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Der wilde Garten

Chapter 21: Zwanzigstes Kapitel
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About This Book

A compassionate, aging teacher becomes a refuge for a solitary pupil who preserves a private notebook of treasured literary passages; when the girl’s mother destroys the book in anger, the teacher helps her process shame, resentment, and yearning for independence. Over ensuing years the teacher devotes herself to successive classes, nurturing youthful inner lives while confronting generational misunderstandings and domestic constraints. The narrative quietly examines solitude, the sustaining power of books, moral guidance, and the tension between individual longing and adult expectations.

Zwanzigstes Kapitel

So weit ist die Welt, – ich weiß gar nicht mehr, wo mein sogenanntes Daheim liegt,“ sagte Gert und dehnte den jungen nackten Körper in der Sonne. „Ich habe alles vergessen.“

Gequält sah Alexandra vor sich hin.

„Ich habe Angst,“ sagte sie leise.

„Ja, – du auch?“ Erblaßt sahen sie einander an. „Ja, – dann weißt du auch, daß es immer schwerer wird, – daß da etwas ist, was einen zwingt?“

„Gehen wir,“ bat Alexandra. Schweigend gingen sie nebeneinander durch den Wald. Durch die Eukalyptusbäume sanken tanzende Lichter auf ihre Körper, die sich nackt und frei nach den harten Umarmungen des Meeres dehnten.

Sie darf mich nicht lieben! dachte Alexandra angstvoll und gequält. Nein, alles muß ein Spiel bleiben für sie, ein seliges, heidnisches, schmerzloses Spiel. Solange bin ich die Stärkere. Denn immer war es so, daß ich es war, die stärker liebte, die den anderen Menschen nur aus Anlaß für ein großes, brennendes Gefühl nahm. Da blieb ich mein eigen, da blieb ich allein in meiner Liebe, da gab ich die Lust, die sie wollten, und nahm nur geizig und klug, was mich nicht allzusehr verwirren konnte. Und wie lächelte ich, eingehüllt in einen Mantel meines großen Gefühls, wenn sie spielten nach Menschenart, wenn sie nur das liebten an mir, was sie sahen, was ihre Sinne knechtete, aber niemals das, was ich bin, was ich werden muß. Wie fühlte ich mich sicher und gefeit in meiner großen Einsamkeit. Gert aber, – sie will mehr als die große Stunde, – will mehr als ewigjunges Spiel.

„Warum bist du so schweigsam?“ fragte Gert. „Du denkst so viel. Warum?“

„Ich habe über dich nachgedacht,“ sagte Alexandra finster.

„Und?“ Ein Lächeln flog zu ihr hinüber. „Warum wehrst du dich eigentlich so verzweifelt?“

„Ich – wogegen?“

„Daß du mit mir nicht spielen kannst, – weil ich nicht das kleine Mädchen bin, wofür du mich hieltest, Alexandra, – daß du mit uns nicht spielen kannst.“

„Ich spiele nicht.“

„Doch – du spielst! Du hast alle möglichen Theorien, ich weiß. Aber sie werden dir nicht helfen.“

„Wieso weißt du das? Kannst du in mich so tief hineinsehen?“ fragte Alexandra und sah Gert erschreckt in das Gesicht.

„Ich weiß alle Dinge aus mir, – wer sollte sie mir sagen?“ Gert lachte.

„Wir sollten nicht sprechen. Worte beladen alles, machen es schwer, wandeln es. Wir sollten lachen und uns der Stunde freuen!“ Angstvoll beschwörend klang die Stimme Alexandras.

„Glaubst du, daß wir die Stunden hindern können, in ihren großen Ernst zu wachsen?“ gab Gert zurück.

Jäh war alles verändert und die Stunden süß und schwer von einer Angst, die ihnen den Atem raubte. Wohl sprang ihr Lachen noch in den frohen Mittagsstunden weißen Wolken gleich in das Blau des Himmels, wenn sie sich in den tanzenden Wogen müde tummelten, wenn sie am harten Klippenstrand die sehnigen Körper der Sonne boten. Auch die Morgen waren in grünsilbernes Licht getaucht wie immer, brannten in den müden Farben, die ihnen die schwere Nacht verliehen hatte, der Sonne entgegen. Dann liefen Gert und Alexandra nackt, und den schweren Bann des Schlafes wie ein Kleid von sich werfend in den Wald, der sie mit seinem grünen Licht, mit dem Duft seiner tausend atmenden Münder zärtlich empfing, in den sie tauchten wie in eine muttergute Umarmung.

Nur die Abende wurden immer schwerer. Da ging so tiefes Bangen von allen Schatten aus, die sich auf die Insel senkten und alles, was klar und froh am Tage leuchtete, in immer tieferes Geheimnis hüllten. Es war, als ob alle Pflanzen und Bäume zu atmen begönnen; verwirrend und heiß schlug das Herz des Lebens den großen Stunden der Nacht entgegen.

Und noch trunkener und tiefer war es in solchen Stunden, da die Nacht herabsank zu wissen, daß sie beide allein hier lebten, fernab von allem Sein, dem sie einmal irgendwie verbunden gewesen waren, ganz allein auf dieser Insel, mit ihren Wäldern und ihrem Klippenstrand, mit ihren Riesenschmetterlingen und Raubvögeln. Und diese Insel selbst lag von Einsamkeit und Schweigen umgeben, bespült von einem Meer, das sich weiter dehnte, als man sich vorstellen konnte.

Ja, das hier war ein anderes Alleinsein als in einem noch so weit von der Welt abgeschlossenen Hause draußen in der Welt. Dort mochte man wohl auch allein sein, aber man wußte immer: wenn man nur die Laden der Fenster öffnete, so waren Menschen ringsum oder wenigstens Felder und Wiesen, die von ihrem Schweiße, ihrer Mühe erzählten. Aber hier sah nur Gottes wilde Welt ihrem Leben zu, unberührt, unverändert wie am ersten Schöpfungstage.

Am tiefsten aber war dieses Alleinsein in den Nächten, wenn sie sich im Walde betteten und um sich das Rauschen und Duften des Waldes fühlten, durch den der weiche Nachtwind den wilden Geruch des Meeres bis zu ihnen trug, wenn sie über sich durch die hohen Wipfel der Föhren und Eukalyptusbäume einen Sternenhimmel leuchten sahen, wie ihn nur diese Insel kannte.

Ja, die Nächte waren schwer, und es war vergeblich, sich gegen ihr Lied zu wehren, das unerbittlich und grausam war und jedes atmende Wesen in sein Schicksal zwang, die vielen grausen Wildkatzen in den herrlich schleichenden Gang trieb, der sie zum Mord führte, die Käuzchen mit dumpfen Rufen in ihr todbringendes Handwerk stieß, und andere wieder in Tod und Verderben sinken ließ. Die Pflanzen aber hieß das Lied, sich tief und wie horchend zum Boden hinabzubeugen und sich duftend zu verströmen. Ja, das waren die Nächte, die kein Spiel kannten und kein Wehren, die jedes Wesen zwangen, sich unter dem großen Leuchten des Himmels zu erfüllen.

Dieses Alleinsein mit der großen Nacht der Insel war es, was ihren Küssen die heiße Angst des Wissens um ihr Schicksal gab.

O, vielleicht konnte man in den großen Städten noch über heißeste Stunden ein kluges Menschenwort breiten, eine kleine Vorsicht, ein traurig wissendes Lächeln.

Hier wuchsen alle Stunden groß und fordernd in ihren urweltlichen Sinn.

Wenn die Nacht sie hieß die Arme auftun, so waren es nicht mehr die lösenden Spiele heidnischen Genießens, an die sie sich gaben. Das war das ganze Sein, Körper und Seele, was brennend zueinander drängte, Glieder, die, immer tiefere Lust suchend, sich ineinanderschlangen und den restlosen Besitz des anderen im Taumel erkämpften. Fast Schmerz wurde ihre Lust. Erfinderisch und immer überraschend waren ihre Umarmungen, die sie aneinanderzwangen wie rasende Fechter. Schmerzhaft wach und hellhörig wurden ihre Sinne in diesen Nächten wie die der Tiere, die um ihr Lager durch das Dunkel schlichen.

Sie kannten keine Erschöpfung und keine Müdigkeit. Wie eine rasende Flamme war es über sie gekommen, und immer tiefer spürten sie in Seligkeit und Angst den Sinn dieser Stunden: sich restlos und ohne Gnade aneinander verschenken zu müssen.

Wissend wurden ihre Hände und sehend. Keine Stelle war an ihren zuckenden, sich bäumenden Körpern, deren Lust sie nicht kannten, sie nicht in sehnsüchtiger Raserei zu steigern suchten. Wie Feuermale waren ihre Küsse, suchten, trafen wie Blitze im Dunkel. Und immer wilder suchten ihre Körper einander, trunken ineinandersinkend, alle Pforten des Lebens taumelnd und todesbereit geöffnet.

Und wieder, wenn sie aus der Raserei ihrer schönen, immer seliger den anderen suchenden Körper auftauchten zu einem Blick, der den anderen grüßte, brannte auf ihren Lippen das schwere, schwerste Menschenwort: Wie ich dich liebe!

Ihre Tage lebten und bangten nur mehr diesen Nächten entgegen. Sie wußten es im Schweigen der großen Nacht, daß alles Torheit und Lüge war, was nicht Liebe hieß, daß nichts gewiß und Wahrheit war als der eine Augenblick, da die Augen groß und dunkel wurden von aus Urwelten aufsteigender Angst vor der Lust. Nur an den tödlichen Ernst ihrer Küsse glaubten sie noch.

Nun wußte auch Alexandra, daß ihre Stunde gekommen war. Es war vergeblich, sich zu wehren. Das wußte sie nun. Mochte sie tausendfach mit der Lust gespielt haben und mit der Verwirrung der anderen: hier war ein Mensch, der es nicht duldete, daß sie sich klug und bewahrend hinter ihre Grenzen zurückzog. Hier war ein Mensch, der ihr dorthin folgte, wohin sich noch keiner gewagt, hinter alle Mauern und Grenzen, die ihr Egoismus gezogen hatte.

Was half alle Menschenklugheit und alles, was sie sich aufgebaut hatte, um sich zu bewahren gegen die große Gnade, sich einmal verschenken zu dürfen?

Anders standen sie nun vor dem verfallenen Tempel einer vertriebenen Göttin, die Gert trunken beschworen hatte in der einen ersten Nacht. Anders wußten sie nun die Lust. Ein neues Wissen schenkten ihnen ihre Nächte im schweigenden Walde. Ein neues Wissen, das ganz den Sinn dieses Tempels verstand. O, Lust war nicht das, was die vom Kruzifix beladenen Träume der Menschen heimlich und schamgequält suchten und mit so viel schlechtem Gewissen flohen. Lust war Schmerz auch und ein letztes banges Wissen. Ewigkeit suchte sie hoch über dem Getriebe des Tages, über das Sterben hinaus.

Denn suchte sie nicht die Ewigkeit, hätten die Menschen ihr nie einen Tempel erbaut, sondern sie nur mißbraucht wie alles, dessen Herr sie waren.

Der große Ernst der Liebe lag auf ihren Stirnen und ihren königlichen Händen, wenn sie in der ersten Stunde des sinkenden Nachmittags engverschlungen auf der Waldwiese vor dem verfallenen Tempel saßen. Ein Wissen, das eine armselige, dem Gotte der Entsagung verfallene Zeit vergessen hatte, rauschte aus den jahrhundertalten Bäumen, die aus dem Staube jener gewachsen waren, die man hier vor tausend Jahren und mehr, der Göttin der Lust geopfert hatte. Wissen um das Erfahren in den Flammen einer tödlichen Lust, das nur die Götter kannten und die Menschen, die sie segneten. Lust, die nur den andern und sich selbst will und keinem untertan ist, keinem Zweck des breiten Lebens, das sich in Gebären und Töten erfüllt, im namenlosen Reigen der den Gesetzen untertanen Kreaturen. Sie aber, die Lieblinge der Götter, Menschen einer versunkenen Zeit, aus der nur noch einige verfallene Tempel kündeten, was sie gewesen, sie hatten die Himmel der Götter stürmend den Ring zerbrochen, der sie an das dumpfe Müssen und Leiden der anderen Kreaturen binden wollte, und waren den Göttern gleich geworden, die der Natur nicht dienten, – die ihre Herren waren.

Sie hatten auch gelitten, diese Menschen einer Zeit, da noch die Opferflammen auf allen Altären rauchten. So flüsterten die edlen Bäume der Waldwiese. Es war falsch, was die unter einem grauen Himmel lebenden Kinder späterer Zeiten aus der makellosen lichten Schönheit der Götterstatuen zu lesen glaubten.

Aber wie ihre Götter hatten jene Menschen gelitten. Nicht am schlechten Gewissen, nicht an der Scham.

Und hier im grünen Dämmern der Waldwiese, hier vor dem verfallenen Tempel, vor dem sie selbst erschienen, wie aus tausendjährigen Gräbern auferstanden, war es Alexandra, die zuerst das schwere Wort wagte: „Was soll mit uns geschehen? Können wir einander lassen und wieder zurückgeben an die Welt der anderen?“

Aber kaum, da sie diese Worte gesprochen hatte, erschrak sie, und noch einmal rauschte der Hochmut durch ihr Blut, der sie geformt und geführt hatte, der es nicht dulden wollte, daß sie sich der Liebe beugte. Er hatte auf ihre Lippen immer wieder das Wort gezwungen: Ich bin überall zum erstenmal und niemals wieder.

Und während sie sich erblaßt über Gert beugte und ihr in das Antlitz sah, dachte sie gehetzt in einer letzten, feigen Hoffnung auf Flucht: Sie wird mich rasch vergessen in der großen Stadt! Sie ist so jung, und ich bin viel zu schwer für sie. Ja, sie wird mich vergessen, und ich werde frei sein und mich zurücknehmen dürfen. Nur ihre Liebe ist meine tödliche Gefahr: wenn sie mich losläßt – bin ich frei!

Aber da sah sie die fordernde Flamme dieser jungen Augen über sich und vernahm das wilde peitschende Wort: „Überall wird die Insel sein, wo wir sind!“

Und in einer unsagbaren Erschütterung, in der alles versank, sagte Alexandra mit blassen Lippen: „Wir gehören nicht mehr uns – wir gehören einander.“

*

Es war nicht Wirklichkeit, und es konnte gar nicht Wirklichkeit sein, daß sie die Insel verlassen mußten.

Seltsam war die letzte Nacht, die ihnen der Wald schenkte.

Nach einer Umarmung, deren rasende Lust ihre Lider schloß, als könnten sie sie nie mehr auftun, sanken sie, Herzschlag an Herzschlag und Atem in Atem, in einen Schlaf, der ihre Körper tiefer aneinanderband als jeder stöhnende Kampf der Liebe.

Oft schon waren sie so nebeneinander hingestreckt in dämmernden Morgenstunden in das dumpfe Reich des Nichtmehrwissens hinübergesunken.

Aber dies war anders. Mit allen Sinnen, die nur ganz leise eine selige Betäubung einhüllte, fühlten sie sich ineinandergeschlungen, in einer Stille, die sie ganz bezwang. Nichts Tieferes, nichts Endgültigeres hatte die Erde zu verschenken als diesen gemeinsamen Schlaf, in den sie sich wie in eine einzige Umarmung betteten, der sie einander unlösbar verband wie ein gemeinsamer Tod.

Als sie sich am nächsten Tage von der Insel lösten und im Zuge die vielen fremden Landschaften an sich vorbeifliegen sahen, lächelten sie einander zu: Überall wird die Insel sein, wo wir sind!

*

Als der Wagen vor dem Hause der Eltern Gerts hielt, das mitten in der Hauptstraße lag, schlug Musik an ihr Ohr, und sie wandten sich beide nach der Richtung, woher sie kam.

Langsam, feierlich gemessen, zog ein Leichenzug einher.

Mit blauweißen Bändern war der Sarg geschmückt.

Ein Mädchen?

Sie blieben stehen und ließen den Zug an sich vorüber.

Fast erschreckt schmiegten sie sich in das Haustor: Hinter dem Wagen ging Fräulein Dr. Hanna Südekum. – Aber sie hatte sie schon gesehen! Schweigend grüßte sie.

„Sollte es eine aus meiner Klasse sein?“ fragte Gert erschreckt.

„Wer ist der Herr, der neben der Südekum geht – er sieht furchtbar aus?“

Nun sah ihn auch Gert. „Das ist doch Dr. Klempner, der Schularzt.“

Aber wie verändert er aussah! Nein, das war nicht mehr der Mann, den sie damals alle ein wenig gefürchtet hatten, wegen seiner Grobheit, wegen seines Zynismus! Müde und schleppenden Ganges ging er neben dem kleinen Fräulein hinter dem Sarg, und seine Augen sahen aus dem verwüsteten aschgrauen Gesicht wie kleine rotgeränderte Wunden.

„Das muß doch ihn angehen!“ sagte Alexandra. „Hat er denn Kinder?“

„Ich weiß es nicht,“ antwortete Gert und bot Alexandra abschiednehmend die Hand.

„Auf morgen!“

„Du!“