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Der Wobbly

Chapter 41: 18
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About This Book

The narrative explores the lives of cotton pickers in Mexico, highlighting their struggles and camaraderie as they seek work under harsh conditions. It begins with a group of diverse characters, including a man from the train, who gather at a station, all aiming to find their way to a cotton-picking job. Through their interactions, the story delves into themes of poverty, labor exploitation, and the shared experiences of the working class. The characters' conversations reveal their backgrounds and aspirations, while the setting emphasizes the challenges they face in their pursuit of a better life.

18

ls wir die tausend Köpfe ausblockiert hatten, gab mir Mr. Pratt fünf drauf als Krankgut, weil zwischen tausend Stück Vieh immer einiges sein mochte, das krank war, ohne daß man es gleich sah, und das den Transport nicht aushielt.

Dann bekam ich hundert Pesos Wegegeld und einige Schecks, die ich unterwegs einlösen durfte, wenn mir Geld fehlte. Ferner erhielt ich den Lieferschein und endlich eine Karte, eine Land- und Wegkarte.

Von dieser Karte, obgleich sie eine amtliche Karte war, will ich besser nicht sprechen; denn auf eine Karte aus Papier kann man alles mögliche zeichnen: Wege, Flußläufe, Dörfer, Städte, Grasflächen, Teiche, Gebirgspässe und was sonst nicht noch alles. Das Papier weigert sich nicht, das alles aufzunehmen.

Aber was darauf gezeichnet ist, braucht noch lange nicht in Wirklichkeit auch da zu sein. Ich habe auf Reisen Karten gehabt, amtliche Karten, die als die besten galten. Da war eine Stadt mit Namen drauf gezeichnet. Als ich zu der Stelle kam, war noch nicht einmal eine Indianerhütte zu finden. Die Stadt war vor zwanzig Jahren geplant worden und wurde seitdem in jeder Karte geführt, obgleich nie jemand daran ging, sich dort niederzulassen. Das wäre auch nicht gut gegangen, weil da meilenweite Sümpfe und Moraste waren.

Böser ist es schon mit solchen Sachen, die nicht auf die Karte gemalt sind, die aber in Wirklichkeit vorhanden sind, und, was das Allerschlimmste ist, ganz unerwartet vorhanden sind.

Es ist unangenehm, wenn man denkt, man kommt in ein sandiges Gelände und verschwindet mit seiner ganzen Herde in einem Sumpf. Und es ist ebenso peinlich, wenn auf der Karte eine schön grün gemalte Prärie eingezeichnet ist, und in Wahrheit ist es eine weite Sandwüste oder ein unwegsames Felsengebirge, das man zu kreuzen hat. Reist man allein, so ist das schon widerwärtig genug. Reist man aber in Begleitung einer Rinderherde, für deren Wohl man verantwortlich ist, so fängt es an, tragisch zu werden. Die Herde will essen und trinken, sie soll kein Gewicht verlieren, sondern zunehmen. Und am zweiten Tage fängt das arme Vieh in seinen Durstqualen an zu brüllen, daß man nur gleich so mitbrüllen möchte aus Mitleid.

Wären die Karten aber wieder gut, so gut wie sie in den alten dichtbesiedelten Ländern sind, dann könnte man solche großen Herden nicht züchten und nicht transportieren. Mr. Pratt hatte zwölftausend Stück Rindvieh, und er war nur ein kleiner Züchter. Denn wie sollen gute Karten gemacht werden, wenn weder das Geld dafür vorhanden ist noch die Bevölkerung, die ein Bedürfnis für solche Karten hat? Die großen Minen- und Ölkompanien machen sich ihre Karten selbst, aber nur gerade die Distrikte, wo sie interessiert sind, und in diese Karten zeichnen sie nur eben das ein, was für die Kompanie speziellen Wert hat. Im Verhältnis zur Größe des Landes sind diese Distrikte nur Pünktchen auf der Karte.

Ein Kompaß war für meine Zwecke ohne Nutzen, weil er nicht das sagt, was man wissen will, und das ist: Wo sind die Weiden? Wo ist Wasser für tausend Köpfe Vieh? Wo sind die Pässe über die Gebirge? Wo sind die Furten durch die Ströme?

Drei Packmulas nahm ich mir mit und Medizin, um krank werdendes Vieh zu doktern, Kreolin, Alkohol, Salbe und eine Eisensäge, falls Hörner gekappt werden müssen. Denn die Hörner des Viehes unterliegen hier denselben Krankheiten wie die Zähne der zivilisierten Menschen. Die Fäule frißt im Innern des Hornes, und das Tier magert ab, weil es vor Zahnschmerzen – richtiger Hornschmerzen – nicht mehr frißt.

Mit Mrs. Pratt war ich in den Tagen, die wir für das Ausblockieren und Vorbereiten des Transportes brauchten, sehr gut Freund geworden. Sie war keineswegs ein solcher Hausdrachen, wie sie am ersten Tage erschienen war. Ganz im Gegenteil, sie war ein lustiger Bursche, immer vergnügt und guter Dinge. Sie hätte die Banditen bekämpft wie ein alter Rancher. Jetzt in den letzten drei Jahren kam es nur ganz selten vor, daß sich Banditen auf dem Rancho sehen ließen, aber vordem war beinahe jede Woche was los, und das Ranchohaus zeigte Dutzende von Kugellöchern.

Fluchen konnte Mrs. Pratt, daß es eine wahre Freude war, ihr zuzuhören. Das ging bei jedem zweiten Wort „Son of a bitch“, „Bastard“, „F-ing Injun“, „F-yeself“ und was der schönen Dinge mehr sind. Auf einem solchen Rancho ist es ja nun verflucht einsam, und die Nächte sind lang. Selbst im Hochsommer ist es um sieben Uhr stockfinster, weil es Dämmerungen nicht gibt. Und man konnte es Mrs. Pratt nicht verdenken, daß sie das Leben so intensiv lebte, wie es das Dasein auf einem Viehrancho nur zuläßt. Wie soll so eine arme Frau die überschüssigen Kräfte, die ihr verbleiben, weil sie nicht im Dorfe oder in der Stadt den ganzen Tag mit den Nachbarn herumschwätzen und klatschen kann, verwenden? Sie flucht wie ein alter Steuermann eines Klippers. Und alles ist „Hurensohn“, ihr Mann, ich, die Indianer, die Fliege, die in die Kaffeetasse fällt, das Indianermädchen in der Küche, der Finger, in den sie sich geschnitten hat, die Henne, die auf den Tisch flattert und die Suppenschüssel umwirft, ihr Pferd, das zu langsam läuft, na, kurz: jedes lebende und leblose Ding zwischen Himmel und Erdmittelpunkt ist ein Hurensohn.

Sie hatten ein Grammophon, und wir tanzten beinahe jeden Abend. Ich tanzte zwar lieber mit dem indianischen Küchenmädchen aus mancherlei Gründen, aber Mrs. Pratt tanzte bei weitem besser. Wir kamen zu so guten Verhältnissen miteinander, daß sie mir eines Abends in Gegenwart ihres Mannes ganz offen sagte, daß sie mich zu heiraten wünsche, falls ihr Mann stürbe oder sich scheiden ließe. Sie erklärte mir gleichfalls in Gegenwart ihres Mannes, daß sie mich recht gern habe, und daß mein einziger Fehler das Saufen sei. Aber das sei kein unausrottbarer Fehler, und sie würde mir diesen Fehler schon bald austreiben und mir den Tequila so lange mit Petroleum mischen, bis ich mich davor ekle. So habe sie ihrem Manne das Saufen auch abgewöhnt, dem Hurensohn.

Mir war nicht bange davor. Das Resultat, das sie bei Mr. Pratt erzielt hatte, gab mir die Sicherheit, daß wenn ich Mrs. Pratt als nachgelassene Witwe eines Tages heiraten sollte, ich keine Sorge zu haben brauche, daß ich den Tequila oder sonst etwas abschwören müßte. Wenn Mr. Pratt die Wege fand und er den Petroleum nicht herausschmeckte, was bei dem Tequila überhaupt schwer ist, weil er an und für sich nach Petroleum schmeckt, so würde ich wohl auch zu der einem Manne zukommenden Ration gelangen. Schließlich mußte man ja auch Vieh verkaufen in der Stadt, und da konnte sie einem ja nicht immer nachlaufen, auch wenn sie mitreisen sollte. „Nur nicht von Weibern sich unterkriegen lassen, wenn man etwas für notwendig und vernünftig hält. Es führt zu nichts Gutem, und man gewöhnt sich nur Laster an, die man nicht wieder los wird. Entweder man säuft, oder man läuft mit andern Weibsbildern herum“, sagte mir Mr. Pratt. „Eine Erholung von der Ehe muß der Mensch doch haben, wenn er das Leben ertragen will.“

Er hatte ganz recht. Am besten, man stellt der Frau vorher die Frage:

„Soll ich zum Tequila halten oder lieber Mäuschen jagen?“ Jedenfalls, wenn es dazu kommen sollte, daß es mit Mrs. Pratt und mir ernst wird, werde ich ihr diese Frage stellen. Dann habe ich von vornherein die Offensive ergriffen, und sie kann sich entscheiden. Ich glaube dann nicht, daß sie mir den Tequila mit Petroleum mischen wird, sondern sie wird eine gute Sorte im Hause halten. Wenigstens für die Nachtkappe. Sie ist eine feine Frau, Mrs. Pratt. Ich lasse nichts auf sie kommen. Eine Frau, die mit dem wildesten Pferd fertig wird, die fluchen kann, daß sich ein Wachtmeister vor Scham in eine Erdhöhle verkriechen muß, die ihrem Manne alle Wünsche und jede Laune erfüllt – wie er mir einmal vertraulich erzählte, ohne dabei seine Frau zu beleidigen –, vor der die indianischen Cowboys zittern und die Banditen nicht wagen, die Veranda zu betreten, eine Frau, die mir in Gegenwart ihres Mannes, den sie liebt, ganz sachlich erklärt, daß sie mich zu heiraten wünscht, wenn er stirbt, oder wenn er ihr fortläuft – verflucht noch mal, eine solche Frau kann einen wohl bis in den tiefsten Busch und in die fernsten Gedanken verfolgen, auch wenn man sich sonst nicht gerade viel aus dem kreuzgottverfluchten Weibsvolk macht.

„He, cantinero, una botella de tequila, eine ganze Flasche. Auf dein Wohl, Ethel Pratt. Ich besaufe mich jetzt auf deine Gesundheit. Der Petroleumgeschmack soll mich erinnern an – na – na ja, an dich, ganz wie du bist, an alles, was du hast. Salud, Ethel!“

Sie stand auf der Veranda und winkte mit der Hand: „Viel Glück, Boy. Sind immer willkommen auf dem Rancho. Hey, Suarez, du Himmelhund, du verdreckter Sohn einer alten gottverfluchten alten Hure, siehst du denn nicht, daß der schwarze Jungstier ausbricht, er bockt, der Hurensohn von einem Stier. Wo hast du denn deine stinkenden verfi– Augen? Well boy, good-bye!“

Ich schwenkte den Hut, und Gitano fegte ab mit mir.