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Der wilde Garten

Chapter 8: Siebentes Kapitel
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About This Book

A compassionate, aging teacher becomes a refuge for a solitary pupil who preserves a private notebook of treasured literary passages; when the girl’s mother destroys the book in anger, the teacher helps her process shame, resentment, and yearning for independence. Over ensuing years the teacher devotes herself to successive classes, nurturing youthful inner lives while confronting generational misunderstandings and domestic constraints. The narrative quietly examines solitude, the sustaining power of books, moral guidance, and the tension between individual longing and adult expectations.

Siebentes Kapitel

Es geschah so wie Überfall und jähes Verrücken eines Bildes, daß selbst Fräulein Dr. Südekum, die sonst immer vor den Schülerinnen ihre große Sicherheit bewahrte, diesmal keinen Rat wußte.

Licht und froh hatte dieser Schulmorgen begonnen. Die gelben Zweige des Goldregens und die erst über Nacht aufgeblühten Fliederbüsche streiften fast die Flügel der offenen Fenster und trugen den süßen, verwirrenden Hauch des Frühlings in das ernste Klassenzimmer, an dessen grauweiß getünchten Wänden einige gute Steindrucke heimischer Landschaften, Karten und eine Lithographie Schillers hingen.

Fräulein Dr. Südekum trug heute eine fast lichte Bluse und hatte neben dem Katalog ein Wasserglas stehen, in das sie die Blumen getan hatte, die Schülerinnen heimlich vor Beginn des Unterrichts auf ihr Pult gelegt hatten.

Die Lehrerin sprach heute von Friedrich dem Großen als Mensch. Sie hatte in den vergangenen Stunden sein Bild als Staatsmann und König gezeichnet, als Soldat und siegreichen Helden. Nun sprach sie von dem Freunde der schönen Künste, dem Freunde Voltaires, dem Erbauer des Schlosses Sanssouci. Als Fräulein Dr. Südekum von diesem Bau sprach, von den eigenartigen Räumen, die der große König nach dem Muster von Versailles eingerichtet hatte, erklang plötzlich der Name seiner Frau aus der Schar der Schülerinnen. „Die Barberina!“ Kichern flog aus den rückwärtigen Bänken auf, einige Schülerinnen verbargen den Kopf unter dem Pult. Andere sahen schadenfroh erwartend zu der Lehrerin auf. Was würde nun geschehen?

Die Lehrerin faßte die Schülerin ins Auge, die den Namen gerufen hatte. Blutübergossen saß sie in ihrer Bank, aber sie lächelte.

„Es freut mich, daß du auch in deiner freien Zeit Geschichte betreibst,“ sagte Fräulein Dr. Südekum mit ihrer ruhigen Stimme und fuhr im Vortrage fort.

Ganz still war es in der Klasse, nur die ruhige Stimme der Lehrerin erfüllte den Raum.

Da war es, daß plötzlich ein wilder und nicht mehr menschlich scheinender Schrei den Raum zerriß. Ein Mädchen taumelte aus der Bank, griff einige Male wie haltsuchend in die Luft und stürzte schreiend zusammen.

„Die Erika Meyer!“ schrie eine auf.

Die Schülerinnen wichen erst erschreckt zur Seite, bemühten sich dann um die Liegende, die wie toll mit Händen und Füßen um sich schlug, den Körper jäh aufbäumte, daß sie nur mit Nacken und Fersen den Boden berührte. Fräulein Dr. Südekum stürzte herbei und sah mit Entsetzen die furchtbar verdrehten Augen des Mädchens, versuchte dessen Kopf höher zu betten, dessen Hände stillend zu umschließen, aber die wie besessen um sich Schlagende traf sie so wuchtig vor die Brust, daß das kleine Fräulein zurücktaumelte und fast in die Knie brach.

Nun aber begann die von Krämpfen Geschüttelte wild zu schreien und aus ihren unartikulierten Lauten lösten sich plötzlich Worte von so nackter Gier, so entsetzlicher Brutalität, daß die Lehrerin erst einige Zeit fassungslos auf diesen Ausbruch hemmungsloser Tierheit sah, ehe sie sich so weit fassen konnte, um mit einer gebieterischen Gebärde die Mädchen aus dem Zimmer zu treiben. Dennoch entging ihr nicht dieses Seltsame: so erschreckt die Kinder zur Seite wichen und zögernd dem heiseren Befehl des alternden Fräuleins zu folgen begannen, in einigen jungen, blassen Antlitzen malte sich doch die dunkle Sucht, sich auch so grenzenlos loszulassen, hinzustürzen, taumelnd sich wie diese dort die Brüste wundzuschlagen.

Als die letzte der Schülerinnen unter dem befehlend ausgestreckten Arm der totenblassen Lehrerin das Zimmer verließ, rief ihr die Lehrerin noch nach: „Herrn Dr. Klempner, – aber rasch – rasch!“

Dann war die Lehrerin mit Erika Meyer allein, die noch immer nicht ausgerast hatte und in einem schrecklich gleichmäßigen Takte gegen den eigenen Körper mit Fäusten schlug, deren Knöchel weiß blinkten. Sie riß sich die Haare vom Kopfe und schleuderte der Lehrerin wilde Verwünschungen ins Gesicht.

Fräulein Dr. Südekum versuchte es immer wieder, die Tobende durch Worte, durch Gebärden und scheue Liebkosungen zu befrieden, mit dem Aufgebote aller Kräfte ihre selbstzerstörende Wut zu hemmen. Aber immer wieder setzte sich das Mädchen so wild zur Wehr und der Lehrerin schlug so fesselloser Haß entgegen, daß sie zurückwich, bis sie vor Schrecken und Angst verwirrt an der Wand stehenblieb.

Und immer wieder, wenn der Sturm nachzulassen begann und nur das marternde Geräusch monotonen Zähneknirschens die Stille des Raumes erfüllte, schnellte jäh ein neuer Ansturm den Körper in eine unnatürliche Beuge empor, und wilder noch brachen abgerissene Worte aus dem Munde des Mädchens, Worte, deren eindeutiges Verlangen die Lehrerin so erschreckten, daß sie leise mit zitternden Lippen aus tiefster Herzensnot zu beten begann.

Dr. Klempner, der soeben eintrat, nahm die Zigarre nicht aus dem Munde, als er mit gleichmäßigen großen Schritten durch das Zimmer ging und sich nach einem kurzen Gruß gegen die Lehrerin an die Schülerin wandte.

„Ruhe!“ brüllte er so plötzlich, daß Fräulein Dr. Südekum zusammenzuckte wie nach einem Schuß. Sie hielt beide Hände vor das Herz gepreßt und glich, schmal und angstvoll an die Wand gedrückt, mit der jagend auf und ab gehenden Brust einem zu Tode gehetzten Vogel. Mit weitaufgerissensen Augen starrte sie auf das Mädchen: Gleich – gleich würde die Unselige, deren Körper wieder rasend emporschnellte, die Worte wiederholen – die schamlosen, entsetzlichen Worte – vor ihnen beiden – vor einem Manne ...

„Ruhe!“ brüllte Dr. Klempner noch einmal und faßte Erika Meyer mit eisernem Griff am Arm, und was Fräulein Dr. Südekum nicht zu hoffen gewagt hatte, geschah: Das Mädchen hielt plötzlich inne und ein Blick wiedererwachenden Erkennens traf den Arzt.

„Sofort bist du ruhig!“ wiederholte er nun mit ruhigerer Stimme, den Blick in den des Mädchens versenkt. „Deine Hand!“ Erika Meyer lag still, nur ein Zucken lief noch durch ihren Körper.

Fräulein Dr. Südekum sah auf den Arzt wie auf einen großen Zauberer. So tiefe Sicherheit ging von diesem kleinen Manne aus, der vielleicht mit seiner breiten, untersetzten Gestalt, dem zerzausten Bärtchen und den winzigen, durch Brillengläser funkelnden Äuglein lächerlich ausgesehen hätte, wäre nicht diese hohe Stirne, dieser herbe, männliche Mund gewesen, vor allem aber seine zynische, aber so wohltuend sichere Art.

Während Dr. Klempner den Puls des Mädchens maß und einige Male bestätigend nickte, begannen plötzlich große Tränen über das verwüstete Gesicht der Schülerin zu rollen, und jäh schüttelte sie ein wilder Weinkrampf.

„Nun sind wir in Ordnung,“ sagte Dr. Klempner ruhig. Er erbat ein Glas Wasser von der Lehrerin, schüttete ein Pulver, das er seiner Westentasche entnahm, in das Glas und hieß die Schülerin die Mischung austrinken. Er wandte sich zur Lehrerin: „So, – nun können wir sie allein lassen, kommen Sie!“

„Wirklich? – Sie soll hier allein bleiben?“ fragte Fräulein Dr. Südekum zögernd.

„Ja, auf meine Verantwortung,“ antwortete der Arzt. „Sie soll keine Zuschauer mehr haben.“ Er faßte das kleine Fräulein am Arm und drängte sie aus dem Zimmer. „Kommen Sie, – setzen wir uns einen Augenblick in die Kanzlei. Die Schülerinnen sind ja im Garten, und ich möchte Ihnen etwas sagen.“

Befangen folgte ihm die Oberlehrerin. Dr. Klempner sog bedächtig an seiner Zigarre und sagte: „Ich möchte, daß Sie den Schülerinnen sagen, sie dürfen mit keinem Wort an den Vorfall rühren. Erika Meyer soll mit den anderen gemeinsam zurück in die Klasse kommen, und Sie und alle müssen sich so verhalten, als wäre nichts geschehen. So kommt die Kleine am leichtesten wieder ins Gleichgewicht.“

„Aber Herr Doktor!“ Das kleine Fräulein atmete erregt. „Erika ist doch sehr krank – sollte man sie nicht nach Hause schicken? Und die andern haben doch alles gesehen – und diese Worte gehört – und ...“

„Machen Sie doch kein solches Wesen aus dieser Sache!“ fuhr sie der Arzt grob an. „Das ist das Blut, nichts weiter. Bis sie erst hat, wonach dieses schreit, wird Ruhe sein. Ich werde mit den Eltern sprechen, man soll auf Erika achtgeben und sie bald verheiraten.“

Aber das kleine Fräulein konnte sich nicht mit der einfachen Erklärung zufriedengeben. Nein, jetzt verstand sie den Arzt wirklich nicht. Er schien das Geschehene doch zu leicht zu nehmen! Diese Ärzte – sie nahmen alles so furchtbar zynisch auf. Tapfer begann sie: „Aber Herr Doktor, was sie schrie! Sie muß doch im tiefsten Innern verdorben sein, wenn solche Wünsche, solche Worte ...“

„Aber hören Sie doch auf,“ polterte der Arzt, „seien Sie kein Kind! In keinem der Mädels in diesem Alter sieht es anders aus. Das müßten Sie doch wissen! Wenn auch nicht jede die Flucht in Krankheit und hysterischen Ausbruch findet, keine ist anders ...“

„Das kann nicht wahr sein,“ rief bebend das alternde Fräulein, „nein, das darf nicht wahr sein!“

„Darf nicht – haha!“ Der Arzt lachte: „So ist es aber, meine Liebe. Ich kenne mich da aus. Ich kenne die Mädchen vielleicht besser als Sie. Ich sehe sie ja jeden Monat bei der Schuluntersuchung und weiß recht gut, wie sie sich wandeln. Man erlebt da seltsame Dinge, Fräulein Dr. Südekum, und ich kann Ihnen sagen, daß ich immer recht froh bin, wenn die Schulschwester bei diesen Untersuchungen anwesend ist. Weiß der Kuckuck, was die Mädels sonst noch treiben würden. – Ja, das alles ist das Geschlecht, meine Liebe. Das ist nun einmal die große Falle, in die jeder einmal purzelt. Also Kopf hoch – Fräulein Dr. Südekum! Gehen Sie in den Garten und sagen Sie den Mädchen, daß weiter nichts geredet werden dürfe, weil ja auch nichts geschehen ist, wirklich nichts – und darum vergessen auch Sie selbst.“

Die Lehrerin schlug nur zögernd in die dargebotene Hand ein. Der Arzt warf ihr noch einen prüfenden Blick zu: „Es geht Ihnen nahe, armes Kind!“ sagte er mit plötzlich veränderter Stimme. „Ich möchte gerne noch mit Ihnen sprechen. Vielleicht darf ich Sie nach der Klasse abholen? Begleiten Sie mich dann auf die Klinik hinaus – ein kleiner Spaziergang wird Ihnen gut tun. Also, – es bleibt dabei!“

Fräulein Dr. Südekum führte die Aufträge des Arztes mit großer äußerer Sicherheit durch. Aber sie zitterte noch unter dem Anprall jähen, unfaßbaren Geschehens und konnte kaum das Ende des Unterrichts erwarten. Gegen ihre Gewohnheit sah sie nicht von ihren Notizen während des Vortrages auf, und als sie dann doch einmal aufblickend dem Blick Erika Meyers begegnete, die ruhig, nur mit etwas bleichem Gesicht und umränderten Augen dem Vortrage folgte, erschrak sie wieder vor dem Unfaßbaren. Einmal irrte ihr Blick auch zu Gertrud hinüber, aber diese saß wie immer hochmütig abgekehrt für sich allein, und nichts an ihr ließ erraten, welchen Eindruck ihr der Vorfall gemacht hatte. Fast mit Haß stellte dies Fräulein Dr. Südekum fest, und voll Trauer dachte sie, daß sie fast von jeder hier mehr wußte als von diesem Mädchen, um das sie so sehr litt. Mit einem schmerzlichen Lächeln sah sie zu Erika Meyer hinab, die ihre heiße Not heute so wild hinausgeschrien hatte. Auch von ihr wußte sie mehr, wenn auch gegen deren freien Willen, als von dieser Kühlen und Sicheren, die sie kaum mehr zu bemerken schien. Tiefe Bitterkeit erfüllte das Herz des alternden Fräuleins.

Mit leisem Bangen sah sie dem Arzt entgegen, der sie am großen Tor der Schule erwartete.

Sie schritten erst eine Weile schweigend nebeneinander, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Die Lehrerin begann, tapfer, kriegerisch, als gälte es, einen kostbaren Besitz zu verteidigen: „Und Sie glauben wirklich nicht, daß sich werdendes Weibtum auch zarter, ich meine, seelisch verklärter an den Mädchen zeigen könnte?“

„Das leugne ich gar nicht,“ entgegnete der Arzt ruhig. „Ich behaupte nur, daß dies alles, was Sie jetzt an Ihren Schülerinnen erleben, und was Sie so sehr beunruhigt, einfach nur typisch ist. Denn alles ist in diesen Jahren Geschlecht, aufgeregte Geistigkeit, Schwermut, Haß gegen die Erotik und gegen das ihr Verfallensein. Das läßt sich nicht ändern, und am schlimmsten wäre es, die Dinge mit schönen Worten zurechtlügen zu wollen.

Ich habe da meine eigenen Theorien, und meine Erfahrungen haben mir diese tausendfach bestätigt. Das Verhältnis zu den Verwirrungen des Geschlechtes läßt sich in drei Lebensperioden einteilen. In den mittleren Jahren, da man erwachsen und reif ist, ist man Herr dieser Dinge. Da hat man die richtige Einstellung dazu, da nimmt man sich die Lust als Vergnügen und läßt sich von der großen Verwirrung nicht unterkriegen. Ja, da ist man Herr. Gefährlich sind nur die Lebensepochen vorher und nachher, die Zeit der Zwanzigjährigen, und dann noch einmal die der Vierziger. Die sehr Jungen und die Alternden stehen unter dem Gesetz der Liebe und ihrer Tragik. Sie werden vielleicht auch schon bemerkt haben, daß zwischen ihnen ein geheimnisvolles Verstehen brennt? Aber in der Zeit zwischen diesen Altersstufen ist man gesund.“

„So!“ Die Lehrerin brach empört los: „Das ist also gesund, wenn man die Liebe nur als Genuß nimmt, sich nicht darbringt, sich nur einfach alles nimmt. Das ist echte Männermoral.“

„Das ist gar nicht Männermoral, meine Liebe,“ entgegnete der Arzt ruhig. „Auch Frauen können vernünftig sein und das Geschlechtliche richtig einschätzen. Aber freilich mit so großen Worten wie Liebe und Sichdarbringen dürfen Sie mir nicht kommen. Das ist alles Schwindel, meine Verehrteste. Selbstbetrug der Menschen, die es nicht zugeben wollen, daß der Gattungswille sie am Kragen hat.“ Sein Gesicht verzerrte sich höhnisch. „Nein, – die Liebe, – die kennen zu ihrem Unglück nur die Zwanzigjährigen und die Vierziger – ich sagte es schon. Die sehen die Not mit allen Regenbogenfarben geschminkt. Ja, mir selbst ging es nicht anders: mit achtzehn, da war ich wirklich bereit, für diesen großen Schwindel zu sterben, und mit vierzig hätte ich es dann fast getan.“

Während dieses Gespräches waren sie zu einem großen baumbestandenen Platz gelangt, in dessen Mitte sich weiß mit tausend Fenstern der mächtige Bau der Klinik erhob, an der Dr. Klempner tätig war. „Kommen Sie noch ein wenig herein,“ sagte der Arzt. „Ich will Ihnen etwas erzählen, was für Sie vielleicht von pädagogischem Wert sein kann. Kommen Sie doch!“

Der Arzt führte Fräulein Dr. Südekum in jenen Trakt des Spitales, in dem seine Wohnung lag. Er öffnete die Türe zu einem nüchtern eingerichteten Wohnzimmer. „Wenn Sie noch einige Minuten Zeit haben, dann können Sie meine Tochter kennenlernen.“

„Wie, Sie haben eine Tochter?“

„Ja, das wissen Sie nicht einmal? Seit meine Frau starb, und das ist nun zwölf Jahre her, wohne ich mit meinem Töchterchen hier im Spital. Aus guten Gründen übrigens.“

„Wie alt ist Ihre Kleine?“

„Soeben fünfzehn Jahre alt geworden, also kaum ein Jahr jünger als Ihre Schülerinnen.“

Der Arzt setzte sich dem kleinen Fräulein gegenüber, und plötzlich trat ein Ernst in sein Antlitz, der Fräulein Dr. Südekum noch tiefer verwirrte. „Was ich Ihnen vorhin auf dem Wege sagte,“ begann Dr. Klempner nach einem tiefen Zug an seiner Zigarre, „ist keineswegs nur Theorie. Ich habe mein Kind nach meinen Grundsätzen erzogen. Sicherlich also nicht nach der Art, wie es die weicheren Frauen tun, sondern nach wohlerwogenen Gesetzen.“

„Erzählen Sie!“ bat die Lehrerin. Sie sah zu dem Bilde der großen traurigen Frau auf, das auf dem Schreibtisch des Arztes stand.

Er war ihrem Blicke gefolgt und sagte leise: „Ja, das war ihre Mutter. – Aber ich will Ihnen erzählen. Es wird nicht ohne Nutzen für Sie sein! Vor allem habe ich jede Zärtlichkeit aus meiner Erziehung verbannt, trotzdem, nein, weil ich dieses Kind abgöttisch liebe. Aber Martha soll sich nicht an die Fallstricke dieses großen Betruges gewöhnen – seelische Abhärtung heißt meine Devise. Zärtlichkeit ist meist nur die Gebärde für etwas Trübes. Ein wissender Arzt kann sich das nicht leisten. Wahre Vaterliebe braucht diese Mätzchen nicht, ja, verbietet sie sich selbst um des Zieles willen. Ich gehe noch weiter, Frau Oberlehrerin, – ich habe meine seelische Abhärtung systematisch so konsequent durchgeführt, wie es andere Eltern sonst nur auf körperlichem Gebiete wagen.“

Fräulein Dr. Südekum sah gebannt in das Antlitz des Arztes, in dem es nun zuckte, und in dem sie trotz Häßlichkeit und Zynismus einen seltsam weichen Zug zu entdecken glaubte.

„Ich habe meine kleine Martha alles sehen lassen, – alles, wissen Sie. Sie wird mir nicht auf den süßen Schwindel eurer sogenannten Liebe hereinfallen. Sie wird ungefährdet durch die schwierigen Jahre gehen, in denen man so geneigt ist, das Tierische sich zurechtzulügen.“

„Ja, was haben Sie denn getan?“ fragte die Lehrerin, und leise Angst erfaßte sie plötzlich vor den kalt und hart blickenden Augen des Arztes.

„Ich rief sie zu den Betten der Gebärenden,“ sagte Dr. Klempner, „sie mußte deren Stöhnen hören, sie sah die Not und Schmach des Leibes, sie hörte den großen Schrei der Wöchnerinnen ...“

Mit weitaufgerissenen Augen starrte Fräulein Dr. Südekum auf den Arzt. Wie fanatisch seine Augen glühten!

„Ich zwang sie in die Vorzimmer der Sterbenden, zwang sie, unbemerkt in einer Ecke zu lauschen, wenn Gattinnen mich anflehten, eine Kampferinjektion zu geben, damit der Sterbensmüde noch einmal erwache und sich die ersehnte Testamentsabänderung abringen lasse. Ich ließ sie die Reden der liebenden Verwandten draußen auf den Gängen vor den Zimmern der Siechen anhören, dieser Verwandten, die schacherten und mich tausendfach zu bestechen suchten. Ich führte sie in das Zimmer der Bresthaften, – Sie wissen schon, – jener, die ein furchtbares Mal von eurer sogenannten heiligen Liebe ...“

„Schweigen Sie!“ schrie die Lehrerin, – „das ist doch entsetzlich!“

Der Arzt sah ihr starr in das Gesicht: „Meine Martha wird wegen keines Operettentenors sterben wollen, sie wird sich keinem Jüngling wegen seiner strammen Beine, von hohen Gefühlen faselnd, an die Brust werfen ...“

Die Lehrerin schlug beide Hände vor das Gesicht. Plötzlich schrak sie durch ein Geräusch auf.

An der Türe stand ein schmales, kleines, erschreckend in Wachstum und Entwicklung zurückgebliebenes Mädchen. Fräulein Dr. Südekum würde sie für eine Zwölfjährige gehalten haben, hätte sie nicht vorher das Alter des Kindes durch den Vater erfahren. Aber die Züge des kleinen Mädchens schienen seltsam scharf und von tiefer Blässe.

Mißtrauisch sah die kleine Martha auf den fremden Gast.

„Das ist Fräulein Dr. Südekum, Oberlehrerin an der Mädchenschule,“ erklärte Dr. Klempner. „Sage ihr doch Guten Tag!“

„Guten Tag!“ Eine schmale, kühle Hand glitt in die fiebernd heiße des alternden Fräuleins, und einen Herzschlag lang sah diese in zwei große, wundervoll tiefe Augen, – die Augen der traurigen Frau auf dem Bilde.

Fräulein Dr. Südekum stand langsam auf. In einer jähen Sehnsucht wollte sie über dieses fahle Blondhaar, diese unnatürlich hohe Stirne streichen, ein Wort sagen, – ein tiefes, mütterliches Wort, das diesen Spuk bannen mußte, dieses Entsetzensvolle, was der Arzt soeben vor ihr enthüllt hatte. Aber sie vermochte sich nicht zu rühren, sie konnte nicht sprechen. Fremd und geängstigt stand sie zwischen den beiden Menschen. Kraftlos sanken ihre Arme herab.

Nein, nein, es war ihr jetzt unmöglich, mit dem blassen Kinde ein Gespräch zu beginnen.

Sie verabschiedete sich hastig und floh hinaus auf die weißen Spitalsgänge, über den großen Platz und immer weiter bis in die lärmenden Straßen der Großstadt.