In dem kleinen Hinterzimmer der Konditorei saß eine Anzahl junger Damen. So unähnlich sie sonst sein mochten, sie glichen einander in der kleidsamen Tracht, welche die neue Zeit den jungen Mädchen beschert hatte und die mit kurzen Röcken, losen Kleidern und kurzgeschnittenem Haar der äußere Ausdruck für eine schwer erkämpfte äußerliche Freiheit war.
„Wißt ihr schon das Neueste,“ krähte Herta Kobinger, die immer bei den Zusammenkünften das große Wort führte. „Die Erna Meyer ... nein, es ist zu komisch ...“
„Was ist mit ihr?“ fragte Grete Erb und dachte mit jähem Unbehagen daran, wie sehr die einstige Freundin und Vertraute bitterer Stunden aus ihrem Wissen entschwunden war.
„Sie will Nonne werden!“ platzte Herta heraus. „Stellt euch vor, – Nonne! In unserer Zeit Nonne werden!“
„Wenn das nicht wieder nur einer ihrer verrückten Einfälle ist!“ sagte Lizzie Ebbinghaus wegwerfend, und in ihr zynisches Gesicht trat ein noch spöttischerer Zug.
„Nein, es ist so,“ bestätigte die ältere Schwester der Kobinger. „Wir haben es von der Frau Kruse ...“
„Von der Schneiderin?“ lachte Lizzie.
„Ja, die Eltern haben es ihr ganz verzweifelt erzählt.“
„Wenn es ihre Überzeugung ist!“ meinte Gert mit einem Achselzucken. „Schließlich soll jeder das tun, was er für richtig findet.“
„Aber denke doch, in unserer Zeit! Eine Nonne! Das kann man sich doch gar nicht vorstellen! – Ja, denkt euch, sie hat in aller Stille schon alles vorbereitet. Ich habe die Stadt vergessen, sie liegt irgendwo unten im Süden, an einem Berge. Und auf diesem Berg steht ein Kloster. Die Nonnen sind ganz weiß gekleidet und ihre Gesetze – Ordensregeln nennt man sie – sind besonders streng. Sie müssen jeden Verkehr mit der Welt abbrechen, – niemals dürfen sie einen Besuch von daheim empfangen, niemals einen Brief. Es ist für die anderen so, wie wenn man stirbt. Fort – aus! Man existiert nicht mehr für sie.“
„Im Süden,“ sagte Grete Erb verträumt, „und in einem italienischen Kloster! Ich kann mir das gar nicht so schrecklich denken. Es gibt dort sicherlich eine wunderbare Bibliothek, die für ein ganzes Leben ausreicht, – Inkunabeln ...“
„Na, ich meine, in unserm Alter könnte man genug haben vom Zölibat und es nicht noch suchen,“ lachte Lizzie und schüttelte ihren Wuschelkopf.
„Du würdest auch dort die schrecklichsten Stücklein aufführen!“ lachte Herta Kobinger.
„Daran zweifle ich nicht,“ gab Lizzie zurück und blähte die Nasenflügel. „Jedenfalls habe ich keine Lust, auf die große Liebe zu warten wie du!“
„Die große Liebe! Nein, auf sie warte ich nicht,“ widersprach Herta. „Nur, – ich hätte Angst, solche Sachen zu machen wie du! Wenn ich mich verliebe, dann will ich auch heiraten, mein Haus haben, Kinder.“
„Kurzum, dort fortfahren, wo unsere Eltern aufgehört haben,“ sagte Sonja spöttisch. „So wie sie ein Leben lang gute Gesellschaft nach außen spielen und daheim nach Herzenslust einander quälen, immer kälter werden, nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen alle Umwelt. Dann kommen die Kinder, an denen man dann nach irgendwelchen bewährten Prinzipien herumerzieht, bis auch sie einmal zerquält und verbittert davonlaufen – wieder in eine Ehe hinein.“
„Ja, was willst du denn?“ fragte Herta achselzuckend. „Ich weiß das doch alles, – aber wenn du nicht studierst, was auch keine sehr verlockende Sache ist, – was bleibt dir denn übrig?“
„Darüber denke ich heute noch nicht nach,“ antwortete Sonja. „Man darf sich selbst nicht so wichtig nehmen und immer Pläne schmieden. Ich will vor allem keine Zeit versäumen und leben. Und das mache ich, solange ich kann! Wenn ich dann schließlich heiraten muß – gut. Aber mich danach sehnen wie du – nein, das verstehe ich nicht!“
„Ja, du hast es gut!“ seufzte die jüngere Schwester. „Du kannst schon auf Bälle gehen und allein mit jungen Leuten Ausflüge machen. Du genießt dein Leben! Wenn man aber noch vor der Matura ist ...“
„Und soll das wirklich das Leben sein, Bälle, Ausflüge und Flirts?“ fragte Grete Erb.
„Soll es vielleicht das Studium sein, dem du dich verschrieben hast?“ gab Lizzie spöttisch zurück.
„Nein, auch das allein nicht,“ antwortete Grete. „Aber meine Arbeit gibt mir doch Inhalt, ich weiß in den kommenden Jahren ein Ziel. Und Germanistik interessiert mich nun einmal sehr. – Aber –,“ leichte Verlegenheit brach in ihre sonst so sichere Stimme, „die große Liebe – das eine Erlebnis, für das man sich aufsparen sollte, das muß es doch geben.“ – –
„Die große Liebe,“ höhnte Lizzie Ebbinghaus. „Die große Liebe, von der in den Büchern steht! Sieh dich doch um bei allen Erwachsenen, die wir kennen. Wo gibt es sie denn? Oder hat nicht jede von uns an der Ehe der Eltern gesehen, daß sie eine große, verzweifelte Lüge ist? Auch meine Eltern haben aus Liebe geheiratet, oder was sie so nannten – mein Gott, man merkt wirklich nichts mehr davon!“
„Lizzie hat recht,“ sagte Gertrud. „Es ist eine entgötterte Welt, die uns die Erwachsenen zurückgelassen haben. Und weil wir sehen, wie sie lebten, und was sie alle aus ihrem Leben gemacht haben, darum können wir uns auch ihren Ansichten und Gesetzen nicht beugen, die sie uns aus Berechnung und Angst auferlegen wollen. Sie setzen als Preis, als großes Versprechen für die Erfüllung dieser Gesetze unsere Verheiratung. Aber wir haben den Wert dieses großen Versprechens durchschaut. Uns lockt man nicht mit Myrtenkranz und Hochzeitsschleier.“
„Wir haben die Augen aufgemacht, und sie alle haben sich vor uns zu sehr gehen lassen,“ nickte Sonja. „Wir kennen die Affären in den Familien unserer Verwandten, die Ehebrüche und Scheidungen. Wir wissen, wie sie das freudlose Elend ihrer bürgerlichen Ehen immer wieder zusammenflicken. Nein, damit sollen sie uns nicht kommen. Dieselben Frauen, die mit einem Seufzer zum Himmel stöhnen: ‚O, diese jungen Mädchen von heute!‘ wenn wir eine Zigarette rauchen oder lieber in eine Bar gehen als in eine Konditorei, haben aus dem Ehebruch längst ein Gesellschaftsspiel gemacht, vor dem jeder anständige Mensch ausspucken muß. Eine Sache ohne Leidenschaft, ja ohne Leichtsinn, – eine gemütlich ausgeklügelte Angelegenheit. Nun, uns sollen sie nichts erzählen! Sie wissen es genau wie wir, daß sie von uns nur Tugend fordern, weil diese im Verheiratungsfalle noch hoch im Kurse steht, und sie wissen genau, daß wir dann, nach dem Unterkriechen, in einer Versorgung leben werden wie sie. Ebenso kalt – ebenso gemein!“
„Wozu sich soviel Gedanken machen?“ lachte Lizzie spöttisch. „Ich werde einmal einen heiraten, der reich ist und begreift, daß ich voll Lebenshunger bin. Nein, ich habe auch keine Lust, auf die große Liebe zu warten. Sechs Monate werde ich es mit ihm schon aushalten. Bis dahin aber nehme ich mir alles, was mir Spaß macht, denn einmal ist es doch aus.“
„Lizzie hat recht,“ sagte Sonja. „Und trotzdem bin ich oft traurig über das, was ich weiß. Ja, oft ist mir hundeelend zumute. Nicht wegen der paar Dummheiten, – sie wiegen nicht so schwer. Aber, daß man an gar nichts mehr glauben kann! Hinter mir sehe ich das, was Eltern und Verwandte aus ihrem Leben machten, ihre Herzenskälte, ihre Streitigkeiten, die trostlose Feigheit ihres Beisammenbleibens. Und vor mir sehe ich alles verschwommen und unklar. Es ist ja gar nicht möglich, zu warten. Als erwachsener Mensch – und das bin ich mit meinen neunzehn Jahren – in der Gefangenschaft des Elternhauses leben, ist entsetzlich. Sie sind voll Mißtrauen und mißdeuten alles. Sie waren es, die mir meine Unbefangenheit nahmen, sie, die in das Harmloseste ihre häßlichen Deutungen hineinlegten, als wäre ich ein Schoßhündchen, dessen Zeit gekommen ist und das man an der Leine halten muß. Sie lassen einen ja nicht Mensch sein! Ich muß sagen, wohin ich gehe, was ich in meinem Zimmer mache, warum ich mit dieser Freundin lieber zusammen bin als mit der anderen, ja, wenn ich beim Mittagessen ein ernsteres Gesicht mache, soll ich bekennen, was ich denke. Diesen Druck hält kein Mensch aus, – und ich habe viele Dummheiten gemacht, nur um mich gegen diesen Zwang zu wehren, nur um mich zu rächen. Es gibt kein süßeres Gefühl, als wenn sie mir wegen irgend etwas ganz Harmlosen einen Krach machen, daß ich mir dann schadenfroh denken kann: wenn ihr wüßtet!“
„Komisch,“ sagte Grete Erb nachdenklich. „Vor ein paar Tagen sprach ich mit der Scholander, die vier Klassen über mir war und jetzt an diesen Fabrikanten Haarhaus verheiratet ist. Sie erzählte mir, daß sie ihn betrügt. ‚Glaube mir,‘ sagte sie, ‚ich liebe weder meinen Mann noch einen andern. Ich betrüge ihn nur, damit ich dann, wenn er mich mit seinen Predigten, Vorwürfen und Vorschriften so entsetzlich langweilt und quält, mir heimlich denken kann: wenn du wüßtest!‘“
Gertrud sagte plötzlich: „Darum muß man vor allem frei sein, wirklich frei. Sonst läuft man ja aus Wut in die tollsten Dinge und verliert sich an Erlebnisse, die einen eigentlich gar nichts angehen.“
„Und kann man nicht frei sein, wenn man heiratet?“ fragte die kleine Herta Kobinger. „Wenn ich verheiratet bin und Kinder habe ...“
„Du mußt erst frei sein, um dir deinen Mann wählen zu können,“ sagte Gert. „Sonst heiratest du doch nur, um von daheim wegzukommen, oder um deine Eltern zu ärgern.“
„Und wie denkst du dir das, frei sein?“ wandte sich Grete Erb an Gert.
„Seinen eigenen Weg gehen,“ antwortete sie. „Ob man nun Nonne wird wie Erika, – oder Tänzerin wie ich ...“
„Tänzerin!“
„Tänzerin!“
Alle schrien durcheinander.
„Ja, werden denn das deine Eltern erlauben?“ fragte Herta ängstlich.
„Sie werden es sicherlich nicht erlauben,“ antwortete Gert. „Aber es ist besser, es gibt einmal einen entscheidenden Auftritt, und ich stelle mich ganz auf eigene Füße, als daß ich langsam in dem Kampf mit daheim, mit der Weltanschauung von vorgestern, zerrieben werde und immer mehr Dinge mache, die gar nicht meine Art sind, lüge und schwindle und so weiter.“
„Und das stört dich wirklich so sehr, dieses Lügen und Schwindeln?“ lachte Lizzie. „Ich muß gestehen, daß mir gerade das Vergnügen macht.“
„Wenn es mir auch nicht Vergnügen macht,“ sagte Herta Kobinger, „so stört es mich wenigstens nicht. Wenn meine Eltern dann doch auf etwas daraufkommen und pathetische Worte dafür finden, daß man zu ihnen kein Vertrauen habe, dann brauche ich nur an jene Zeit zu denken, als ich ganz aufgetan und offen für sie war, als es mir brennendes Bedürfnis war, ihnen alles zu sagen, mich ihnen anzuvertrauen, sie um Rat zu bitten. Damals haben sie mich immer schroff zurückgewiesen, damals langweilte ich sie, wenn ich von mir sprach, damals wollten sie, daß ich nur ein Ding in ihren Räumen sei, aber kein Mensch.“
Gert sagte nachdenklich: „Vielleicht haben wir alle unsere Eltern zu sehr geliebt, mit einer Liebe, die zu viel forderte, die die restlose Erfüllung wollte. Wir waren ganz nur auf sie eingestellt, sie waren uns Vorbild und der Inbegriff alles Liebenswerten. Wir sehnten uns danach, von ihnen verstanden zu werden, und darum vielleicht, weil wir maßlos forderten, weil wir etwas von ihnen wollten, was vielleicht kein Mensch dem anderen geben kann, darum verurteilen wir sie heute so streng.“
„Du hast sicher recht,“ sagte Grete Erb ernst. „Ich erinnere mich, daß mir nichts im Leben so weh tat, als daß ich erkennen mußte, daß selbst mein angebeteter Vater in Wirklichkeit nicht ganz dem Idealbild entsprach, das ich mir von ihm geschaffen hatte. Und vielleicht ging ich lange Zeit fast voll Haß gegen ihn umher, nur weil er mir diesen Traum nicht erfüllte.“
„Gott, wie ihr mich langweilt!“ sagte Lizzie ärgerlich. „Was hat es für einen Sinn, über solche Dinge zu grübeln. Sage lieber, Gert, wie du dir deinen künftigen Beruf vorstellst?“ Lizzie verbanden sich mit der Vorstellung „Tänzerin“ sofort eine Kette anderer von Puderwolken, parfümierten Garderoben, Herren mit Brillantarmbändern und verschwiegenen Separees.
„Ich arbeite schon seit Monaten heimlich mit einer Lehrerin. Die Stunden habe ich von meinem Taschengeld bezahlt.“
„Ah, – darum warst du so wenig bei unsern Zusammenkünften zu sehen,“ lachte Lizzie. „Und darum hast du wahrscheinlich auch die dicke Freundschaft mit der Südekum aufgegeben?“
„Ja, – ich hatte natürlich für nichts anderes mehr Zeit, wollte ich gleichzeitig in der Schule nicht zurückbleiben. Und das durfte ich nicht, sollte es meinen Eltern nicht auffallen!“
„Wie zielbewußt du bist!“ staunte Grete Erb.
„Du bist es doch auch,“ lächelte Gert. „Du willst ja studieren.“
„Ja, – aber damit sind meine Eltern ganz einverstanden. Aber Tänzerin werden, – nein, ich kann mir Tanzen als Beruf nicht vorstellen. Vor fremden Männern!“
„Gerade das ist das Interessante daran!“ lachte Lizzie.
„Nein, um das handelt es sich gar nicht,“ erwiderte Gert ernst. „Aber ich habe lange Zeit gar nichts von mir gewußt. Dann aber begann ich langsam zu erwachen, zu mir, zu meinem Körper, zu einer Musik, die ich in ihm weiß, und die ich freimachen muß. So wenige Menschen wissen, was Tanz ist. Diese Kunst ist ebenso ernst wie hundert andere Berufe, wenn man ihr ganz lebt.“
„Und du willst von daheim fort – und überall auftreten – und auf Plakaten abgebildet sein.“ – Sonja war fassungslos.
„Willst du denn nicht heiraten?“ fragte die kleine Kobinger und war ganz bestürzt, als nun alle in ein Gelächter ausbrachen.
„Ihr sprecht soviel von Liebe und Heirat,“ sagte Gert ablehnend. „Ich will darüber nicht nachdenken, solange alles um mich so schief ist. Wie kann ich an einen anderen Menschen denken, solange ich selbst noch nichts bin? Ich kann es erst, wenn alles frei in mir ist, – wenn ich bin, – wenn ich das kenne, was ich verschenken soll.“
„So glaubst du doch an die große Liebe?“ fragte Grete Erb ernst.
„Ich glaube jetzt nur an mich,“ antwortete Gert, „ich hoffe auf mich.“
Sonja zog die Uhr: „Kinder, es ist schon ein Uhr, – wir kommen zu spät zu den elterlichen Kochtöpfen, wenn wir nicht aufbrechen.“
Die jungen Mädchen griffen nach Jacken und Mänteln.
Als sie sich vor der Konditorei verabschiedeten, sagte Grete Erb plötzlich sehr ernst: „Gert hat ganz recht. Vor allem müßte man frei sein! Dann wäre es vielleicht möglich, eine neue, reinere Gemeinschaft zwischen Mann und Weib zu verwirklichen, als unsere Eltern kannten, und als man uns aufladen will. Dann fänden wir alle vielleicht den neuen Weg.“
„Ach Gott, ich fühle mich auch so recht wohl!“ lachte Lizzie. „Wegen dem bißchen Schwindeln!“
Herta gab Sonja plötzlich einen Stoß. „Sieh schnell hinüber – ja, dort!“ Ja, die da eben an ihnen vorübergegangen war, war die Oberlehrerin Fräulein Dr. Südekum gewesen. „Wie spaßig sie aussieht, wie sie so in ihrem schwarzen Kostüm mit dem kleinen Hütchen dahintrippelt!“
„Wenn ich denke, wie ich mich vor drei Jahren vor ihr fürchtete!“ lachte Sonja. „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“
„Ja, du hast es gut!“ seufzte Herta und hängte sich in ihre ältere Schwester ein. Sie verschwanden in einer schmalen Nebengasse, die zur nächsten Trambahnhaltestelle führte.
Fräulein Dr. Südekum ging langsam ihren Weg weiter. Sie hatte ihre Schülerinnen wohl vor der Türe der Konditorei stehen gesehen, aber so getan, als sähe sie sie nicht. In diesen letzten Tagen vor der Matura wich sie gern allen Gesprächen außerhalb der Schule aus. Der Rektor sah es auch nicht gern. Wie leicht konnte einem ein Wort entfliehen.
Fräulein Dr. Südekum ging zu Alexandra. Sie hatte über der sie zugleich anziehenden und erschreckenden Persönlichkeiten dieser Frau fast ganz ihre früheren Freunde vergessen. Selbst bei Nowotnys war sie nur ganz selten mehr gewesen. Diese hatten sich zu sehr in ihrer Anbetung für die Griechin demaskiert, Fräulein Dr. Südekum konnte es gar nicht verstehen, daß sie einmal bei diesen Menschen so gern ihre Abende verbracht hatte. Ja, Alexandra hatte recht. Denen geschah nichts durch sie, denen konnte gar nichts geschehen!
Alexandra beschäftigte sie sehr. Sie hatte sie zuerst ganz verzerrt gesehen, durch die Wirkung, die sie auf dieses junge Ehepaar ausübte, durch die Art auch, wie sie sich dort gab. Nun hatte sie keineswegs mehr den Eindruck, daß Alexandra eine hemmungslose, gefährliche Frau sei. O, gefährlich sicherlich für manche Menschen, – aber hemmungslos? Eher erschien ihr diese Frau nun zu bewußt, zu sehr eingehüllt in ihren scharfen Intellekt.
Aber es tat so gut, einem solchen Menschen zu begegnen, wenn man selbst wund und verwirrt war, auch wenn der Verstand dieser Frau manchmal in gefährlichere Landschaften entführte als das verwirrende Tun der anderen, das Fräulein Dr. Südekum miterleben mußte.
Sie fand Alexandra untätig an ihrem hohen Fenster stehen. „Kommen Sie zu mir herauf!“ rief sie dem kleinen Fräulein zu, das wartend unten an der Stufe stand. „Es ist so schön, über die Dächer hinwegzusehen. Unter diesen Dächern wacht alles Böse, was Menschen einander tun, und alle Lügen, die sie einander sagen. Über den Dächern leben die Wolken, emporzuckender Rauch, Licht und Farbe!“
„Ja, es ist sehr schön hier,“ sagte das kleine Fräulein und stellte sich auf die Zehenspitzen.
„Glauben Sie, daß jemand freiwillig da hinuntersinkt, wenn er erst diese freie Schau erkämpft hat? Glauben Sie, daß jemand die Einsamkeit dieses Blickes eintauschen möchte gegen eine der Trunkenheiten, die unter diesen Dächern locken?“
„Ich weiß nicht, was Sie meinen,“ sagte das kleine Fräulein verwundert.
„Es handelt sich darum, daß man Herr bleibe,“ entgegnete die Bildhauerin leise. „Dann darf man alles. Aber sich selbst muß man festhalten um jeden Preis. Man hat am Ende doch nur sich selbst und das, was man aus sich macht.“
Das kleine Fräulein wußte keine Antwort. Ihr kam Alexandra heute so verändert vor. Ihre Gebärden schienen ihr rascher als sonst und so seltsam ziellos.
„Was macht Ihre Arbeit?“ fragte Fräulein Dr. Südekum.
„Sie haben recht, daß Sie danach fragen,“ nickte die Bildhauerin ernst. „Ich hatte sie vorhin fast vergessen. Und sie ist doch das einzige, was mir ganz gehört – alles andere ist Trug. Gut genug für die andern, die sich gern begnügen wollen. Ich fordere mich vom Schicksal und sonst nichts.“
Fräulein Dr. Südekum sah betroffen in das harte Gesicht Alexandras. Wie hochmütig ihre Stimme nun geklungen hatte! Warum sprach sie so? Gab es jemanden, der daran zweifelte, daß diese Frau nur ihrer Kunst gehörte, daß alles andere für sie nur Spiel und Entspannung war? Und billigten ihr nicht alle diese Lebensform zu, – sogar sie, die ihr erst so gezürnt hatte wegen Robert Nowotny?
„Hier können Sie sehen, was ich gearbeitet habe!“ sagte Alexandra und nahm das Tuch von der Büste des Kanzlers. „Es ist noch nicht er, aber diesen neuen Zug, der in seinem Gesicht lebt, diesen wissenden und traurigen, der so merkwürdig mit dem genußfrohen Mund kontrastiert – den habe ich schon. Nicht wahr?“
Das kleine Fräulein sah und staunte. Ja, fast erschreckend enthüllte diese Büste den Kanzler. Alles sagte sie über ihn, alles, was der Knabe wußte, der ihn liebte, und diese Frau, die niemanden lieben konnte, aber durch ihre Kunst alles aus den Menschen herausholte.
„Ja, das wird!“ sagte Alexandra. „Es ist nur seltsam, daß es mich gar nicht froh macht. Ich glaube, ich sollte bald fortreisen. Eure strenge Landschaft hier macht einen so schwer, so beladen.“
„Und Robert Nowotny?“ fragte das kleine Fräulein lächelnd.
„Ich habe ihm vor drei Tagen verboten, mich weiter zu besuchen. Er langweilt mich zu sehr.“
„Und er?“
„Er spielt mit seinem Schmerz wie ein Kind mit der Puppe. Täglich zieht er ihm neue Flicken an. Da, – dieses Bündel Briefe schrieb er in drei Tagen.“
Kalt und weiß fiel das Atelierlicht in den hohen Raum. Die Lehrerin fröstelte. Alexandra schien ihr heute noch fremder und ferner. Schuf die große schöpferische Arbeit die Menschen so?
Sie begann, verlegen im Atelier umherzugehen.
Vor einem Tonfigürchen, das nur schwach die Umrisse eines weiblichen Körpers erkennen ließ, blieb sie stehen: „Das sah ich noch nicht, – was wird das werden?“
„Ach, nichts Besonderes, ich arbeitete das nur zu meiner Zerstreuung nach dem Gedächtnis.“
„Also kein Modell?“
„Nein. Eine ganz lustige Geschichte! Ein kleines Mädchen kam vor einigen Tagen mit der Empfehlung ihrer Tanzlehrerin zu mir, sie wollen ein wenig Anatomie betreiben – sie nimmt ihre Kunst verteufelt ernst und möchte ihren Körper ganz vollkommen wissen!“
„Ah, also eine wirkliche Tanzkünstlerin?“
„Nun, vorläufig noch eine Schülerin. Die Eltern wissen nichts davon, wie es scheint. Der Vater ist der Staatsanwalt Winheim.“ – –
„Winheim – also Gertrud Winheim –,“ das kleine Fräulein konnte fast nicht sprechen, – „und sie will ...“
„Ja, – offenbar – kennen Sie die Kleine?“
„Und – da haben Sie so aus dem Gedächtnis ...“ Die Lehrerin sah scheu auf die kleine unvollendete Tonfigur.
„Ja, – ein müßiger Unsinn,“ lachte Alexandra. Sie nahm die Figur und warf sie hart in eine Ecke, wo sie zersprang. Sie lachte wieder, aber ihre Lippen waren blaß.
Da ging die Lehrerin ganz langsam fort und immer weiter hinaus auf die lärmenden Straßen der großen Stadt.