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Der wilde Garten

Chapter 19: Achtzehntes Kapitel
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About This Book

A compassionate, aging teacher becomes a refuge for a solitary pupil who preserves a private notebook of treasured literary passages; when the girl’s mother destroys the book in anger, the teacher helps her process shame, resentment, and yearning for independence. Over ensuing years the teacher devotes herself to successive classes, nurturing youthful inner lives while confronting generational misunderstandings and domestic constraints. The narrative quietly examines solitude, the sustaining power of books, moral guidance, and the tension between individual longing and adult expectations.

Achtzehntes Kapitel

Wie die Eukalyptusbäume dufteten! Ihr grüngoldener Atem erfüllte den Wald mit einer Dämmerung, die alles ringsumher unwirklich schuf. Große, fremdartige Pflanzen blickten starr zu ihnen hinauf, und Lianen rankten sich inbrünstig an ihren Stämmen empor.

Wie weich die Wege waren! Der Fuß versank in ihnen, Schreiten wurde leise, beschwingt. Heiserer Vogelruf, schweres Flügelschlagen durchbrach manchmal den Traum der Stille, die Flucht eines wilden Kaninchens dann, das Rascheln einer Maus über Pinienfrüchten.

Wie die Eukalyptusbäume dufteten! Gert und Alexandra schritten die goldbraunen Wege immer tiefer in den Wald hinein.

„Nun sind wir so weit – so allein, daß uns kein fremdes Menschenwort mehr finden kann,“ sagte Alexandra.

„Ich spüre, wie sich die Schwere löst, die alles in mir so sehr gefangenhielt dort in der Stadt. Fast möchte ich durch den Wald tanzen, um diese Luft noch tiefer in mich zu zwingen.“

„Dann komm weiter, – siehst du nicht, wie es blau dort durch die Stämme schimmert?“

„Das Meer?“

„Das Meer!“

Sie brachen abseits vom Wege durch das Dickicht, das ihnen oft bis zu den Schultern reichte, das ihnen die Kleider von den Schultern zu reißen drohte. Erschreckt flatterten Fasane in trunkenen Farben auf, der wilde Waldboden schlug ihnen seinen herbsüßen Brodem entgegen, daß sie fast taumelten.

Aber dort, – schon brachen sie durch die stachligen Brombeerranken, – dort schimmerten weiß und gezackt die Klippen.

Leichtfüßig sprangen sie über das unter den Küssen des Meeres diamanthart gewordene Gestein. Stöhnend schlug der Gischt zu ihren Füßen an den Uferfelsen empor. Dunkel wie Lust und Vergessen breitete sich vor ihnen das Meer.

Eine große Sonne stand weiß am Himmel, als sie die Kleider lösten und mit hellem Lustschrei die befreiten Körper in die Wasser tauchten.

Wie die Wogen sie rauschend dahintrugen!

Sie lachten einander zu, wenn sie im Tanz der Wogen einander entschwunden waren und wieder emportauchten im weißen Glanz einer Schaumkrone, oder wenn die Wellen ihre Körper gegeneinanderwarfen wie leichtes Schwimmholz. Müdegetollt legten sie sich auf den Rücken, ließen sich von den wildspielenden Wogen treiben und sahen zu dem großen Himmel auf.

Dieser Himmel, nein, es konnte nicht derselbe sein, der auch auf die ferne Stadt blickte, auf die engbesiedelten Gegenden, wo die vielen Menschen wohnten. Das war ein anderer Himmel: herrisch, groß und wunderbar.

Sie lagen in der Sonne auf den harten Klippen und lachten einander zu.

„Und wirklich – außer dem Fischerpaar unten am Strand, lebt kein Mensch auf dieser Insel?“

„Kein Mensch, Gert.“

„Warst du schon einmal hier, Alexandra?“

„Niemals. Ich bin überall zum erstenmal und niemals wieder. – Du, wie der Wald zu uns herüberduftet!“

„Wir wollen in den Wald hineingehen? Ja?“

„Komm!“

Sie warfen die Kleider über ihre sonnensatten Glieder und wanderten in den Wald. Schweigend nahm er sie auf. Hier sank das weiße Mittagslicht in Geheimnis und Dämmerung. Große, blaue Schmetterlinge und einer, dessen Flügel purpurrot wie Blut schimmerten, lockten sie immer tiefer in die Wildnis.

„Wie Eroberer und Entdecker sind wir!“

„Ja, Gert, – alles gehört uns allein!“

„Was schimmert dort so weiß durch die Stämme, – dort, wo der rote Falter hinschwebt?“

„Wir wollen ihm folgen.“

Die Stämme teilten sich und gaben eine kleine runde Lichtung frei, ganz überwuchert von wilden Riesenfarnen, zwischen denen seltsame Blumen blühten.

Inmitten der Waldwiese lagen moosüberwuchert schlanke Säulen wie träumend hingegossen in ihr Schweigen. Über einer Marmorplatte, zu der verfallene Stufen emporführten, hielt sich auf einer Seite in starrer Neigung ein graziöser Steinbogen auf zwei grünschillernden Säulen. Der rote Schmetterling schwebte an ihnen empor und ließ sich, mit den schimmernden Flügeln wippend, am Säulendach nieder.

„Ein heidnischer Tempel, Gert!“

„O, wie alt er aussieht, – als hätte ihn ein versunkenes Jahrhundert hier vergessen! Aber keine Göttin lebt in ihm, – man hat sie geraubt.“

Alexandra trat näher. Ihre Hände glitten behutsam über die Formen des Säulenkapitäls, das vor ihr im Moose lag. Dann beugte sie sich tief über die Inschrift, die in die moosüberwucherte Marmorplatte eingegraben stand, die einmal wohl einen Altar getragen hatte.

„Der Tempel war der heidnischsten Gottheit geweiht – der Göttin der Lust,“ sagte sie.

„Der Lust?“

„Ja, – nicht wahr, das wundert dich? Später waren alle Gottheiten nur noch Götter des Schmerzes und der Verneinung. Der Altar der Lust zerfiel.“

„Wir werden ihn wieder aufrichten, ja? Wir sind die Königinnen dieser Insel und dürfen den Gott wählen, den wir wollen!“

Alexandra sah lächelnd in das Antlitz Gerts. „Nimm dich in acht! Du sprichst mit einer Heidin, in der das Blut der heidnischen Länder noch nicht still und europäisch geworden ist.“ Dann fügte sie ernster hinzu: „Nein, Gert, – niemals wieder wird man diesen Tempel aufrichten. Diese Götter sind tot – das Kreuz hat sie gemordet.“

„Götter können nicht sterben, wenn sie Götter sind – – sie können uns nur verlassen. Aber sie kommen wieder, wenn wir sie rufen. – Soll ich sie beschwören – oder hast du Angst?“

„Gert, – was meinst du damit?“

„O – ich denke nicht so viel nach! Komm, wir wollen weiter durch den Wald! Ich habe Hunger – herrlichen Hunger.“

„Kehren wir in der Fischerhütte ein. Sie werden uns köstliche Fische goldbraun im duftenden Öl dieser Insel braten, und wir werden dazu den schwarzen Wein trinken, der hier wächst!“

Als die Sonne schon tiefer stand, und das satte Violett immer siegreicher in das Blau des Meeres, in das Braun, Gold und Grün des Waldes drang und selbst die weißen Klippen mit zärtlichen Schatten umfing, saßen sie am Südhang der Insel, wo der schwarze, rauhe Wein der Fischerleute wuchs.

Gert sah in die Schatten, die über den Uferfelsen unter ihnen dunkelten.

Alexandra fragte, plötzlich aus ihren Gedanken auftauchend: „Du weißt wohl gar nicht, wie sehr dich dieses kleine, komische Fräulein Dr. Südekum geliebt hat?“

„Ich wußte es nicht immer. Ich war so sehr mit mir beschäftigt, daß ich die andern kaum bemerkte. Erst am letzten Tag, als wir Abschied nahmen, wußte ich es ganz. Ich versuchte, ihr zu erklären, warum es so gekommen war, daß ich allein sein mußte, – aber sie hat mich nicht verstanden.“

„Sie hatte das Gefühl, du hättest Verrat an ihr geübt, nicht wahr? Ja, die Menschen sehen es immer so, wenn wir uns von ihnen fort zu einer neuen Stufe unseres Weges wandeln. – Aber es tut ja auch sehr weh.“

Gert lag lang ausgestreckt auf dem Rücken und sah einer kleinen Wolke nach, die aus dem immer dunkler werdenden Himmel dem hellen Streifen im Westen zustrebte. Sie sagte: „Als das Geheimnisvolle noch still war und alle Dinge von außen in mich eingingen, da war ich oft bei ihr. Sie war wie meine alte Kinderfrau, die immer alles ordnete und an seinen Platz rückte, was ich in Zorn oder Ungeduld von mir warf. Aber später, als das Geheimnisvolle in mir zu wachsen begann, als es mich immer mehr durchdrang, – da wußte ich auf einmal, daß ich die entscheidenden Dinge nicht durch die andern lernen konnte. Sie waren vielleicht sehr alt, diese neuen Dinge in mir, denn als sie wach wurden, wußte ich, daß sie schon immer dagewesen waren, daß ich sie schon immer gewußt hatte. Dann haßte ich das Lernen.“

„Du wolltest nicht noch mehr von diesen Dingen, die nur von außen kamen ...“

„Ich wußte, daß ich nur auf die Stimme hören mußte. Ja, und da war plötzlich der Riß mit der Lehrerin. Sie wollte immer weiter Fremdes in mich hineintun, Erfahrungen und Gedanken anderer.“

„Und du wolltest jetzt nur dich erfahren!“

„Ja, das war es.“ Gert warf sich plötzlich herum und sah, den Kopf mit beiden Händen aufstützend, Alexandra in das Gesicht. „Ja, das war in den kleinsten und alltäglichen Dingen. Höre zu! Einmal sah mich die Südekum auf der Straße mit einem Herrn gehen. Sie sagte nie ein Wort darüber, obwohl es streng verboten war. Aber ich fühlte, was sie dachte. Und da haßte ich sie fast. Dennoch, – ich hätte ihr ja nie erklären können, was eigentlich war.“

„Erzähle!“

„Ja, dir will ich es sagen. Damals, – ich war so neugierig, so gespannt auf mich in allen Dingen. Es ist ja etwas ganz Alltägliches, ein junges, sehr junges Mädchen geht mit einem Mann auf der Straße, und er sagt ihr: ich liebe dich! – Du verstehst mich, wenn ich dir sage: Der Mann war mir gleichgültig. Aber ich hatte es noch nicht erlebt, und ich hatte mich noch nicht in einem solchen Geschehen erlebt, hatte mich noch nie mit einem Herrn gehen gesehen, noch nie mich erfahren, wenn einer zu mir von Liebe sprach. Nur darum war ich von den alltäglichen Dingen so voll unerhörter Erwartung. Ich konnte nicht wissen, wie ich in dieser oder jener Situation sein würde. Und ich war so brennend neugierig auf mich, – immer nur auf mich.“

Alexandra sah tief hinein in das erregte leidenschaftliche Antlitz Gerts. „Wie gut ich dich verstehe. – Viel zu gut! Aber sich selbst zu suchen ist eine gefährliche Leidenschaft!“

Gert sprach weiter, so, als müßte sie sich selbst Rechenschaft ablegen. „Darum war es so töricht, wenn man mir in jener Zeit von den Erfahrungen der anderen sprach: was sie sich über eine Sache gedacht hatten, was man sich im allgemeinen darüber denken müsse, was daraus folge – o, wie abscheulich.“

Immer erregter wurde Gert: „Natürlich ist es interessant, wie der große Winterfeldzug Napoleons ausging, oder was sich Goethe gedacht hatte, als er die Wahlverwandtschaften schrieb – aber, nicht wahr, das stand ohnehin in den Büchern aufgeschrieben? Man konnte in ihnen jeden Tag lesen, es lief nicht davon, auch dreißig Jahre später konnte man es noch lesen. Jetzt aber war ich da, und ich konnte mich jeden Tag in etwas anderem erleben und erfahren, das war jetzt da, Gegenwart, und es existierte nur, wenn man es lebte – heute lebte, – verstehst du?“

„Und was erfuhrst du, und was erlebtest du in dir?“ fragte Alexandra. Ihr dunkelgetöntes Antlitz leuchtete in der späten Sonnenstunde wie Bronze.

„Ich erlebte vor allem meinen Körper, der sich reckte und wuchs, ich entdeckte die Melodie in ihm, – ich wußte plötzlich, daß ich Tänzerin werden müsse. Ganz mich in Musik und Rhythmus auflösen – das war das einzige Ziel.“

„Und kein Du? – ich meine, keinen Mann?“

„Auch den Mann erlebte ich,“ antwortete Gert ruhig. „Oder eigentlich mich in ihm. Das war nicht er, den ich erlebte. Ich war verliebt in meine Verliebtheit, ich dachte mir nicht viel dabei. Ich verstand die anderen nie, die das so tragisch nahmen. Es war eine Erfahrung mehr an mir selber. Aber es war immer sogleich zu Ende. Wie ich erreicht hatte, was ich wollte –, war ich ernüchtert und gelangweilt. Ich konnte mich selbst nicht mehr erfahren in ihm.“

„Wie ein Knabe bist du,“ lächelte Alexandra, „dem die schönsten Frauen nur die Möglichkeit zu lieben schenken.“

„Ein Knabe,“ wiederholte Gert und sah Alexandra an, „wäre ich ein Knabe, so würde ich dich entführen!“

„Still!“ Alexandra war sehr blaß geworden. „Du sprichst törichte Dinge!“

„Erzähle mir von dir,“ bat Gert. „Du hast viel geliebt, nicht wahr?“

„Ich habe viel geliebt,“ antwortete die Bildhauerin. „Aber wieviel ich auch gab, und wenn es tausendmal mehr war, als der andere zu geben hatte, es war doch stets so, daß ich mich immer zurücknehmen konnte, daß ein Rest blieb, der keinem Menschen gehören darf, den ich nur an meine Kunst verschenken kann.“

„Dann gabst du dich doch nicht? Dann nahmst du doch nur! Wer halb gibt, gibt nichts.“

„Das hat mir noch niemand zu sagen gewagt,“ antwortete Alexandra schroff. „Ich bin eine Künstlerin und nicht dazu da, mich zu verschenken.“

„Wie hochmütig du bist und – wie arm,“ sagte Gert leise, und ihre Augen wurden ganz dunkel.

Alexandra sprang auf. „Gehen wir,“ sagte sie hart. „Es wird finster.“

Sie tranken purpurschwarzen Wein vor der kleinen verlassenen Fischerhütte, die ihnen das Fischerpaar überlassen hatte.

„Die hier lebten, sind gestorben,“ erklärte Alexandra. „Die Hütte steht seit Jahren leer.“

Sie tranken einsilbig und ließen sich dem Zauber der Nacht, in die alle Pflanzen und Bäume ihren duftenden Nachtatem hauchten, bis sie ganz schwer wurden und wie Gefahr.

Sie lagen einander so nahe im Dunkel, daß eine den Herzschlag der andern hören mußte.

Alexandra lag schlaflos und sah durch das kleine Fenster hinaus auf das Meer, auf dem grün und rot die Leuchttürme blinkten.

Warum bin ich plötzlich so verwirrt und voll Scham? dachte sie gequält. Wäre es denn Sünde, wenn wir den Traum erfüllten, das, was in unserm Lachen schwingt, das so unnütz und so schön aus unsern Gesprächen emporzuckt wie eine weiße Wolke, – was in der schweren, mittagstillen Lässigkeit unserer Glieder träumte, was mich jetzt nicht schlafen läßt – und ich weiß es, auch sie nicht.

Rein und groß wehte der Atem der Nacht durch die Fenster in den kleinen Raum.

Und weiter dachte Alexandra: Ist es nicht Gottes Jawort zu unserer Sehnsucht, daß wir schön sein würden in unserer Erfüllung, – mein brauner, sehniger Körper und ihr traumhaft weißer und schmaler? – –

„Alexandra!“ Eine Stimme rief durch das Dunkel.

„Ja?“ Wie Angst klang es gepreßt.

„Es ist so heiß hier, – ich kann nicht schlafen. Ziehen wir uns an und gehen wir in den Wald – zu dem kleinen Tempel. Es muß jetzt sehr schön dort im Mondlicht sein!“

Sie kleideten sich im Dunkel an und stiegen schweigend den steilen Felsenweg zum Walde empor. Ihre Füße sanken in den weichen Waldweg. Die Stämme der Bäume leuchteten in einem unwirklichen Licht. Und wie es ringsum duftete und atmete! Das war die Stunde des Waldes, seine lebendigste Stunde.

Schon sahen sie die weißen Säulen im Mondlicht vor sich schimmern.

Sie setzten sich auf vom Sturm geknickte Stämme und sahen schweigend umher.

Als Alexandra Gert in einer jähen Bewegung an sich ziehen wollte, machte sich diese behutsam los, stand auf und verschwand zwischen den Stämmen.

Alexandra wagte nicht zu rufen. Dann aber hielt sie den Atem an.

Eine schmale weiße Gestalt löste sich aus dem Dunkel der Bäume, ging zagend ein paar Schritte vor und warf sich emporzuckend in einen Rhythmus, der immer wilder wurde. Nun fiel das Mondlicht voll auf sie, zuckte silberbrennend auf den weißen, zarten Brüsten auf, glitt wie im Spiele abwärts zu den schmalen Hüften, koste den Schatten, der wie ein Mysterium aus dem degenschmalen Leuchten des sich immer rasender umherschnellenden Körpers dunkelte.

Gert sprang immer weiter vor. Schon tanzte sie inmitten der Wiese. Hinter ihr ragten mondbeschienen und unwirklich weiß die Säulen des Tempels. Immer wilder tanzte sie, den Kopf zurückgeworfen. Die Flut ihrer blonden Haare peitschte ihr Gesicht und Nacken, warf zuckende Schatten auf ihre Brust.

Alexandra löste jäh die Kleider von ihren Gliedern. In dem grünen Feuer des Waldlichts schien ihr brauner Körper der Gestalt einer Göttin gleich, die man nach tausendjährigem Schlaf aus einem Königsgrabe gehoben.

Langsam ging sie auf die weiße Flamme zu, die sie immer weiter lockte, bis in den Tempel.

Auf der moosbedeckten, farnenüberwachsenen Marmorplatte sanken sie nieder.

Durch die uralten Säulen ging ein Zittern, als ein Schrei zwiefacher Lust durch die Nacht drang. –

Gert schlief müde an der Brust Alexandras.

Der heiße Nachtwind koste ihre Glieder und spielte mit ihrem Haar. Alexandra sah empor zu der Nacht, die alle Sterne in ihr tiefes Blau gezwungen hatte, die großen Sterne der festlichen Nächte des Südens.

Eine leise Traurigkeit stieg aus der überreichen Schönheit ringsumher. Eine Traurigkeit, die das Herz Alexandras verwirrte.

So wunderbar sie diese Nacht beschenkt hatte, auch über sie hinaus mußte sie weitergehen! Ernst sah sie auf das gestillte Antlitz vor sich. So manches Antlitz hatte sie schon in Nächten belauscht und immer mit dem Wissen um ein Abschiednehmen.

Wie wild dieses Kind blühte! Wie maßlos wild. Aber auch für sie würde diese Nacht einmal nur eine Stufe auf ihrem Wege einer großen Liebenden sein.

Nein, an meinesgleichen leidet man nicht, dachte Alexandra und fuhr weich über das Haar der Schlafenden. Wir vermögen nur Fackeln zu entzünden. Wir sind zu fern, zu verschenkt, als daß wir einen Menschen festhalten könnten.

Inseln sind immer nur ein Traum. Man kehrt aus ihnen in das Leben der anderen zurück. Ich werde arbeiten, – ich weiß. Und ich werde vergessen.

Aber Sünde war dies nicht, dachte Alexandra, indes sie mit weichen Händen über das Haar der Schlafenden glitt. Nein, Sünde war es nicht.

Denn dies war nicht Großstadt und lasterhafte Neugierde ermüdeter Sinne. Unschuld und Urbeginn lebte in dieser Nacht. Denn einmal in Urzeiten, als die Menschheit noch jung war, da mußte es so gewesen sein: unschuldige, lösende Spiele der Mädchen auf einer Waldwiese, die noch kein Mann betreten hatte, nicht der Mann, der das Leid und die Not des Geschlechtes brachte.

Nein, Sünde war das, was die verirrten Nerven unter Bogenlampen, Geigenschwirren, Alkohol und Parfüm gaben und nahmen – auch wenn die überklugen Medizinmänner das in der Ordnung fanden.

Sünde war, wenn man sich an etwas verlor.

Meine Ehe war Sünde, dachte Alexandra, weil sie mich in Knechtschaft und Vergewaltigung zog, und Sünde war es, wenn ich mich feige törichten Gesprächen und erniedrigenden Nächten überließ, statt in meinem Atelier zu arbeiten.

Aber Sünde war es nicht, als ich Pietro, dem italienischen Fischer, gehörte, der mich wahnsinnig küßte in jener Nacht in seinem Boot, als über uns tausend Sterne brannten wie heute. Nie war ich freier als nach jener Nacht, nie sündenloser!

Wir werden beide weitergehen, dachte Alexandra, und wir werden vergessen. Wie ein Schild hielt sie diesen Gedanken vor das unerklärliche Bangen, das sie unter diesem großen sternenklaren Himmel überkommen wollte.

Denn es war so, daß immer wieder ein leises Wissen, das aus Urtiefen stieg, sie mit heißer Angst belud. Aus Urtiefen stieg es, und aus dieser Nacht wuchs es ihr zu, aus dem grenzenlosen Alleinsein mit einem geliebten Menschen unter diesem großen Himmel. Und Alexandra kämpfte gegen dieses Wissen um sich selbst.

O, sie wird auch kleinere Münze nehmen, dachte sie. Sie wird irgendeinen heiraten, den sie zu lieben glaubt, weil er ihr die Sicherheit bietet und die Erfüllung äußerer Wünsche. Und sie wird ihm von unseren trunkenen Stunden so wenig erzählen, wie von den Nächten, da sie hinausgelehnt zum Fenster zu einem unendlichen Sternenhimmel aufsah und sich wünschte, in solcher Nacht zu sterben, wie noch viele andere Dinge, die ein Mädchen niemals einem großen, vernünftigen Manne erzählt – weil sie zu unwirklich sind, zu sehr Traum.

Wieder beugte sich Alexandra tief zu dem schlafenden Antlitz vor ihr hinab, und sie flüsterte: Vielleicht werden dich einmal lieblose Fäuste nehmen, die es müde geworden sind, bezahlte Körper zu kosen, und denen deine Jugend ein letzter lasterhafter Reiz ist. Vielleicht werden Greisenfinger sich noch einmal an dir in sündiger Lust entzünden. Oder Hände, gedankenlose Hände werden dich nehmen, kühn durch den Wein des Hochzeitsmahles, Hände, die sonst Seiten in einem Kontobuch blättern.

Meine Hände aber, – Gott hat sie lieb, denn er formte sie zu einer Arbeit, die er selbst einmal in stürmischer Jugend kühn und neugierig wagte, – – damals, als er den Menschen schuf.