Es mag sein, daß die Jahre gleichmäßig und ohne Unterschied dahingleiten, wenn man allein lebt oder nur mit Erwachsenen, mit Fertigen und Abgeschlossenen. Nur wer mit Kindern lebt, weiß, welch drängende Fülle in einem Jahre beschlossen ist. Stille steht die Zeit nur für sie, die nicht mehr wachsen.
Die Erwachsenen, die manchmal, über die Gartenmauer blickend, die Schülerinnen in Zweierreihen spazierengehen sahen, mochten vielleicht denken: alle sind gleich. Denn die Erwachsenen sehen meist nur die Unterschiede, die ihre Sucht sich zu überheben geschaffen hat: Rang, Geburt, Stellung, Geld. Aber der Blick für die Verschiedenheit innerer Schicksale, ererbter Anlagen, Schicksalsprädestinationen ist ihnen verlorengegangen.
Aber die Lehrerin wußte. Da war Lizzie Ebbinghaus, die Eitle, die sich schon mit Bändern putzte, eingelerntes Lächeln wies und eine erstaunliche Fertigkeit, alles spitzbübisch von den Erwachsenen zu erbetteln. Erika Meyer, die Stolze, schon beleidigt, ehe sie ihren Wunsch ausgesprochen hatte, stets bereit, jede Sehnsucht schamhaft zu verleugnen, sie, die nicht bitten konnte. Alles sollte ihr in den Schoß fallen, weil sie zu gehemmt war, um ihre Wünsche zu zeigen. Auch Herta Kobinger, die Ehrgeizige, die immer nur glänzen, andere übertrumpfen wollte, erriet die Lehrerin, Käte Bilwein, die Empfindsame, auch, die sehr leicht in Tränen ausbrach, und doch nicht fähig war, sich in einen anderen zu denken, ihm ein Opfer zu bringen, sondern immer nur auf ihr eigenes, leicht verletzbares Gemüt bedacht war. Grete Erb aber nannte sie heimlich die Machtlüsterne, weil sie nur Freundinnen hatte, um sie zu beherrschen, eifersüchtig keine andere Bindung duldend, weil sie Geheimverbände gründete, als deren Anführerin sie gelten wollte. Da war manche, die sich wild und verzweifelt gegen sich selbst wehrte, und sich doch immer tiefer in sich verstrickte, gestoßen und gepeitscht von dem Ich eines vergangenen Seins, das in ihr nach geheimnisvollen Gesetzen wieder auferstand. In tausend Facetten brach sich das Licht werdenden Menschseins.
Und wie verschieden die Mädchen im Unterricht waren! Geographie und Geschichte lehrte Fräulein Dr. Südekum. Da gab es manche, die gequält und leiernd die großen Ereignisse der Geschichte heruntersagten und nur aufblühten zu Verstehen und leidenschaftlicher Teilnahme, wenn von fernen Ländern gesprochen wurde, Gebirgszügen, Flüssen und Meeren. Andere wieder, denen Länder und Städte nur Namen waren, Farbflecken und Ringlein auf schwer entzifferbaren Landkarten, und die sich leidenschaftlich an die Berichte von großen Menschen und großen Schicksalen gaben, plötzlich in stockenden Fragen tiefe Deutung und heimlichste Verwandtschaft zu toten Schicksalen offenbarend. Es gab Mädchen, die mit weit aufgerissenen Augen und geöffnetem Munde dasaßen und so schwer, so schwer verstanden, immer von der Angst gequält, ein Wort zu verlieren, und damit den so schwer verständlichen Zusammenhang. Andere wieder, denen alles gleichgültig war außer Noten, die im Lernen nur lästige Arbeit sahen, mit der man Lob heimste oder Unannehmlichkeiten. Andere wieder, denen nichts genug war, die immer wieder fragten, tiefer forschten.
Freilich: alle diese Unterschiede waren nur wirklich bis zu der einen Zeit, die alle wandelte. Schon äußerlich: dunkle, schwermütige Schatten um helle Kinderaugen legte, ihren Gebärden erste schmachtende Weichheit lieh, tiefe Blässe um junge Stirnen legte. Die Macht, die leise und lautlos in die Klasse brach, wie böser Zauber in eine Herde, wie sengender Wind in weiße ziehende Sommerwolken. Sie drängte die Mädchen in einem gemeinsamen rätselhaften Schicksal aneinander, verwischte langsam und erschreckend die Unterschiede, die vordem bestanden hatten. Sie nahm den Kindern, die noch vor Wochen jedes eine Welt für sich gewesen waren, die Eigenart, pflügte sie hart wie rauhe Erde zu gleichmäßigen Ackerschollen, alle aufgetan dem einen.
Sooft schon hatte die Lehrerin dieses erlebt und erschrak doch immer wieder vor dem Unabwendbaren, das die erste Musik des großen Abschiednehmens war. Musik dennoch, denn so dunkel und quälend die Melodie ersten Leidens in diese Tage sank, die Lehrerin war nicht blind für die Anmut erster Verwirrung und Scham, die in diesen Tagen bebte, für die erlösende Musik aufspringenden Lachens, für den Überschwang froher Reigen und die Verträumtheit erster Sehnsucht.
Wieder geschah es, daß sie ihre Schülerinnen in flüsternder leiser Unterhaltung im Parke fand, in Gesprächen, die jäh in wortlose Umarmungen, Lachen und Tränen mündeten. Sie erschrak, wenn die Schülerinnen während eines Vortrages einander errötend ansahen und bei einem Worte, dessen Beziehung zu verwirrenden Dingen Fräulein Dr. Südekum unbekannt war, ein Kichern aufflog, in dem erstes Wissen bebte. Wenn die Mädchen einer huldigten und dienten, deren Wuchs schon über die herbe Strenge des schmalen Kinderleibes in erste, zaghaft angedeutete Formen gefunden hatte, wenn sie Mädchen dabei betraf, wie sie ihren, der Lehrerin, Namen auf Butterbroten aßen oder sich ihn mit Nadeln in die dünnen Arme ritzten, wenn sie namenlose stammelnde Briefe in der Lade ihres Pultes fand. Wenn sie all den absonderlichen, rührenden und lächerlichen Dingen begegnete, in denen sich das kommende Weibesschicksal spielerisch anmeldete.
Am tiefsten aber entsetzte sich Fräulein Dr. Südekum über Gertrud, über dieses Kind, das ihrem Herzen so nahestand wie keines. Selbst die äußere Wandlung erfüllte sie mit Bangen. War diese Ungeschicklichkeit der Bewegungen, das unregelmäßig Derbe des Gesichtes, die Unfähigkeit, frei und ungehemmt sich geben zu können, all das Verneinte und Gehemmte an diesem Kinde nicht das gewesen, was dieses in Not und Wirrnis an ihr Herz getrieben hatte? Aber nun erblühten aus dem sich reckenden biegsamen Körper Gebärden edlen und bewußten Ausdrucks, schien das Gesicht schmal geglüht von einer Flamme, die diesen Körper zu dehnen, zu verbrennen schien, von einer Flamme, die oft jäh und rätselhaft aus Gertruds Augen blickte.
Sie, die immer am leidenschaftlichsten gefragt hatte, deren loderndes Mitgehen den Vortrag der Lehrerin bis zur seligsten Preisgabe beschwingt hatte, saß nun teilnahmslos unter den Schülerinnen, und wenn Fräulein Dr. Südekum sie zu einer Antwort aufrief, traf sie ein dunkler Blick aus Fernen, von denen die Träumende heimkehrte, mit stockenden Worten verratend, daß sie dem Vortrag nicht gefolgt war. Dies war in letzter Zeit sooft geschehen, daß die Lehrerin einmal erzürnt auffuhr und fragte: „An was dachtest du denn?“
Und das erschreckte Mädchen sagte dunkelrot erglühend: „Ich weiß es nicht!“
Auch Gertrud war wie die anderen, ganz ausgelöscht von dem heißen Werden, das nun in dem jungen Körper wühlte, alles verwischte, was früher Eigenart und Besonderheit an ihr gewesen war? Und schmerzlich dachte die Lehrerin: selbst ihren Namen hat sie nicht beibehalten. Sie will nicht mehr Gertrud heißen. Gert rufen sie die Freundinnen jetzt.
Und immer seltener war es, daß Gert zu der Lehrerin kam, daß sie das Verlangen hatte, über den zuteil gewordenen Vortrag über ein Thema hinaus noch Besonderes zu erfahren, was Antwort auf ihre eigensten Fragen geben sollte. Immer seltener, daß Gert den Wunsch hatte, über die Dinge ihres Daheim, über Sorgen und Ahnungen, die sie quälten, mit der Lehrerin zu sprechen. Kam sie aber dann doch einmal, dann schien sie oft zerstreut und befangen, ein andermal wieder rätselhaft unruhig und gepeitscht.
In diese Tage seltsamer und verwirrender Wandlung, da der Märzwind durch die Straßen fegte, und an trüben, regnerischen Tagen die Blumenhändlerinnen erste Veilchen feilboten, trat ein Ereignis, das für einige Wochen einen dunklen Cellostrich in die klingende Musik des Vorfrühlings wob.
Es fiel in diesem Jahre nicht mehr so auf wie früher, wenn ein Mädchen einige Tage der Schule fernblieb. Ja, es gab Mädchen, die aus dem seltsamen Verlangen, jenen gleich zu sein, die oft über Kopfweh klagend und blaß in einer Bank saßen und errötend erklärten, an der Turnstunde nicht teilnehmen zu wollen, Essig tranken und mit Kohle dunkle Schatten unter die Augen malten, um diesen Mädchen ähnlich zu sein. So war es auch nicht weiter aufgefallen, daß Frida Glatzer, die Vorzugsschülerin aus der ersten Bank, acht Tage der Schule fernblieb, und die Wissenden unter den Mädchen neigten sich flüsternd zueinander und sagten: „Nun gehört sie auch zu uns.“
Dann geschah es aber an einem Tage, daß die besten Freundinnen der Glatzer, die ernste Grete Erb und Herta Kobinger, die sonst immer so lärmend in die Klasse stürzte, verweint in die Schule kamen und erzählten: „Sie hat Blinddarmentzündung. Man hat sie noch in der Nacht operiert.“
Operation – das erweckte Vorstellungen, die wie schwarze Vögel in die Schar der jungen Mädchen fielen, Vorstellungen von blanken Messingbetten in kühlen und weißgetünchten Zimmern, Erinnerungen an häßliche und beängstigende Gerüche, Erinnerungen an weißbärtige Männer mit funkelnden Brillen. Wer in der Klasse schon einmal eine Verwandte in einem Sanatorium besucht hatte, stand im Mittelpunkt des Interesses.
Jeden Morgen brachten die beiden Freundinnen Berichte über die Ereignisse im Sanatorium. Es ging immer schlechter, und an manchem Tage durften sie gar nicht in das helle Zimmer, das auf einen großen Garten hinausging. Erregend und seltsam waren ihre Erzählungen: „Man ist ein ganz fremder Mensch, wenn man so lange im Bett liegt. Ja, sie hat sich so merkwürdig verändert. Sie war doch früher ganz wie wir und sieht nun so besonders aus.“
„Sie ist in den drei Wochen entsetzlich gewachsen,“ erzählte Grete Erb. „Ihre Hände sind so lang geworden.“ Und flüsternd setzte Herta Kobinger hinzu: „Man darf nur wenig mit ihr sprechen, und was sie sagt, ist so alt und von woanders her!“
Eines Tages trat die Lehrerin in die Klasse und sagte nach einem langen Blick auf die Mädchen, die plötzlich erschreckt verstummten: „Die Frida Glatzer ist gestorben.“ Einige Mädchen saßen bleich und mit starren Augen, andere weinten laut auf. Es war nicht nur Trauer um den Verlust der Freundin, die nur wenigen aus der Klasse nahegestanden hatte. Es war eine Angst, ein entsetzlich würgendes Bangen, das plötzlich die Kinder erfaßte und ihr gehetztes Denken in Vorstellungen von einem Dasein in einem engen Kasten unter schwarzer feuchter Erde trieb.
In der Gesangsstunde übte der Lehrer mit ihnen: Es ist bestimmt in Gottes Rat.
Zwei Tage später fand das Begräbnis statt. Die Mädchen versammelten sich unter der Aufsicht der Lehrerin vor dem Sterbehaus und gingen in Zweierreihen hinter dem Sarge einher zur Kirche. In ihr wurde sonst der Schulgottesdienst abgehalten, und sie barg für viele Erinnerungen an lustige und sogar freche Streiche. Heute aber war die Kirche ganz verändert. Sie war schwarz ausgeschlagen, und die Kerzen flackerten so unruhig. Mit großen Augen starrten die Mädchen auf den Sarg, der vor dem Altare stand. Es war unfaßbar und nicht zu glauben, daß er den Körper dieser Glatzer bergen sollte, die noch vor wenigen Wochen aufrecht und lächelnd in der ersten Bank gesessen hatte. Nein, das konnte man nicht verstehen.
Der Weg zum Friedhof war lang, und in der frischen Luft, in der Gesellschaft aller Freundinnen und Kameradinnen verflog das Bangen und die Angst so sehr, daß sogar erste Scherze aufflatterten und einige Mädchen verzweifelt mit dem Lachen kämpften, weil die Lehrer in ihren schwarzen Anzügen so steif und komisch aussahen.
Dann aber trat man an das Grab, das nach den Tagen wilden Märzregens so entsetzlich feucht und schwarz aussah, daß die Mädchen voll Entsetzen zurückwichen, als die Lehrerin begann, sie in einer bestimmten Ordnung rings um die Grube aufzustellen. Unnatürlich hoch und zitternd klangen die Stimmen, als der Gesangsprofessor die Hand hob, um das Zeichen zum Absingen des Liedes zu geben. Ganz entsetzlich war es aber, daß die Sitte es vorschrieb, die Mädchen müßten, dem Beispiele der ganz in Schwarz gekleideten Eltern und Verwandten folgend, eines nach dem anderen, an das Grab herantreten und mit einer Schaufel ein Häufchen Erde auf den Sarg werfen. Mehr als eine zitterte dabei in namenloser Angst, das Gleichgewicht zu verlieren und in die entsetzliche schwarze Grube hinabzufallen, in die man den Sarg gesenkt hatte.
Dann fuhren die Schülerinnen mit den Trambahnen heim.
Für eine Zeit waren die Mädchen stiller geworden, und es gab viele unter ihnen, die sich davor fürchteten, von verwirrenden und sündigen Geheimnissen in den Pausen zu sprechen, in diesem Klassenzimmer, in dem noch immer der eine Platz leer war.
„Ich habe schon acht Tage nicht mehr im Konversationslexikon nachgeschlagen,“ erzählte Herta Kobinger. „Ich habe das Gefühl, daß sie alles sieht und hört und daß vielleicht überhaupt alles eine Strafe Gottes war.“ Erschreckt hingen die Augen der anderen an der Sprecherin, deren untersetzte Gestalt noch kleiner geworden schien. Und noch nach Wochen geschah es, daß die freche Lizzie Ebbinghaus jäh verstummte, wenn sie an dem leeren Platze der toten Schülerin vorbeikam.
Dann geschah es aber eines Tages, daß der Rektor, der meist die erste Stunde morgens gab, weil er Deutsch lehrte, mit seiner dunklen Stimme sagte: „Erna Petersen, Sie sitzen von nun an auf diesem Platz.“
Und bald erfüllte wieder frohes und unbekümmertes Lachen die Klasse. Die Lücke hatte sich gefüllt.