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Der Wobbly

Chapter 32: 9
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About This Book

The narrative explores the lives of cotton pickers in Mexico, highlighting their struggles and camaraderie as they seek work under harsh conditions. It begins with a group of diverse characters, including a man from the train, who gather at a station, all aiming to find their way to a cotton-picking job. Through their interactions, the story delves into themes of poverty, labor exploitation, and the shared experiences of the working class. The characters' conversations reveal their backgrounds and aspirations, while the setting emphasizes the challenges they face in their pursuit of a better life.

9

ir hatten wieder mal Lohn ausbezahlt bekommen. Osuna und ich gingen einkaufen. Er kaufte einen neuen Hut, Hemd und neue Stiefel; ich legte mir eine neue Hose und ein Paar schöne braune Schuhe zu. Wir gingen gleich nach Hause und zogen das an. Dann sagte Osuna: „Was tun wir denn mit dem Geld, das wir jetzt noch übrig haben?“

„Das möchte ich wissen“, sagte ich. „Ich habe mir auch schon Gedanken darüber gemacht. Überflüssige Sachen zulegen, hat gar keinen Zweck.“

„Nein, das hat gar keinen Zweck“, bestätigte Osuna.

„Das Geld hier in der Tasche behalten, wäre eine Dummheit“, fuhr ich fort.

„Das wäre gewiß eine sehr große Dummheit“, gab Osuna zu. „Es wird einem ja doch gleich gestohlen.“

„Es auf die Bank zu tragen, halte ich auch nicht für gut“, erklärte ich.

„Wir würden uns damit nur lächerlich machen, wenn wir mit unsern paar Pesos da angerückt kommen und sagen, daß man uns damit ein Konto eröffnen soll“, sagte Osuna, und er hatte recht.

„Zweifellos würden wir uns damit unsterblich blamieren“, unterstrich ich die kluge Bemerkung Osunas. „Außerdem ist die Bank jetzt schon geschlossen. Während der Geschäftsstunden haben wir auch gar keine Zeit hinzugehen.“

„Was sollen wir nur tun mit dem Geld? Auf Tequila habe ich gar keinen Appetit.“ Das sagte Osuna.

„Ich kann ihn nicht riechen.“ Das sagte ich.

„Wissen Sie, was wir tun könnten?“ fragte Osuna.

„Ja?“

„Wir könnten runtergehen zu den Senjoritas.“

„Das Beste, was wir tun können“, antwortete ich. „Dann wissen wir wenigstens, wo unser Geld geblieben ist, und wir können es auch gar nicht besser anlegen.“

„Richtig“, sagte Osuna. „Da sprechen Sie die Wahrheit. Wir sehen ja jetzt ganz anständig aus und können uns da sehen lassen. Immer die Backstube vor Augen oder die Kammer, da wird man noch ganz verrückt.“

„Ja,“ sagte ich, „und die Photographien tun es auch nicht für immer. Ich glaube überhaupt, wir müssen uns mal nach einigen neuen Photographien umsehen. Ich kann diese Frauenzimmer nun bald nicht mehr angucken.“

„Ich auch nicht“, gab Osuna zu. „Es ist beinahe so, als ob man mit ihnen verheiratet wäre. Sie mischen sich bereits in alles rein, und sie scheinen sich in der Tat um alles zu bekümmern, was wir tun. Ich bin es nun leid. Man kennt sie schon zu gut, und ich will mal andre Gesichter sehen.“

Osuna stand auf von dem Rand des Bettgestells, ging zur Wand und riß die ganzen schönen nackten Frauen herunter. Dann legten wir jeder einen Peso beiseite, versteckten die beiden Pesos in einem alten Schuh und machten aus, daß wir morgen nachmittag neue Frauen und neue „Vorgänge“ kaufen würden, um unsre einsamen Kammerwände damit zu zieren und unsre Phantasie nicht verhungern zu lassen. Um auch die richtige Auswahl treffen zu können und zu wissen, was am eindrucksvollsten auf unsre Phantasie wirken könne, machten wir uns jetzt elegant und suchten nach den Wirklichkeiten des Lebens, wo es nicht nüchtern, sondern schön ist, ohne der Betäubung durch den Tequila zu bedürfen.

Es war bereits Abend geworden. Wir hatten ziemlich weit zu gehen, denn die Senjoritas wohnten am Rande der Stadt. Sie bewohnten ein ganzes Viertel für sich allein. Das war ihnen ebenso lieb wie den Männern, die nach der Schönheit des Lebens suchten, ohne Verpflichtungen dafür übernehmen zu müssen, wenn sie die Schönheiten genießen dürfen.

Es tönte uns gleich Musik entgegen und frohes Lachen. Mit jedem Schritt, den wir näher kamen, vergaßen wir mehr und mehr die Trockenheit und die Stumpfheit des Lebens. Die entsetzliche Nüchternheit des Lebens kann man auch im Tequila vergessen, aber doch nicht so. Es bleibt immer ein wüster Strudel im Kopf zurück und ein dickes dreckiges Gefühl im Munde. Nein, Schönheit ist, wo Musik ist und rotbemalte Mädchenlippen lachen.

An den Häusern entlang waren zementierte Fußwege, kaum zwei Schritte breit. Die Straße lag einen Meter oder zuweilen noch viel mehr tiefer als die Fußsteige. Es führten keine Stufen hinunter, sondern wenn man auf die Straße wollte, mußte man einen gewagten Sprung machen. Diese Straßen waren lehmige Moraste, Schlamm und große Wasserlachen füllten das Straßenbett. Und dieser Morast und die Wasserlachen waren dick und stinkig. Große Steine und irgendwo abgebrochene Zementbrocken lagen wahllos umher. Tiefe Löcher machten die Straßen so gut wie unpassierbar. Trotzdem arbeiteten sich Autos und Droschken durch diese Straßen, um Gäste zu bringen, zu erwarten oder abzuholen. Zuweilen blieben die Autos in den morastigen Löchern stecken. Und mit furchtbarem Geknatter, Heulen, Schießen, Knallen, Keuchen und Stampfen arbeiteten sie sich wieder heraus und weiter. Aber die Autoführer und die Droschkenkutscher schimpften nicht. Sie lachten nur und nahmen das alles als einen Spaß, der mit dazu gehöre, und ohne den das Viertel hier nicht das sein könnte, was es wirklich ist.

An Straßenecken standen kleine Musikkapellen, die sehr gut spielten, viel besser spielten als die Straßenkapellen in der Stadt, wo sie so dick herumwimmelten, daß sie sich die Füße gegenseitig abtraten. Jede dieser Kapellen hatte eine Geige, eine Baßgeige, eine Klarinette und eine Flöte. Manche hatten keine Flöte, sondern dafür eine Trompete. Andre wieder hatten nur Geige, Baßgeige und Gitarre. Die waren beinahe immer die besten. Wenn sie gespielt hatten, gingen sie einsammeln. Es gab selten jemand etwas. Meist gaben eigentlich nur die Senjoritas den Musikern etwas Geld.

Aber dann gingen die Kapellen auch wieder in die Restaurants und spielten dort. Dort bekamen sie schon eher etwas, häufig aber auch nichts. Das Dasein der Künstler. Dem die Musik am besten gefiel, dem sie am meisten sagte und am meisten gab, hatte kein Geld, um sie zu bezahlen. Und die andern, die zahlen konnten und es auch manchmal taten, sagten, es seien Bettelmusikanten, und sie sollten doch lieber „It ain’t goin’ rain’ no’ mo’ –“ spielen, statt diese blöden Opern. Es waren aber keine Opern, sondern es waren altmexikanische Lieder und Gesänge, die so süß klangen und doch so voller Kraft waren.

Eigentlich war die Musik ja überflüssig. Aber hier konnte nicht genug Musik sein. Schönheit und Liebe war doch überall herum. In jedem Lokal wurde getanzt. Jedes Lokal hatte seine Senjoritas, die mit den Herren lächeln und tanzen und trinken mußten, und deren Aufgabe es war, den Herrn zu veranlassen, daß er Geld ausgebe. Dafür bekamen die Senjoritas auch je einen Raum im Hinterhause des Restaurants, wo sie sich mit ihrem Herrn ungestört vergnügen konnten, und sie brauchten für den Raum keine Miete zu bezahlen, und die Wäsche wurde ihnen auch noch gestellt. Denn Wäsche wird viel gebraucht.

Und überall wurde getanzt. Jeder durfte tanzen, wie er wollte. Und jedes Paar durfte tanzen, wie es wollte. Es war kein Tanzordner da, und die Leutchen durften sich im Tanz alles sagen, was sie auf dem Herzen hatten, ohne sich der Sprache zu bedienen. Niemand hinderte sie daran, so zu tanzen, daß eigentlich, wenn es gerecht zuginge, jeder von ihnen zwanzig Jahre Zuchthaus bekommen müßte. Aber es ging ja eben nicht gerecht zu, und darum tanzten alle so, daß ihnen die Engel im Himmel hätten zuschauen dürfen, ohne zu erröten.

Zuweilen tanzte aber doch ein Paar in der Weise, daß des Satans Großmutter ihr Gesicht in der Schürze verbergen mußte, wenn sie es sah. Aber sie sah es ja nicht, und andre Leute kümmerten sich nicht darum, und die vorbeipatrouillierenden Polizisten steckten sich eine Zigarette an und sahen lächelnd zu oder gingen weiter, weil es sie langweilte. Das Paar langweilte es nach einer Runde selbst, und es tanzte wieder den Engeln zur Freude, weil es schöner war und das andre niemandem zum Ärgernis wurde.

Eine Negerin aus Virginia trat auf in der Casa Roja, wo wir gerade vorbeikamen. Sie tanzte mitten im Lokal. Bauchtanz. Aber der wahre Bauchtanz, der echte und unverfälschte. Der Bauchtanz war es, den Eva erfand, als sie das Paradies los war und sich frei bewegen konnte. Nicht nur alle Herren, sondern auch alle Senjoritas, die im Lokal waren, standen auf, um dieses Kunstwerk zu sehen und Gesten zu lernen, die ihnen von Nutzen sein konnten, wenn sie nicht allein schliefen. Und in alle Türen drängten die Herren und die Senjoritas, die auf der Straße waren; denn die Türen waren offen. Kunst ist das, was unsre Seele jubeln macht. Und der Bauchtanz der Negerin aus Virginia war reife und vollendete Kunst. Auch sie war eine Senjorita und hatte ihr Haus hier, um darin mit Herren zu plaudern. Aber keiner der Herren, der sie eben tanzen gesehen hatte, wagte sie anzusprechen. Sie war himmelhoch über alle die Senjoritas hier emporgeflogen. Sie war gottbegnadete Künstlerin, und keiner der Herren glaubte so viele Pesos in seiner Tasche zu haben, daß er es wagen dürfe, mit ihr zu gehen. Ein tosender Beifall brach aus, als sie geendet hatte und niedergesunken war auf den Fußboden. Dort kniete sie, die Arme zurückgeworfen, den Leib mit den quellenden Brüsten drehend und schiebend wie in einem letzten aushauchenden Seufzer, der dem letzten müden Tropfen einer sterbenden Bergquelle folgt. Dann mit einem kurzen, schmerzhaften Ruck zog sie den Unterleib zurück und ließ den Kopf matt und müde sinken, bis die Stirn den Boden berührte. Nun sprang sie auf mit einem jubelnden Schrei gesunder und vollbefriedigter Freude, stand schlank und gerade im Saal, die linke Hand in die Hüfte gepreßt, den rechten Arm in runder weicher Geste hochgeworfen. Ihre Augen blitzten, und ihre weißen Zähne leuchteten zwischen den vollen Lippen hervor. Und sie lachte ein sieghaftes Lachen, streckte ihren Leib hervor mit einer Geste, als ob sie einen Kontinent einladen wollte, sich mit ihr zu vereinen, und sie rief: „El amor y la alegria, senjores mios!“

Es folgte ein kurzes Schweigen, dann donnerte der Beifall aufs neue los, und die Musik setzte mit einem Schmettern ein, das einige Takte dauerte, während die Negerin, ihr dünnes Kleid zupfend und sich das Haar zurückstreichend, zu ihrem Platze ging, wo sie eine Flasche Bier und ein Glas stehen hatte. Alle Herren betrachteten sie mit einer scheuen Bewunderung, ohne sich ihr zu nähern und sie zu dem einsetzenden Foxtrott aufzufordern. Sie gingen zu den andern Senjoritas, die sich bescheidener benahmen und nicht Orkane erwarten ließen, die den gewandtesten Mann mit einer Fingerbewegung aus dem Sattel zu heben drohten. Die Senjoritas betrachteten die Negerin nicht als eine Nebenbuhlerin, die sich eines unlauteren Wettbewerbes bediente. Durchaus nicht. Sie gab dem Geschäft einen ganz ungeheuerlichen Schwung, der zehn Minuten vorher nicht zu spüren war. Die Herren hatten Feuer in den Augen, während sie bisher ziemlich gleichgültig und interesselos dreingeschaut hatten. Und die Senjoritas versuchten jetzt beim Tanzen einige der Bewegungen, die sie soeben gesehen hatten, nachzuahmen. Aber es sah häßlich aus und widerlich. Sie preßten sich hart an die Männer und spielten mit ihren hinteren Partien. Aber die Herren reagierten nur sehr schwach darauf und hielten sich auffallend steif zurück, bis die Senjoritas anfingen, die Gesten, die bei ihnen so aussahen, als ob ein kleiner Gemüsekrämer plötzlich die Reklame eines großen Warenhauses nachmachen möchte, aufzugeben und immer mehr zu lassen und in normaler Weise zu tanzen. Ja, nun benahmen sie sich wie die sogenannten anständigen Damen. Das gefiel den Herren viel besser und erinnerte sie sicher an ihre Bräute oder Frauen oder an begehrte Mädchen und brachte sie in die Stimmung, die allein für das Geschäft nutzbringend war.

Sie luden ihre Tänzerinnen ein, sich mit ihnen zu einer Flasche Bier oder einem Whisky an einen Tisch zu setzen. Sekt trinkt man nur, wo den Kleinen alles verboten und den Großen mehr erlaubt ist, als sie in normaler Weise leisten und genießen können. Wo Sekt getrunken werden muß, um lachen zu dürfen und sich der Schönheiten des Lebens zu erfreuen, artet die Unterhaltung häufig zur Schweinerei aus. Und an diesen Ausartungen mißt der Zensor seine Normalmeterstäbe ab, mit denen er den Kleinen die Länge des Vergnügens zumißt, die er ihnen zubilligt. Immer nur da, wo die Röcke nicht hochgehoben werden dürfen, begeht man Verbrechen und tut den törichten Unsinn, nachzusehen, was unter den Röcken ist.