Erstes Buch.
Der europäische Nihilismus.
1. Geschichte.
1.
Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsere ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.
2.
– Der hier das Wort nimmt, hat umgekehrt nichts bisher getan als sich zu besinnen: als ein Philosoph und Einsiedler aus Instinkt, der seinen Vorteil im Abseits, im Außerhalb, in der Geduld, in der Verzögerung, in der Zurückgebliebenheit fand; als ein Wage- und – Versuchergeist, der sich schon in jedes Labyrinth der Zukunft einmal verirrt hat; als ein Wahrsagevogel-Geist, der zurückblickt, wenn er erzählt, was kommen wird; als der erste vollkommene Nihilist Europas, der aber den Nihilismus selbst schon in sich zu Ende gelebt hat, – der ihn hinter sich, unter sich, außer sich hat.
3.
Denn man vergreife sich nicht über den Sinn des Titels, mit dem dies Zukunftsevangelium benannt sein will. „Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte“ – mit dieser Formel ist eine Gegenbewegung zum Ausdruck gebracht in Absicht auf Prinzip und Aufgabe; eine Bewegung, welche in irgendeiner Zukunft jenen vollkommenen Nihilismus ablösen wird, welche ihn aber voraussetzt, logisch und psychologisch, welche schlechterdings nur auf ihn und aus ihm kommen kann. Denn warum ist die Heraufkunft des Nihilismus nunmehr notwendig? Weil unsre bisherigen Werte selbst es sind, die in ihm ihre letzte Folgerung ziehen, weil der Nihilismus die zu Ende gedachte Logik unsrer großen Werte und Ideale ist, – weil wir den Nihilismus erst erleben müssen, um dahinter zu kommen, was eigentlich der Wert dieser „Werte“ war.... Wir haben, irgendwann, neue Werte nötig....
4.
Die Verdüsterung, die pessimistische Färbung kommt notwendig im Gefolge der Aufklärung. Gegen 1770 bemerkte man bereits die Abnahme der Heiterkeit; Frauen dachten mit jenem weiblichen Instinkt, der immer zugunsten der Tugend Partei nimmt, daß die Immoralität daran schuld sei. Galiani traf ins Schwarze: er zitiert Voltaires Vers:
Un monstre gai vaut mieux
Qu'un sentimental ennuyeux.
Wenn ich nun vermeine, jetzt um ein paar Jahrhunderte Voltairen und sogar Galiani – der etwas viel Tieferes war – in der Aufklärung voraus zu sein: wie weit mußte ich also gar in der Verdüsterung gelangt sein! Dies ist auch wahr: und ich nahm zeitig mich mit einer Art Bedauern in acht vor der deutschen und christlichen Enge und Folgeunrichtigkeit des Schopenhauerschen oder gar Leopardischen Pessimismus und suchte die prinzipiellsten Formen auf (– Asien –). Um aber diesen extremen Pessimismus zu ertragen (wie er hier und da aus meiner „Geburt der Tragödie“ herausklingt), „ohne Gott und Moral“ allein zu leben, mußte ich mir ein Gegenstück erfinden. Vielleicht weiß ich am besten, warum der Mensch allein lacht: er allein leidet so tief, daß er das Lachen erfinden mußte. Das unglücklichste und melancholischste Tier ist, wie billig, das heiterste.
5.
Die drei Jahrhunderte.
Ihre verschiedene Sensibilität drückt sich am besten so aus:
Aristokratismus: Descartes, Herrschaft der Vernunft, Zeugnis von der Souveränität des Willens;
Femininismus: Rousseau, Herrschaft des Gefühls, Zeugnis von der Souveränität der Sinne, verlogen;
Animalismus: Schopenhauer, Herrschaft der Begierde, Zeugnis von der Souveränität der Animalität, redlicher, aber düster.
Das 17. Jahrhundert ist aristokratisch, ordnend, hochmütig gegen das Animalische, streng gegen das Herz, „ungemütlich“, sogar ohne Gemüt, „undeutsch“, dem Burlesken und dem Natürlichen abhold, generalisierend und souverän gegen Vergangenheit: denn es glaubt an sich. Viel Raubtier au fond, viel asketische Gewöhnung, um Herr zu bleiben. Das willensstarke Jahrhundert; auch das der starken Leidenschaft.
Das 18. Jahrhundert ist vom Weibe beherrscht, schwärmerisch, geistreich, flach, aber mit einem Geiste im Dienst der Wünschbarkeit, des Herzens, libertin im Genusse des Geistigsten, alle Autoritäten unterminierend; berauscht, heiter, klar, human, falsch vor sich, viel Kanaille au fond, gesellschaftlich....
Das 19. Jahrhundert ist animalischer, unterirdischer, häßlicher, realistischer, pöbelhafter, und ebendeshalb „besser“, „ehrlicher“, vor der „Wirklichkeit“ jeder Art unterwürfiger, wahrer; aber willensschwach, aber traurig und dunkel-begehrlich, aber fatalistisch. Weder vor der „Vernunft“, noch vor dem „Herzen“ in Scheu und Hochachtung; tief überzeugt von der Herrschaft der Begierde (Schopenhauer sagte „Wille“: aber nichts ist charakteristischer für seine Philosophie, als daß das eigentliche Wollen in ihr fehlt). Selbst die Moral auf einen Instinkt reduziert („Mitleid“).
Auguste Comte ist Fortsetzung des 18. Jahrhunderts (Herrschaft von cœur über la tête, Sensualismus in der Erkenntnistheorie, altruistische Schwärmerei).
Daß die Wissenschaft in dem Grade souverän geworden ist, das beweist, wie das 19. Jahrhundert sich von der Domination der Ideale losgemacht hat. Eine gewisse „Bedürfnislosigkeit“ im Wünschen ermöglicht uns erst unsere wissenschaftliche Neugierde und Strenge – diese unsere Art Tugend....
Die Romantik ist Nachschlag des 18. Jahrhunderts; eine Art aufgetürmtes Verlangen nach dessen Schwärmerei großen Stils (– tatsächlich ein gut Stück Schauspielerei und Selbstbetrügerei: man wollte die starke Natur, die große Leidenschaft darstellen).
Das 19. Jahrhundert sucht instinktiv nach Theorien, mit denen es seine fatalistische Unterwerfung unter das Tatsächliche gerechtfertigt fühlt. Schon Hegels Erfolg gegen die „Empfindsamkeit“ und den romantischen Idealismus lag im Fatalistischen seiner Denkweise, in seinem Glauben an die größere Vernunft auf Seiten des Siegreichen, in seiner Rechtfertigung des wirklichen „Staates“ (an Stelle von „Menschheit“ usw.). – Schopenhauer: wir sind etwas Dummes und bestenfalls sogar etwas Sich-selbst-Aufhebendes. Erfolg des Determinismus, der genealogischen Ableitung der früher als absolut geltenden Verbindlichkeiten, die Lehre vom Milieu und der Anpassung, die Reduktion des Willens auf Reflexbewegungen, die Leugnung des Willens als „wirkender Ursache“; endlich – eine wirkliche Umtaufung: man sieht so wenig Wille, daß das Wort frei wird, um etwas anderes zu bezeichnen. Weitere Theorien: die Lehre von der Objektivität, „willenlosen“ Betrachtung, als einzigem Weg zur Wahrheit; auch zur Schönheit (– auch der Glaube an das „Genie“, um ein Recht auf Unterwerfung zu haben); der Mechanismus, die ausrechenbare Starrheit des mechanischen Prozesses; der angebliche „Naturalismus“, Elimination des wählenden, richtenden, interpretierenden Subjekts als Prinzip –
Kant, mit seiner „praktischen Vernunft“, mit seinem Moral-Fanatismus ist ganz 18. Jahrhundert; noch völlig außerhalb der historischen Bewegung; ohne jeden Blick für die Wirklichkeit seiner Zeit, zum Beispiel Revolution; unberührt von der griechischen Philosophie; Phantast des Pflichtbegriffs; Sensualist, mit dem Hinterhang der dogmatischen Verwöhnung –.
Die Rückbewegung auf Kant in unserem Jahrhundert ist eine Rückbewegung zum achtzehnten Jahrhundert: man will sich ein Recht wieder auf die alten Ideale und die alte Schwärmerei verschaffen, – darum eine Erkenntnistheorie, welche „Grenzen setzt“, das heißt erlaubt, ein Jenseits der Vernunft nach Belieben anzusetzen....
Die Denkweise Hegels ist von der Goetheschen nicht sehr entfernt: man höre Goethe über Spinoza. Wille zur Vergöttlichung des Alls und des Lebens, um in seinem Anschauen und Ergründen Ruhe und Glück zu finden; Hegel sucht Vernunft überall, – vor der Vernunft darf man sich ergeben und bescheiden. Bei Goethe eine Art von fast freudigem und vertrauendem Fatalismus, der nicht revoltiert, der nicht ermattet, der aus sich eine Totalität zu bilden sucht, im Glauben, daß erst in der Totalität alles sich erlöst, als gut und gerechtfertigt erscheint.
6.
Voltaire – Rousseau. – Der Zustand der Natur ist furchtbar, der Mensch ist Raubtier; unsere Zivilisation ist ein unerhörter Triumph über diese Raubtiernatur: – so schloß Voltaire. Er empfand die Milderung, die Raffinements, die geistigen Freuden des zivilisierten Zustandes; er verachtete die Borniertheit, auch in der Form der Tugend; den Mangel an Delikatesse auch bei den Asketen und Mönchen.
Die moralische Verwerflichkeit des Menschen schien Rousseau zu präokkupieren; man kann mit den Worten „ungerecht“, „grausam“ am meisten die Instinkte der Unterdrückten aufreizen, die sich sonst unter dem Bann des vetitum und der Ungnade befinden: so daß ihr Gewissen ihnen die aufrührerischen Begierden widerrät. Diese Emanzipatoren suchen vor allem eins: ihrer Partei die großen Akzente und Attitüden der höheren Natur zu geben.
7.
Rousseau: die Regel gründend auf das Gefühl; die Natur als Quelle der Gerechtigkeit; der Mensch vervollkommnet sich in dem Maße, in dem er sich der Natur nähert (– nach Voltaire in dem Maße, in dem er sich von der Natur entfernt). Dieselben Epochen für den einen die des Fortschritts der Humanität, für den andern Zeiten der Verschlimmerung von Ungerechtigkeit und Ungleichheit.
Voltaire noch die umanità im Sinne der Renaissance begreifend, insgleichen die virtù (als „hohe Kultur“), er kämpft für die Sache der „honnêtes gens“ und „de la bonne compagnie“, die Sache des Geschmacks, der Wissenschaft, der Künste, die Sache des Fortschritts selbst und der Zivilisation.
Der Kampf gegen 1760 entbrannt: der Genfer Bürger und le seigneur de Ferney. Erst von da an wird Voltaire der Mann seines Jahrhunderts, der Philosoph, der Vertreter der Toleranz und des Unglaubens (bis dahin nur un bel esprit). Der Neid und der Haß auf Rousseaus Erfolg trieb ihn vorwärts, „in die Höhe“.
Pour „la canaille“ un dieu rémunérateur et vengeur – Voltaire.
Kritik beider Standpunkte in Hinsicht auf den Wert der Zivilisation. Die soziale Erfindung, die schönste, die es für Voltaire gibt: es gibt kein höheres Ziel, als sie zu unterhalten und zu vervollkommnen; eben das ist die honnêteté, die sozialen Gebräuche zu achten; Tugend ein Gehorsam gegen gewisse notwendige „Vorurteile“ zugunsten der Erhaltung der „Gesellschaft“. Kultur-Missionär, Aristokrat, Vertreter der siegreichen, herrschenden Stände und ihrer Wertungen. Aber Rousseau blieb Plebejer, auch als homme de lettres, das war unerhört; seine unverschämte Verachtung alles dessen, was nicht er selbst war.
Das Krankhafte an Rousseau am meisten bewundert und nachgeahmt. (Lord Byron ihm verwandt; auch sich zu erhabenen Attitüden aufschraubend, zum rankünösen Groll; Zeichen der „Gemeinheit“; später, durch Venedig ins Gleichgewicht gebracht, begriff er, was mehr erleichtert und wohltut, .... l'insouciance.)
Rousseau ist stolz in Hinsicht auf das, was er ist, trotz seiner Herkunft; aber er gerät außer sich, wenn man ihn daran erinnert ....
Bei Rousseau unzweifelhaft die Geistesstörung, bei Voltaire eine ungewöhnliche Gesundheit und Leichtigkeit. Die Ranküne des Kranken; die Zeiten seines Irrsinns auch die seiner Menschenverachtung und seines Mißtrauens.
Die Verteidigung der Providenz durch Rousseau (gegen den Pessimismus Voltaires): er brauchte Gott, um den Fluch auf die Gesellschaft und die Zivilisation werfen zu können; alles mußte an sich gut sein, da Gott es geschaffen; nur der Mensch hat den Menschen verdorben. Der „gute Mensch“ als Naturmensch war eine reine Phantasie; aber mit dem Dogma von der Autorschaft Gottes etwas Wahrscheinliches und Begründetes.
Romantik à la Rousseau: die Leidenschaft („das souveräne Recht der Passion“); die „Natürlichkeit“; die Faszination der Verrücktheit (die Narrheit zur Größe gerechnet); die unsinnige Eitelkeit des Schwachen; die Pöbel-Ranküne als Richterin („in der Politik hat man seit hundert Jahren einen Kranken als Führer genommen“).
8.
Die beiden großen Tentativen, die gemacht worden sind, das 18. Jahrhundert zu überwinden:
Napoleon, indem er den Mann, den Soldaten und den großen Kampf um Macht wieder aufweckte – Europa als politische Einheit konzipierend;
Goethe, indem er eine europäische Kultur imaginierte, die die volle Erbschaft der schon erreichten Humanität macht.
Die deutsche Kultur dieses Jahrhunderts erweckt Mißtrauen – in der Musik fehlt jenes volle, erlösende und bindende Element Goethe –
9.
Schopenhauer als Nachschlag (Zustand vor der Revolution): – Mitleid, Sinnlichkeit, Kunst, Schwäche des Willens, Katholizismus der geistigsten Begierden – das ist gutes achtzehntes Jahrhundert au fond.
Schopenhauers Grundmißverständnis des Willens (wie als ob Begierde, Instinkt, Trieb das Wesentliche am Willen sei) ist typisch: Werterniedrigung des Willens bis zur Verkennung. Insgleichen Haß gegen das Wollen; Versuch, in dem Nicht-mehr-wollen, im „Subjektsein ohne Ziel und Absicht“ (im „reinen willensfreien Subjekt“) etwas Höheres, ja das Höhere, das Wertvolle zu sehen. Großes Symptom der Ermüdung oder der Schwäche des Willens: denn dieser ist ganz eigentlich das, was die Begierden als Herr behandelt, ihnen Weg und Maß weist....
10.
Henrik Ibsen ist mir sehr deutlich geworden. Mit all seinem robusten Idealismus und „Willen zur Wahrheit“ hat er sich nicht von dem Moral-Illusionismus frei zu machen gewagt, welcher „Freiheit“ sagt und sich nicht eingestehen will, was Freiheit ist: die zweite Stufe in der Metamorphose des „Willens zur Macht“ seitens derer, denen sie fehlt. Auf der ersten verlangt man Gerechtigkeit von Seiten derer, welche die Macht haben. Auf der zweiten sagt man „Freiheit“, das heißt, man will „loskommen“ von denen, welche die Macht haben. Auf der dritten sagt man „gleiche Rechte“, das heißt, man will, so lange man noch nicht das Übergewicht hat, auch die Mitbewerber hindern, in der Macht zu wachsen.
11.
Kritik des modernen Menschen: – „der gute Mensch“, nur verdorben und verführt durch schlechte Institutionen (Tyrannen und Priester); – die Vernunft als Autorität; – die Geschichte als Überwindung von Irrtümern; – die Zukunft als Fortschritt; – der christliche Staat („der Gott der Heerscharen“); – der christliche Geschlechtsbetrieb (oder die Ehe); – das Reich der „Gerechtigkeit“ (der Kultus der „Menschheit“); – die „Freiheit“.
Die romantische Attitüde des modernen Menschen: – der edle Mensch (Byron, Victor Hugo, George Sand); – die edle Entrüstung; – die Heiligung durch die Leidenschaft (als wahre „Natur“); – die Parteinahme für die Unterdrückten und Schlechtweggekommenen: Motto der Historiker und Romanziers; – die Stoiker der Pflicht; – die „Selbstlosigkeit“ als Kunst und Erkenntnis; – der Altruismus als verlogenste Form des Egoismus (Utilitarismus), gefühlsamster Egoismus.
Dies alles ist achtzehntes Jahrhundert. Was dagegen nicht sich aus ihm vererbt hat: die insouciance, die Heiterkeit, die Eleganz, die geistige Helligkeit. Das Tempo des Geistes hat sich verändert; der Genuß an der geistigen Feinheit und Klarheit ist dem Genuß an der Farbe, Harmonie, Masse, Realität usw. gewichen. Sensualismus im Geistigen. Kurz, es ist das achtzehnte Jahrhundert Rousseaus.
12.
Meine Freunde, wir haben es hart gehabt, als wir jung waren: wir haben an der Jugend selber gelitten wie an einer schweren Krankheit. Das macht die Zeit, in die wir geworfen sind – die Zeit eines großen inneren Verfalles und Auseinanderfalles, welche mit allen ihren Schwächen und noch mit ihrer besten Stärke dem Geiste der Jugend entgegenwirkt. Das Auseinanderfallen, also die Ungewißheit, ist dieser Zeit eigen: nichts steht auf festen Füßen und hartem Glauben an sich: man lebt für morgen, denn das Übermorgen ist zweifelhaft. Es ist alles glatt und gefährlich auf unserer Bahn, und dabei ist das Eis, das uns noch trägt, so dünn geworden: wir fühlen alle den warmen, unheimlichen Atem des Tauwindes – wo wir noch gehen, da wird bald niemand mehr gehen können!
13.
Zur Geschichte der modernen Verdüsterung.
Die Staatsnomaden (Beamte usw.): ohne „Heimat“ –
Der Niedergang der Familie.
Der „gute Mensch“ als Symptom der Erschöpfung.
Gerechtigkeit als Wille zur Macht (Züchtung).
Geilheit und Neurose.
Der Anarchist.
Menschenverachtung, Ekel.
Tiefste Unterscheidung: ob der Hunger oder der Überfluß schöpferisch wird? Ersterer erzeugt die Ideale der Romantik. –
Nordische Unnatürlichkeit.
Das Bedürfnis nach Alcoholica: die Arbeiter-„Not“.
Der philosophische Nihilismus.
14.
Das langsame Hervortreten und Emporkommen der mittleren und niederen Stände (eingerechnet der niederen Art Geist und Leib), welches schon vor der französischen Revolution reichlich präludiert und ohne Revolution ebenfalls seinen Weg vorwärts gemacht hätte, – im Ganzen also das Übergewicht der Herde über alle Hirten und Leithämmel – bringt mit sich
1. Verdüsterung des Geistes (– das Beieinander eines stoischen und frivolen Anscheins von Glück, wie es vornehmen Kulturen eigen ist, nimmt ab; man läßt viele Leiden sehen und hören, welche man früher ertrug und verbarg);
2. die moralische Hypokrisie (eine Art, sich durch Moral auszeichnen zu wollen, aber durch die Herden-Tugenden: Mitleid, Fürsorge, Mäßigung, welche nicht außer dem Herden-Vermögen erkannt und gewürdigt werden);
3. eine wirkliche große Menge von Mitleiden und Mitfreude (das Wohlgefallen im großen Beieinander, wie es alle Herdentiere haben – „Gemeinsinn“, „Vaterland“, alles, wo das Individuum nicht in Betracht kommt).
15.
Was heute am tiefsten angegriffen ist, das ist der Instinkt und der Wille der Tradition: alle Institutionen, die diesem Instinkt ihre Herkunft verdanken, gehen dem modernen Geiste wider den Geschmack.... Im Grunde denkt und tut man nichts, was nicht den Zweck verfolgte, diesen Sinn für Überlieferung mit den Wurzeln herauszureißen. Man nimmt die Tradition als Fatalität; man studiert sie, man erkennt sie an (als „Erblichkeit“ –), aber man will sie nicht. Die Anspannung eines Willens über lange Zeitfernen hin, die Auswahl der Zustände und Wertungen, welche es machen, daß man über Jahrhunderte der Zukunft verfügen kann – das gerade ist im höchsten Maße antimodern. Woraus sich ergibt, daß die desorganisierenden Prinzipien unserem Zeitalter den Charakter geben. –
16.
Die ehemaligen Mittel, gleichartige, dauernde Wesen durch lange Geschlechter zu erzielen: unveräußerlicher Grundbesitz, Verehrung der Älteren (Ursprung des Götter- und Heroen-Glaubens als der Ahnherren).
Jetzt gehört die Zersplitterung des Grundbesitzes in die entgegengesetzte Tendenz: eine Zeitung (an Stelle der täglichen Gebete), Eisenbahn, Telegraph. Zentralisation einer ungeheuren Menge verschiedener Interessen in einer Seele: die dazu sehr stark und verwandlungsfähig sein muß.
17.
Die „Modernität“ unter dem Gleichnis von Ernährung und Verdauung. –
Die Sensibilität unsäglich reizbarer (– unter moralistischem Aufputz: die Vermehrung des Mitleids –); die Fülle disparater Eindrücke größer als je: – der Kosmopolitismus der Speisen, der Literaturen, Zeitungen, Formen, Geschmäcker, selbst Landschaften. Das Tempo dieser Einströmung ein Prestissimo; die Eindrücke wischen sich aus; man wehrt sich instinktiv, etwas hereinzunehmen, tief zu nehmen, etwas zu „verdauen“; – Schwächung der Verdauungskraft resultiert daraus. Eine Art Anpassung an diese Überhäufung mit Eindrücken tritt ein: der Mensch verlernt zu agieren; er reagiert nur noch auf Erregungen von außen her. Er gibt seine Kraft aus teils in der Aneignung, teils in der Verteidigung, teils in der Entgegnung. Tiefe Schwächung der Spontaneität: – der Historiker, Kritiker, Analytiker, der Interpret, der Beobachter, der Sammler, der Leser, – alles reaktive Talente, – alle Wissenschaft!
Künstliche Zurechtmachung seiner Natur zum „Spiegel“; interessiert, aber gleichsam bloß epidermal-interessiert; eine grundsätzliche Kühle, ein Gleichgewicht, eine festgehaltene niedere Temperatur dicht unter der dünnen Fläche, auf der es Wärme, Bewegung, „Sturm“, Wellenspiel gibt.
Gegensatz der äußeren Beweglichkeit zu einer gewissen tiefen Schwere und Müdigkeit.
18.
Die Zuchtlosigkeit des modernen Geistes unter allerhand moralischem Aufputz. – Die Prunkworte sind: die Toleranz (für „Unfähigkeit zu Ja und Nein“); la largeur de sympathie (= ein Drittel Indifferenz, ein Drittel Neugierde, ein Drittel krankhafte Erregbarkeit); die „Objektivität“ (= Mangel an Person, Mangel an Wille, Unfähigkeit zur „Liebe“); die „Freiheit“ gegen die Regel (Romantik); die „Wahrheit“ gegen die Fälscherei und Lügnerei (Naturalismus); die „Wissenschaftlichkeit“ (das „document humain“: auf Deutsch der Kolportageroman und die Addition – statt der Komposition); die „Leidenschaft“ an Stelle der Unordnung und der Unmäßigkeit; die „Tiefe“ an Stelle der Verworrenheit, des Symbolen-Wirrwarrs.
19.
Man kennt die Art Mensch, welche sich in die Sentenz tout comprendre c'est tout pardonner verliebt hat. Es sind die Schwachen, es sind vor allem die Enttäuschten: wenn es an allem etwas zu verzeihen gibt, so gibt es auch an allem etwas zu verachten! Es ist die Philosophie der Enttäuschung, die sich hier so human in Mitleiden einwickelt und süß blickt.
Das sind Romantiker, denen der Glaube flöten ging: nun wollen sie wenigstens noch zusehen, wie alles läuft und verläuft. Sie nennen's l'art pour l'art, „Objektivität“ usw.
20.
Überarbeitung, Neugierde und Mitgefühl – unsere modernen Laster.
21.
Wohin gehört unsre moderne Welt: in die Erschöpfung oder in den Aufgang? – Ihre Vielheit und Unruhe bedingt durch die höchste Form des Bewußtwerdens.
22.
Die Deutschen sind noch nichts, aber sie werden etwas; also haben sie noch keine Kultur, – also können sie noch keine Kultur haben! Das ist mein Satz: mag sich daran stoßen, wer es muß. – Sie sind noch nichts: das heißt, sie sind allerlei. Sie werden etwas: das heißt, sie hören einmal auf, allerlei zu sein. Das letzte ist im Grunde nur ein Wunsch, kaum noch eine Hoffnung; glücklicherweise ein Wunsch, auf dem man leben kann, eine Sache des Willens, der Arbeit, der Zucht, der Züchtung so gut, als eine Sache des Unwillens, des Verlangens, der Entbehrung, des Unbehagens, ja der Erbitterung, – kurz, wir Deutschen wollen etwas von uns, was man von uns noch nicht wollte – wir wollen etwas mehr!
Daß diesem „Deutschen, wie er noch nicht ist“ – etwas Besseres zukommt, als die heutige deutsche „Bildung“; daß alle „Werdenden“ ergrimmt sein müssen, wo sie eine Zufriedenheit auf diesem Bereiche, ein dreistes „Sich-zur-Ruhe-setzen“ oder „Sich-selbst-anräuchern“ wahrnehmen: das ist mein zweiter Satz, über den ich auch noch nicht umgelernt habe.
2. Wesen und Ursache.
23.
Was bedeutet Nihilismus? – Daß die obersten Werte sich entwerten. Es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das „Warum?“
24.
Der radikale Nihilismus ist die Überzeugung einer absoluten Unhaltbarkeit des Daseins, wenn es sich um die höchsten Werte, die man anerkennt, handelt; hinzugerechnet die Einsicht, daß wir nicht das geringste Recht haben, ein Jenseits oder ein An-sich der Dinge anzusetzen, das „göttlich“, das leibhafte Moral sei.
Diese Einsicht ist eine Folge der großgezogenen „Wahrhaftigkeit“: somit selbst eine Folge des Glaubens an die Moral.
25.
Nihilismus. Er ist zweideutig:
A. Nihilismus als Zeichen der gesteigerten Macht des Geistes: der aktive Nihilismus.
B. Nihilismus als Niedergang und Rückgang der Macht des Geistes: der passive Nihilismus.
26.
Der Nihilismus ein normaler Zustand.
Er kann ein Zeichen von Stärke sein, die Kraft des Geistes kann so angewachsen sein, daß ihr die bisherigen Ziele („Überzeugungen“, Glaubensartikel) unangemessen sind (– ein Glaube nämlich drückt im allgemeinen den Zwang von Existenzbedingungen aus, eine Unterwerfung unter die Autorität von Verhältnissen, unter denen ein Wesen gedeiht, wächst, Macht gewinnt....); andrerseits ein Zeichen von nicht genügender Stärke, um produktiv sich nun auch wieder ein Ziel, ein Warum, einen Glauben zu setzen.
Sein Maximum von relativer Kraft erreicht er als gewalttätige Kraft der Zerstörung: als aktiver Nihilismus.
Sein Gegensatz wäre der müde Nihilismus, der nicht mehr angreift: seine berühmteste Form der Buddhismus: als passivischer Nihilismus, als ein Zeichen von Schwäche: die Kraft des Geistes kann ermüdet, erschöpft sein, so daß die bisherigen Ziele und Werte unangemessen sind und keinen Glauben mehr finden –, daß die Synthesis der Werte und Ziele (auf der jede starke Kultur beruht) sich löst, so daß die einzelnen Werte sich Krieg machen: Zersetzung –, daß alles, was erquickt, heilt, beruhigt, betäubt, in den Vordergrund tritt, unter verschiedenen Verkleidungen, religiös oder moralisch, oder politisch, oder ästhetisch usw.
27.
Der Nihilismus stellt einen pathologischen Zwischenzustand dar (pathologisch ist die ungeheure Verallgemeinerung, der Schluß auf gar keinen Sinn): sei es, daß die produktiven Kräfte noch nicht stark genug sind, – sei es, daß die décadence noch zögert und ihre Hilfsmittel noch nicht erfunden hat.
Voraussetzung dieser Hypothese: – Daß es keine Wahrheit gibt; daß es keine absolute Beschaffenheit der Dinge, kein „Ding an sich“ gibt. – Dies ist selbst nur Nihilismus, und zwar der extremste. Er legt den Wert der Dinge gerade dahinein, daß diesen Werten keine Realität entspricht und entsprach, sondern daß sie nur ein Symptom von Kraft auf Seiten der Wert-Ansetzer sind, eine Simplifikation zum Zweck des Lebens.
28.
Die Frage des Nihilismus „wozu?“ geht von der bisherigen Gewöhnung aus, vermöge deren das Ziel von außen her gestellt, gegeben, gefordert schien – nämlich durch irgendeine übermenschliche Autorität. Nachdem man verlernt hat, an diese zu glauben, sucht man doch nach alter Gewöhnung nach einer anderen Autorität, welche unbedingt zu reden wüßte und Ziele und Aufgaben befehlen könnte. Die Autorität des Gewissens tritt jetzt in erster Linie (je mehr emanzipiert von der Theologie, um so imperativischer wird die Moral) als Schadenersatz für eine persönliche Autorität. Oder die Autorität der Vernunft. Oder der soziale Instinkt (die Herde). Oder die Historie mit einem immanenten Geist, welche ihr Ziel in sich hat und der man sich überlassen kann. Man möchte herumkommen um den Willen, um das Wollen eines Zieles, um das Risiko, sich selbst ein Ziel zu geben; man möchte die Verantwortung abwälzen (– man würde den Fatalismus akzeptieren). Endlich: Glück, und, mit einiger Tartüfferie, das Glück der Meisten.
Man sagt sich
1. ein bestimmtes Ziel ist gar nicht nötig,
2. ist gar nicht möglich vorherzusehen.
Gerade jetzt, wo der Wille in der höchsten Kraft nötig wäre, ist er am schwächsten und kleinmütigsten. Absolutes Mißtrauen gegen die organisatorische Kraft des Willens fürs Ganze.
29.
Der Nihilismus ist nicht nur eine Betrachtsamkeit über das „Umsonst!“ und nicht nur der Glaube, daß alles wert ist, zugrunde zu gehen: man legt Hand an, man richtet zugrunde.... Das ist, wenn man will, unlogisch: aber der Nihilist glaubt nicht an die Nötigung, logisch zu sein.... Es ist der Zustand starker Geister und Willen: und solchen ist es nicht möglich, bei dem Nein „des Urteils“ stehen zu bleiben: – das Nein der Tat kommt aus ihrer Natur. Der Vernichtsung durch das Urteil sekundiert die Vernichtsung durch die Hand.
30.
Zur Genesis des Nihilisten. – Man hat nur spät den Mut zu dem, was man eigentlich weiß. Daß ich von Grund aus bisher Nihilist gewesen bin, das habe ich mir erst seit kurzem eingestanden: die Energie, der Radikalismus, mit dem ich als Nihilist vorwärts ging, täuschte mich über diese Grundtatsache. Wenn man einem Ziele entgegengeht, so scheint es unmöglich, daß „die Ziellosigkeit an sich“ unser Glaubensgrundsatz ist.
31.
Der philosophische Nihilist ist der Überzeugung, daß alles Geschehen sinnlos und umsonstig ist; und es sollte kein sinnloses und umsonstiges Sein geben. Aber woher dieses: Es sollte nicht? Aber woher nimmt man diesen „Sinn“, dieses Maß? – Der Nihilist meint im Grunde, der Hinblick auf ein solches ödes, nutzloses Sein wirke auf einen Philosophen unbefriedigend, öde, verzweifelt. Eine solche Einsicht widerspricht unserer feineren Sensibilität als Philosophen. Es läuft auf die absurde Wertung hinaus: der Charakter des Daseins müßte dem Philosophen Vergnügen machen, wenn anders es zu Recht bestehen soll....
Nun ist leicht zu begreifen, daß Vergnügen und Unlust innerhalb des Geschehens nur den Sinn von Mitteln haben können: es bliebe übrig, zu fragen, ob wir den „Sinn“, „Zweck“ überhaupt sehen könnten, ob nicht die Frage der Sinnlosigkeit oder ihres Gegenteils für uns unlösbar ist. –
32.
Die Arten der Selbstbetäubung. – Im Innersten: nicht wissen, wohinaus? Leere. Versuch, mit Rausch darüber hinwegzukommen: Rausch als Musik, Rausch als Grausamkeit im tragischen Genuß des Zugrundegehens des Edelsten, Rausch als blinde Schwärmerei für einzelne Menschen oder Zeiten (als Haß usw.). – Versuch, besinnungslos zu arbeiten, als Werkzeug der Wissenschaft: das Auge offen machen für die vielen kleinen Genüsse, zum Beispiel auch als Erkennender (Bescheidenheit gegen sich); die Bescheidung über sich zu generalisieren, zu einem Pathos; die Mystik, der wollüstige Genuß der ewigen Leere; die Kunst „um ihrer selber willen“ („le fait“), das „reine Erkennen“ als Narkosen des Ekels an sich selber; irgend welche beständige Arbeit, irgendein kleiner dummer Fanatismus; das Durcheinander aller Mittel, Krankheit durch allgemeine Unmäßigkeit (die Ausschweifung tötet das Vergnügen).
1. Willensschwäche als Resultat.
2. Extremer Stolz und die Demütigung kleinlicher Schwäche im Kontrast gefühlt.
33.
Der unvollständige Nihilismus, seine Formen: wir leben mitten drin.
Die Versuche, dem Nihilismus zu entgehen, ohne die bisherigen Werte umzuwerten: bringen das Gegenteil hervor, verschärfen das Problem.
34.
1. Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste? – Ausgangspunkt: es ist ein Irrtum, auf „soziale Notstände“ oder „physiologische Entartungen“ oder gar auf Korruption hinzuweisen als Ursache des Nihilismus. Es ist die honnetteste, mitfühlendste Zeit. Not, seelische, leibliche, intellektuelle Not ist an sich durchaus nicht vermögend, Nihilismus (das heißt, die radikale Ablehnung von Wert, Sinn, Wünschbarkeit) hervorzubringen. Diese Nöte erlauben immer noch ganz verschiedene Ausdeutungen. Sondern: in einer ganz bestimmten Ausdeutung, in der christlich-moralischen, steckt der Nihilismus.
2. Der Untergang des Christentums – an seiner Moral (die unablösbar ist –), welche sich gegen den christlichen Gott wendet (der Sinn der Wahrhaftigkeit, durch das Christentum hoch entwickelt, bekommt Ekel vor der Falschheit und Verlogenheit aller christlichen Welt- und Geschichtsdeutung. Rückschlag von „Gott ist die Wahrheit“ in den fanatischen Glauben „Alles ist falsch“. Buddhismus der Tat...).
3. Skepsis an der Moral ist das Entscheidende. Der Untergang der moralischen Weltauslegung, die keine Sanktion mehr hat, nachdem sie versucht hat, sich in eine Jenseitigkeit zu flüchten: endet in Nihilismus. „Alles hat keinen Sinn“ (die Undurchführbarkeit einer Weltauslegung, der ungeheure Kraft gewidmet worden ist – erweckt das Mißtrauen, ob nicht alle Weltauslegungen falsch sind –). Buddhistischer Zug, Sehnsucht ins Nichts. (Der indische Buddhismus hat nicht eine grundmoralische Entwicklung hinter sich, deshalb ist bei ihm im Nihilismus nur unüberwundene Moral: Dasein als Strafe, Dasein als Irrtum kombiniert, der Irrtum also als Strafe – eine moralische Wertschätzung). Die philosophischen Versuche, den „moralischen Gott“ zu überwinden (Hegel, Pantheismus); Überwindung der volkstümlichen Ideale: der Weise, der Heilige; der Dichter. Antagonismus von „wahr“ und „schön“ und „gut“ – –
4. Gegen die „Sinnlosigkeit“ einerseits, gegen die moralischen Werturteile andererseits: inwiefern alle Wissenschaft und Philosophie bisher unter moralischen Urteilen stand? und ob man nicht die Feindschaft der Wissenschaft mit in den Kauf bekommt? Oder die Antiwissenschaftlichkeit? Kritik des Spinozismus. Die christlichen Werturteile überall in den sozialistischen und positivistischen Systemen rückständig. Es fehlt eine Kritik der christlichen Moral.
5. Die nihilistischen Konsequenzen der jetzigen Naturwissenschaft (nebst ihren Versuchen, ins Jenseitige zu entschlüpfen). Aus ihrem Betriebe folgt endlich eine Selbstzersetzung, eine Wendung gegen sich, eine Antiwissenschaftlichkeit. Seit Kopernikus rollt der Mensch aus dem Zentrum ins x.
6. Die nihilistischen Konsequenzen der politischen und volkswirtschaftlichen Denkweise, wo alle „Prinzipien“ nachgerade zur Schauspielerei gehören: der Hauch von Mittelmäßigkeit, Erbärmlichkeit, Unaufrichtigkeit usw. Der Nationalismus. Der Anarchismus usw. Strafe. Es fehlt der erlösende Stand und Mensch, die Rechtfertiger –
7. Die nihilistischen Konsequenzen der Historie und der „praktischen Historiker“, das heißt der Romantiker. Die Stellung der Kunst: absolute Unoriginalität ihrer Stellung in der modernen Welt. Ihre Verdüsterung. Goethes angebliches Olympiertum.
8. Die Kunst und die Vorbereitung des Nihilismus: Romantik (Wagners Nibelungen-Schluß).
35.
Der moderne Pessimismus ist ein Ausdruck von der Nutzlosigkeit der modernen Welt, – nicht der Welt und des Daseins.
36.
Das allgemeinste Zeichen der modernen Zeit: der Mensch hat in seinen eigenen Augen unglaublich an Würde eingebüßt. Lange als Mittelpunkt und Tragödienheld des Daseins überhaupt; dann wenigstens bemüht, sich als verwandt mit der entscheidenden und an sich wertvollen Seite des Daseins zu beweisen – wie es alle Metaphysiker tun, die die Würde des Menschen festhalten wollen, mit ihrem Glauben, daß die moralischen Werte kardinale Werte sind. Wer Gott fahren ließ, hält um so strenger am Glauben an die Moral fest.
37.
Ursachen für die Heraufkunft des Pessimismus:
1. daß die mächtigsten und zukunftsvollsten Triebe des Lebens bisher verleumdet sind, so daß das Leben einen Fluch über sich hat;
2. daß die wachsende Tapferkeit und Redlichkeit und das kühnere Mißtrauen des Menschen die Unablösbarkeit dieser Instinkte vom Leben begreift und dem Leben sich entgegenwendet;
3. daß nur die Mittelmäßigsten, die jenen Konflikt gar nicht fühlen, gedeihen, die höhere Art mißrät und als Gebilde der Entartung gegen sich einnimmt, – daß andererseits das Mittelmäßige, sich als Ziel und Sinn gebend, indigniert (– daß niemand ein Wozu? mehr beantworten kann –);
4. daß die Verkleinerung, die Schmerzfähigkeit, die Unruhe, die Hast, das Gewimmel beständig zunimmt, – daß die Vergegenwärtigung dieses ganzen Treibens, der sogenannten „Zivilisation“, immer leichter wird, daß der einzelne angesichts dieser ungeheuren Maschinerie verzagt und sich unterwirft.
38.
Welche Vorteile bot die christliche Moralhypothese?
1. Sie verlieh dem Menschen einen absoluten Wert, im Gegensatz zu seiner Kleinheit und Zufälligkeit im Strom des Werdens und Vergehens;
2. sie diente den Advokaten Gottes, insofern sie der Welt trotz Leid und Übel den Charakter der Vollkommenheit ließ, – eingerechnet jene „Freiheit“ – das Übel erschien voller Sinn;
3. sie setzte ein Wissen um absolute Werte beim Menschen an und gab ihm somit gerade für das Wichtigste adäquate Erkenntnis;
4. sie verhütete, daß der Mensch sich als Mensch verachtete, daß er gegen das Leben Partei nahm, daß er am Erkennen verzweifelte: sie war ein Erhaltungsmittel.
In summa: Moral war das große Gegenmittel gegen den praktischen und theoretischen Nihilismus.
39.
Die Zeit kommt, wo wir dafür bezahlen müssen, zwei Jahrtausende lang Christen gewesen zu sein: wir verlieren das Schwergewicht, das uns leben ließ, – wir wissen eine Zeitlang nicht, wo aus noch ein. Wir stürzen jählings in die entgegengesetzten Wertungen, mit dem gleichen Maße von Energie, das eben eine solche extreme Überwertung des Menschen im Menschen erzeugt hat.
Jetzt ist alles durch und durch falsch, „Wort“, durcheinander, schwach oder überspannt:
a) man versucht eine Art von irdischer Lösung, aber im gleichen Sinne, in dem des schließlichen Triumphs von Wahrheit, Liebe, Gerechtigkeit (der Sozialismus: „Gleichheit der Person“);
b) man versucht ebenfalls das Moral-Ideal festzuhalten (mit dem Vorrang des Unegoistischen, der Selbstverleugnung, der Willensverneinung);
c) man versucht selbst das „Jenseits“ festzuhalten: sei es auch nur als antilogisches x; aber man deutet es sofort so aus, daß eine Art metaphysischer Trost alten Stils aus ihm gezogen werden kann;
d) man versucht die göttliche Leitung alten Stils, die belohnende, bestrafende, erziehende, zum Besseren führende Ordnung der Dinge aus dem Geschehen herauszulesen;
e) man glaubt nach wie vor an Gut und Böse: so, daß man den Sieg des Guten und die Vernichtung des Bösen als Aufgabe empfindet (– das ist englisch, typischer Fall der Flachkopf John Stuart Mill);
f) die Verachtung der „Natürlichkeit“, der Begierde, des ego: Versuch, selbst die höchste Geistlichkeit und Kunst als Folge einer Entpersönlichung und als désintéressement zu verstehen;
g) man erlaubt der Kirche, sich immer noch in alle wesentlichen Erlebnisse und Hauptpunkte des Einzellebens einzudrängen, um ihnen Weihe, höheren Sinn zu geben: wir haben noch immer den „christlichen Staat“, die „christliche Ehe“ –
40.
Aber unter den Kräften, die die Moral großzog, war die Wahrhaftigkeit: diese wendet sich endlich gegen die Moral, entdeckt ihre Teleologie, ihre interessierte Betrachtung – und jetzt wirkt die Einsicht in diese lange eingefleischte Verlogenheit, die man verzweifelt, von sich abzutun, gerade als Stimulans. Wir konstatieren jetzt Bedürfnisse an uns, gepflanzt durch die lange Moral-Interpretation, welche uns jetzt als Bedürfnisse zum Unwahren erscheinen: andererseits sind es die, an denen der Wert zu hängen scheint, derentwegen wir zu leben aushalten. Dieser Antagonismus – das, was wir erkennen, nicht zu schätzen und das, was wir uns vorlügen möchten, nicht mehr schätzen zu dürfen – ergibt einen Auflösungsprozeß.
41.
Dies ist die Antinomie:
Sofern wir an die Moral glauben, verurteilen wir das Dasein.
42.
Die obersten Werte, in deren Dienst der Mensch leben sollte, namentlich wenn sie sehr schwer und kostspielig über ihn verfügten, – diese sozialen Werte hat man zum Zweck ihrer Tonverstärkung, wie als ob sie Kommandos Gottes wären, als „Realität“, als „wahre“ Welt, als Hoffnung und zukünftige Welt über dem Menschen aufgebaut. Jetzt, wo die mesquine Herkunft dieser Werke klar wird, scheint uns das All damit entwertet, „sinnlos“ geworden, – aber das ist nur ein Zwischenzustand.
43.
Ursachen des Nihilismus:
1. Es fehlt die höhere Spezies, das heißt die, deren unerschöpfliche Fruchtbarkeit und Macht den Glauben an den Menschen aufrecht erhält. (Man denke, was man Napoleon verdankt: fast alle höheren Hoffnungen dieses Jahrhunderts.)
2. Die niedere Spezies („Herde“, „Masse“, „Gesellschaft“) verlernt die Bescheidenheit und bauscht ihre Bedürfnisse zu kosmischen und metaphysischen Werten auf. Dadurch wird das ganze Dasein vulgarisiert: insofern nämlich die Masse herrscht, tyrannisiert sie die Ausnahmen, so daß diese den Glauben an sich verlieren und Nihilisten werden.
Alle Versuche, höhere Typen auszudenken, manquiert („Romantik“; der Künstler, der Philosoph; gegen Carlyles Versuch, ihnen die höchsten Moralwerte zuzulegen).
Widerstand gegen höhere Typen als Resultat.
Niedergang und Unsicherheit aller höheren Typen. Der Kampf gegen das Genie („Volkspoesie“ usw.). Mitleid mit den Niederen und Leidenden als Maßstab für die Höhe der Seele.
Es fehlt der Philosoph, der Ausdeuter der Tat, nicht nur der Umdichter.
44.
Die nihilistische Konsequenz (der Glaube an die Wertlosigkeit) als Folge der moralischen Wertschätzung: – das Egoistische ist uns verleidet (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit des Unegoistischen); – das Notwendige ist uns verleidet (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit eines liberum arbitrium und einer „intelligiblen Freiheit“). Wir sehen, daß wir die Sphäre, wohin wir unsere Werte gelegt haben, nicht erreichen – damit hat die andere Sphäre, in der wir leben, noch keineswegs an Wert gewonnen: im Gegenteil, wir sind müde, weil wir den Hauptantrieb verloren haben. „Umsonst bisher!“
45.
Man hat neuerdings mit einem zufälligen und in jedem Betracht unzutreffenden Wort viel Mißbrauch getrieben: redet überall von „Pessimismus“, man kämpft um die Frage, auf die es Antworten geben müsse, wer recht habe, der Pessimismus oder der Optimismus.
Man hat nicht begriffen, was doch mit Händen zu greifen: daß Pessimismus kein Problem, sondern ein Symptom ist, – daß der Name ersetzt werden müsse durch „Nihilismus“, – daß die Frage, ob Nichtsein besser ist als Sein, selbst schon eine Krankheit, ein Niedergangsanzeichen, eine Idiosynkrasie ist.
Die nihilistische Bewegung ist nur der Ausdruck einer physiologischen décadence.
46.
Grundeinsicht über das Wesen der décadence: was man bisher als deren Ursachen angesehen hat, sind deren Folgen.
Damit verändert sich die ganze Perspektive der moralischen Probleme.
Der ganze Moralkampf gegen Laster, Luxus, Verbrechen, selbst Krankheit erscheint als Naivität, als überflüssig: – es gibt keine „Besserung“ (gegen die Reue).
Die décadence selbst ist nichts, was zu bekämpfen wäre: sie ist absolut notwendig und jeder Zeit und jedem Volk eigen. Was mit aller Kraft zu bekämpfen ist, das ist die Einschleppung des Kontagiums in die gesunden Teile des Organismus.
Tut man das? Man tut das Gegenteil. Genau darum bemüht man sich seitens der Humanität.
– Wie verhalten sich zu dieser biologischen Grundfrage die bisherigen obersten Werte? Die Philosophie, die Religion, die Moral, die Kunst usw.
(Die Kur: zum Beispiel der Militarismus, von Napoleon an, der in der Zivilisation seine natürliche Feindin sah.)
47.
Zum Begriff „décadence“.
1. Die Skepsis ist eine Folge der décadence: ebenso wie die Libertinage des Geistes.
2. Die Korruption der Sitten ist eine Folge der décadence (Schwäche des Willens, Bedürfnis starker Reizmittel....).
3. Die Kurmethoden, die psychologischen und moralischen, verändern nicht den Gang der décadence, sie halten nicht auf, sie sind physiologisch null – :
Einsicht in die große Nullität dieser anmaßlichen „Reaktionen“; es sind Formen der Narkotisierung gegen gewisse fatale Folgeerscheinungen; sie bringen das morbide Element nicht heraus; sie sind oft heroische Versuche, den Menschen der décadence zu annullieren, ein Minimum seiner Schädlichkeit durchzusetzen.
4. Der Nihilismus ist keine Ursache, sondern nur die Logik der décadence.
5. Der „Gute“ und der „Schlechte“ sind nur zwei Typen der décadence: sie halten zueinander in allen Grundphänomenen.
6. Die soziale Frage ist eine Folge der décadence.
7. Die Krankheiten, vor allem die Nerven- und Kopfkrankheiten, sind Anzeichen, daß die Defensivkraft der starken Natur fehlt; ebendafür spricht die Irritabilität, so daß Lust und Unlust die Vordergrundsprobleme werden.
48.
Allgemeinste Typen der décadence:
1. Man wählt im Glauben, Heilmittel zu wählen, das, was die Erschöpfung beschleunigt; – dahin gehört das Christentum (um den größten Fall des fehlgreifenden Instinkts zu nennen); – dahin gehört der „Fortschritt“ –
2. Man verliert die Widerstandskraft gegen die Reize, – man wird bedingt durch die Zufälle: man vergröbert und vergrößert die Erlebnisse ins Ungeheure.... eine „Entpersönlichung“, eine Disgregation des Willens; – dahin gehört eine ganze Art Moral, die altruistische, die, welche das Mitleiden im Munde führt: an der das Wesentliche die Schwäche der Persönlichkeit ist, so daß sie mitklingt und wie eine überreizte Saite beständig zittert.... eine extreme Irritabilität....
3. Man verwechselt Ursache und Wirkung: man versteht die décadence nicht als physiologisch und sieht in ihren Folgen die eigentliche Ursache des Sich-schlecht-befindens; – dahin gehört die ganze religiöse Moral....
4. Man ersehnt einen Zustand, wo man nicht mehr leidet: das Leben wird tatsächlich als Grund zu Übeln empfunden, – man taxiert die bewußtlosen, gefühllosen Zustände (Schlaf, Ohnmacht) unvergleichlich wertvoller, als die bewußten; daraus eine Methodik....
49.
Was sich vererbt, das ist nicht die Krankheit, sondern die Krankhaftigkeit: die Unkraft im Widerstande gegen die Gefahr schädlicher Einwanderungen usw.; die gebrochene Widerstandskraft; moralisch ausgedrückt: die Resignation und Demut vor dem Feinde.
Ich habe mich gefragt, ob man nicht alle diese obersten Werte der bisherigen Philosophie, Moral und Religion mit den Werten der Geschwächten, Geisteskranken und Neurastheniker vergleichen kann: sie stellen in einer milderen Form dieselben Übel dar....
Der Wert aller morbiden Zustände ist, daß sie in einem Vergrößerungsglas gewisse Zustände, die normal, aber als normal schlecht sichtbar sind, zeigen....
Gesundheit und Krankheit sind nichts wesentlich Verschiedenes, wie es die alten Mediziner und heute noch einige Praktiker glauben. Man muß nicht distinkte Prinzipien oder Entitäten daraus machen, die sich um den lebenden Organismus streiten und aus ihm ihren Kampfplatz machen. Das ist albernes Zeug und Geschwätz, das zu nichts mehr taugt. Tatsächlich gibt es zwischen diesen beiden Arten des Daseins nur Gradunterschiede: die Übertreibung, die Disproportion, die Nichtharmonie der normalen Phänomene konstituieren den krankhaften Zustand (Claude Bernard).
So gut „das Böse“ betrachtet werden kann als Übertreibung, Disharmonie, Disproportion, so gut kann „das Gute“ eine Schutzdiät gegen die Gefahr der Übertreibung, Disharmonie und Disproportion sein.
Die erbliche Schwäche, als dominierendes Gefühl: Ursache der obersten Werte.
Nebenbei: Man will Schwäche: warum?.... meistens, weil man notwendig schwach ist.
Die Schwächung als Aufgabe: Schwächung der Begehrungen, der Lust- und Unlustgefühle, des Willens zur Macht, zum Stolzgefühl, zum Haben- und Mehr-haben-wollen; die Schwächung als Demut; die Schwächung als Glaube; die Schwächung als Widerwille und Scham an allem Natürlichen, als Verneinung des Lebens, als Krankheit und habituelle Schwäche.... die Schwächung als Verzichtleisten auf Rache, auf Widerstand, auf Feindschaft und Zorn.
Der Fehlgriff in der Behandlung: man will die Schwäche nicht bekämpfen durch ein système fortifiant, sondern durch eine Art Rechtfertigung und Moralisierung: das heißt durch eine Auslegung....
Die Verwechslung zweier gänzlich verschiedener Zustände: zum Beispiel die Ruhe der Stärke, welche wesentlich Enthaltung der Reaktion ist (der Typus der Götter, welche nichts bewegt), – und die Ruhe der Erschöpfung, die Starrheit, bis zur Anästhesie. Alle philosophisch-asketischen Prozeduren streben nach der zweiten, aber meinen in der Tat die erste.... denn sie legen dem erreichten Zustande die Prädikate bei, wie als ob ein göttlicher Zustand erreicht sei.
50.
Das gefährlichste Mißverständnis. – Es gibt einen Begriff, der anscheinend keine Verwechslung, keine Zweideutigkeit zuläßt: das ist der der Erschöpfung. Diese kann erworben sein; sie kann ererbt sein, – in jedem Falle verändert sie den Aspekt der Dinge, den Wert der Dinge....
Im Gegensatz zu dem, der aus der Fülle, welche er darstellt und fühlt, unfreiwillig abgibt an die Dinge, sie voller, mächtiger, zukunftsreicher sieht, – der jedenfalls schenken kann –, verkleinert und verhunzt der Erschöpfte alles, was er sieht, – er verarmt den Wert: er ist schädlich....
Hierüber scheint kein Fehlgriff möglich: trotzdem enthält die Geschichte die schauerliche Tatsache, daß die Erschöpften immer verwechselt worden sind mit den Vollsten – und die Vollsten mit den Schädlichsten.
Der Arme an Leben, der Schwache, verarmt noch das Leben: der Reiche an Leben, der Starke, bereichert es.... Der erste ist dessen Parasit: der zweite ein Hinzu-Schenkender.... Wie ist eine Verwechslung möglich?....
Wenn der Erschöpfte mit der Geberde der höchsten Aktivität und Energie auftrat (wenn die Entartung einen Exzeß der geistigen oder nervösen Entladung bedingte), dann verwechselte man ihn mit dem Reichen... Er erregte Furcht... Der Kultus des Narren ist immer auch der Kultus des An-Leben-Reichen, des Mächtigen. Der Fanatiker, der Besessene, der religiöse Epileptiker, alle Exzentrischen sind als höchste Typen der Macht empfunden worden: als göttlich.
Diese Art Stärke, die Furcht erregt, galt vor allem als göttlich: von hier nahm die Autorität ihren Ausgangspunkt, hier interpretierte, hörte, suchte man Weisheit.... Hieraus entwickelte sich überall beinahe ein Wille zur „Vergöttlichung“, das heißt, zur typischen Entartung von Geist, Leib und Nerven: ein Versuch, den Weg zu dieser höheren Art Sein zu finden. Sich krank, sich toll machen, die Symptome der Zerrüttung provozieren – das hieß stärker, übermenschlicher, furchtbarer, weiser werden: – man glaubte damit so reich an Macht zu werden, daß man abgeben konnte. Überall, wo angebetet worden ist, suchte man einen, der abgeben kann.
Hier war irreführend die Erfahrung des Rausches. Dieser vermehrt im höchsten Grade das Gefühl der Macht, folglich, naiv beurteilt, die Macht. – Auf der höchsten Stufe der Macht mußte der Berauschteste stehen, der Ekstatische. (– Es gibt zwei Ausgangspunkte des Rausches: die übergroße Fülle des Lebens und einen Zustand von krankhafter Ernährung des Gehirns.)
51.
Zu begreifen: – Daß alle Art Verfall und Erkrankung fortwährend an den Gesamt-Werturteilen mitgearbeitet hat: daß in den herrschend gewordenen Werturteilen die décadence sogar zum Übergewicht gekommen ist: daß wir nicht nur gegen die Folgezustände alles gegenwärtigen Elends von Entartung zu kämpfen haben, sondern alle bisherige décadence rückständig, das heißt lebendig geblieben ist. Eine solche Gesamtabirrung der Menschheit von ihren Grundinstinkten, eine solche Gesamt-décadence des Werturteils ist das Fragezeichen par excellence, das eigentliche Rätsel, das das Tier „Mensch“ dem Philosophen aufgibt. –
52.
Schwäche des Willens: das ist ein Gleichnis, das irreführen kann. Denn es gibt keinen Willen, und folglich weder einen starken, noch schwachen Willen. Die Vielheit und Disgregation der Antriebe, der Mangel an System unter ihnen resultiert als „schwacher Wille“; die Koordination derselben unter der Vorherrschaft eines einzelnen resultiert als „starker Wille“; – im ersteren Falle ist es das Oszillieren und der Mangel an Schwergewicht; im letzteren die Präzision und Klarheit der Richtung.
53.
Hauptsymptome des Pessimismus: – die dîners chez Magny; der russische Pessimismus (Tolstoi, Dostoiewsky); der ästhetische Pessimismus, l'art pour l'art, „description“ (der romantische und der antiromantische Pessimismus); der erkenntnistheoretische Pessimismus (Schopenhauer; der Phänomenalismus); der anarchistische Pessimismus; die „Religion des Mitleids“, buddhistische Vorbewegung; der Kultur-Pessimismus (Exotismus, Kosmopolitismus); der moralistische Pessimismus: ich selber.
54.
Es gibt eine tiefe und vollkommen unbewußte Wirkung der décadence selbst auf die Ideale der Wissenschaft: unsere ganze Soziologie ist der Beweis für diesen Satz. Ihr bleibt vorzuwerfen, daß sie nur das Verfallsgebilde der Sozietät aus Erfahrung kennt und unvermeidlich die eigenen Verfallsinstinkte als Norm des soziologischen Urteils nimmt.
Das niedersinkende Leben im jetzigen Europa formuliert in ihnen seine Gesellschaftsideale: sie sehen alle zum Verwechseln dem Ideal alter überlebter Rassen ähnlich....
Der Herdeninstinkt sodann – eine jetzt souverän gewordene Macht – ist etwas Grundverschiedenes vom Instinkt einer aristokratischen Sozietät: und es kommt auf den Wert der Einheiten an, was die Summe zu bedeuten hat.... Unsre ganze Soziologie kennt gar keinen andern Instinkt als den der Herde, das heißt der summierten Nullen, – wo jede Null „gleiche Rechte“ hat, wo es tugendhaft ist, Null zu sein....
Die Wertung, mit der heute die verschiedenen Formen der Sozietät beurteilt werden, ist ganz und gar eins mit jener, welche dem Frieden einen höheren Wert zuerteilt als dem Krieg: aber dies Urteil ist antibiologisch, ist selbst eine Ausgeburt der décadence des Lebens.... Das Leben ist eine Folge des Kriegs, die Gesellschaft selbst ein Mittel zum Krieg.... Herr Herbert Spencer ist als Biologe ein décadent, – er ist es auch als Moralist (– er sieht im Sieg des Altruismus etwas Wünschenswertes!!!).
55.
Entwicklung des Pessimismus zum Nihilismus. – Entnatürlichung der Werte. Scholastik der Werte. Die Werte, losgelöst, idealistisch, statt das Tun zu beherrschen und zu führen, wenden sich verurteilend gegen das Tun.
Gegensätze eingelegt an Stelle der natürlichen Grade und Ränge. Haß auf die Rangordnung. Die Gegensätze sind einem pöbelhaften Zeitalter gemäß, weil leichter faßlich.
Die verworfene Welt, angesichts einer künstlich erbauten „wahren, wertvollen“. – Endlich: man entdeckt, aus welchem Material man die „wahre Welt“ gebaut hat: und nun hat man nur die verworfene übrig und rechnet jene höchste Enttäuschung mit ein auf das Konto ihrer Verwerflichkeit.
Damit ist der Nihilismus da: man hat die richtenden Werte übrig behalten – und nichts weiter!
Hier entsteht das Problem der Stärke und der Schwäche:
1. die Schwachen zerbrechen daran;
2. die Stärkeren zerstören, was nicht zerbricht;
3. die Stärksten überwinden die richtenden Werte.
Das zusammen macht das tragische Zeitalter aus.
56.
Der Pessimismus der Tatkräftigen: das „Wozu?“ nach einem furchtbaren Ringen, selbst Siegen. Daß irgend etwas hundertmal wichtiger ist als die Frage, ob wir uns wohl oder schlecht befinden: Grundinstinkt aller starken Naturen, – und folglich auch, ob sich die anderen gut oder schlecht befinden. Kurz, daß wir ein Ziel haben, um dessentwillen man nicht zögert, Menschenopfer zu bringen, jede Gefahr zu laufen, jedes Schlimme und Schlimmste auf sich zu nehmen: die große Leidenschaft.
57.
Das „Übergewicht von Leid über Lust“ oder das Umgekehrte (der Hedonismus): diese beiden Lehren sind selbst schon Wegweiser zum Nihilismus....
Denn hier wird in beiden Fällen kein anderer letzter Sinn gesetzt, als die Lust- oder Unlust-Erscheinung.
Aber so redet eine Art Mensch, die es nicht mehr wagt, einen Willen, eine Absicht, einen Sinn zu setzen: – für jede gesündere Art Mensch mißt sich der Wert des Lebens schlechterdings nicht am Maße dieser Nebensachen. Und ein Übergewicht von Leid wäre möglich und trotzdem ein mächtiger Wille, ein Ja-sagen zum Leben; ein Nötig-haben dieses Übergewichts.
„Das Leben lohnt sich nicht“; „Resignation“; „warum sind die Tränen?...“ – eine schwächliche und sentimentale Denkweise. „Un monstre gai vaut mieux qu'un sentimental ennuyeux.“