Wissenschaftlichkeit: als Dressur oder als Instinkt. – Bei den griechischen Philosophen sehe ich einen Niedergang der Instinkte: sonst hätten sie nicht dermaßen fehlgreifen können, den bewußten Zustand als den wertvolleren anzusetzen. Die Intensität des Bewußtseins steht im umgekehrten Verhältnis zur Leichtigkeit und Schnelligkeit der zerebralen Übermittlung. Dort regierte die umgekehrte Meinung über den Instinkt: was immer das Zeichen geschwächter Instinkte ist.
Wir müssen in der Tat das vollkommene Leben dort suchen, wo es am wenigsten mehr bewußt wird (das heißt, seine Logik, seine Gründe, seine Mittel und Absichten, seine Nützlichkeit sich vorführt). Die Rückkehr zur Tatsache des bon sens, des bon homme, der „kleinen Leute“ aller Art. Einmagazinierte Rechtschaffenheit und Klugheit seit Geschlechtern, die sich niemals ihrer Prinzipien bewußt wird und selbst einen kleinen Schauder vor Prinzipien hat. Das Verlangen nach einer räsonnierenden Tugend ist nicht räsonnabel.... Ein Philosoph ist mit einem solchen Verlangen kompromittiert.
198.
Tartüfferie der Wissenschaftlichkeit. – Man muß nicht Wissenschaftlichkeit affektieren, wo es noch nicht Zeit ist, wissenschaftlich zu sein; aber auch der wirkliche Forscher hat die Eitelkeit von sich zu tun, eine Art von Methode zu affektieren, welche im Grunde noch nicht an der Zeit ist. Ebenso Dinge und Gedanken, auf die er anders gekommen ist, nicht mit einem falschen Arrangement von Deduktion und Dialektik zu „fälschen“. So fälscht Kant in seiner „Moral“ seinen inwendigen psychologischen Hang; ein neuerliches Beispiel ist Herbert Spencers Ethik. – Man soll die Tatsache, wie uns unsre Gedanken gekommen sind, nicht verhehlen und verderben. Die tiefsten und unerschöpftesten Bücher werden wohl immer etwas von dem aphoristischen und plötzlichen Charakter von Pascals Pensées haben. Die treibenden Kräfte und Wertschätzungen sind lange unter der Oberfläche; was hervorkommt, ist Wirkung.
Ich wehre mich gegen alle Tartüfferie von falscher Wissenschaftlichkeit:
1. in bezug auf die Darlegung, wenn sie nicht der Genesis der Gedanken entspricht;
2. in den Ansprüchen auf Methoden, welche vielleicht zu einer bestimmten Zeit der Wissenschaft noch gar nicht möglich sind;
3. in den Ansprüchen auf Objektivität, auf kalte Unpersönlichkeit, wo, wie bei allen Wertschätzungen, wir mit zwei Worten von uns und unsren inneren Erlebnissen erzählen. Es gibt lächerliche Arten von Eitelkeit, zum Beispiel Saint-Beuves, der sich zeitlebens geärgert hat, hier und da wirklich Wärme und Leidenschaft im „Für“ und „Wider“ gehabt zu haben, und es gern aus seinem Leben weggelogen hätte.
199.
Wenn durch Übung in einer ganzen Reihe von Geschlechtern die Moral gleichsam einmagaziniert worden ist – also die Feinheit, die Vorsicht, die Tapferkeit, die Billigkeit –, so strahlt die Gesamtkraft dieser aufgehäuften Tugend selbst noch in die Sphäre aus, wo die Rechtschaffenheit am seltensten, in die geistige Sphäre. In allem Bewußtwerden drückt sich ein Unbehagen des Organismus aus; es soll etwas Neues versucht werden, es ist nichts genügend zurecht dafür, es gibt Mühsal, Spannung, Überreiz, – das alles ist eben Bewußtwerden.... Das Genie sitzt im Instinkt; die Güte ebenfalls. Man handelt nur vollkommen, sofern man instinktiv handelt. Auch moralisch betrachtet ist alles Denken, das bewußt verläuft, eine bloße Tentative, zumeist das Widerspiel der Moral. Die wissenschaftliche Rechtschaffenheit ist immer ausgehängt, wenn der Denker anfängt zu räsonnieren: man mache die Probe, man lege die Weisesten auf die Goldwage, indem man sie Moral reden macht....
Das läßt sich beweisen, daß alles Denken, das bewußt verläuft, auch einen viel niedrigeren Grad von Moralität darstellen wird als das Denken desselben, sofern es von seinen Instinkten geführt wird.
200.
Der Philosoph gegen die Rivalen, zum Beispiel gegen die Wissenschaft: da wird er Skeptiker; da behält er sich eine Form der Erkenntnis vor, die er dem wissenschaftlichen Menschen abstreitet; da geht er mit dem Priester Hand in Hand, um nicht den Verdacht des Atheismus, Materialismus zu erregen; er betrachtet einen Angriff auf sich als einen Angriff auf die Moral, die Tugend, die Religion, die Ordnung, – er weiß seine Gegner als „Verführer“ und „Unterminierer“ in Verruf zu bringen: da geht er mit der Macht Hand in Hand.
Der Philosoph im Kampf mit andern Philosophen: – er sucht sie dahin zu drängen, als Anarchisten, Ungläubige, Gegner der Autorität zu erscheinen. In summa: soweit er kämpft, kämpft er ganz wie ein Priester, wie eine Priesterschaft.
5. Freie Philosophie.
201.
Man sucht das Bild der Welt in der Philosophie, bei der es uns am freiesten zumute wird; das heißt, bei der unser mächtigster Trieb sich frei fühlt zu seiner Tätigkeit. So wird es auch bei mir stehen!
202.
Meine erste Lösung: die dionysische Weisheit. Lust an der Vernichtung des Edelsten und am Anblick, wie er schrittweise ins Verderben gerät: als Lust am Kommenden, Zukünftigen, welches triumphiert über das vorhandene noch so Gute. Dionysisch: zeitweilige Identifikation mit dem Prinzip des Lebens (Wollust des Märtyrers einbegriffen).
Meine Neuerungen. – Weiterentwicklung des Pessimismus: der Pessimismus des Intellekts; die moralische Kritik, Auflösung des letzten Trostes. Erkenntnis der Zeichen des Verfalls: umschleiert durch Wahn jedes starke Handeln; die Kultur isoliert, ist ungerecht und dadurch stark.
1. Mein Anstreben gegen den Verfall und die zunehmende Schwäche der Persönlichkeit. Ich suchte ein neues Zentrum.
2. Unmöglichkeit dieses Strebens erkannt.
3. Darauf ging ich weiter in der Bahn der Auflösung, – darin fand ich für Einzelne neue Kraftquellen. Wir müssen Zerstörer sein! – – Ich erkannte, daß der Zustand der Auflösung, in der einzelne Wesen sich vollenden können wie nie – ein Abbild und Einzelfall des allgemeinen Daseins ist. Gegen die lähmende Erfindung der allgemeinen Auflösung und Unvollendung hielt ich die ewige Wiederkunft.
203.
Meine Vorbereiter: Schopenhauer: Inwiefern ich den Pessimismus vertiefte und durch Erfindung seines höchsten Gegensatzes erst ganz mir zum Gefühl brachte.
Sodann: die idealen Künstler, jener Nachwuchs der Napoleonischen Bewegung.
Sodann: die höheren Europäer, Vorläufer der großen Politik.
Sodann: die Griechen und ihre Entstehung.
204.
Die Bedeutung der deutschen Philosophie (Hegel): einen Pantheismus auszudenken, bei dem das Böse, der Irrtum und das Leid nicht als Argumente gegen Göttlichkeit empfunden werden. Diese grandiose Initiative ist mißbraucht worden von den vorhandenen Mächten (Staat usw.), als sei damit die Vernünftigkeit des gerade Herrschenden sanktioniert.
Schopenhauer erscheint dagegen als hartnäckiger Moralmensch, welcher endlich, um mit seiner moralischen Schätzung recht zu behalten, zum Weltverneiner wird. Endlich zum „Mystiker“.
Ich selbst habe eine ästhetische Rechtfertigung versucht: wie ist die Häßlichkeit der Welt möglich? – Ich nahm den Willen zur Schönheit, zum Verharren in gleichen Formen, als ein zeitweiliges Erhaltungs- und Heilmittel: fundamental aber schien mir das ewig-Schaffende als das ewig-Zerstören-Müssende gebunden an den Schmerz. Das Häßliche ist die Betrachtungsform der Dinge unter dem Willen, einen Sinn, einen neuen Sinn in das Sinnlos-gewordene zu legen: die angehäufte Kraft, welche den Schaffenden zwingt, das Bisherige als unhaltbar, mißraten, verneinungswürdig, als häßlich zu fühlen! –
205.
Ich nannte meine unbewußten Arbeiter und Vorbereiter. Wo aber dürfte ich mit einiger Hoffnung nach meiner Art von Philosophen selber, zum mindesten nach meinem Bedürfnis neuer Philosophen suchen? Dort allein, wo eine vornehme Denkweise herrscht, eine solche, welche an Sklaverei und an viele Grade der Hörigkeit als an die Voraussetzung jeder höheren Kultur glaubt; wo eine schöpferische Denkweise herrscht, welche nicht der Welt das Glück der Ruhe, den „Sabbat aller Sabbate“ als Ziel setzt und selber im Frieden das Mittel zu neuen Kriegen ehrt; eine der Zukunft Gesetze vorschreibende Denkweise, welche um der Zukunft willen sich selber und alles Gegenwärtige hart und tyrannisch behandelt; eine unbedenkliche, „unmoralische“ Denkweise, welche die guten und die schlimmen Eigenschaften des Menschen gleichermaßen ins Große züchten will, weil sie sich die Kraft zutraut, beide an die rechte Stelle zu setzen, – an die Stelle, wo sie beide einander noch nottun. Aber wer also heute nach Philosophen sucht, welche Aussicht hat er, zu finden, was er sucht? Ist es nicht wahrscheinlich, daß er, mit der besten Diogenes-Laterne suchend, umsonst tags und nachts über herumläuft? Das Zeitalter hat die umgekehrten Instinkte: es will vor allem und zuerst Bequemlichkeit; es will zu zweit Öffentlichkeit und jenen großen Schauspielerlärm, jenes große Bumbum, welches seinem Jahrmarktsgeschmacke entspricht; es will zu dritt, daß jeder mit tiefster Untertänigkeit vor der größten aller Lügen – diese Lüge heißt „Gleichheit der Menschen“ – auf dem Bauche liegt, und ehrt ausschließlich die gleichmachenden, gleichstellenden Tugenden. Damit aber ist es der Entstehung des Philosophen, wie ich ihn verstehe, von Grund aus entgegengerichtet, ob es schon in aller Unschuld sich ihm förderlich glaubt. In der Tat, alle Welt jammert heute darüber, wie schlimm es früher die Philosophen gehabt hätten, eingeklemmt zwischen Scheiterhaufen, schlechtes Gewissen und anmaßliche Kirchenväterweisheit: die Wahrheit ist aber, daß eben darin immer noch günstigere Bedingungen zur Erziehung einer mächtigen, umfänglichen, verschlagenen und verwegen-wagenden Geistigkeit gegeben waren, als in den Bedingungen des heutigen Lebens. Heute hat eine andere Art von Geist, nämlich der Demagogengeist, der Schauspielergeist, vielleicht auch der Biber- und Ameisengeist des Gelehrten für seine Entstehung günstige Bedingungen. Aber um so schlimmer steht es schon mit den höheren Künstlern: gehen sie denn nicht fast alle an innerer Zuchtlosigkeit zugrunde? Sie werden nicht mehr von außen her, durch die absoluten Werttafeln einer Kirche oder eines Hofes, tyrannisiert: so lernen sie auch nicht mehr ihren „inneren Tyrannen“ großziehen, ihren Willen. Und was von den Künstlern gilt, gilt in einem höheren und verhängnisvolleren Sinne von den Philosophen. Wo sind denn heute freie Geister? Man zeige mir doch heute einen freien Geist! –
206.
Ich verstehe unter „Freiheit des Geistes“ etwas sehr Bestimmtes: hundertmal den Philosophen und andern Jüngern der „Wahrheit“ durch Strenge gegen sich überlegen sein, durch Lauterkeit und Mut, durch den unbedingten Willen, nein zu sagen, wo das Nein gefährlich ist, – ich behandle die bisherigen Philosophen als verächtliche libertins unter der Kapuze des Weibes „Wahrheit“.
207.
Ich will niemanden zur Philosophie überreden: es ist notwendig, es ist vielleicht auch wünschenswert, daß der Philosoph eine seltene Pflanze ist. Nichts ist mir widerlicher als die lehrhafte Anpreisung der Philosophie, wie bei Seneca oder gar Cicero. Philosophie hat wenig mit Tugend zu tun. Es sei mir erlaubt, zu sagen, daß auch der wissenschaftliche Mensch etwas Grundverschiedenes vom Philosophen ist. – Was ich wünsche, ist: daß der echte Begriff des Philosophen in Deutschland nicht ganz und gar zugrunde gehe. Es gibt so viele halbe Wesen aller Art in Deutschland, welche ihr Mißratensein gern unter einem so vornehmen Namen verstecken möchten.
II. Religion.
1. Entstehung.
208.
All die Schönheit und Erhabenheit, die wir den wirklichen und eingebildeten Dingen geliehen haben, will ich zurückfordern als Eigentum und Erzeugnis des Menschen: als seine schönste Apologie. Der Mensch als Dichter, als Denker, als Gott, als Liebe, als Macht – o über seine königliche Freigebigkeit, mit der er die Dinge beschenkt hat, um sich zu verarmen und sich elend zu fühlen! Das war bisher seine größte Selbstlosigkeit, daß er bewunderte und anbetete und sich zu verbergen wußte, daß er es war, der das geschaffen hat, was er bewunderte. –
209.
Die Moralen und Religionen sind die Hauptmittel, mit denen man aus dem Menschen gestalten kann, was einem beliebt: vorausgesetzt, daß man einen Überschuß von schaffenden Kräften hat und seinen Willen über lange Zeiträume durchsetzen kann.
210.
Vom Ursprung der Religion. – In derselben Weise, in der jetzt noch der ungebildete Mensch daran glaubt, der Zorn sei die Ursache davon, wenn er zürnt, der Geist davon, daß er denkt, die Seele davon, daß er fühlt, kurz, so wie auch jetzt noch unbedenklich eine Masse von psychologischen Entitäten angesetzt wird, welche Ursachen sein sollen: so hat der Mensch auf einer noch naiveren Stufe eben dieselben Erscheinungen mit Hilfe von psychologischen Personalentitäten erklärt. Die Zustände, die ihm fremd, hinreißend, überwältigend schienen, legte er sich als Obsession und Verzauberung unter der Macht einer Person zurecht. So führt der Christ, die heute am meisten naive und zurückgebildete Art Mensch, die Hoffnung, die Ruhe, das Gefühl der „Erlösung“ auf ein psychologisches Inspirieren Gottes zurück: bei ihm, als einem wesentlich leidenden und beunruhigten Typus, erscheinen billigerweise die Glücks-, Ergebungs- und Ruhegefühle als das Fremde, als das der Erklärung Bedürftige. Unter klugen, starken und lebensvollen Rassen erregt am meisten der Epileptische die Überzeugung, daß hier eine fremde Macht im Spiele ist; aber auch jede verwandte Unfreiheit, zum Beispiel die des Begeisterten, des Dichters, des großen Verbrechers, der Passionen wie Liebe und Rache dient zur Erfindung von außermenschlichen Mächten. Man konkresziert einen Zustand in eine Person: und behauptet, dieser Zustand, wenn er an uns auftritt, sei die Wirkung jener Person. Mit anderen Worten: in der psychologischen Gottbildung wird ein Zustand, um Wirkung zu sein, als Ursache personifiziert.
Die psychologische Logik ist die: das Gefühl der Macht, wenn es plötzlich und überwältigend den Menschen überzieht – und das ist in allen großen Affekten der Fall –, erregt ihm einen Zweifel an seiner Person: er wagt sich nicht als Ursache dieses erstaunlichen Gefühls zu denken – und so setzt er eine stärkere Person, eine Gottheit, für diesen Fall an.
In summa: der Ursprung der Religion liegt in den extremen Gefühlen der Macht, welche, als fremd, den Menschen überraschen: und dem Kranken gleich, der ein Glied zu schwer und seltsam fühlt und zum Schlusse kommt, daß ein anderer Mensch über ihm liege, legt sich der naive homo religiosus in mehrere Personen auseinander. Die Religion ist ein Fall der „altération de la personnalité“. Eine Art Furcht- und Schreckgefühl vor sich selbst.... Aber ebenso ein außerordentliches Glücks- und Höhengefühl... Unter Kranken genügt das Gesundheitsgefühl, um an Gott, an die Nähe Gottes zu glauben.
211.
Rudimentäre Psychologie des religiösen Menschen: – Alle Veränderungen sind Wirkungen; alle Wirkungen sind Willenswirkungen (– der Begriff „Natur“, „Naturgesetz“ fehlt); zu allen Wirkungen gehört ein Täter. Rudimentäre Psychologie: man ist selber nur in dem Falle Ursache, wo man weiß, daß man gewollt hat.
Folge: die Zustände der Macht imputieren dem Menschen das Gefühl, nicht die Ursache zu sein, unverantwortlich dafür zu sein – : sie kommen, ohne gewollt zu sein: folglich sind wir nicht die Urheber – : der unfreie Wille (das heißt das Bewußtsein einer Veränderung mit uns, ohne daß wir sie gewollt haben) bedarf eines fremden Willens.
Konsequenz: der Mensch hat alle seine starken und erstaunlichen Momente nicht gewagt, sich zuzurechnen, – er hat sie als „passiv“, als „erlitten“, als Überwältigungen konzipiert – : die Religion ist eine Ausgeburt eines Zweifels an der Einheit der Person, eine altération der Persönlichkeit – : insofern alles Große und Starke vom Menschen als übermenschlich, als fremd konzipiert wurde, verkleinerte sich der Mensch, – er legte die zwei Seiten, eine sehr erbärmliche und schwache und eine sehr starke und erstaunliche, in zwei Sphären auseinander, hieß die erste „Mensch“, die zweite „Gott“.
Er hat das immer fortgesetzt; er hat in der Periode der moralischen Idiosynkrasie seine hohen und sublimen Moralzustände nicht als „gewollt“, als „Werk“ der Person ausgelegt. Auch der Christ legt seine Person in eine mesquine und schwache Fiktion, die er Mensch nennt, und eine andere, die er Gott (Erlöser, Heiland) nennt, auseinander –
Die Religion hat den Begriff „Mensch“ erniedrigt; ihre extreme Konsequenz ist, daß alles Gute, Große, Wahre übermenschlich ist und nur durch eine Gnade geschenkt....
212.
Zur Psychologie des Paulus. – Das Faktum ist der Tod Jesu. Dies bleibt auszulegen.... Daß es eine Wahrheit und einen Irrtum in der Auslegung gibt, ist solchen Leuten gar nicht in den Sinn gekommen: eines Tages steigt ihnen eine sublime Möglichkeit in den Kopf, „es könnte dieser Tod das und das bedeuten“ – und sofort ist er das! Eine Hypothese beweist sich durch den sublimen Schwung, welchen sie ihrem Urheber gibt....
„Der Beweis der Kraft“: das heißt, ein Gedanke wird durch seine Wirkung bewiesen, – („an seinen Früchten“, wie die Bibel naiv sagt); was begeistert, muß wahr sein, – wofür man sein Blut läßt, muß wahr sein –
Hier wird überall das plötzliche Machtgefühl, das ein Gedanke in seinem Urheber erregt, diesem Gedanken als Wert zugerechnet: – und da man einen Gedanken gar nicht anders zu ehren weiß, als indem man ihn als wahr bezeichnet, so ist das erste Prädikat, das er zu seiner Ehre bekommt, er sei wahr.... Wie könnte er sonst wirken? Er wird von einer Macht imaginiert: gesetzt, sie wäre nicht real, so könnte sie nicht wirken.... Er wird als inspiriert aufgefaßt: die Wirkung, die er ausübt, hat etwas von der Übergewalt eines dämonischen Einflusses –
Ein Gedanke, dem ein solcher décadent nicht Widerstand zu leisten vermag, dem er vollends verfällt, ist als wahr „bewiesen“!!!
Alle diese heiligen Epileptiker und Gesichteseher besaßen nicht ein Tausendstel von jener Rechtschaffenheit der Selbstkritik, mit der heute ein Philologe einen Text liest oder ein historisches Ereignis auf seine Wahrheit prüft.... Es sind, im Vergleich zu uns, moralische Kretins....
213.
Ein andrer Weg, den Menschen aus seiner Erniedrigung zu ziehen, welche der Abgang der hohen und starken Zustände, wie als fremder Zustände, mit sich brachte, war die Verwandtschaftstheorie. Diese hohen und starken Zustände konnten wenigstens als Einwirkungen unsrer Vorfahren ausgelegt werden, wir gehörten zueinander, solidarisch, wir wachsen in unsern eignen Augen, indem wir nach uns bekannter Norm handeln.
Versuch vornehmer Familien, die Religion mit ihrem Selbstgefühl auszugleichen. – Dasselbe tun die Dichter und Seher; sie fühlen sich stolz, gewürdigt und auserwählt zu sein zu solchem Verkehre, – sie legen Wert darauf, als Individuum gar nicht in Betracht zu kommen, bloße Mundstücke zu sein (Homer).
Schrittweises Besitzergreifen von seinen hohen und stolzen Zuständen, Besitzergreifen von seinen Handlungen und Werken. Ehedem glaubte man sich zu ehren, wenn man für die höchsten Dinge, die man tat, sich nicht verantwortlich wußte, sondern – Gott. Die Unfreiheit des Willens galt als das, was einer Handlung einen höheren Wert verlieh: damals war ein Gott zu ihrem Urheber gemacht....
214.
Ehedem hat man jene Zustände und Folgen der physiologischen Erschöpfung, weil sie reich an Plötzlichem, Schrecklichem, Unerklärlichem und Unberechenbarem sind, für wichtiger genommen als die gesunden Zustände und deren Folgen. Man fürchtete sich: man setzte hier eine höhere Welt an. Man hat den Schlaf und Traum, man hat den Schatten, die Nacht, den Naturschrecken verantwortlich gemacht für das Entstehen zweier Welten: vor allem sollte man die Symptome der physiologischen Erschöpfung daraufhin betrachten. Die alten Religionen disziplinieren ganz eigentlich den Frommen zu einem Zustande der Erschöpfung, wo er solche Dinge erleben muß.... Man glaubte in eine höhere Ordnung eingetreten zu sein, wo alles aufhört, bekannt zu sein. – Der Schein einer höheren Macht....
215.
Der Schlaf als Folge jeder Erschöpfung, die Erschöpfung als Folge jeder übermäßigen Reizung....
Das Bedürfnis nach Schlaf, die Vergöttlichung und Adoration des Begriffes „Schlaf“ in allen pessimistischen Religionen und Philosophien –
Die Erschöpfung ist in diesem Fall eine Rassenerschöpfung; der Schlaf, psychologisch genommen, nur ein Gleichnis eines viel tieferen und längeren Ruhenmüssens.... In praxi ist es der Tod, der hier unter dem Bilde seines Bruders, des Schlafes, so verführerisch wirkt....
216.
Kritik der heiligen Lüge. – Daß zu frommen Zwecken die Lüge erlaubt ist, das gehört zur Theorie aller Priesterschaften, – wie weit es zu ihrer Praxis gehört, soll der Gegenstand dieser Untersuchung sein.
Aber auch die Philosophen, sobald sie mit priesterlichen Hinterabsichten die Leitung des Menschen in die Hand zu nehmen beabsichtigen, haben sofort auch sich ein Recht zur Lüge zurecht gemacht: Plato voran. Am großartigsten ist die doppelte durch die typisch-arischen Philosophen des Vedânta entwickelte: zwei Systeme, in allen Hauptpunkten widersprüchlich, aber aus Erziehungszwecken sich ablösend, ausfüllend, ergänzend. Die Lüge des einen soll einen Zustand schaffen, in dem die Wahrheit des andern überhaupt hörbar wird....
Wie weit geht die fromme Lüge der Priester und der Philosophen? – Man muß hier fragen, welche Voraussetzungen zur Erziehung sie haben, welche Dogmen sie erfinden müssen, um diesen Voraussetzungen genug zu tun?
Erstens: sie müssen die Macht, die Autorität, die unbedingte Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite haben.
Zweitens: sie müssen den ganzen Naturverlauf in Händen haben, so daß alles, was den Einzelnen trifft, als bedingt durch ihr Gesetz erscheint.
Drittens: sie müssen auch einen weiter reichenden Machtbereich haben, dessen Kontrolle sich den Blicken ihrer Unterworfenen entzieht: das Strafmaß für das Jenseits, das „Nach-dem-Tode“, – wie billig auch die Mittel, zur Seligkeit den Weg zu wissen.
Sie haben den Begriff des natürlichen Verlaufs zu entfernen: da sie aber kluge und nachdenkliche Leute sind, so können sie eine Menge Wirkungen versprechen, natürlich als bedingt durch Gebete oder durch strikte Befolgung ihres Gesetzes. – Sie können insgleichen eine Menge Dinge verordnen, die absolut vernünftig sind, – nur daß sie nicht die Erfahrung, die Empirie als Quelle dieser Weisheit nennen dürfen, sondern eine Offenbarung oder die Folge „härtester Bußübungen“.
Die heilige Lüge bezieht sich also prinzipiell: auf den Zweck der Handlung (– der Naturzweck, die Vernunft wird unsichtbar gemacht: ein Moralzweck, eine Gesetzeserfüllung, eine Gottesdienstlichkeit erscheint als Zweck –): auf die Folge der Handlung (– die natürliche Folge wird als übernatürliche ausgelegt, und, um sichrer zu wirken, es werden unkontrollierbare andere, übernatürliche Folgen in Aussicht gestellt).
Auf diese Weise wird ein Begriff von Gut und Böse geschaffen, der ganz und gar losgelöst von dem Naturbegriff „nützlich“, „schädlich“, „lebenfördernd“, „lebenvermindernd“ erscheint, – er kann, insofern ein anderes Leben erdacht ist, sogar direkt feindselig dem Naturbegriff von Gut und Böse werden.
Auf diese Weise wird endlich das berühmte „Gewissen“ geschaffen: eine innere Stimme, welche bei jeder Handlung nicht den Wert der Handlung an ihren Folgen mißt, sondern in Hinsicht auf die Absicht und Konformität dieser Absicht mit dem „Gesetz“.
Die heilige Lüge hat also 1. einen strafenden und belohnenden Gott erfunden, der exakt das Gesetzbuch der Priester anerkennt und exakt sie als seine Mundstücke und Bevollmächtigten in die Welt schickt; – 2. ein Jenseits des Lebens, in dem die große Strafmaschine erst wirksam gedacht wird, – zu diesem Zwecke die Unsterblichkeit der Seele; – 3. das Gewissen im Menschen, als das Bewußtsein davon, daß Gut und Böse feststeht, – daß Gott selbst hier redet, wenn es die Konformität mit der priesterlichen Vorschrift anrät; – 4. die Moral als Leugnung alles natürlichen Verlaufs, als Reduktion alles Geschehens auf ein moralischbedingtes Geschehen, die Moralwirkung (das heißt die Straf- und Lohnidee) als die Welt durchdringend, als einzige Gewalt, als creator von allem Wechsel; – 5. die Wahrheit als gegeben, als geoffenbart, als zusammenfallend mit der Lehre der Priester: als Bedingung alles Heils und Glücks in diesem und jenem Leben.
In summa: womit ist die moralische Besserung bezahlt? – Aushängung der Vernunft, Reduktion aller Motive auf Furcht und Hoffnung (Strafe und Lohn); Abhängigkeit von einer priesterlichen Vormundschaft, von einer Formaliengenauigkeit, welche den Anspruch macht, einen göttlichen Willen auszudrücken; die Einpflanzung eines „Gewissens“, welches ein falsches Wissen an Stelle der Prüfung und des Versuchs setzt: wie als ob es bereits feststünde, was zu tun und was zu lassen wäre, – eine Art Kastration des suchenden und vorwärtsstrebenden Geistes; – in summa: die ärgste Verstümmelung des Menschen, die man sich vorstellen kann, angeblich als der „gute Mensch“.
In praxi ist die ganze Vernunft, die ganze Erbschaft von Klugheit, Feinheit, Vorsicht, welche die Voraussetzung des priesterlichen Kanons ist, willkürlich hinterdrein auf eine bloße Mechanik reduziert: die Konformität mit dem Gesetz gilt bereits als Ziel, als oberstes Ziel, – das Leben hat keine Probleme mehr; – die ganze Weltkonzeption ist beschmutzt mit der Strafidee; – das Leben selbst ist, mit Hinsicht darauf, das priesterliche Leben als das non plus ultra der Vollkommenheit darzustellen, in eine Verleumdung und Beschmutzung des Lebens umgedacht; – der Begriff „Gott“ stellt eine Abkehr vom Leben, eine Kritik, eine Verachtung selbst des Lebens dar; – die Wahrheit ist umgedacht als die priesterliche Lüge, das Streben nach Wahrheit als Studium der Schrift, als Mittel, Theolog zu werden....
217.
Die Priester sind die Schauspieler von irgend etwas Übermenschlichem, dem sie Sinnfälligkeit zu geben haben, sei es von Idealen, sei es von Göttern oder von Heilanden: darin finden sie ihren Beruf, dafür haben sie ihre Instinkte; um es so glaubwürdig wie möglich zu machen, müssen sie in der Anähnlichung so weit wie möglich gehen; ihre Schauspielerklugheit muß vor allem das gute Gewissen bei ihnen erzielen, mit Hilfe dessen erst wahrhaft überredet werden kann.
218.
Der Priester will durchsetzen, daß er als höchster Typus des Menschen gilt, daß er herrscht, – auch noch über die, welche die Macht in den Händen haben, daß er unverletzlich ist, unangreifbar –, daß er die stärkste Macht in der Gemeinde ist, absolut nicht zu ersetzen und zu unterschätzen.
Mittel: er allein ist der Wissende; er allein ist der Tugendhafte; er allein hat die höchste Herrschaft über sich; er allein ist in einem gewissen Sinne Gott und geht zurück in die Gottheit; er allein ist die Zwischenperson zwischen Gott und den andern; die Gottheit straft jeden Nachteil, jeden Gedanken, wider einen Priester gerichtet.
Mittel: die Wahrheit existiert. Es gibt nur eine Form, sie zu erlangen, Priester werden. Alles, was gut ist, in der Ordnung, in der Natur, in dem Herkommen, geht auf die Weisheit der Priester zurück. Das heilige Buch ist ihr Werk. Die ganze Natur ist nur eine Ausführung der Satzungen darin. Es gibt keine andere Quelle des Guten, als den Priester. Alle andere Art von Vortrefflichkeit ist rangverschieden von der des Priesters, zum Beispiel die des Kriegers.
Konsequenz: wenn der Priester der höchste Typus sein soll, so muß die Gradation zu seinen Tugenden die Wertgradation der Menschen ausmachen. Das Studium, die Entsinnlichung, das Nichtaktive, das Impassible, Affektlose, das Feierliche; – Gegensatz: die tiefste Gattung Mensch.
Der Priester hat Eine Art Moral gelehrt: um selbst als höchster Typus empfunden zu werden. Er konzipiert einen Gegensatztypus: den Tschandala. Diesen mit allen Mitteln verächtlich zu machen, gibt die Folie ab für die Kastenordnung. – Die extreme Angst des Priesters vor der Sinnlichkeit ist zugleich bedingt durch die Einsicht, daß hier die Kastenordnung (das heißt die Ordnung überhaupt) am schlimmsten bedroht ist.... Jede „freiere Tendenz“ in puncto puncti wirft die Ehegesetzgebung über den Haufen –
219.
Zur Kritik des Manu-Gesetzbuches. – Das ganze Buch ruht auf der heiligen Lüge. Ist es das Wohl der Menschheit, welches dieses ganze System inspiriert hat? Diese Art Mensch, welche an die Interessiertheit jeder Handlung glaubt, war sie interessiert oder nicht, dieses System durchzusetzen? Die Menschheit zu verbessern – woher ist diese Absicht inspiriert? Woher ist der Begriff des Bessern genommen?
Wir finden eine Art Mensch, die priesterliche, die sich als Norm, als Spitze, als höchsten Ausdruck des Typus Mensch fühlt: von sich aus nimmt sie den Begriff des „Besseren“. Sie glaubt an ihre Überlegenheit, sie will sie auch in der Tat: die Ursache der heiligen Lüge ist der Wille zur Macht....
Aufrichtung der Herrschaft: zu diesem Zwecke die Herrschaft von Begriffen, welche in der Priesterschaft ein non plus ultra von Macht ansetzen. Die Macht durch die Lüge – in Einsicht darüber, daß man sie nicht physisch, militärisch besitzt.... Die Lüge als Supplement der Macht, – ein neuer Begriff der „Wahrheit“.
Man irrt sich, wenn man hier unbewußte und naive Entwicklung voraussetzt, eine Art Selbstbetrug.... Die Fanatiker sind nicht die Erfinder solcher durchdachten Systeme der Unterdrückung.... Hier hat die kaltblütigste Besonnenheit gearbeitet; dieselbe Art Besonnenheit, wie sie ein Plato hatte, als er sich seinen „Staat“ ausdachte. – „Man muß die Mittel wollen, wenn man das Ziel will“ – über diese Politikereinsicht waren alle Gesetzgeber bei sich klar.
Wir haben das klassische Muster als spezifisch arisch: wir dürfen also die bestausgestattete und besonnenste Art Mensch verantwortlich machen für die grundsätzlichste Lüge, die je gemacht worden ist.... Man hat das nachgemacht, überall beinahe: der arische Einfluß hat alle Welt verdorben....
220.
Der Philosoph als Weiterentwicklung des priesterlichen Typus: – hat dessen Erbschaft im Leibe; – ist, selbst noch als Rival, genötigt, um dasselbe mit denselben Mitteln zu ringen wie der Priester seiner Zeit; – er aspiriert zur höchsten Autorität.
Was gibt Autorität, wenn man nicht die physische Macht in den Händen hat (keine Heere, keine Waffen überhaupt....)? Wie gewinnt man namentlich die Autorität über die, welche die physische Gewalt und die Autorität besitzen? (Sie konkurrieren mit der Ehrfurcht vor dem Fürsten, vor dem siegreichen Eroberer, dem weisen Staatsmann.)
Nur indem sie den Glauben erwecken, eine höhere, stärkere Gewalt in den Händen zu haben, – Gott –. Es ist nichts stark genug: man hat die Vermittlung und die Dienste der Priester nötig. Sie stellen sich als unentbehrlich dazwischen: – sie haben als Existenzbedingung nötig, 1. daß an die absolute Überlegenheit ihres Gottes, daß an ihren Gott geglaubt wird, 2. daß es keine andern, keine direkten Zugänge zu Gott gibt. Die zweite Forderung allein schafft den Begriff der „Heterodoxie“; die erste den des „Ungläubigen“ (das heißt, der an einen andern Gott glaubt –).
2. Christentum.
221.
– Die Kirche ist exakt das, wogegen Jesus gepredigt hat – und wogegen er seine Jünger kämpfen lehrte –
222.
Man soll das Christentum als historische Realität nicht mit jener einen Wurzel verwechseln, an welche es mit seinem Namen erinnert: die andern Wurzeln, aus denen es gewachsen ist, sind bei weitem mächtiger gewesen. Es ist ein Mißbrauch ohnegleichen, wenn solche Verfallsgebilde und Mißformen, die „christliche Kirche“, „christlicher Glaube“ und „christliches Leben“ heißen, sich mit jenem heiligen Namen abzeichnen. Was hat Christus verneint? – Alles, was heute christlich heißt.
223.
Die ganze christliche Lehre von dem, was geglaubt werden soll, die ganze christliche „Wahrheit“ ist eitel Lug und Trug: und genau das Gegenstück von dem, was den Anfang der christlichen Bewegung gegeben hat.
Das gerade, was im kirchlichen Sinn das Christliche ist, ist das Antichristliche von vornherein: lauter Sachen und Personen statt der Symbole, lauter Historie statt der ewigen Tatsachen, lauter Formeln, Riten, Dogmen statt einer Praxis des Lebens. Christlich ist die vollkommene Gleichgültigkeit gegen Dogmen, Kultus, Priester, Kirche, Theologie.
Die Praxis des Christentums ist keine Phantasterei, so wenig die Praxis des Buddhismus sie ist: sie ist ein Mittel, glücklich zu sein....
224.
Jesus geht direkt auf den Zustand los, das „Himmelreich“ im Herzen, und findet die Mittel nicht in der Observanz der jüdischen Kirche –; er rechnet selbst die Realität des Judentums (seine Nötigung, sich zu erhalten) für nichts; er ist rein innerlich. –
Ebenso macht er sich nichts aus den sämtlichen groben Formeln im Verkehr mit Gott: er wehrt sich gegen die ganze Buß- und Versöhnungslehre; er zeigt, wie man leben muß, um sich als „vergöttlicht“ zu fühlen – und wie man nicht mit Buße und Zerknirschung über seine Sünden dazu kommt: „es liegt nichts an Sünde“ ist sein Haupturteil.
Sünde, Buße, Vergebung, – das gehört alles nicht hierher.... das ist ein eingemischtes Judentum, oder es ist heidnisch.
225.
Das Himmelreich ist ein Zustand des Herzens (– von den Kindern wird gesagt, „denn ihrer ist das Himmelreich“), nichts, was „über der Erde“ ist. Das Reich Gottes „kommt“ nicht chronologisch-historisch, nicht nach dem Kalender, etwas, das eines Tages da wäre und tags vorher nicht: sondern es ist eine „Sinnesänderung im Einzelnen“, etwas, das jederzeit kommt und jederzeit noch nicht da ist...
226.
Der Schächer am Kreuz: – wenn der Verbrecher selbst, der einen schmerzhaften Tod leidet, urteilt: „so wie dieser Jesus, ohne Revolte, ohne Feindschaft, gütig, ergeben, leidet und stirbt, so allein ist es das Rechte“, hat er das Evangelium bejaht: und damit ist er im Paradiese....
227.
Jesus stellte ein wirkliches Leben, ein Leben in der Wahrheit jenem göttlichen Leben gegenüber: nichts liegt ihm ferner, als der plumpe Unsinn eines „verewigten Petrus“, einer ewigen Personalfortdauer. Was er bekämpft, das ist die Wichtigtuerei der „Person“: wie kann er gerade die verewigen wollen?
Er bekämpft insgleichen die Hierarchie innerhalb der Gemeinde: er verspricht nicht irgendeine Proportion von Lohn je nach der Leistung: wie kann er Strafe und Lohn im Jenseits gemeint haben!
228.
Auf eine ganz absurde Weise ist die Lohn- und Straflehre hineingemengt: es ist alles damit verdorben.
Insgleichen ist die Praxis der ersten ecclesia militans, des Apostels Paulus und sein Verhalten auf eine ganz verfälschende Weise als geboten, als voraus festgesetzt dargestellt....
Die nachträgliche Verherrlichung des tatsächlichen Lebens und Lehrens der ersten Christen: wie als ob alles so vorgeschrieben .... bloß befolgt wäre....
Nun gar die Erfüllung der Weissagungen: was ist da alles gefälscht und zurecht gemacht worden!
229.
Ein Gott für unsere Sünden gestorben; eine Erlösung durch den Glauben; eine Wiederauferstehung nach dem Tode – das sind alles Falschmünzereien des eigentlichen Christentums, für die man jenen unheilvollen Querkopf (Paulus) verantwortlich machen muß.
Das vorbildliche Leben besteht in der Liebe und Demut; in der Herzensfülle, welche auch den Niedrigsten nicht ausschließt; in der förmlichen Verzichtleistung auf das Rechtbehaltenwollen, auf Verteidigung, auf Sieg im Sinne des persönlichen Triumphes; im Glauben an die Seligkeit hier, auf Erden, trotz Not, Widerstand und Tod; in der Versöhnlichkeit, in der Abwesenheit des Zornes, der Verachtung; nicht belohnt werden wollen; niemandem sich verbunden haben: die geistlich-geistigste Herrenlosigkeit; ein sehr stolzes Leben unter dem Willen zum armen und dienenden Leben.
Nachdem die Kirche die ganze christliche Praxis sich hatte nehmen lassen und ganz eigentlich das Leben im Staate, jene Art Leben, welches Jesus bekämpft und verurteilt hatte, sanktioniert hatte, mußte sie den Sinn des Christentums irgendwo anders hinlegen: in den Glauben an unglaubwürdige Dinge, in das Zeremoniell von Gebeten, Anbetung, Festen usw. Der Begriff „Sünde“, „Vergebung“, „Strafe“, „Belohnung“ – alles ganz unbeträchtlich und fast ausgeschlossen vom ersten Christentum – kommt jetzt in den Vordergrund.
Ein schauderhafter Mischmasch von griechischer Philosophie und Judentum; der Asketismus; das beständige Richten und Verurteilen, die Rangordnung usw.
230.
Das Christentum hat von vornherein das Symbolische in Kruditäten umgesetzt:
1. der Gegensatz „wahres Leben“ und „falsches“ Leben: mißverstanden als „Leben diesseits“ und „Leben jenseits“;
2. der Begriff „ewiges Leben“ im Gegensatz zum Personalleben der Vergänglichkeit als „Personalunsterblichkeit“;
3. die Verbrüderung durch gemeinsamen Genuß von Speise und Trank nach hebräisch-arabischer Gewohnheit als „Wunder der Transsubstantiation“;
4. die „Auferstehung –“ als Eintritt in das „wahre Leben“, als „wiedergeboren“; daraus: eine historische Eventualität, die irgendwann nach dem Tode eintritt;
5. die Lehre vom Menschensohn als dem „Sohn Gottes“, das Lebensverhältnis zwischen Mensch und Gott; daraus: die „zweite Person der Gottheit“ – gerade das weggeschafft: das Sohnverhältnis jedes Menschen zu Gott, auch des niedrigsten;
6. die Erlösung durch den Glauben (nämlich, daß es keinen anderen Weg zur Sohnschaft Gottes gibt als die von Christus gelehrte Praxis des Lebens) umgekehrt in den Glauben, daß man an irgendeine wunderbare Abzahlung der Sünde zu glauben habe, welche nicht durch den Menschen, sondern durch die Tat Christi bewerkstelligt ist:
Damit mußte „Christus am Kreuze“ neu gedeutet werden. Dieser Tod war an sich durchaus nicht die Hauptsache.... er war nur ein Zeichen mehr, wie man sich gegen die Obrigkeit und Gesetze der Welt zu verhalten habe – nicht sich wehren.... Darin lag das Vorbild.
231.
Die Gläubigen sind sich bewußt, dem Christentum Unendliches zu verdanken, und schließen folglich, daß dessen Urheber eine Personnage ersten Ranges sei.... Dieser Schluß ist falsch, aber er ist der typische Schluß der Verehrenden. Objektiv angesehen, wäre möglich, erstens, daß sie sich irrten über den Wert dessen, was sie dem Christentum verdanken: Überzeugungen beweisen nichts für das, wovon man überzeugt ist, bei Religionen begründen sie eher noch einen Verdacht dagegen.... Es wäre zweitens möglich, daß, was dem Christentum verdankt wird, nicht seinem Urheber zugeschrieben werden dürfte, sondern eben dem fertigen Gebilde, dem Ganzen, der Kirche usw. Der Begriff „Urheber“ ist so vieldeutig, daß er selbst die bloße Gelegenheitsursache für eine Bewegung bedeuten kann: man hat die Gestalt des Gründers in dem Maße vergrößert, als die Kirche wuchs; aber eben diese Optik der Verehrung erlaubt den Schluß, daß irgendwann dieser Gründer etwas sehr Unsicheres und Unfestgestelltes war, – am Anfang... Man denke, mit welcher Freiheit Paulus das Personalproblem Jesus behandelt, beinahe eskamotiert – jemand, der gestorben ist, den man nach seinem Tode wiedergesehen hat, jemand, der von den Juden zum Tode überantwortet wurde.... Ein bloßes „Motiv“: die Musik macht er dann dazu....
232.
Ein Religionsstifter kann unbedeutend sein, – ein Streichholz, nichts mehr!
233.
Wie eine Ja-sagende arische Religion, die Ausgeburt der herrschenden Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Manus. (Die Vergöttlichung des Machtgefühls im Brahmanen: interessant, daß es in der Kriegerkaste entstanden und erst übergegangen ist auf die Priester.)
Wie eine Ja-sagende semitische Religion, die Ausgeburt der herrschenden Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Muhammeds, das alte Testament in den älteren Teilen. (Der Muhammedanismus, als eine Religion für Männer, hat eine tiefe Verachtung für die Sentimentalität und Verlogenheit des Christentums ... einer Weibsreligion, als welche er sie fühlt –.)
Wie eine Nein-sagende semitische Religion, die Ausgeburt der unterdrückten Klasse, aussieht: das Neue Testament (– nach indisch-arischen Begriffen: eine Tschandala-Religion).
Wie eine Nein-sagende arische Religion aussieht, gewachsen unter den herrschenden Ständen: der Buddhismus.
Es ist vollkommen in Ordnung, daß wir keine Religion unterdrückter arischer Rassen haben: denn das ist ein Widerspruch: eine Herrenrasse ist obenauf oder geht zugrunde.
234.
Heidnisch – christlich. – Heidnisch ist das Jasagen zum Natürlichen, das Unschuldsgefühl im Natürlichen, „die Natürlichkeit“. Christlich ist das Neinsagen zum Natürlichen, das Unwürdigkeitsgefühl im Natürlichen, die Widernatürlichkeit.
„Unschuldig“ ist zum Beispiel Petronius: ein Christ hat im Vergleich mit diesem Glücklichen ein für allemal die Unschuld verloren. Da aber zuletzt auch der christliche status bloß ein Naturzustand sein muß, sich aber nicht als solchen begreifen darf, so bedeutet „christlich“ eine zum Prinzip erhobene Falschmünzerei der psychologischen Interpretation....
235.
Der christliche Priester ist von Anfang an der Todfeind der Sinnlichkeit: man kann sich keinen größeren Gegensatz denken, als die unschuldig-ahnungsvolle und feierliche Haltung, mit der zum Beispiel in den ehrwürdigsten Frauenkulten Athens die Gegenwart der geschlechtlichen Symbole empfunden wurde. Der Akt der Zeugung ist das Geheimnis an sich in allen nicht-asketischen Religionen: eine Art Symbol der Vollendung und der geheimnisvollen Absicht der Zukunft: der Wiedergeburt, Unsterblichkeit.
236.
Buddha gegen den „Gekreuzigten“. – Innerhalb der nihilistischen Religionen darf man immer noch die christliche und die buddhistische scharf auseinanderhalten. Die buddhistische drückt einen schönen Abend aus, eine vollendete Süßigkeit und Milde, – es ist Dankbarkeit gegen alles, was hinten liegt; miteingerechnet, was fehlt: die Bitterkeit, die Enttäuschung, die Ranküne; zuletzt: die hohe geistige Liebe; das Raffinement des philosophischen Widerspruchs ist hinter ihm, auch davon ruht es aus: aber von diesem hat es noch seine geistige Glorie und Sonnenuntergangsglut. (– Herkunft aus den obersten Kasten –.)
Die christliche Bewegung ist eine Degenereszenzbewegung aus Abfalls- und Ausschußelementen aller Art: sie drückt nicht den Niedergang einer Rasse aus, sie ist von Anfang an eine Aggregatbildung aus sich zusammendrängenden und sich suchenden Krankheitsgebilden.... Sie ist deshalb nicht national, nicht rassebedingt: sie wendet sich an die Enterbten von überall; sie hat die Ranküne auf dem Grunde gegen alles Wohlgeratene und Herrschende: sie braucht ein Symbol, welches den Fluch auf die Wohlgeratenen und Herrschenden darstellt.... Sie steht im Gegensatz auch zu aller geistigen Bewegung, zu aller Philosophie: sie nimmt die Partei der Idioten und spricht einen Fluch gegen den Geist aus. Ranküne gegen die Begabten, Gelehrten, Geistig-Unabhängigen: sie errät in ihnen das Wohlgeratene, das Herrschaftliche.
237.
Im Buddhismus überwiegt dieser Gedanke: „Alle Begierden, alles, was Affekt, was Blut macht, zieht zu Handlungen fort“ – nur insofern wird gewarnt vor dem Bösen. Denn Handeln – das hat keinen Sinn, Handeln hält im Dasein fest: alles Dasein aber hat keinen Sinn. Sie sehen im Bösen den Antrieb zu etwas Unlogischem: zur Bejahung von Mitteln, deren Zweck man verneint. Sie suchen nach einem Wege zum Nichtsein, und deshalb perhorreszieren sie alle Antriebe seitens der Affekte. Zum Beispiel ja nicht sich rächen! ja nicht feind sein! – Der Hedonismus der Müden gibt hier die höchsten Wertmaße ab. Nichts ist dem Buddhisten ferner als der jüdische Fanatismus eines Paulus: Nichts würde mehr seinem Instinkt widerstreben als diese Spannung, Flamme, Unruhe des religiösen Menschen, vor allem jene Form der Sinnlichkeit, welche das Christentum mit dem Namen der „Liebe“ geheiligt hat. Zu alledem sind es die gebildeten und sogar übergeistigten Stände, die im Buddhismus ihre Rechnung finden: eine Rasse, durch einen Jahrhunderte langen Philosophenkampf abgesotten und müde gemacht, nicht aber unterhalb aller Kultur wie die Schichten, aus denen das Christentum entsteht.... Im Ideal des Buddhismus erscheint das Loskommen auch von Gut und Böse wesentlich: es wird da eine raffinierte Jenseitigkeit der Moral ausgedacht, die mit dem Wesen der Vollkommenheit zusammenfällt, unter der Voraussetzung, daß man auch die guten Handlungen bloß zeitweilig nötig hat, bloß als Mittel, – nämlich, um von allem Handeln loszukommen.
238.
Eine nihilistische Religion wie das Christentum, einem greisenhaft-zähen, alle starken Instinkte überlebt habenden Volke entsprungen und gemäß – Schritt für Schritt in andre Milieus übertragen, endlich in die jungen, noch gar nicht gelebt habenden Völker eintretend – sehr seltsam! Eine Schluß-, Hirten-, Abendglückseligkeit Barbaren, Germanen gepredigt! Wie mußte das alles erst germanisiert, barbarisiert werden! Solchen, die ein Walhall geträumt hatten – : die alles Glück im Kriege fanden! – Eine übernationale Religion in ein Chaos hineingepredigt, wo noch nicht einmal Nationen da waren –.
239.
Diese nihilistische Religion sucht sich die décadence-Elemente und Verwandtes im Altertum zusammen; nämlich:
a) die Partei der Schwachen und Mißratenen (den Ausschuß der antiken Welt: Das, was sie am kräftigsten von sich stieß....);
b) die Partei der Vermoralisierten und Antiheidnischen;
c) die Partei der Politisch-Ermüdeten und Indifferenten (blasierte Römer....), der Entnationalisierten, denen eine Leere geblieben war;
d) die Partei derer, die sich satt haben, – die gern an einer unterirdischen Verschwörung mitarbeiten –
240.
A. In dem Maße, in dem heute das Christentum noch nötig erscheint, ist der Mensch noch wüst und verhängnisvoll....
B. In anderem Betracht ist es nicht nötig, sondern extrem schädlich, wirkt aber anziehend und verführend, weil es dem morbiden Charakter ganzer Schichten, ganzer Typen der jetzigen Menschheit entspricht.... sie geben ihrem Hange nach, indem sie christlich aspirieren – die décadents aller Art –
Man hat hier zwischen A und B streng zu scheiden. Im Fall A ist Christentum ein Heilmittel, mindestens ein Bändigungsmittel (– es dient unter Umständen, krank zu machen: was nützlich sein kann, um die Wüstheit und Rohheit zu brechen). Im Fall B ist es ein Symptom der Krankheit selbst, vermehrt die décadence; hier wirkt es einem korroborierenden System der Behandlung entgegen, hier ist es der Krankeninstinkt gegen das, was ihm heilsam ist –
241.
Das christlich-jüdische Leben: hier überwog nicht das Ressentiment. Erst die großen Verfolgungen mögen die Leidenschaft dergestalt herausgetrieben haben – sowohl die Glut der Liebe, als die des Hasses.
Wenn man für seinen Glauben seine Liebsten geopfert sieht, dann wird man aggressiv; man verdankt den Sieg des Christentums seinen Verfolgern.
Die Asketik im Christentum ist nicht spezifisch: das hat Schopenhauer mißverstanden: sie wächst nur in das Christentum hinein: überall dort, wo es auch ohne Christentum Asketik gibt.
Das hypochondrische Christentum, die Gewissenstierquälerei und -folterung ist insgleichen nur einem gewissen Boden zugehörig, auf dem christliche Werte Wurzel geschlagen haben: es ist nicht das Christentum selbst. Das Christentum hat alle Art Krankheiten morbider Böden in sich aufgenommen: man könnte ihm einzig zum Vorwurf machen, daß es sich gegen keine Ansteckung zu wehren wußte. Aber eben das ist sein Wesen: Christentum ist ein Typus der décadence.
242.
Die Realität, auf der das Christentum sich aufbauen konnte, war die kleine jüdische Familie der Diaspora, mit ihrer Wärme und Zärtlichkeit, mit ihrer im ganzen römischen Reiche unerhörten und vielleicht unverstandenen Bereitschaft zum Helfen, Einstehen füreinander, mit ihrem verborgenen und in Demut verkleideten Stolz der „Auserwählten“, mit ihrem innerlichsten Neinsagen ohne Neid zu allem, was obenauf ist und was Glanz und Macht für sich hat. Das als Macht erkannt zu haben, diesen seligen Zustand als mitteilsam, verführerisch, ansteckend auch für Heiden erkannt zu haben – ist das Genie des Paulus: den Schatz von latenter Energie, von klugem Glück auszunützen zu einer „jüdischen Kirche freieren Bekenntnisses“, die ganze jüdische Erfahrung und Meisterschaft der Gemeindeselbsterhaltung unter der Fremdherrschaft, auch die jüdische Propaganda – das erriet er als seine Aufgabe. Was er vorfand, das war eben jene absolut unpolitische und abseits gestellte Art kleiner Leute: ihre Kunst, sich zu behaupten und durchzusetzen, in einer Anzahl Tugenden angezüchtet, welche den einzigen Sinn von Tugend ausdrückten („Mittel der Erhaltung und Steigerung einer bestimmten Art Mensch“).
Aus der kleinen jüdischen Gemeinde kommt das Prinzip der Liebe her: es ist eine leidenschaftlichere Seele, die hier unter der Asche von Demut und Armseligkeit glüht: so war es weder griechisch, noch indisch, noch gar germanisch. Das Lied zu Ehren der Liebe, welches Paulus gedichtet hat, ist nichts Christliches, sondern ein jüdisches Auflodern der ewigen Flamme, die semitisch ist. Wenn das Christentum etwas Wesentliches in psychologischer Hinsicht getan hat, so ist es eine Erhöhung der Temperatur der Seele bei jenen kälteren und vornehmeren Rassen, die damals obenauf waren; es war die Entdeckung, daß das elendeste Leben reich und unschätzbar werden kann durch eine Temperaturerhöhung....
Es versteht sich, daß eine solche Übertragung nicht stattfinden konnte in Hinsicht auf die herrschenden Stände: die Juden und Christen hatten die schlechten Manieren gegen sich, – und was Stärke und Leidenschaft der Seele bei schlechten Manieren ist, das wirkt abstoßend und beinahe ekelerregend (– ich sehe diese schlechten Manieren, wenn ich das Neue Testament lese). Man mußte durch Niedrigkeit und Not mit dem hier redenden Typus des niederen Volkes verwandt sein, um das Anziehende zu empfinden... Es ist eine Probe davon, ob man etwas klassischen Geschmack im Leibe hat, wie man zum Neuen Testament steht (vergleiche Tacitus); wer davon nicht revoltiert ist, wer dabei nicht ehrlich und gründlich etwas von foeda superstitio empfindet, etwas, wovon man die Hand zurückzieht, wie um nicht sich zu beschmutzen: der weiß nicht, was klassisch ist. Man muß das „Kreuz“ empfinden wie Goethe –
243.
Reaktion der kleinen Leute: – Das höchste Gefühl der Macht gibt die Liebe. Zu begreifen, inwiefern hier nicht der Mensch überhaupt, sondern eine Art Mensch redet.
„Wir sind göttlich in der Liebe, wir werden ‚Kinder Gottes‘, Gott liebt uns und will gar nichts von uns als Liebe“; das heißt: alle Moral, alles Gehorchen und Tun bringt nicht jenes Gefühl von Macht und Freiheit hervor, wie es die Liebe hervorbringt; – aus Liebe tut man nichts Schlimmes, man tut viel mehr, als man aus Gehorsam und Tugend täte.
Hier ist das Herdenglück, das Gemeinschaftsgefühl im Großen und Kleinen, das lebendige Eins-Gefühl als Summe des Lebensgefühls empfunden. Das Helfen und Sorgen und Nützen erregt fortwährend das Gefühl der Macht; der sichtbare Erfolg, der Ausdruck der Freude unterstreicht das Gefühl der Macht; der Stolz fehlt nicht, als Gemeinde, als Wohnstätte Gottes, als „Auserwählte“.
Tatsächlich hat der Mensch nochmals eine Alteration der Persönlichkeit erlebt: diesmal nannte er sein Liebesgefühl Gott. Man muß ein Erwachen eines solchen Gefühls sich denken, eine Art Entzücken, eine fremde Rede, ein „Evangelium“, – diese Neuheit war es, welche ihm nicht erlaubte, sich die Liebe zuzurechnen – : er meinte, daß Gott vor ihm wandle und in ihm lebendig geworden sei. – „Gott kommt zu den Menschen“, der „Nächste“ wird transfiguriert, in einen Gott (insofern an ihm das Gefühl der Liebe sich auslöst). Jesus ist der Nächste, so wie dieser zur Gottheit, zur Machtgefühl erregenden Ursache umgedacht wurde.
244.
Das Evangelium: die Nachricht, daß den Niedrigen und Armen ein Zugang zum Glück offen steht, – daß man nichts zu tun hat, als sich von der Institution, der Tradition, der Bevormundung der oberen Stände loszumachen: insofern ist die Heraufkunft des Christentums nichts weiter, als die typische Sozialistenlehre.
Eigentum, Erwerb, Vaterland, Stand und Rang, Tribunale, Polizei, Staat, Kirche, Unterricht, Kunst, Militärwesen: alles ebenso viele Verhinderungen des Glücks, Irrtümer, Verstrickungen, Teufelswerke, denen das Evangelium das Gericht ankündigt.... Alles typisch für die Sozialistenlehre.
Im Hintergrunde der Aufruhr, die Explosion eines aufgestauten Widerwillens gegen die „Herren“, der Instinkt dafür, wie viel Glück nach so langem Drucke schon im Frei-sich-fühlen liegen könnte.... (Meistens ein Symptom davon, daß die unteren Schichten zu menschenfreundlich behandelt worden sind, daß sie ein ihnen verbotenes Glück bereits auf der Zunge schmecken.... Nicht der Hunger erzeugt Revolutionen, sondern daß das Volk en mangeant Appetit bekommen hat....)
245.
Wogegen ich protestiere? Daß man nicht diese kleine friedliche Mittelmäßigkeit, dieses Gleichgewicht einer Seele, welche nicht die großen Antriebe der großen Krafthäufungen kennt, als etwas Hohes nimmt, womöglich gar als Maß des Menschen.
Bacon von Verulam sagt: Infimarum virtutum apud vulgus laus est, mediarum admiratio, supremarum sensus nullus. Das Christentum aber gehört, als Religion, zum vulgus; es hat für die höchste Gattung virtus keinen Sinn.
246.
Ich liebe es durchaus nicht an jenem Jesus von Nazareth oder an seinem Apostel Paulus, daß sie den kleinen Leuten so viel in den Kopf gesetzt haben, als ob es etwas auf sich habe mit ihren bescheidenen Tugenden. Man hat es zu teuer bezahlen müssen: denn sie haben die wertvolleren Qualitäten von Tugend und Mensch in Verruf gebracht, sie haben das schlechte Gewissen und das Selbstgefühl der vornehmen Seele gegeneinander gesetzt, sie haben die tapfern, großmütigen, verwegenen, exzessiven Neigungen der starken Seele irregeleitet, bis zur Selbstzerstörung....
247.
Die Juden machen den Versuch, sich durchzusetzen, nachdem ihnen zwei Kasten, die der Krieger und die der Ackerbauer, verloren gegangen sind;
sie sind in diesem Sinne die „Verschnittenen“: sie haben den Priester – und dann sofort den Tschandala....
Wie billig kommt es bei ihnen zu einem Bruch, zu einem Aufstand des Tschandala: der Ursprung des Christentums.
Damit, daß sie den Krieger nur als ihren Herrn kannten, brachten sie in ihre Religion die Feindschaft gegen den Vornehmen, gegen den Edlen, Stolzen, gegen die Macht, gegen die herrschenden Stände – : sie sind Entrüstungspessimisten....
Damit schufen sie eine wichtige neue Position: der Priester an der Spitze der Tschandalas, – gegen die vornehmen Stände....
Das Christentum zog die letzte Konsequenz dieser Bewegung: auch im jüdischen Priestertum empfand es noch die Kaste, den Privilegierten, den Vornehmen – es strich den Priester aus –
Christ ist der Tschandala, der den Priester ablehnt.... der Tschandala, der sich selbst erlöst....
Deshalb ist die französische Revolution die Tochter und Fortsetzerin des Christentums.... sie hat den Instinkt gegen die Kaste, gegen die Vornehmen, gegen die letzten Privilegien – –
248.
Die tiefe Verachtung, mit der der Christ in der vornehm gebliebenen antiken Welt behandelt wurde, gehört ebendahin, wohin heute noch die Instinktabneigung gegen den Juden gehört: es ist der Haß der freien und selbstbewußten Stände gegen die, welche sich durchdrücken und schüchterne, linkische Gebärden mit einem unsinnigen Selbstgefühl verbinden.
Das neue Testament ist das Evangelium einer gänzlich unvornehmen Art Mensch; ihr Anspruch, mehr Wert zu haben, ja allen Wert zu haben, hat in der Tat etwas Empörendes, – auch heute noch.
249.
Das ursprüngliche Christentum ist Abolition des Staates: es verbietet den Eid, den Kriegsdienst, die Gerichtshöfe, die Selbstverteidigung und Verteidigung irgendeines Ganzen, den Unterschied zwischen Volksgenossen und Fremden; insgleichen die Ständeordnung.
Das Vorbild Christi: er widerstrebt nicht denen, die ihm Übles tun; er verteidigt sich nicht; er tut mehr: er „reicht die linke Wange“ (auf die Frage „bist du Christus?“ antwortet er, „und von nun an werdet ihr sehen des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels“). Er verbietet, daß seine Jünger ihn verteidigen; er macht aufmerksam, daß er Hilfe haben könnte, aber nicht will.
Das Christentum ist auch Abolition der Gesellschaft: es bevorzugt alles von ihr Geringgeschätzte, es wächst heraus aus den Verrufenen und Verurteilten, den Aussätzigen jeder Art, den „Sündern“, den „Zöllnern“, den Prostituierten, dem dümmsten Volk (den „Fischern“); es verschmäht die Reichen, die Gelehrten, die Vornehmen, die Tugendhaften, die „Korrekten“....
250.
Zur Geschichte des Christentums. – Fortwährende Veränderung des Milieus: die christliche Lehre verändert damit fortwährend ihr Schwergewicht.... Die Begünstigung der Niederen und kleinen Leute.... Die Entwicklung der caritas.... Der Typus „Christ“ nimmt schrittweise alles wieder an, was er ursprünglich negierte (in dessen Negation er bestand –). Der Christ wird Bürger, Soldat, Gerichtsperson, Arbeiter, Handelsmann, Gelehrter, Theolog, Priester, Philosoph, Landwirt, Künstler, Patriot, Politiker, „Fürst“.... er nimmt alle Tätigkeiten wieder auf, die er abgeschworen hat (– die Selbstverteidigung, das Gerichthalten, das Strafen, das Schwören, das Unterscheiden zwischen Volk und Volk, das Geringschätzen, das Zürnen....). Das ganze Leben des Christen ist endlich genau das Leben, von dem Christus die Loslösung predigte...
Die Kirche gehört so gut zum Triumph des Antichristlichen, wie der moderne Staat, der moderne Nationalismus.... Die Kirche ist die Barbarisierung des Christentums.
251.
Das Christentum ist möglich als privateste Daseinsform; es setzt eine enge, abgezogene, vollkommen unpolitische Gesellschaft voraus, – es gehört ins Konventikel. Ein „christlicher Staat“, eine „christliche Politik“ dagegen ist eine Schamlosigkeit, eine Lüge, etwa wie eine christliche Heerführung, welche zuletzt den „Gott der Heerscharen“ als Generalstabschef behandelt. Auch das Papsttum ist niemals imstande gewesen, christliche Politik zu machen....; und wenn Reformatoren Politik treiben, wie Luther, so weiß man, daß sie eben solche Anhänger Macchiavells sind wie irgend welche Immoralisten oder Tyrannen.
252.
Wann auch die „Herren“ Christen werden können. – Es liegt in dem Instinkt einer Gemeinschaft (Stamm, Geschlecht, Herde, Gemeinde), die Zustände und Begehrungen, denen sie ihre Erhaltung verdankt, als an sich wertvoll zu empfinden, zum Beispiel Gehorsam, Gegenseitigkeit, Rücksicht, Mäßigkeit, Mitleid, – somit alles, was denselben im Wege steht oder widerspricht, herabzudrücken.
Es liegt insgleichen in dem Instinkt der Herrschenden (seien es Einzelne, seien es Stände), die Tugenden, auf welche hin die Unterworfenen handlich und ergeben sind, zu patronisieren und auszuzeichnen (– Zustände und Affekte, die den eignen so fremd wie möglich sein können).
Der Herdeninstinkt und der Instinkt der Herrschenden kommen im Loben einer gewissen Anzahl von Eigenschaften und Zuständen überein, – aber aus verschiedenen Gründen: der erste aus unmittelbarem Egoismus, der zweite aus mittelbarem Egoismus.
Die Unterwerfung der Herrenrassen unter das Christentum ist wesentlich die Folge der Einsicht, daß das Christentum eine Herdenreligion ist, daß es Gehorsam lehrt: kurz, daß man Christen leichter beherrscht als Nichtchristen. Mit diesem Wink empfiehlt noch heute der Papst dem Kaiser von China die christliche Propaganda.
Es kommt hinzu, daß die Verführungskraft des christlichen Ideals am stärksten vielleicht auf solche Naturen wirkt, welche die Gefahr, das Abenteuer und das Gegensätzliche lieben, welche alles lieben, wobei sie sich riskieren, wobei aber ein non plus ultra von Machtgefühl erreicht werden kann. Man denke sich die heilige Theresa, inmitten der heroischen Instinkte ihrer Brüder: – das Christentum erscheint da als eine Form der Willensausschweifung, der Willensstärke, als eine Donquixoterie des Heroismus....
253.
Das „Christentum“ ist etwas Grundverschiedenes von dem geworden, was sein Stifter tat und wollte. Es ist die große antiheidnische Bewegung des Altertums, formuliert mit Benutzung von Leben, Lehre und „Worten“ des Stifters des Christentums, aber in einer absolut willkürlichen Interpretation nach dem Schema grundverschiedener Bedürfnisse: übersetzt in die Sprache aller schon bestehenden unterirdischen Religionen –
Es ist die Heraufkunft des Pessimismus (– während Jesus den Frieden und das Glück der Lämmer bringen wollte): und zwar des Pessimismus der Schwachen, der Unterlegenen, der Leidenden, der Unterdrückten.
Ihr Todfeind ist 1. die Macht in Charakter, Geist und Geschmack; die „Weltlichkeit“; 2. das klassische „Glück“, die vornehme Leichtfertigkeit und Skepsis, der harte Stolz, die exzentrische Ausschweifung und die kühle Selbstgenügsamkeit des Weisen, das griechische Raffinement in Gebärde, Wort und Form. Ihr Todfeind ist der Römer ebensosehr als der Grieche.