Es ging los, das Geschrei und das Gejohle, das Zurufen, das Heulen und Schrillen der Indianer, das Pfeifen der kurzstieligen Peitschen, das Trampeln der Hufe, das Toben einer scheu werdenden Kolonne, die plötzlich losraste und einblockiert werden mußte, damit sie den Anschluß an den Haupttrupp nicht verliere. Den ersten Tag begleitet uns Mr. Pratt. Der erste Tag gehört mit zu den härtesten. Die Herde ist noch zu lose. Das Zusammengehörigkeitsgefühl stellt sich erst nach einigen Tagen des Transportes ein. Dann kennt die Herde die Leitstiere und bekommt den Geruch der Verwandtschaft zueinander. Dann bildet sich die Familie oder, eigentlich besser, das Volk. Nach einigen Tagen weiß jedes Tier, daß es hier zu diesem Trupp gehört, und sie bleiben zusammen.
Freilich darf man nicht glauben, daß sie so schön zusammenbleiben wie eine Schafherde in Europa, die von einem Hirten und einem Hunde zusammengehalten wird. Solche Rinder, die ihr bisheriges Leben auf einer unermeßlichen Prärie verbracht haben, sind an Räumlichkeiten gewöhnt. Sie drängen nicht aufeinander, sie streuen fortgesetzt. Die paar Hunde, die wir mit hatten, konnten nicht viel schaffen. Sie ermüdeten und waren nur für Kleinarbeit zu gebrauchen. Immerfort mußte blockiert und eingekreist werden. Ein unausgesetztes Galoppieren und Schreien und Schrillen.
Ich hatte eine Trillerpfeife als Signalpfeife für die Boys, und der Vormann hatte eine einfache Pfeife, damit man beide Signale unterscheiden konnte. Dem Vormann gab ich die Spitze, und ich nahm den Schwanz. In der Rückgarde übersieht man besser das ganze Feld des Transports. Es läßt sich besser dirigieren, während die Front natürlich auch wieder ihre besonderen Kniffe verlangt.
Oh, was für einen schöneren Anblick gibt es, als so eine Riesenherde gesunder halbwilder Rinder! Dort vor einem trampt und stampft sie, die breiten Nacken, die runden Leiber, die mächtigen stolzen Hörner. Das ist ein wogendes Meer voll unsagbarer Schönheit. Gigantische Stärke lebendiger Natur gebändigt unter einem Willen. Und jedes Hörnerpaar ist ein Leben für sich, ein Leben mit eignem Willen, eignen Wünschen, eignen Gedanken, eignen Gefühlen.
Von der Höhe seines Pferdes aus überblickt man das Gewoge der Hörner und Nacken. Man könnte so von einem Rücken zum andern Rücken über die ganze Herde wandern bis zu den läutenden Stieren an der Front.
Die Tiere brüllten ab und zu, oder zankten sich und stießen sich. Es wurde geschrien und gerufen. Die Glocken läuteten. Die Sonne lachte und glühte. Alles war grün. Das Land des ewigen Sommers. O du schönes, o du wunderschönes, uraltes, sagen- und liederreiches Land Mexiko! Deinesgleichen gibt es nicht wieder auf dieser Erde.
Ich mußte singen. Und ich sang, was immer mir einfiel, Choräle und süße Volkslieder, Liebeslieder und Gassenhauer, Opernarien, Sauflieder und Dirnenlieder. Was kümmerte mich der Inhalt der Lieder? Was ging mich die Melodie der Lieder an? Ich sang aus froher freier Herzensfreude.
Und welch eine Zauberluft! Der heiße Odem des tropischen Busches, die warme, schwüle Ausdünstung dieser Masse von wandernden Rindern, die schweren Wellen eines fernen Sumpfes, die vom Winde getragen herüberwogten.
Dicke Schwärme summender Beißfliegen und andrer Insekten kreisten über der trottenden Herde, und dicke Schwaden schillernder grüner Fliegen folgten uns nach, um sofort über den Dünger herzufallen. In ganzen Völkern begleiteten uns Schwarzvögel, die sich auf die Rücken der Tiere niedersetzten, um die Zecken aus der Haut zu picken. Millionen von Lebewesen fanden ihre Nahrung durch diese gewaltige Herde. Leben und Leben, und überall nichts als Leben.
Unser Marsch führte nun einige Tage über Landwege. Zu beiden Seiten waren die Felder und Weiden eingezäunt mit Stacheldraht.
Umzäunte Weiden dürfen ohne ausdrückliche Genehmigung des Besitzers nicht eingebrochen werden. Unsre Herde mußte auf den Wegen weiden. Sie hatte reichlich zu fressen, und wir trafen auch genügend Pfuhle an, die noch von der Regenzeit her mit Wasser gefüllt waren.
Aber wenn Autos oder Fuhrwerke oder Karawanen die Wege passierten, gab es Arbeit. Wir mußten die Tiere zur Seite drängen. Dabei scheuten sie, brachen aus oder kehrten um und rasten einzeln oder in Trupps kilometerweit zurück, und wir hatten hinterherzujagen und sie wieder zum Anschluß zu bringen.
Viel schwerer war die Arbeit, wenn wir auf offne Weiden kamen, wo andres Vieh in großen Herden bereits weidete, oft ohne Aufsicht. Nicht immer, aber doch zuweilen mischen sich die Herden, und man muß sie lösen. Wir hatten einmal dreiviertel Tag zu arbeiten, um die Mischung zu lösen. Denn von dem fremden Vieh darf man nicht ein einziges Stück aus Versehen mitführen. Das gibt heillosen Spektakel. Ich und an letzter Stelle Mr. Pratt waren verantwortlich für Vieh, das durch unsern Transport einer andern Herde verlorenging.
Zuweilen wird man die fremden Tiere nicht los. Sie wollen durchaus folgen. Vielleicht, daß sie den Stier mögen, oder daß sie den Geruch unsrer Herde lieben. Ebenso kommt es vor, daß sich ein Stück unsrer Herde mit einer weidenden Herde mischt und dort nicht mehr heraus will, sondern bei jener fremden Herde bleiben möchte. Das soll man auch immer gleich wissen, daß man ein fremdes Stück in der eignen Herde transportiert, oder daß ein eignes Stück dort zurückgeblieben ist. Die Brandzeichen sind oft sehr ähnlich, oft sehr verwischt und unleserlich.
Es ist dann gut, wenn man die eigne Herde gut erzogen hat, so daß sie sich nicht mit den andern mischt und die fremden Tiere ganz von selbst ausscheidet.
Jagt man die fremde Herde beiseite, was der Vormann zu tun hatte mit Hilfe eines der Treiber, ehe unsre Herde nahe kam, so konnte es doch auch oft geschehen, daß einige Dutzend Köpfe der eignen Herde glaubten, sie seien gemeint, und mit der fremden Herde davonjagten. Dann wurde das Durcheinander beinahe unentwirrbar, und es kostete Schweiß und Kehlen, die von dem vielen Schreien rauh waren wie Sandpapier.
Ein General braucht sich gar nichts auf seine Kunst einzubilden. Ein Armeekorps Soldaten über Land zu bringen, ist die reine Spielerei gegenüber der Arbeit, tausend Köpfe wild aufgewachsener Rinder durch unwegsames und halbzivilisiertes Land zu transportieren. Den Soldaten kann man sagen, was man von ihnen will. Rinderherden kann man nichts sagen, da hat man alles selbst zu tun. Man ist Kommandant und Kommandierter in derselben Person.
Gegen fünf Uhr des Nachmittags machten wir in der Regel halt. Manchmal früher, manchmal später. Das hing davon ab, ob wir Weide hatten und Wasser. Einen Tag können es die Tiere ohne Wasser aushalten, wenn sie frisches Gras haben, im Notfalle auch zwei Tage. Aber am dritten Tage wird die Sache bedenklich. Hatte ich keinen Führer bekommen können, oder war kein Wasser zu sehen, dann ließ ich die Tiere laufen. In den meisten Fällen fanden sie selbst Wasser. Aber das Wasser lag dann oft so, daß wir einen, zwei oder gar drei Tage, wenn nicht mehr, in unsrer Weglinie verloren, weil wir ganz quer abwandern mußten.
Wir bildeten zwei Lager des Nachts. Eines in Front, eines im Schwanz. Es wurde Feuer gemacht, Kaffee gekocht, Bohnen oder Reis gekocht, Brot gebacken und getrocknetes Fleisch dazu gegessen. Dann wickelten wir uns in unsre Decken und schliefen auf der glatten Erde, mit dem Kopf auf dem Sattel.
Zwei Wachen mit Ablösung stellte ich aus, um Tiger zu verscheuchen, und um zu verhindern, daß einzelne Tiere abstreuen. Unter dem Vieh gibt es ebensogut Nachtbummler wie unter den Menschen.
Die Tiere sind lange vor Sonnenaufgang auf und beginnen zu weiden. Wir ließen ihnen Zeit, und dann ging es weiter. Mittag rasteten wir abermals, damit die Tiere sich etwas suchen konnten, und damit sie verdauen und käuen können.
Bis jetzt hatte ich nur einen Stier verloren. Er hatte gekämpft und war so schwer gespießt worden, daß wir ihn abstechen mußten. Wir schnitten das beste Fleisch aus, schnitten es in schmale Streifen und trockneten es. Für den Verlust aber hatte eine Kuh ein Kalb geworfen, eine Nacht vorher. Das gibt eine neue Schwierigkeit. Das kleine Kälbchen kann den Marsch nicht mitmachen. Aber töten möchte man es auch nicht. Man möchte ihm gern sein junges freudiges Leben lassen, und man fühlt auch mit der Mutter, die es so liebevoll beleckt und abschleckt. Was blieb übrig? Ich nahm das Kälbchen zu mir aufs Pferd, und wir wechselten ab: alle halbe Stunde nahm es ein andrer aufs Pferd.
Das Kälbchen war unser Liebling. Es war eine Freude, rührend mitanzusehen, wenn wir haltmachten und die Mutter herbeikam, um ihr Kindchen in Empfang zu nehmen. Sobald wir es vom Pferde ließen, war die Mutter da. Sie wußte, daß das Kälbchen im Transport ist, und sie hielt sich immer in der Nähe des Reiters, der es vor sich im Sattel hatte. Das war eine Schleckerei und Leckerei, eine Blökerei und eine Brummerei, wenn wir das Kälbchen der Alten an den Euter setzten. Die Alte brachte sich bald um vor Freude.
Als das Kleine schwerer wurde, mußten wir es auf eines der Packmulas verladen. Es dauert lange, ehe so ein Jungtier marschieren kann. Hätten zu viele Kühe geworfen, dann wäre es uns nicht möglich gewesen, den Müttern diesen kleinen Liebesdienst zu erweisen. Aber es kam doch noch dreimal vor, und ich brachte es nicht fertig, die Kleinen zu töten.