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„Da sind Sie ja, Osuna“, rief ich ihm entgegen. „Ich habe Sie schon lange gesucht, glaubte, Sie seien bereits heimgegangen.“
„Nein,“ sagte er, „an Heimgehen dachte ich gerade nicht. Aber wir könnten jetzt einmal ein wenig zusammenbleiben und in den Pacifico Saloon gehen.“
„Gut, gehen wir, vamonos!“
Es war ein sehr großer weiter Raum, weiß, mit Gold verziert. An der einen Seite waren Nischen. In jeder Nische ein kleiner Tisch und drei gepolsterte Bänke herum. An der andern Seite, den Eingangstüren gegenüber, waren gepolsterte Bänke die ganze Front entlang. An der Seite, die der Wand mit den Nischen gegenüberlag, war das Büfett mit hohen Sitzen für die Gäste. In der Ecke war eine Jazzkapelle, die auf einem Podium saß. Die Wände waren mit Gemälden geschmückt. Diese Gemälde waren recht gut gemalt. Es waren die Darstellungen nackter Frauen in Lebensgröße. Diese schönen Frauen gebrauchten keine Feigenblätter, um jemand daran zu erinnern, daß es etwas zu verbergen gäbe, dessen Vorhandensein jedem Menschen bekannt ist, und das nur darum auf Gemälden und Statuen heuchlerischerweise abgelogen und abgeleugnet wird, damit man nicht vergessen soll, daß es unanständig ist. Und immer nur dann, wenn es unter einem Feigenblatt verborgen wird, bückt man sich, um nachzusehen, was darunter ist, weil man bei seiner Schwester oder bei seinem Bruder, wenn man mit ihnen in der Badewanne saß, nie bemerkt hatte, daß da ein Blatt aus dem Bauche wächst. Hier freilich wäre es lächerlich gewesen, den Leuten, ob sie nun Männer oder Frauen waren, einzureden, daß die Menschen am untern Ende des Bauches eingewachsene oder festgewachsene Blätter hätten. Sie würden es nicht geglaubt haben. Woanders glaubt man es offenbar oder hält wenigstens die Menschen für dumm genug, daß sie es glauben. Denn wären die Blätter nicht, würden die Menschen nie wissen, daß sich dieser Teil des menschlichen Körpers von den übrigen Teilen in irgendeiner Weise unterscheidet. Das aber muß den Menschen gelehrt werden, damit sie wissen, was Sünde ist, und damit sie die bezahlen und in Ehren halten, die behaupten, daß sie das Recht hätten, die Sünden vergeben zu dürfen. Was würden wir armen Menschen tun, wenn wir nicht wüßten, was Sünde ist! Das so schön aufgebaute Gebäude würde zusammenbrechen. Denn es ist ja nur auf Suggestion aufgebaut.
Auf der langen gepolsterten Bank saßen die Senjoritas und warteten auf ihre Tänzer. Die Herren saßen entweder an der Bar oder in den Nischen. Zwei oder drei der Herren hatten eine oder zwei der Senjoritas bei sich, mit denen sie sich sehr anständig unterhielten, ebenso geistvoll wie in einem Ballsaal der oberen Zweitausend von Neuyork. Es war nur interessanter, weil man, wenn man wollte, auch das sagen durfte, was man auf dem Herzen hatte, während man das bei jenen Zweitausend nur sagen darf, wenn angenommen wird, daß man die Landessprache nicht genügend versteht, um den wahren Sinn der Worte zu begreifen. Ein Onestep rasselte vom Podium herunter. Aber die Herren waren recht tranig. Nur da, wo alles verboten ist, weiß man immer, was man tun will, um sich zu amüsieren. Hier, wo alles erlaubt ist, was man sich nur denken kann, sind die Herren immer verlegen und schüchtern, und wenn die Senjoritas nicht gar so freundlich und aufmunternd herüberlächeln würden, kämen die Herren nicht zum Tanzen. Und trotz des schönen Lächelns: die Senjoritas müssen meist mit ihresgleichen tanzen, weil die Herren ihre Verlegenheit und Schüchternheit dadurch zu verbergen suchen, daß sie an der Bar sitzen und trinken und trinken, mehr trinken, als sie wollen. Durch das Trinken wollen sie den Senjoritas beweisen, daß sie Männer seien; es ihnen auf andere Weise zu zeigen, dazu fehlt ihnen in dieser ungezwungenen Umgebung der Mut. Und sie trinken, um hierbleiben zu können, in der Nähe der Senjoritas, deren Lächeln sie lieben, und deren schöne Gesichter sie gern sehen.
Dann aber raffen sich doch einige auf und bitten die Senjoritas um einen Tanz. Es ist zum Lachen. Sie tanzen überformell, die Herren. Und die Senjoritas, um es den Herren zu erleichtern, schmiegen sich ihrer ganzen Länge nach an ihre schüchternen Tänzer. Es ist fruchtlos. Und die Senjoritas tanzen nun ebenso formell wie die braven Herren. Aber das gefällt nun den Herren nicht, und jetzt beginnen sie, etwas schmiegsamer zu werden. Die Senjoritas lächeln ihr schönstes Lächeln. Aber die Herren drucksen und wissen nicht, was sie zu den Damen sagen sollen. Es ist wie in einer Tanzschule.
Die Senjoritas, die mit ihresgleichen tanzen, tanzen zuweilen in der überdeutlichsten Weise, um die Herren auf sich zu lenken. Aber merkwürdig, es zieht nicht. Sie erreichen ihre Absichten viel leichter, wenn sie elegant tanzen, ohne Wackelagen und Schmiegelagen. Die Künstlerinnen unter ihnen, die Weisen, wissen, daß sie die meisten Erfolge haben, wenn sie die Herren an deren Bräute oder deren Freundinnen aus der Gesellschaft erinnern können. Aus diesem Grunde sitzen auch viele der Senjoritas vor ihren Türen und häkeln feine Spitzen oder sticken feine Tücher. Es ist ein Trick, der seine Wirkung nicht verfehlt. Er erinnert die Herren, die hier in fremdem Lande sind, wochen- oder monatelang auf See, im Dschungel, im Busch waren, an traute Häuslichkeiten der heimatlichen Erde.
Manchmal führen die Herren ihre Senjoritas wieder zurück zu ihren Plätzen, während sie selbst wieder an die Bar gehen oder sich einen Platz in den Nischen nehmen. Dann aber ladet auch ein Herr eine oder zwei oder – besonders wenn er sich nicht recht traut, mit einer allein zu sitzen – drei oder vier Senjoritas an seinen Tisch.
„Was trinken Sie, Senjorita?“
„Ich, einen Whisky und Soda. Ich, einen Jugo de Naranja, einen Apfelsinensaft. Ich, eine Flasche Bier. Ich möchte ein Paketchen Zigaretten.“ Keine bestellt Sekt oder einen teuren Wein. Sie neppen nicht. Wenn freilich der Herr protzen will, oder er will durchaus seine vier Monate Arbeitslohn in einer Nacht verhauen, dann bestellt er Sekt und wer weiß was sonst noch und ladet mit einemmal sämtliche Senjoritas, die anwesend sind, zwanzig oder fünfundzwanzig, ein, an dem großen Gelage, das nun beginnt, teilzunehmen. Dann wird es lustig. Es ist nichts verboten, und Polizeistunde gibt es nicht. Der Saloonbesitzer hat seinen Stempelbogen mit den Steuermarken im Lokal hängen und hat das Recht, sein Geschäft so zu betreiben, daß es keinen Schaden leidet. Wo geneppt wird, geht morgen niemand mehr hin, die ganze Stadt weiß es in zwölf Stunden. Der Besitzer muß zumachen. Um das Neppen zu verhüten, hat er große Plakate im Saloon hängen: „Jedes Getränk ein Peso“ oder: „Jedes Getränk fünfzig Centavos“. Sie brauchen keine Polizeivorschriften. Gäste und Restaurateure regeln das selbst durch die Freiheit von Angebot und Nachfrage, durch die Freiheit der Konkurrenz und durch das Fehlen von Konzessionsverpflichtungen. Wenn zu viele einen Saloon aufmachen, braucht keine Behörde einzugreifen, die überflüssigen gehen von selbst pleite. Nur die Nichtnepper, nur die, die für gutes Geld gute Ware liefern, überleben. Vier Polizisten und ein Inspektor halten in diesem großen Viertel die Wache, und sie haben so selten etwas zu tun, daß es auffällt, wenn sie einmal eingreifen müssen. Sie brauchen nur ganz selten einen Betrunkenen in Sicherheit zu bringen, weil selten ein Betrunkener zu sehen ist. Und wenn man doch einen sieht, so ist es ein indianischer Arbeiter oder ein heruntergekommenes Halbblut. Im Streitfalle mit den Senjoritas und den Herren sind sie auf seiten der Schwächeren, der Senjoritas. Und nur, wenn der Herr zweifelsfrei im Recht ist, dann wird ihm beigestanden.
Zwei oder drei Detektive mischen sich unter die Leute. Sie suchen nach den Opium- und Kokainverkäufern, die hier in diesem Viertel ihre Kundschaft finden.
Osuna und ich, wir setzten uns an einen Tisch und bestellten Bier. Dann tanzten wir mit zwei Senjoritas und luden sie ein, sich zu uns zu setzen. Sie tranken ein Gläschen Whisky. Wir wußten nicht, was wir zu ihnen reden sollten. Und es tat mir leid um die Senjoritas, die sich die größte Mühe gaben, eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Ich war immer froh, wenn wieder ein Tanz einsetzte, weil man mit den Füßen leichter fortkonnte als mit der Zunge.
Um überhaupt zu reden, fragten wir die Senjoritas nach allen möglichen dummen Sachen. Ob sie jede Woche den Arzt sehen müßten oder nur alle zwei Wochen. Ob diejenigen, die nicht in den Saloons tanzten, für ihre Häuser hundertfünfzig oder zweihundert Pesos den Monat zu zahlen hätten. Wieviel sie durchschnittlich verdienten.
Sie hielten uns sicher für außerordentlich stupid, daß wir so blöde geschäftliche Fragen an sie richteten, statt von den mehr interessanten Dingen des Lebens zu sprechen. Aber sie verloren ihre gute Laune nicht. Das konnten sie auch nicht gut, weil sie keine Launen hatten. Die durften sie nicht haben, weil es dem Geschäft hinderlich werden könnte. Und weil sie keine Launen hatten, fühlten sich viele Herren, die Familie hatten, hier wohler als in ihrem Hause; denn es gibt nur wenige Männer, die launische und zänkische Frauen lieben. Die Erholung hier war für solche Herren die Geldausgabe wert. Hier waren die Herren immer vergnügt. Und ich glaube sicher, wenn sie zu Hause stets ebenso vergnügt wären wie hier, würden manche keine zänkischen und launischen Frauen daheim vorfinden.
Endlich sagte Osuna: „Es ist elf, ich glaube wir gehen.“
„Gut,“ sagte ich, „gehen wir.“