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Am selben Abend nach dem Essen setzte wieder die Unterhaltung über die Frage ein, wieviel uns an Geld übrigbliebe, wenn die Ernte vorüber sei. Diesmal aber wurden weder die Eier noch Abraham, der dabeisaß, in dem Gespräche erwähnt.
An diesem Abend kamen wir alle einmütig zu dem Ergebnis, daß wir ordentlich essen müßten, um uns arbeitsfähig zu erhalten, daß wir eine bestimmte Summe am Ende der Ernte übrighaben müßten, um nicht umsonst gearbeitet zu haben oder wie Sklaven nur für das Essen, und daß also, kurz und bündig, der Lohn zu niedrig sei. Wenn wir statt sechs acht Centavos für das Kilogramm bekämen, könnten wir gerade zurechtkommen.
Mit diesem Gedanken gingen wir schlafen.
Am nächsten Morgen, sobald die andern Arbeiter auf das Feld gekommen waren, gingen Antonio und Gonzalo gleich zu ihnen und erklärten ihnen, daß wir die Absicht hätten, acht Centavos zu verlangen und zwei Centavos Nachbezahlung für die bisher schon gepflückten Kilos. Diese Leute, alle unabhängiger als wir, weil sie alle ihr Stückchen Land hatten, waren ohne weiteres damit einverstanden.
Nun gingen Antonio und Gonzalo sowie zwei von den andern Leuten zur Wage und sagten Mr. Shine, was los sei.
„Nein,“ antwortete Mr. Shine, „das bezahle ich nicht, ich bin doch nicht verrückt! Das habe ich noch nie bezahlt! Das kommt ja gar nicht rein!“
„Gut,“ sagte Antonio, „dann machen wir Schluß. Wir wandern dann noch heute ab.“
Da mischte sich einer von den ansässigen Arbeitern ein: „Hören Sie, Senjor, wir warten zwei Stunden. Überlegen Sie es sich. Wenn Sie dann noch Nein! sagen, satteln wir unsre Mulas. Wir wollen schon dafür sorgen, daß Sie keine Leute kriegen.“
Damit war die ganze Konferenz erledigt. Die vier Abgesandten gingen ins Feld zurück, berichteten die abschlägige Antwort, und alle Leute verließen ihre Reihen, gingen zu den Bäumen und legten sich schlafen. Als ich auch auf dem Wege zu den Bäumen war, rief Mr. Shine herüber: „He, Mr. Gale! Kommen Sie auf einen Augenblick her!“
Ich ging hinüber. „Na,“ sagte ich gleich beim Näherkommen, „wenn Sie etwa glauben, daß ich hier die Mittelsperson mache, dann sind Sie im Irrtum, Mr. Shine. Wäre ich Farmer, stünde ich auf Ihrer Seite, und ich ginge mit Ihnen durch dick und dünn. Da ich aber kein Farmer, sondern Farm-Hand bin, stehe ich zu meinen Arbeitskollegen. Das verstehen Sie doch?“
„Gar kein Zweifel, Mr. Gale,“ erwiderte er, „es ist auch gar nicht meine Absicht, Sie herüberzuziehen; denn Sie allein könnten die Baumwolle ja doch nicht hereinholen. Aber wir wollen das einmal in Ruhe überrechnen.“
Mr. Shine zündete sich eine Pfeife an und gab mir Tabak. Sein ältester Sohn, der etwa sechsundzwanzig Jahre alt war, steckte sich eine Zigarre an, und der zweite Sohn, der jüngste in der Familie, ungefähr zweiundzwanzig Jahre alt, pellte ein Stück Kaugummi aus einem Stück verschweißtem Papier heraus und schob es in den Mund.
„Sie sind der einzige Weiße hier unter den Pflückern, und da ich Ihnen ja schon acht bezahle, sind Sie eigentlich parteilos und können hier mitsprechen. Sie haben doch nicht etwa den andern Burschen gesagt, daß Sie acht bekommen?“ fügte Mr. Shine, die Pfeife aus dem Munde nehmend, hinzu.
„Nein,“ sagte ich, „dazu hatte ich nicht die geringste Ursache.“
Dick, der älteste Junge, kletterte in das Lastauto, lehnte sich gegen einen Ballen Baumwolle und ließ die Beine über die Reling baumeln.
Pet, der jüngere, setzte sich zum Steuerrad und druselte, unausgesetzt seinen Gummi knatschend, vor sich hin.
Der Alte lehnte sich gegen den Wagen und fummelte, unaufhörlich fluchend, an seiner Pfeife herum, die bald ausging, bald verstopft war, bald neuen Tabak brauchte, obgleich der Rest noch gar nicht ganz aufgebrannt war.
Die ganze Erregung, die den Farmer durchtobte, äußerte sich nur in der Behandlung seiner Pfeife.
Nachdem etwa fünf Minuten lang niemand etwas gesagt hatte, platzte plötzlich Pet heraus: „Weißt du was, Daddy, ich an deiner Stelle würde bezahlen, ohne viele Worte zu machen.“
„Ja, du,“ rief Mr. Shine wütend, „du würdest bezahlen. Es geht ja nicht aus deiner Tasche, da ist das ‚Bezahlen würden‘ sehr leicht. Aber dann ziehe ich dir’s von deinem Taschengelde ab.“
„Das wirst du nicht tun, Daddy, oder du mußt mir das Geld für die verkaufte Baumwolle auch geben, sonst wäre es ungerecht.“
„Ha! Daß ich nicht platze vor Lachen. Das Geld für die verkaufte Baumwolle!? Habe ich denn überhaupt schon für einen Dime verkauft? Ich sage Ihnen, Mr. Gale, noch nicht einen blanken Tinker hat man mir geboten. Und was für eine Baumwolle in diesem Jahr! Die weißeste Schneeflocke von Alaska muß sich dagegen schämen. Und sehen Sie einmal hier, Mr. Gale,“ dabei rupfte er eine Knolle, die dicht neben ihm stand, ab und quetschte sie, sie mir dicht vor die Nase haltend, in seinen Fingern, „die weichsten Daunen sind dagegen der purste Stacheldraht. – Ja, Gosch, sagen Sie doch auch einmal ein Wort! Stehen Sie doch nicht so da, als ob Sie die Sprache verloren hätten!“
„Aber ich bin doch unparteiisch“, sagte ich darauf.
„Ja richtig, Sie sind unparteiisch. Aber Sie können doch wenigstens den Mund mal aufmachen!“
Es kam ihm nur darauf an, jemand zu finden, dem er widersprechen konnte.
Da räkelte sich Dick ein wenig bequemer in seine Stellung ein und sagte ganz langsam und bedächtig mit breit gezogenen Worten:
„Da will ich dir mal was sagen, Dad –“
„Du? Ja du bist mir gerade der Rechte.“
„Dann eben nicht. Ich habe Zeit. Es ist ja nicht meine Baumwolle, es ist ja deine.“
Und als Dick nun wieder in seine bulkige Schweigsamkeit zurückfiel, sagte der Alte plötzlich ganz erbost: „Ja, verflucht noch mal, dann rede doch schon! Oder soll ich hier vielleicht stehen, bis die ganze Baumwolle verfault und verwurmt ist?“
„Siehst du, Dad, das meine ich gerade: verfault. Wenn die Leute gehen, andre kriegen wir nicht. Und wenn wir die Leute herschippen lassen von den Städten, müssen wir mehr Reisegeld bezahlen, als die Sache wert ist.“
„Rede doch schon einen Strich schneller!“
„Aber ich muß mir doch erst ausdenken, was ich sagen will. Sieh mal, Dad, einmal hat es schon geregnet. Und es sieht ganz so aus, als ob wir eine sehr frühe Regenzeit kriegen oder eine volle Woche Stripregen. Dann ist die ganze Baumwolle hinüber, dann ist sie in den Dreck gehauen, und du kannst lange suchen, bis du einen findest, der dir anstatt der Baumwolle den Sand abkauft. Je eher wir die Baumwolle ‚ginned‘ und auf den Markt gebracht haben, desto besser ist der Preis. Wenn der Markt erst mal voll ist, müssen wir froh sein, wenn wir sie mit zwanzig oder fünfundzwanzig Centavos Verlust losschlagen, wenn wir sie dann überhaupt unterbringen und sie uns nicht auf dem Halse liegen bleibt. Bis jetzt sind wir sehr früh dran und sind mit die ersten auf dem Markt.“
„Verflucht noch mal, Junge, du hast verteufelt recht! Vor vier Jahren habe ich sie mit dreißig Centavos das Kilo unter dem Anfangspreis verkaufen müssen und habe noch dagestanden wie ein armseliger Bettler, der um ein Stück Brot boomen muß. Aber ich bin doch nicht ganz und gar wahnsinnig geworden, daß ich acht Centavos bezahle! Früher habe ich sogar bloß drei, wenn sie schlecht stand, vier bezahlt. Nein, das ist abgemacht, da lasse ich sie, by Gosh!, zehnmal lieber verfaulen und verschimmeln, just wie sie dasteht, ehe ich nachgebe.“
Dabei schlug er mit der Hand nach einer Staude, als ob er mit dieser einen Handbewegung das ganze Feld abrasieren wollte.
Dann kam ihm in seinem Zorn ein andrer Gedanke:
„Aber an der ganzen Geschichte sind bloß die Fremden schuld, die Auswärtigen. Die hetzen uns hier die Leute auf. Die können nie den Rachen vollkriegen. Unsre Leute hier herum sind immer zufrieden. Ja, Sie auch, Mr. Gale, Sie sind auch einer von den Aufwieglern und von den Bolsches, die alles auf den Kopf stellen und uns das Land wegnehmen und das Bett unter dem Hintern fortziehen wollen. Bei mir kommt ihr aber an die falsche Nummer. Das habe ich selber mitgemacht. Das kenne ich, weiß, wie es gemacht wird. Aber wir haben keine I. W. W.[1] und alles solchen Stoff gehabt.“
„Wenn Sie mich meinen, Mr. Shine, tun Sie sich keinen Zwang an. Nebenbei bemerkt, habe ich Ihnen gar keinen Grund gegeben, festzustellen, ob ich ein Wobbly[2] bin oder nicht.“
„Mischen Sie sich doch nicht ’rein, von Ihnen ist ja gar nicht die Rede. Ich habe Sie ja gar nicht gemeint. Aber bezahlen tu ich nicht, basta!“
„Na hör’ mal, Daddy“, sagte jetzt Pet, ohne sich seinem Vater zuzuwenden, „in bezug auf die Fremden hat du unrecht, durchaus. Die sechs Fremden schaffen mehr herein als die zwölf oder vierzehn Indianer. Die tun doch überhaupt bloß etwas, weil sie sehen, wie die Fremden arbeiten und was verdient werden kann. Wenn unsre Hiesigen einen Peso machen, dann sind sie zufrieden und halten lieber fünf Stunden Mittagschlaf, weil ihnen das wichtiger ist. Ohne die Fremden bekämen wir die Baumwolle vor Weihnachten nicht herein, da wette ich mein Leben darauf.“
„Aber ich bezahle keine acht, und damit Schluß!“
„Dann kann ich ja ankurbeln, und wir können heimfahren“, sagte Dick trocken und kletterte gemächlich von dem Wagen herunter.
Es waren noch lange keine zwei Stunden vergangen, aber die „Hiesigen“ wurden jetzt beweglich. Sie fingen ihre Maultiere ein und begannen aufzusatteln.
Als einige der Peons schon soweit waren, aufzusitzen, sprangen Antonio und Gonzalo plötzlich auf, warfen ihre großen Hüte hoch in die Luft und begannen mit schrillen Stimmen zu singen:
Es trägt der König meine Gabe,
Der Millionär, der Präsident –
Die Leute hörten sofort auf, an ihren Tieren zu arbeiten, und standen stille wie Soldaten nach einem Kommando. Sie hatten das Lied nie gehört, fühlten jedoch sofort mit dem Instinkt des Mühseligen, daß es ihr Lied sei, daß dieses Lied mit dem Streik, mit dem ersten Streik, den sie erlebten, ebenso innig zusammenhing wie ein Kirchenchoral mit der Religion. Sie wußten nicht, was I. W. W. war, was eine Organisation bedeutet, was eine Klasse sei. Aber der Gesang hämmerte auf sie ein, die Worte trafen den Atem ihres Daseins. Und das Lied schmiedete sie zusammen zu einem ehernen Block. Das erste leise Bewußtsein der ungeheuren Macht und Stärke der zu einem gemeinsamen Wollen vereinigten Proleten erwachte in ihnen.
Als der erste Refrain wiederholt wurde, sang bereits das ganze Feld. Was vielleicht geschehen könnte, wenn der letzte Refrain begann, ohne inzwischen die gewünschte Antwort erhalten zu haben, wußte ich. Ich habe es erlebt.
Der Gesang, so eintönig und so schlicht in seiner Melodie, aber so federnd wie feinster Stahl in seinem klingenden Rhythmus, steckte mich an. Ich konnte nicht anders, ich begann, das Lied mitzusummen.
„Natürlich! Sie auch!“ sagte Mr. Shine, halb ironisch, halb selbstverständlich zu mir. „Ich hab’s ja gewußt!“
Als der zweite Refrain erklang, wendeten sich die Leute, die bisher zwanglos in einer losen Gruppe bei ihren Maultieren gestanden hatten, alle wie ein Mann zu uns herüber, wodurch der Gesang herausfordernd und persönlich wurde.
Mr. Shine faßte nervös nach hinten und knöpfte die lederne Revolvertasche auf, machte sie aber gleich wieder zu mit einer Geste der Verlegenheit, die ebensogut auch eine der Scham oder gar der Wurschtigkeit sein konnte.
„Teufel noch mal,“ rief er dann, „that means business, die scheinen Ernst zu machen.“
„Das machen sie,“ sagte Pet knatschend, „und wenn sie einmal fort sind, haben wir unsre liebe Mühe und Not, sie wieder heranzuholen.“
„Gut,“ sagte Mr. Shine, „ich bezahle acht, aber erst von heute an. Was bezahlt ist, bleibt bezahlt, da wird nichts nachgegeben. Mr. Gale, seien Sie doch so gut, bitte, und rufen Sie die Leute heran!“
Ich lief ’rüber und brachte die ganze Horde zusammen.
„Na, was ist?“ fragten die Leute, als sie nahe genug der Wage waren.
„Also es ist abgemacht,“ sagte Mr. Shine halb erbost, halb von oben herab, „ich zahle acht für das Kilo, aber –“
Antonio ließ ihn nicht ausreden:
„Und für die schon gepflückten Kilos?“
„– zahle ich die zwei Centavos nach. Aber nun auch tüchtig ran an die Arbeit, daß wir den ganzen Bettel noch trocken hereinkriegen.“
„Hurra für Mr. Shine!“ schrie Abraham.
„Halt’s Maul, damned Nigger, du bist nicht gefragt!“ schrie der Farmer wütend.
„Aber was mache ich denn nun mit Ihnen, Mr. Gale?“ sagte er zu mir. „Sie bekommen doch schon acht.“
„Ja,“ sagte ich, „da gehe ich halt leer aus, Mr. Shine.“
„Das sollen Sie nicht. Bei einem Mann kommt es mir auch nicht darauf an. Und weil Sie Weißer sind, der einzige Weiße, Sie sollen zehn haben.“
„Mit Nachzahlung?“
„Mit Nachzahlung! Ich bin ein fair businessman. Was stehen Sie denn noch ’rum? Machen Sie, daß Sie an die Arbeit kommen! Wir haben, weiß Gott, beinahe eine Stunde total verquatscht. Gerade um diese Stunde kann uns der Regen zu früh kommen. Das ziehe ich euch beiden Rangen ab, da könnt ihr Gift drauf nehmen“, so wandte er sich seinen Söhnen zu, die gerade dabei waren, die Wage wieder aufzuhängen.
[1] I. W. W. = Industrial Workers of the World; eine sehr radikale Arbeiter-Organisation.
[2] Wobbly = Mitglied der I. W. W.