäre sie wirklich ohne Widerstand und ohne Liebe Frau Lehrerin geworden, wenn nicht der eine Sonntagnachmittag gewesen wäre. Ja, dieser Sonntagnachmittag entschied eigentlich ihr ganzes Leben.

Ihr Vater hatte eine gute, alte Flasche Wein aus dem Keller geholt. Der Lehrer trank mit Behagen, und plötzlich bekamen seine Augen jenen seltsamen starren Glanz. Sie brachte mit der Mutter den Kaffee herein und die süßen Kuchen. Sie war froh, daß sie so beschäftigt war, denn es war schrecklich, immer diese runden glänzenden Blicke auf sich gerichtet zu fühlen.

Als sie dann wieder in die Küche hinausging, schlich er ihr nach und umfaßte sie von rückwärts. In einem einzigen Augenblick empfand sie, was für sie der Inbegriff alles Entsetzlichen war: diese klammernden Arme, deren Hitze man durch den Rock durchfühlte, die keuchenden, abgerissenen Worte, den feuchten Atem. – – –

Mit einem Schrei riß sie sich los und stürzte hintüber auf den harten Steinboden der Küche. Auf seinen Ruf eilten die Eltern herbei, man bettete sie in der Wohnstube mit hochgelagertem Kopf. Der Bräutigam blieb fern, er stand ernüchtert und ein wenig beschämt in einer Ecke.

Am nächsten Tage hatte sie ihm ohne ein Wort der Erklärung den Ring zurückgesandt.

Ja, dies war alles gewesen, was Fräulein Dr. Hanna Südekum von der Welt der Männer erlebt hatte, und dieses wenige hatte ihr Leben bestimmt. Die Liebe selbst, von der sie einmal geträumt hatte, ja, die war ihr niemals begegnet.

Aber die gab es wahrscheinlich überhaupt nicht, sie war eine Erfindung der Bücherschreiber oder jedenfalls etwas, das nur als Traum in den Herzen und Köpfen unwissender junger Menschen spukte. Ihr war nur Angst und Scham zurückgeblieben, eine Angst, die ihr alles, was sie mit ihren Schülerinnen erlebte, noch unverständlicher erscheinen ließ.

Aber wenn dies alles so war, wenn da eine neue Jugend kam, die zu ungeduldig und früh erwacht war, um sich den unverrückbaren Gesetzen der Sittlichkeit zu beugen, dann – dann konnte sie nicht länger Lehrerin bleiben. Nein, denn sie verstand nichts von diesen verwirrenden Dingen und würde sie niemals verstehen lernen.

Dann hatte eben das breite, starke Leben draußen gesiegt, vor dem sie immer schon Angst gehabt hatte, wenn es in dem wirren Brausen der Großstadtstraßen oder in jäh geschauten Bildern sie bedrängte. Dann mußte sie gehen und ihren Platz jenen überlassen, die tiefer sahen, die stärker waren und härter. Ja, dann mußte sie gehen.

Und wieder dachte sie plötzlich an das eine hochmütige und schmale Gesicht, dessen Blick nun immer über sie hinweg in eine Ferne ging. Von welchen Bildern war diese Ferne erfüllt? sann sie gequält und dann in einer dumpfen Traurigkeit: Nun wird ja auch dies bald zu Ende sein, daß ich täglich dieses Antlitz vor mir habe und leiden darf. Auch Gertrud würde gehen. Vielleicht zog sie in eine andere Stadt, vielleicht würde sie ihr niemals mehr begegnen. Ja, auch sie ging und nahm alles mit, was in dem Leben des kleinen, alternden Fräuleins licht und schön und doch so voll verwirrender Not gewesen war.

Schwer sank der Kopf des kleinen Fräuleins zwischen ihre Hände. Einige Monate noch, dann würde in dem Schulzimmer der ersten Klasse eine neue Kinderschar auf sie warten, – mit runden oder schmalen Kindergesichtern, mit zarten Körperchen, mit erwartungsvollen Augen. Und wieder sollte sie mit ihnen den bangen, schweren Weg durch die Jahre des Erwachens gehen, ihnen Führer sein und Freund, – ihnen die Liebe geben, die ihnen das Daheim sooft versagte.

Zwei große Tränen liefen über das blasse Gesicht des kleinen Fräuleins. Ich habe keine Liebe mehr, – dachte sie in jäher Angst: alles, alles nahm Gertrud mit sich!

Fräulein Dr. Südekum sah kaum auf, als es an die Türe pochte. Es konnte ja niemand mehr kommen, den sie mit der ganzen Zärtlichkeit ihres Herzens erwarten durfte. Niemand mehr.

Da klangen Schritte im Zimmer. Sehr blaß und mit dunkelglühenden Augen stand Erwin vor ihr.

„Ich muß Sie sprechen!“ stieß er hervor, „– verzeihen Sie!“

„Setze dich zu mir,“ sagte das kleine Fräulein fast unhörbar und sah gebannt in das vor Leidenschaft zuckende Antlitz des Knaben.

Er blieb vor ihr stehen, und sie sah, wie seine Schultern zuckten.

„Der Kanzler leidet sehr,“ stieß er mit gepreßter Stimme hervor. „Und ich wollte ihm helfen!“

„Du?“ Die Lehrerin dachte an ihre Begegnung mit diesem Manne, an seine gebändigte Art.

„Wer sollte ihm sonst helfen als ich, der ihn liebt?“ gab der Knabe ernst zurück. „Niemand weiß so von ihm, wie ich. Niemand liebt ihn so.“ Die vollen Lippen des Knaben zuckten.

„Und wie wolltest du ihm helfen?“ fragte die Lehrerin leise. Wie schön er ist! dachte sie, als sie in sein schmal gewordenes Gesicht sah, über dem die tödlich schweren Schatten der Leidenschaft lasteten.

„Ich war bei ihr,“ stieß er hervor.

„Bei ihr? – Bei wem warst du, Erwin?“ fragte sie erschreckt.

„Bei der Tänzerin Anita,“ bekannte der Knabe. „Bei der dummen blonden Frau, die der Kanzler liebt, – an der er leidet.“

Die Lehrerin wagte nicht zu atmen. Was geschah hier? Welchem Unheil trieb dieser Knabe zu? „Was sprachst du mit ihr?“ fragte sie.

„Ich saß ihr gegenüber in dem Wohnzimmer einer Pension. Ich – ich konnte erst gar nicht sprechen. Sie sah mich an und lächelte. O, sie lächelte so unverschämt – sie meinte wohl ... Auf einem Tisch stand das Bild des Kanzlers. Es stand, achtlos hingestellt, unter einer Fülle anderer Photographien, – von albernen jungen Männern, von aufgeputzten Frauen. Ich spürte, wie ich blaß wurde. Dann aber, – sie legte mir ihre Hand auf das Knie, eine weiße, kraftlose Hand mit blitzenden Ringen. Und sie lächelte wieder. Da sagte ich ihr alles.“ Der Knabe schwieg wie erschöpft.

„Ja, – was sagtest du ihr?“ fragte die Lehrerin verwirrt.

„Ich sagte ihr, daß der Kanzler sie liebe, daß er leide um sie. Ich sagte ihr: Sie wissen ja nicht, wie herrlich er ist! Er ist nicht das, wofür ihn so viele halten: ein in sich abgeschlossener, kühler Mensch. Er gehört zu denen, die sich unerhört festhalten können. Aber dann – dann – dann fluten sie tollkühn über ihre Grenzen, wenn diesen die Liebe geschieht. So sagte ich ihr.“

„Und sie?“

„Sie sah mich ein wenig erstaunt an und lächelte noch immer. ‚Bist du deshalb zu mir gekommen, du schöner Bub?‘ – Ja, so fragte sie mich. Deshalb, antwortete ich. ‚Und wieso weißt du das alles von ihm?‘ fragte sie weiter. ‚Das hast du dir ja nur zusammenphantasiert.‘ – Ich kenne jede Zeile von ihm, sagte ich. In seinen Büchern lebt sein großes wildes Herz und die Sehnsucht, sich einmal verschenken zu dürfen. – ‚Aber er schreibt doch nur über Politik, wie man mir erzählte,‘ meinte sie. ‚Wie man mir erzählte,‘ – ja, so sagte sie wirklich. – Ich hielt sie plötzlich an beiden Händen fest und rief: Sie müssen seine Bücher lesen. Wenn Sie sehen, was er über sein Volk schreibt und dessen Weg, wenn Sie sehen, wie er über sein Volk hinaus die Menschheit liebt, – ja, – dann werden Sie ihn lieben, so lieben, wie er es verdient. Denn Sie müssen ihn lieben! – ‚Du bist ein toller Junge,‘ sagte sie lachend zu mir, und plötzlich küßte sie mich auf den Mund. – –

Da lief ich fort. – Vielleicht hätte ich sie schlagen sollen. – Vielleicht hätte ich niederknien sollen und sie bitten, daß sie sich mühe, ihn zu verstehen, – daß sie ihn lieben soll.“

Der Knabe fuhr sich mit einem Tuche über die hohe, weiße Stirn, die feucht schimmerte. – „Ich mußte zu Ihnen kommen, Frau Doktor, – ich mußte mit Ihnen sprechen. – Ich – ich weiß nicht, was weiter geschehen wird.“

„Aber, Erwin,“ – Fräulein Dr. Südekum faßte nach seinen Händen. „Das alles, – das darfst du doch nicht. Du weißt ja nicht das Richtige vom Kanzler. Nein, er ist ein großer Mann, gewiß, – – aber, ich glaube, du siehst das alles anders. Der Kanzler, – er erholt sich bei den Frauen, – er, er nimmt sie sich so, – er leidet nicht an ihnen.“

Der Knabe sah vor sich hin, und plötzlich sah das kleine Fräulein, wie ein traurigwissendes Lächeln über sein Gesicht glitt. „Der Kanzler liebt diese Frau,“ sagte er. „Ich weiß es. Er sitzt stundenlang vor ihrem Bilde, wenn sie für ihn keine Zeit hat, er weilt jeden Abend im Theater, wenn sie tanzt. Ja, – er geht manchmal an ihrem Hause vorüber, auch wenn ihn sein Weg in ganz andere Richtung führt. Er, – er arbeitet nicht mehr. Ich weiß es, daß ihm alles gleichgültig geworden ist außer dieser Frau.“

Das kleine Fräulein dachte an die Begegnung mit dem Manne, dem die Liebe des Knaben galt. „Nichts geschah weiter,“ so hatte der Kanzler damals mit einem sehr wissenden, sehr traurigen Lächeln gesagt, „nur, seitdem liebt mein Freund diese Frau!“ So hatte ihre Ahnung damals doch recht gehabt, daß der Kanzler die Wirrnis und Not seines eigenen Herzens vor Alexandra entbreitet hatte, als er von jenem Freunde erzählte, der an einem Abend plötzlich gesehen hatte, daß seine Wohnung leer und allein sei.

Ihre Gedanken an die Begegnung mit dem Kanzler riefen ihr die Erinnerung an Alexandra zurück. Trotz allem, was diese seltsame Frau ihr gesagt hatte, – immer wieder überfiel sie die Sehnsucht nach dem großen, nüchternen Raume des großen Ateliers, nach der Frau, die dort ihrem Werke, dem Stein und seinen Gesetzen diente.

Sie erhob sich jäh: „Ich will jetzt zu einer Bildhauerin gehen,“ sagte sie.

„Zur Pseleuditi?“ fragte der Knabe erregt.

„Ja, – wieso? Weißt du von ihr?“

„Der Kanzler kommt jeden Mittwoch zu ihr,“ sagte der Knabe hastig. „O, ich möchte ihm nicht begegnen, – ich ertrüge es nicht. Aber heute ist nicht Mittwoch, – o, Frau Doktor, wenn Sie mich mitnehmen wollten! Ich möchte diese Frau sehen, – wie sie lebt. Der Kanzler liebt sie nicht – nicht so, – aber sie ist seine Freundin!“

Nach kurzem Zögern willigte das kleine Fräulein ein.

Sie ist eine große Menschenfängerin, dachte sie. Aber diesem hier wird nichts geschehen. Er sieht nur einen Menschen. Nur einen einzigen.

Alexandra empfing sie in ihren grauen Mantel gehüllt. Ihre Haare sahen fast grau aus, so sehr waren sie von Staub bedeckt, und selbst an ihren dunklen Wimpern hing eine Schicht feinen weißgrauen Staubes.

Sie warf einen Hammer neben einen großen Block, den sie mit einem Tuche bedeckte. Mit einem tiefen Atemzug breitete sie die Arme aus: „Herrgott, – wie habe ich heute herrlich arbeiten dürfen!“ sagte sie. „Das ist das Schönste, alles aus dem Stein herauszuzwingen. Es langweilt mich so, in weichem Material zu arbeiten!“

Während Alexandra ihren Gästen auf dem Samowar einen Tee bereitete, begann sie ein Gespräch mit dem Knaben, und Fräulein Dr. Südekum sah staunend, wie diese Frau es verstand, einen anderen Menschen mit wenigen Worten aus Scheu, Abwehr und Masken herauszuholen, ihn zum Sichbekennen zu zwingen.

„Wieviel Freunde haben Sie?“ fragte sie den Knaben plötzlich.

„Keinen,“ antwortete er abweisend. „Ich kann mit ihnen allen nichts anfangen.“

„Sie sind zu ernst, – das sah ich schon,“ sagte Alexandra wie nebenbei nach einem prüfenden Blick auf sein schmales Gesicht. „Sie haben recht, – jede äußerliche Gemeinschaft erniedrigt uns, ob sie mit Altersgenossen, Berufskollegen oder einer Kaste verbindet. Ja, ich glaube, daß Sie recht haben, Sie sind jetzt viel zu sehr mit den Problemen des eigenen Werdens erfüllt, um andere sehen zu können.“

Fräulein Dr. Südekum sah erstaunt, wie der Knabe sich wandelte, da ihn die Bildhauerin wie einen Erwachsenen behandelte. Während sie sich weiter um den Tee zu schaffen machte, sah sie den Knaben kaum an, jedenfalls niemals so, daß er es bemerken konnte, und stieß nur immer plötzlich mit einer Frage vor, die den Knaben in raschen Antworten oder betroffenem Schweigen zum Bekennen zwang.

Fräulein Dr. Südekum sah, daß die Bildhauerin heute ganz anders als sonst war. War dies, weil sie gearbeitet hatte, oder wirkte die Gegenwart des Knaben so, daß sie sich nun ganz anders gab, ganz anders einstellte?

Was der Knabe sprach, kreiste immer um ein einziges Erlebnis, das fühlte die Lehrerin, die sich fern und kühl als Zuhörerin in dem Fauteuil des Ateliers vergraben hatte. Obwohl er mit keinem Worte an Tatsächliches rührte. Aber dennoch war es so, daß in allem, was er sagte und von sich erzählte, seine große Liebe brannte.

Die Bildhauerin kauerte, ganz in sich geschlossen und den Kopf seltsam horchend vorgeneigt, auf den Stufen, die hinauf zu dem großen Fenster des Ateliers führten. Am anderen Ende der Stufen lag der Knabe, die Beine herabhängend, die schönen Hände hinter dem Nacken gefaltet.

Wie ähnlich sie nun dem Knaben ist! dachte die Lehrerin erstaunt und empfand diese Ähnlichkeit nicht allein in Haltung und Gebärde, in der herben Beugung des dunklen Knabenkopfes dieser Frau, als viel mehr noch in dem klaren, ungebrochenen Klang ihrer Stimme.

Von den großen Träumern der Menschheit sprach Alexandra in das Schweigen des Knaben hinein, von den männlichsten Träumern: von ihnen, die die großen Brücken konstruieren, die in schmalen Bogen Abgründe überwachsen und auf ihrem Rücken donnernde Eisenbahnzüge tragen, von den Männern, die von den geheimnisvollen Verbindungen der Stoffe in den Retorten wußten, die in schlaflosen, verwachten Nächten dem Rätsel des Beginnens allen organischen Lebens in so atemraubende Nähe kamen, von den Domen leuchtender Gedanken, die einsame Denker hoch über des Lebens Gier und Hast erbauen.

Der Knabe lauschte ihr schweigend. Ein großer Ernst stand in seinen Augen.

Immer weiter sprach Alexandra von einer Welt männlichster Träume, von Forschern, die braungeglüht und ausgedörrt von Entbehrungen nie betretenes jungfräuliches Land entdecken. Sie sprach von dem Reiche, das sich auch einzelnen begnadeten Frauen erschlossen, wenn sie stark genug waren, den Torheiten weicher Träume zu entsagen, von dem Reiche der Kunst.

Fräulein Dr. Südekum wußte, daß jedes Wort, das Alexandra sprach, gegen die Liebe gerichtet war und ihre verwirrende Not. Und sie konnte es nicht fassen, daß diese Frau, deren schmales Gesicht im blauen Dämmern dieses Abends noch dunkler schien, die Frau, der nun die Seele des Knaben entgegenflog, dieselbe sein sollte, die mit so unbedenklichen Händen nahm, – so unbekümmert um Gesetz und Sitte.

Als sie aber der Bildhauerin abschiednehmend die Hand reichte, eben als der Knabe versunken vor einer begonnenen Büste des Kanzlers stand und Fräulein Dr. Südekum leise sagte: „Ich danke Ihnen, – Sie wissen nicht, wieviel Sie diesem heute an Halt gegeben haben,“ – da sah Alexandra in eine Ferne über sie hinweg und sagte: „Ich hatte heute nachmittag eine seltsame Begegnung – und vielleicht habe ich Angst.“