Undankbar zu sein, ist eine Charaktereigenschaft der Menschen, die den Menschen so sehr Natur ist, daß man es am besten dabei bewenden läßt und sich deswegen nicht kränkt. Die Natur aber ist dankbar für jede Kleinigkeit, die man ihr erweist. Kein Tier und keine Pflanze vergißt den Trunk Wasser, den man ihnen spendet, oder die Handvoll Futter oder die Mütze voll Dünger, die man ihnen gab. So dankbar zeigten sich auch die Kälbchen und die Mütter der Kälbchen für den Liebesdienst, den wir ihnen erwiesen hatten.
Wir kamen an einen Fluß, und weder wir noch der Führer konnten eine Furt ausmachen. Weiter stromabwärts fanden wir eine Fähre. Aber der Fährmann forderte für jeden Kopf so viel, daß das Übersetzen eine beträchtliche Summe ausgemacht haben würde. Solange man die hohen Fähr- und Brückengelder sparen kann, tut man es; weil noch genügend Brücken und Fähren kommen können, die man unbedingt gebrauchen muß, wenn der Strom zu breit oder zu reißend ist, oder wenn man an den Fluß nicht heran kann.
Während ich mit dem Fährmann verhandelte, rastete die Herde etwa sechs Kilometer stromauf. Wir hielten hier für zwei Tage, weil vortreffliche Weide war und wir die Tiere einmal gründlich vollsaufen und gründlich baden lassen wollten. Sie müssen zuweilen baden, des Ungeziefers wegen, das beim Baden abstirbt. Die Tiere bleiben zu diesem Zweck stundenlang im Flusse stehen, an Stellen, wo ihnen das Wasser bis zur Hälfte des Bauches reicht.
Nun aber, nachdem die beiden Erholungstage vorüber waren, mußten wir den Fluß kreuzen. Die Herde mußte durch. Wir begannen zu treiben, aber sobald die Tiere den Boden verloren, kehrten sie zum Ufer zurück. Der Fluß war nicht sehr breit, hatte aber in der Mitte tiefe Rinnen.
Endlich kam ich auf einen Gedanken. Wir hackten mit den Machetes Stämme ab, schälten Bast und bauten ein kleines leichtes Floß. Dann knüpften wir die Lassos zu einer langen Leine zusammen, und ein Indianer schwamm hinüber zum andern Ufer mit dem Ende der Leine. Wir knüpften die Leine am Floß fest und machten eine zweite Leine an. Dann packte ich eins der Kälbchen rauf, und drüben der Mann zog das Floß rüber und landete das Tierchen. Wir zogen mit unsrer Leine das Floß zurück und das zweite Kälbchen wanderte rüber. Nach wenigen Minuten hatten wir alle vier Kälber auf der andern Seite. Und als sie dort so ärmlich und wackelnd auf ihren mageren stöckigen hohen Beinen allein standen, fingen sie erbärmlich an zu blöken. Es hörte sich kläglich an. Und wenn uns schon das traurige Blöken dieser kleinen hilflosen Geschöpfe zu Herzen ging, um wieviel mehr den Müttern. Kaum hatten die Kleinen ein paarmal geblökt, da setzte eine der Mütter ins Wasser und schwamm rüber. Gleich darauf folgten die andern drei Mütter. Das Wiedersehen war herzlich. Aber wir hatten keine Zeit, uns lange darum zu bekümmern; denn hier kriegten wir jetzt tüchtig Arbeit. Die Kühe drüben blökten nun auch, weil sie von der Herde getrennt waren. Sie fürchteten sich allein, und sie sehnten sich zurück nach ihrem Volke. Die Stiere hörten das Blöken eine Weile, und dann machten sie den Übergang. Der Leitstier war nicht dabei. Es waren jüngere Stiere, die offenbar glaubten, sie könnten dort drüben auf diese Weise ein eignes neues Reich gründen, wo sie von den stärkeren Stieren nicht gestört würden. Nun aber erwachte hier die Eifersucht der größeren Stiere und auch des Leitstieres. Sie schnaubten und dann sausten sie los, um den naseweisen Grünlingen da drüben die Flötentöne beizubringen.
Auf der Wasserfahrt aber kühlten sie ab, und als sie drüben waren, hatten sie die Lust zum Kämpfen verloren, trotzdem sie hier so wütend geschnauft hatten. Aber die Stiere waren drüben und brüllten, und die Kühe hier auf dieser Seite hatten keine Lust, ihr ferneres Leben ohne Stiere zu verbringen. Und da sie gewöhnt waren, den Stieren immer und überall zu folgen, so folgten sie auch jetzt, und bald war das Wasser angefüllt mit schnaubenden, plantschenden, prustenden Rindern, die sich bemühten, hinüberzukommen. Es war ein wildes Durcheinander von gehörnten Köpfen und schlagenden und peitschenden Ungetümen. Manche kehrten wieder um, wenn es ihnen zu gefährlich schien.
Und das war der Augenblick, wo wir eingreifen mußten. Es durfte nicht zur Manie werden, dieses Umkehren, sonst konnte die halbe Herde umkehren, weil sie ja keine Richtung im Wasser halten können, sondern nur drauflos platschen und auf ein Ufer losgehen.
Wir schrien und peitschten und setzten mit den Pferden rein und jagten die Tiere zusammen und immer rüber und rüber zur andern Seite.
Einzelne kamen ins Schwimmen und ins Treiben. Die hatten wir abzufangen und sie zum Ufer zu dirigieren. Drei gingen mir verloren, die abtrieben und die wir nicht holen konnten. Das war der ganze Verlust, den ich bei diesem Übersetzen hatte. Er war billig. Oft wird es teurer. Die Verlorenen waren an sich nicht viel wert. Sie hatten uns schon auf dem Transport Schwierigkeiten gemacht. Sie gehörten zu den Schlappen. Und je kleiner man den Trupp der Marschhinker halten kann, um so besser. Wir ließen die Tiere drüben wieder rasten und machten gleich Lager für die Nacht. In derselben Nacht wurde mir eine schöne Zweijährige von einem Jaguar zerrissen. Es war so rasch und so lautlos zugegangen, daß niemand etwas gehört hatte. Wir sahen es am nächsten Morgen nur an dem Kadaver und an den Fährten, was sich in der Nacht abgespielt hatte.
In jeder Hinsicht war ich billig davongekommen. Das Übersetzen mit der kleinen Fähre würde nach meiner Schätzung eine volle Woche gedauert haben. Auch dabei konnten Tiere verlorengehen, die abspringen, oder die man bei einem so langen Aufenthalt an einem Fluß durch Tiger und Alligatoren einbüßt. Man hat an tausend verschiedene Kleinigkeiten und Nebenumstände zu denken. Dazu kam noch das Fährgeld. Und was ich an Fährgeldern, Brückengeldern, Wegegeldern, Weide- und Wassergebühren sparte, ging in meine Tasche und gehörte mit zu meinem Verdienst.
Was ich hier bei diesem Übergang über den Fluß gespart hatte, verdankte ich niemand sonst als meinen lieben kleinen Kälbern. Sie hatten die Liebe, die wir ihnen und ihren Müttern entgegengebracht hatten, reichlich vergolten.