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Der Wobbly

Chapter 39: 16
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About This Book

The narrative explores the lives of cotton pickers in Mexico, highlighting their struggles and camaraderie as they seek work under harsh conditions. It begins with a group of diverse characters, including a man from the train, who gather at a station, all aiming to find their way to a cotton-picking job. Through their interactions, the story delves into themes of poverty, labor exploitation, and the shared experiences of the working class. The characters' conversations reveal their backgrounds and aspirations, while the setting emphasizes the challenges they face in their pursuit of a better life.

16

m nächsten Morgen früh um fünf reisten wir ab. Wir hatten sechzehn Stunden mit dem Schnellzug zu fahren. Die Züge haben nur erste und zweite Klasse, weil man hier nicht so viele Kastenunterschiede macht wie in vierklassigen Ländern. Die erste Klasse kostet wenig mehr als das Doppelte der zweiten. Man reist aber in der zweiten ebenso rasch wie in der ersten und keineswegs sehr unbequem. In der ersten Klasse sind die Sitze an den Längsseiten, aber man sitzt quer zur Zugrichtung. In der Mitte ist der Gang, der durch den ganzen Zug führt. In der zweiten Klasse, wo die eingeborene ärmere Bevölkerung reist, sind an beiden Längsseiten durchgehende Bänke, und man sitzt mit dem Rücken gegen die Wand des Abteils. In der Mitte sind Quersitze, und an jeder Seite zwischen den langen Bänken und den Quersitzen führt der Gang. Die Lokomotiven, gigantische Maschinen, werden nur mit Öl geheizt. Hinter dem Tender folgt der Expreßgutwagen und ferner der Gepäckwagen mit der Post. Dann folgen zwei lange Wagen zweiter Klasse, dann ein langer Wagen erster Klasse und endlich der Pullman-Wagen für die Schlafgäste.

Im ersten Wagen zweiter Klasse sitzt in jedem Zuge eine Abteilung Soldaten von etwa zwölf bis achtzehn Mann mit geladenen Gewehren, geführt von einem Offizier. Wegen der Banditenüberfälle auf Züge sind die Soldaten notwendig. Es kommt trotzdem vor, daß die Züge von Banditen überfallen werden. Dann entwickelt sich zwischen den Soldaten und den Banditen eine Schlacht, die einige Stunden dauert und eine gute Anzahl Tote kostet. Bei diesen Überfällen werden die Reisenden ausgeraubt, jedoch nie getötet, es sei denn, daß sie bewaffneten Widerstand leisten. Abgesperrte Bahnübergänge, Bahnwärter und so etwas gibt es nicht. Die Züge sausen mit rasender Geschwindigkeit durch das unübersehbare Land, durch Dschungel und Busch, über Prärien und über Gebirge, die mit ewigem Schnee bedeckt sind. Über weite Schluchten sind Brücken gezogen, vierzig, fünfzig, sechzig Meter hoch, viele Kilometer lang. Und die Brücken sind nur aus Holz, und der Zug rast in schwindelnder Höhe darüber hinweg.

Die Bahnstrecke ist nicht abgezäunt. Rinderherden, Pferde, Esel, Maultiere und Wild treiben sich in der Nähe der Bahnstrecke umher und weiden oder ruhen mitten auf dem Geleise. Dann heult der Zug schauerlich, um die Tiere zu verscheuchen. Manchmal stehen sie auf und rennen davon; manchmal rühren sie sich nicht, und der Zug muß halten, und ein Zugbeamter steinigt die Tiere hinweg. Dann wieder laufen die Tiere direkt in den rasenden Zug oder sie werden übersehen. An der ganzen langen Zugstrecke sieht man zu beiden Seiten der Geleise die Skelette der Tiere liegen. Verwundete, denen die Füße abgefahren sind oder der Leib aufgerissen wurde, liegen verdurstend, den Tod erwartend in der tropischen Sonnenglut. Niemand, der vorbeikommt, tötet sie und erlöst sie von ihren Qualen, weil der Besitzer vielleicht irgendwo lauert; denn wenn man das Tier tötet, muß man ihm das Tier bezahlen, als ob es lebend wäre, und er darf einen außerdem noch zum Gericht schleppen, wo man wegen unerlaubter Tötung eines Tieres mit fünfzig oder hundert Pesos oder gar mehr bestraft wird.

Wenn man annimmt, daß man nicht beobachtet wird, hält man dem armen Tier den Revolver ans Ohr. Dann aber muß man laufen. Mitleid an Tieren üben ist kostspielig. Ich habe einmal einem Esel, der neben dem Bahngleise im Busch lag und dem der eine Huf abgefahren war, eine Schüssel mit Wasser gebracht, als die Sonne im Mittag stand. Die dankbaren Augen des Tieres sind mir unvergeßlich. Aber ob ich es ein zweites Mal tun werde, wenn Hütten nicht weit entfernt sind, weiß ich nicht. Am Abend, als die Sonne unterging, starb das Tier. Es hatte auch noch innere Verwundungen. Ich stand in der Tienda und trank eine Limonade. Da kam ein Halbblut rein und sagte zu mir: „Der Esel da drüben am Geleise gehört mir. Sie haben ihm heute mittag vergiftetes Wasser gegeben. Der Esel ist jetzt tot. Sie werden mir den Esel bezahlen. Sie haben ihn vergiftet. Sie haben ja hier den ganzen Nachmittag zu den Leuten herumerzählt, es sei eine Schmach, daß man dem Tier nicht einen Erlösungsschuß gebe.“

Das Wasser war natürlich nicht vergiftet, denn ich hatte es aus dem Trinkwasser-Tank der Familie des Tienda-Besitzers genommen. Und der Besitzer der Tienda bestätigte das auch dem Halbblut. Dieser Bursche wußte natürlich recht gut, daß ich dem armen Tier kein Gift gegeben hatte. Schließlich einigten wir uns, daß ich ihm fünf Pesos für seinen Esel bezahlte und eine Flasche Bier und ein Päckchen Tabak. Wenn nicht der Tienda-Mann und einige Indianer, die in der Kantine waren, mir beigestanden hätten, wäre mein angewandtes Mitleid eine teure Sache geworden.

Entlang der Geleise hocken die Geier in Schwärmen und warten auf die Beute. Sie begnügen sich auch mit Katzen, Hunden, Schweinen. Weite Strecken dient das Bett der Eisenbahn ganzen Maultier- und Eselskarawanen als Straße, weil die Straße, die nebenher führt, oft nicht mehr zu finden ist, denn der Dschungel oder der Busch hat sie verschlungen.

Die Bahn hat nur ein Geleise. Etwa je fünfzig Kilometer voneinander entfernt sind große Wassertanks errichtet, wo die Lokomotiven wieder frisch aufgefüllt werden können. An vielen Stationen wird kaum gehalten, besonders wenn keine Reisenden aussteigen oder einsteigen. Dann fliegt nur der Postsack heraus, und der andre wird hineingepfeffert. Auch die Eisblöcke, die in Säcke eingenäht sind und festumpackt mit Hobelspänen und Sägespänen, um das Eis vor dem Zerschmelzen zu schützen, werden einfach hinausgefeuert. Der Empfänger wird sich schon darum kümmern.

Die Fahrkarten kann man auf den Stationen kaufen oder im Zuge. Kauft man sie im Zuge, muß man fünfundzwanzig Prozent mehr zahlen. Diesen Aufschlag braucht man nicht zu zahlen, wenn die Station keinen Fahrkartenverkauf hat. Viele Stationen brauchen nach fünf Uhr abends keine Karten zu verkaufen, damit sie nach Eintreten der Dunkelheit kein Geld im Gebäude haben, was den Agenten das Leben kosten kann. Auch in diesem Falle wird im Zuge nur der Normalpreis erhoben. Die Karte wird einem nach einer Weile im Zuge wieder abgenommen, und der Schaffner steckt einem ein kleines Kärtchen in das Hutband, auf das er die Kilometerzahl geschrieben hat. So hat er seine Gäste alle unter schöner Kontrolle.

Die Soldaten sitzen meist mit ihren Lesefibeln da, in denen sie buchstabieren. Sie sind ausschließlich Indianer und können nur in ganz seltenen Fällen lesen und schreiben. Aber sie haben einen brennenden Ehrgeiz, es zu lernen. Einer hilft dem andern, und wenn der eine nur gerade gelernt hat, wie man „eso“ schreibt, so ist er ganz aufgeregt, es seine Kameraden auch zu lehren.

Um acht oder halb neun wird zum Frühstück gehalten auf einer Station, die schon eine belebte Stadt genannt werden darf. Wir stiegen aus und gingen in das Bahnhofslokal. Natürlich wieder ein Chinese. Wenn man doch endlich mal ein Restaurant finden möchte, das keinem Chinesen gehört.

„Da wundern sich die Leute noch,“ sagte Mr. Pratt, während uns chinesische Kellner den Kaffee und die gebackenen Eier mit Schinken hinstellten, „daß die Anti-China-Bewegung hier in dem Lande, wo man sonst keinen Rassenhaß kennt, immer größeren Umfang annimmt. Aber jedes Restaurant, das sie nur ergattern können, erwerben sie, und gierig warten sie auf jeden Neuen, der Pleite machen muß, weil er sich gegen sie nicht halten kann. Sie nisten sich ein wie Ungeziefer. Sollen sich nicht wundern, wenn das mal eine blutige Nacht gibt.“

„An der Pazifikküste habe ich eine erlebt“, erzählte ich ihm. „Kostete achtundzwanzig Chincs das Leben. Und niemand wußte, wer es getan hat. Aber sie sind nicht gegangen. Sie übernehmen das Risiko.“

„Das ist es ja eben,“ erwiderte Mr. Pratt, „was ich mit Ungeziefer sagen wollte. Sie sind wie die Läuse.“

Wir standen auf, zahlten und gingen ein wenig auf dem Bahnsteig spazieren. Dutzende von Händlern liefen herum und boten alles mögliche an, von dem man nicht glauben möchte, daß es auf Bahnsteigen angeboten werden könnte. Papageien, junge Tiger, Tigerfelle, lebende Rieseneidechsen, Blumen, Singvögel, Apfelsinen, Tomaten, Bananen, Mangos, Ananas, Zuckerrohr, kandierte Früchte, zerbröckelnde Schokolade, Tortillas, gebratene Hühnchen, geröstete Fische, gekochte Riesenkrebse, die in ihrer runden, spinnenähnlichen Gestalt grauenerregend aussehen, aber sehr gut schmecken, Flaschen mit Kaffee, mit Zitronenwasser, mit Pulque. Zerlumpte und barfüßige Indianermädchen liefen am Zuge entlang und boten sich als Dienstmädchen und Köchinnen an. Es ist für die zwanzig oder dreißig Minuten, während der Zug hier steht, ein Leben auf der Station wie auf dem tollsten Jahrmarkt. Der Gegenzug kommt meist am Abend hier vorbei, aber da warten die Gäste schon auf die nahe Großstadt und sind müde und abgespannt von der Fahrt. Während der übrigen Zeit des Tages ist eine solche Station, die augenblicklich sinnverwirrend erscheint, totenstill. Sie glüht müde in der Sonne. Nur die Güterzüge bringen ein wenig Bewegung unter die Beamten; aber alles ist träge und schläfrig. Das Leben ist konzentriert auf die zwanzig Minuten am Morgen. Wer in diesen zwanzig Minuten sein Geschäft nicht gemacht hat, muß diesen Tag aus seinem Leben als einen erfolglosen Tag streichen.

Mittags kamen wir in eine größere Station, wo der Zug etwa vierzig Minuten zum Mittagessen hielt. In der Bahnhofswirtschaft – richtig wieder Chinesen – standen an mehreren großen Tischen schon dreißig Gedecke bereit. Die halbe Anzahl Teller war schon mit Suppe gefüllt. Mit einem raschen Blick hatte der Inhaber heraus, auf wieviel Gäste er rechnen könne. Manche aßen kein Dinner, sondern sie ließen sich nach der Karte bedienen. Sie kamen schlechter dabei weg. Die Portionen waren weder größer noch besser, aber teurer, als wenn sie im Dinner gingen.

Dann kam der lange, der ermüdend lange Nachmittag der Fahrt. Der Zug sauste immer durch die gleiche Landschaft. Dschungel, Prärie, Busch. Der Gegenzug, der hier an der Mittagsstation kreuzte, hatte die Morgenzeitungen der entgegengesetzten Stadt mitgebracht. Sie wurden im Zuge verkauft. Man konnte sonst noch alles mögliche im Zuge haben: Bier, Wein, Limonade, Schokolade, Früchte, Süßigkeiten, Zigaretten, Zigarren. Alle Getränke waren geeist, und wer kein Geld hatte, bekam gutes reines Eiswasser umsonst, das er sich selbst holte.

Abends um neun stiegen wir auf einer kleinen Station aus. Es war die Heimatstation des Mr. Pratt. Wir gingen in die Kantina, die gleichzeitig das Hauptpostamt war. Mr. Pratt begrüßte den Kantina-Besitzer, einen Senjor Gomez, und stellte mich ihm vor.

Na, zu essen, was man woanders essen nennen würde, gibt es in solchen Kantinas nicht. Aber man kann nicht verhungern. Man kann sich das schönste Essen zusammenstellen. Wir nahmen eine Büchse Vancouver Salm, einige Büchsen spanische Ölsardinen, einige Büchsen Wiener Würstchen (gemacht in Chikago), eine Büchse Kraftkäse (die Marke heißt Kraft, aber der Käse ist trotzdem gut und kräftig, wenn auch teuer wie ein Stück Gold), und endlich nahmen wir noch ein Paket Crackers, weil es Brot oder Brötchen nicht gibt. Was sollte man damit auch auf dem Lande anfangen? Den Tag darauf ist es wie Stein oder völlig verschimmelt oder innen und außen voll von kleinen roten Ameisen. Diese Crackers sind viereckige Biskuits, so groß wie eine Handfläche, und ich habe den Fabrikanten sehr stark im Verdacht, daß er mit diesen Crackers die Christen an den Geschmack der Matze gewöhnen will. Als mir mal jemand Matze zu kosten gab, sagte ich zu ihm: „Schwindeln Sie mich doch nicht an, das ist ja ein Klotz-Cracker.“ Ja, also so schmeckt das Zeug. Entsetzlich nüchtern und nichtssagend. Aber was andres gibt es nicht. Und wenn man nicht zu den indianischen Tortillas hält, sind diese Crackers wohl das gesündeste Brot in den Tropen; denn europäisches oder gar deutsches Brot würde einem hier den Magen umdrehen und in einer Woche auf den Cementerio bringen. Der Cementerio ist der Platz, wo man hier die Toten begräbt, ein Platz, den man woanders Friedhof nennt.

Aber an Friedhof dachten wir nicht, denn wir machten uns mit dem Senjor Gomez über seinen Bier- und Tequila-Vorrat her. Wir waren zwar nach einer angemessenen Frist dann auch tot, jedoch nicht reif zum Begraben. Wir wickelten uns in unsre Decken und legten uns auf den Boden des Billardraumes in der Kantina. Senjor Gomez hatte es besser. Er ging zu seiner Frau und lag weicher als wir.