Fräulein Dr. Südekum hatte gebeten, daß man sie von der ersten Unterrichtsstunde an diesem Tage enthebe. Nein, sie konnte nicht mehr. Diese letzten Tage waren genug Qual gewesen, da man von ihr verlangt hatte, daß sie so wie immer in ihrer Klasse Unterricht erteile, vortrage, Fragen stelle und beantworte. So, als wäre nichts geschehen. So, als lägen nicht oben versperrt in der Schreibtischlade des Rektors die Tagebücher, in denen Mädchen aus ihrer Klasse schamlos bekannten, was sie mit ihren Liebhabern trieben, wie sie ihre Eltern belogen, auf welche Weise sie ihre schulfreien Stunden verbrachten.
Aber der Rektor hatte verlangt, daß nichts verlauten dürfe, ehe er nicht alle Tatsachen geprüft hätte. Mit verschlossenem Gesicht ging er in diesen Tagen umher. Wenn er telephonierte, sperrte er sich in sein Zimmer ein.
Und für den heutigen Vormittag waren verschiedene Herren gebeten worden, Rektor Krause in seiner Kanzlei aufzusuchen, Herren, die sonst gar nichts mit diesem weißen Hause und seinen Bewohnern zu tun hatten. Ein Schauspieler war darunter, Studenten, ein Arzt.
Nein, Fräulein Dr. Südekum konnte heute unmöglich an ihrem Pulte sitzen und den Mädchen von Xerxes und seinen Kriegen erzählen, indessen oben in der Kanzlei junge Männer bestätigten, daß ihre Schülerinnen ...
Der Rektor hatte ihren Wunsch erfüllt. „Setzen Sie sich inzwischen in das Konferenzzimmer,“ sagte er. „Sie sind ja entsetzlich blaß! Ja, das alles kann einen schon zur Verzweiflung treiben!“
Und nun ging sie hier in dem kahlen Raume neben dem langen grünen Tische auf und ab.
War es denn zu verstehen, daß Mädchen, fast Kinder noch, so entsetzliche und quälende Erlebnisse mit Männern suchten, – daß sie sich deren rühmten, daß sie eigens einen Tagebuchklub gründeten, um einander diese Dinge mitzuteilen?
Fräulein Dr. Hanna Südekum sah kaum auf, als sich langsam das Konferenzzimmer mit anderen Lehrern füllte, die zu dieser Besprechung gebeten worden waren.
Nein, sie konnte jetzt unmöglich darüber sprechen. Es war genug, daß sie all das Entsetzliche würde hören müssen, was sich soeben im Zimmer des Rektors zutrug.
Nur einige Male sah sie aus ihren Gedanken empört auf, wenn ersticktes Lachen aus der Ecke drang, wo Fräulein Fischhaupt mit dem Mathematiklehrer Dr. Weniger saß. Wie leicht sie alles nahmen! Sie dachten wohl nicht darüber nach, daß hier sieben junge Menschen nicht nur ihre Reinheit verloren, sondern wohl ihr Leben für immer zerstört hatten. Wie konnten die Mädchen überhaupt nach dieser Schmach noch weiterleben?
Als der Rektor endlich eintrat, bebte ihm erwartungsvolles Schweigen entgegen. Er schneuzte sich geräuschvoll, ehe er zu sprechen begann: „Die ganze Sache wird mir immer unbegreiflicher,“ sagte er kopfschüttelnd. „Nun kenne ich mich selbst nicht mehr aus. Also stellen Sie sich vor: Ich nahm mir zuerst die Mädchen vor – eine nach der andern – jede allein. Jede verweigerte trotzig die Beantwortung meiner Fragen. Die Tagebücher seien ihr alleiniges Eigentum, sie könnten hineinschreiben, was sie wollten. Sie würden nichts weiter darüber sagen. – Ich sah sofort, daß das Ganze abgekartet sei. Natürlich, sie hatten das alles längst vereinbart. Nur die Erika Meyer ging aus sich heraus. Sie erzählte mehr, als ich sie fragte, sie erzählte Einzelheiten, – nun, ich war nur froh, daß Sie nicht dabei waren, meine Damen – das war ja selbst für einen Mann zu viel.“
„Die Erika Meyer?“ Und Fräulein Dr. Südekum dachte entsetzt an den furchtbaren Anfall, den das Mädchen damals mitten während des Unterrichts erlitten hatte. So hatte sie sich also genommen, wonach sie damals in so furchtbar nackten Worten schrie!
„Ja, nun kommt aber das Seltsamste,“ fuhr der Rektor fort. „Der Mann, mit dem sie das alles erlebt haben will, was sie in ihrem Tagebuch schrieb und was sie mir gegenüber dann noch so hemmungslos enthüllte, ist der Schauspieler Alf Werndorf. – Er war eben bei mir. Und, – jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr, – er wies mir an Hand von Belegen und unterstützt durch Briefe nach, daß er die Erika Meyer überhaupt nicht kenne, daß er an den Nachmittagen, die das Mädchen als die der sündigen Rendezvous bezeichnet, immer auf der Probe war und ferner, – daß er mit der Tochter des Staatsanwalts Wessely verlobt sei und den Eltern der Meyer klarmachen werde, daß er sich derartige Erzählungen verbitte. Er sagte noch wortwörtlich: ‚Das kleine Mädchen mag sich amüsieren, mit wem sie will, – sie soll aber meinen Namen aus dem Spiele lassen. Das zu fordern bin ich schon meiner Braut schuldig.‘“
„Es ist also gar nicht wahr!“ rief Fräulein Dr. Südekum, und freudige Röte stieg ihr zur Stirne.
„Freuen Sie sich nicht zu früh!“ sagte Fräulein Fischhaupt spitz. „So ganz unschuldig wird sie schon nicht sein.“
„Ja, – es ist wirklich zu toll,“ sagte Rektor Krause. „Ich stellte die beiden schließlich einander gegenüber, so furchtbar peinlich mir das war. Alf Werndorf wiederholte der Schülerin ins Gesicht, daß er sie nicht kenne, er versuchte, ihr ruhig zuzureden. Sie sah ihm starr in die Augen und sagte mit einer Stimme, die vor Leidenschaft bebte: ‚Ich war doch erst gestern bei dir, – hast du das ganz vergessen? Nein, du kannst es nicht vergessen haben.‘ – Da kam der Werndorf auf eine Idee, die mir in meiner Verwirrung gar nicht eingefallen wäre. Er fragte sie: Wie sieht meine Wohnung aus? – Und sie, die bisher jedes Detail, Stunde und Art ihrer Zusammenkünfte genau beschrieben hatte, begann nun zu stocken. – – Nein, sie hatte wirklich keine Ahnung, wie seine Wohnung aussieht, sie wußte nicht einmal, in welchem Stockwerk sie liegt.“
„Ja, aber zum Teufel, warum schreibt und erzählt sie denn solche Sachen?“ rief der Mathematikprofessor mit hoher Fistelstimme und strich sein blondes Spitzbärtchen.
„Fragen Sie sie selbst!“ gab der Rektor achselzuckend zurück. „Und fragen Sie vor allem die anderen sechs, – denn bei allen hat es sich herausgestellt, daß sie unschuldig, – das heißt, daß die Schändlichkeiten, die sie in ihren Tagebüchern erzählten, sich niemals zugetragen haben.“
„Wie komisch!“ rief der Mathematikprofessor. „Nein, das ist wirklich köstlich!“
„Das ist gar nicht komisch und gar nicht köstlich,“ schnaubte Rektor Krause. „Wir werden noch die heftigsten Unannehmlichkeiten haben, denn schließlich bin ich die ganze Sache scharf angegangen und habe viele Leute aufgestört. – Da,“ er warf einen Brief auf den grünen Tisch. „Unser Herr Kollege, Dr. Sinser, schreibt mir da einen sehr energischen Brief. Sie wissen doch, daß ich ihn wegen des Tagebuchs der Käte Bilwein vom Dienste suspendierte? Ich sagte ihm auch manches, was vielleicht nicht gerade angenehm klang. Nun fordert er nicht nur die Einleitung einer Disziplinaruntersuchung gegen sich. Er will die Bilwein wegen Verleumdung verklagen, da ihre Beschuldigung seine Berufsehre in Frage ziehe.“
„Das ist doch selbstverständlich!“ krähte Dr. Weniger.
„Selbstverständlich ist das?“ höhnte der Rektor. „Sie haben es leicht, zu reden. Sie sind nur angestellt an dieser Schule. Sie kümmert deren Schicksal nicht. Aber was soll ich machen? Glauben Sie, daß der Ruf der Anstalt nicht unter solchen Dingen leidet?“
Rektor Krause sah ganz erschöpft vor sich hin. Dann fuhr er fort: „Bei allen sieben dieselbe Sache. Der Cousin dieser sauberen Herta Kobinger war nicht einmal in unserer Stadt, während sie in ihrem Tagebuch behauptete, daß er sie mit einer schwarzen Maske und mit Tuberosen empfing.“
Fräulein Fischhaupt kicherte in ihr Taschentuch.
Der Rektor drückte auf eine Klingel. „Führen Sie die Kobinger herein,“ sagte er zu dem Schuldiener, dessen blatternarbiges Gesicht grenzenlose Neugierde ausdrückte.
Ein untersetztes junges Mädchen schob sich langsam zur Türe herein. Sie überflog mit einem scheuen Blick die Schar der versammelten Richter.
„Du bist die Anführerin gewesen!“ schrie sie der Rektor an. „Wozu habt ihr diese unglaubliche Sache gemacht? Ihr habt euch und die Schule in schlechten Ruf gebracht, ihr habt Bräute unglücklich gemacht und anständige Männer dem Gerede ausgesetzt, – warum, – warum das alles?“
Das junge Mädchen sah schweigend vor sich hin. Ein trotziger Zug lag um seinen jungen Mund.
Fräulein Dr. Südekum kämpfte mit der unbezwinglichen Lust zu lachen. Wie immer es sein mochte und wie häßlich es war, daß sich die Mädchen mit solchen Phantastereien beschäftigten, – – nun war es doch der Rektor selbst, der sich in diese Patsche gesetzt hatte. Weil er immer gleich das Schlimmste annahm! Und war es nicht überhaupt unrecht gewesen, daß er sich dieser Tagebücher bemächtigt hatte? Ja, Fräulein Dr. Südekum empfand fast etwas wie Schadenfreude, als sie den Rektor vergeblich auf das kleine Mädchen einbrüllen sah, das beharrlich schwieg.
„Geh jetzt,“ sagte er schließlich erschöpft und wütend. „Aber die Angelegenheit ist damit keineswegs zu Ende.“
Die Kobinger verneigte sich vor den Lehrern am grünen Tisch und ging wieder langsam hinaus.
„Und was sagen Sie nun dazu?“ wandte sich Rektor Krause an die versammelten Kollegen.
Allgemeines Achselzucken war die Antwort.
„Ich erkläre die Konferenz für beendet,“ sagte der Rektor frostig. „Ich hoffe aber, von den Damen und Herren noch Vorschläge zu erhalten. Augenblicklich muß ich alles daransetzen, um die Gemüter zu beruhigen.“
Langsam gingen die Lehrer hinaus. Fräulein Dr. Südekum drängte an ihnen vorüber und trippelte ihnen voraus auf den Gang. Fast wäre sie gelaufen, hätte sie sich nicht vor den anderen geschämt.
So glücklich war sie plötzlich, so glücklich. Ja, mochten auch heiße Träume diese Kinder verwirren, mochten sie ihre Gedanken Tollheiten überlassen, die Fräulein Dr. Südekum in jeder anderen Stunde auf das heftigste verurteilt hätte: es waren doch noch Kinder, die träumten, – große, verwirrte Kinder.
Mit einem strahlenden Lächeln trat sie in ihre Klasse.
„Grüß Gott!“ sagte sie mit ihrer hellen Stimme, indes sie die Stufen zu ihrem Pulte emporstieg.