14
Als ich zur Stadt zurückkam, waren mir von meiner monatelangen Arbeit in der Bäckerei gerade zwei Pesos übriggeblieben.
Was tun?
Ich ging zum Casa, wo ich hoffte, Osuna zu finden. Aber er war nicht da. Vor zwölf ging er nicht zu Bett. Abends war ja das Leben am schönsten, wenn es kühl war und die hübschen Mädchen auf den Plazas promenierten, während die Musikbanden spielten.
Auf keinem der Plazas sah ich Osuna. Also konnte er nur im Spielsaal sein. Der Spielsaal war im oberen Stockwerke eines großen Hauses, das zu ebener Erde eine Bar hatte. Im Spielsaal selbst wurden keine Getränke verabreicht. Es gab nur Eiswasser, das man umsonst erhielt. Gesellschaftskleidung war nicht vorgeschrieben. Ich ging hin, gerade wie ich war, ohne Jacke und ohne Weste. Den Leitern der Spielbank kam es nicht darauf an, was die Besucher auf dem Leibe hatten, sondern was sie in den Taschen hatten, und der, der ohne Jacke und Weste erschien, konnte drei oder sechs oder gar neun Monate Drillerlohn in der Tasche haben. Je verölter und verspritzter seine Hosen, sein Hemd und sein Hut, je verlehmter seine Stiefel waren, desto wahrscheinlicher war es, daß er zwei- oder dreitausend Pesos lose in der Hosentasche trug und zur Spielbank kam, um diese Summe zu verdoppeln.
Auf dem Treppenabsatz war ein kleines Tischchen, wo zwei Männer saßen, die jeden, der hinaufging, beobachteten. Sie kannten jeden Besucher, und sie hatten eine feines Gedächtnis für die, denen der Besuch untersagt war, weil sie sich nicht zu benehmen verstanden. Es kam vor, daß jemand behauptete, der Bankhalter habe ihn übervorteilt. Ohne zu streiten, zahlte der Bankhalter die fünf, zehn oder zwanzig Pesos, um die der Streit ging, sofort aus, auch wenn die Bank durchaus im Recht war. Aber der Mann durfte nie wieder den Saal betreten. Die Bank betrog nicht. Es waren nur immer die Gäste, die zu betrügen versuchten. Die Bank wußte, daß sie bessere Geschäfte machte, wenn sie grundehrlich spielte, Karten und Würfel wechselte, sobald ein Spieler nur den leisesten Zweifel äußerte, als wenn sie versucht hätte, durch geschickte Manipulationen den Spielern das Geld aus der Tasche zu holen.
Der Saal war gedrängt voll. Und wären nicht die vielen Ventilatoren gewesen, würde eine unerträgliche Hitze den Aufenthalt unmöglich gemacht haben. Es waren Tische da, an denen Roulette gespielt wurde, an andern wurde gepokert, wieder an andern gab es „Meine Tante – deine Tante“, oder man konnte sein Glück mit „Siebzehn und vier“ wagen. Eine Bank wurde von einem Chinesen gehalten, der Vorstandsmitglied des Jockeiklubs war. Die Spielbank arbeitete unter dem Namen Jockeiklub, und sie war nur Mitgliedern des Jockeiklubs zugänglich. Mitglied des Jockeiklubs war man, sobald man den Saal betrat. Die Regierung schrieb zwar vor, daß jeder Besucher eine ausgeschriebene, auf seinen Namen lautende Mitgliedskarte haben müsse. Aber nach dieser Karte wurde nie jemand gefragt, jedenfalls nie ein Weißer. Nur von den Indianern verlangte man Karten zu sehen, aber die hatten keine, und deshalb wurde ihnen der Zutritt nicht erlaubt. Die farbige Rasse war durch die Chinesen reichlich vertreten, und zwar so reichlich, daß an manchen Abenden die Chinesen die Hälfte der Gäste ausmachten.
Ich hatte schon richtig vermutet. Osuna war anwesend. Er stand an der Würfelbank, wo ein Locker spielte, der von der Bank angestellt und bezahlt wird, um an den Banktischen zu spielen, wo augenblicklich keine Gäste sind. Durch sein Spielen, bei dem er nach jedem Wurf den Einsatz erhöht und endlich Einsätze von fünfundzwanzig Pesos macht, lenkt er die Aufmerksamkeit von Spielgästen, die sich an andern Tischen drängen, zu dieser Bank. Der hohe Einsatz macht die Leute aufgeregt, sie kommen näher, umdrängen den Tisch, um den waghalsigen Spieler zu beobachten. Natürlich gewinnt der Spieler und verliert, genau nach den Gesetzen des Spielerglücks. Aber es ist ja nicht sein Geld, es ist das Geld der Bank, das er setzt. Und die Gäste wissen nicht, daß er zur Bank gehört und nur Anreizspiele macht. Aber es dauert nur wenige Minuten und der Tisch ist von einem Dutzend erregter Männer belagert, die das Fallen der Würfel belauern und in ihrem Innern sofort die Kombinationen ausrechnen, in welchen Intervallen die Zahlen wiederkehren. Sobald sie glauben, die Kombination errechnet zu haben, fangen sie zu setzen an und spielen. Die Würfelbank, die vor kaum zehn Minuten nicht einen Spieler hatte, sondern müßig lag, nur mit dem Bankhalter hinter dem Tisch, ist jetzt der Mittelpunkt des Spielsaales. Jedes Feld ist drei- und viermal besetzt.
Dadurch wurde die Bank mit „Meine Tante – deine Tante“ müßig, und der Bankhalter konnte abrechnen, die Chips auswechseln und die neuen Kartenpacks aufschichten. Wenn er fertig war und der Bankhalter bei den Würfeln vor den Strömen des Schweißes zu keuchen begann, setzten bei der Tanten-Bank zwei Locker ein. Und allmählich ging der Würfelkorb immer langsamer, weil immer langsamer und seltener hier gesetzt wurde, während bei der Tante das Gedränge unheimlich wurde.
In einer Ecke wurde jetzt eine Bank versteigert. Sie wurde angeboten mit fünf Pesos, überboten mit zehn, und sie ging endlich fort mit sechzig Pesos. Ich sah rüber zu dem, der sie gekauft hatte.
„Hölle noch mal, Leary, Mann, wo kommen Sie denn her?“ rief ich hinüber. Es war in der Tat Leary, mit dem ich in Campeche in einem Ölcamp gearbeitet hatte. „Ich drücke den Daumen für Sie, Leary, bis auf dreihundert gegen zwanzig. Einverstanden?“ rief ich ihm zu.
„Einverstanden, Gale“, rief er zurück.
Die Amerikaner, die anwesend waren und es gehört hatten, lachten und kamen alle zu dem Tisch, wo Leary sich jetzt niedersetzte, um die Bank zu übernehmen, die er ersteigert hatte.
Es wurde losgespielt. Leary mußte bluten. Hundert, zweihundert, dreihundert. Er packte das Gold nur immer so raus und schob es fort. Seine Chips waren längst zu Ende.
„Verflucht noch mal, Gale, drücken Sie denn auch, oder was ist?“
„Nur keine Angst, Leary, hauen Sie nur drauf, alles was Sie haben.“
„Gut, mache ich“, rief Leary herüber. „Aber ich schneide ihn ab, wenn Sie mich abflattern lassen.“
„Gehen Sie drauf! Ich stehe Ihnen mit dreihundert gegen Gentleman-Agrément, drauf!“ Ich hatte zwei Pesos in der Tasche.
Und Leary ging los. Vierhundert, fünfhundert, sechshundert, siebenhundert. Sein Gesicht wurde rot wie eine Tomate, und es sah aus, als ob es jeden Augenblick platzen wolle. Er zog ein Tuch aus der Tasche und wischte sich den Schweiß ab. Aufgeregt war er nicht. Es war nur die Emsigkeit der Arbeit, die ihn so stark mitnahm.
Die Karten fielen. Die Bank gewann.
Die Karten fielen abermals. Die Bank gewann.
Ich quetschte den Daumen. Die Bank gewann. Leary stand auf: „Ich gebe die Bank ab. Versteigere.“
„Wieviel haben Sie gemacht, Leary?“ fragte ich ihn, als er zu mir kam, um mir die Hand zu geben. Denn wir hatten uns ja nur über den Tisch und über das Gedränge hinweg begrüßt.
„Gemacht? Wieviel? Ich weiß nicht ganz genau. Aber da, nehmen Sie. Gehört Ihnen.“ Er gab mir zweihundert Pesos.
Ich hatte sie ehrlich verdient. Aber er sagte mir nicht, wieviel er gemacht hatte. Für zwanzig hatte er sich verbürgt, falls er gewänne; wenn er mir nun zweihundert geben konnte, so hatte er einen hübschen Haufen in der Hosentasche.
Man nimmt das Geld und fragt nicht, woher es kommt. Man kann doch nicht verhungern. Verhungern ist Selbstmord. Und Selbstmord ist eine Sünde. Aber Sünden soll man nicht begehen, das wird einen schon in der Jugend gelehrt.
Leicht gewonnenes Geld ist rasch ausgegeben. Aber diese zweihundert Pesos waren keineswegs leicht verdient, und ich hielt sie gut zusammen. Ich borgte Osuna fünfzehn Pesos, und er mietete sich einen kleinen Zigarettenstand. Er zahlte für das Tischchen, das mit einem Stück gestreiftem Segeltuch überspannt war, um die Sonnenstrahlen abzuhalten, neun Pesos Miete den Monat.
Jeden Tag einmal kam der städtische Steuereinnehmer vorbei, der den Standtribut einforderte, fünfzehn Centavos. Dafür bekam Osuna ein Zettelchen, das er vorzeigte, wenn der Beamte nachmittags wieder vorbeikam, um bei denen einzukassieren, die am Vormittage nicht bezahlt hatten. Diese Bezahlung des täglichen Tributs war alles, was man mit den Behörden zu tun hatte, wenn man ein Geschäft auf der Straße errichtete.
Wenn das Geschäft mal an einem Tage sehr schlecht ging, dann sagte Osuna zu dem Beamten: „Ich habe heute kaum ein Mittagessen verdient“, dann schenkte ihm der Beamte für diesen Tag die Steuer. Es wird dem Händler geglaubt, wenn er sagt, daß er kein Geschäft gemacht hat; dafür glaubt er auch bei einer andern Gelegenheit wieder der Behörde, wenn die etwas sagt. Vertrauen gegen Vertrauen.
Viel verdiente Osuna nicht. Manchen Tag einen Peso, manchen zwei Pesos. Über zwei Pesos kam er selten. Aber es war leichter als in der Bäckerei. Die Arbeitszeit war freilich die gleiche. Von frühmorgens um fünf bis nachts um zwölf oder eins stand er an seinem Tisch.
Ich holte mir jeden Tag ein oder zwei Pakete Zigaretten bei ihm und verringerte so seine Schuldsumme. Es ging sehr langsam; denn jedes Paketchen kostete nur zehn Centavos, und in jedem Paketchen waren vierzehn Zigaretten. In manchen Paketen war sogar noch ein Gutschein für zehn, zwanzig oder fünfzig Centavos, die Osuna freilich von der Fabrik ersetzt bekam, die er aber doch erst einmal auszulegen hatte. Die Fabrik zahlte ihm für diese ausgeliehene Summe fünf Prozent.
Eines Nachmittags, als ich bei ihm saß und auf der kleinen Kiste hockte, die sein Stuhl war, fragte ich ihn: „Warum sind Sie denn damals nicht mit zum Baumwollpflücken gekommen? Sie hatten doch das Reisegeld so gut wie ich.“
„Eben darum, weil ich das Reisegeld hatte, bin ich nicht mitgekommen. Ich hatte Sie gewarnt, aber Sie wollten mir ja nicht glauben. So leicht werden Sie nun wohl nicht mehr darauf hineinfallen.“
„Man kann nie im voraus wissen, ob es stimmt, oder ob es nicht stimmt. Im vorigen Jahre stimmte es“, erwiderte ich.
„Natürlich kann es auch mal stimmen und wirklich Arbeit da sein und richtiger Pflückerlohn“, bestätigte er mir. „Aber ich habe reichlich Erfahrung. Vor drei Jahren war ich pflücken, bei einem Amerikaner. Wissen Sie, wie es mir ergangen ist?“
„Nein, wie?“
„Als die erste Woche herum war, wollten wir unsern Lohn haben. Da sagte der Farmer, er könne nur jedem einen Peso geben. Wenn wir Ware brauchten, so könnten wir das aus seinem Laden beziehen. Da nahmen wir auch Ware, weil wir sie brauchten. Von dem Tage an gab er uns überhaupt kein Geld mehr, sondern immer nur Bons für seinen Laden. Und da setzte er uns Preise an, doppelt so hoch als in der Stadt. Tabak, den wir in der Stadt für achtzig Centavos kauften, berechnete er uns mit einem Peso vierzig. Ein Hemd, das in der Stadt drei Pesos kostete, berechnete er mit fünf Pesos. So ging das mit Mehl, mit Bohnen, mit Kaffee, na, kurz mit allem. Als wir dann mit der Ernte fertig waren, wollten wir abrechnen und unser Geld haben. Da sagte er ganz trocken, er hätte selber kein Geld, wir könnten für das ganze Geld, das uns noch zustände, Ware haben. Was sollten wir aber mit der Ware machen? Geld brauchten wir vor allem, um wieder zur Stadt zurückkommen zu können.“
„Und bekamt ihr das Geld?“
„Nein, wir mußten laufen. Er blieb uns den ganzen Lohn schuldig. Er sagte, wir sollten unsre Adresse einschicken, dann wolle er uns das Geld im Oktober schicken. Er hat nie einen Centavo geschickt, ist den Lohn heute noch schuldig. Wir haben gerade für das lausige Essen die acht Wochen gepflückt. Und was für Essen? Sie wissen ja, was man sich da kocht, und was man ißt. Sie haben ja gepflückt.“
„Da läßt sich auch gar nichts dagegen tun“, sagte ich.
„Nein, die kriegen immer wieder Leute. Immer wieder andre. Immer wieder andre Dumme, immer wieder andre, die in der Stadt vor dem Verhungern stehen, und die ehrlich arbeiten wollen. Wir haben ja nun in einigen Staaten sehr tüchtige Gouverneure, die von den Arbeitern gewählt wurden, von den Sozialisten und von den Syndikaten. In San Luis Potosi und in Tamaulipas. Die Gouverneure haben nun vor kurzem in den Arbeiterversammlungen gesprochen und zugesagt, daß sie hier energisch eingreifen wollen. Der Gouverneur von Tamaulipas arbeitet ein Dekret aus, daß jeder Baumwollfarmer fünfundzwanzig Pesos hinterlegen muß für jeden Pflücker, und daß er für jeden Pflücker das Bahngeld für die Hin- und Rückreise bezahlen muß. Das ist wenigstens ein Anfang. Bis jetzt konnten die mit den armen Teufeln machen, was sie gerade wollten. Wenn sie dann keine Pflücker kriegen und überall herumschreien, daß ihnen die Ernte verfault, dann sagen sie, das Landarbeitersyndikat sei schuld und das müßte ausgerottet werden. Dann reden sie von den faulen Indianern und den Peons, die lieber als Banditen leben, als daß sie anständig arbeiten wollen. Mich fängt keiner mit dem Schwindel. Baumwollpflücken? Ich? Ich denke nicht, daß Sie mich für einen solchen Dummkopf halten. Lieber stehlen oder krepieren. Haben Sie schon einmal hier einen armen Farmer gesehen? Ich nicht. In den ersten drei Jahren vielleicht, da geht es ihm etwas hart. Aber wenn er das Land erst einmal durch hat, dann ist es sicherer als eine Goldmine. Dann aber wollen sie auch gleich noch Diamantminen daraus machen dadurch, daß sie die Arbeiter um den Lohn betrügen. Cabrones!“
Ich denke, daß Osuna durchaus recht hatte. Und ich nahm mir vor, meine Laufbahn als Baumwollpflücker für immer abzuschließen. Es kam nichts dabei heraus. Und es war so zwecklos. Was kümmerte mich denn der Baumwollbedarf Europas? Wenn sie Baumwolle da drüben haben wollen, so mögen sie herüberkommen und sie sich selber abpflücken, damit sie einmal erfahren, was es heißt: Baumwolle pflücken. Mit dieser neuerkämpften Lebensweisheit belastet, verließ ich Osuna und ging rüber zu der Kaffeebar, um Kaffee zu trinken und zwei Hörnchen zu essen.
Neben mir saß ein Amerikaner, ein älterer Mann, sicher Farmer.
„Suchen Sie nach was?“ fragte er, als ich über die Bar hin und her guckte.
„Ja, nach dem Zucker“, sagte ich. Er reichte mir die emaillierte Zuckerbüchse.
„Das meinte ich eigentlich nicht, als ich fragte“, sagte der Mann lächelnd. „Ich meinte vielmehr, ob Sie etwas verdienen wollen?“
„Das will ich immer“, erwiderte ich.
„Haben Sie schon mal Rinderherden blockiert?“ fragte er jetzt.
„Ich bin auf einer Viehfarm groß geworden.“
„Dann habe ich Arbeit für Sie.“
„Ja?“
„Eine Herde von tausend Köpfen, achtzig Stiere darunter, dreihundertfünfzig Meilen über Land bringen. Abgemacht?“
„Abgemacht!“ Ich schlug in seine Hand. „Wo sehe ich Sie?“
„Hotel Palacio. Um fünf. In der Halle.“