Alexandra trank in durstigen Zügen ein großes Glas schwarzen Kaffees. Ihr dunkelgetöntes Antlitz trug die Spuren der verwachten Nacht wie ihre Hände, deren bläuliche Adern hervortraten.
Aber ihre Augen blitzten.
Wie hatte diese Nacht, die erste Nacht nach der Heimkehr, sie begnadet! Ringsumher am Boden lagen Blätter mit Skizzen und Studien, Tonfiguren türmten sich übereinander auf ihrem Arbeitstisch, und der große unbehauene Block, der jahrelang verträumt an der Stirnwand des Ateliers gelegen hatte, und an den sie sich nie herangewagt hatte, wies schon die Spuren eines schöpferischen Gedankens, zu dem er erwachen sollte.
Alexandra stieg die Stufen empor zu dem breiten Fenster und sah hinaus. Nun durfte sie sich ein Atemholen gönnen, nun war es gewiß, daß ihr Werk wurde. O, ein Werk, das anders, tausendmal anders war als alles, was sie je gesucht und geformt hatte! Sie fühlte es: Gott selbst führte ihre Hände, da sie ihm nicht länger widerstand.
Und lächelnd sann sie, indes sie voll Zärtlichkeit ihre Hände betrachtete, die heute nacht so selig erfüllten Dienst am Steine tun durften: o, wie töricht ich war! Wie alle, die kalten Herzens sind, erbaute ich mir eine Weltanschauung aus Feigheit und Egoismus. Bewahren wollte ich mich um jeden Preis. Wie einen Schild habe ich meine Kunst vor mich gehalten und glaubte, daß ich mein Letztes nicht an die Liebe geben dürfe, daß ich mich bewahren müsse, weil ich das Werk wollte. Aber das Werk wollte mich nicht, es blieb klein und arm, weil ich es nur in den kalten Nebeln meines Hochmuts wachsen ließ, weil ich mich vergewaltigte und Gott die einzige große Menschenaufgabe schuldig blieb: das, was er mich werden ließ, einem anderen seiner Geschöpfe zu geben.
Heute weiß ich, daß auch das Werk Torheit und Feigheit ist, wenn es nur dazu dienen soll, uns vor dem Leben zu beschützen, wenn wir uns hinter ihm verbergen wollen vor dem brennenden Rufe der Liebe.
Wie töricht ich war! sann Alexandra, und ein großes Lächeln stand in ihrem Gesicht. Wie bewunderte ich sie alle, die Überklugen und Kaltherzigen, die uns die Welt zerlegen und ihr Triebwerk freizulegen suchen, wie es Kinder mit einem Spielzeug tun! Angst haben sie alle, wie ich Angst hatte, die große Angst, sich verschenken zu müssen, sich loszulassen. So erbaute uns der Hochmut goldene Türme. Von ihnen aus glaubten wir weiter sehen zu können als andere. O, wie ich sie bewunderte, die den Kleinmut ihres Herzens zur Askese verklärten!
Ich Törin, die ich mich für zu gut, zu klug und zu überlegen für die Liebe hielt, nur weil mir Gott die Gnade gegeben hatte, in Stein von seiner Schönheit zu künden. Aber auch Gott gab sein Ich in Liebe auf, als er die Welt schuf, und Gotteskindschaft ist: gleich ihm sich zu verschenken.
Ungeduldig blickte Alexandra zur Türe, an die es schon mehrmals geklopft hatte. Wer konnte jetzt kommen? Es wußte doch kein Mensch, daß sie zurückgekehrt war, und Gert kam erst nachmittag. Bis dahin wollte sie mit ihrer Arbeit so weit sein, daß sie der Geliebten schon etwas von dem zeigen konnte, was aus ihren Stunden gewachsen war.
Die Türe öffnete sich, und durch sie schob sich die zarte Gestalt des kleinen Fräuleins Südekum.
Alexandra sprang die Stufen herab und ging ihr entgegen. Mein Gott! wie mager die Arme geworden war! Und wie gealtert sie aussah!
„Ich sah Sie gestern,“ begann das kleine Fräulein befangen, „als Sie Gert heimbrachten – ich – ich wollte, – nein, wie braungebrannt Sie sind!“
„Ja, es war seltsam, wie wir uns wiedersahen! Sie gingen hinter einem Leichenzug. Eine Schülerin Ihrer Anstalt, nicht wahr? Ja, das gehört so zu Ihren Pflichten.“
„Nein, keine Schülerin der Anstalt,“ sagte das kleine Fräulein und seine Augen füllten sich mit Tränen, „die kleine Martha vom Primarius Klempner.“
„Das ist der Schularzt – der Mann, der neben Ihnen ging?“
„Ja, – ich liebte dieses Kind sehr – fünfzehn Jahre war es alt. Aber das ist eine lange und traurige Geschichte. Ich weiß jetzt nur noch lange traurige Geschichten.“
„O, Sie meinen Ihren kleinen Schüler, – den Erwin ... ich weiß. Ja, das hat mich sehr ergriffen.“
„Und der Kanzler ahnt nichts von der großen Liebe dieses Knaben, von seiner törichten, leidvollen Opferung,“ sagte die Lehrerin leise. „Erwin nahm sein Geheimnis mit ins Grab. Niemals wird der Kanzler wissen, daß der Knabe bei der Tänzerin war, die den Kanzler verspottete und betrog, und diese Frau wohl ein sehr böses Wort gesagt haben muß, daß der Knabe meinte, nur durch das Opfer seiner Tat den Kanzler befreien zu können.“
„Und Sie zweifeln noch immer, daß Eros auch diesen Weg führt, Frau Lehrerin?“ fragte Alexandra plötzlich.
Das kleine Fräulein wurde sehr blaß. „Erwin liebte den Kanzler aus der Ferne – groß und heilig – ohne Begierde. – Sie aber – Sie haben Gert verführt.“
„O, nun beginnen Sie mit dem dummen Krämerwort von der Verführung,“ lächelte Alexandra. „Als gäbe es das, daß nur einer von zwei Menschen weiß und dem anderen dann davon erzählt wie von einer Geheimlehre.“ Plötzlich wurde sie ernst. „Nein, Fräulein Doktor, – das ist ganz anders. Wenn das groß und bezwingend in zwei Menschen aufsteht, dann gibt es keine Verführung – dann wissen und wollen beide, und kämen sie urwaldgeboren aus tausend Einsamkeiten aufeinander losgestürzt.“
Das kleine Fräulein trat ganz nahe an Alexandra heran. Wahnwitziger Haß verzerrte plötzlich sein Gesicht. „Eure Liebe ist sinnlos,“ sagte sie schneidend, „weil sie nur Lust ist – weil sie –“ sie lachte gellend auf – „Gert wird kein Kind von Ihnen haben!“ – keuchend sah sie der anderen ins Gesicht.
Alexandra war ein wenig blasser geworden, aber sie sprach ruhig, als rede sie einem kranken Kinde zu: „Sie wird kein Kind von mir haben, so wenig, als ich eines von dem Manne habe, den ich wirklich liebte. Aber Sie werden mich nicht zwingen zu glauben, daß der einzige Sinn menschlicher Liebe die Fortpflanzung sei. Sonst gäbe es ja nur Zuchtwahl nach den Gesetzen der Gattung und nicht diese menschengöttliche Sehnsucht nach einem persönlichen Glück. Nein, Sie werden mich nicht glauben machen, daß die Not unserer Herzen und der Rausch des Glückes, den die Liebe schenkt, nur Mittel zum Zweck sei, nur die Belohnung dafür, daß wir den Gattungswillen erfüllen. Oder glauben Sie wirklich, daß wir nur wie die Tiere sind, die ein blinder Trieb in gewissen Zeiten zueinandertreibt, damit die Art sich fortpflanze? Dann freilich hätten Sie recht, die Sie sich eine Idealistin nennen, wenn Sie unsere Liebe sinnlos schimpfen, dann wäre oberstes Gesetz die Moral der Militärstaaten, die neues ‚Material‘ brauchen und alles verbieten müssen, was nicht diesem Zwecke dient.“
„Der Sinn jeder Liebe ist das Kind,“ beharrte Fräulein Südekum.
„Dann ist die Passion aller großen Liebenden sinnlos gewesen, Fräulein Dr. Südekum,“ sagte Alexandra lächelnd. „Sie alle zeugten nicht, deren Namen und großes Lieben uns die Geschichte aufbewahrt hat, nicht Dante und Beatrice – nicht Tristan und Isolde – nicht Abälard und Heloise, und wie sie alle heißen, die den Glanz ihrer Leidenschaft durch die Jahrhunderte sandten.“
„Aber es ist Unnatur,“ sagte das kleine Fräulein leise und verächtlich.
„Auch vor diesem Worte erschrecke ich nicht,“ lächelte Alexandra. „Wo beginnt Unnatur, und wo hört sie auf? Haben Sie nicht gerade festzustellen versucht, daß jede Liebe unnatürlich und sinnlos sei, die nicht der Gattung dient, und ist es nicht auch in einem gewissen Sinne Unnatur, wenn Wagner im Banne seiner grande passion ‚Tristan und Isolde‘ schrieb, statt wie Herr Meyer im Sinne der Bibel seine Pflicht zu erfüllen? O, Fräulein Doktor – wozu läßt man euch Akademikerinnen eigentlich so viel lernen, wozu lernt ihr die alten Sprachen und hört Vorlesungen über große Kulturen, die vor tausend Jahren und mehr reicher, hundertmal reicher blühten als die unseren? Wenn ihr nicht einmal das lernt? Wenn ihr nicht wißt, was der hellenischen Welt, der Kunst Ägyptens und Babylons die unerhörte Größe gab, die wir um des Kreuzes willen nie erreichen werden: daß die alten Völker des Ostens den Mut zur Lust hatten, zum Sichselbsterfahren, zu sich selbst. Aber unsere Zeit ist so voll schlechten Gewissens, daß ihre Menschen immer eine Entschuldigung für die Lust suchen. Lieber stellen sie sich dem Tiere gleich unter das Gesetz des Zweckes, als die Lust mit dem Götterrecht der Menschen zu nehmen.“
Das kleine Fräulein trippelte im Atelier auf und ab: Ach, es war ja sinnlos, weiterzusprechen. Hier kämpften ja nicht Anschauungen gegen Anschauungen. Hier stand ihrer Angst und ihrem Gefühle, irgendwie beraubt und gedemütigt worden zu sein, der große Wille der Leidenschaft gegenüber.
„Und was wird nun werden?“ fragte Fräulein Dr. Hanna Südekum.
Alexandra sah zum Fenster hinaus. Ihre Stimme klang noch tiefer: „Ich weiß es nicht. Sie werden uns verfolgen und schlagen, wie es jeder großen Liebe geschieht, die sich nicht in das Getriebe der Nützlichkeit einordnen läßt. Aber sie werden es nicht ändern können, daß wir uns grenzenlos aneinander erfüllen. Nein, das werden sie nicht. Aber sonst weiß ich nichts, Frau Doktor – gar nichts mehr. Ich habe mich beugen gelernt. Ich liebe mein Schicksal.“
„Leben Sie wohl,“ sagte das kleine Fräulein. Ihr Haß war plötzlich in sich zusammengesunken. Nein, sie verstand nichts, gar nichts von diesem allen – aber das spürte sie, daß hier der große Ernst der Leidenschaft einen Menschen gewandelt hatte.
„Wohin gehen Sie?“ fragte Alexandra.
Die Lehrerin hatte plötzlich ein kleines, trauriges Lächeln um den Mund. „Wie es nun einmal meine Aufgabe ist – ich werde am Wege einer anderen Schülerin stehen. Gestern, – ja, da war ich bei einem Begräbnis – und heute: ich gehe zu einer Trauung.“
„Zu einer Trauung?“
„Ja, die ältere Schwester der Kobinger heiratet; sie war einmal meine Schülerin. Einen sehr interessanten Menschen, einen Altertumsforscher heiratet sie, der das ganze Jahr in der Welt herumreist und bei allen großen Ausgrabungen dabei ist.“
„Fräulein Doktor – seien Sie mir nicht böse, – aber wollen Sie mich nicht mitnehmen? Ich bin gleich umgezogen, – ich –“ ganz leise sagte sie es: „Ich möchte es sehen, wie ein anderer Mensch den geraden, breiten Weg zum Glück findet.“
Und dann standen sie beide in der vom Orgelbrausen erfüllten Kirche. Alle waren sie gekommen, um das große Erlebnis mitzufeiern, die Mädchen der letzten Maturaklasse und auch einige, die noch in die niedrigeren Klassen gingen. Herta Kobinger und Lizzie Ebbinghaus waren Kranzeldamen, auch Grete Erb und Käte Bilwein. Und dort, – Fräulein Dr. Südekum tat plötzlich das Herz so weh. Dort stand auch Gert. Wie weiß und licht sie heute aussah, wie eine Braut! Fräulein Dr. Südekum sah sich scheu nach Alexandra um, aber die hielt ihr Antlitz abgewandt.
Dann sah man nur noch die Braut. Wie lieblich sie war, ganz so, wie sie die Maler seit Jahrhunderten immer wieder auf ihren Bildern zeigten, scheu und schamvoll, in eine große Erwartung versunken. Und die vielen Blumen in ihren Armen! Und das Orgelbrausen.
Die Lehrerin stand in der Kirchentür, als das junge Paar nach der Trauung hinausging. Hinter ihm ging Gert mit einem Herrn.
Und jetzt: das kleine Fräulein sank in sich zusammen vor jähem Erschrecken. Nun hatte sie gesehen, wie Gert das Antlitz emporhob und den Blick Alexandras suchte über all die Köpfe der vielen Leute hinweg, und sie sah den stahlharten Stolz wissender Liebe in diesem Blick und eine tolle Verheißung.
*
Am Abend dieses Tages wanderte das kleine Fräulein von einem Besuche bei Nowotnys heim. Das Ehepaar war diesmal nur auf kurze Zeit auf Ferien gewesen und nicht im Süden. „Wir sind in die Berge gegangen,“ erklärte Frau Nowotny. „Der Süden ist ja sehr schön, aber doch fremd. Man reist dort so unbequem und bekommt nie sein gewohntes Essen.“
Dort, wo die Straße, in der Nowotnys wohnten, um die Ecke bog, dort lag die Teestube, in der das kleine Fräulein damals mit Alexandra gewesen war, an jenem ersten Abend. Das schläfrige Spiel eines Klaviers drang heraus. Eigentlich wollte sie noch nicht schlafengehen. Wenn sie für ein halbes Stündchen hineinginge? Es tat so gut unter fremden Menschen zu sitzen, die einen nichts angingen, und einer Musik zu lauschen, die einen ebensowenig anging.
So setzte sich die Lehrerin in eine Ecke und trank Tee. Ringsumher saßen müde Menschen, die sich hier nach des Tages Arbeit stärkten, einige wüst aussehende Männer auch, denen es anscheinend mehr um den Rum als um den Tee zu tun war, und die sich laut unterhielten.
Fräulein Dr. Südekum war so in ihre Gedanken versunken, daß sie es gar nicht merkte, wie ein Mann müde schleppenden Schrittes, den Rockkragen hochgeschlagen und den Hut tief in der Stirne, eintrat, inmitten des raucherfüllten Raumes stehenblieb, stutzte und dann auf ihren Tisch zukam.
Erst als er vor ihr stand, erkannte sie ihn: „O, Dr. Klempner!“
„Was machen Sie hier?“ fragte er und setzte mit einem Lachen hinzu: „Auch saufen?“
Scharfer Branntweindunst schlug ihr entgegen, als er sich neben ihr niederließ. Er streckte die Beine von sich und tat beide Hände in die Hosentaschen. „Ja, saufen ist immer gut,“ sagte er. „Nur – soviel Alkohol gibt es gar nicht, daß man nicht denken müßte ...“
„Ich kenne das nicht,“ sagte sie mit einem scheuen Blick auf ihn – „ich meine, daß man trinkt. Aber ich verstehe wohl, daß man irgendwohin davonlaufen möchte, – ich – ich auch ...“
„Ja, das glaube ich,“ sagte er, und der starre Zug in seinem Antlitz löste sich. „Sie haben es nicht leicht – o nein, ich weiß, – vielleicht sogar verteufelt schwer.“
„Zu schwer,“ sagte sie und hatte plötzlich das Verlangen zu sprechen. Vor der Nachbarschaft dieses großen verwüstenden Schmerzes gab es keine Scham.
„Sprechen Sie,“ bat er, „vielleicht ist es besser als dieser verdammte Schnaps – ich möchte so gern – nur für eine halbe Stunde – wo anders sein!“
„In zwei Monaten beginnt die Schule wieder,“ sagte sie. „Ja, und ich frage mich nur, wie das werden soll. Denn, Herr Doktor, – wir haben einmal viel über alle diese Dinge gesprochen – als ich noch nicht wußte, – als ich es nicht so von mir selbst wußte.“
„Und als ich verbrecherisch wenig verstand, – ja!“ sagte er schwer.
„Ja, – damals setzten wir Theorie gegen Theorie, nicht wahr? Heute, – ich habe keine Theorien mehr, Herr Doktor. Aber, ich weiß viel. Ich habe tief in mich hineingesehen und erkannt, wie verzweifelt ich oft vor mir log. – Es gibt Dinge, es hilft nicht, daß man sagt, sie existieren nicht. In jedem von uns steht das einmal auf, – ja, das weiß ich nun. In dem einen früher, in dem andern später.“
„Ja,“ nickte er. „So sind auch Sie dorthin gekommen. Es fragt sich nur, welchen Preis Sie dafür bezahlt haben. – Meiner war ein bißchen hoch, – wie?“
„Ich kann nicht mehr Lehrerin sein!“ brach sie plötzlich los. „Nein, das kann ich nicht mehr. In diesem letzten Jahr, Herr Doktor – es stiegen Gewalten in mir auf, – ich habe sie vergeblich in Lüge und Abscheu niedergerungen, sie haben mich doch verwandelt. Ich habe nicht mehr das unbedingte Ja und Nein, das man haben muß, wenn man die Jugend führen will. Ich weiß um Verwirrung und Schuld – ich weiß, daß die Versuchung nicht immer nur Blendwerk der Hölle ist, vor dem man sich so leicht für den geraden lichten Weg zur Tugend entscheiden kann. Ich weiß, daß unser Herz, ja, das Heiligste in uns, uns dorthin verlocken kann, wo man schuldig wird. Und darum – ich will meinen Abschied nehmen. Die Schule braucht Menschen, die sich nicht verwirren lassen, die ein Ja haben und ein Nein, und nicht wie ich ein wehes Wissen zwischen beiden.“
„Und das glauben Sie wirklich?“ fragte der Arzt, und sein Gesicht wurde plötzlich ganz klar und ernst. „Den Selbstgefälligen möchten Sie die Kinder anvertrauen, ihnen, die nie strauchelten, die um keine Not wissen, die nur Theorien haben, geboren aus einem kalten Herzen und einem kalten Verstande? Und,“ ganz heiser wurde nun die Stimme und schwer von Tränen, „glauben Sie nicht, daß wir die kleine Martha gestern nicht hätten in die kalte Erde versenken müssen, – wenn, – wenn ich ein wenig von der Sehnsucht verstanden hätte, die damals meine Frau vor meiner Härte zu einem anderen trieb? – Nein, Frau Lehrerin, ich bitte Sie, bei dem bitteren Sterben meines kleinen Mädchens, – bleiben Sie der Jugend treu! Gerade Sie, Sie werden helfen können. Jetzt, – weil Sie die heiße Not selbst kennen, weil Sie nicht mehr zu den Selbstgerechten gehören werden. Glauben Sie mir: nur wer selbst schuldig wurde, kann führen. Und ein anderes noch, mein kleines Fräulein mit dem wehen, verwirrten Herzen, – glauben Sie einem, der die furchtbarste Sünde auf sich geladen hat, der die Liebe in sich vergewaltigte, glauben Sie ihm!“ Mit beiden Händen umschloß er die ihren und tief sah er hinein in die Augen des alternden Fräuleins, die sich mit Tränen füllten.
„Der wilde Garten der Jugend braucht Liebe, – immer nur Liebe, Frau Lehrerin! Und wenn eine zu früh und zu wild sich dem Sommer entgegendehnt – lieben Sie sie, und wenn sie strauchelt, lieben Sie sie. Nicht alle blühen unter demselben Gesetz, und was für die eine Schuld und Sünde ist, kann für die andere Befreiung und Wachsen sein. Wir wissen nichts, – wir können sie nur lieben und geben ihnen damit das, was nur die Sonne den Blumen geben kann: daß sie nicht im Schatten schief und winklig werden, daß sie sich nicht aus dem Leben flüchten wie aus einem Spiel, das zu weh tut, – daß sie sie selbst werden!“
Schwerfällig erhob er sich, aber er ließ die Hände des kleinen Fräuleins nicht los: „Versprechen Sie mir, daß Sie dem wilden Garten treu bleiben?“ fragte er, und eine steile Falte stand zwischen seinen Brauen.
Da senkte das Fräulein den Kopf und nickte leise.