„Das ist ganz vernünftig, daß du das gemacht hast“, sagte seine Senjora wider Erwarten. „Wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätten wir das alles sparen können.“
„Nach dir?“ fragte Senjor Doux erstaunt. „Es ist ja alles nach dir gegangen. Du hast mir ja geraten, ich sollte die Kellner alle rausfeuern, es wären genug auf der Straße, die froh seien, wenn sie dafür arbeiten könnten.“
„Das ist doch auch richtig“, erwiderte Senjora Doux. „Sie laufen uns ja das Haus ein, um Arbeit zu kriegen. Daß mit einem Male niemand kommen würde außer diesen beiden Vagabunden, hatte ich nicht gedacht. Das war mein ganzer Fehler in der Rechnung. Laß nur gut sein, wir holen das Geld schon wieder herein; die Bäckerei und die Konditorei muß es bringen. Die sind ja anständiger als die Kellner, die sind ja keine Bolschewisten.“
So war es. Die Bäckerei und die Konditorei mußten den Schaden gutmachen. Senjor Doux tat etwas für Reklame. Er ließ in den Kinos und in den Zeitungen inserieren, was für gute Brötchen er backe, wie gut seine Kuchen und Torten seien und wie vorzüglich das Kleingebäck.
Das hatte zur Folge, daß wir jeden Abend nun um elf, Samstags um zehn anfangen mußten, und daß es dann durchging bis zum andern Tage nachmittags um vier oder fünf. Das wurde nun schon die Regel. Wem es nicht gefiel, der hörte auf. Das war Senjor Doux recht angenehm. Dann erklärte er, daß niemand wegen Arbeit nachfragen käme, und wir mußten eine Weile für den einen oder gar zwei, die aufgehört hatten, noch mitarbeiten.
In Wahrheit aber war es so, daß Senjor Doux so lange wie nur irgend möglich den fehlenden Mann nicht ersetzte, um den Lohn für ihn zu sparen. Denn wir schickten ihm Leute zu, die er nicht annahm, und zu denen er sagte, es sei nichts frei. Das ging dann so lange, bis wir einfach Bestellungen liegen ließen. Wenn es sich um Bestellungen handelte, die für einen Geburtstag oder einen Namenstag sein sollten, dann gab es immer Unannehmlichkeiten für Senjora Doux. Er drückte sich, und sie hatte sich mit der Kundschaft herumzuschlagen. Endlich wurde es ihr zu bunt, und sie selbst nahm einen oder zwei neue Leute an, immer die billigsten, die nichts von der Bäckerei verstanden und auch nicht genügend Intelligenz besaßen, es rasch zu begreifen.
Mit Senjor Doux hatte der Meister auch jeden Tag seine Auseinandersetzungen. Den einen Tag fehlte der Zucker. Der Meister ging zum Doux und sagte ihm, daß wir zweihundert Kilo Zucker benötigten.
„Gut, gut,“ erwiderte Senjor Doux, „werde ich gleich bestellen.“
Aber er bestellte nicht, nur um ein paar Tage länger das Geld in der Tasche behalten zu können. Dann kam eine Stunde, in der überhaupt kein Zucker da war und wir uns mit den Kellnern herumschlugen, die in die Backstube kamen, um auch noch den letzten Rest von Zucker für das Café herauszuholen, wo die Gäste vor leeren Zuckerdosen saßen. Dann sauste Senjor Doux los, um rasch den Zucker heranzuschaffen. Wir konnten mit unsrer Bäckerei dann stehen und warten, konnten nicht weiterarbeiten, bis der Zucker da war, konnten aber auch nicht zu Bett gehen, weil die Ware noch fertig werden mußte und wir auf den Zucker zu warten hatten.
So ging es mit den Eiern. Da waren fünfhundert Kisten bestellt. Die kamen auch. Dann, wenn wir an den letzten fünfzig Kisten arbeiteten, sagte der Meister dem Senjor Doux: „Eier müssen bestellt werden.“
„Hat es nicht Zeit bis morgen?“ fragte Doux.
„Ja, bis morgen hat es Zeit, aber dann müssen sie bestellt werden.“
„Gut denn“, sagte Doux, und er war recht zufrieden, daß er bis morgen warten durfte.
Am folgenden Vormittag hatte der Meister dann wieder reinzulaufen. „Es wird aber höchste Zeit, übermorgen sind wir fertig mit den Eiern.“ Diesmal fragte Doux nicht, ob es Zeit habe bis morgen, sondern er wartete selbst auf eignes Risiko bis morgen. Und dann kam richtig die Stunde, wo wir umherstanden und auf die Eier zu warten hatten.
Und ebenso ging es mit dem Eis. Das Speiseeis sollte bis zwei Uhr fertig sein. Die Masse hatten wir längst fertig. Aber das Roheis kam nicht, weil Doux es zu spät bestellt hatte. Dann kam es statt um eins um drei oder um vier, und wir hatten zu warten und umherzustehen, weil wir nicht Schluß machen konnten, ehe das Eis fertig war für das Café.
So wurde mit unsrer Zeit gewüstet. Es war nicht alles reine Arbeitszeit, nein, es war verwüstete Zeit, die wir nutzlos vergeuden mußten, nur weil Senjor Doux ein paar Stunden länger sein Geld behalten wollte, und weil unsre Arbeitszeit, unsre Lebenszeit ja nicht für Stunden, sondern für die ganze Woche von ihm gekauft wurde. Und jede Minute unsres Lebens gehörte ihm, nicht uns. Er bezahlte dafür.
Wenn es uns nicht gefiel, gut, wir konnten ja gehen. Wir konnten gehen und verhungern. Arbeitsgelegenheit war rar. Und die Arbeit, die zu haben war, wurde von den Eingeborenen weggeschnappt, die es für einen Lohn taten, von dem man nicht leben kann, selbst wenn man Eingeborene davon mit ihren Familien leben sieht. Was blieb einem übrig? Verhungern oder tun, was dem Herrn beliebte. Mit den Kellnern konnte er nicht mehr tun, was ihm beliebte. Wir hatten jetzt alles das mit zu übernehmen, was er an ihnen nicht verüben konnte. Wir waren Gesindel. Wenn wir gingen, zwanzig andre warteten, überselig, in eine Bäckerei zu kommen, wo es nicht nur Brot reichlich zu essen gab und Kuchen, nein, wo es sogar Mahlzeiten gab, so gut, wie sie diejenigen, die als Arbeiter für die Bäckerei in Frage kamen, nie auf ihrem Tische gesehen hatten.
Die Kellner waren Mexikaner oder Spanier, intelligente Burschen, aufgeweckt und rührig. Aber wir in der Bäckerei waren zusammengelesenes Gesindel, ohne Familie, ohne Wohnort. Einige konnten nicht einmal Spanisch sprechen. Die Arbeitsverhältnisse und Löhne boten auch nicht die geringste Anziehungskraft für Arbeiter, die Klassenstolz haben. Bürgerstolz hatten wir schon. Aber mit Bürgerstolz kann man die Lebensverhältnisse des Arbeiters nicht verbessern. Denn Bürgerstolz hat der Unternehmer selbst genug, und er weiß, wie er ihn zu seinen Gunsten zu gebrauchen hat. Das ist sein Schlachtfeld, wo er jeden Kniff kennt und jeden Angriff mit Erfolg zu parieren versteht. Wir strebten nur danach, etwas zu sparen und dann einen kleinen Handel anzufangen oder das Reisegeld zusammenzubekommen, um nach Colombia zu gehen. Wir versuchten aus dem Acker, den wir bebauten, soviel herauszuholen wie nur möglich. Ob die, die nach uns auf diesem Acker sich ansiedeln mußten, darauf verreckten, das war uns gleichgültig. Jeder ist sich selbst der Nächste. Ich grase einmal ab und ziehe auch noch die Wurzeln mit heraus, wenn das Gras nicht langt. Nach uns die Sündflut. Was gehen mich meine Mitsklaven an?
Senjor Doux und alle seine Geschäftskollegen in der Stadt verstanden es schon, uns jede Möglichkeit zu nehmen, nachdenken zu lernen. Es ist ja hier Neuland. Jeder hat nur einen Gedanken: Reich zu werden, recht rasch reich zu werden; ohne Rücksicht darauf, was aus dem andern wird. So machen es die Ölleute, so die Minenleute, so die Kaufleute, so die Hotelbesitzer, so die Cafeterios, so jeder, der ein paar Kröten hat, etwas auszubeuten. Wenn er kein Ölfeld, keine Silbermine, keine Ladenkundschaft, keine Hotelgäste ausbeuten kann, so beutet er den Hunger der zerlumpten Arbeiter aus. Alles muß Geld bringen, und alles bringt Geld. In den Muskeln und Adern hungernder Arbeiter liegt das Gold genau so gut aufgespeichert wie in den Goldminen. Goldminen auszubeuten, erfordert oft große Kapitalien und ist häufig mit einem großen Risiko verknüpft. Die Goldminen, die hungernde Arbeiter in ihren Kadavern tragen, sind bequemer auszubeuten als unsichere Ölfelder, wo man zehnmal auf zweitausendfünfhundert Fuß bohren kann mit großen Kosten und nichts als tote Brunnen macht. Solange der Arbeiter seine Knochen rühren kann, ist er kein toter Brunnen. Da ist der Ungar Apfel. Er kam her mit einigen hundert Pesos und fand keine Arbeit. Dann mietete er sich eine kleine Baracke und kaufte sich bei einem Althändler Werkzeuge und bei einem andern Althändler altes Blech. Davon machte er Eimer und Wassertanks.
Eines Tages kam ein Amerikaner vorbei und sagte: „Können Sie mir nicht einen Tank machen?“
„Den kann ich machen, wenn Sie mir hundert Pesos Vorschuß geben“, erwiderte Apfel.
Er konnte ihn aber nicht machen.
Dann traf er in einer chinesischen Speisewirtschaft einen hungrigen und zerlumpten Landsmann aus Budapest, der vor der Blutgier des Herrn Horthy hatte fortrennen müssen. Der kam in die Wirtschaft und kam auch an den Tisch Apfels und fragte bescheiden mit einem paar Brocken Spanisch, ob er nicht das halbe Brötchen da haben könne, das Apfel noch auf dem Teller liegen habe, und das abgeräumt werden sollte.
„Nehmen Sie es“, sagte Apfel. „Was sind Sie denn für ein Landsmann?“
„Ungar“, antwortete der Mann.
Und nun sprachen sie Ungarisch.
„Suchen Sie Arbeit?“ fragte Apfel.
„Ja, schon lange, aber es ist nichts zu kriegen.“
„Nein, es ist nichts zu kriegen“, bestätigte Apfel. „Aber ich kann Ihnen Arbeit verschaffen.“
„Wirklich?“ sagte der Mann erfreut. „Ich wäre Ihnen ja so dankbar dafür.“
„Aber es ist vierzehnstündige Arbeitszeit.“
„Das macht nichts,“ erwiderte der Mann, „wenn es nur Arbeit ist und ich zu essen habe.“
„Der Lohn ist auch nicht hoch. Nur gerade zwei Pesos fünfzig.“
„Damit wäre ich schon zufrieden.“
„Dann kommen Sie nur morgen früh dort hin“, sagte Apfel und machte dem Manne klar, wo er seine Werkstatt habe. „Da arbeite ich auch, ich habe da einen kleinen Kontrakt übernommen.“
„Da bin ich ja recht froh, daß ich mit einem Landsmann zusammenarbeiten kann.“
„Das dürfen Sie auch,“ sagte Apfel, „denn irgend jemand anders stellt Sie nicht ein. Es ist durchaus keine Arbeit zu haben.“
Der Mann kam und fing an zu arbeiten. Und er arbeitete tüchtig. Vierzehn Stunden am Tage. In tropischem Lande. In einer Holzbaracke unter einem Wellblechdach. Man kann eine solche Arbeit nicht beschreiben. Man kann nur dabei zusammenbrechen oder ein Skelett werden.
Zwei Pesos fünfzig den Tag. Fünfzig Centavos für die Nacht in einem Bett, nein, kein Bett, ein Holzgestell, über das ein Stück Segeltuch gespannt ist. In einer Lumpenherberge, wo Wanzen und Tausende von Moskitos die Nacht zur Hölle machen. Fünfzig Centavos für Mittagessen beim Chinesen und fünfzig Centavos für Abendessen beim Chinesen. Zwanzig Centavos für ein Glas Kaffee und zehn Centavos für zwei trockene Brötchen. Ein paar Zigaretten den Tag. Ein Glas Eiswasser für fünf Centavos oder auch zwei oder drei im Laufe des Tages. Dann geht auch das Hemd in die Brüche, die Schuhe waren schon hinüber, ehe er anfing zu arbeiten, und ein Paar neue kosten einen vollen Wochenlohn, ein Hemd zwei Tage Lohn, vorausgesetzt, man ißt nichts. Das geht zwei Wochen, das geht drei Wochen, das geht vielleicht sogar vier Wochen. Dann muß er ins Hospital gebracht werden. Als Landarmer. Vielleicht kann man den Konsul zahlen machen, vielleicht nicht. Malaria, Fieber, wer weiß was. Zwei Tage darauf kommt er in eine Holzkiste und wird verscharrt.
Apfel hat aber seinen Kontrakt erfüllt und drei neue Tanks in Auftrag bekommen. Er findet immer wieder hungernde Landsleute. Wenn es keine Ungarn sind, dann Österreicher, oder Deutsche, oder Polen oder Böhmen. Sie schwirren ja nur so herum. Alle sind ihm ja so dankbar dafür, daß er ihnen Arbeit gibt, jetzt nur noch zwölf Stunden den Tag, weil er modern wird und kein Ausbeuter ist. Aber zwei Pesos fünfzig und dem Antreiber drei Pesos fünfzig. Denn den Antreiber braucht er, weil er – es sind nur gerade vier Jahre, seit er den ersten Tank baute – im eignen Auto spazierenfährt und sich im amerikanischen Viertel ein schönes Haus bauen ließ.
Auch die Knochen der Landsleute, denen man Wohltaten erweist, und die infolge der Wohltaten, infolge der Überarbeit, infolge der Schlafhöhlen, in denen sie ihre Nächte verbringen, infolge der schlechten Ernährung dutzendweise am Fieber verrecken und als Niemand verscharrt werden, kann man zu Gold machen.
In Budapest schreiben die Zeitungen: „Unser Bürger Apfel hat durch Tatkraft und Unternehmungsgeist da drüben in wenigen Jahren ein Riesenvermögen gemacht.“ Möchten doch die Zeitungen immer so genau die Wahrheit drucken wie in diesem Falle. Reichtümer über Nacht werden hier gemacht! Das ist richtig. Man hat nichts weiter nötig, als die Goldminen auszubeuten.
Und die Fremden können es am leichtesten. Wenn ihnen von den Nichtlandsleuten ein Strich durch die Rechnung gemacht werden soll, dann stehen sie unter dem Schutze ihrer Hohen Gesandtschaft, und das freie Amerika droht mit dem militärischen Einmarsch.