WeRead Powered by ReaderPub
Der Zauberberg. Zweiter Band cover

Der Zauberberg. Zweiter Band

Chapter 19: Fragwürdigstes
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative follows a young man who arrives at a high‑altitude sanatorium to visit a relative and becomes an involuntary long‑term resident, experiencing extended convalescence that transforms into a prolonged intellectual and emotional exile. Through his conversations and inner reflections, the text examines time, illness, mortality, and the tensions between ordinary bourgeois life and contemplative isolation, interweaving philosophical digressions, social satire, and sensual encounters. The mountain setting functions as a temporal laboratory where changes in perception, duty, love, and political anxieties unfold, culminating in ambiguous conclusions about growth, decay, and the cultural mood of an unsettled era.

Fragwürdigstes

Mit Edhin Krokowskis Konferenzen hatte es im Laufe der Jährchen eine unerwartete Wendung genommen. Immer hatten seine Forschungen, die der Seelenzergliederung und dem menschlichen Traumleben galten, einen unterirdischen und katakombenhaften Charakter getragen; neuerdings aber, in gelindem, der Öffentlichkeit kaum merklichem Übergang, hatten sie die Richtung ins Magische, durchaus Geheimnisvolle eingeschlagen, und seine vierzehntägigen Vorträge im Speisesaal, Hauptattraktion des Hauses, Stolz des Prospektes, – diese Vorträge, gehalten in Gehrock und Sandalen, hinter gedecktem Tischchen und mit exotisch schleppenden Akzenten vor dem unbeweglich lauschenden Berghofpublikum, sie handelten nicht mehr von verkappter Liebesbetätigung und Rückverwandlung der Krankheit in den bewußt gemachten Affekt, sie handelten von den profunden Seltsamkeiten des Hypnotismus und Somnambulismus, den Phänomenen der Telepathie, des Wahrtraums und des Zweiten Gesichtes, den Wundern der Hysterie, bei deren Erörterung der philosophische Horizont sich derart weitete, daß auf einmal solche Rätsel dem Auge der Zuhörer erschimmerten, wie das des Verhältnisses der Materie zum Psychischen, ja dasjenige des Lebens selbst, welchem beizukommen auf unheimlichstem, auf krankhaftem Wege, wie es scheinen mochte, mehr Hoffnung war, als auf dem der Gesundheit ...

Wir sagen dies, weil wir es für unsere Pflicht halten, leichtfertige Geister zu beschämen, die wissen wollten, Dr. Krokowski habe sich nur aus der Sorge, seine Vorträge vor heilloser Monotonie zu bewahren, zu rein emotionellen Zwecken also, dem Verborgenen zugewandt. So sprachen Lästerzungen, an denen es nirgends fehlt. Es ist wahr, daß bei den Montagskonferenzen die Herren hastiger als je ihre Ohren schüttelten, um sie hellhöriger zu machen, und daß Fräulein Levi womöglich noch genauer als ehemals der Wachsfigur mit dem Triebwerk im Busen dabei glich. Aber diese Wirkungen waren so legitim, wie die Entwicklung, die der Geist des Gelehrten durchlaufen, und für die er nicht nur Folgerechtheit, sondern geradezu Notwendigkeit in Anspruch nehmen durfte. Immer schon hatten jene dunklen und weitläufigen Gegenden der menschlichen Seele sein Studiengebiet ausgemacht, die man als Unterbewußtsein bezeichnet, obgleich man möglicherweise besser täte, von einem Überbewußtsein zu reden, da aus diesen Sphären zuweilen ein Wissen emporgeistert, das das Bewußtseinswissen des Individuums bei weitem übersteigt und den Gedanken nahelegt, es möchten Verbindungen und Zusammenhänge zwischen den untersten und lichtlosen Gegenden der Einzelseele und einer durchaus wissenden Allseele bestehen. Der Bereich des Unterbewußtseins, „okkult“ dem eigentlichen Wortsinne nach, erweist sich sehr bald auch als okkult im engeren Sinn dieses Wortes und bildet eine der Quellen, woraus die Erscheinungen fließen, die man aushilfsweise so benennt. Das ist nicht alles. Wer im organischen Krankheitssymptom ein Werk aus dem bewußten Seelenleben verbannter und hysterisierter Affekte erblickt, der anerkennt die Schöpfermacht des Psychischen im Materiellen, – eine Macht, die man als zweite Quelle der magischen Phänomene anzusprechen gezwungen ist. Idealist des Pathologischen, um nicht zu sagen: pathologischer Idealist, wird er sich am Ausgangspunkt von Gedankengängen sehen, die ganz kurzläufig ins Problem des Seins überhaupt, das will sagen: in das Problem der Beziehungen von Geist und Materie münden. Der Materialist, Sohn einer Philosophie der bloßen Robustheit, wird es sich niemals nehmen lassen, das Geistige als ein phosphoreszierendes Produkt des Materiellen zu erklären. Der Idealist dagegen, ausgehend vom Prinzip der schöpferischen Hysterie, wird geneigt und sehr bald entschlossen sein, die Frage des Primats in vollständig umgekehrtem Sinn zu beantworten. Alles in allem liegt hier nichts Geringeres als die alte Streitfrage vor, was eher gewesen sei: Das Huhn oder das Ei, – diese Streitfrage, die eben durch die doppelte Tatsache eine so außerordentliche Verwirrung erfährt, daß kein Ei denkbar ist, das nicht von einem Huhn gelegt worden wäre, und kein Huhn, das nicht sollte aus einem vorausgesetzten Ei gekrochen sein.

Diese Angelegenheiten also erörterte Dr. Krokowski neuerdings in seinen Vorträgen. Auf organischem, auf legitimem, auf logischem Wege war er dazu gekommen, wir können es nicht sattsam betonen, und nur zum Überfluß fügen wir hinzu, daß er in solche Erörterungen eingetreten war, lange bevor durch das Erscheinen Ellen Brands auf der Bildfläche die Dinge in ein empirisch-experimentelles Stadium traten.

Wer war Ellen Brand? Fast hätten wir vergessen, daß unsere Zuhörer es nicht wissen, während uns natürlich der Name geläufig ist. Wer sie war? Fast niemand auf den ersten Blick. Ein liebes Ding von neunzehn Jahren, Elly gerufen, flachsblond, Dänin, doch nicht einmal aus Kopenhagen, sondern aus Odense auf Fünen, woselbst ihr Vater ein Buttergeschäft besaß. Sie selbst stand im praktischen Leben, hatte schon ein paar Jahre, einen Schreibärmel über dem rechten Arm, als Beamtin der Provinzfiliale einer hauptstädtischen Bank auf einem Drehbock über dicken Büchern gesessen, – wobei sie Temperatur bekommen hatte. Der Fall war unerheblich, er hatte wohl eigentlich nur Verdachtscharakter, wenn Elly auch freilich ja zart war, zart und offenbar bleichsüchtig, – dabei unbedingt sympathisch, so daß man ihr gern die Hand auf den flachsblonden Scheitel gelegt hätte, was denn der Hofrat auch regelmäßig tat, wenn er im Speisesaal mit ihr sprach. Nordische Kühle umgab sie, eine gläsern-keusche, kindlich-jungfräuliche Atmosphäre, durchaus liebenswert, wie der volle und reine Kinderblick ihrer Blauaugen und wie ihre Sprache, die spitz, hoch und fein war, ein leicht gebrochenes Deutsch mit kleinen typischen Lautfehlern, wie „Fleich“ statt „Fleisch“. An ihren Zügen war nichts Bemerkenswertes. Das Kinn war zu kurz. Sie saß am Tische der Kleefeld, die sie bemutterte.

Mit diesem Jungfräulein Brand also, dieser Elly, dieser freundlichen kleinen dänischen Radfahrerin und Kontorbockhockerin hatte es Bewandtnisse, von denen niemand beim ersten und zweiten Anblick ihrer klaren Person sich etwas hätte träumen lassen, die aber schon nach ein paar Wochen ihres Aufenthaltes hier oben anfingen sich zu entdecken, und die in ihrer ganzen Seltsamkeit bloßzulegen Dr. Krokowskis Sache wurde.

Gemeinsame Unterhaltungen gelegentlich der Abendgeselligkeit gaben dem Gelehrten ersten Anlaß zum Stutzen. Man übte sich in allerlei Ratespielen; ferner im Auffinden versteckter Gegenstände mit Hilfe eines Klavierspiels, das anschwoll, wenn man sich dem Verstecke näherte, dagegen leiser wurde, wenn man Irrwege einschlug; und man ging in der Folge dazu über, demjenigen, der während der Verabredung die Tür hatte von außen besehen müssen, das richtige Ausführen bestimmter zusammengesetzter Handlungen zuzumuten: z. B. die Ringe zweier gewisser Personen zu wechseln; jemanden mit drei Verbeugungen zum Tanze aufzufordern; ein bezeichnetes Buch der Bibliothek zu entnehmen und es dem und dem zu überreichen und dergleichen mehr. Es ist zu bemerken, daß Spiele dieser Art sonst nicht zu den Gewohnheiten der Berghof-Gesellschaft gehört hatten. Wer eigentlich die Anregung dazu gegeben, war nachträglich nicht festzustellen. Es war gewiß nicht Elly gewesen. Dennoch war man erst in ihrer Gegenwart darauf verfallen.

Die Teilnehmer – es waren fast lauter alte Bekannte von uns, und auch Hans Castorp war darunter – zeigten sich bei den Versuchen mehr oder weniger anstellig oder versagten auch gänzlich. Die Tauglichkeit Elly Brands aber erwies sich als außerordentlich, als auffallend, als ungebührlich. Ihre sichere Findigkeit im Aufsuchen von Verstecken hatte unter Beifall und bewunderndem Gelächter hingehen mögen; bei den kombinierten Handlungen jedoch fing man an zu verstummen. Sie führte aus, was immer man ihr heimlich vorgeschrieben, führte es aus, sobald sie wieder eingetreten, mit sanftem Lächeln, ohne ein Schwanken, auch ohne leitende Musik. Sie holte aus dem Speisesaal eine Prise Salz, streute sie dem Staatsanwalt Paravant auf den Kopf, nahm ihn danach bei der Hand und führte ihn zum Klavier, wo sie mit seinem Zeigefinger den Anfang des Liedchens „Kommt ein Vogel geflogen“ spielte. Dann brachte sie ihn zu seinem Platze zurück, machte einen Knix vor ihm, zog einen Fußschemel herbei und setzte sich abschließend darauf zu seinen Füßen nieder, – genau so, wie man es sich unter vielem Kopfzerbrechen für sie ausgedacht.

So hatte sie also gehorcht!

Sie errötete; und mit wahrer Erleichterung, sie beschämt zu sehen, fing man an, sie im Chore zu schelten, als sie versicherte: Nein, nein, nicht so, man möge doch das nicht glauben! Nicht draußen, nicht an der Tür habe sie gehorcht, gewiß und wahrhaftig nicht!

Nicht draußen, nicht an der Tür?

„O nein, ents-chuldigen Sie!“ Sie horche hier im Zimmer, wenn sie hereinkomme, könne nicht umhin, es zu tun.

Nicht umhin? Im Zimmer?

Es flüstere ihr zu, sagte sie. Es werde ihr zugeflüstert, was sie zu tun habe, leise, aber ganz scharf und deutlich.

Das war ein Geständnis, offenbar. Elly war in gewissem Sinne schuldbewußt, hatte betrogen. Sie hätte sagen müssen, daß sie für ein solches Spiel nicht tauge, da alles ihr zugeflüstert werde. Ein Wettstreit verliert jeden menschlichen Sinn, wenn einer der Konkurrierenden übernatürliche Vorteile besitzt. Im sportlichen Sinn war Ellen plötzlich disqualifiziert, allein auf eine Weise, daß manchem der Rücken kalt wurde bei ihrem Bekenntnis. Mehrere Stimmen auf einmal riefen nach Dr. Krokowski. Man lief, ihn zu holen, und er kam: stämmig und kernig lächelnd, sofort im Bilde, zu heiterem Vertrauen auffordernd mit seinem ganzen Wesen. Man hatte ihm atemlos gemeldet, kraß Anormales liege vor, es sei eine Allwissende aufgetreten, eine Jungfrau mit Stimmen. – Ei, ei, und was weiter? Ruhe, meine Freunde! Wir werden sehen. Es war sein Grund und Boden, – schwankend und sumpfig-nachgiebig für alle, auf welchem er jedoch mit sicherer Sympathie sich bewegte. Er fragte, er ließ sich erzählen. Ei, ei, und da sehe einer! „So steht es also mit Ihnen, mein Kind?“ Und er legte, wie jeder gern tat, der Kleinen die Hand aufs Haupt. Viel Ursache zur Aufmerksamkeit, doch nicht die geringste zum Entsetzen. Er tauchte seine braunen exotischen Augen in die hellblauen Ellen Brands, während er sanft mit der Hand von ihrem Scheitel über die Schulter zum Arme abwärts strich. Fromm und frömmer erwiderte sie seinen Blick, nämlich mehr und mehr von unten, da ihr Kopf sich langsam zur Brust und Schulter neigte. Als ihre Augen anfingen, sich zu brechen, tat der Gelehrte eine lässige Handbewegung aufwärts vor ihrem Gesichtchen, worauf er alle Dinge für wohl bestellt erklärte und die ganze erregte Gesellschaft zum Abenddienst schickte, ausgenommen Elly Brand, mit der er noch etwas zu „plaudern“ gedachte.

Zu plaudern! Man konnte es sich denken. Niemandem war wohl bei dem Wort, einem rechten Wort des fröhlichen Kameraden Krokowski. Jedermann fühlte sein Innerstes kalt davon angerührt, auch Hans Castorp, als er verspätet seinen vorzüglichen Liegestuhl bezog und sich erinnerte, wie ihm bei Ellys ungebührlichen Leistungen und der verschämten Erklärung, die sie dafür gegeben, der Boden unter den Füßen geschwankt hatte, so daß eine gewisse Übelkeit und körperliche Beängstigung, eine leichte Seekrankheit ihn angekommen war. Er hatte niemals ein Erdbeben erlebt, aber er sagte sich, daß damit wohl ähnliche Empfindungen unverwechselbaren Schreckens verbunden sein müßten, – von der Neugier abgesehen, die Ellen Brands fatale Fähigkeiten ihm außerdem einflößten: einer Neugier, die das Gefühl ihrer höheren Hoffnungslosigkeit in sich selbst trug, das heißt: das Bewußtsein der geistigen Unzugänglichkeit des Gebietes, wonach sie tastete, und daher den Zweifel, ob sie nur müßig oder auch sündig sei, was sie aber nicht hinderte, zu bleiben, was sie war, nämlich Neugier. Hans Castorp hatte, wie jedermann, im Lauf seiner Lebensjahre von Dingen der geheimen Natur oder Übernatur dies und jenes vernommen, – der seherischen Urtante ist ja Erwähnung geschehen, von der eine melancholische Überlieferung auf ihn gekommen. Aber niemals war diese Welt, der er eine theoretische und unbeteiligte Anerkennung nicht versagt hatte, ihm persönlich auf den Leib gerückt, nie hatte er praktische Erfahrungen damit gemacht, und sein Widerstreben gegen solche Erfahrungen, ein Geschmackswiderstreben, ein ästhetisches Widerstreben, ein Widerstreben humanen Stolzes – wenn wir so anspruchsvolle Ausdrücke verwenden dürfen in Hinsicht auf unseren durchaus anspruchslosen Helden – kam der Neugier, die sie ihm lebhaft erregten, fast gleich. Er fühlte im voraus, fühlte es klar und deutlich, daß diese Erfahrungen, wie sie auch fortgehen mochten, nie anders sich würden anlassen können, als abgeschmackt, unverständlich und menschlich würdelos. Dennoch brannte er darauf, sie zu machen. Er begriff, daß „Müßig oder sündig“, als Alternative schon schlimm genug, gar keine Alternative war, sondern daß das zusammenfiel, und daß geistige Hoffnungslosigkeit nur die außermoralische Ausdrucksform der Verbotenheit war. Das Placet experiri aber, ihm eingepflanzt von einem, der solche Versuche freilich aufs prallste mißbilligen mußte, saß fest in Hans Castorps Sinn; seine Sittlichkeit fiel nachgerade mit seiner Neugier zusammen, hatte das wohl eigentlich immer getan: mit der unbedingten Neugier des Bildungsreisenden, die vielleicht schon, als sie vom Mysterium der Persönlichkeit kostete, nicht mehr weit von dem hier auftauchenden Gebiet entfernt gewesen war, und die eine Art von militärischem Charakter bekundete dadurch, daß sie dem Verbotenen nicht auswich, wenn es sich anbot. So beschloß Hans Castorp, auf dem Posten zu sein und nicht beiseite zu stehen, wenn es mit Ellen Brand zu weiteren Abenteuern kommen sollte.

Dr. Krokowski hatte ein striktes Verbot ergehen lassen, fernerhin laienhafte Experimente mit Fräulein Brands geheimen Gaben anzustellen. Er hatte das Kind mit wissenschaftlichem Beschlag belegt, hielt Sitzungen mit ihr in seinem analytischen Verlies, hypnotisierte sie, wie man hörte, war bestrebt, die in ihr schlummernden Möglichkeiten zu entwickeln und zu disziplinieren, ihr seelisches Vorleben zu erforschen. Dies tat übrigens auch Hermine Kleefeld, ihre mütterliche Freundin und Patronin, und erfuhr unter dem Siegel der Verschwiegenheit dies und das, was sie unter demselben Siegel im ganzen Hause verbreitete, bis in die Concierge-Loge hinein. Sie erfuhr zum Beispiel, daß der- oder dasjenige, was der Kleinen beim Spiele die Aufgaben zugeflüstert hatte, Holger hieß – es war der Jüngling Holger, ein spirit, ihr wohlvertraut, ein abgeschieden-ätherisch Wesen und etwas wie ein Schutzgeist der kleinen Ellen. – Er also hatte ihr das mit der Salzprise und Paravants Zeigefinger verraten? – Ja, die Schattenlippen liebkosend an ihrem Ohr, so daß es leise kitzelte und zum Lächeln reizte, habe er es ihr eingeflüstert. – Das müsse angenehm gewesen sein, wenn Holger ihr früher in der Schule die Antworten eingesagt habe, wenn sie nicht vorbereitet gewesen sei. – Hierauf hatte Ellen geschwiegen. Das habe Holger wohl nicht gedurft, sagte sie später. In so ernste Dinge sich einzumischen, sei ihm verwehrt, und übrigens habe er die Schulantworten wohl selber nicht recht gewußt.

Ferner stellte sich heraus, daß Ellen von jung auf, wenn auch in größeren Zeitabständen, Erscheinungen gehabt hatte, – sichtbare und unsichtbare. – Was das denn heißen solle: unsichtbare Erscheinungen? – Zum Beispiel so. Sie hatte als sechzehnjähriges Mädchen allein im Wohnzimmer ihres Elternhauses gesessen, am runden Tisch mit einer Handarbeit, am hellen Nachmittag, und neben ihr auf dem Teppich hatte ihres Vaters Dogge, die Hündin Freia, gelegen. Der Tisch war mit einer bunten Decke, einem solchen türkischen Schal, wie alte Frauen ihn dreieckig trugen, bedeckt gewesen: übereck, mit kurz hängenden Zipfeln hatte er auf der Platte gelegen. Und plötzlich hatte Ellen gesehen, wie der Zipfel ihr gegenüber sich langsam aufgerollt hatte: still, sorgfältig und regelmäßig war er aufgerollt worden, ein gutes Stück gegen die Mitte der Tischplatte hin, so daß die Rolle schließlich schon ziemlich lang gewesen war; und während dies geschehen, hatte Freia, wild auffahrend, mit angestemmten Vorderbeinen und gesträubtem Fell sich auf die Keulen gesetzt, war heulend ins Nebenzimmer gestürzt, unter das Sofa gekrochen und dann ein volles Jahr lang nicht zu bewegen gewesen, einen Fuß ins Wohnzimmer zu setzen.

Ob es Holger gewesen sei, fragte Fräulein Kleefeld, der die Schaldecke aufgerollt habe. – Die kleine Brand wußte es nicht. – Und was sie sich bei dem Vorkommnis denn wohl gedacht habe. – Aber da es absolut unmöglich war, sich das Allergeringste dabei zu denken, so hatte auch Elly sich weiter nichts dabei gedacht. – Ob sie es ihren Eltern berichtet habe. – Nein. – Das war seltsam. Obgleich sich so ganz und gar nichts dabei denken ließ, hatte Elly doch das Gefühl gehabt, in diesem Fall und in ähnlichen, daß sie es für sich behalten und ein strenges, schamhaftes Geheimnis daraus machen müsse. – Ob sie denn schwer daran getragen habe. – Nein, nicht besonders schwer. Was denn auch an dem Sich-Aufrollen einer Decke viel zu tragen sei. Aber an anderem habe sie schwerer getragen. Zum Beispiel hieran:

Vor einem Jahre, ebenfalls in ihrem Elternhaus zu Odense, hatte sie frühmorgens, in aller Frische, ihr Zimmer verlassen, das im Erdgeschoß gelegen war, und sich über die Diele die Treppe hinauf ins Eßzimmer begeben wollen, um, wie es ihre Gewohnheit war, Kaffee zu kochen, bevor die Eltern sich einfanden. Fast bis zum Podest, wo die Treppe sich wandte, war sie schon gelangt gewesen, da hatte sie auf eben diesem Podest, am Rande desselben, dicht an den Stufen, ihre in Amerika verheiratete ältere Schwester Sophie stehen sehen – leiblich und wirklich. Sie hatte ein weißes Kleid angehabt und sonderbarerweise einen Kranz von Wasserrosen, schilfigen Mummeln, auf dem Kopf getragen und die Hände an der Schulter gefaltet und hatte ihr zugenickt. „Ja, aber, Sophie, bist du da?“ hatte die angewurzelte Ellen halb freudig und halb erschrocken gefragt. Da hatte Sophie noch einmal genickt und sich darnach verflüchtigt. Sie war durchsichtig geworden; bald war sie nur in dem Grade noch sichtbar gewesen, wie eine fließende Strömung heißer Luft, und dann überhaupt nicht mehr, so daß der Weg frei gewesen war für Ellen. Doch dann hatte sich erwiesen, daß in dieser selbigen Morgenstunde Schwester Sophie in New-Jersey an Herzentzündung gestorben war.

Nun, meinte Hans Castorp, als die Kleefeld es ihm erzählte, das habe doch einigen Verstand, es lasse sich hören. Die Erscheinung hier, der Todesfall dort, – immerhin, da sei ein gewisser achtbarer Zusammenhang zu ersehen. Und er willigte ein, an einem spiritistischen Gesellschaftsspiel, einem Glasrücken, teilzunehmen, das man aus Ungeduld, unter heimlicher Umgehung von Dr. Krokowskis eifersüchtigem Verbot, mit Ellen Brand zu veranstalten beschlossen hatte.

Nur gewisse Personen wurden zu der Sitzung, deren Schauplatz Hermine Kleefelds Zimmer war, vertraulich zugezogen: außer der Gastgeberin, Hans Castorp und der kleinen Brand, waren es nur noch die Damen Stöhr und Levi sowie Herr Albin, der Tscheche Wenzel und Dr. Ting-Fu. Abends, erst mit dem Schlage Zehn, trat man leise zusammen und musterte flüsternd die Vorkehrungen, die Hermine getroffen, und die darin bestanden, daß auf einem ungedeckten Rundtisch von mittlerer Größe, inmitten des Zimmers, ein Weinglas, umgekehrt, den Fuß nach oben, gestellt war, rundum aber, am Rande der Tischplatte, in gehörigen Abständen, kleine Beinplättchen, Spielmarken nach ihrer gewöhnlichen Bestimmung, lagen, auf die mit Tinte und Feder die fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets gezeichnet waren. Vorerst reichte die Kleefeld Tee, was dankbar begrüßt wurde, da die Damen Stöhr und Levi, ungeachtet der kindlichen Harmlosigkeit des Unternehmens, über kalte Extremitäten und Herzklopfen klagten. Nach genossener Erwärmung ließ man sich um das Tischchen nieder, und in matt-rosiger Beleuchtung, da die Wirtin, der Stimmung zuliebe, das Deckenlicht gelöscht und nur das verkleidete Nachttischlämpchen hatte brennen lassen, legte jedermann einen Finger seiner Rechten leicht an den Fuß des Glases. So wollte es die Methode. Man harrte des Augenblicks, wo das Glas ins Rücken geraten würde.

Das mochte leichtlich geschehen, denn die Tischplatte war glatt, der Glasrand wohl geschliffen, und der Druck, den die noch so leicht aufgelegten, zitternden Finger übten, würde, da er natürlich ungleichmäßig war, hier mehr vertikale, dort eher seitliche Richtung haben mochte, auf die Dauer sehr hinreichend sein, das Glas zum Verlassen seines mittlern Ortes zu bestimmen. An der Peripherie des Bewegungsfeldes würde es auf Buchstaben stoßen, und wenn diejenigen, die es anlief, in ihrer Zusammensetzung Worte und irgend welchen Sinn ergaben, so würde das eine innerlich bis zur Unreinlichkeit verwickelte Erscheinung sein, ein Mischprodukt ganz-, halb- und unbewußter Elemente, der wunschgetriebenen Nachhilfe Einzelner – ob sie selbst ein solches Tun sich nun eingestanden oder nicht – und des geheimen Einverständnisses lichtloser Seelenschichten der Allgemeinheit, eines unterirdischen Zusammenwirkens zu scheinbar fremden Ergebnissen, an denen die Dunkelheiten des Einzelnen mehr oder weniger beteiligt sein würden, am stärksten wohl diejenigen der lieblichen kleinen Elly. Dies wußten im Grunde alle im voraus, und Hans Castorp, nach seiner Art, schwatzte es sogar aus, während man mit zitternden Fingern saß und wartete. Auch kamen die kalten Extremitäten und das Herzklopfen der Damen, die bedrängte Heiterkeit der Herren eben nur daher, daß sie es wußten, daher also, daß sie sich zu einem unreinlichen Spiel mit ihrer Natur, einem furchtsam-neugierigen Erproben unbekannter Teile ihres Selbst in stiller Nacht zusammengetan hatten und jener Schein- oder Halb-Dinglichkeiten harrten, die man magisch nennt. Es war fast nur, um der Sache eine Form zu geben, geschah also konventionellerweise, daß man unterstellte, durch das Glas würden die Geister Abgeschiedener zu der Versammlung reden. Herr Albin war erbötig, das Wort zu führen und mit den etwa auftretenden Intelligenzen zu unterhandeln, da er schon früher hie und da an spiritistischen Sitzungen teilgenommen.

Zwanzig und mehr Minuten vergingen. Der Stoff zum Flüstern versiegte, die erste Spannung gab nach. Man stützte den rechten Arm mit der Linken am Ellbogen. Der Tscheche Wenzel war im Begriffe einzunicken. Ellen Brand, das Fingerchen leicht aufgelegt, hielt den großen und reinen Kinderblick über die nahen Dinge hinweg in den Schein des Nachttischlämpchens gerichtet.

Plötzlich kippte das Glas, schlug auf und lief den Umsitzenden unter den Händen weg. Sie hatten Mühe, mit ihren Fingern zu folgen. Es rutschte bis zum Tischrande, lief ein Stück daran entlang und kehrte dann geradlinig ungefähr zur Mitte zurück. Hier schlug es noch einmal auf und verhielt sich ruhig.

Der Schrecken aller war teils freudiger, teils banger Art. Frau Stöhr erklärte weinerlich, lieber aufhören zu wollen, doch wurde ihr bedeutet, daß sie sich früher hätte prüfen müssen und sich nun still zu verhalten habe. Die Dinge schienen in Fluß zu kommen. Man stipulierte, daß, um ja und nein zu antworten, das Glas nicht erst die Buchstaben sollte anlaufen müssen, sondern sich mit ein- und zweimaligem Aufschlagen begnügen möge.

„Ist eine Intelligenz zugegen?“ erkundigte sich Herr Albin mit strenger Miene über die Köpfe hin ins Leere hinein ... Ein Zögern folgte. Dann kippte das Glas und bejahte.

„Wie heißt du?“ fragte Herr Albin fast schroffen Tones, indem er die Energie seiner Anrede durch ein Kopfschütteln verstärkte.

Das Glas rückte. Es lief mit Entschiedenheit und im Zickzack von Marke zu Marke, indem es zwischendurch immer ein Stück gegen die Tischmitte hin zurückkehrte; es lief zum h, zum o, zum l, es schien danach zu ermatten, sich zu verwirren, nicht weiter zu wissen, aber es fand sich wieder, fand auch das g, das e und r. Hatte man’s doch gedacht! Es war Holger persönlich, der spirit Holger, der das mit der Salzprise usw. gewußt, aber freilich in Schulfragen sich nicht eingemischt hatte. Er war da, er flutete in den Lüften, er umschwebte das Kränzchen. Was fing man nun mit ihm an? Eine gewisse Blödigkeit beherrschte den Kreis. Man beriet sich leise und gleichsam hinter der Hand, was man von ihm zu wissen begehren sollte. Herr Albin entschied sich, zu fragen, was Holgers Stand und Geschäft bei Lebzeiten gewesen sei. Er tat es, wie oben, im Tone des Verhörs, streng und mit zusammengezogenen Brauen.

Das Glas schwieg eine Weile. Dann begab es sich kippend und stolpernd zum d, rückte ab und bezeichnete das i. Was wollte das werden? Die Spannung war mächtig. Dr. Ting-Fu befürchtete kichernd, Holger sei ein Dieb gewesen. Frau Stöhr verfiel in hysterisches Lachen, ohne dadurch der Arbeit des Glases Einhalt zu tun, das, wenn auch humpelnd und klappernd, zum c, zum h glitt, das t berührte und dann, offenbar unter fehlerhafter Auslassung einer Letter, mit dem r endigte. Es hatte „Dichtr“ buchstabiert.

Was tausend, ein Dichter war Holger gewesen? – Zum Überfluß und nur aus Stolz, wie es schien, kippte das Glas und klopfte bejahend. – Ein lyrischer Dichter? fragte die Kleefeld, indem sie das y wie i aussprach, wie Hans Castorp unwillig bemerkte ... Zu solchen Spezifikationen schien Holger unlustig. Er gab keine neue Antwort. Er buchstabierte die vorige noch einmal, rasch, sicher und klar, das e hinzufügend, das er vorhin vergessen.

Gut, gut, also Dichter. Die Verlegenheit wuchs, – eine sonderbare Verlegenheit, die den Kundgebungen unkontrollierter Gegenden des eigenen Inneren galt, aber durch die gleisnerisch-halbdingliche Gegebenheit dieser Kundgebungen doch auch wieder die Richtung ins Außen-Wirkliche erhielt. Ob Holger sich wohl und glücklich fühlte in seinem Zustande, wollte man wissen. – Das Glas schob träumerischerweise das Wort „Gelassen“. Ach so, „gelassen“ also. Nun ja, man wäre von selbst nicht darauf gekommen, aber da denn das Glas so buchstabierte, fand man es wahrscheinlich und gut gesagt. – Und wie lange Holger sich denn schon in seinem gelassenen Zustande befinde? – Jetzt kam wieder etwas, worauf niemand verfallen wäre, etwas träumerisch sich selbst Gebendes. Es lautete: „Eilende Weile“. – Sehr gut! Es hätte auch „Weilende Eile“ lauten können, es war ein bauchrednerischer Dichterspruch von außen, Hans Castorp namentlich fand ihn vorzüglich. Eine eilende Weile war Holgers Zeitelement, natürlich, er mußte die Frager spruchweise abfertigen, mit irdischen Worten und Maßgenauigkeiten mochte er freilich zu operieren verlernt haben. – Was wollte man also noch von ihm erfahren? Die Levi gestand ihre Neugier, zu wissen, wie Holger aussähe, beziehungsweise einst ausgesehen habe. Ob er ein schöner Jüngling sei? – Sie solle ihn selber fragen, ordnete Herr Albin an, der diesen Wissenswunsch unter seiner Würde fand. So fragte sie per du, ob spirit Holger wohl blonde Locken habe.

„Schöne braune, braune Locken“, zog das Glas, indem es das Wort „braune“ ausführlich zweimal buchstabierte. Erfreute Heiterkeit herrschte im Kreise. Die Damen bekundeten offen Verliebtheit. Sie warfen Kußhände schräg gegen den Plafond empor. Dr. Ting-Fu meinte kichernd, Mister Holger scheine ja ziemlich eitel zu sein.

Da wurde das Glas zornig und toll! Es lief wie wild und ohne Sinn auf dem Tische umher, kippte wütend, fiel um und rollte der Stöhr in den Schoß, die schreckensbleich mit gespreizten Armen darauf niederblickte. Man führte es behutsam und unter Entschuldigungen an seinen Ort zurück. Der Chinese wurde gescholten. Wie er sich habe unterstehen können! Da sehe er, wohin solch ein Vorwitz führe! Und wie, wenn Holger nun im Zorne auf und davon war und kein Wort mehr verlauten ließ? Man redete seinem Glase aufs beste zu. Ob er denn nicht vielleicht etwas dichten wolle! Er sei ja ein Dichter gewesen, als er noch nicht in eilender Weile gewebt und geschwebt habe. Ach, wie sie alle nach etwas Gedichtetem verlangten! Sie würden es so herzlich genießen.

Und siehe, das gute Glas schlug Ja. Wirklich lag etwas Gutmütig-Versöhnliches darin, wie es dies tat. Und dann begann spirit Holger zu dichten und dichtete umständlich, ausführlich und ohne Besinnen, wer weiß wie lange, – es schien, als werde er überhaupt nicht wieder zum Schweigen zu bringen sein! Es war ein durch und durch überraschendes Gedicht, das er bauchrednerisch vorbrachte, während die Umsitzenden es bewundernd mit sprachen, eine magische Dingheit, uferlos, wie das Meer, von dem es vornehmlich handelte, – Seemist in langen Haufen entlang des schmalen Strandes der weit geschwungenen Bucht des Insellandes mit steiler Dünenküste. O seht, wie sterbend grün die ungeheure Weite ins Ewige verschwebt, wo unter breiten Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichem Scheinen die Sommersonne den Untergang verzögert! Kein Mund vermöchte zu sagen, wann und wie des Wassers silbrig regsamer Widerglanz in lauter Perlmutterschimmer sich wandelte, in ein unnennbar Farbenspiel blaß-bunt-opalenen Mondsteinglanzes, das alles überzieht ... Ach, heimlich, wie er entstanden, erstarb der stille Zauber. Das Meer entschlief. Jedoch die sanften Spuren des Sonnenabschieds bleiben dort drüben und draußen. Es wird nicht dunkel bis in die tiefe Nacht. Ein halbes Geisterlicht waltet im Kiefernwalde der Dünenhöhe und läßt den bleichen Sand des Grundes wie Schnee erscheinen. Täuschender Winterwald im Schweigen, knackend durchstreift von einer Eule schwerem Flug! Sei unser Aufenthalt zu dieser Stunde! So weich der Tritt, so hoch und mild die Nacht! Und langsam atmet dort unten tief das Meer und flüstert gedehnt im Traum. Verlangt dich’s, es wiederzusehen? So tritt hervor zum fahlen Gletschergehänge der Düne und steige vollends im Weichen empor, das kühl in deine Schuhe rinnt. Hart buschig fällt das Land und steil zum steinigen Strande ab, und immer geistern noch am Rande der vergehenden Weite die Reste des Tages ... Laß dich hier oben im Sande nieder! Wie ist er todeskühl, wie mehlig-seidenweich! Er fließt dir aus der geschlossenen Hand in farblos-dünnem Strahl und bildet ein zartes Hügelchen bei sich im Grunde. Erkennst du dies feine Rinnen? Es ist das lautlos schmale Strömen durch die Enge des Stundenglases, des ernsten, gebrechlichen Geräts, das das Gehäuse des Klausners schmückt. Ein aufgeschlagen Buch, ein Totenschädel und im Gestell, im leicht gefügten Rahmen das dünne Doppelhohlgebläse, darin ein wenig Sand, dem Ewigen entnommen, als Zeit sein heimlich und heilig beängstend Wesen treibt ...

So war spirit Holger bei seiner „lirischen“ Improvisation in sonderbarer Gedankenflucht vom heimatlichen Meere auf einen Klausner und das Werkzeug seiner Beschaulichkeit gekommen, und er kam noch auf manches, auf Menschliches und Göttliches in träumerisch gewagten Worten, über die das Kränzchen sich grenzenlos verwunderte, indes es sie buchstabierte, und kaum fand man Zeit, seinen entzückten Beifall einzuschalten, so rasch ging es im Zickzack vom Hundertsten ins Tausendste weiter und wollte gar nicht aufhören, – nach einer Stunde noch war dieses Dichtens kein Ende im entferntesten abzusehen, das von Mutternot und dem ersten Kusse der Liebenden und von der Krone des Leides und Gottes ernster Vatergüte ganz unerschöpflich handelte, sich in das Weben der Kreatur vertiefte, in Zeiten und Ländern und im Sternenraum sich verlor, einmal sogar der Chaldäer und des Tierkreises erwähnte und bestimmt die ganze Nacht hindurch gewährt hätte, wenn nicht die Beschwörer endlich doch ihre Finger vom Glase genommen und unter besten Danksagungen an Holger erklärt hätten, nun müsse es für diesmal genug sein, es sei von ungeahnter Herrlichkeit gewesen und ewig schade, daß niemand mitgeschrieben habe, so daß nun das Gedichtete unfehlbar in Vergessenheit geraten werde, ja, leider allergrößtenteils schon in Vergessenheit geraten sei, vermöge einer gewissen Unhaltbarkeit, wie sie Träumen eigne. Das nächste Mal wollte man rechtzeitig einen Schriftwart bestellen und zusehen, wie es sich schwarz auf weiß bewahrt und im Zusammenhang vorgetragen, wohl ausnehmen werde; für den Augenblick aber, und ehe Holger in die Gelassenheit seiner eilenden Weile zurückkehre, werde es besser und jedenfalls außerordentlich liebenswürdig von ihm sein, wenn er dem Kreise vielleicht noch eine oder die andere sachliche Frage beantworten wolle, – noch unbestimmt welche, aber ob er gegebenenfalls wohl grundsätzlich und aus besonderer Gefälligkeit bereit dazu sein würde?

„Ja“, lautete die Antwort. Doch nun entdeckte sich Ratlosigkeit, was zu fragen sei. Es war wie im Märchen, wenn die Fee oder das Männchen eine Frage freigeben und man Gefahr läuft, die kostbare Möglichkeit ganz müßig zu vertun. Vieles schien wissenswert in Welt und Zukunft, und verantwortungsvoll war es, eine Wahl zu treffen. Da niemand zum Entschluß kommen mochte, sagte Hans Castorp, einen Finger am Glase, die linke Wange in seine Faust gestützt, er wolle hören, wie hoch sich, statt der drei Wochen, die er ursprünglich zu bleiben gedacht hatte, die Zeit seines Aufenthaltes hier oben belaufen werde.

Gut, da man nichts Besseres wußte, mochte der Geist dies Erste-Beste aus der Fülle seiner Kenntnisse künden. Nach einigem Zögern rückte das Glas. Es rückte etwas ganz Sonderbares und, wie es scheinen wollte, Beziehungsloses, worauf sich einen Vers zu machen, niemandem gelingen wollte. Es rückte die Silbe „Geh“ und dann das Wort „Quer“, womit man erst recht nichts anzufangen wußte, und danach rückte es etwas von Hans Castorps Zimmer, so daß die ganze knappe Anweisung lautete, der Fragende solle „quer durch sein Zimmer gehen“. – Quer durch sein Zimmer? Quer durch Nummer 34? Was sollte nun das? Während man saß und beriet und die Köpfe schüttelte, geschah auf einmal ein schwerer Faustschlag gegen die Tür.

Alle erstarrten. War das ein Überfall? Stand Dr. Krokowski draußen, um die verbotene Sitzung aufzuheben? Man schaute betreten, man gewärtigte den Eintritt des Hintergangenen. Da schlug es krachend mitten auf den Tisch, wiederum wie mit voller Faust und gleichsam um klarzustellen, daß auch der erste Schlag nicht von außen, sondern von innen gefallen war.

Das war ein minderwertiger Scherz Herrn Albins gewesen! – Er leugnete ehrenwörtlich, und übrigens waren alle auch ohne sein Wort so gut wie sicher, daß niemand aus ihrer Runde den Schlag geführt hatte. So hatte es Holger getan? Sie blickten auf Elly, deren stilles Verhalten allen gleichzeitig auffällig geworden war. Sie saß, die Fingerspitzen bei hängenden Handgelenken auf der Tischkante, an ihrer Stuhllehne, den Kopf zur Schulter geneigt, die Augenbrauen empor-, das Mündchen aber, verkleinert, etwas nach unten gezogen, mit einem ganz kleinen Lächeln, das zugleich etwas Verstecktes und Unschuldiges hatte, und blickte mit blauen Kinderaugen, die nichts sahen, schräg ins Leere. Man rief sie an, doch ohne daß sie ein Zeichen von Gegenwart gegeben hätte. In diesem Augenblick erlosch das Nachttischlämpchen.

Erlosch? Frau Stöhr, nicht mehr zu halten, schrie Hi und Hu, denn sie hatte es knipsen hören. Das Licht war nicht ausgegangen, es war abgedreht worden, von einer Hand, die man sehr schonend kennzeichnete, wenn man sie eine fremde Hand nannte. War es Holgers Hand? Er war so sanft, so diszipliniert und poetisch gewesen bis dahin; jetzt aber hatte sein Wesen begonnen, in Büberei und Schabernack auszuarten. Wer stand dafür, daß eine Hand, die Faustschläge gegen Tür und Möbel führte und bübisch das Licht ausdrehte, nicht irgendjemandem an die Gurgel fuhr? Im Finstern rief man nach Zündhölzern, nach einer Taschenlaterne. Die Levi kreischte auf, man habe sie am Stirnhaar gezogen. Vor Angst schämte Frau Stöhr sich nicht, laut zu Gott zu beten. „Ach du Herr, noch diesmal!“ schrie sie und wimmerte, es möge Gnade vor Recht ergehen, obgleich man die Hölle versucht habe. Dr. Ting-Fu war es, der den gesunden Gedanken faßte, das Deckenlicht einzuschalten, so daß alsbald das Zimmer in Klarheit lag. Während man feststellte, daß das Nachttischlämpchen in der Tat nicht zufällig ausgegangen, sondern abgedreht worden war, und daß man nur den verborgenerweise geschehenen Handgriff menschlich zu wiederholen brauchte, um es wieder zum Brennen zu bringen, erfuhr Hans Castorp persönlich und in der Stille eine Überraschung, die er als besondere Aufmerksamkeit der hier sich kundgebenden kindischen Dunkelheiten auffassen mochte. Auf seinen Knieen lag ein leichter Gegenstand, das „Souvenir“, das einst seinen Onkel erschreckt hatte, als er es von des Neffen Kommode genommen: das gläserne Diapositiv, das Clawdia Chauchats Innenporträt zeigte, und das bestimmt nicht er, Hans Castorp, in dieses Zimmer eingeführt hatte.

Er steckte es zu sich, ohne von der Erscheinung Aufhebens zu machen. Man war um Ellen Brand beschäftigt, die immer noch in der beschriebenen Haltung, blinden Blickes und mit sonderbar geziertem Gesichtsausdruck an ihrem Platze saß. Herr Albin blies sie an und ahmte vor ihrem Gesichtchen die aufwärts fächelnde Handbewegung Dr. Krokowskis nach, worauf sie sich ermunterte und – unklar, warum – ein wenig weinte. Man streichelte, tröstete sie, küßte sie auf die Stirn und schickte sie schlafen. Die Levi erklärte sich bereit, die Nacht bei Frau Stöhr zu verbringen, da die tiefstehende Frau vor Grauen nicht wußte, wie sie ins Bett kommen sollte. Hans Castorp, seinen Apport in der Brusttasche, hatte nichts dagegen, den ausgearteten Abend mit den anderen Herren auf Albins Zimmer mit einem Kognak zu beschließen, denn er fand, daß Vorkommnisse gleich diesen zwar weder auf das Herz noch auf den Geist, wohl aber auf die Magennerven Wirkung übten – und zwar eine nachhaltige Wirkung, so, wie der Seekranke wohl noch am Lande stundenlang die übelkeiterregenden Schwankungen zu spüren meint.

Vorderhand war seine Neugier gestillt. Holgers Gedicht war ja im Augenblick nicht übel gewesen, aber die vorausgeahnte innere Hoffnungslosigkeit und Abgeschmacktheit des Ganzen hatte sich ihm doch so unverkennbar aufgedrängt, daß es, so dachte er, bei diesen wenigen Flocken Höllenfeuers, die ihn angestoben, sein Bewenden haben mochte. Herr Settembrini, wie sich denken läßt, bestärkte ihn aus allen Kräften in diesem Vorsatz, als Hans Castorp ihm von seinen Erlebnissen erzählte. „Das,“ rief er, „war alles, was noch gefehlt hatte! O Elend, Elend!“ Und kurzerhand erklärte er die kleine Elly für eine abgefeimte Betrügerin.

Sein Zögling sagte nicht ja und nicht nein dazu. Er meinte achselzuckend, was Wirklichkeit sei, scheine nicht bis zur Unzweideutigkeit klargestellt und folglich auch nicht, was Betrug. Vielleicht sei die Grenze fließend. Vielleicht gäbe es Übergänge zwischen beidem, Grade der Realität innerhalb der wort- und wertungslosen Natur, die sich einer Entscheidung entzögen, der, wie ihm scheine, etwas stark Moralisches anhafte. Wie Herr Settembrini über das Wort „Gaukelei“ denke, diesen Begriff, in welchem Elemente des Traumes und solche der Realität eine Mischung eingingen, die der Natur vielleicht weniger fremd sei, als unserem derben Tagesdenken. Das Geheimnis des Lebens sei buchstäblich bodenlos, und was Wunder denn, wenn gelegentlich Gaukeleien daraus aufstiegen, die – und so fort in unseres Helden freundlich zugeständlicher und reichlich laxer Art.

Herr Settembrini wusch ihm den Kopf nach Gebühr und erzielte denn auch eine augenblickliche Gewissensstärkung und etwas wie ein Versprechen, an solchem Greuel nie wieder teilhaben zu wollen. „Achten Sie“, so forderte er, „den Menschen in sich, Ingenieur! Vertrauen Sie dem klaren und humanen Gedanken und verabscheuen Sie die Hirnverrenkung, den geistigen Pfuhl! Gaukelei? Lebensgeheimnis? Caro mio! Wo der sittliche Mut zu Entscheidungen und Unterscheidungen, wie der zwischen Betrug und Wirklichkeit, sich zersetzt, da ist es mit dem Leben überhaupt, dem Urteile, dem Werte, der bessernden Tat zu Ende, und der Verwesungsprozeß moralischer Skepsis beginnt sein schauerliches Werk.“ Der Mensch sei das Maß der Dinge, sagte er noch. Sein Recht, über Gut und Böse, Wahrheit und Lügenschein erkennend zu befinden, sei unveräußerlich, und wehe dem, der ihn im Glauben an dieses schöpferische Recht zu beirren sich unterfange! Es sei ihm besser, einen Mühlstein um den Hals im tiefsten Brunnen ertränkt zu werden.

Hans Castorp nickte dazu und hielt sich in der Tat fürs erste von diesen Unternehmungen fern. Er hörte, daß Dr. Krokowski in seinem analytischen Souterrain mit Ellen Brand Sitzungen veranstalte, zu denen ausgewählte Mitglieder der Gästeschaft zugezogen wurden. Aber er lehnte die Beteiligung gleichgültig ab, – natürlich nicht ohne über die Versuchserfolge aus dem Munde der Mitwirkenden und Dr. Krokowskis selbst dies und das zu erfahren. Kraftäußerungen von der Art, wie sie im Zimmer der Kleefeld wilder und unwillkürlicher Weise sich ereignet hatten: Schläge also gegen Tisch und Wände, das Abdrehen der Lampe und anderes, weitergehendes, wurden bei diesen Zusammenkünften, nachdem Kamerad Krokowski die kleine Elly nach der Kunst hypnotisiert und in wachtraumhaften Zustand versetzt hatte, systematisch und unter möglichster Gewähr ihrer Echtheit erzielt und geübt. Es hatte sich gezeigt, daß eine musikalische Begleitung die Exerzitien erleichterte, und so wechselte an diesen Abenden das Grammophon seinen Standort, wurde von dem magischen Kreise mit Beschlag belegt. Da aber der Böhme Wenzel, der es bei dieser Gelegenheit bediente, ein musikalischer Mann war, der das Instrument gewiß nicht mißhandeln und schädigen würde, so konnte Hans Castorp es in leidlicher Gemütsruhe übergeben. Aus dem Plattenfundus stellte er für den besonderen Dienst ein Album zur Verfügung, worin er allerlei Leichtigkeiten, Tänze, kleine Ouvertüren und sonstiges Dideldum angeordnet hatte, das, da Elly keineswegs nach höheren Tönen verlangte, seinen Zweck vollkommen erfüllte.

Unter diesen Klängen also war, so hörte Hans Castorp, ein Taschentuch selbsttätig, oder vielmehr von einer in seinen Falten verborgenen „Klaue“ geführt, vom Boden aufgestiegen, des Doktors Papierkorb hatte sich schwebend zur Decke erhoben, der Perpendikel einer Wanduhr war „von niemandem“ abwechselnd angehalten und wieder in Gang gesetzt, eine Tischglocke „genommen“ und geläutet worden und dergleichen trübe Nichtigkeiten mehr. Der gelehrte Versuchsleiter war in der glücklichen Lage, diese Leistungen mit einem griechischen Namen voll wissenschaftlichen Anstandes zu treffen. Es waren, so erläuterte er in seinen Vorträgen und in Privatgesprächen „telekinetische“ Erscheinungen, Fälle von Fernbewegung; und der Doktor ordnete sie einem Gebiet von Phänomenen zu, das die Wissenschaft auf den Namen der Materialisation getauft hatte, und auf das sein Sinnen und Trachten bei den Versuchen mit Ellen Brand eigentlich gerichtet war.

In seiner Sprache handelte es sich da um biopsychische Projektionen unterbewußter Komplexe ins Objektive, um Vorgänge, als deren Quelle man die mediale Konstitution, den somnambulen Zustand zu betrachten hatte, und die man insofern als objektivierte Traumvorstellungen ansprechen mochte, als sich darin ein ideoplastisches Vermögen der Natur bewährte, eine unter gewissen Bedingungen dem Gedanken zukommende Fähigkeit, Materie an sich zu ziehen und sich zu ephemerer Wirklichkeit darin auszuprägen. Diese Materie entströmte dem Körper des Mediums, um sich außerhalb seiner zu biologisch-lebendigen Endorganen, Greifgliedern, Händen, vorübergehend auszugestalten, die eben jene erstaunlichen Unbeträchtlichkeiten vollbrachten, deren Zeuge man in Dr. Krokowskis Laboratorium war. Unter Umständen waren sie sichtbar und tastbar, diese Glieder, ließen in Paraffin und Gips ihre Form bewahren. Unter weiteren Umständen aber brauchte es bei ihrer Ausbildung nicht sein Bewenden zu haben. Köpfe, individuelle Menschenantlitze, Phantome in Vollgestalt verwirklichten sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einen gewissen begrenzten Verkehr mit ihnen zu treten – – und hier begann Dr. Krokowskis Lehre überäugig zu werden, begann zu schielen und einen ähnlich schwankenden und doppeldeutigen Charakter anzunehmen, wie seinen Expektorationen über die „Liebe“ geeignet hatte. Denn nun ging es nicht länger unmißverständlich und gewahrten wissenschaftlichen Gesichtes um ins Wirkliche gespiegelte Subjektivitäten des Mediums und seiner passiven Mithelfer; nun mischten, wenigstens halb und halb, wenigstens allenfalls, Ichheiten von außen und jenseits sich in das Spiel; es handelte sich – möglicherweise, nicht ganz eingestandenermaßen – um Nichtvitales, um Wesen, die die verzwickte und geheime Gunst des Augenblicks benutzten, um in die Materie zurückzukehren und sich den Rufenden kundzugeben, – kurz, um die spiritistische Beschwörung Verstorbener.

Solche Erzeugnisse also waren es, die Kamerad Krokowski bei der Arbeit mit den Seinen letztlich anstrebte. Stämmig und kernig lächelnd, zu fröhlichem Vertraun auffordernd, strebte er sie an, heimisch für seine untersetzte Person im Sumpfig-Verdächtigen und Untermenschlichen und ein rechter Führer, denn also sogar für Zaghafte und Zweifelvolle in diesen Bezirken. Auch schien, dank Ellen Brands außerordentlichen Gaben, die zu entwickeln, zu züchten er sich angelegen sein ließ, der Erfolg ihm zu lächeln, nach allem, was Hans Castorp erfuhr. Berührungen einzelner Teilnehmer durch materialisierte Hände hatten sich ereignet. Staatsanwalt Paravant hatte aus der Transzendenz eine derbe Backpfeife empfangen und mit wissenschaftlicher Heiterkeit quittiert, ja, vor Begier sogar noch die andere Backe hingehalten, – ungeachtet seiner Eigenschaften als Kavalier, Jurist und Alter Herr einer schlagenden Verbindung, welche alle ihn zu einem ganz anderen Verhalten würden genötigt haben, wäre der Streich vitaler Herkunft gewesen. A. K. Ferge, dieser schlichte Dulder, dem alles Höhere fernlag, hatte eines Abends ein solches Geisterglied in seiner eigenen Hand gehalten und durch den Tastsinn die Richtigkeit und Vollständigkeit seiner Bildung festgestellt, worauf es sich seinem Griff, der herzhaft in den Grenzen des Respektes gewesen war, auf nicht genau zu beschreibende Weise entzogen hatte. Es dauerte geraume Frist, wohl zweieinhalb Monate, bei zwei Sitzungen wöchentlich, bis eine Hand so hinterweltlicher Herkunft, rötlich angestrahlt von einem mit rotem Papier verdunkelten Tischlämpchen, – eines jungen Mannes Hand, wie es hatte scheinen wollen, – über der Tischplatte fingernd sich allen Blicken dargestellt und in einer irdenen Schüssel mit Mehl ihre Spur hinterlassen hatte. Aber nur acht Tage später geschah es, daß eine Gruppe von Mitarbeitern Dr. Krokowskis, Herr Albin, die Stöhr, das Ehepaar Magnus, noch gegen Mitternacht mit allen Anzeichen verzerrter Begeisterung und fieberigen Entzückens in Hans Castorps Balkonloge erschien und dem in beißendem Froste Dämmernden in fliegendem Durcheinander berichtete, Ellys Holger habe sich sehen lassen, über der Schulter der Somnambulen habe sein Kopf sich gezeigt, er habe wirklich „schöne braune, braune Locken“ gehabt und so unvergeßlich sanft und melancholisch gelächelt, bevor er verschwand!

Wie stimmte, dachte Hans Castorp, diese edle Trauer mit Holgers anderweitigem Benehmen, seinen phantasielosen Kindereien und simplen Bubenstücken, der ganz unmelancholischen Tatze, zum Beispiel, zusammen, die der Staatsanwalt von ihm eingesteckt? Folgerechte Geschlossenheit des Charakters war hier offenbar nicht zu fordern. Vielleicht lag eine Gemütsverfassung vor, ähnlich der des bucklichen Männleins im Liede, seiner kummervollen und fürbittebedürftigen Bosheit. Holgers Verehrer schienen sich darüber keine Gedanken zu machen. Was ihnen am Herzen lag, war, Hans Castorp zum Aufgeben seiner Enthaltsamkeit zu bestimmen. Unbedingt müsse er der nächsten Sitzung beiwohnen, nun, wo alles so prächtig stehe. Denn Elly habe im Schlafe versprochen, das nächste Mal jeden beliebigen Verstorbenen vorzuführen, der aus dem Kreise würde verlangt werden.

Jeden beliebigen? Hans Castorp hielt sich trotzdem ablehnend. Aber daß es jeder beliebige Abgeschiedene sein könne, beschäftigte ihn dennoch in einem Maße, daß er im Laufe der nächsten drei Tage zu entgegengesetzten Beschlüssen kam. Genau genommen waren es nicht diese drei Tage, sondern nur einige Minuten davon, die ihn dazu brachten. Seine Sinnesänderung vollzog sich, während er zu einsamer Abendstunde im Musiksalon wieder einmal jene Platte laufen ließ, in welche Valentins erzsympathische Persönlichkeit eingeprägt war, – während er in seinem Stuhl diesem Soldatengebet des scheidenden Braven lauschte, den es aufs Feld der Ehre drängte, und der sang: