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Der Wobbly cover

Der Wobbly

Chapter 24: 1
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About This Book

The narrative explores the lives of cotton pickers in Mexico, highlighting their struggles and camaraderie as they seek work under harsh conditions. It begins with a group of diverse characters, including a man from the train, who gather at a station, all aiming to find their way to a cotton-picking job. Through their interactions, the story delves into themes of poverty, labor exploitation, and the shared experiences of the working class. The characters' conversations reveal their backgrounds and aspirations, while the setting emphasizes the challenges they face in their pursuit of a better life.

ZWEITES BUCH.
DER WOBBLY

1

er Inhaber der Bäckerei La Aurora, Senjor Doux, sah aus, als ob er die Ewige Malaria hätte. Er war auch immer kränklich und lief herum wie ein Todkranker. Aber essen konnte er für zwölf Lebende. Frühmorgens um vier Uhr stand er auf, trank einen Liter Milch und aß sechs Eier mit geröstetem Schinken. Dann trank er einen Kognak, und hierauf ging er auf den Markt, um für den Tagesverbrauch einzukaufen. Neben der Bäckerei und Konditorei hatte er noch ein gutgehendes Café-Restaurant, wo man außer den üblichen Eisgetränken, Sahne-Eis, Frucht-Eis, geeiste Früchte, Weine, Bier, auch Frühstück, Mittagessen und Abendessen bekommen konnte. Das Café war zu ebener Erde. In dem Stockwerk darüber befand sich ein Hotel, das Senjor Doux aber nicht selbst leitete, sondern verpachtet hatte. Mit dem Pächter hatte er täglich eine erfrischende Unterhaltung. Wenn man dieser Unterhaltung einmal beigewohnt hatte, dann konnte man begreifen, warum Senjor Doux nie gesund werden konnte, und warum er so elend, so gelbgrünweiß im Gesicht aussah.

Der Streit ging meist um das Wasser. Wasser ist ja nun in den Tropen nicht nur eines der kostbarsten Dinge, sondern auch eines der Objekte, um die ewig gekämpft wird. Die Natur kämpft um das Wasser auf Leben und Tod; die Tiere zerfleischen sich um das Wasser oder vertragen sich um seinetwillen so sehr, daß der durstige Jaguar dem kleinen Zicklein am Wasser kein Leid antut, sondern es in ehrfurchtsvoller Entfernung vom Wasser auf dem Rückwege erwartet.

Wehmütig zuweilen ist der Kampf der Pflanzen und Bäume um das Wasser. Aber wenn sich die Menschen um das Wasser streiten, so sind sie allen andern irdischen Geschöpfen in den Kampfesmitteln überlegen. Die Menschen führen den Kampf am erbarmungslosesten gegen Tiere, Pflanzen und Nachbarn.

Das Gebäude hatte nur zwei Stockwerke, unten das Café, oben das Hotel. Nach Art der meisten Gebäude in Latein-Amerika war das Haus eigentlich ein Hausblock, herumgebaut um einen Hof, in dem tropische Pflanzen standen, die bis über den obersten Stock hinauswuchsen. Die Vorderfront nahm das Café ein; die rechte Seitenwand die Restaurationsküche, Toiletten, Waschräume und Vorratskammern; die linke Seite bildete Bäckerei und Konditorei und den Schlafraum der Bäckereiarbeiter. In der Hinterfront waren die Wohnräume des Inhabers.

Das Hotel erstreckte sich gleichfalls in einem Viereck um den Hof herum, alle Türen und Fenster lagen nach dem Hofe hin, nur die Fenster der Vorderfront gingen auf die Straße. Dort befand sich ein Balkon, der die ganze Länge des Hotelstocks einnahm.

Auf dem Dache standen zwei große Wassertanks. Der eine war für den unteren Stock, der andre für den oberen. Jeder Tank hatte seine eigne Pumpe, die das Wasser mit motorischer Kraft in die Tanks pumpte. Wenn die trockene Jahreszeit kam, lief der Brunnen, der zur Bäckerei und zum Café gehörte, leer, während der Brunnen für das Hotel reichlich Wasser hatte. Das Café und die Bäckerei konnten ohne Wasser nicht durchkommen, und nun begann der Kampf. Senjor Doux wollte jetzt das Wasser aus dem Hotelbrunnen in seinen Tank pumpen unter der wahren Behauptung, daß er ja der Besitzer beider Brunnen sei. Der Hotelpächter aber gestattete das nicht; er hatte es in seinem Kontrakt, daß ihm der Hotelbrunnen allein zustehe. Er befürchtete, wenn er dem Café erlaubte, Wasser aus seinem Brunnen zu entnehmen, daß er dann eines Tages selbst kein Wasser haben würde und den Gästen keine Bäder geben könne. Ohne Bäder ist ein Hotel in den Tropen wertlos.

Beide Brunnen waren abgeschlossen. Der Pächter hatte einen Schlüssel für seinen und Senjor Doux hatte einen Schlüssel für den Cafébrunnen. Es blieb also Senjor Doux nichts andres übrig, als in der Nacht den Brunnen seines Pächters aufzubrechen, die Rohre zu koppeln und die Pumpe laufen zu lassen. Wenn der Pächter die Pumpe hörte, wachte er natürlich auf, und es gab einen Mordsspektakel mitten in der Nacht. Die Hotelgäste mischten sich ein, die Cafégäste, manchmal in angeheiterter oder in kampffreudiger Laune, nahmen Partei, es flogen Flaschen, Stühle, Brote, Eisbrocken und entsetzliche Flüche und Verwünschungen durch die Luft. Die Pumpe, parteilos und absolut gleichgültig gegen das Getobe, arbeitete allein und pumpte den Tank inzwischen voll. Dann koppelte Senjor Doux die Rohre ab, und der nächtliche Frieden begann und wurde am nächsten Morgen aufs neue gestört. Es begann damit, daß der Hotelpächter einen Handwerker kommen ließ, der den Brunnen besonders schwer verrammeln mußte. Dann lief Senjor Doux zur Polizei, weil nach dem Gesetze niemandem das Wasser abgesperrt werden darf. Dann zeigte der Hotelpächter seinen Kontrakt, den Senjor Doux eigenhändig unterschrieben hatte, und der auch die vorgeschriebenen Steuermarken trug, und die Polizei zog wieder ab. In der Nacht wurde der Brunnen wieder aufgebrochen, weil Senjor Doux ja Wasser haben mußte.

Es hatte also wohl seine guten Gründe, daß Senjor Doux wie ein Sterbender aussah und trotzdem gut essen konnte.

Wenn Senjor Doux vom Markt heimkam, gegen sechs Uhr etwa, frühstückte er erst einmal. Fisch und Braten und eine halbe Flasche Wein, hinterher Kaffee mit drei oder vier Stücken Kuchen.

Inzwischen kamen schon Frühgäste. Dann mußte mit den Lieferanten verhandelt und abgerechnet werden; es lief die Post ein; nun kamen Bestellungen auf Brot, Brötchen, Kuchen, Torten, Backwaren und kandierte Früchte.

Um halb neun machte Senjor Doux zweites Frühstück, an dem seine Frau teilnahm. Diesmal gab es neben einem Eiergericht noch zwei Fleischgerichte und großen Nachtisch mit Bier.

Senjora Doux war eine hübsche Frau, aber sehr behäbig. Im Widerspruch mit der Auffassung, daß alle Wohlgenährten immer guter Laune seien, war Senjora Doux ewig mißgelaunt. Nur wenn sehr viele Bestellungen auf Backwaren einliefen, verzog sie das Gesicht zu einem kurzen Lächeln, das jedoch nur ein paar Sekunden währte. Das Café konnte zum Brechen voll sein, die Leute mochten sich um die Sitze schlagen, Senjora Doux machte trotzdem ein saures Gesicht und guckte jeden Gast an, als ob er ihr persönlich schweres Leid zugefügt und die Absicht habe, sie für ihr ferneres Leben unglücklich zu machen. Sie trug nie Schuhe oder Stiefel, sondern immer nur weiche Pantoffel. Ich glaube nicht, daß sie jemals ausging; gesehen habe ich es nie. Sie fürchtete, daß während ihrer Abwesenheit ein Kellner sie betrügen könnte. Sie hatte ihre Augen überall; es geschah nichts im ganzen Hause, was sie nicht wußte, oder worüber sie keine Kontrolle hatte. Was sie am meisten bedauerte (eigentlich bedauerte sie alles), das war, daß der Mensch, wenigstens sie, auch schlafen müsse. Denn während sie schlief, konnte ja irgend etwas geschehen, was sie nicht sah. Aus diesem Grunde betrachtete sie niemanden mit größerem Mißtrauen als die Arbeiter in der Bäckerei und Konditorei. Die arbeiteten nachts, zu der Zeit, wo Senjora Doux schlafen mußte, um den ganzen Tag über, bis spät in die Nacht hinein, das Café zu überwachen. Obgleich sie schon alles am Halse hängen hatte, übernahm sie auch noch die Kasse. Eine Kassiererin würde es bei ihr auch nicht ausgehalten haben. Die Senjorita hätte ehrlich sein können und unbestechlich wie der Erzengel mit dem Schwert, Senjora Doux würde sie trotzdem täglich ein paarmal angeschuldigt haben, daß sie wieder zehn Pesos unterschlagen habe. Diese Geschichte mit der Kasse war eine schwere Arbeit. Senjora Doux traute keinem Kellner. Sie saß an der Kasse oder wanderte im Lokal umher und beobachtete die Gäste, was sie verzehrten. Wenn der Gast ging und bezahlt hatte, so mußte der Kellner das Geld sofort zur Kasse bringen und abliefern. Denn hätte man ihm das Geld, das er während seiner Arbeitszeit eingenommen hatte, und das manchmal einige hundert Pesos betrug, in der Tasche gelassen, damit er erst dann mit der Kasse abrechne, wenn er abgelöst wurde, so hätte er ja eine Viertelstunde vorher mit der ganzen Einnahme und unter Zurücklassung seines Hutes und seiner Jacke verschwinden können auf Nimmerwiedersehen. Es muß freilich zugestanden werden, daß solche Dinge vorkamen, sogar wenn der Kellner manchmal nur sechzig oder siebzig Pesos in der Tasche hatte. Aber in dem Café La Aurora des Senjor Doux war das nicht durchführbar.

Wenn wenig Bestellungen für die Bäckerei einkamen, hatten die Bäcker und Konditoren nichts zu lachen. Dann fegte Senjora Doux mit ihnen herum, daß meist einer oder der andre seinen Lohn verlangte und ging. Denn an solchen Tagen betrachtete sie die Ausgabe für die Bäckerei als verschwendetes Geld. Kamen am nächsten Tage die Bestellungen doppelt oder dreifach ein, so mußten die Leute drei, vier oder fünf Stunden mehr arbeiten, weil inzwischen natürlich kein neuer Bäcker oder Hilfsarbeiter eingestellt worden war.

Die Musiker im Café hatten es nicht besser, sondern noch viel schlechter. Die Bäcker schafften ja noch etwas wenigstens, aber die Musik war die unsinnigste Verschwendung, die Senjor und Senjora Doux sich nur denken konnten. Die Musik produzierte nicht, sie fraß nur und wollte immer Geld haben. Da aber andre Cafés Musik hatten, mußte Doux schon mitmachen, um auf der Höhe zu bleiben. Er hatte jeden Tag Krach mit der Musik. Waren wenig Gäste da, dann erklärte er den Musikern, daß sie schuld seien, weil sie saumäßig spielten. Dann packten die Musiker ihre Instrumente ein, ließen sich ihr Geld geben und gingen. Senjora Doux war darüber recht zufrieden, denn nun hatte sie einen Grund, das Geld für die Musik zu sparen und den Gästen zu erklären, daß die Musiker fortgelaufen seien.

Waren dann wieder die Gäste nach ein paar Tagen unzufrieden und verlangten sie Musik, dann mußte Senjor Doux den Musikern nachlaufen. Oft geschah es, daß er nur einen Bandonium- oder Gitarrespieler bekam. Die Gäste verzogen sich, und endlich brachte Doux wieder eine gute Kapelle ins Haus, bis nach einer Weile der Krach wieder da war und sich die ganze Geschichte wiederholte.

Eines Tages kam eine ganz vorzügliche Kapelle von acht Mann aus Mexiko-City und bot sich in den Cafés an. Sie kamen zuerst zu Senjor Doux.

„Fünfzig Pesos den Tag für acht Mann? Zahle ich nicht. Auch noch das Essen? Ich bin doch nicht verrückt. Und nur wochenweise und mit dreitägiger Kündigung? Da können Sie in der ganzen Stadt herumlaufen, gibt Ihnen niemand. Fünfundzwanzig will ich zahlen und tägliche Kündigung. Ich kriege genug Leute.“

Die Kapelle ging in ein andres Café, bekam, was sie verlangte, und das Café war jeden Abend gut besetzt, obgleich die Leute sich hier wenig in Cafés oder Restaurants setzen; nur gerade so lange, bis sie ihr Eis geschluckt oder ihre Coca-Cola gesaugt haben. Dann gehen sie wieder, weil sie lieber auf den Plätzen spazierengehen oder auf den Bänken sitzen.

Aber die Kapelle hielt die Leute auch für zwei Eisgetränke oder eine extra Flasche Bier, und das um so lieber, weil der Wirt anständig genug war, keinen Preisaufschlag auf die Getränke zu nehmen.

Dieses Café war nur fünf Häuser weit von der La Aurora, noch im selben Block, und La Aurora war so leer, daß es wie ein beleuchteter Leichnam aussah. Senjora Doux wollte das Licht auf die Hälfte abdrehen, weil es überflüssig brenne; aber Senjor Doux widersetzte sich diesem Gedanken. Jede Stunde einmal ging er, ohne Hut und ohne sich Jacke oder Weste anzuziehen, zum Kino, um sich die ausgestellten Plakate anzusehen. Er kannte sie auswendig. Aber in Wahrheit ging er nur, um die Gäste in der La Moderna zu zählen; denn da mußte er vorüber, wenn er zum Kino wollte. Er ging vorbei, ohne den Kopf zu wenden. So sah es aus. In Wirklichkeit aber sah er doch jeden Gast in der La Moderna, und zu seiner Trauer sah er viele, die sonst bei ihm saßen.

Ein paar Tage sah er sich das mit an. Dann stellte er sich vor die Tür seines Cafés und paßte auf, wann der erste Geiger der La-Moderna-Kapelle vorüberkam.

„Einen Augenblick, Senjor!“

„Bitte?“

„Wollen Sie nicht zu mir kommen? Ich zahle Ihnen fünfzig.“

„Bedaure, wir bekommen fünfundsechzig.“

„Das bezahle ich nicht.“

„Muy bien, Senjor, Adios.“

Als wieder eine Woche vorbei war, fragte er den Geiger abermals.

„Gut, für fünfzig, Senjor.“

„Abgemacht. Dann von Freitag an.“

Senjor Doux stürmte rein zu seiner Frau: „Ich habe die Kapelle. Für fünfzig. Fein.“

Die Kapelle konnte es dafür machen, denn sie war in der La Moderna gekündigt und hatte kein anderes Engagement in der Stadt.

Aber die Sahne war herunter. Die Leute hätten gern wieder einmal eine andre Kapelle gesehen. Es kamen zwar genügend Gäste nun in die La Aurora, aber doch bei weitem nicht so viel, wie in der La Moderna jeden Abend gesessen hatten. Senjor Doux sagte der Kapelle, daß sie saumäßig spiele. Die Musiker ließen es sich nicht gefallen, es kam zum Krach, und sie verließen das Café. Senjor Doux brauchte ihnen nicht zu kündigen und sparte das Geld.