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Der Wobbly cover

Der Wobbly

Chapter 26: 3
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About This Book

The narrative explores the lives of cotton pickers in Mexico, highlighting their struggles and camaraderie as they seek work under harsh conditions. It begins with a group of diverse characters, including a man from the train, who gather at a station, all aiming to find their way to a cotton-picking job. Through their interactions, the story delves into themes of poverty, labor exploitation, and the shared experiences of the working class. The characters' conversations reveal their backgrounds and aspirations, while the setting emphasizes the challenges they face in their pursuit of a better life.

3

rei Wochen später ging Morales zu Senjor Doux und sagte: „Also achtstündige Arbeitszeit, zwölf Pesos die Woche, eine Vollmahlzeit und zweimal Kaffee mit Gebäck.“

Senjor Doux, der die ganze Zeit voller Schadenfreude gewesen war, weil seinem Konkurrenten so übel mitgespielt wurde, kriegte zuerst einen Schreck. Dann sagte er: „Morales, kommen Sie zur Kasse. Da ist Ihr Lohn, und Sie können gehen, Sie sind entlassen.“

Morales drehte sich um, zog seine weiße Jacke aus, und sofort zogen die übrigen Kellner gleichfalls ihre Jacken aus und kamen zur Kasse.

Ein wenig verstört zahlte Senjor Doux die Löhne, und dann ließ er die Leute gehen. Er war ganz sicher, daß er andre Leute kriegen würde. Die paar Gäste, die gerade drin waren, bediente Senjora Doux. Dann verließen die Gäste auch das Café. Aber wenn andre kamen und sahen, daß keine Kellner drin waren, setzten sie sich gar nicht erst, sondern gingen gleich wieder raus. Nur einige Fremde kamen, setzten sich, bestellten etwas und betrachteten diese Art von langsamer Bedienung als die hier übliche. An diesem Abend standen keine Streikposten vor dem Café. Aber am nächsten Tage waren sie da, und es wurden eifrigst Flugblätter verteilt. Es waren wieder nur Fremde, die in das Café gingen, die die spanisch geschriebenen Flugblätter nicht lesen konnten und auch nicht verstanden, was die Streikposten zu ihnen sagten.

Aber um diese Fremden kümmerten sich die Posten nicht viel. Außerdem fühlten die Fremden, meist Amerikaner, Engländer oder Franzosen, auch immer sehr bald, daß die Luft merkwürdig schwül war, und sie verließen das Café ziemlich rasch, oft ohne ihr Eisgetränk auch nur anzurühren.

Den zweiten Tag darauf hatte Senjor Doux zwei Kellner, einen Deutschen und einen Ungarn. Beide waren erbärmlich zerlumpt. Senjor Doux hatte ihnen weiße Jacken gegeben, einen Kragen und einen schwarzen Schlips. Aber er gab ihnen weder Hosen noch Schuhe. Und gerade in diesen beiden Dingen sahen die Burschen entsetzlich aus. Sie verstanden kein Wort Spanisch und waren nicht zu gebrauchen. Aber Senjor Doux wollte mit ihnen ja nur protzen vor den Streikposten.

Nach dem Mittagessen, das sie mit allerlei bösen Zwischenfällen serviert hatten, war ein wenig Ruhe im Café. Senjor Doux war schlafen gegangen, und Senjora Doux saß schläfrig in einer Nische. Ich brachte ein Blech Backware hinein und hörte, daß die beiden Vögel deutsch sprachen.

„Sind Sie Deutscher?“ fragte ich den, der richtig deutsch sprach.

„Ja, der hier ist ein Ungar“, antwortete er erfreut, daß jemand mit ihm deutsch sprach.

„Wissen Sie, daß die Kellner hier streiken, und daß Sie hier den Streikbrecher machen?“

„Die streiken nicht“, sagte er. „Die wollen nur nicht arbeiten, die sind nicht zufrieden.“

„Was zahlt Ihnen denn der Alte?“

„Fünf Pesos die Woche, das ist ganz schönes Geld. Und das Essen und Schlafen“, gab er zur Antwort.

„Na, nun mal deutlich, lieber Freund, schämen Sie sich denn nicht, hier den Streikbrecher zu machen?“

„Streikbrecher? Das bin ich nicht. Die streiken nicht, die haben nur aufgehört, weil sie mit dem Lohn nicht zufrieden sind. Ich bin mit fünf Pesos zufrieden. Was soll ich auch machen. Ich bin ganz herunter, habe nichts zu essen und keinen ganzen Fetzen.“

„Dann gehen Sie lieber betteln“, riet ich.

„Betteln? Nein, das ist unanständig.“

„Streikbrechen ist anständiger?“

„Was will ich denn machen, wenn man Hunger hat?“

„Dann stehlen Sie, wenn Ihnen Betteln zu unanständig ist, aber Streikbrechen ist ein dreckiges Geschäft.“

„Sie haben gut reden,“ platzte er nun los, „Sie arbeiten hier schön in der Konditorei, haben zu essen, haben ein Dach und kriegen Ihr Geld.“

„Das ist richtig“, erwiderte ich. „Und ich will Ihnen nun etwas sagen. Ich kann Ihnen hier keinen Vortrag darüber halten, in welchem Zusammenhang der Streik jener Leute und Ihr Hungerleben steht. Ich kann Ihnen hier so auf einen Ruck nicht klarmachen, wie durch jeden Streik, ob er gewonnen oder verloren wird, das Hungerleben der arbeitslosen Arbeiter um einen Grad seltener wird. Wenn die Leute hier die achtstündige Arbeitszeit durchsetzen, muß der Alte zwei, vielleicht gar drei arbeitslose Kellner mehr einstellen. Das ist nur gerade das Nächste und Klarste. Darüber hinaus kommen noch andre Umstände zugunsten der Arbeiter in Betracht, die viel weiter reichen als gerade bis zu dem kleinen Vorteil, den man vor der Nase sieht.“

Durch unser Gespräch wachte Senjora Doux aus ihrem Nickerchen auf, und sie rief herüber: „Sie, hören Sie mal, Sie wollen wohl die beiden Deutschen da verhetzen? Scheren Sie sich in die Backstube, wo Sie hingehören, Sie haben hier gar nichts verloren.“

„Verhetzen? Ich? Die beiden Deutschen? Nein, ich lehre sie nur ein paar wichtige spanische Worte, damit sie besser im Leben zurechtkommen“, sagte ich.

„Das ist gut,“ sagte Senjora Doux, „das tun Sie nur, das ist sehr gut.“

„Nun will ich Ihnen mal noch was sagen“, fuhr ich fort, mich wieder an den Deutschen wendend. „Bis jetzt haben sich die Streikposten um euch noch nicht viel gekümmert. Sie wissen, daß ihr Fremde seid. Aber das geht nur ein oder zwei Tage so weiter. Morgen abend oder übermorgen seid ihr erstochen oder erschossen, damit Sie es wissen. Hier fackelt man nicht lange mit solchem Kroppzeug wie ihr seid. Wir können hier nur anständige Leute gebrauchen.“

„Die tun uns nichts“, sagte der Mann. „Wir gehen nicht raus.“

„Keine Angst, lieber Freund. Die kommen rein und machen das hier drin ab, unter voller Kaffeehausbeleuchtung mit Musikbegleitung. Verlassen Sie sich drauf. Nebenbei bemerkt, das einzig richtige Mittel, wie man mit Streikbrechern umgehen muß. Einen Mexikaner oder einen Spanier kriegen sie hier nicht als Streikbrecher, die wissen, was es bedeutet.“

Er war ein wenig bleich geworden. Nun fragte er: „Gibt es denn hier keine Polizei?“

„Natürlich, so gut wie bei euch zu Hause“, sagte ich. „Aber die Polizei mischt sich hier nicht in Streitigkeiten zwischen Arbeiter und Unternehmer so ein wie bei euch da drüben. Die ist hier neutral. Wenn sie den Mörder erwischt, wird er mit einigen Jahren verknackst. Aber einen Mann, der einem Streikbrecher die letzte Wahrheit gesagt hat, den kriegen sie nicht. Der ist nicht unter den Streikenden. Sie suchen ihn auch gar nicht. Den Raubmörder suchen sie. Aber dem hier laufen sie nicht lange nach. Es hat euch ja niemand geheißen, in die Gefahrzone zu gehen. Wenn ihr trotzdem geht, habt ihr auch die Verantwortung zu tragen. Als vernünftiger Mensch stellen Sie sich doch nicht auch bei einem Gewitter direkt unter einen einzelnen hohen Baum? Oder vielleicht doch? Ihre Schuld, wenn der Blitz Sie erschlägt. Da kann die Polizei gar nichts tun. Die Polizei ist hier nicht für die Kapitalisten da, sondern für die Kapitalisten und für die Arbeiter, die Betonung liegt auf dem Und. Sie steht weder dem Kapitalisten bei noch dem Arbeiter, wenn die beiden einen Handel miteinander auszufechten haben. Der Streikbrecher hat in diesem Handel gar nichts verloren.“

Der gute Mann wußte nicht, worum es ging, vielleicht wollte er es nicht einmal wissen. Er sagte: „Ich denke, das ist ein freies Land? Wo ist denn da die Freiheit, wenn man nicht arbeiten darf, wo man will?“

„So wenig wie Sie da stehen können, wo ein andrer steht, ebensowenig können Sie an dem Platze arbeiten, wo ein andrer arbeitet. Denn die Leute haben ihren Platz nicht verlassen, sie haben nur die Arbeit unterbrochen, und sie kehren zurück, sobald der Alte Vernunft annimmt.“

„Ich finde so leicht nicht wieder Arbeit“, sagte er nun. „Ich bin froh, daß ich die hier habe. Ich bleibe hier und lasse mich auf der Straße nicht sehen.“

„Seien Sie nur ganz unbesorgt, die haben ein gutes Gedächtnis und kennen Sie auch noch nach Monaten wieder. Aber wir beide haben uns wohl von nun an nichts mehr zu erzählen. Und wagen Sie ja nicht, sich in der Backstube sehen zu lassen. So gesund, wie Sie reingekommen sind, kommen Sie nicht mehr raus, darauf können Sie sich verlassen. Sie sind für mich kein Deutscher, sondern ein Lump. Wenn Sie auch sonst nichts verstehen wollen, das werden Sie ja wohl noch verstehen.“

Jeder Mensch, der in das Café gehen wollte, mußte sich an den Streikposten vorbeidrängen, und jedem wurde gesagt, daß gestreikt wurde. Darauf kehrten die Leute regelmäßig um. Polizei war nicht zu sehen. Es war ja ganz ruhig. Niemandem geschah etwas.

Aber am Abend, es war vielleicht halb neun, da stand der Deutsche an der einen Tür. Die Türen sind ja alle offen, und man sieht von draußen alles, was drinnen vorgeht, so klar, als ob es mitten auf der Straße geschähe. Die Gäste wollen raussehen und wollen gesehen werden, und die Nichtgäste wollen reinsehen und sich daran erfreuen, wie sich andre einen angenehmen Abend machen.

Er stand da an der Tür und wippte mit der Serviette. Er schien recht stolz zu sein, daß er es zum Kellner gebracht hatte. Unter normalen Umständen hätte er vielleicht Geschirrwäscher werden können. Die Streikposten kümmerten sich gar nicht um ihn. Sie schielten nur gelegentlich zu ihm rüber.

Da kam ein junger Bursche vorbei mit einem Stück Holz in der Hand. Der Streikbrecher ging ein wenig zurück, aber der Bursche ging mit einem ruhigen Schritt die eine Stufe hoch und hieb ihm zwei gesunde Hiebe über den Schädel. Dann warf er das Holz weg und ging ruhig seiner Wege.

Der Notkellner stürzte hin und blutete nach Kräften. Kaum hatte Senjor Doux das gesehen, da trat er vor die Tür und rief: „Polizei!“ Es kam gleich einer an, seinen Knüttel in der Hand schwingend.

„Den haben sie totgeschlagen“, rief Senjor Doux dem Polizisten entgegen. – „Wer?“ fragte der Beamte.

„Das weiß ich nicht“, antwortete Senjor Doux. „Wahrscheinlich die streikenden Kellner.“

Sofort sprangen zwei Streikposten hinzu und schrien: „Wenn du Hurensohn das noch mal sagst, schlagen wir dir die Knochen entzwei.“

Senjor Doux verschwand sofort im Café und sagte nichts mehr.

„Haben Sie gesehen, wer den Mann hier geschlagen hat?“ fragte ein zweiter Polizist, der hinzugekommen war, die Posten.

„Ja, so halb. Ein junger Bursche kam vorbei mit einem Stück Holz – da liegt es noch – und schlug auf den Mann los“, sagte der eine Posten.

„Kennen Sie den Burschen?“

„Nein. Zu unserm Syndikat gehört er nicht.“

„Dann hat er mit dem Streik gar nichts zu tun. Wahrscheinlich eine andre Geschichte“, sagte der Polizist.

„Zweifellos“, bestätigte der Posten.

Die beiden Polizisten führten den Notkellner zur Wache, wo er verbunden und für die Nacht dabehalten wurde.

„He, du da drin, du Hurensohn“, riefen die Posten jetzt hinein zu dem Ungarn. „Wie lange bleibst du noch da drin? Du kriegst eins mit der Eisenstange, wir haben kein Holz mehr.“

Der Ungar verstand kein Wort. Jedoch er fühlte, was sie sagten. Er wurde blaß und ging zurück.

Senjor Doux aber hatte es verstanden. Er lief zur Tür und rief nach der Polizei. Aber es kam keine. Nach einer Viertelstunde aber sah er einen an der Ecke stehen. Er rief ihn heran.

„Die Posten haben meinen Kellner mit dem Tode bedroht“, sagte er, als der Polizist herangekommen war.

„Welcher hat ihn mit dem Tode bedroht?“ fragte der Polizist.

„Der da“, antwortete Senjor Doux und zeigte dabei auf Morales. Morales hatte gar nichts gesagt, aber ihn haßte Doux am besten.

„Haben Sie den Kellner mit dem Tode bedroht?“ fragte der Polizist.

„Nein. Fällt mir auch gar nicht ein. Dieser Bastard ist mir viel zu dreckig, als daß ich das Wort an ihn richten würde“, sagte Morales.

„Kann ich mir denken“, erwiderte der Polizist. „Wer hat ihn denn mit dem Tode bedroht?“ fragte der Polizist nun.

„Ich habe gesagt, er möge nicht so dicht zur Tür kommen, es könne ihm sonst vielleicht eine Eisenstange auf den Kopf fallen, da oben vom Balkon.“ Das sagte einer der Posten.

Senjor Doux stand noch in der Tür. Der Polizist drehte sich jetzt zu ihm herum und sagte: „Nun, hören Sie, Senjor, wie können Sie denn so etwas sagen? Es ist doch gar nicht wahr.“

„Sie haben doch den andern auch schon halb erschlagen“, verteidigte sich Doux.

„Vertragen Sie sich lieber mit Ihren Leuten,“ riet jetzt der Polizist, „dann kommt so etwas nicht vor.“

„Das ist ja eine nette Geschichte hier, daß man nicht mal seinen Schutz bekommt“, rief Doux wütend.

„Ruhig!“ sagte der Polizist laut, „sonst nehme ich Sie zur Wache. Keine Beleidigung hier.“

„Ich zahle doch meine Steuern, und da kann ich doch verlangen ...“

„Was Steuern?“ unterbrach ihn der Polizist. „Die Kellner zahlen auch Steuern, genau so gut wie Sie. Und nun lassen Sie uns in Ruhe. Machen Sie Ihre Geschäfte mit Ihren Leuten ab, aber stören Sie uns nicht immerwährend.“

Der Ungar stand eine Weile im Café unschlüssig, während hier draußen die Verhandlungen waren. Es hatten sich Leute angesammelt, die alle auf seiten der Kellner waren. Und zum Teil waren es deren Ausbrüche der Sympathie, die dem Polizisten, der ja auch Prolet war, das Rückgrat steiften. Fr wußte ja nicht, ob nicht vielleicht Doux einen dicken Freund unter den Inspektoren hatte, der ihm sagen könnte, daß er seine Pflicht vernachlässigt habe.

Als der Polizist gegangen war, zog der Ungar seine weiße Jacke aus und ging zur Kasse, um sich seine zwei Tage Lohn geben zu lassen. Er stand jetzt da in Hemdsärmeln. Diese Hemdsärmel waren nur Fetzen und Dreck. Zwei Gäste waren im Café, und die sahen den Unglücklichen. Ihnen verging der Geschmack am Kaffee und am Gebäck, als sie bemerkten, welchen Schmutz und welche Lumpen die weiße Jacke verdeckt hatte. Sie standen auf, zahlten an der Kasse und gingen.

Senjor Doux fragte den Ungarn, was los sei, und warum er gehen wolle. Der konnte nicht antworten und versuchte nun, mit Gebärden, die er überreichlich verschwendete, klarzumachen, daß sein treuer Kollege etwas über den Schädel gekriegt habe, und daß er wohl der nächste sein würde, der dran glauben müsse. Draußen standen die Posten und andre Leute, die diese Gebärdensprache aus fossiler Vorzeit mit Vergnügen verfolgten. Doux versuchte dem Ungarn begreiflich zu machen, daß er hier im Café durchaus sicher sei. Aber der Ungar traute dieser Zusage nicht. Wäre er mit den Sitten und Gebräuchen besser bekannt gewesen, so würde er gewußt haben, daß er nie und nirgends sicher ist, daß er ja nicht ewig innerhalb der vier Wände bleiben könne, und daß er, sobald er das Haus verließe, geliefert ist. Denn sein Gesicht kennen jetzt schon alle Arbeiter der Stadt, die brauchen keine Photographie und keinen Steckbrief. Die vier Wände schützen ihn auch nicht. Eines Tages, morgen oder übermorgen schon, geht einer rein, tut als ob er Eis an den Tisch gebracht haben will, und wenn der Ungar kommt, hat er das Messer sitzen oder den Spucknapf so geschickt über den Schädel gehauen, daß die Ambulanz ihn abholen muß. Ehe man drinnen weiß, was geschehen ist, ist der Strafvollziehende einige Block weit. Niemand, der beste Detektiv nicht, findet ihn je. Einer der Gründe, warum es hier nie Streikbrecher gibt. Man kennt die wirksamsten Mittel und scheut sich nicht eine Minute lang, sie rücksichtslos anzuwenden. Krieg ist Krieg. Und die Arbeiter sind im Kriege, bis sie endlich nicht nur eine Schlacht, sondern den ganzen Feldzug gewonnen haben. Wenn den Staaten jedes Mittel im Kriege erlaubt ist, warum nicht den Arbeitern in ihrem Kriege ebenfalls? Der Arbeiter begeht nur immer den Fehler, daß er als ein anständiger Bürger angesehen werden will. Aber dafür gibt ihm niemand etwas.

Der Ungar kam heraus, und einer der Posten nahm ihn gleich in Empfang. Sie brachten ihn zum Bureau des Syndikats, gaben ihm ein Nachtquartier und versprachen ihm, man wolle versuchen, ihm eine Stelle in einer Blechschmiede zu verschaffen.

Senjor Doux hatte ihn auch noch um seinen Streikbrecherlohn betrogen, ihm nur fünfzig Centavos gegeben und vierzig Centavos für ein zerbrochenes Wasserglas berechnet.

Der Deutsche machte andre Erfahrungen, wie mir später erzählt wurde. Am folgenden Morgen wurde er dem Polizeioffizier vorgeführt. Anstatt daß man ihn gelobt hätte für seine treue Streikbrecherarbeit, fragte ihn der Offizier, wo er seinen Einwanderungsschein habe.

„Ich habe keinen“, sagte er mit Hilfe eines Dolmetschers.

„Wie sind Sie denn hier in das Land gekommen?“

„Mit einem Schiff.“

„So. Also von einem Schiff ausgerückt.“

„Nein, ich habe abgemustert.“

„Ja, diese Abmusterung kennen wir schon. Wir übergeben Sie jetzt Ihrem Konsul mit der Bedingung, daß er Sie mit dem nächsten Schiff wieder nach Deutschland zurückschickt. Wir können die Deutschen sonst sehr gut leiden, aber Sie machen dem deutschen Namen keine Ehre. Sie stiften hier nur Unfrieden, und für solche Leute haben wir hier keinen Platz.“

Zwei Polizisten brachten ihn zum Konsul.

Von nun an war der Konsul für ihn verantwortlich. Er mußte ihn verpflegen, bis ein deutsches Schiff da war, das ihn mitnahm.

„Was haben Sie denn hier ausgefressen? Gestohlen?“ fragte der Konsul.

„Nein. Ich habe in der La Aurora als Kellner gearbeitet und eins über den Kopf gekriegt“, sagte der Mann.

„In der La Aurora wird doch gestreikt. Wußten Sie das nicht?“

„Freilich. Sonst hätte ich doch nicht da als Kellner arbeiten können, ich bin doch Tischler.“

„Ja, lieber Freund, Sie sind hier nicht in Deutschland. Streikbrecher sind hier nicht beliebt. Wir haben hier eine Arbeiterregierung, und zwar eine richtige Arbeiterregierung, die zu den Arbeitern hält. Wenn hier im Wasserwerk oder im Elektrizitätswerk gestreikt wird, dann gibt es keine Technische Nothilfe wie in Deutschland oder in Amerika, sondern dann gibt es eben kein Wasser und keine Elektrizität, bis die Streikenden sagen: So, nun gibt es wieder was. Hier ist die Regierung neutral in solchen Streitigkeiten. Also, Ihre Tätigkeit hier ist erschöpft. Laufen Sie mir nicht davon. Ich kriege Sie, und dann lasse ich Sie daheim verknacken. Sie stehen jetzt unter meiner Autorität; ich habe gebürgt für Sie, andernfalls müßten Sie hier im Gefängnis warten, bis ein Schiff da ist. Und das Gefängnis hier ist kein Spaß, sondern ist eine ernste Sache.“

Damit war nun die Frage der Streikbrecher in der La Aurora entschieden.