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Der Wobbly

Chapter 44: 21
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About This Book

The narrative explores the lives of cotton pickers in Mexico, highlighting their struggles and camaraderie as they seek work under harsh conditions. It begins with a group of diverse characters, including a man from the train, who gather at a station, all aiming to find their way to a cotton-picking job. Through their interactions, the story delves into themes of poverty, labor exploitation, and the shared experiences of the working class. The characters' conversations reveal their backgrounds and aspirations, while the setting emphasizes the challenges they face in their pursuit of a better life.

21

s wäre ja kein echter Transport gewesen, wenn er ohne die Mithilfe von Banditen zu Ende gegangen wäre. Man erwartet sie eigentlich immer, und man wundert sich nur dann, wenn wieder einmal ein Tag vorüber ist, ohne daß sich der eine oder der andre Trupp hat sehen lassen. Ein solcher großer Viehtransport geht ja nicht schweigend vor sich. Dutzende von Indianern sehen ihn, und es spricht sich herum. Und man weiß nie, wer den Kundschafter macht für eine Horde. Die Mehrzahl der Banditenhorden sind die Überbleibsel der Revolutionsarmeen, die gegen die Arbeiterarmeen kämpften. Es sind die Reste jener Truppen, die von den Diktaturanhängern, von den großen Landeigentümern, von einer Clique amerikanischer Kapitalisten geworben wurden, und die bei Beendigung der Revolution übrigblieben, weil sie das Freischärlertum vorzogen.

Eines Morgens kamen sie. Genauer gesagt, eines Morgens trafen wir sie. Sie kamen ganz unschuldig angeritten. Sie konnten Peons sein, die irgendwohin zum Markte ritten oder auf der Arbeitsuche waren. Sie kamen aus der Flanke. Wir zogen auf einem breiten Buschwege, und plötzlich standen sie an der Seite des Weges, am Ausgange eines schmalen Buschpfades.

„Hallo!“ rief der Führer. „Keinen Tequila?“

„Nein“, sagte ich. „Haben keinen. Aber wir haben Tabak mit. Könnt hundert Gramm abbekommen.“

„Gut. Nehmen wir. Habt Ihr Maisblätter?“

„Zwei Dutzend können wir wohl abgeben.“

„Nehmen wir auch.“

„He, wie ist es denn mit Geld? Der Transport hat doch Geld für die Fähren und Brücken und so.“ Jetzt wurde es heiß. Das Geld.

„Wir haben kein Geld mit“, sagte ich. „Wir haben nur Schecks.“

„Schecks ist Dreck. Kann ich nicht lesen.“

Die Leute sprachen etwas zueinander, und dann kam der Sprecher herangeritten und sagte: „Wegen des Geldes wollen wir doch einmal nachsehen.“

Er durchsuchte meine Taschen und das Sattelzeug, aber ich hatte kein Geld. Er fand nur die Schecks, und er sah ein, daß ich recht hatte.

„Kühe können wir auch gebrauchen“, rief er nun.

„Die brauche ich selbst“, sagte ich. „Ich bin nicht der Besitzer, ich habe nur den Transport.“

„Dann tut es Ihnen ja nicht weh, wenn ich mir ein paar aussuche.“

„Bitte,“ sagte ich, „helfen Sie sich nur. Ich habe eine hufkranke Kuh. Die Kuh ist gut, sie milcht in drei Monaten. Den Huf können Sie kurieren. Ist frisch.“

„Wo ist sie denn?“

Ich ließ sie heraustreiben, und sie gefiel ihm. Während der ganzen Zeit wanderte der Transport natürlich weiter. Der läßt sich ja nicht so auf Kommando halten, besonders wenn keine Weide da ist, sondern nur so dünnes mageres Gras am Wege entlang steht. Die guten Leute ritten neben mir her.

Der Führer sagte: „Schön, eine haben Sie mir gegeben, jetzt bin ich an der Reihe und darf mir eine aussuchen.“

Er suchte sich eine aus, aber er verstand nichts von Vieh. Sie war nicht viel wert. Ich verschmerzte sie leicht.

„Nun dürfen Sie mir wieder eine aussuchen.“

Er bekam sie. Dann suchte er wieder eine aus. Diesmal nahm er eine der milchenden.

„Jetzt sind Sie wieder an der Reihe, Senjor“, sagte er.

Ich versuchte es mit einem Scherz. Ich rief einen meiner Leute heran, der das Kalb jener Kuh trug, die sich der Wegelagerer ausgesucht hatte. „Hier haben Sie das Jungtier dazu“, sagte ich und händigte ihm das Kälbchen ein. Mit dem Angebot war er sehr zufrieden, und er ließ das Kalb für ein Volltier gelten. Das tat er nicht aus Generosität. Nein, viele der Indianer können die Kühe nicht melken. Sie können nur melken, wenn das Kalb gleichzeitig saugt, sonst kriegen sie keinen Tropfen aus den Zitzen. Die Milch muß so halb von allein fließen, die Kuh muß glauben, daß sie die Milch dem Kalb gibt. Darum war ihm das zugehörige Kalb so willkommen, denn nun konnte er die Kuh melken, und sie hatten Milch daheim.

Dann war er wieder an der Reihe. Als sie fortritten, zogen sie mit sieben Kühen und einem Kalb von dannen. Kostete mich, wenn ich das Kalb nicht rechnete, hundertfünfundziebzig Pesos. Denn auf welche Weise ich die Tiere verlor, das war gleichgültig. Was mir fehlte, wurde mir abgezogen. Mit den Banditen wurde gerechnet und mit den Zöllen, die man ihnen zu zahlen hatte. Es kam eben darauf an, wie man mit ihnen handelseinig wurde. Man mußte handeln mit ihnen wie mit Geschäftsleuten. Diplomatie spielte eine Rolle. Sie hätten ja auch mit fünfzehn abziehen können oder mit vierzig.

Das alles sind Transportunkosten. Gehört zur Fracht. Kann überall geschehen. Woanders entgleist ein Zug, oder es verbrennt oder scheitert ein Schiff, und der Transport ist fertig. Zu all dem hat man die hohen Versicherungsprämien zu zahlen. Hier versichert niemand. Keine Versicherungsgesellschaft übernimmt das Risiko, oder sie übernimmt es nur zu Sätzen, die zu zahlen sich nicht lohnt. Woanders sind es die Verladekosten, die Fütterungskosten und wer weiß was sonst noch alles für Kosten. Hier sind es die Flußläufe, die Bergübergänge, die Pässe, die Schluchten, die Sandstrecken, die wasserlosen Strecken, die Banditen, die Jaguare, die Klapperschlangen, die Kupferschlangen, und wenn es ganz schief gehen soll, eine Seuche, die dem Vieh auf dem Marsche irgendwo von anderm Vieh, dem es begegnet, mitgegeben wird.

Wenn man am Schlusse die Rechnungen vergleicht, sind die Unterschiede in den Transportunkosten nicht so groß, wie man vielleicht erwartet. Hier trägt es die Masse, die Masse der Aufzucht und die Masse des Transportes. Man kann sich natürlich mit den Banditen in einen Streit einlassen oder in eine Schießerei oder in Drohungen mit dem Militär. Warum nicht? Es gibt immer noch hin und wieder einen Narren, der es tut, und man sieht es manchmal so schön im Kino, wie die Banditen rennen, drei Dutzend vor einem smarten Kuhjungen. Ja, im Kino. In Wirklichkeit ist das alles ganz, aber ganz, ganz anders. Die Banditen rennen nicht so schnell. Und mit den Drohungen! Ach, du blauer Himmel! Das Militär ist weit, und das Land ist groß. Die Dörfer der Banditen sind unzugänglich, und die Offiziere der Regierungstruppen finden sie nicht auf den Karten. Die Familie des Banditen hat sechs Brüder, drei dienen beim regulären Militär, drei dienen bei den Banditen, die nur darauf warten, daß wieder ein Diktator, der von den amerikanischen Ölkompanien und Minenkompanien genügend unterstützt wird, irgendwo auftaucht. Und wie das so wechselt. Die drei Brüder, die bei den regulären Truppen dienen, fressen morgen vielleicht etwas aus und finden Unterschlupf bei den Banditen, während die drei Brüder bei den Banditen sich freiwillig der Gnade des Gouverneurs unterwerfen und sich in die reguläre Armee einreihen lassen, wo sie vortreffliche Banditenjäger werden, weil sie alle Pfade und Tricks kennen.

Ausrottung der Banditen. Das läßt sich alles so schön in den Zeitungen empfehlen, und es läßt sich noch viel schöner von der amerikanischen Regierung, die das Land im Interesse der amerikanischen Großkapitalisten als Kolonie betrachten möchte, kommandieren, mit der Drohung, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen. Aber die Banditen lesen keine Zeitungen, und sie hassen die Amerikaner, und sie finden ihre Körbe am besten gefüllt, wenn es infolge der diplomatischen Auseinandersetzungen im Lande unruhig wird.

Abgesehen von allem, es ist das gute Recht eines Banditen, sich zu nehmen, was er braucht. Dreihundert Jahre Sklaverei und Verluderung durch die spanischen Herren und Peitscher und Folterknechte, dann hundert Jahre Militärdiktatur und kapitalistische Cliquendiktatur von gewissenlosen Räubern und Banditen mit polierten Fingernägeln und Klubsesseln müssen das wundervollste und liebenswerteste Volk der Erde in Grund und Boden verlottern. In zivilisierten Ländern haben fünf Jahre Krieg die Völker so verludert, daß sie zwischen Recht und Unrecht nicht mehr durchfinden können, daß die Hälfte der Bevölkerung in jenen Ländern Verbrecher und die andere Hälfte Polizisten, Gefängniswärter und Staatsanwälte sind.

Meine Banditen waren zufrieden, daß sie alles so leicht, so vergnügt und mit so angenehmer Unterhaltung bekommen hatten. Und ich war zufrieden, daß sie nicht mehr genommen hatten, und daß ich so billig loskam. Was hat sich da die Polizei hineinzumischen? Man wird ganz gut fertig, wenn man sich nicht um die Polizei kümmert. Ehe man nicht erschlagen ist, hilft einem die Polizei nicht. Und wenn sie endlich hilft, dann hilft sie nur dem Mörder und nicht dem Erschlagenen. Was hat der Erschlagene davon, wenn der Mörder oder der Bandit auf den Friedhof geführt und erschossen wird? Er wird davon nicht lebendig.

Wir hatten jetzt einen weiten Umweg zu machen. Eine größere Stadt lag auf unserm Wege, und die mußten wir weitab liegen lassen, denn da gab es keine Weiden. Einen langen Flußlauf hatten wir hinauf zu wandern, und dann kam der Übergang über das Gebirge.

Es wurde recht kühl. Reichlich Wasser war vorhanden, aber die Weiden wurden knapp. Die Tiere aßen das Laub der Bäume. Das Laub war ebenso sättigend wie Gras. Es schien dem Vieh eine angenehme Abwechslung zu sein, Laub zu weiden. Wenn ich die Rinder so geschickt das Laub abstreifen sah, so kam mir manchmal der Gedanke, daß die Rinder in einer fern zurückliegenden Zeit vielleicht gar keine Steppen- und Prärietiere gewesen sein mögen, sondern Waldtiere, in Wäldern, die Sträucher und niedrige, buschähnliche Bäume hatten. Wälder, die heute verschwunden sind, weil nur die hoch emporwachsenden Bäume überleben konnten.

Der Paßübergang war mühevoll, und wir mußten alle unsre Aufmerksamkeit anwenden, um die Tiere gut zu leiten; denn sie waren Gebirge ja nicht gewohnt. Zwei rutschten ab. Darunter ein prächtiger Jungstier. Er rutschte mit seiner Kuh, während er gerade so lustig am Springen war. Liebestragödie. Wir konnten sie unten in der tiefen Schlucht liegen sehen, zerschmettert. Ich hatte auf mehr Abstürze gerechnet.

Zwei Schlangenbisse erlebten wir auch. Wir sahen es am Morgen an den geschwollenen Füßen zweier Kühe. Wir untersuchten und fanden die Einhiebe der Fänge. Aber die Kühe hatten Glück gehabt. Die Schlangen hatten vorgebissen, auf Holz oder auf irgendein wildes Tier. So bekamen die Kühe nicht die volle Ladung eingespritzt. Wir behandelten sie mit Schneiden, Abknebeln und achtundneunzigem Alkohol. Da wir hier, nachdem wir den Übergang durch hatten, zwei Tage haltmachten, kamen die Kühe schön wieder hoch, und ich sparte sie.

Am Abend fingen zwei Indianer an, sich gräßlich darüber zu streiten, was es für Schlangen gewesen seien. Der eine behauptete, es seien Klapperschlangen gewesen, während der andre darauf bestand, daß es Kupferschlangen gewesen seien.

Ich schlichtete den Streit, der sehr ernst zu werden drohte, mit einem Vergleich. Ich sagte zu Castillo: „Wenn Sie geschossen oder gar erschossen sind, so ist es Ihnen doch sicher ganz gleichgültig, ob Sie mit einem Revolver oder mit einem Gewehr, ob mit einer Achter oder mit einer Siebener erschossen sind.“

„Freilich, Senjor, ist das egal, wenn man schon geschossen ist, denn geschossen ist geschossen.“

„Sehen Sie, Senjores, so ist es auch mit den Kühen. Sie sind von einer Giftschlange gebissen, und es ist ihnen ganz und gar gleichgültig, ob sie von einer Rattler oder einer Copper gebissen sind. Sie sind gebissen, und es tut ihnen weh. Um das übrige kümmern sie sich nicht einen Dreck.“

„Sie haben recht, Senjor, es war eine Giftschlange, und was es für eine war, tut jetzt nichts mehr zur Sache.“

Meinen Richterspruch fanden sie so klug, daß sie nicht mehr von den Schlangen sprachen, sondern nur von der Heilbarkeit der Schlangenbisse. Sie brachten alle möglichen indianischen Hausmittel zur Sprache, und dadurch endete der Streit der beiden.