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Der Wobbly cover

Der Wobbly

Chapter 25: 2
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About This Book

The narrative explores the lives of cotton pickers in Mexico, highlighting their struggles and camaraderie as they seek work under harsh conditions. It begins with a group of diverse characters, including a man from the train, who gather at a station, all aiming to find their way to a cotton-picking job. Through their interactions, the story delves into themes of poverty, labor exploitation, and the shared experiences of the working class. The characters' conversations reveal their backgrounds and aspirations, while the setting emphasizes the challenges they face in their pursuit of a better life.

2

ittags gegen halb zwölf hatte Senjor Doux auch seine Bücher ausgefüllt, und dann setzte er sich zum Mittagessen hin. Um zehn hatte er ein kaltes Huhn verzehrt, weil es ihm bis zum Mittagessen zu lange dauerte. Jetzt aß er zum ersten Male am Tage richtig. Dann ging er schlafen, weil, abgesehen von den Mittagsgästen, jetzt stille Zeit kam. Um fünf stand er wieder auf, wusch und rasierte sich und eilte ins Café, vom Hunger getrieben.

Von jetzt an blieb er im Café bis Schluß. Die Polizei kümmert sich hier nicht um die Sitten, um Sittlichkeit und um Gesittung der Menschen. Das überläßt sie den Leuten selbst. Wer Zeit und Geld hat, sich die ganze Nacht im Café herumzudrücken, mag es tun. Es ist sein Geld, seine Zeit und seine Gesundheit. Wenn der Wirt keine Gäste mehr hat, macht er schon von selbst zu und braucht dazu keine guten Ratschläge und Strafmandate der Polizei, denn er ist ja ein erwachsener Mensch und kein Säugling, der noch in die Windeln macht und die Milchflasche nicht allein halten kann. Und weil keine Polizeistunde ist, niemand einen Spaß darin sieht, die Polizei zu ärgern und an verbotenen Früchten zu naschen, so hat das Café um zwölf selten noch genügend Gäste, daß es sich lohnt, Licht zu verbrennen. Denn die Leute, die aus Gründen ihres Berufes nachts auf sein müssen, gehen nun nicht ins Café, sondern in die Bars, wo zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht vollständige Mahlzeiten oder Spezialplatten verabreicht werden zu billigeren Preisen als im Café.

Zu dieser Zeit waren wir mitten drin in der dicksten Arbeit.

„Putzen Sie mal die Bleche“, sagte der Meister zu mir. „Das werden Sie ja wohl können. Wenn mal die Alte (das war Senjora Doux, die keineswegs alt, sondern kaum dreißig war) reinkommen sollte – die muß ja ihre Nase in jeden Dreck reinstecken –, dann putzen Sie nur immer Bleche. Dann merkt sie nicht, daß Sie nichts von der Bäckerei verstehen. Aber jetzt kommt sie nicht, jetzt ist gerade der Alte drüber; die haben ja sonst keine Zeit. Mich wundert es nur, daß sie dafür überhaupt noch Zeit und Gedanken finden. Aber Gedanken werden sie sich dabei wohl kaum machen. Die denken dabei an uns, ob wir uns etwa keine Eier verrühren. Das wollen wir jetzt erst mal machen.“ Nun wurden tüchtig Eier eingeschlagen, Butter rein und dann in den Ofen geschoben. Als die Fütterung vorüber war, lernte ich Bleche sauber machen. Das kann man nicht so ohne weiteres, wie man vorher wohl denkt. Es muß gelernt sein. Dann mußte ich Mehl abwiegen. Auch das hat seine Kniffe. Und dann mußte ich fünfhundert Eier aufschlagen, das Gelbe und das Weiße voneinander trennen. Würde man das so machen, wie es Mutter in der Küche tut, so brauchte man dazu eine Woche. Hier muß das in kaum zwanzig Minuten geschehen sein, und es darf kein Pünktchen Gelb in der Weißmasse gefunden werden, weil das allerlei Schwierigkeiten zur Folge hätte.

Dann lernte ich die Teigteilmaschinen bedienen, das Feuer in Ordnung halten, Brot- und Brötchenteig ansetzen, Kleingebäck glasieren, Torten beschneiden und für die Ornamentierung vorarbeiten, Schüsseln und Geschirre reinigen, die Tische abwaschen, die Backstube ausfegen, Eis mahlen, Eismasse ansetzen und so manches andre mehr. Alles so nach und nach, alles in der Weise, wie man jedes Ding lernen kann. Es gibt überhaupt nichts, das man nicht lernen könnte.

Dann kam der Samstag. Lohntag. Aber Lohn gab es nicht. „Manjana, morgen“, sagte Senjor Doux. Morgen war Sonntag, und wir mußten mehr arbeiten als die übrigen Tage. Hinsichtlich des Lohnzahlens aber erklärte Senjor Doux, es sei Sonntag, und Sonntags zahle er keinen Lohn: „Morgen.“ Montag zahlte er aber auch nicht, weil er noch nicht zur Bank gewesen sei. Dienstag gab es kein Geld, weil er das Geld, das er von der Bank geholt, bereits ausgegeben habe. Mittwoch bekamen die Kellner erst mal ihr Geld, und Donnerstag hatte er überhaupt kein Geld und konnte nicht zahlen. Freitag war er nicht zu finden; immer, wenn man ihn suchte, war er gerade in seine Wohnung gegangen und wollte nicht gestört werden. Samstag waren bereits zwei Löhne fällig, aber da hatte er zu große Ausgaben, weil er für den Sonntag mit einkaufen mußte und die Banken schon mittags schlossen. „Morgen“, sagte er. Aber morgen war Sonntag, wo er keine Löhne zahlte. „Morgen“, das war Montag, aber da war er noch nicht zur Bank gewesen.

Nach drei Wochen bekam ich das erstemal Geld von ihm, nicht für drei volle Wochen Arbeitslohn, sondern nur für eine Woche. So ging das immer durch, immer war er Wochen und Wochen mit dem Lohn im Rückstand. Wir aber durften mit der Arbeit nicht eine Viertelstunde im Rückstand sein, dann gab es Radau. Fünfzehn, sechzehn, ja einundzwanzig Stunden Arbeit am Tage hatten wir zu leisten. Das hielt er für ganz selbstverständlich, und für ebenso selbstverständlich hielt er es, daß er den Lohn zahle, wann es ihm beliebe, und nicht, wenn er fällig sei.

Aber andre Arbeit war nicht zu finden, und wäre sie zu finden gewesen, wir hatten ja keine Zeit, sie zu suchen. Wenn wir in der Backstube des Nachmittags fertig waren, dann waren die andern Werkstätten oder Bureaus, wo man nachfragen konnte, meist schon geschlossen. Man mußte eben aushalten. Wenn man leben will, muß man essen, und wenn man auf irgendeine andre Art kein Essen findet, muß man tun, wie es dem, der das Essen hat, gefällt.

Den Kellnern ging es nicht besser. Sie bekamen nur zwanzig Pesos den Monat und sollten im übrigen vom Trinkgeld leben. Aber hier ist man nicht freigebig mit dem Trinkgeld, und wenn die Gäste knapp waren, dann hatten wieder die Kellner nichts zu lachen. Dann waren sie schuld daran, daß die Gäste ausblieben, und Senjora Doux gönnte ihnen nicht einmal die zwanzig Pesos Lohn. Wir wohnten im Hause, die Kellner nicht. Die hatten Familie und wohnten mit ihren Familien. Dadurch hatten sie besondere Ausgaben. Sie bekamen nicht einmal volles Essen, sondern nur so nebenbei, als Gnade oder als besondere Vergünstigung. Unser Meister hatte schon vier Monate Lohn stehen. Selbst wenn er hätte gehen wollen, er konnte nicht, weil Senjor Doux ihn wochenlang vielleicht mit der Restsumme hingehalten hätte. Wir sollten jeder täglich zum Mittagessen eine Flasche Bier bekommen. Das war ausgemacht. Aber wir bekamen Bier nur dann, wenn Senjora Doux bei sehr guter Laune war, wenn viele Bestellungen vorlagen, und wenn wir zwanzig Stunden zu arbeiten hatten. Das Essen selbst war sehr gut. Es gab viel Fleisch, zwei oder drei Fleischgerichte zu Mittag. Aber nach einer Woche konnte man nichts mehr essen; denn es gab jeden Tag genau dasselbe zum Essen. Da war auch nicht ein Reiskörnchen heute anders, als es gestern war, und nicht eine Fleischfaser schmeckte heute anders, als sie morgen schmecken würde.

Ein Kellner bekam Fieber und war in drei Tagen tot. Er war ein Spanier gewesen, der erst vor zwei Jahren herübergekommen war. An seiner Stelle trat ein Mexikaner ein, namens Morales. Er war ein flinker, intelligenter Bursche. Wenn ich gelegentlich Backware in das Café zu bringen hatte, so sah ich beinahe jedesmal, daß Morales mit dem einen oder dem andern seiner Kollegen sprach. Sie sprachen ja natürlich immer zusammen, wenn sie nicht bedienten. Aber hier fiel mir das Sprechen doch zum ersten Male auf. Wenn sonst die Kellner zusammen miteinander sprachen, so war das immer so oberflächlich. Sie redeten über Lotterielose oder über Nebengeschäfte oder über Mädchen oder über ihre Familien. Meist lachten sie dabei oder witzelten.

Dagegen wenn Morales mit einem sprach, wurde nicht gelacht, sondern immer sehr andächtig zugehört. Morales war immer der Sprecher und die übrigen immer die Zuhörenden. Ich sah es blühen. Das „Syndikat der Restaurationsangestellten“ arbeitete.

Die Gewerkschaften in Mexiko haben keinen schwerfälligen bureaukratischen Apparat. Ihre Sekretäre fühlen sich nicht als „Beamte“, sondern sie sind alle junge brausende Revolutionäre. Die Gewerkschaften hier sind erst durch die Revolution der letzten zehn Jahre entstanden. Und so sind sie gleich in die allermodernste Richtung geraten. Sie haben die Erfahrung der amerikanischen Gewerkschaften, die Erfahrung der russischen Revolution, die Explosivgewalt des Jungen Stürmers und Drängers und die Elastizität einer Organisation, die noch nach ihrer eignen Form sucht und noch täglich ihre Taktik wechselt.

Richtig, in der La Moderna war der Streik da. Kellnerstreik. Senjor Doux lachte sich eins. Bei ihm brauchte er das nicht zu befürchten. Und nun kamen die Gäste der La Moderna alle in sein Lokal, weil sie sich in dem Café, wo der Streik war, fürchteten. Die Furcht ist berechtigt. Denn die Polizei ist in Arbeiterkämpfen neutral. Wenn einem Gast, der in ein Café geht, wo gestreikt wird, ein Stein an den Kopf fliegt, so darf er zur Sanitätspolizei gehen und sich verbinden lassen. Im übrigen aber kümmert sich die Polizei nicht darum. Die Streikposten, die vor dem Café stehen, haben ihm ja gesagt, daß in dem Café gestreikt wird. Außerdem steht es in der Zeitung, und Flugblätter werden ihm auch genug in die Hand gedrückt. Er weiß, was ihm bevorsteht. Er braucht ja nicht in dieses Café zu gehen, er kann ja in ein andres gehen oder sich auf die Bank auf der Plaza setzen oder spazierengehen. Wer da hingeht, wo Steine in der Luft umherfliegen, dem geschieht es ganz recht, wenn er einen an den Kopf kriegt.

La Moderna bewilligte nach vier Tagen alles.