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Die beiden Beamten mit ihren grünen Schnüren am Rock kamen zu Senjor Doux und übergaben ihm das Dokument. Doux bekam einen heillosen Schreck und schrie zu seiner Frau: „Na ja, da haben wir ja die Bolschewistenregierung. Die haben mir einen netten Streich gespielt.“
„Was ist denn los?“ sagte seine Frau näherkommend.
„Die haben uns geschlossen.“
„Ich habe es dir ja immer gesagt, laß uns nicht hierhergehen. Das ist ein ganz verrücktes Land, wo es weder Recht noch Gesetz gibt. Du kannst nur immer Steuer zahlen, und zwar tüchtig, aber zu sagen hast du nichts.“
„Sie müssen gleich zumachen,“ sagte nun der Beamte, der das Protokoll überreicht hatte, „sonst gibt es ein Strafmandat über hundert Pesos.“
„Die Gäste werden doch wohl noch ihre Getränke austrinken dürfen?“ fragte Senjor Doux.
Der Beamte sah nach der Uhr und sagte: „Eine halbe Stunde, dann ist Schluß. Sie kriegen einen Wachtmann her, der aufpaßt, daß Sie keine Gäste aufnehmen für das Lokal. Den Wachtmann müssen Sie bezahlen. Das ist ein Beamter.“
„Ich auch noch den Wachtbeamten bezahlen?“
„Sie glauben doch nicht etwa, daß wir ihn bezahlen? Wir haben kein Geld dafür, um umsonst aufzupassen, daß Sie das Protokoll auch einhalten.“
Die beiden Beamten gingen raus und stellten sich vor die Tür, um die halbe Stunde Gnadenzeit abzuwarten. Als sie um war, riefen sie hinein, und Senjor Doux schloß wütend die Türen. Nur der Gang für das Hotel blieb offen, weil das Hotel ja die Ruhe und Sicherheit nicht gestört hatte. Im Lokal aber zog keine Ruhe ein, sondern es wurde lebhafter, als es je in den letzten Tagen gewesen war. Die Douxens gerieten sich in die Haare. Sie wurde wie eine Furie, jeder Centavo, der dem Geschäft verlorenging, fraß an ihrem Herzen. Sie watschelte in ihren Pantoffeln hin und her zwischen den Tischen und machte dem Manne das Dasein heiß. Sie trug nur Hänger, gerade so übergeworfen. Die dicken fleischigen Waden waren frei und steckten in hellgelben seidenen Strümpfen. Nacken und der Oberteil der Brust waren auch frei, fleischig und quabbelig. Nur ihre Jugend hielt diese ausgewachsenen Massen in einer Form, die nicht gerade häßlich wirkte, sondern mehr verlockend. Aber fünf Jahre mehr würden das Verlockende sicher auslöschen, und das Häßliche würde nicht nur bleiben, sondern verstärkt werden. Die Arme guckten ihrer ganzen Länge nach nackt aus den Ärmellöchern des Hängers. Sie hätte, nach dem Aussehen ihrer Arme zu urteilen, als Ringkämpferin auftreten können. Aber es war nur quabbeliges Fleisch, wie alles übrige ihres Körpers. Im Nacken hatte sie einen Fleischwulst, der vorläufig nur schüchtern sich hervorwagte, aber in einigen Jahren Landmarke sein würde. So wie sie jetzt herumlief, lief sie immer im Lokal herum. Wäre es ein andres Lokal gewesen, man hätte sie gut für eine Bordellmutter halten können, mit der nicht gut zu spaßen war. Die Hänger wechselte sie zuweilen. Sie hatte einen grauen, einen rosafarbenen, einen grünen, einen dunkelgelben und einen hellvioletten. Ob sie irgendein andres Kleid besaß, weiß ich nicht. Ich habe nie ein andres an ihr gesehen.
Senjor Doux lief auch stets in Hemd und Hose umher. Nur wenn er zum Markt ging, setzte er einen Hut auf. Er trug immer eine schwarze Hose, die er mit einem schmalen Ledergürtel hielt, ein weißes Hemd mit Kragen und schwarzem Schlips. Sein Bauch stand spitz vor, als ob er am Aufblasen sei. Auch die Senjora schien einen ähnlichen spitzen Bauch zu haben. Man konnte das nur nicht so beurteilen, weil der Hänger das ausglich. Aber was sie vorn zuviel hatte, fehlte ihr hinten. Das heißt, hinten war schon allerlei vorhanden; aber das proportionale Verhältnis zum Bauch war doch nicht kräftig genug, um der ganzen Figur die mollige Form zu geben. Und weil vorn viel mehr war als hinten, so sah es in dem Hänger immer so aus, als ob sie hinten nur das Allernotwendigste habe, und als ob selbst dieses Allernotwendigste gerade am Überlegen sei, ob es nicht auch noch nach vorn rutschen solle. Jedenfalls brauchte Senjor Doux nicht verlegen sein, er konnte gut etwas in den Händen halten und brauchte nicht zu befürchten, sich an Knochen wund zu stoßen. „Du bist ja rein verrückt gewesen,“ schrie sie auf ihn ein, „hier in dieses wahnsinnige Land zu gehen.“
„Ich?“ schrie er zurück. „Warst du es nicht, die jeden Tag mir die Ohren volljaulte, daß hier das Geld auf der Straße läge, und daß man es nur aufzuschaufeln brauche?“
„Du gemeiner Lügner, du,“ brüllte sie los, „du dreckiger Marseiller Zuhälter, der du bist, hast du nicht mein ganzes Geld abgehoben und mir gesagt, daß es hier tausend Prozent bringe in zwei Jahren?“
„Habe ich vielleicht nicht recht damit gehabt? Wir sind hierhergekommen mit nichts. Oder wieviel haben wir denn gehabt? Achthundert Pesos. Oder vielleicht mehr? Und jetzt haben sie mir schon achtundsechzig tausend Pesos für das Haus und Café geboten. Und ich verkaufe es nicht dafür, weil es viel mehr wert ist.“
„Mehr wert? Mehr wert?“ erboste sie sich. „Nicht einen Dreck ist es wert. Wo denn? Es ist zu. Die werden dir kaum die Ziegelsteine bezahlen. Aber das habe ich dir ja schon damals gesagt, als die neue Regierung herankam. Wie heißt denn der Hund, der Obregon, der Spitzbube! Da war es vorbei.“
„Wir haben doch erst seitdem angefangen, zu etwas zu kommen. Oder vielleicht vorher? Vorher vielleicht? Wo wir einhundert Pesos nach den andern schmieren mußten, um die Augen aufbehalten zu dürfen. Jeder hielt die offne Hand hin.“
„Und jetzt,“ widersprach sie ihm, „ist es jetzt anders? Jetzt stehen die Leute immer mit der offnen Hand da. Erst die Küche, nun die Kellner, und du wirst sehen, die Bäckerei kommt auch noch hintennach. Dann können wir heimfahren, bettelarm.“
„Laß mich jetzt in Ruhe, zum Donnerwetter nochmal“, schrie er in voller Wut. „Du verdirbst alles mit deiner Habgier und mit deinem verfluchten Geiz.“
„Ich geizig? Geizig ich? Wo ich doch das ganze Geld zusammenhalten muß, weil du es sonst verhuren würdest mit den Weibsbildern. Und das nennst du geizig? Du freilich kümmerst dich nicht um die Kinder und was daraus wird. Du gehst huren, und ich habe die Kinder am Halse.“
Da hörten wir ja feine Familiengeheimnisse. Ich glaube kaum, daß die Senjora recht hatte; denn ich wüßte nicht, wann er sich Zeit genommen hätte, Seitensprünge zu machen. Aber solche Auseinandersetzung war wohl das, was man „ein eheliches Zwiegespräch“ nennt. Denn die beiden lebten in durchaus glücklicher Ehe und Harmonie. Diese glückliche Ehe wurde nur eben dadurch gestört, daß Arbeiter anfingen, aufzuwachen und die Gewinne derer zu überrechnen, für die sie arbeiteten. Solches Überrechnen stört zuweilen Könige und ganze Staaten. Warum soll es nicht auch die Harmonie von Ehen stören?
Diese ehelichen Zwiegespräche wurden in den nächsten Tagen nicht nur heftiger, sondern auch häufiger. Sie füllten das ganze Tagesleben der beiden Doux aus und zogen sich die ganze Nacht hin, während die beiden nebeneinander im Bett lagen. Dadurch lernten wir das ganze Leben der beiden kennen, von dem Tage an, wo sie geboren wurden, bis zu der Stunde, wo sie sich im Bett schlugen, Lampen und Waschschüsseln und Nachttöpfe zerhämmerten. Das alles hatte ihr Freund, der Polizeiinspektor verursacht. Sie aber behaupteten, die junge Organisation, das „Syndikat der Hotel- und Restaurantangestellten“ sei schuld. Nicht schuld an den ehelichen Liebesgesprächen, wohl aber an der allmählichen Verschiebung der Machtverhältnisse im Lande.
Als sie beide jenes Stadium erreicht hatten, in dem sie mit der Absicht umging, ihm Rattengift in den Kaffee zu mischen, und er die ganze Nacht hindurch an das Rasiermesser dachte, mit dem er ihr die Kehle durchschneiden wolle, bewies er, daß der Mann der Frau überlegen ist.
Er ging zum Polizeidirektor und fragte, was zu tun sei, um die zweimonatige Schließung des Lokals aufzuheben. Der Polizeidirektor sagte ihm, daß er da gar nichts tun könne; die Schließung sei für zwei Monate angeordnet, der Gouverneur habe es bestätigt, und ehe die zwei Monate nicht vorüber seien, könne er nicht wieder öffnen.
„Dann bin ich bankrott“, sagte Senjor Doux. „Und dann haben die Kellner und Bäcker keine Arbeit mehr.“
„Machen Sie sich nur darum keine Sorge, Senjor,“ erwiderte der Direktor, „solange Leute Brot essen wollen, so lange werden auch Leute, die Brot backen, Arbeit finden, und solange jemand im Café sitzen und Erdbeereis löffeln will, wird man auch Kellner verlangen, die es ihm auf den Tisch stellen. Das sehen Sie ja an der ‚La Moderna‘, die ist jetzt immer gut besucht. Alle Ihre Gäste sind da. Aber ich kann nichts tun. Das Lokal ist geschlossen, und es bleibt zwei Monate geschlossen.“
Am Nachmittag dieses Tages traf Senjor Doux den Morales.
„Hören Sie, Morales, ich will alles bewilligen,“ sagte ihm Doux in bescheidener Ansprache, „können Sie nicht dafür sorgen, daß mein Lokal wieder aufgemacht wird?“
Morales sah ihn von oben bis unten an und gab ihm zur Antwort: „Wer sind Sie denn? Ach so, Sie sind ja der Doux vom Café La Aurora. Wir haben mit Ihnen nichts zu tun. Unsre Beziehungen sind nun gelöst. Wenn Sie was wollen, gehen Sie zum Syndikat. Aber uns geht das nichts an. Adios.“
Senjor Doux schrieb einen Brief an das Syndikat, daß er den Herrn Sekretär sprechen wolle, er bitte ihn höflichst, zu ihm zu kommen, um die Angelegenheit in dem Kellnerstreik mit ihm zu besprechen. Am andern Tage erhielt Senjor Doux die Antwort vom Syndikat. Es waren keine Höflichkeitsfloskeln darin enthalten, sondern nur in einem kurzen klaren Satze war gesagt: „Wenn Sie etwas vom Syndikat wünschen, das Bureau ist: Calle Madero Nr. 18. Segundo Piso. Der Sekretär.“
Er hielt es nicht einmal für nötig, der Sekretär, seinen Namen zu nennen. Was blieb Senjor Doux übrig, er mußte gehen; denn das Rasiermesser verfolgte ihn Tag und Nacht, und selbst wenn er aß, hatte er das Gefühl, daß sein Tischmesser ein Rasiermesser sei. „Setzen Sie sich da in den Vorraum“, sagte ein Arbeiter, der im Bureau aushalf. „Wir haben noch zu tun, eine Besprechung. Es wird nicht lange dauern.“ Es dauerte aber doch über eine halbe Stunde, und Senjor Doux hatte inzwischen Zeit, die Sinnsprüche, die an den Wänden hingen, auswendig zu lernen. Jeder dieser Sprüche erregte zuerst seine Wut. Je länger er sie aber studierte, desto mehr Angst bekam er vor den Dingen, die ihm hinter der Tür bevorstanden, wo er eine Schreibmaschine klappern hörte.
Endlich kam der Arbeiter und sagte: „Senjor, der Sekretär will Sie sprechen.“