17
Mit diesem Gedanken an eine Frau oder an die Frau im allgemeinen – so genau weiß ich das nicht mehr – schlief ich ein, und mit dem Gedanken an eine bestimmte Frau wurde ich am nächsten Morgen geweckt. Diese Frau war Mrs. Pratt. Sie war vom Rancho mit dem Ford gekommen, um in der Kantina einiges einzukaufen. Bei dieser Gelegenheit fand sie ihren Ehegatten, den sie noch nicht erwartet hatte, und sie fand ihn in einer Verfassung, die sie am allerwenigsten erwartet hätte.
Wie das immer so geht, solange die Welt aufgebaut ist, es ist stets der Unschuldige, der leiden muß. Ich war der Unschuldige, und ich mußte infolgedessen leiden. Mr. Pratt war das Muster eines Ehemannes, und ich, den er irgendwo im Schlamm aufgelesen hatte, war der nichtswürdige Bube, der ihn verlockt, verführt und ihn in den Sumpf geworfen hatte. Denn er, der brave Mr. Pratt, tat so etwas nie.
Als wir gingen, gab Mr. Pratt Senjor Gomez einen Wink. Männer verstehen den Wink sofort, besonders wenn die beiden, zwischen denen der Wink ausgetauscht wird, Ehemänner sind, die mit ihren Frauen gern in Frieden leben.
„Sie hatten also so viele Ölsardinen und dann noch das und das und –“
Der Wink kam wieder.
„– und Sie hatten zwei kleine Flaschen Bier, und hier der Mr. Gale hatte vier. Ja, das ist alles. Ich habe die Flaschen genau angekreuzt.“
Mrs. Pratt war zufrieden mit ihrem Gatten. Er konnte ja später das Schock Flaschen bezahlen, das da leer in der Ecke lag. Er war dem Senjor Gomez ja gut. Aber ich kriegte einen Blick von Mrs. Pratt, der mich das Schlimmste befürchten ließ, und ich überlegte ernsthaft, ob es nicht besser sei, Mr. Pratt gleich hier zu sagen, daß ich auf den Kontrakt doch lieber verzichten wolle. Denn ich hatte ja etwa zwei Wochen, wenn nicht länger, im Hause der Mrs. Pratt zu leben. So lange konnte es dauern, bis der Transport ausblockiert war. Und was konnte mir diese Dame in jener langen Zeit alles antun! Man denke, ich hatte ihren nüchternen, braven Ehegatten in eine Verfassung gebracht, daß er selbst jetzt, nach einigen Stunden Schlaf, noch kaum auf den Füßen stehen konnte und mit verglasten Augen in die Welt guckte. Man soll sich mit verheirateten Männern nicht einlassen. Das tut nie gut. Das ist eine ganz andre Rasse. Ich würde mich nicht wundern, wenn ich Senjora Gomez auch noch auf den Hals kriege. Dann aber laufe ich, das ist sicher; denn gegen Senjoras läßt es sich schwerer ankommen als gegen Missis. Deren Zungenbänder sind viel geläufiger als die anglosächsischen, und die Senjoras arbeiten viel intensiver und viel unvorsichtiger mit den Fingernägeln.
Ich war deshalb recht froh, daß Mrs. Pratt ihren sonst so Nüchternen in den Ford bugsierte, sich an das Steuerrad setzte, einschaltete und abrasselte. Daß ich mit sollte und mit wollte, darum kümmerte sie sich nicht. Ich konnte ja laufen, die vierzehn Meilen, die der Rancho von der Station entfernt war. Aber der Gedanke daran gab mir eine ungeheuere Schwungkraft, und mit dieser Schwungkraft setzte ich dem Ford nach, als Mrs. Pratt die Kurve einbog, um auf den Weg zu kommen. Ich rasselte in die offene Klappe, Kopf zuerst. Die Schwungkraft hatte nicht ausgereicht, auch die Beine mit hineinzukriegen. Deshalb hingen die Beine lang heraus. Ich bin überzeugt, daß die Indianer, denen wir unterwegs begegneten, sicher glaubten, ich sei eine Anprobierpuppe, die Mrs. Pratt von der Bahn geholt habe. Vielleicht glaubten sie noch ganz andre Dinge, vielleicht, daß Mrs. Pratt mich überfahren habe und mich nun rasch nach dem Rancho schleppe, um mich dort einzuscharren.
Wir kamen auf dem Rancho an. Aber niemand kümmerte sich um mich. Mrs. Pratt fuhr das Auto unter ein Strohdach und ließ es dort stehen. Ich hing noch immer in dieser unglücklichen Stellung in der Klappe. Endlich aber wurde mir diese Lage doch zu unbequem. Ich zerrte mich heraus und setzte mich in die Polster.
Als ich erwachte, stand die Sonne tief. Ob sie aufgehend oder untergehend war, wußte ich nicht, weil ich ja hier fremd war und die Himmelsgegenden nicht kannte.
„Hallo, Sie da unten, haben Sie jetzt Ihren Suff ausgeschlafen?“ rief da Mrs. Pratt von der Veranda des Rancho-Hauses herunter. „Sie scheinen mir ja gerade das richtige Hühnchen zu sein, das mein alter Esel da auf der Straße aufgelesen hat. Sie werden wohl mit der Herde am Panama-Kanal landen, Sie Trunkenbold. Dem Himmel sei Dank, daß da der Kanal ist, sonst könnten wir der Herde bis nach Brasilien nachlaufen. Wer weiß, wo Sie mit ihr hingeraten. Kommen Sie rein zum Essen.“
Zum Essen. War das nun Frühstück oder Abendessen? Ich sah nach meiner Uhr. Stehengeblieben. Natürlich. Wenn man so ein verfluchtes Ding mal wirklich braucht, dann steht sie. Am liebsten möchte ich sie gleich gegen die Wand pfeffern. Was tu ich mit einer Uhr, die stehnbleibt, wenn man mal eine Flasche Bier trinkt und lustig ist und singt! Also rauf zum Essen. Nur um die gute Frau nicht noch mehr zu ärgern, aß ich von allem etwas. Mr. Pratt saß gleichfalls am Tisch und piekte in seinen Tellern herum. Er sah nicht auf, und er tat, als ob er mich gar nicht kenne. Wenn ich das Wort an ihn richtete, brummte er nur. Ich kannte den Schwindel schon. Er hatte seiner Frau erzählt, daß ich ihn verführt hätte, und daß er fertig mit mir sei, aber da er doch schon die Kosten der Fahrt für mich bezahlt habe, wolle er mich mit der Herde losschicken und dann nie wiedersehn.
Als Mrs. Pratt einmal aufstand, um zur Küche zu gehen, sagte Mr. Pratt: „Hallo, Boy, machen Sie das Konzert ein wenig mit. Morgen ist es verraucht. Sie ist gar nicht so. Eine prächtige Seele. Nur mit dem Trinken kann sie sich nicht befreunden.“ Nun änderte er den Ton: „Es war unanständig von Ihnen, daß Sie mich immerfort aufforderten, auf die Gesundheit des Präsidenten, auf die Fahne, auf das Vieh zu trinken. Ich hatte Ihnen im voraus gesagt, daß ich trocken bin und nie trinke. Aber wenn Sie mit Gesundheittrinken kommen, das ist ein unfaires Spiel.“
Nanu? Was war denn das mit einem Male? Ach so, Mrs. Pratt war wieder hereingekommen, und er hatte das Konzert zu machen. Er verstand es. Er hatte die letzten Sätze so hinausgedonnert, daß Mrs. Pratt sich ganz aufrecht auf ihren Stuhl setzte, als ob sie damit sagen wollte: Da können Sie sehen, was für einen anständigen Mann ich habe; er tut es nur aus Patriotismus, während Sie es aus Verkommenheit tun.
Nach dem Essen wurden wir in Gnaden entlassen. Mir wurde meine Stube gezeigt, und ich legte mich schlafen.
Am folgenden Morgen, gleich nach dem Frühstück, sattelten wir auf und ritten erst einmal nach der Pferdeprärie hinaus, damit ich mir ein Pferd aussuchen möge. Die Pferde werden draußen auf der Prärie gezeugt und geboren. Sie kommen nie in einen Stall und wachsen völlig wild auf. Ställe gibt es überhaupt nicht. Pferde und Vieh sind Sommer und Winter im Freien. Die Pferde werden durchaus menschenscheu und fliehen, wenn sie nur einen Menschen in der Nähe riechen.
Zweimal oder dreimal im Jahr werden die Pferde, die man nicht gebraucht, eingefangen und in einen Korral, eine kleine Umzäunung in der Nähe des Hauses, gebracht. Hier werden sie gefüttert, damit sie sich des Menschen nicht ganz entwöhnen, werden angebunden, werden geduldig aufgezäumt, aufgesattelt, endlich wird aufgesessen, und dann werden sie wieder entlassen. Hier wird das alles mit großer Geduld getan, um den Charakter des Pferdes nicht zu brechen, seinen Stolz nicht zu verletzen, sein natürliches Feuer nicht auszulöschen.
In Amerika geschieht das Brechen der wild aufgewachsenen Pferde mitleidloser. Sie werden in den Korral gebracht, sehr fest gezäumt, fest gesattelt, und gleich springt ein Mann rauf, den das Pferd nicht mehr abwerfen kann, weil der Mann in dem Stocksattel sehr fest sitzt. Dann wird das Tier gepeitscht, und es rast nun herum, bis es schäumend und in Schweiß gebadet, keuchend und völlig ermattet zusammenbricht. Dann zittert es tagelang nachher noch, wenn es nur den Sattel spürt. Aber es wehrt sich nicht mehr. Es ist zahm. Man kann es nun reiten. Aber es ist nicht mehr „das Pferd“, es ist nur „ein Pferd“. Ein Pferd unter tausend gleichen Pferden.
Ich suchte mir ein Pferd aus, von dem ich glaubte, daß es die anstrengende Reise aushalten könne. Wir umzingelten es, lassoten es ein und brachten es zurück zum Rancho. Ich band es an einen Baum und ließ es ganz in Ruhe. Dann etwas später warf ich ihm Mais vor, den es nicht nahm. Dann Gras, das es auch nicht fraß. Hierauf ließ ich es den Rest des Tages und die Nacht hungern und dursten. Am Morgen gab ich ihm Gras. Es lief fort, soweit die Leine reichte. Dann stellte ich ihm Wasser hin, das es umschüttete, weil es nicht gewöhnt war, aus einem Eimer zu trinken. Es hatte immer nur am Teich getrunken.
Mit der Zeit brachte ich es, oder richtiger: sein eigner Hunger brachte es zum Essen und Trinken. Und da es sein Essen und Trinken nur bekam, wenn ich dabeistand, verband es das Essen mit meiner Gegenwart, und nach zwei Tagen bereits kannte es mich, und ich durfte ihm nahe kommen und es ganz leicht auf den Nacken klopfen. Es zitterte zwar ein wenig, aber bald verschwand auch das Zittern.
Natürlich konnte ich mich nicht die ganze Zeit über mit dem Pferde beschäftigen, sondern eben nur, wenn ich zum Essen zum Rancho kam, weil wir den ganzen Tag mit dem Blockieren zu tun hatten.
Als es sich an mich noch besser gewöhnt hatte, zäumte ich es auf ohne Maulknebel, nur mit Riemenzaum, der außen um das Maul gelegt wird. Man kann die Pferde, wenn sie nicht durch falsche Behandlung verdorben sind, gut ohne eisernen Maulknebel reiten. Sie gehen wundervoll dabei; denn es ist eine irrige Annahme, daß man ein Pferd nur meistern könne, wenn man seine Mundwinkel aufreißt oder wundscheuert. Das ist lediglich die Folge falscher Behandlung. Kühen steckt man ja auch keine Eisenknebel ins Maul.
Dann sattelte ich es, und jedesmal, wenn ich zum Essen hereinkam, zog ich die Gurten fester. Jedesmal drückte ich fest auf den Sattel, als ob ich mich aufschwingen wolle. Dann ließ ich die Steigbügel hängen und ließ sie baumeln, so daß sie gegen die Weichen schlugen. Erst leise, dann immer ein wenig mehr. Beim ersten Male schlug das Pferd aus. Aber auch an dieses Baumeln und Schlagen der Steigbügel gewöhnte es sich nach zwei Tagen völlig. Dann hüpfte ich halb auf den Sattel und ließ mich sofort wieder heruntergleiten.
Während der ganzen Zeit war das Pferd angebunden. Bald sehr lang, bald sehr kurz. Endlich wagte ich das Aufsitzen. Ich verband ihm die Augen und sprang auf. Es stand und zitterte am ganzen Leibe. Sofort war ich wieder herunter. Ich klopfte es auf den Nacken, auf den Rücken und sprach unausgesetzt mit ihm. Wieder sprang ich auf. Es drehte sich und wendete sich, sprang aber nur wenig. Bald ließ es auch das Springen sein, nachdem es sich gegen den Baum gestoßen hatte. Nun blieb ich im Sattel sitzen und schlug mit den Füßen in den Bügeln gegen die Weichen. Nur beim ersten Male wurde es unruhig, dann wußte es, daß es davon nicht stürbe. Endlich band ich das Tuch los. Das Pferd gucke sich um. Ich, oben sitzend, sprach beruhigend auf das Tier ein, klopfte es, und wieder fühlte es, daß ihm nichts Böses geschehe. Dann kam der Prüfungstag, ob es überhaupt zum Reiten zu gebrauchen sei. Ich hatte schon immer mit der Gerte hinten ein wenig aufgeklopft, damit es sich auch an dieses Signal gewöhne. Nun saß ich wieder auf und ließ losbinden. Es stand ganz ruhig, denn es wußte ja nicht, was es tun solle. Ich gab ihm einen Klaps mit der Gerte, aber es reagierte nicht. Nun bekam es einen unerwarteten tüchtigen Hieb, und da setzte es los. Ich hatte es gut in der Hand, und es war Platz genug zum Auslaufen. Ich ließ es nun erst einmal rennen, hielt aber mehr und mehr zurück, bis es das Gefühl bekam, daß dies ein Signal sei zum Halten oder zum Fallen in eine andre Gangart. Es wurde ein gutes Pferd, sein kühner Stolz wurde nicht gebrochen. Ich nannte es Gitano.
Zuerst blockierten wir die Stiere aus, weil ich mir einen Leitstier suchen mußte. Wir kreisten die ein, die wir haben wollten, und trieben sie in einen Korral. Dort ließ ich die, die ich für die geeignetsten hielt, hungern. Nebenher wurden unausgesetzt die zwei- und dreijährigen Kühe ausblockiert, die Ochsen und die übrigen Stiere. Ich sah mir jedes einzelne der Tiere an, ob es gesund sei, dann kamen alle in eine große umzäunte Weide, damit die, die den Transport mitzumachen hatten, wußten, daß sie zusammengehörten. Als wir etwa dreihundert blockiert hatten und sie in der Sperrweide waren, hielt ich die Stiere für reif.
Ich jagte sie in die Sperrweide, und hier ging der Entscheidungskampf, wer der Leitstier sein würde, los. Die keinen Wert darauf legten, Herrscher zu sein, drückten sich so weit wie möglich. Fünf kämpften sich aus. Der Sieger raste, noch schwer blutend, gleich auf eine der schönsten Kühe, die sich schon erwartungsvoll herangedrängt hatten. Die übrigen Stiere mußten wir sofort doktern. Als der Sieger ausgetobt hatte und wieder Vernunft annahm, bekam er auch seine Medizin. Denn wenn man die Wunden nicht gleich behandelt, sind in ein paar Tagen dicke Würmer drin, und die wieder herauszukriegen, dauert lange. Inzwischen kann das Tier draufgehen.
Fängt es an zu magern, setzt eine andre Gefahr ein. Dann wird es von den Zecken bei lebendigem Leibe aufgefressen. Die Zecken gehen hauptsächlich an magerndes Vieh, an gesundes gehen sie nur in kleiner Anzahl, die sich leicht bekämpfen läßt.